09 Juli 2013

"Beide wurden weggegeben."

Der Wirt von Timberlake berichtet. Er stammt aus der Gegend von Bismarck, seine Eltern waren Deutsche.
"Beide wurden weggegeben." Das heißt: Sie wurden als Kinder weggegeben, weit weg von daheim im eben arbeitsfähigen Alter. Außerstande, sie alle zu füttern, gingen die ärmsten der Siedler dazu über, ihre hungrigen Mäuler auszusiedeln [...]
Ich dachte, wer über die Härte des amerikanischen Fegefeuers nicht reden will, sollte von den bunten Freuden des melting pot schweigen.
Wolfgang Büscher: Hartland. Zu Fuß durch Amerika, Kapitel Der Junge mit dem Revolver, S.70/71

08 Juli 2013

Die Wortfährte "Hartland"

"Big hatte viel geredet, aber mir nichts über Hartland gesagt. Das mußte er auch nicht. Er hatte mir geraten, die Wortfährte zu lesen, und sie war deutlich genug. Die Spur im Schnee, die von Herzland nach Hartland führte, war die der zerbrochenen amerikanischen Träume."

Büscher: Hartland, S.37

Eine sehr schöne Vorstellung des Buches von buchpost findet man hier. Meine Kurzbeiträge zu einzelnen Kapiteln unter dem Label Hartland.

06 Juli 2013

Sabine Friedrich: Wer wir sind - Widerstand gegen das NS-Regime und seine biographischen Hintergründe

Erweiterte Fassung des Artikels vom 15.6.13

Man kann Friedrichs Buch "Wer wir sind" als Ergänzung der Filmreihe "Unsere Mütter, unsere Väter" sehen, weil sie weitere Milieus aus der Zeit der NS-Herrschaft menschlich nahe zu bringen versucht.

Sabine Friedrich selbst hat ihren Roman in einem Interview, wie folgt, charakterisiert:
Wuttke: Diese Lebenserinnerung, die Sie gerade geschildert haben, verstehen Sie deshalb Ihren Roman als einen Wirklichkeitsentwurf, oder als Zeitpanorama?
Friedrich: Ach wissen Sie, das sind Fragen, die sind schwierig zu beantworten. Es ist auf jeden Fall natürlich ein Zeitpanorama, das ist klar. Ich habe versucht, möglichst nahe auch an der Atmosphäre dran zu bleiben. Aber jeder Roman ist ein Wirklichkeitsentwurf, das kann gar nicht anders sein, zumal ein Roman, der ja mit dem Interesse geschrieben worden ist: mein erstes Interesse, daher der Titel, war ja, etwas herauszufinden darüber, wie Menschen sich verhalten in extremen Situationen und was sie dazu bringt, dann so oder so zu handeln, also was sie verkürzt gesagt zu Widerständlern macht. Ist das eine große Entscheidung, ist das eine Summierung vieler kleiner Entscheidungen, die einen plötzlich dort hinträgt, dass man sagt, das ist jetzt die Todeszelle von Plötzensee.    dradio, 11.10.2012
Dazu:
eine lobende Rezension, eine recht kritische, die Lesung eines Textausschnitts durch Sabine Friedrich.

Ich selbst kann nach meiner bisherigen Lektüre nur sagen: Ich freue mich  - ganz unabhängig von einem literarischen Urteil - darüber, dass ich Personen, die ich bisher aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen kenne, in einen  Kontext gestellt sehe, und mag es gar nicht, darüber zu lesen, wenn sie leiden müssen.
So beklage ich mich gar nicht über mangelnde Ausmalung der Unerträglichkeit mancher Situation.
Dass ich besonders über die Familie Bonhoeffer nicht genug lesen kann, hat persönliche Gründe.

John Rittmeister, Mitglied der Roten Kapelle*, entdeckt für sich in der Todeszelle die "Unendlichkeitsperspektve" (S.738)
"Seit ich die Dinge aus dieser Todesperspektive betrachte, denke ich ganz Unerhörtes. Ich fühle mich innerlich reicher als je zuvor. Was einem alles nimmt, macht einen reich. [...] Ich würde natürlich gern leben bleiben. Aber auch wenn ich sterbe, nehme ich nun alle diese Dige, die ich vorher gar nicht besessen habe, mit in den Tod hinein." (S.738)

*"Das von der Gestapo geschaffene Organisationskonstrukt Rote Kapelle hat in dieser Form nie existiert.“(Wikipedia)

In Oxford: Sabine Bonhoeffer-Leibholz' Töchter bitten um Geld für eine Sammelaktion in der Schule. "Und welchem guten Zweck sollen die Einnahmen dienen? Der Bombardierung Berlins." Dort erlebt Sabines Bruder Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis in Tegel die Luftangriffe. (S.860)

Kreisauer KreisHelmuth James Graf von MoltkeLöwenberger ArbeitsgemeinschaftEugen Rosenstock-Huessy,  Freya von Moltke, geb. Deichmann

Preußenschlag (S.1000)
Hans von Dohnanyi warnte davor, ihn rechtlich anzufechten: "Die Regierung Papen hat sich des verfassungsmäßig korrekten Instruments der Reichsexekution* bedient [...]" (S.1001)

*Die Verfassungsmäßigkeit der jeweiligen Maßnahmen ist bis heute umstritten. Ein Ausnahmezustand nach Art. 48WRV wäre nur durch die Bedrohung der Verfassung selbst zu rechtfertigen – jedoch wurden in Sachsen, Thüringen und Preußen jeweils demokratisch gewählte Regierungen abgesetzt, die sich zu keinem Zeitpunkt in offener Rebellion gegen die Weimarer Reichsverfassung befanden. (Wikipedia)

Julius Leber (S.1003ff), Carlo Mierendorff (S.1012ff), Adolf Reichwein (S.1022ff)
Bund der KöngenerHarald Poelchau  (S.1036) [Er half u.a. Konrad Latte.]

Helmuth v. Moltkes positive Staatslehre (S.1250ff) Über den Kreisauer Kreis: "Sie sind keine Verschwörer. [...] Ihre Treffen basieren auf alten Freundschaften, gemeinsamer Schulzeit, beruflichen und verwandtschaftlichen Beziehungen." (S.1269)
Einigkeit über den anzustrebenden Staat: "demokratisch und sozialistisch und außenpolitisch auf eine völkerverbindende Friedensordnung ausgerichtet" (S.1276)
Grundsatztexte des Kreisauer Kreisesallgemeine Prizipien (S.1519)
Julius Leber über den Kreisauer Kreis (in Friedrichs Darstellung): "Aber sie sind recht abgehoben, diese Leute. Sie brüten über detaillierten Programmen von solch verworrener Gründlichkeit, dass man sich fragt, wer außer ihnen sich jemals damit beschäftigen soll." (S.1519)
Hans Bernd von Haeften

Fritzi von Schulenburg an der Ostfront. "Fritzi hat alle Furcht überwunden: Todesfurcht, Tötungsfurcht, er ist ganz bei sich, wenn der Angriff beginnt." (S.1288)

Helmuth v. Moltke: "Wir tragen Verantwortung für uns selbst [...] Vor allem anderen müssen wir uns doch fragen, wer wir sind." (S.1315)
Erschießungen (S.1360-1369),
"Die Treue zu den Kameraden steht über jedem anderen Wert." (S.1371)
Moltke ist gegen ein Attentat, weil er eine Dolchstoßlegende fürchtet. Doch: "Es könnte sich ergeben, dass es eine Pflicht würde, das Attentat zu wagen." (S.1409)
"Es gab mehr als drei Dutzend dokumentierte Attentatspläne auf Hitler." (S.1413)
Henning von TresckowFabian von Schlabrendorff,
Russlandfeldzug (S.1447ff)
"Es ist noch nicht Juli, und der Raum ist schon jetzt unkontrollierbar." (S.1459)

4.Teil
Claus von Stauffenberg (S.1525), Bomben auf Berlin (S.1564ff), Axel von dem Bussche (S.1575),
S.1637 Sprüche Salomos 31, 10-31 über die gute Frau
S.1640 über das Wirklichwerden eines Stofftieres (Velveteen Rabbit) mit merklichen Parallelen zu  Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, dass der Nationalsozialismus mit der Infektionskrankheit Scharlach zu vergleichen ist. Denn ist das rosa Kaninchen nicht eines der berühmtesten und damit lebendigsten der Welt? (Freilich weit abgeschlagen hinter Pu dem Bären)

Nach dem Einmarsch der Sieger  (S.1969ff)
Fabian von Schlabrendorff erklärt die Todesurteile gegen die Mitglieder der "Roten Kapelle" für rechtens (S.1991f)
Der  deutsche Bundesgerichtshof bestätigt 1956 die Urteile gegen Dohnanyi, Dietrich Bonhoeffer und Oster. (S.1992)
Widerständler, die dem NS-Terror entgangen sind, sterben in russischen Lagern (S.1994)
 Annedore Leber und Brandt verfassen "Das Gewissen steht auf" (S.1999)
Gründung der Stiftung Kreisau 1989 (S.2010)


04 Juli 2013

Marlitts Stärken

Die Fensterreihe im Erdgeschoß steckte hinter jenen dichten, bauchigen Eisengittern, die stets eine gewisse Achtung einflößen und erkennen lassen, daß es ihre Aufgabe sei, ansehnliche Vermögen und Wertgegenstände zu beschützen, zugleich aber auch deren gesichertes Vorhandensein verraten zu dürfen.
So plakativ die Gegenüberstellung von Reich und Arm sonst auch oft bei ihr sein mag, Marlitt versteht sich durchaus auf "Bilde, Künstler! Rede nicht!" Die "dichten bauchigen Eisengitter" rufen das Bild von mittelalterlichen Patrizierhäusern wach und das Gefühl der Notwendigkeit, dass sie in einer Zeit großer sozialer Unterschiede verteidigt werden müssen. Freilich, dass sie damit auch Reichtum zur Schau stellen, wird ausgesprochen, weil das beim Leser wohl nicht ohne weiteres assoziiert wird. Dafür spielt es in der Erzählung "Die Zwölf Apostel" von 1865, aus der das Zitat stammt, dann eine desto größere Rolle.

Ein zwanzigjähriger Mädchenkopf

[...] Bis ein zwanzigjähriger Mädchenkopf dem strengen Schicksal gegenüber mit sich selber fertig wird, dazu gehört viel, unaussprechlich viel. Aber sie hat sich ja doch hineingefunden.« [...]
[...] Was liegt daran, ob Sie die arme Magd des Amtmanns verachten oder nicht! Sie will nur für ein paar Menschen da sein – für sie ist die Beachtung von seiten anderer nur eine Pein.« [...]
Was gab jener Egoistin die Macht über den klaren Geist und das Lebensschicksal dieses wunderbaren Mädchens?... [...]
Wollte er es wirklich erleben, daß Amtmanns Magd in kurzen, dürren Worten erklärte, sie bedanke sich recht sehr dafür, Herrin im Hause Markus zu werden?

(Amtmanns Magd)

Versteckspiel

 Stumm reichte sie ihm den Brief hin. »Was der Tausend – er ist ja für mich!« rief er mit einem Blick auf die Aufschrift. »Von wem?« Sie bückte sich und nahm den Rechen auf. »Von deinem Herrn doch nicht?« forschte er weiter, da die Antwort nicht sofort erfolgte. »Ja, vom Amtmann,« bestätigte sie jetzt in der fast ängstlich knappen Redeweise, die er bereits an ihr kannte. Er wiegte lächelnd den Kopf. »Sieh, sieh, was der alte Herr für eine zierliche Damenhand schreibt!« »Das ist nicht seine Schrift – er leidet an Augenschwäche –« »Ach so, da hat er diktiert, und eine seiner Damen – wie ich vermute, das Fräulein Erzieherin – hat nachgeschrieben.« Er hielt die Aufschrift prüfend von sich ab. »Schöne, schlanke Züge, auf schneeweißem Papier, wie es sich für eine Dame gehört, die mit Küchengerät und Staubtuch rein gar nichts zu schaffen hat.« – Sie warf den Kopf auf, und er hoffte schon auf eine schneidige Antwort; aber umsonst, sie senkte das Kinn wieder auf die Brust und schwieg. »Du bist wohl für deine junge Dame sehr eingenommen?« fragte er, seine brennende Zigarre wieder zum Munde führend. »Ich glaube nicht!« versetzte sie und trat ein wenig zurück, als wolle sie den blauen Duftringeln ausweichen, die ihren Kopf plötzlich umschleierten. Lächerlich! Das Mädchen da, das in öffentlichen Vergnügungslokalen unter ihresgleichen den dicken Dampf unfeinen Knasters atmen mußte, tat verwöhnt und belästigt, als habe sie die feinsten Damennerven – sie kopierte höchst wahrscheinlich das Fräulein Erzieherin. Das ärgerte und reizte ihn – er tat nun erst recht ein paar kräftige Züge. »Du glaubst es nicht?« wiederholte er darauf. »Aber ihr vornehmes Wesen, gefällt dir trotz alledem, wie ich vermute – du möchtest wohl gar zu gern sein wie sie, nicht?« »Das wäre ein sonderbarer Wunsch –« »Ei warum denn? Die schönen Hände pflegen und sich im kühlen Zimmer bedienen zu lassen, ist doch tausendmal wünschenswerter, als ins Heu zu gehen und bei harter Arbeit von der Sonnenhitze ausgedörrt zu werden?« »Meinen Sie, das – das Fräulein arbeite nicht?« »Mein Gott, ja!« versetzte er in spöttischem Ton. »Ich bin sogar überzeugt, daß sie mit behandschuhten Händen sehr fleißig Feldblumen pflückt und sie als geschmackvolle Sträußchen für Albumblätter trocknet oder in Wasserfarben malt; sie wird Kanten sticken, schreiben und lesen und ihre Fingerübungen auf dem Klavier mit grausamer Pünktlichkeit zum Genuß aller nervengereizten Menschen herunterspielen. Nun, stimmt es!« »Zum Teil, ja!« bestätigte sie, wobei sie den Strohhut noch tiefer in die Stirn zog. Es waren hübsche, schlanke, aber tiefgebräunte Finger, die nach dem Hutrand griffen. »Siehst du?« sagte er mit mutwilligem Lächeln. »Ich glaube auch, daß sie sehr gut zu beurteilen versteht, ob du in ihrem Zimmer gründlich abgestäubt und die Ordnung wiederhergestellt hast, sie wird es ebensowohl zu würdigen wissen, wenn dir die süße Mehlspeise geraten und der Braten nicht angebrannt ist.« Ein leises Auflachen kam unter dem weißen Tuch hervor. »Ich weiß nur, daß sie selten zufrieden mit mir ist!« sagte das Mädchen gleich darauf mit Bestimmtheit. »Du wirst es an der gebührenden Unterwürfigkeit fehlen lassen, meine Kleine. – Quält dich das Fräulein Blaustrumpf dafür?« »Dafür nicht; aber sie macht mir oft die bittersten Vorwürfe, wenn meine Kraft mit dem Willen durchaus nicht Schritt halten will.« Er ließ die Hand mit der Zigarre sinken, und seine Augen suchten mit dem Ausdruck von Befremdung unter Tuch und Hutschirm zu dringen. 
(Amtmanns Magd)

Abelone und Graf Brahe

Abelone muß als ganz junges Mädchen eine Zeit gehabt haben, da sie von einer eigenen, weiten Bewegtheit war. Brahes wohnten damals in der Stadt, in der Bredgade, unter ziemlicher Geselligkeit. Wenn sie abends spät hinauf in ihr Zimmer kam, so meinte sie müde zu sein wie die anderen. Aber dann fühlte sie auf einmal das Fenster und, wenn ich recht verstanden habe, so konnte sie vor der Nacht stehn, stundenlang, und denken: das geht mich an. »Wie ein Gefangener stand ich da«, sagte sie, »und die Sterne waren die Freiheit.«
Sie konnte damals einschlafen, ohne sich schwer zu machen. Der Ausdruck In-den-Schlaf-fallen paßt nicht für dieses Mädchenjahr. Schlaf war etwas, was mit einem stieg, und von Zeit zu Zeit hatte man die Augen offen und lag auf einer neuen Oberfläche, die noch lang nicht die oberste war. Und dann war man auf vor Tag; selbst [845] im Winter, wenn die anderen schläfrig und spät zum späten Frühstück kamen. Abends, wenn es dunkel wurde, gab es ja immer nur Lichter für alle, gemeinsame Lichter.
Aber diese beiden Kerzen ganz früh in der neuen Dunkelheit, mit der alles wieder anfing, die hatte man für sich. Sie standen in ihrem niederen Doppelleuchter und schienen ruhig durch die kleinen, ovalen, mit Rosen bemalten Tüllschirme, die von Zeit zu Zeit nachgerückt werden mußten. Das hatte nichts Störendes; denn einmal war man durchaus nicht eilig, und dann kam es doch so, daß man manchmal aufsehen mußte und nachdenken, wenn man an einem Brief schrieb oder in das Tagebuch, das früher einmal mit ganz anderer Schrift, ängstlich und schön, begonnen war.

Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen Töchtern. Er hielt es für Einbildung, wenn jemand behauptete, das Leben mit andern zu teilen. (»Ja, teilen –«, sagte er.) Aber es war ihm nicht unlieb, wenn die Leute ihm von seinen Töchtern erzählten; er hörte aufmerksam zu, als wohnten sie in einer anderen Stadt.

Es war deshalb etwas ganz Außerordentliches, daß er einmal nach dem Frühstück Abelone zu sich winkte: »Wir haben die gleichen Gewohnheiten, wie es scheint, ich schreibe auch ganz früh. Du kannst mir helfen.« Abelone wußte es noch wie gestern.

Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett geführt, das im Rufe der Unzugänglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in Augenschein zu nehmen, denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen über [846]  an den Schreibtisch, der ihr wie eine Ebene schien mit Büchern und Schriftstößen als Ortschaften.

Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, daß Graf Brahe seine Memoiren schriebe, hatten nicht völlig unrecht. Nur daß es sich nicht um politische oder militärische Erinnerungen handelte, wie man mit Spannung erwartete. »Die vergesse ich«, sagte der alte Herr kurz, wenn ihn jemand auf solche Tatsachen hin anredete. Was er aber nicht vergessen wollte, das war seine Kindheit. Auf die hielt er. Und es war ganz in der Ordnung, seiner Meinung nach, daß jene sehr entfernte Zeit nun in ihm die Oberhand gewann, daß sie, wenn er seinen Blick nach innen kehrte, dalag wie in einer hellen nordischen Sommernacht, gesteigert und schlaflos.


Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, daß sie flackerten. Oder ganze Sätze mußten wieder durchgestrichen werden, und dann ging er heftig hin und her und wehte mit seinem nilgrünen, seidenen Schlafrock. Während alledem war noch eine Person zugegen, Sten, des Grafen alter, jütländischer Kammerdiener, dessen Aufgabe es war, wenn der Großvater aufsprang, die Hände schnell über die einzelnen losen Blätter zu legen, die, mit Notizen bedeckt, auf dem Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten die Vorstellung, daß das heutige Papier nichts tauge, daß es viel zu leicht sei und davonfliege bei der geringsten Gelegenheit. Und Sten, von dem man nur die lange obere Hälfte sah, teilte diesen Verdacht und saß gleichsam auf seinen Händen, lichtblind und ernst wie ein Nachtvogel.

Rainer Maria Rilke: Die Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, S. 709-710 u. 844-846