07 November 2013

Der letzte der Ungerechten

Der letzte der Ungerechten ist ein Film von Claude Lanzmann auf der Basis eines 1975 von ihm mit Benjamin Murmelstein geführten Interviews, das Lanzmann nicht in seinen Film über die Shoah aufgenommen hat. Der Film ist von Lanzmann dafür gedacht, ein besseres Verständnis für die Judenräte und ihre Rolle zu ermöglichen.
Lebhaft, mit funkelnden Augen und unerbittlicher Präzision, berichtet Murmelstein, wie er in Theresienstadt das Propagandaspiel der Nazis mitspielte und die materiellen Vorteile für die Lagerinsassen nutzte. Ein Ghetto, so seine Rechnung, das als Kulissenstadt dient, kann nicht geschlossen, also ausgelöscht werden. Sehenden Auges begab sich der Rabbiner in dieses Geflecht aus Überleben, Rettung und erzwungener Kollaboration. [...] 
Fast scheint es, als wolle Lanzmann Murmelsteins Sache, die Sache eines Gerechten, der sich selbst als den letzten der Ungerechten bezeichnete, auch physisch auf sich nehmen. Einmal sieht man ihn in eine Kaserne eintreten und auf eine schier endlose Treppe zugehen. Sie führt in Räume, in denen die ältesten Lagerinsassen unter unvorstellbaren Bedingungen dahinvegetierten. Lanzmann holt kurz Luft und geht die Treppe hoch, ohne ein einziges Mal innezuhalten. Es ist die Vergegenwärtigung des Unfassbaren durch die körperliche Präsenz eines 88-jährigen Filmemachers. (Zeit online, 23.5.13)

In einem Interview in der ZEIT vom 7.11.13 berichtet Lanzmann über eine Begegnung mit Steven Spielberg. Er hatte Spielbergs Film Schindlers Liste sehr scharf kritisiert. Bei einem Abendessen, wo man sie absichtlich weit auseinander gesetzt hatte, ging er zu Spielberg:
Ich sagte: "Ich freue mich, Ihnen die Hand zu geben." Er ergriff sie und sagte: "Sie verachten mich." Ich sage zu ihm: "Keineswegs. Ich habe nur einen wirklichen Konflikt mit ihnen. Einen ontologischen Konflikt über das, was das Kino und die Shoah miteinander machen können. Oder nicht miteinander machen können. [...] und ich habe meine Meinung über Schindlers Liste nicht geändert." Steven Spielberg war sehr sympathisch, und er hat sich dann in Cannes Der letzte der Ungerechten angeschaut. Danach hat er mir sieben Briefe geschrieben. Und er gibt mir heute recht, was meine Einwände gegen Schindlers Liste betrifft. [...] Ich habe ihm gesagt, dass wir uns letztlich sehr ähnlich sind. Wir sind zwei ängstliche Juden. Der eine zieht sich aus der Affäre, indem es bei ihm immer ein gutes Ende gibt. Und bei mir geht es immer schlecht aus. Mit dem Tod. Aber sonst sind wir gleich. Zwei jüdische Angsthasen, die Filme machen.
Über die Rolle der Judenräte informieren u.a. ein Wikipediaartikel und ein Aufsatz von Wolf Murmelstein, des Sohnes von Benjamin Murmelstein. Bei allen Bemühungen um Aufklärung über den Holocaust kommen - verständlicherweise - die Rolle der Judenräte und des jüdischen Widerstandes zu kurz. Schließlich geht es dabei nicht um deutsche Schuld. - Judenräte wie Widerstandskämpfer haben völlig gegensätzliche Antworten auf die unlösbare Frage gefunden, wie man der Ausrottungsmaschinerie des deutschen NS-Regimes begegnen soll.
Man mag über Kohls Wort von der "Gnade der späten Geburt" sagen, was man will: Man kann nur dankbar sein, wenn einem eine solche Frage nicht gestellt wird.

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