11 September 2016

Afrikanische Märchen

Im Vorwort zu "Eine Frau für hundert Rinder" (Textbeispiele) erzählt Karlheinz Böhm das kurze Märchen von den vier Männern im Wald (S.13):
Eines Nachts gingen vier Männer, ein Blinder, ein Taube, ein Verkrüppelter und ein Bettler durch den Wald. Es war kalt und sie gingen ganz schnell. Plötzlich hörten sie in der Nähe einen Hilfeschrei. "Hört", sagte der taube Mann, jemand ist in Not!" - "Ja", sagte der blinde Mann, "ich kann dort jemand sehen!" "Lasst uns hingehen und helfen!", sagte der verkrüppelte Mann. "Oh nein", sagte der Bettler, "es könnten böse Leute sein, und wir wollen uns lieber retten!"
Eine Erzählung, passend zu den Paralympics und der Flüchtlingskrise ab 2015? (Mehr dazu weiter unten.*)
"Die Fabel von dem Königssohn Safudu Kwaku" (S.204f.) beginnt: "Eines Tages log ein König über seinen Sohn, dass dieser etwas mit seiner Frau gesprochen hätte. Sein Sohn, Safudu Kwaku, sagte zu seinem Vater, er wolle sich einem Gottesurteil unterziehen."
Man merkt, das ist nicht die Art, wie ein afrikanischer Erzähler das Märchen erzählen würde. Zu steif klingt "unterziehen".
Der König entscheidet, dass er sich von einem Baum auf scharf geschliffene Buschmesser und Nadeln stürzen soll, und lässt die 17 Tage lang schleifen.
Der Sohn stürzt sich von dem Baum, bleibt aber unverletzt. Daraufhin lässt der König den Sprung unter immer neuen Vorwänden wiederholen, doch der Sohn übersteht auch die folgenden Stürze. Doch als er den siebten Sprung unternimmt, "da nahm ihn der Himmel weg und versetzte ihn in den Sonnenaufgang. Wenn nun die Sonne aufgeht und man will ihr Angesicht sehen, so verdeckt sie ihr Angesicht und sagt: 'Man hat mir siebenmal Unrecht getan!'
Daher kommt es, dass man das Angesicht der Sonne nicht ganz sehen kann."

Dass die Erzählung am Schluss ein ätiologisches Element enthält, ist überraschend wie andererseits die Bezeichnung einer Erzählung, in der keine Tiere vorkommen, als Fabel ein wenig erstaunt. Und das angesichts der Tatsache, dass ein Großteil afrikanischer "Märchen" von Tieren handelt, die oft recht menschliche Züge tragen. Das Wort Fabel wurde wohl auch erst vom Märchensammler eingeführt. 

Jetzt zu einem Märchen, in dem Tiere Dinge tun, die uns durchaus nicht typisch für die Art des Tieres erscheinen werden: 
Da färbt ein Leopard im Märchen "Der Elefant und die Spinne" (S.206-208) Baumwollgarn und webt ein Tuch daraus. Eine Spinne leiht es von ihm aus, um zu einer Totenfeier zu gehen. Als sie aber feststellt, dass Regenwasser, das aus dem Tuch herunter läuft, süß schmeckt, ist sie es auf "und blieb nackend".
Darauf lässt ein  Elefant sich von ihr überreden, ein großes Stück von seinem Ohr abzuschneiden, damit sie es als Kleidungsersatz verwenden könne, das sie dann aber ebenfalls isst. - Nun verwundert es nicht mehr, dass die Spinnenfamilie eine Schnupftabaksdose besitzt, in der sich alle verstecken können.
Die weitere Erzählung kann man nachlesen. Hier nur noch Anfang und Schluss:
"Höret eine Fabel! "Die Fabel möge kommen!"
Die Fabel kam von weither und fiel auf den Leoparden, die Spinne und den Elefanten. [...]
So weilt die Spinne bis heute unter Steinen. [Ätiologie]
Deshalb saft man: Der Barmherzige bekommt keinen Dank. Das haben die Leute mir erzählt, und ich habe euch damit unterhalten.
"Wohl du Salzmund!" Ihr seid Rundohrige!

*Doch ich habe noch etwas zu den vier Männern im Wald versprochen: Die Beziehung auf die Paralympics ist klar: Es geht um drei Behinderte (und einen Benachteiligten). 
Ihre Handlungsweise gibt zu denken. Die ersten beiden der Behinderten tun etwas, was sie an sich nicht können (hören und sehen). Der dritte fordert die anderen auf, das zu tun, was er nicht kann. Der einzige Nichtbehinderte aber warnt davor zu helfen, weil das mit einer Gefahr verbunden sein könnte.
Auf die Flüchtlingskrise bezogen: Die Not der Flüchtlinge schreit zum Himmel, so dass man sie selbst dann mitbekommt, wenn man nicht sehen und hören kann (oder will?). Alle Behinderten fordern auf, zu helfen. Nur der einzige, der nicht behindert ist und also helfen könnte, weigert sich. Dabei hat er als Bettler doch eigentlich "nichts zu verlieren".

Das kann man einmal so deuten, dass die, die selbst leiden, am schnellsten bereit sind, Hilfe zu leisten. Und das entspricht oft der Realität: Wer Not kennt, ist am ehesten bereit, zu helfen. Die Armen also eher als die Reichen. - Das passt freilich nicht dazu, dass gerade der Bettler nicht bereit ist zu helfen. 
Die andere Deutung ist folgende: Jeder meint, die anderen könnten ja Opfer bringen, für ihn selbst aber komme es nicht infrage. Das Opfer sollen die bringen, die gesellschaftlich am wenigsten zu sagen haben. Und die wehren sich dagegen, weil sie diejenigen sein werden, die am meisten unter der Billigkonkurrenz der Flüchtlinge zu leiden haben werden, nicht zuletzt, weil die Reicheren jetzt eine gute Begründung haben, nichts für sie zu tun. Es gibt ja Leute, die es noch mehr brauchen (Aufweichung des Mindestlohnschutzes). 
Aber natürlich bezieht sich dies Märchen nicht auf aktuelle Ereignisse unserer Gegenwart. Was erscheint Ihnen die angemessenste Deutung?

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