Die Erzählerin machte alles ihrer Freundin Lila nach, auch wenn sie dabei große Angst hatte. Denn Lila macht immer wieder ohne Furcht etwas, was Elena nie von selbst getan hätte.
Alle Kinder waren frech und hielten sich nicht an das, was ihnen gesagt wurde, Nur Lila tat es offen und ohne Furcht. Sie gehorchte der Lehrerin nicht, und wenn die sie strafen wollte, fiel ihr selbst etwas Schreckliches zu.
Lina lief nicht vor den Steine werfenden Jungen fort, sondern wich ihnen immer erfolgreich aus und bewarf ihrerseits die Jungen mit Steinen.
So ist Elena auch am Beginn des Romans dabei, ihrer Freundin auf dem Weg zu Don Achille zu folgen, obwohl der der Schrecken des ganzen Viertels war. In dieser magischen Kinderwelt voller Ängste hat Lila keine Angst. Deshalb kann sie alles, auch das Unmögliche, weil sie keine Angst hat. Lila wird diese Fähigkeit bis zum Schluss der Tetralogie haben.
Am Anfang stehen Verse aus Goethes Faust Prolog im Himmel
Du darfst auch da nur frei erscheinen;
Ich habe deinesgleichen nie gehaßt.
Von allen Geistern, die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.
Als Elena in die Schule kam, wurde sie, weil sie artig und fleißig war, bald die beste aus der Klasse. Bis eines Tages herauskam, dass Lila sich, ohne jede Hilfe, Lesen und Schreiben beigebracht hatte und auch besser Kopfrechnen kann als die zwei Jahre älteren Schüler.
Von da ab hat sie es sich allerdings mit den Jungen in der Schule verdorben. Elena aber erkennt Lilas Überlegenheit fraglos an und bemüht sich, immer an ihrer Seite zu bleiben, und Lila nimmt sie zu allerlei Mutproben mit, die Elena von sich aus nie zu unternehmen gewagt hätte. In dieser Zeit wirft Lila auch Elenas Puppe ins Kellerloch. Als sie sie nachher im Keller suchen, finden sie sie nicht und vermuten, Don Achille habe sie gestohlen.
Damals hat Nino Sarratore Elena auch gesagt, dass er Elena heiraten wolle, wenn sie groß seien. Sie liebte ihn auch, wies ihn aber ab. (S.74)
Dass Elena Lila als mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet sieht, führt Ferrante also auf die plötzlich Überlegenheit Lilas zurück, dass sie ohne Hilfe Lesen gelernt hat. Und dass sie - wie Mephisto Faust - Elena in das ihr bis dahin fremde Leben einführt, auf ihre Furchtlosigkeit.
"Am 21.Dezember 1958 erlebte Lila ihre erste Episode der Auflösung. Dieser Begriff stammt nicht von mir, sie war es, die ihn immer wieder verwendete. Sie sagte, in solchen Momenten lösten sich die Ränder der Menschen und Dinge plötzlich auf. Als sie in jener Nacht auf der Dachterrasse, wo wir den Anbruch des Jahres 1959 feierten, jäh von diesem Gefühl übermannt wurde, erschrak sie und behielt die Sache für sich, damals noch unfähig, sie zu benennen. Erst viele Jahre später, an einem Novemberabend 1980 – wir waren inzwischen beide sechunddreißig Jahre alt, verheiratet und hatten Kinder –, beschrieb sie mir genau, was sie damals erlebt hatte und was sie noch immer erlebte, und benutzte damals erstmals dieses Wort.
Wir waren im Freien, auf einem der Wohnblocks unseres Rione. Obwohl es eiskalt war, trugen wir Mädchen leichte, dekolltierte Kleider, denn wir wollten gut aussehen. Wir schauten den Jungen zu, die ausgelassen und aggressiv waren, schwarze Gestalten, von der Party, vom Essen und vom Spumante berauscht. Sie brannten zur Feier des neuen Jahres Feuerwerkskörper ab, ein Ritual, an dessen Vorbereitung Lila, wie sie später/erzählte, maßgeblich beteiligt gewesen war, so dass sie nun hochzufrieden die Feuerstreifen am Himmel betrachtete. Doch unversehens – erzählte sie mir – war ihr trotz der Kälte der Schweiß ausgebrochen. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass alle zu laut schrien und sich zu schnell bewegten. Dies ging mit einer Übelkeit einher, ihr war, als würde etwas durchaus Materielles, das sie und jeden und alles seit jeher umgab, ohne dass man es wahrnehmen konnte, nun offenbar werden und die Konturen der Menschen und Dinge sprengen.
Ihr Herz pochte wie wild. Nun schauderte ihr vor dem Gejohle, das aus den Kehlen all derer kam, die sich im Qualm und Geknall auf der Terrasse bewegten, als gehorchte ihr Lärmen, neuen, unbekannten Gesetzen. Sie empfand Abscheu, der Dialekt hatte alles Vertraute verloren, die Art, wie unsere feuchten Kehlen die Wörter herausgurgelten, war ihr unerträglich. Etwas Abstoßendes hatte alle diese sich bewegenden Körper erfasst, ihren Knochenbau, die Raserei, die sie schüttelte. 'Wir sind so deformiert', dachte sie, 'so unzulänglich.' Die breiten Schultern, die Arme, die Beine, die Ohren, die Nasen, die Augen erschien ihr wie die Attribute monströser Wesen, die aus einem Winkel des schwarzen Himmels gefallen waren. Dieser Abscheu konzentrierte sich aus irgendeinem Grund vor allem auf den Körper ihres Bruders Rino, auf den Menschen, der ihr am vertrautesten war, auf den Menschen, den sie am meisten liebte.
Ihr war, als sähe sie ihn zum ersten Mal so, wie er / wirklich war: eine animalische Gestalt, plump und untersetzt, die am lautesten, grölende, die wildeste, die gierigste, die armseligste. Der Aufruhr in ihrem Inneren war zu viel für Sie, sie rang nach Luft. Zu viel Qualm, zu viel Gestank, zu viele Feuerblitze in der Eiseskälte. [...]" (S.121)
Erste Menstruation S.125/26, Wegen ihrer vergrößerten Brüste wird sie von Jungen angesprochen. Eigentlich hätte sie Lila als Hilfe gebraucht. "Doch in ihrer Abwesenheit hatte ich mich nach kurzem Zögern in sie hinein versetzt. Oder besser, ich hatte sie in mich hinein versetzt." (S. 131).
"Ich musste bald einsehen, dass das, was ich allein tat, mich nicht begeistern konnte, nur das, was Lila antippte, wurde wichtig. Doch wenn sie sich entfernte, wenn ihre Stimme von sich sich von den Dingen entfernte, wurden die Dinge fleckig, staubig." (S .136)
"[...] Entscheidend war aber, dass man auch fähig war, zu spielen, und sie und ich – nur sie und ich – waren dazu fähig.
Irgendwann fragte sie mich ohne einen ersichtlichen Zusammenhang, doch so, als müssten alle unsere Gespräche zwangsläufig in dieser Fragen münden:
'Sind wir noch Freundinnen?'
'Ja.'
'Kannst du mir dann einen Gefallen tun?'
An diesem Morgen der Wiederannäherung, hätte ich alles für sie getan: von zu Hause weglaufen, [...] . Doch worum sie mich schließlich bat, kam mir nichtig vor, und im ersten Augenblick war ich enttäuscht. Sie wollte lediglich, dass wir uns einmal am Tag im Park trafen, wenn auch nur für eine Stunde vor dem Abendessen, und dass ich meine Lateinbücher mitbrachte.
'Ich werde dich nicht stören', sagte sie.
Sie wusste bereits, dass ich zur Nachprüfung musste, und wollte mit mir zusammen lernen." (S. 146)
"Überall im Rione florierte der Unternehmergeist. In das Kurzwarengeschäft, in dem Camilla Peluso seit kurzem als Verkäuferin arbeitete, war unversehens eine junge Schneiderin eingestiegen, das Geschäft hatte sich vergrößert und wollte sich in eine ambitionierte Damenschneiderei verwandeln. Die Werkstatt, in der Melinas Sohn Antonio arbeitete, versuchte auf Betreiben des Sohnes des alten Besitzers, Gentile Gorresio zu einer kleinen Fabrik für Motorroller zu werden. Kurz, alles vibrierte und strebte aufwärts, wie um die alten Merkmale loszuwerden, wie um in dem alten angehäuften Hass, den Spannungen, den Schändlichkeiten nicht mehr wiederzuerkennen zu sein und stattdessen ein neues Gesicht zu zeigen." (S. 149).
" 'Michè, fahr langsamer, siehst du nicht, was für ein schönes Armband die Tochter des Pförtner hat?'
Der Wagen hielt. Marcellos Finger zerknautschten meine Haut. Angewidert zog ich die Hand zurück. Das Armband zerriss und fiel zwischen Gehweg und Auto.
'Madonna! Sieh nur, was du gemacht hast!', schrie ich und dachte an meine Mutter.
'Immer mit der Ruhe', sagte er, öffnete die Autotür und stieg aus. 'Ich bring das wieder in Ordnung.' Er war fröhlich, herzlich, versuchte erneut, mein / Handgelenk zu fassen, als wollte er eine Vertrautheit herstellen, die mich beschwichtigen sollte. Dann ging alles blitzschnell. Lila, körperlich die Hälfte von ihm, stieß ihn gegen das Auto und hielt ihm das Schustermesser an die Kehle. Seelenruhig sagte sie im Dialekt: 'Rühr sie noch einmal an, und du kannst was erleben.'
Marcello hielt ungläubig still. Michele sprang sofort aus dem Wagen und meinte beruhigend: 'Marcè, die tut dir nichts, so viel Mumm hat diese Nutte nicht.'
'Komm her', sagte Lila. 'Na, komm, dann wirst du ja sehen, ob ich so viel Mumm habe.'
Michele ging um das Auto herum, ich begann zu weinen. Ich sah, dass die Messerspitze Marcellos Haut bereits geritzt hatte, so dass ein dünner Faden Blut aus dem Kratzer rann. Ich habe die Szene noch in aller Deutlichkeit vor Augen: Eine große Hitze, nur wenige Passanten, Lila klebte dicht am Marcello, als hätte sie ein widerliches Insekt in seinem Gesicht entdeckt und wollte es verscheuchen. Und ich erinnere mich auch noch an die absolute Gewissheit von damals: Sie hätte ihm, ohne zu zögern, die Kehle durchschnitten. Das erkannte auch Michele.
'Na gut, sehr schön', sagte er und stieg lässig und beinahe belustigt wieder ins Auto. Steig ein, Marcè, bitte die Signorinas um Entschuldigung und lass uns weiterfahren.' " (S.188/89)
Elenas Vater fährt mit ihr in die Innenstadt von Neapel, um ihr den Weg zum Gymnasium zu zeigen, wo sie jetzt ins Gymnasium gehen wird.
"Wir verbrachten den ganzen Tag zusammen, das einzige Mal in unserem Leben, an weitere erinnere ich mich nicht. Er kümmerte sich sehr um mich, als wollte er mir in wenigen Stunden alles Nützliche vermitteln, was er in vielen Jahren gelernt hatte. Er zeigte mir die Piazza Garibaldi und den im Bau befindlichen Bahnhof. Seinen Worten zufolge war er so modern, dass Japaner extra angereist kamen, um ihn sich anzusehen und dann bei sich zu Hause, genauso einen zu bauen, vor allem mit solchen Pfeilern. [...]. Er führte mich durch den Corso Garibaldi, bis zu dem Gebäude, das bald meine Schule sein sollte. Im Sekretariat verhielt er sich äußerst liebenswürdig, er hatte das Talent, sympathisch zu wirken, ein Talent, dass er im Rione und zu Hause verborgen hielt." (S. 191)
"Mein Vater hielt mich fest an der Hand, als fürchtete er, ich könnte ihm entwischen. Und wirklich hatte ich Lust, ihn stehen zu lassen, loszulaufen, mich wegzubewegen, die Straße zu überqueren und mich von den funkelnden Splittern des Meeres bestürmen zu lassen. In diesem schrecklich aufregenden Moment, voller Licht und Lärm stellte ich mir vor, ich wäre allein in der /Neuheit der Stadt und wäre selbst auch neu, das ganze Leben noch vor mir, dem wechselhaften Ungestüm der Dinge ausgesetzt, doch garantiert siegreich: ich, ich mit Lila, wir beide mit der Fähigkeit, die wir zusammen – und nur zusammen – hatten, die Fähigkeit, die Masse, der Farben, der Geräusche, der Dinge und der Menschen aufzunehmen, sie uns zu erzählen und ihr Kraft zu verleihen." (S. 193/94)
Zum größeren Zusammenhang als Vorausschau sieh die Darstellung zur Tetralogie und zum 3. Band.
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