19 Oktober 2012

Eisgang auf der Weser



Während der größere Theil der Einwohner Heustedts sich der Freude auf dem Eise hingab, arbeitete der alte Oberdeichgräfe Koch in seiner Wohnung mit seinem Deichvogt Herold und einem Schreiber. Lange Karten, die Weserufer darstellend, waren auf der Erde ausgebreitet und mit allerlei schweren Gegenständen belastet, damit sie nicht zusammenrollten. Der Deichvogt las die Berichte der letzten Deichschau vor, und Koch ging mit ihm die seit dem Herbst beschafften Arbeiten durch.
Eine Brille saß schon auf der Stirn, was der zerstreute Alte nicht bemerkte, als er sich erhob und nun auch die zweite hinaufschob, und die dritte vom Schreibtische nahm und aufsetzte. »Wird ein schlimmer Eisgang das, Herold, sehr schlimm«, sagte er.
»Kann sich aber doch immer noch vierzehn Tage hinziehen«, meinte dieser, » treibt nicht so schnell als die Elbe bei Artlenburg.«
»Wird schnell, viel zu schnell kommen, liegt zu viel Schnee auf dem flachen Lande, und nun gar erst in den Gebirgen über Münden hinauf. Aber werden gar das Werra- und Fuldawasser nicht nöthig haben zum Eisgang, und nun diese schlechten Deiche. Ich fürchte sehr, daß wir unten mindestens zwei, oberhalb Hengstenberg einen Deichbruch haben, und wenn uns der verdammte Ueberfall selbst keinen Spuk macht, beim Sandmeier gewiß einen Bruch. Der Kerl ist so geizig, daß es mich freuen sollte, wenn es ihn allein träfe, – aber es trifft die ganzen Ortschaften von Eckernhausen bis Thedinghausen. Müssen die Braunschweiger dort avertiren, werden bei ihren Eyterdeichen aufpassen müssen, bekommen schon durch den Ueberfall allein mehr Wasser, als sie lassen können. Steckt mir in den Knochen, Herold, daß es großes Unglück gibt.« [...]


Als in der großen Amtsstube die nöthige Ruhe eingetreten war, was ziemlich langsam von statten ging, erhob sich der Oberdeichgräfe und sprach:
»Hört mal, Künners, in 'ne Tiet von acht Dagen hewt wie grot Water. Ji wättet, Matthias brickt dat Is, un so is et ook – up en paar Dage fröher oder later kumt et jo ook nich an.
»De Isgang schall wol scharp weren, un hewt wie Westwind, so driwt dat Is ünnen gegen de Dieke, un weiet de Wind von Noren her, so geit et baben los, un da sind de Dieke, wat ji ook wätet, verdammt slegt. In'n Sanddiek da sitt een Muse- un Winnewörpslock bi den annern. [...]
»De Buren von den böbern Diek föhrt morgen fiefdusend Bund Busk un twintig Schock Stroh up den Sanddiek, und de adelichen Häwe, de Kerke un de ut der Stadt un de Buren von Hengstenbarge dreidusend Bund Busk un drüttig Schock Stroh up den Schaardiek achter de Diekmählen. Up jede von düssen Stähen mät bett Dönnerstag hunnert Sandsäcke wäsen.
»Hewwet ji mi nu verstahn?«
[...]
Georg Schulz spitzte bei dem Essigfabrikanten die Pfähle zurecht, die man zur Verstärkung der Gartendeiche bedurfte. Seine Jungen hatten auf dem Polterboden einen großen Backtrog gefunden und herabgeschleppt, der zur Zeit des Siebenjährigen Kriegs in einem Bäckerhause gebraucht sein mußte und aus dem großväterlichen Nachlasse stammte. Es wurden drei Sitzplätze über den Trog genagelt, Stangen und Ruder vom nahen Zimmerplatz geliehen, und die Jungen warteten nur, bis die Essenszeit vorüber, um mit ihrem Kahn in die Oststadt zu eilen. [...]

Der Trog bewährte sich als seetüchtig, Heinrich führte die Stange, Friedrich das Ruder, man schiffte in die Heustraße ein und landete vor Forstschreibers Hause. Hier hatte der arme Karl schon seit dem frühen Morgen am Fensterladen gestanden und das Steigen des Wassers beobachtet, in der Schloßstraße einen Kahn nach dem andern vorüberfahren sehen, während er selbst im Hause bleiben mußte. Mit welcher Schnelligkeit stieg er jetzt in die zum Weihnachtsgeschenk erhaltenen Wasserstiefel. Er fiel der guten Mutter für die Erlaubniß, sich in diesen Trog setzen zu dürfen, um den Hals, sprang die Treppe hinab und wäre ins Wasser gefallen, wenn ihn Heinrich nicht aufgefangen hätte.
Das war aber eine Lust; man schiffte um die Kirche und schiffte die Schloßstraße auf und ab. Friedrich und Karl wechselten mit den Rudern, Heinrich führte die Stange, die ihm endlich der jüngere Bruder mit Gewalt entriß, um seine Steuermannskunst auch zu zeigen.
Friedrich war ein aufmerksamer Steuermann. Als er zum zweiten mal die Ecke berührte, wo Bardenfleth's Hof aufhörte, sagte er: »Bruder, das Wasser fällt, fällt bedeutend. Ich weiß gewiß, daß, als wir vor zehn Minuten an dieser Stelle waren, das Wasser wenigstens vier Fuß tief war, jetzt hält es keine zwei.«
»Dann hat die Weser unten Luft gekriegt, und dann muß auch das Eis losgehen«, sagte Heinrich.
»Laßt uns eilen, die Straße hinaufzukommen«, äußerte der Sohn des Forstschreibers, »ich habe noch nie einen Eisgang gesehen.«
Das geschah. Aber die Knaben warteten nicht ab, bis sie nicht mehr mit ihrem Fahrzeug weiter konnten, sondern sobald sie nur festen Fuß mit ihren Wasserstiefeln zu haben glaubten, verließen sie dasselbe, zogen es bis aufs Trockene und eilten zur Brücke.
Dorthin eilten auch alle, welche von dem Phänomen des plötzlich fallenden Wassers in den Straßen gehört hatten, aber das Eis oberhalb der Brücke regte sich nicht; der Pegel zeigte denselben Wasserstand wie vorhin. Die Ursache des Fallens sollte auch jedermann bald klar werden. Von Norden her erschallten sechs Kanonenschüsse, ein Zeichen, daß der Deich nicht mehr zu halten oder schon gebrochen sei. Das Zeichen kam zu spät, was seinen Grund darin hatte, daß der mit dem Zünden der Kanonenschläge betraute junge Herold von diesen selbst durch den Deichbruch getrennt wurde. Die Deichmannschaft, welche jene Nothsignale bei sich führte, kam jenseit des Deichbruches zu stehen, und Herold mußte erst von Hengstenberg neue Kanonenschläge holen lassen.
Indessen war aus einem zwölf Fuß langen Durchbruche von zwei bis drei Fuß Tiefe ein Loch von funfzig Fuß entstanden und der Deich bis auf die Sohle weggerissen. Das Wasser in der Oststadt verlief sich noch schneller, als es gekommen war, der Rückstau hatte aufgehört, das Eis auch bei Hengstenberg Luft bekommen.
Währenddessen war man oberhalb der Brücke und des Ueberfalls bei dem Deiche des Sandmeiers auch nicht müßig; das Wasser spülte bis an den Kopf des Deiches und auf der Binnendeichseite war eine andere Communication als zu Wasser nicht mehr möglich, da das Boswiehe durch den Ueberfall schon bis fünf Fuß unter Wasser gesetzt war. Darauf vorbereitet, hatte man an verschiedenen Orten Deicherde aufgehäuft, und noch immer wurde solche vom Sande her, wo der Deich mit der Geest in Verbindung stand, herbeigefahren.
Es war ein reges Treiben hier. Dreißig bis vierzig Personen waren damit beschäftigt, dicke Seile von Stroh zu drehen, ebenso viele andere schlugen diese am äußersten Ende des Deiches mit Pflöcken übereinander fest. Dahinter wurden Faschinen oder Säcke mit Sand gelegt, die Faschinen mit Pflöcken befestigt und Erde darübergefahren. Dummeier war bald auf diesem, bald auf jenem Fleck, denn man arbeitete an drei bis vier Stellen, denen die meiste Gefahr drohte.
Er sah aber ebenso häufig nach dem Himmel als nach der Weser. Jener wollte ihm nicht mehr recht gefallen.
Es hatten sich am nordöstlichen Himmel dunkle Wolken, Gewitterwolken ähnlich, gebildet, welche trotz des Südwindes rasch emporstiegen. Der Südwind war hier so günstig, als er unterhalb der Stadt ungünstig einwirkte. Da hörte man die sechs Kanonenschläge. »Dat is de Moordorper Diek«, sagte Hans, »de da to'n Düwel geit. Nu schull ji mal sehn, Jungens, wie das Is nu Luft kriegt un losgeit.« Und wie gesagt, so geschah es. Erst langsam, kaum merklich, schoben sich die Massen zusammen, noch einmal krachte es, als würde die Erde in ihren Grundfesten erschüttert, dann sah man, wie die auf den Eisbrechern ruhenden Schollen über die Spitzen derselben hinweggeschoben wurden. Auf den Spitzen derselben brachen aber die Schollen auseinander, küselten unter das Wasser und eilten unter der Brücke hinweg. Eine Eisscholle suchte der andern zuvorzukommen, es war ein Drängen, Reißen, Stoßen, Uebereinanderhinwegstürzen.
Vom Wasser sah man nur hin und wieder eine kleine offene Fläche, um welche sich sofort eine Masse Eisschollen zu streiten schienen. Trotz des Eisganges stieg das Wasser und schien sich gelblich zu färben. »Is all Fuldewater«, brummte Hans.
Gesprochen wurde auf dem Deiche wenig, denn das Geräusch war so groß, daß man ein menschliches Wort nicht verstand, man verständigte sich durch Zeichen.
Dummeier's Aufmerksamkeit wurde plötzlich durch eine Erscheinung in Anspruch genommen, die ihn mit Besorgniß erfüllte. Einige Feiglinge von den Eisschollen, oder einige durch den plötzlichen Ruck im Strome beiseitegeschobene, waren schon früher den Ueberfall passirt und hatten sich vor dem allgemeinen Untergange salvirt. Das waren junge, kleine, kecke Burschen gewesen, welche wahrscheinlich noch nicht wußten, daß hier der Weg zum Meere nicht hingehe. Jetzt kamen aber ein paar Riesenschollen mit zahlreichem Gefolge auf den Ueberfall zu. Der Wind war umgesprungen und wehte stark von Nordost und trieb Eis und Wasser jetzt gegen die Deiche.
Wenn solche mächtige Eisschollen, wie sie jetzt dem Ueberfall sich nahten, darüber hinweggingen, so war die doppelte Gefahr vorhanden, einmal, daß diese Schollen die Grasnarbe des Ueberfalls zerstörten, wol gar einen Deichbruch verursachten, und sodann, daß sie gegen die kleinen schwachen Deiche vor den Gärten der Langenstraße getrieben wurden und diese zerstörten. Hans versuchte hier mit funfzig Mann was möglich war, um die Eisschollen abzuhalten, aber alle Anstrengungen waren vergebens. Der immer stärker wehende Wind trieb die Eisschollen jetzt mehr gegen die Deichseite, sie schoben sich am Deiche bis auf den Kopf hinauf und passirten den Ueberfall in seiner ganzen Breite. Während dieser Anordnung waren die schwarzen Wolken hoch an den Horizont hinaufgezogen und es brach eins jener Wintergewitter los, die so überaus gefährlich sind. Der Wind hatte sich ganz nach Nordosten gedreht, und während bisher eine Menge der Schollen auf dem gegenüberliegenden unbedeichten Ufer gelandet waren, wurden sie jetzt gegen den Deich getrieben, sobald sie der Mächtigkeit des Stromes selbst entzogen waren. Donner vom Himmel, Schloßen, welche der Sturm den Deicharbeitern in das Gesicht trieb und sie beinahe unfähig machte, etwas zu sehen, dazu das Grollen, Stoßen, Drängen, Platzen und Aneinanderschmettern der Eisschollen und zunehmende Dunkelheit. Dann ein greller Blitz und unmittelbar darauf ein mächtig krachender Donnerschlag. Die gesammte Deichmannschaft stand starr und stumm. Jedermann fühlte, daß es eingeschlagen haben mußte. Es sollte auch nicht lange in Ungewißheit bleiben, daß und wo dies geschehen. Drüben im Westen, aus dem Eichwalde, welcher Eckernhausen versteckte, flammte ein Strohdach bald lichterloh zum Himmel. Alle Blicke wandten sich dahin. [...]

Hans sagte mit Entschiedenheit. »Ich bliebe hier un jie ook, blot juer ses könnt na Hus hen gahn. Ernst und Johann Meyer, Dierk Nibour, Stoffel Piepenbrink, Jobst Petermann un Cord Cordes. Alle Annern bliebet an Platze, denn hier brennt et ook, und wenn wie hier nich uppasset, so versüppet dat ganze Dörp un use Koren geit to'n Dübel, un dat von annere Dörper ook, und dat is doch leger als wenn mal en Hus afbrennt. Wie hewwet ja Nordostwind, un dat Füür drift um minen Eicksünner un nich up dat Dörp. Hinner den Holt liegt aber de Karken, de is massiv un hät Pannendäcker, da hört aber all watt to.«
Man überzeugte sich um so schneller, daß Hans recht habe, als unter den Füßen der Versammelten, etwa sechs Fuß unter der Kappe des Deiches, ein armdicker Wasserstrahl emporschoß. Von außen hatten Eisschollen an den Deich gestoßen, die Grasnarbe abgeschält, gerade an der Stelle, wo sich viele Mauselöcher im Deiche befanden. Das Wasser war durchgesickert und hatte sich in kurzer Zeit einen Weg gebahnt.
»Schlagtmeister«, rief Hans mit Donnerstimme, »dei groten Laakens, dei groten Laakens.«
Große Laken von starker Segelleinwand, an deren einem Ende dicke Backsteine eingenäht waren, wurden herbeigebracht und an der Außenseite des Deiches langsam heruntergelassen, drei übereinander, dann befahl Hans, in den Deich bis zur letzten Stelle hineinzugraben und diese mit Faschinen und Sandsäcken zu dichten. Dies alles mußte geschehen, während der Sturm starke Hagelkörner im heftigsten Niederschlag den Arbeitern in das Gesicht wehte.
Die Eisschollen hatten sich indeß den Ueberfall hinabgestürzt, es war die mächtigste dabei glücklicherweise dabei zerschellt.
Als das Gewitter vorübergetobt, drehte sich der Wind nach Süden, was zwar für die Deiche Schutz gewährte, dagegen bei dem Feuer gefährlich werden konnte, da es dasselbe auf die Scheunen und Stallungen zutrieb. Aber Hans schien kaum an das eigene Eigenthum zu denken, seine ganze Aufmerksamkeit war dem Schutze des Deiches zugewendet, auf dem er commandirte.
Er ließ, da es jetzt zu dunkeln begann, ein Feuer anzünden und die Mannschaft sich an demselben erwärmen, wobei jedem aus einem Fasse Branntwein ein nicht zu kleines Glas gereicht ward, aber nur das eine.
Die Eismassen wälzten sich im dichtesten Gedränge die Weser herab, die fortwährend zu steigen schien.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 9. Kapitel

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