20 September 2016

Lektüre von 1991

Reinhardswaldschule Lehrgang über Literatur (im November 1991): Was gab's zu entdecken? 

Zunächst einmal den Zusammenhang von Ecos "Der Name der Rose" mit den neuesten Restaurationsbemühungen auf dem Frankfurter Römerberg und den fragwürdigen Innenstadtgeschäften und -hotels mit Erkerchen, Dachgauben usw. und neuester deutscher Literatur, vor allem mit Ranzenmayrs "Die letzte Welt", einem Buch, das davon erzählt, wie ein Anhänger Ovids diesen in seinem Exil am Schwarzen Meer aufzuspüren sucht, ihn nicht findet und jetzt erlebt, daß er zwar auch dessen Werk die "Metamorphosen" nicht rekonstruieren kann, daß sich aber die Exilstadt Ovids, Tomi, unter seinem Einfluß (?) in ein Terrarium Ovidscher Gestalten verwandelt hat. - Gemeinsam ist, wie mir interessant war zu erfahren, die schon seit 1960 (!) sich entwickelnde Postmoderne. Aus dem kunsthistorischen Vortrag mit Architekturbeispielen aus aller Welt habe ich auch Neues über die klassische Moderne der Architektur dazugelernt. Außerdem haben mich zusätzlich Aufsätze in den Zusammenhang zwischen Saussures Linguistik und Derridas postmoderner Philosophie (besonders Erkenntnistheorie) eingeweiht. Dann habe ich auch Martin Walsers "Verteidigung der Kindheit" und Thomas Bernhards autobiographischen Text "Das Kind" schätzen lernen. Erstmalig hat mich ein Text des großen Bernhard unmittelbar angesprochen. Nach den Sitzungen habe ich viel gelesen, aber auch im Bett liegend von der Indonesienreise meines Zimmernachbarn einen Bericht in glühenden Farben erhalten, die dringliche Anregung erhalten, Rushdies "Satanic Verses" trotz aller Leseschwierigkeiten mir vorzunehmen, Hinweise, die das Verständnis von Walter Benjamins Ästhetik erleichtern und vieles andere. Und dann habe ich zu Enzensbergers Gedicht "Chinesische Akrobaten" aus seinem Band "Zukunftsmusik" ein engeres Verhältnis gewonnen. (1991) 

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