21 September 2026

Peter Glotz: Die Jahre der Verdrossenheit. Politisches Tagebuch 1993/94

 Peter Glotz: Die Jahre der Verdrossenheit. 

"Als ich 1970 das erste Mal in ein Parlament gewählt wurde – so habe ich es auf den Seiten notiert –, war Politiker, ein einigermaßen reputierlicher Beruf. Das kann man heute nur noch mit großer Einschränkung sagen. Wieso? Ein paar tastende Antwortversuche werden in diesem Buch gemacht. Meine Diagnose widerspricht übrigens dem moralisieren Zeitgeist: Sie lautet eben nicht 'Unmoral', sondern 'Kommunikationsunfähigkeit'. (S.7) 


"Ich beende den Tag mit Doderer: 'Die Demokratie ist die edelste Form, in der eine Nation zu Grunde gehen kann…' Das ist schön kalt, aber auch nicht klug." (S. 150).

'Demokratie ist Diskussion' hat Tomas Masaryk, der Begründer der ersten tschechoslowakischen Republik und ein bedeutender, humanistischer Philosoph gesagt. Bei uns aber häufen sich die Beispiele, die zeigen, dass diese Diskussion gerade verweigert wird. Dass diese Verweigerung mit larmoyantem verantwortungsethischem Gesülze einhergeht, macht die Sache nicht besser.
Aus hundert möglichen Beispielen: fünf:
– der Intendant des Norddeutschen Rundfunks, Jobst Pflog, will das Selbstdarstellungrecht der politischen Parteien in Fernseh-Spots unterbunden sehen. Begründung. Das verhetzte, unaufgeklärte Volk sei nicht in der Lage, die ausländerfeindliche oder rassistische Agitation rechtsradikaler Parteien zu erkennen. Das Ergebnis dieser Abstinenz wäre natürlich eine massive Verschlechterung der Marktzutrittschance für neue Parteien aller Art, ein dicker Gefallen für den Club der Etablierten./Auch in Fernsehwahlkampfdebatten sollen radikale Parteien zwar nicht generell ausgeschlossen, wohl aber volkspädagogisch bearbeitet werden. 'Ungefilterte Selbstdarstellung', so Pflog stolz, 'gibt es in den von uns verantworteten Sendungen nicht'. [...]
– Im Jahr 1994 werden zwanzig Wahlen abgehalten. In Deutschland gibt es zwischen fünf und sechs Millionen Arbeitslose, die Staatsverschuldung hat einen bisher nicht für möglich gehaltenen Höhepunkt erreicht, und das Verhältnis zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen verschlechtert sich eher, als dass es sich verbesserte. Gregor Gysis PDS erreicht in den neuen Bundesländern Umfrageziffern von über 20 Prozent, und jeder Kundige weiß, dass Franz Schönhuber besser abschneiden wird, als die Demoskopen vermuten: Viele der potentiellen Protestwähler schämen sich, ihr beabsichtigtes Wahlverhalten zuzugeben. Und wo gibt es die großen Debatten, in denen die demokratischen Politiker, Gysi und Schönhuber (die weiß Gott/grundverschieden sind, aber doch gemeinsam haben, dass sie größere Gruppen von Protest vertreten) mit den besseren Argumenten widerlegen? Nirgends. Man dürfte solche Leute nicht 'aufwerten', heißt die flaue Ausrede. Demnächst wird man vermutlich auch Peter Gauweiler und Manfred Brunner meiden, weil sie Argumente benutzen, die das blöde Volk, den großen 'Lümmel' (Heine) verwirren könnten." (S. 215-17) 

KI Gemini: "[...] Das Buch [...] 1996 in der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart) ist eines von insgesamt drei politischen Tagebüchern, die der bekannte SPD-Politiker, Publizist und Kommunikationswissenschaftler hinterlassen hat. [...]
  • Politische Bestandsaufnahme: Das Tagebuch beleuchtet die Jahre 1993 und 1994 – eine turbulente Phase in der deutschen Politik kurz nach der Wiedervereinigung, in der sich in der Bevölkerung zunehmend eine Politikverdrossenheit und Frustration über Reformstau, gesellschaftliche Umbrüche und die etablierten Parteien ausbreitete.

  • Innensicht der SPD: Als prominenter und oft kritischer Kopf der Sozialdemokraten (unter anderem ehemaliger Bundesgeschäftsführer der SPD) reflektiert Glotz in den Notizen die internen Debatten, Richtungsstreitigkeiten und das Ringen seiner Partei um Antworten auf die neuen gesamtdeutschen Herausforderungen.

  • Superwahljahr 1994: Das Buch fängt die Stimmung rund um das intensive Wahljahr 1994 ein (Bundestagswahl, Europa- und Landtagswahlen), in dem Helmut Kohl (CDU) knapp im Amt bestätigt wurde und die SPD unter Rudolf Scharping eine Niederlage einstecken musste. [...]"

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