Margaret Atwood: Der Report der Magd
26 Dezember 2025
19 Dezember 2025
Günter Wallraff: Ganz unten
"Ich möchte zu denen gehören, die nicht dazugehören" ZEIT Nr.54, 16.12.2025
"[...] Es ist immer derselbe Mann: Ali. In 38 Sprachen redet er von den Buchcovern zu uns, hier im Haus dieses Mannes, der mal dieser Ali gewesen ist. 40 Jahre ist das her.
Günter Wallraff war neben Ali, dem Gastarbeiter, schon vieles: Hans Esser zum Beispiel, als er Mitte der Siebzigerjahre als vermeintlicher Boulevardjournalist die unwürdigen Recherchemethoden der Bild-Zeitung aufdeckte. Er war undercover unterwegs als iranischer Arbeitsmigrant in Japan (Anfang der Neunzigerjahre) und als Somalier in Deutschland (Ende der Zweitausenderjahre). Er recherchierte auch verdeckt für das ZEITmagazin. Er wurde der bekannteste Investigativjournalist Deutschlands.
Heute ist Wallraff 83 Jahre alt, und an diesem Herbsttag in Köln sagt er, dass er sich damals, als Ali und in all den anderen Rollen danach, viel mehr zu Hause gefühlt habe, dass er viel mehr er selbst gewesen sei als in seinem wirklichen, unverkleideten Leben als Günter Wallraff.Ganz unten heißt das Buch, für das er zwei Jahre lang als Ali in Deutschland lebte. Fünf Millionen Mal hat sich das Buch über den türkischen Gastarbeiter und das Elend und die Ausbeutung, die er erlebt hat, bis heute verkauft. Die Verbandszeitung des Buchhandels, das Börsenblatt, schrieb: "In der Geschichte des deutschen Verlagswesens hat es noch nie einen sensationelleren Erfolg gegeben." Was bleibt von so einem Buch? [...]
Sie blieben. Aber es dauerte, bis sie wirklich angekommen waren. Als dann Ganz unten erschien, habe sich etwas verändert, sagt Özdemir. "Meine Eltern hatten die türkische Fassung, En Alttakiler, natürlich zu Hause. Wie so viele türkeistämmige Familien damals. Es stand neben dem Fernseher, dem prominentesten Platz in einer türkischen Wohnung!"
Vergangene Nacht habe er einen Traum gehabt, sagt Günter Wallraff: "Ich stand vor einer eingezäunten Manege mit einem fauchenden Tiger darin. Plötzlich entdeckte ich ein Loch im Zaun. Zum Glück fand ich eine Matratze, mit der ich das Loch stopfen konnte. Doch dann sieht der Tiger mich an und richtet den Blick auf ein anderes Loch, und dann seh ich, dass da lauter Löcher im Zaun sind. Der Tiger guckt mich gebannt an und deutet mit dem Kopf von einem Loch zum nächsten. Ich eile von Loch zu Loch und versuche, sie zu stopfen. Und irgendwann fällt mir auf: Der Tiger will gar nicht raus. Der macht dich nur auf die Löcher aufmerksam."
Er frage sich, was der Traum bedeute. [... ]
ZEIT: Kann ein Buch etwas verändern? Was kann es verändern?
Wallraff: Nach Ganz unten wurden Thyssen und andere Konzerne zu Bußgeldern in Millionenhöhe verurteilt, Dauerschichten wurden unterbunden, Schutzhelme und Staubmasken zur Verfügung gestellt, zahlreiche Sicherheitsingenieure mussten neu eingestellt werden, und Leiharbeiter erhielten Festanstellungen. Das Wichtigste aber war die Anteilnahme der Menschen an dem Schicksal der türkischen Arbeiter, eine große Solidarisierung, insbesondere im Ruhrgebiet. Ein Buch kann und sollte also auch an Ort und Stelle etwas verändern und vor allem denen eine Stimme geben, die nichts zu sagen haben, obwohl sie viel zu sagen hätten. [...]"
Wikipedia über Ganz unten
Das Werk schildert, wie Günter Wallraff in der Rolle des Türken Levent (Ali) Sigirlioğlu (in späteren Ausgaben Sinirlioğlu genannt) in Deutschland verschiedene Arbeiten annimmt und dabei vielerorts Ausbeutung, Ausgrenzung, Missachtung und Hass erfährt.
Wallraff schreibt im Vorwort zu seinem Buch, für das er ab März 1983 zwei Jahre lang recherchierte:
„Sicher, ich war nicht wirklich ein Türke. Aber man muß sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.
Ich weiß immer noch nicht, wie ein Ausländer die täglichen Demütigungen, die Feindseligkeiten und den Haß verarbeitet. Aber ich weiß jetzt, was er zu ertragen hat und wie weit die Menschenverachtung in diesem Land gehen kann.
Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt – in unserer ‚Demokratie‘.
Die Erlebnisse haben alle meine Erwartungen übertroffen. In negativer Hinsicht. Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden.“
Wallraff musste als Ali Sinirlioğlu bei verschiedenen bekannten Unternehmen schwerste Arbeiten für geringe Stundenlöhne ausführen, schikaniert von deutschen Kollegen, ohne Sicherheitsvorkehrungen, bisweilen ohne Papiere, Sozial- oder Krankenversicherung, nicht selten mehrere Schichten hintereinander. Wo deutsche Kollegen Schutzkleidung bekamen (zum Beispiel bei Kanalarbeiten bei Temperaturen unter null Grad), erhielt er keine; Wallraff schildert in diesem Zusammenhang auch, wie türkische Arbeiter in Atomkraftwerken bei ihren Tätigkeiten gefährlich hohe Strahlendosen in Kauf nehmen sollten. Hierzu führte ein von Wallraff engagierter Schauspieler als angeblicher Vertreter des Kernkraftwerks Würgassen ein fingiertes Gespräch mit einem der Arbeitgeber Wallraffs. Dabei wurde von einer (fiktiven) Panne gesprochen, die nur mit erheblicher Strahlenbelastung der Arbeiter zu beseitigen sei. Wallraffs Arbeitgeber sagte trotzdem zu, entsprechende Kräfte zu beschaffen.[2]
Viele türkische Arbeiter hatten kaum eine Chance, sich gegen solche Unmenschlichkeiten zu wehren, hielten sie sich doch illegal in Deutschland auf oder standen vor der Ausweisung. Der Autor berichtet von sich selbst, seine Gesundheit sei noch lange Zeit nach den Recherche-Arbeiten durch die Tätigkeiten, die er als Ali Sinirlioğlu, wenn auch nur kurzzeitig, durchführen musste, stark angegriffen gewesen. Hinzu kamen auch die Nachwirkungen von Medikamentenversuchen, an denen er gegen Bezahlung teilgenommen hatte, wobei die durchführenden Institute den Probanden die Nebenwirkungen teilweise verschwiegen.
Nicht nur auf seinen verschiedenen Arbeitsstellen, auch im täglichen Leben, selbst wenn er fließend Deutsch sprach und selbst noch wenn er bei einem Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei nur die deutschen Spieler anfeuerte, musste Wallraff mit seinem südländischen Erscheinungsbild Demütigungen wie „Sieg-Heil“-, „Deutschland-den-Deutschen“- und „Türken-raus“-Anfeindungen ertragen, es wurden ihm Zigaretten ins Haar geworfen und Biere über den Kopf gegossen.
Auch bei weiteren Gelegenheiten, die nicht unbedingt etwas mit der Arbeitswelt zu tun hatten, erfuhr er Ausgrenzung als Türke, beispielsweise, indem er bei katholischen Pfarrern um die Taufe nachsuchte oder in einem Bestattungsinstitut die eigene Beerdigung – wegen einer tödlichen Erkrankung durch mangelnden Arbeitsschutz – organisieren wollte.
Aus seinem Inhalt erklärt sich die Titelwendung des Buches, [...]"
07 Dezember 2025
Louis Bromfield: Der große Regen (Film)
An den Titel des Romans erinnere ich mich aus meiner Jugend. Offenbar habe ich ihn nie gelesen.
Aber es war ein Buch, über das man irgendwann in meiner Jugend sprach.
Stilprobe:
Louis Bromfield: Der große Regen, Roman 1937, dt. 1939 (Handlung im Film von 1955)
Der Film "Der große Regen" von 1955 (The Rains of Ranchipur), bei dem es sich um die zweite Verfilmung von Louis Bromfields Roman "The Rains Came" (1937) handelt, weicht in einigen wesentlichen Punkten vom Roman ab, insbesondere in Bezug auf die Charakterisierung und das Ende der Hauptfiguren.
🎭 Charakterveränderungen
Tom Ransome: Im Roman ist Tom Ransome ein zynischer englischer Maler; in der Verfilmung von 1955 wird er zu einem zynischen amerikanischen Ingenieur (gespielt von Fred MacMurray). Dies ändert seine Rolle und seine Funktion in der Katastrophe.
Major Rama Safti: Im Roman ist Major Safti ein Brahmane und Schützling des Maharadschas. Im Film von 1955 wird er, um die verbotene interrassische Liebesbeziehung radikaler zu gestalten, als "Unberührbarer" dargestellt, der zudem eine Gefängnisstrafe wegen seiner Beteiligung am Unabhängigkeitskampf verbüßt hat. Dies verschärft den sozialen Konflikt seiner Liebe zu Lady Edwina.
Änderung des Endes
Der wohl bedeutendste Unterschied liegt im Schicksal von Lady Edwina Esketh und ihrem Mann Lord Albert Esketh:
Roman (und Verfilmung von 1939):
Lord Esketh stirbt infolge der Naturkatastrophe.
Lady Edwina (die im Film von 1955 Lana Turner spielt) findet während der Katastrophe Erlösung, indem sie sich um die Kranken kümmert. Sie stirbt schließlich selbst an der Cholera-Epidemie, die nach der Flut ausbricht, weil sie versehentlich aus dem Glas eines Patienten trinkt. Dieses tragische, aber sühnende Ende war ein zentrales Element von Bromfields ursprünglicher Konzeption.
Film von 1955 (The Rains of Ranchipur):
Lady Edwina und Lord Esketh überleben beide.
Lord Esketh überlebt, und Lady Edwina beschließt, zu ihm nach Hause zurückzukehren, da ihre Affäre mit Major Safti beendet ist.
Die Filmemacher von 1955 eliminierten somit den tragischen Tod der "ausschweifenden" Lady Edwina, was die ursprüngliche Sühne und die moralische Aussage des Romans über die Läuterung in der Krise abschwächte.
Erzählstruktur und Fokus
Der Roman zeichnet sich durch eine breite Perspektive auf das Land aus und nimmt sich viel Zeit für die Vorgeschichte sowie die detaillierte Beschreibung der sozialen Hierarchien im Indien vor der Unabhängigkeit.
Die Filme (1939 und 1955) straffen die Handlung, um sie für das Kinoformat zu beschleunigen. Sie beginnen früher mit dem Besuch der Eskeths und Edwinas Verliebtheit in Major Safti, wobei der Fokus stärker auf die romantischen Verwicklungen und die Katastrophenszenen (Erdbeben, Dammbruch, Flut und Seuche) gerichtet wird, um sie als dramaturgischen Höhepunkt zu nutzen.
Die Verfilmung von 1955 konzentriert sich noch stärker auf das zentrale Liebesdreieck (Edwina - Safti - Ransome) und lässt Nebengeschichten, wie die Romanze zwischen Tom Ransome und Fern Simon (die im Roman und im Film von 1939 wichtig ist), stärker in den Hintergrund treten.
03 Dezember 2025
George Packer: Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika
George Packer: Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika Cop. 2013 engl., dt. 2015
Packer stellt von einigen zentralen Figuren davon, wie die Globalisierung und die Machtzusammenballung bei einigen weltweit tätigen Firmen die auf ihrem Sektor eine Monopolstellung haben, dafür sorgt, dass die Gewinne für Arbeiten, die in einzelnen Regionen geleistet werden, primär in den zentralen Firmen anfallen.
Wie sich das am Anfang dieses Jahrtausends in den USA im einzelnen abspielte, erläutert Packer auf gut 500 Seiten.
Ich versuche das Prinzip, wie Profit bei einzelnen Firmen konzentriert wird, an aktuellen Beispielen erklären: Airbnb lässt sich dafür bezahlen, dass es zwischen Touristen und Schlafplatzanbietern vermittelt, Uber vermittelt zwischen Touristen und privaten Autofahrern für Taxidienste. Die Arbeit wird von Privatleuten geleistet, bezahlt wird die Firma, die lediglich Vermittlungsdienste leistet.
Bei den neuen Sprachmodellen wie ChatGTP, bei denen gegenwärtig die schnellste Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI) stattfindet, ist das nicht ganz so leicht zu durchschauen. Am Anfang steht die Entwicklung eines Programms, für die Ausführung sorgen mit ihrer Rechenkapazität einerseits hochentwickelte Rechenzentren und andererseits Lieferanten von Speicherplatz. Beide werden gut bezahlte. Den "Rohstoff", menschliche Texte, liefert das Internet den Suchmaschinenanbietern kostenlos, z.B. auch die Wikipedia in über 200 Sprachen. Denn die Texte des Internets sind sozusagen Abfallprodukte menschlicher Kommunikation. Doch die Arbeit, diese Texte mit Gegenständen in unserer Welt in Verbindung zu bringen, müssen Menschen in Akkordarbeit (ohne Mindestlohngarantie!) im Globalen Süden leisten, z.B., indem sie zu Filmen zu jedem Teil aller gezeigten Gegenstände (Von der Landwirtschaft kennen wir das schon, und die Eine-Welt-Läden, die versuchen mit Fairem Handel zu mehr Gerechtigkeit in den Handelsbeziehungen zwischen den Ländern des Globalen Südens und des Nordens beizutragen, können die Ungerechtigkeit kaum abmildern, aber sie können Bewusstsein dafür schaffen, dass diese Ungerechtigkeit besteht.
Doch zurück zu Packers Darstellung, wie sich der Profit für Erwerbsarbeit bei multinationalen Konzernen konzentriert. Das erste Beispiel ist der Unternehmer Dean Price. Er stammt aus einer Familie von Tabakfarmern in North Carolina und beweist sein Unternehmergeist in ständig neuen Unternehmen. Zunächst erlebt er den Zerfall der traditionellen, für seine Region wichtigen Industriezweige wie Tabakanbau und -verarbeiten, Textil und Möbelindustrie. Er unternimmt es wiederholt, sich als Unternehmer zu etablieren, indem er Fast-Food-Restaurants, Läden und Tankstellen betreibt. Doch er scheitert daran, dass die Preise seiner Rohstoffe ihm von multinationalen Konzernen vorgegeben werden. Als er bei Biodiesel die Möglichkeit sieht, in der Region den Treibstoff vor Ort herzustellen, der vor Ort gebraucht wird, scheitert er trotz seines Optimismus und seiner unermüdlichen Anstrengungen scheitert einerseits daran, dass er für seine Investitionen auf Kredit angewiesen ist und andererseits, dass es ihm nicht gelingt, seine Arbeit der Werbung für das neuartige Produkt und die Überwachung der einzelnen Betriebe miteinander zu verbinden.
Das Versprechen von Wohlstand für alle gilt nicht mehr und der Einzelne kämpft vergeblich gegen die internationalen Konzerne und die von ihnen aufgebauten Strukturen. (vgl. auch Wikipedia und Antworten einer KI)
Man sieht hier, wie ich sowohl die Arbeit der Wikipedianer und der KI, die mir beide kostenlos zur Verfügung gestellt werden, nutze. Immer in der Hoffnung, dass es nicht nur meinem eigenen Lernvorgang (Lernen durch Lehren), sondern auch Lesern meines Blogs dient. Dass Internetnutzung als solche nicht umweltfreundlich ist, nehme ich dabei notgedrungen in kauf.
Das zweite Beispiel ist Jeff Connaughton:
In George Packers „Die Abwicklung“ (Originaltitel: The Unwinding) dient die Biografie von Jeff Connaughton als zentrales Beispiel für die Verflechtung von politischem Idealismus und dem Einfluss des großen Geldes in Washington (der sogenannten „Drehtür“ zwischen Politik und Lobbyismus).
Sein Karriereweg im Buch verläuft über mehrere markante Stationen, die den Wandel des politischen Systems der USA widerspiegeln:
1. Der idealistische Beginn („The Biden Guy“) Connaughtons Laufbahn beginnt Ende der 1970er Jahre. Als Student an der University of Alabama ist er fasziniert von dem damals jungen Senator Joe Biden. Er wird zu einem „Biden Guy“ – jemandem, der seine politische Identität und Karriere fast gänzlich an den Erfolg dieses einen Politikers knüpft. Er arbeitet zunächst im Finanzteam für Bidens erste Präsidentschaftskampagne (1988) und später in dessen Stab im Justizausschuss des Senats sowie im Weißen Haus unter der Clinton-Regierung.
"Die Regeln, nach denen das ultimative Spiel gespielt wurde, änderten sich gerade. Als George Romney 1968 im Fernsehen erklärte, dass ihn die Generäle in Vietnam einer Gehirnwäsche unterzogen hätten, war seine Kandidatur zu Ende. 1972 stand Ed Muskie auf einer Lastwagenpritsche vor der Redaktion von William Loebs Union Leader und vergoss wütende Tränen, weil der Herausgeber seine Frau Jane beleidigt hatte – und das war das Ende von Ed Muskie. 1980 legte Ronald Regen den Kopf zur Seite, kicherte und sagte: 'Da, Sie tun es schon wieder. 'Womit Jimmy Carter Präsidentschaft auf eine Amtszeit zusammenschrumpfte. 1984 schließlich, zitierte Walter Mondale, den Werbespruch einer Burgerkette. 'Where's the beef?' und Gary Hart sah plötzlich aus wie ein Schuljunge. Zehn Sekunden im Fernsehen genügten, um einen Politiker für immer zu definieren, um ihn zu krönen oder zu zerstören. Präsidenten und Bewerber begingen Selbstmord, eifrige Medien leisteten Beihilfe." [Biden hatte die Kennedys zitiert, ohne die Zitate zu kennzeichnen. Das bedeutete das Ende seiner Kampagne um die Präsidentschaft.] (S.84)
Raymond Carver (S.90 ff.) Carver kam aus schwierigen Verhältnissen und wurde zum Säufer. Aber es gelang ihm, daraus herauszukommen."Er war ein Held der Literatur, einer, der der Hölle entkommen war. Umsichtig, glücklich schritt er durchs Leben, wie ein Verurteilter, der kurz vor der Exekution begnadigt worden war.
" 'Nimm es nicht persönlich, Jeff', sagte er, 'Biden lässt jeden im Stich. Er diskriminiert nicht, wenn es darum geht, seine eigenen Leute im Stich zu lassen.'
2. Der Wechsel ins Lobbying (Der „Ausverkauf“) Desillusioniert von den niedrigen Gehältern und der Mühsal des öffentlichen Dienstes – und frustriert darüber, dass Biden seine Loyalität kaum zu würdigen scheint – wechselt Connaughton die Seiten. Er geht zur „K Street“ (dem Zentrum der US-Lobbyisten) und gründet später mit dem Republikaner Ed Gillespie die Lobbyfirma Quinn Gillespie & Associates. In dieser Phase wird er finanziell extrem erfolgreich und wohlhabend, fühlt sich aber zunehmend innerlich leer. Packer beschreibt diesen Abschnitt als symptomatisch für eine politische Klasse, die sich vom Gemeinwohl entfernt hat, um sich persönlich zu profitieren.
3. Die Rückkehr und der letzte Kampf Im Jahr 2009 kehrt Connaughton überraschend in den Senat zurück, nicht für Biden, sondern als Stabschef für dessen Nachfolger Ted Kaufman. Hier versucht er, seinen früheren Idealismus noch einmal zu beleben. Sein Hauptziel wird der Kampf für eine strenge Finanzmarktreform nach der Krise von 2008 (konkret arbeitet er am Brown-Kaufman Amendment, das Großbanken zerschlagen sollte).
4. Endgültige Desillusionierung und Ausstieg Connaughton muss feststellen, dass die Macht der Bankenlobby und der Einfluss der Wall Street auf Washington (und auch auf die Obama-Regierung) zu groß sind. Das Brown-Kaufman Amendment scheitert. Connaughton kommt zu dem Schluss, dass das System fundamental korrupt ist („The blob“).
Am Ende des Buches zieht er die Konsequenzen: Er verkauft seine Anteile, verlässt Washington D.C. endgültig, zieht nach Savannah (Georgia) und schreibt ein Enthüllungsbuch über die Mechanismen Washingtons (Titel: The Payoff: Why Wall Street Always Wins).
Zusammenfassend: Connaughtons Weg in „Die Abwicklung“ ist der Bogen vom naiven Idealisten zum zynischen Profiteur und schließlich zum desillusionierten Reformer, der das System verlässt, weil er es für nicht mehr reparierbar hält.
(Dieser leicht ergänzte Text der KI wird ergänzt durch Zitate und ein Link zu dem betreffenden Abschnitt aus Parker: Die Abwicklung.)
Tampa (S.221-243)
"In den 1950er Jahren erfuhr Tampa ein nie dagewesenes Bevölkerungswachstum, was insbesondere zu einem enormen Ausbau der Infrastruktur führte. In dieses Jahrzehnt fiel unter anderem auch die Eröffnung des Lowry Park Zoo (1957) und der Busch Gardens (1959). 1956 wurde im Stadtteil North Tampa die University of South Florida eröffnet, die viele neue Arbeitsplätze entstehen ließ. Viele Firmen und Einrichtungen zogen im Laufe der Zeit von ihrem traditionellen Standort im Stadtzentrum in weiter außerhalb gelegene Bezirke um.[31]
Von 1967 bis 1973 wurden insgesamt fünf Versuche unternommen, die Stadtverwaltung von Tampa mit der Verwaltung des Hillsborough County zusammenzulegen. Diese scheiterten jedoch alle an der Wahlurne. Bei der letzten Entscheidung stimmten 33.160 (31 %) der wahlberechtigten Einwohner für und 73.568 (69 %) gegen diese Reform.[32]
Zuletzt wurde das Stadtgebiet 1988 durch die Erschließung eines zuvor ländlich geprägten Gebietes zwischen den Interstates 75 und 275 nördlich von Tampa um etwa 62 km² erweitert, das zum Bezirk New Tampa ernannt wurde." (Wikipedia)
Das unkontrollierte Wachstum führte dazu, dass natürliche Lebensräume wie Kiefernwälder, Zwergpalmenstrände, Orangenhaine, Mangroven und Erdbeerfelder dem Bau von immer mehr Wohnungen zum Opfer fielen.
"Kein Ort war zu abgelegen oder ungeeignet, um erschlossen zu werden. In Gibsonton, einem kleinen Dorf an der Ostseite der Bucht von Tampa, überwinterte regelmäßig eine Gruppe von Karnevalsfanatikern, ansonsten sah der Ort aus, wie das ländliche Florida einst ausgesehen hatte: an jeder Ecke konnte man Anglerbedarf und Munition kaufen, die schmalen Straßen säumten moosbehangene Eichen. Hier kaufte Lennar Homes, eine Baufirma, eine alte Tropenfischzucht, schaufelte sie zu und begrub sie unter einer Betonplatte. Eine Siedlung aus 382 Häusern sollte / entstehen. Die einzigen Schulen, die es in der Nähe gab, bestanden aus Containern, die einzige Einkaufsmöglichkeit war ein wenige Meilen entfernter Wal-Mart. Arbeit gab es im Umkreis von dreißig Meilen keine. Aber die Siedlung war Wachstum, weshalb die Bezirksverwaltung die Warnungen der eigenen Fachkommission in den Wind schlug und Lenar alle erdenklichen steuerlichen Vergünstigungen ein räumte. 2005 war alles fertig, Carriage Pointe öffnete die Tore.
Packer nutzt Perriellos Geschichte als Beispiel für den Versuch, das politische System in Washington von innen heraus zu verändern und die „Abwicklung“ der amerikanischen Gesellschaft aufzuhalten:
Der unwahrscheinliche Wahlsieg: Packer schildert Perriellos überraschenden Sieg bei den Kongresswahlen 2008 in einem eigentlich konservativ geprägten Wahlbezirk in Virginia. Perriello trat als progressiver Außenseiter an, der sich für die Arbeiterklasse einsetzte.
Idealismus gegen Realpolitik: Das Buch beschreibt Perriello als einen Idealisten, der im Kongress mutige Entscheidungen traf (wie die Zustimmung zur Gesundheitsreform „Obamacare“ oder zum Klimaschutzgesetz), obwohl er wusste, dass ihn dies in seinem Distrikt politisch gefährden würde.
Scheitern an der Polarisierung: Packer zeigt auf, wie Perriello Opfer der wachsenden politischen Spaltung und des Einflusses von Interessengruppen wurde. Trotz seiner Bemühungen, volksnah zu bleiben und seine Entscheidungen zu erklären, verlor er seinen Sitz bei den Wahlen 2010 gegen einen Kandidaten der Tea-Party-Bewegung.
Packer stellt Perriello als eine tragische Figur dar, die versuchte, die alte Ordnung des Gemeinwohls wiederherzustellen, während das politische System bereits in sich zusammenfiel.
Tammy Thomas ist eine Fabrikarbeiterin aus Youngstown, Ohio, die aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs ihrer Heimatstadt zur Aktivistin wird.
Über ihr Engagement im Zusammenhang mit der MVOC (Mahoning Valley Organizers Collective) berichtet Packer Folgendes:
Soziale Mobilisierung: Tammy Thomas schließt sich der MVOC an, einer Bürgerorganisation, die sich für die Belange der Bewohner des Mahoning Valley einsetzt. Durch diese Arbeit findet sie eine neue Bestimmung jenseits der Fabrikarbeit.
Kampf gegen den Verfall: Ein zentrales Projekt, über das berichtet wird, ist der Kampf gegen die „Blight“ (den städtischen Verfall). Tammy und die MVOC setzen sich dafür ein, dass die Stadtverwaltung und abwesende Immobilienbesitzer zur Verantwortung gezogen werden, um baufällige Häuser abzureißen oder instand zu setzen.
Empowerment: Tammy lernt durch die MVOC, öffentliche Versammlungen zu organisieren, Politiker zu konfrontieren und ihre Stimme für die Gemeinschaft zu nutzen. Die Organisation dient ihr als Plattform, um den strukturellen Problemen in Youngstown entgegenzuwirken.
Elizabeth Warren: Die „Populistin aus der Prärie“ (S.404ff.)
Elizabeth Warren (Professorin an der Harvard Law Schoolund Expertin für Verbraucherinsolvenzen) kommt aus bescheidenen Verhältnissen in Oklahoma.. Ihre politische Ansichten entstehen nicht aufgrund ideologischer Theorie, sondern aufgrund empirischer Forschung und persönlichen Beobachtungen.
Vom Konservatismus zur Systemkritik
Ein zentraler Punkt in Packers Darstellung ist Warrens intellektuelle Wandlung:
Ursprüngliche Sicht: Zu Beginn ihrer Karriere als Rechtsgelehrte vertrat sie eher konservative Ansichten. Sie glaubte, dass Privatinsolvenzen meist die Folge von mangelnder Disziplin oder dem Versuch seien, sich aus der Verantwortung zu stehlen.
Die Wende: Durch ihre Studien zum Insolvenzrecht erkannte sie jedoch, dass nicht mangelnde Moral, sondern wegbrechende Sicherungssysteme die Ursache waren. Sie stellte fest, dass Familien oft durch unvorhersehbare Ereignisse wie Krankheiten, Jobverlust oder räuberische Kreditpraktiken in den Ruin getrieben wurden. Warren erklärt, wie reglementierende Institutionen und Verbraucherschutzgesetze systematisch ausgehöhlt wurden. Sie zeigt auf, dass die Kosten für das, was ein Leben in der Mittelschicht ausmacht (Wohnen, Bildung, Gesundheitsversorgung), massiv gestiegen sind, während die Reallöhne stagnierten. Sie war eine der wenigen Stimmen, die nach der Finanzkrise 2008 die Macht der Banken offen angriffen, z.B. durch E die Gründung des Consumer Financial Protection Bureau (CFPB) – eine Behörde zum Schutz von Verbrauchern vor Betrug durch Finanzinstitute. Doch im Washingtoner Politikbetrieb stößt sie auf Widerstand stieß, weil sie unangenehme Wahrheiten über die Verflechtung von Politik und Finanzwirtschaft ausspricht. (vgl. Gemini)
Kampf gegen die Wall Street (418ff.)
Am Beispiel von Nelini Stamp und anderen jungen Menschen wird über die intensive Phase der Kohärenz und Gemeinschaft berichtet, die für viele Teilnehmer eine fast religiöse oder lebensverändernde Bedeutung hatte. Dazu gehört z.B. das Volksmikro (engl. Human microphone) Doch nach der Räumung des Zuccotti Parks bleiben die meisten Aktivisten allein, teils obdachlos und ohne politische Struktur
Deutlich wird der Kontrast zwischen den der Arroganz und Abgehobenheit der Finanzeliten (wie etwa Robert Rubin mit seiner Aufhebung des Glass-Steagall Act, das die Trennung von Kredit- und Investmentbanken festlegte) und den „99 Prozent“ von Occupy.
Packer zieht eine Parallele von Occupy Wall Street und der Tea-Party-Bewegung. Beide Bewegungen seien aus einem Gefühl der Ohnmacht entstanden, sie sahen das System als manipuliert an. Der Unterschied lag darin, dass die Tea Party den Staat als Feind sah, während sich Occupy gegen die Banken und Konzerne richtete. Er würdigt den Mut der Protestierenden von Occupy, während die Regierung Obama demgegenüber zu zögerlich war, die Verantwortlichen der Finanzkrise zur Rechenschaft zu ziehen. Doch den fehlenden Erfolg von Occupy sieht er als Beweis an, dass in dieser Gesellschaft jeder zunehmend auf sich allein gestellt war.
Wofür Dean Price das Altfett sammelte
Dean Price, ein Unternehmer aus North Carolina, wollte eine lokale und unabhängige Energieversorgung aufbauen. Sein Ziel war die Herstellung von Biodiesel.
Der Rohstoff: Er sammelte gebrauchtes Frittierfett (Altfett) aus Fast-Food-Restaurants in der Region.
Die Vision: Price wollte den "Bio-Fußabdruck" verkleinern und sich aus der Abhängigkeit von globalen Ölkonzernen befreien. Er gründete eine genossenschaftliche Tankstelle und eine Produktionsstätte, um den Kraftstoff direkt an lokale Bauern und Autofahrer zu verkaufen. Er sah darin eine Möglichkeit, die wirtschaftlich abgehängte Region der Appalachen wiederzubeleben.
2. Weshalb er zunächst erfolglos blieb
Trotz seines Enthusiasmus stieß Price auf massive Widerstände, die symptomatisch für die "Abwicklung" der alten Strukturen sind:
Bürokratie und Regulierung: Er wurde von staatlichen Auflagen und Sicherheitsbestimmungen für die Kraftstoffherstellung erdrückt, die eher auf Großkonzerne als auf kleine Garagenbetriebe zugeschnitten waren.
Logistische Probleme: Das Sammeln und Filtern von Altfett war schmutzig, zeitaufwendig und technisch fehleranfällig.
Finanzkrise 2008: Die Wirtschaftskrise traf ihn hart. Kredite wurden fällig, die Nachfrage sank, und seine Investitionen in die physische Infrastruktur (Tankstellen) lasteten schwer auf ihm.
Der Ölpreis: Als die Ölpreise schwankten, wurde sein Biodiesel zeitweise teurer als herkömmlicher Diesel, was die Kundenbasis schwinden ließ. Am Ende verlor er sein Geschäft und sein Vermögen.
In meinem Exemplar von Packer: Die Abwicklung von Dezember 2015 (ich habe im Internet kein neueres gefunden) enthält am Schluss nur einen Traum von Dean Price über das Haus, das er sich bauen will, keinen Erfolg mit Hanf. Ob in der englischen Version die Erfolgsgeschichte vorkommt oder ob die KI Gemini sie erfunden hat, weiß ich nicht. Die zusammenfassende Aussage der KI über den Misserfolg wird durch einen später denkbaren Erfolg aber nicht widerlegt.
3. Warum er am Ende Erfolg hatte
Sein "Erfolg" am Ende des Buches ist nicht unbedingt ein klassischer finanzieller Triumph im großen Stil, sondern eher eine erfolgreiche Anpassung an die neuen Realitäten:
Fokus auf Hanf: Price erkannte, dass Biodiesel allein nicht reichte. Er wechselte den Fokus auf den Anbau von Industriehanf. Er sah darin eine vielseitigere Nutzpflanze, die sowohl für Treibstoff als auch für Textilien und Baumaterialien genutzt werden konnte.
Politischer Aktivismus: Er wurde zu einem Pionier für die Legalisierung von Nutzhanf in North Carolina. Sein Erfolg lag darin, die Gesetzgebung zu beeinflussen und eine neue Nische zu besetzen.
Dezentralisierung: Er gab den Traum vom großen Imperium auf und konzentrierte sich auf ein Modell der lokalen Selbstversorgung. Sein Erfolg war die Erkenntnis, dass man in einer "abgewickelten" Welt nur bestehen kann, wenn man flexibel bleibt und sich auf die Gemeinschaft vor Ort verlässt, anstatt auf das alte System der Banken und Konzerne.
Zusammenfassend: Dean Price scheiterte an der Trägheit und den Regeln der alten Welt (Öl, Banken, Bürokratie), fand aber Erfolg, indem er die Trümmer dieser Welt nutzte, um mit Hanf und lokaler Energie etwas völlig Neues und Widerstandsfähiges aufzubauen.
Sieh auch: Colin Powell, Newt Gingrich, Elizabeth Warren, Jay-Z, and Raymond Carver.