27 Dezember 2024

Daniel Defoe: Robinson Crusoe

 Daniel Defoe: Robinson Crusoe

3. Abschnitt: Schiffbruch

[...] Die Freude über meine Erhaltung gieng bald vorüber, um mich sehr traurigen Betrachtungen zu überlassen. Wie schrecklich war meine gegenwärtige Lage! Ich war ganz durchnäßt, hatte keine andern Kleider, weder Speise noch Trank, um mich zu erlaben, und was das Schlimmste war, ich hatte keine Waffen, um Thiere zu meinem Unterhalte zu tödten, oder mich gegen sie zu vertheidigen, und hatte also keine andere Aussicht, als von wilden Thieren gefressen zu werden oder Hungers zu sterben; denn ich hatte nichts bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und in meiner Dose einen kleinen Rest von Durchnäßtem Rauchtabak. Das war mein ganzer Vorrath; in halber Verzweifelung[81] lief ich hin und her, um etwas zur Befriedigung meines Hungers und Durstes zu suchen, und fand einige hundert Schritte vom Ufer, zu meiner großen Freude und Erquickung, frisches Wasser; aber etwas zu essen fand ich nirgends, ich nahm daher, nach Seemanns Sitte, Rauchtabak in den Mund.

Die Nacht nahete sich. Schwere, tiefhängende Wolken, die der Wind langsam fortwälzte, vermehrten die Dunkelheit. Ich befand mich in einer einsamen, öden Gegend, mit einzeln stehenden Bäumen besetzt, die jetzt in tiefer Finsterniß begraben waren. Nur der Wind, der in den Zweigen der Bäume rauschte, der fortdauernde Regen, das Getöse der Wellen, die sich am Ufer brachen, und in weiter Ferne der dumpfrollende Donner liessen sich durch die nächtliche schauervolle Stille hören. Das alles erfüllte mein Herz mit Bangigkeit, wozu noch die Furcht vor reissenden Thieren kam, welche gewöhnlich des Nachts auf Raub ausgehen. Das einzige Mittel, das mir zu meiner Sicherheit einfiel, war, auf einen dichtbewachsenen Baum zu steigen, der nahe bei mir stand und einer Tanne ähnlich, aber dornicht war. Zu meiner Verteidigung hatte ich mir einen knotigen Stock abgeschnitten, bestieg, damit bewaffnet, mein Nachtquartier, und setzte mich in eine solche Lage, daß ich nicht in Gefahr war, herunterzufallen. Aeusserst ermüdet sank ich bald in einen tiefen Schlaf und ruhte so sanft, daß ich bei meinem Erwachen mich neu belebt fühlte.

Es war schon heller Tag und kein Wölkgen am blauen Himmel; der Sturm hatte sich gelegt, und die[82] ruhige See glänzte im lieblichsten Sonnenschein, von sanften Winden gekühlt. Was mich am meisten verwunderte und erfreute, war, das Schiff kaum eine Meile vom Ufer, aufrecht und unbeweglich im Sande liegen zu sehen, wohin es während der Nacht, durch die Fluth aufgehoben, war getrieben worden.

Der erste Gedanke bei diesem trostvollen Anblicke konnte wohl kein anderer seyn, als mich an Bord zu begeben, Lebensmittel zu suchen, und soviel von der Ladung zu retten, als möglich wäre. Dahin gieng nun mein einziges Bestreben, und das natürlichste war, mich nach unserm Boot umzusehn, um damit an das Schiff zu fahren. Ich ward es auch ungefähr zwei Meilen links von mir gewahr, stieg dann vom Baum herab und gieng längs dem Strande hin, fand aber ungefähr auf halbem Wege die Mündung eines kleinen Flusses, der hier wohl eine halbe Meile breit und also zu weit war, um hinüber zu schwimmen. Noch weniger konnte ich schwimmend zum Schiffe gelangen, da die Entfernung noch einmal so groß war. So verstrich der ganze Morgen unter vergeblichen Entwürfen und Bemühungen, etwas auszudenken und etwas zu finden, um meinen Hunger zu stillen.

Als ich nicht lange nach Mittag an das Gestade zurückkam, fand ich die Ebbe beinahe verlaufen und das Wasser so weit zurückgezogen, daß ich trockenen Fusses mich dem Schiffe auf drei- bis vierhundert Schritte nähern konnte. Voll Freude zog ich mich sogleich aus, doch behielt ich meine langen Beinkleider und mein[83] Hemde an, warf meine Kleider auf den Strand und schwamm zum Schiffe, wo ich eine neue, nämlich die Schwierigkeit fand, an Bord zu kommen, denn es lag in niedrigem Wasser auf dem Grunde fest, und ragte hoch über selbiges heraus. Zweimal schwamm ich um das Schiff herum und ward endlich ein Tau-Ende gewahr, das ich mich wunderte nicht gleich das erstemal erblickt zu haben; es hieng am Vordertheil so tief herab, daß ich es, wiewohl nicht ohne Mühe, erhaschen und mich daran auf den Bock schwingen konnte, der tiefer im Wasser lag als der Hintertheil, der auf einer Sandbank ruhte.

Hier ward mein Schmerz über den Verlust meinem Gefährten erneuert, denn ich sah deutlich, daß, wenn wir an Bord geblieben wären, keiner sein Leben verloren hätte, und ich nicht so ganz verlassen in einer Einöde geblieben seyn würde, denn wir hätten aus den Schiffstrümmern und dem vorräthigen Holz, mit Hülfe des Schiffszimmermanns und seiner Werkzeuge, ein Fahrzeug erbauen und nach bewohnten Gegenden und von da wieder zu den Unsrigen gelangen können. [...] 

30. Junius. Heute war ich wieder in Gefahr, lebendig verschüttet zu werden. Ich war eben vor dem Eingange meiner Höhle, bereit auszugehen, und ward heftig erschreckt, als von der Decke des Mittelgewölbes wieder eine Menge Schutt herabfiel und die aufgestellten Stützen entsetzlich krachten. Aus Furcht, darunter begraben zu werden, flog ich gleich die Leiter hinauf und über die Mauer weg, aber kaum hatte ich aussen die Erde berührt, als ich deutlich merkte, daß ein schreckliches Erdbeben die Insel erschütterte, denn der Boden, wo ich stand, erbebte in weniger als acht Minuten dreimal durch eben so viel Stöße, die so heftig waren, daß die stärksten Gebäude eingestürzt wären; ein großes Felsenstück rollte, eine halbe Meile von mir, mit donnerndem Getöse von dem Gipfel des Berges, an dessen Fuß meine Wohnung stand, herab, die See gerieth in eine grausenerregende Bewegung, und die Erdstöße mochten unter der Wasserfläche wohl noch stärker als auf dem Lande gewesen seyn.

Meine Angst war desto größer, da ich nie ein Erdbeben erfahren hatte, und ich lag betäubt und beinahe[119] erstarrt unter einem Baum. Der weithallende Donner des herabgestürzten Felsens weckte mich aus der Betäubung, und erfüllte mich mit Entsetzen vor dem Gedanken, daß mein Zelt, mein Alles, unter dem eingestürzten Hügel begraben und ich ganz entblößt seyn werde. Die Bangigkeit preßte mir die Worte: »Gott erbarme dich meiner!« aus, aber ohne daß ich etwas dabei dachte. Als auf den dritten Stoß keine Erschütterung nachfolgte, faßte ich wieder etwas Muth, doch nicht genug, um es wagen zu dürfen, in meine Wohnung zurückzukehren; ich blieb trostlos und niedergeschlagen auf der Erde sitzen, ohne zu wissen, was ich anfangen sollte, und bemerkte, daß der Himmel sich bewölkte und sich ein starker Wind erhob, der in weniger als einer halben Stunde zum schrecklichsten Orkan ward, den man sich denken kann. Die See ward ganz mit Schaum bedeckt, die Brandung brach sich heulend am Felsenstrand, entwurzelte Bäume schleuderte der Sturm weit von ihrer Stelle, und die ganze Natur schien im Aufruhr zu seyn. Erst nach drei Stunden ließ das Toben nach, und es fieng nun an, sehr stark zu regnen. Da fiel mir endlich ein, daß dieser Sturm und Regen natürliche Folgen des Erdbebens wären, dieses also vorüber seyn müßte und ich mich nun wohl nach Hause wagen dürfte. Der Regen trieb mich noch mehr dahin und ich kam ganz durchnäßt daselbst an, setzte mich in mein Zelt und lebte gleichsam neu auf, als ich sah, daß der Schaden ganz unbedeutend war. Der Regen war so heftig, daß er mich in mein Mittelgewölbe zurückzugehen nöthigte, obgleich ich noch immer[120] bange war, es möchte über mich zusammenstürzen; als ich aber nichts Abschreckendes mehr bemerkte, so ward ich ruhiger, und um meine Lebensgeister wieder zu stärken, nahm ich einen Schluck    Kordialwasser, mit dem ich, so wie mit dem Rum, sehr sparsam war, weil ich wußte, daß keiner mehr zu haben wäre, wenn dieser alle seyn werde.

1. Julius. Der Regen dauerte die ganze Nacht und den größten Theil des heutigen Tages, so daß ich nicht an's Ausgehen denken konnte. Ich hatte also Zeit, über meine Lage nachzudenken. »Wenn die Insel öftern Erdbeben ausgesetzt ist«, – dachte ich, »so muß ich durchaus eine andere Wohnung suchen, mir eine leichte Hütte oder ein Zelt aufrichten, sie mit einer Mauer, wie hier, umgeben, denn in dieser Höhle werde ich über kurz oder lang mein Grab finden.« Die Furcht, lebendig begraben zu werden, verscheuchte mir den Schlaf, und doch erlaubte mir die Besorgniß vor wilden Thieren nicht, ausser meinem Walle zu schlafen. Ich dachte hin und her, wohin ich meine Wohnung verlegen sollte. Wenn ich aber um mich her Alles in der schönsten Ordnung, mich so versteckt und vor jeder andern Gefahr gesichert sah, so kam es mir gar zu schwer an, diesen Aufenthalt mit einem andern zu verwechseln, besonders wenn ich an die unsägliche Mühe und Beschwerlichkeiten dachte, die ich erlitten und die mir auf' s neue bevorstanden. Der Umstand, daß ich dennoch in dieser Wohnung bleiben müßte, bis die neue fertig wäre, welches eine desto längere Zeit erforderte, da ich einen ganzen statt nur eines halben Kreises mit[121] Pfählen einschliessen mußte, beruhigte mich eine Zeit lang, so daß ich die Ausführung auf eine unbestimmte Zeit verschob, wozu denn ein anderes Geschäft auch noch das Seinige beitrug. Ich beschäftigte mich den ganzen Tag, den herunter gefallenen Schutt herauszuschaffen, womit ich auch fertig wurde, denn es war nicht so viel als ich vor Schrecken glaubte. [...]

27.-31. Julius. Ich hatte bei den vielen Arbeiten meine Werkzeuge, besonders meine drei Aexte und meine Messer, beinahe ganz stumpf gemacht; auch die Beile waren größtentheils nicht mehr zur Arbeit tauglich, obgleich ich deren eine Menge hatte, weil wir sie zum Tauschhandel für die Neger mitgenommen hatten; aber theils durch meine Ungeschicklichkeit, theils durch das harte Holz meines Pfahlwerks und des Schiffsgebäudes waren sie so schartig geworden, daß es höchst nöthig war, sie zu schleifen. Nun hatte ich zwar einen Schleifstein, der aber kein Fußgestelle hatte, und den ich so nicht gebrauchen konnte. Es kostete mich nicht weniger Nachdenken als einem Staatsminister der wichtigste Punkt in der Politik. Doch kam ich damit zu Stande, und ersann mir ein Gestell mit einer Schnur und Fußtritt, daß ich den Stein mit dem Fuß drehen konnte, und beide Hände zum Schleifen frei behielt. Diese Arbeit kostete mich nicht weniger als fünf Tage Zeit, denn ich hatte vorher dergleichen niemals gesehen, wenigstens nie darauf gemerkt, wie sie gemacht waren. Mein Schleifstein drehte vortrefflich, und that mir sehr gute Dienste; ich benutzte die verlornen Stunden und besonders die Regenzeit, um meine Werkzeuge zu schleifen und stets brauchbar zu erhalten.

Die Vernunft ist das Wesen und der Ursprung der Meßkunst, und ein Jeder, der alles ihr zufolge abwägt,[127] abmißt und beurtheilt, kann durch Uebung ein Meister in allen mechanischen Künsten werden. Ich hatte vorher keines der verschiedenen Handwerke getrieben oder auch nur gesehen, wozu mich jetzt die Noth zwang, und doch fand ich mit der Zeit durch Nachdenken, Fleiß und Arbeit, daß ich alles machen konnte, was ich brauchte, und brachte oft bloß mit einem Beile und Messer eine Menge von Sachen zuwege, – freilich mit vieler Mühe und Zeit, – die sonst niemals auf die Art waren gemacht worden. Wenn ich z.B. anfangs eine Planke nöthig hatte, so war ich genöthigt, einen so dicken Baum zu fällen, als sie breit werden sollte, ihn dann auf beiden Seiten so lange zu bezimmern, bis er so dünn als nöthig war, und ihn endlich mit dem Hobel vollends eben zu machen; so bekam ich nun freilich aus der ganzen Dicke eines Baumes nur ein Brett, zu dem ich auf keine andere Art gelangen konnte als durch Arbeit, Geduld und Zeit, die aber auf diese Weise eben so gut als auf eine andere angewendet war, denn was hatte ich sonst zu thun? Späterhin fand ich jedoch Holz, das sehr gern und schnurgerade spaltete, so daß ich leicht viele Bretter aus einem Stamme verfertigen konnte. Auch lehrte mich oft der Zufall Dinge, die ich nie durch Nachsinnen und Fleiß erfunden hätte. [...]"


4. Abschnitt Bergung von Schiffsvorräten


[...] Das erste, was ich nun vornahm, war, mit dem mitgebrachten Segel und Rundholz ein Zelt zu errichten, und alles, was durch Sonne und Regen Schaden leiden könnte, in selbiges zu bringen. Die leeren Kisten stellte ich um das Zelt herum, um es vor jedem Anfall von Menschen und Thieren zu sichern und vermachte den Eingang mit Brettern, vor welche ich auswendig eine umgekehrte Kiste aufstellte. Hierauf bereitete ich mein Bett auf die Erde, legte meine geladene Flinte und zwei Pistolen neben mich, und schlief zum erstenmal wieder, nach gewohnter Bequemlichkeit, sanft und ruhig bis an den Morgen.

3. Oktober. Heute schwamm ich wieder an Bord, machte einen neuen Floß und zwar nicht ohne große Schwierigkeit, weil ich aus Unbedachtsamkeit die Werkzeuge und Materialien meistens an's Land gebracht hatte; doch fand ich noch von beiden genug, um mir zu helfen, und nahm diesmal soviel Taue, dünne   Stricke   und   Bindfaden, als ich finden konnte, ferner alle Segel vom größten bis zum kleinsten, nebst einem Stück Kannevas zum Ausbessern derselben mit; ich bedauerte nur, daß ich die größern Segel in Stücken zerschneiden mußte, um sie auf den Floß bringen zu können, sie konnten[93] mir daher nicht mehr zu Segeln, sondern bloß als grobe Leinwand dienen.Das erste, was ich nun vornahm, war, mit dem mitgebrachten Segel und Rundholz ein Zelt zu errichten, und alles, was durch Sonne und Regen Schaden leiden könnte, in selbiges zu bringen. Die leeren Kisten stellte ich um das Zelt herum, um es vor jedem Anfall von Menschen und Thieren zu sichern und vermachte den Eingang mit Brettern, vor welche ich auswendig eine umgekehrte Kiste aufstellte. Hierauf bereitete ich mein Bett auf die Erde, legte meine geladene Flinte und zwei Pistolen neben mich, und schlief zum erstenmal wieder, nach gewohnter Bequemlichkeit, sanft und ruhig bis an den Morgen.

3. Oktober. Heute schwamm ich wieder an Bord, machte einen neuen Floß und zwar nicht ohne große Schwierigkeit, weil ich aus Unbedachtsamkeit die Werkzeuge und Materialien meistens an's Land gebracht hatte; doch fand ich noch von beiden genug, um mir zu helfen, und nahm diesmal soviel Taue, dünne Stricke und Bindfaden, als ich finden konnte, ferner alle Segel vom größten bis zum kleinsten, nebst einem Stück Kannevas zum Ausbessern derselben mit; ich bedauerte nur, daß ich die größern Segel in Stücken zerschneiden mußte, um sie auf den Floß bringen zu können, sie konnten[93] mir daher nicht mehr zu Segeln, sondern bloß als grobe Leinwand dienen.


Fünfter Abschnitt: Das Erdbeben.


Nun war mein Hausrath und meine Wohnung in der besten Ordnung, und eigentlich fieng ich erst jetzt an, bequem zu leben und mein Tagebuch zu halten, so wie der vorhergehende Auszug zeigt. Ich setzte dieses Tagebuch, worin ich Alles auf's genaueste anmerkte, so lange fort, als mein Vorrath von Tinte, der in einer nicht vollen Flasche bestand, dauerte, die endlich durch vieles Zugießen von Wasser so blaß wurde, daß es mit dem Schreiben ein Ende hatte, denn frische[116] Tinte konnte ich nicht zuwege bringen, und alle Versuche mißlangen.

26. Junius. Als ich diesen Morgen von meinem gewöhnlichen Spaziergang nach Hause kam und an der Quelle einen wahren Labetrunk gethan hatte, bemerkte ich einige Schritte davon zehn bis zwölf Aehren Gerste und eben so viel Waizen, beides so schön und vollkommen, als die, so ich je in England gesehen habe. Ausser diesen waren noch zwanzig bis dreißig Halme Reis da, die ich gleich erkannte, weil ich bei meinem Aufenthalte in Afrika denselben kennen gelernt hatte. Meine Verwunderung, mein Erstaunen gieng über jeden Ausdruck, da ich hier, in einem Klima, wo sonst kein Getreide und kein Reis wächst, beides fand, und ich fieng an, auf den Gedanken zu kommen und mich glücklich zu preisen, daß Gott um meinetwillen ein Wunder gethan und in dieser Wildniß ohne ausgestreute Saat Reis und Getreide zu meinem Unterhalt wachsen ließ. [...]

27.-28. Junius. Auf mehreren Spaziergängen, wo ich beinahe jeden Winkel durchsuchte, um mehr Getreide oder Reis zu finden, war es mir unmöglich, nur ein Körnchen zu entdecken, und dies bestärkte mich desto mehr in dem Glauben an die unmittelbare Einwirkung Gottes, der diese Aehren mir so nahe[117] aufsprossen ließ, damit ich sie desto leichter fände. Meine Gedanken waren ausschließlich auf diesen Gegenstand gerichtet. Endlich erinnerte ich mich, daß ich während der Regenzeit das Säckchen mit dem Rest gemischter Gerste und Waizen, wobei denn auch die von mir unbemerkten Reiskörner waren, an dieser Stelle ausgeleert hatte, weil ich das Säckchen zu etwas anderm brauchen wollte. Das Wunder hörte sogleich auf und mit ihm meine Dankbarkeit, da ich darin nur etwas ganz Gewöhnliches fand. Indessen war es doch, in Ansehung meiner, eben so sehr ein Zeichen der besondern Güte Gottes gegen mich, als ob ein wirkliches Wunder geschehen wäre, da sie es veranstaltete, daß noch so viele Körner unversehrt blieben, und gerade zur rechten Säezeit und an der rechten Stelle ausgeschüttet werden mußten, wo es unter dem Schatten der Felswand aufkeimen und gedeihen konnte, da es sonst an einer weniger günstigen Stelle von der Hitze verbrannt oder verderbt worden wäre.

29. Junius. Ich vernachläßigte meine kleine Erndte nicht, und sammelte selbige heute mit größter Sorgfalt ein, um ja kein Körnchen zu verlieren, in Hoffnung, mit der Zeit einen hinlänglichen Vorrath an Getreide zu Brod und an Reis zu andern Speisen zu erhalten. Sie bestand in drei Händen voll Getreide und noch einmal so viel Reis, und da ich glaubte, daß gerade jetzt die beste Zeit zum Säen wäre, so grub ich mit meiner hölzernen Schaufel ein kleines Stück Erdreich um, welches ungefähr dreißig Schritte links von meiner Wohnung lag, wo die Grasebene sich zu[ 118] senken anfieng. Unter der Arbeit fiel mir ein, daß es wohlgethan seyn möchte, nicht Alles auf einmal zu säen, da ich doch nicht gewiß war, ob jetzt die rechte Säezeit wäre; ich säete also nur zwei Drittel, und das war mein Glück, denn von der ganzen Saat gedieh nicht ein einziges Körnchen; sie schoß zwar anfangs lustig auf, aber die Hitze der trockenen Jahreszeit, wo keine Feuchtigkeit den Wachsthum beförderte, war Schuld, daß Alles verdorrte.


Sechster Abschnitt.

[128] Die Krankheit.


1.-4. August. Schon seit einiger Zeit bemerkte ich zu meiner großen Betrübniß, daß mein Brodvorrath stark auf die Neige gieng, und ich schränkte mich auf ein einziges Stück Zwieback täglich ein. Dies setzte mich nur desto mehr in Thätigkeit, eine zweite Saat vorzunehmen, da auch die Regenzeit heranzunahen schien, denn es war mir leicht gewesen, zu entdecken, daß die Hitze der trockenen Jahreszeit der wahre Grund und gewesen war, daß ich meine erste Saat einbüßte. – Ich suchte mir also ein fruchtbares Stück Erdreich aus, nämlich ungefähr 100 Schritte rechts von meiner Mauer, am Abhange des Hügels, wo die Nähe der Felsenquelle, ohne gerade darüber zu fließen, die Erde hinlänglich befeuchtete und erfrischte. Ich grub ein kleines Stück um, und besäete einen Theil mit Getreide, den andern mit Reis, behielt aber doch, aus Furcht Alles zu verlieren, auf den schlimmsten Fall noch ein Drittel meines Saamens zurück. Da ich ihn nun einige Zeit vor der Herbst-Nachtgleiche säete und diese Saat nun die Regenmonate September und Oktober zur Befeuchtung hatte, so gieng sie lustig auf und gab zu seiner Zeit eine sehr gute Erndte.

5.-9. August. Die Witterung ward rauh, was mir für die Jahrszeit und diesen Himmelsstrich anfangs[129] ungewöhnlich schien; es fiel ein dünner kalter Regen, der mir nicht wohl bekam. Ich fühlte Frost und Kopfschmerzen, brachte die Nächte unruhig und schlaflos zu, oder ward in oft unterbrochenem Schlummer durch grausende Träume aufgeschreckt. Bei Tage quälte ich mich mit traurigen Vorstellungen über meinen verlassenen Zustand und über den Ausgang meiner Krankheit. Seit jenem Sturm zu Yarmouth betete ich heute zum erstenmale zu Gott, wußte aber kaum, was ich sagte, denn meine Gedanken waren in der größten Verwirrung. [...Beginn der Krankheit...]

11. August. Ich fühlte mich viel besser aber äusserst schwach, dennoch mußte ich auf die Jagd gehen, weil ich nichts zu essen und doch großen Hunger hatte, wie das bei kalten Fiebern gewöhnlich ist. Ich schoß eine Ziege und schleppte sie mit größter Anstrengung meiner Kräfte nach Hause, wo ich sie zerschnitt, mir einige Stücke bratete und sie mit großem Appetit verzehrte. Ich hätte sie lieber gedämpfet und eine Brühe darüber gemacht, hatte aber keinen Topf. Die Kessel der Schiffsmannschaft waren zu groß und mir jetzt zu schwer, sie aus dem Magazin zu holen.

12. August. Das Fieber war heute heftiger als nie, so daß ich den ganzen Tag ohne Speise noch Trank zu Bette lag und vor Durst fast verschmachtete, denn ich war viel zu schwach, um aufzustehen, über die Mauer zu steigen und mir frisches Wasser zu holen.[130] Während drei ganzen Stunden that ich nichts als ausrufen: »Gott erbarme dich! – Herr hilf mir! – Gott stehe mir bei!« Als die Heftigkeit des Anfalls nachließ, schlief ich vor Entkräftung ein, wachte erst in tiefer Nacht wieder auf, fühlte mich sehr erfrischt, aber von Durst gequält, und hatte doch keinen Tropfen Wasser zu meiner Labung. Gegen Morgen schlief ich wieder ein, und ward durch einen fürchterlichen Traum aus dem Schlummer aufgeschreckt.

13. August. Mir träumte, ich säße ausser der Mauer, an der Stelle, wo ich das Ende des Erdbebens erwartete. Da stieg aus schwarzen Wolken ein Riese in glänzender Rüstung auf die Erde, die unter seinen Tritten erbebte; die ganze Luft um ihn her leuchtete von Flammen und schlängelnden Blitzstrahlen, vernichtend war sein Blick und drohend seine Anrede: »Stirb, Fühlloser! den nichts zur Buße erweckt!« – Bei diesen Worten schwang er seinen Speer gegen mich, und lange nach meinem Erwachen bebte ich noch vor Entsetzen, da ich mir doch schon bewußt war, daß es nichts als ein Traum sey.

Ein dunkles Selbstgefühl bestätigte die Wahrheit dieser Anklage, und war vermuthlich Ursache des Traums. Der Religionsunterricht, den ich bei Hause empfangen, die liebevollen Ermahnungen meines Vaters, waren durch einen achtjährigen Umgang mit Seefahrern, Mauren, Pflanzern und Kaufleuten, durch eine Reihe sonderbarer Ereignisse, durch den Drang der Umstände und durch das unruhige Streben meines Hangs zum Herumschwärmen längst verdrängt worden. Als ich in[131] das Elend der Sklaverei kam; als ich mich davon befreite; bei meiner gewagten Fahrt längs den Küsten von Afrika; bei meiner Rettung durch den menschenfreundlichen portugiesischen Kapitän; während meinem Aufenthalt in Brasilien; bei meinem letzten Schiffbruch an dieser Insel: fiel es mir gar nicht ein, daß meine widrigen Schicksale eine wohlverdiente Strafe meines Betragens seyen; ich hatte nicht das geringste Gefühl von Furcht vor Gott in Gefahren, noch von Dankbarkeit für seine Hülfe. Das Entzücken über meine Lebensrettung im Augenblicke, da meine Gefährten alle ertranken; die Rührung bei dem Anblick des so unerwartet aufgewachsenen Getreides; der Eindruck des Erdbebens: waren nichts als vorübergehende Gefühle, die sich in einer gewissen Betäubung der Seele verloren. [...]

Indem ich allmählig wieder neu auflebte, und nicht mehr so düster auf meine Lage hinblickte, beschäftigte mich vorzüglich der Gedanke an den Bibelspruch: »Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.« Da die Noth der Krankheit vorüber war, so machte ich die Anwendung von dem Versprechen der Rettung auf die Befreiung aus dieser Insel, und je unmöglicher mir diese schien, desto größer ward meine Sehnsucht, wieder zu Menschen zu kommen. Oft aber erscheinen ungesucht und unerwartet Augenblicke der Erleuchtung. Mir fiel ein, daß ich mich durch jene ungeduldige Sehnsucht zu[137] sehr hinreissen ließ, daß ich die Rettung von meiner Krankheit, die durch Entbehrung jeder menschlichen Hülfe noch weit bedauernswürdiger und gefahrvoller war, ganz vergesse. Um diese Rettung hatte ich ja Gott angerufen und Gott habe mich auch wirklich gerettet, aber ich hätte ihn nicht darum gepriesen. Auf's innigste gerührt, sank ich sogleich auf meine Kniee und dankte Gott laut und mit thränenden Augen für meine Genesung. [...]

Neunter Abschnitt

1. Jenner 1661. Der Neujahrstag war mir schon in meiner Kindheit wegen den vielen Geschenken, jetzt aber wegen den Betrachtungen wichtig, die er veranlaßte. Auch feierte ich ihn nebst dem Weihnachtsfeste desto mehr, da mir die Tage, auf welche die beweglichen hohen Feste, Ostern und Pfingsten fielen, unbekannt waren. Ich fieng meine Feier mit Oeffnung der Bibel an und fand die trostvollen Worte: »Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.« Ich wandte sie auf mich an, denn ich war traurig, daß ich heute mein letztes Stückchen Zwieback genießen sollte, das ich seit einigen Tagen auf diesen verspart hatte; dazu kam noch, daß ich wenigstens ein halbes Jahr warten mußte, ehe ich wieder Brod bekam. Aber dieser trostreiche Wunsch belebte mich auf's Neue. »Nun denn! – rief ich, – verläßt Gott mich nicht, was thuts, wenn ich auch von der ganzen Welt verlassen bin.« Ich dankte Gott mit gerührtem Herzen, daß er dem Kaufmann in England, der mir meine Sachen nach Brasilien sandte, in den Sinn gab, die Bibeln dabei zu legen, und daß ich sie mit zu Schiffe nahm und daraus rettete.

In dieser Gemüthsverfassung trat ich das neue Jahr an. Um aber die allzugroße Umständlichkeit und den Tagebuchsstyl zu vermeiden, werde ich in der Folge nur dann die Tage bemerken, wenn sie vorzüglich merkwürdig[162] sind. Der Drang der Bedürfnisse und meine eigene Thätigkeit erlaubten mir nicht müßig zu seyn. Wie schon bemerkt, hatte ich meine Zeit ordentlich eingetheilt, doch die allmählige Verbesserung meiner Lage gab Anlaß zu einiger Abänderung. Dreimal des Tags las ich in der Bibel und verrichtete mein Gebet. Alle Morgen, wenn es nicht regnete, gieng ich aus, um etwas zu schießen, oder etwas anderes zu meinem Unterhalt zu holen; dies nahm mir zwei bis drei Stunden. Nicht viel weniger Zeit hatte ich zur Zubereitung und Aufbewahrung meiner Speisen nöthig. Gegen 11 Uhr, besonders wenn die Sonne im Zenith stand, war die Hitze so groß, daß nicht daran zu denken war mich zu rühren, viel weniger zu arbeiten, so daß mir kaum 4 oder 5 Nachmittags- und Abendstunden zur Arbeit übrig blieben. Zuweilen verwechselte ich die Jagd- und Arbeitsstunden, so daß ich des Abends jagte und des Morgens arbeitete, wenn ich Etwas gern bald fertig gehabt hätte, oder der Regen dazu Anlaß gab. Uebrigens wird man diese kurze Arbeitszeit desto weniger zu kurz finden, wenn man außer der Hitze des Klima's noch die Mühsamkeit bedenkt, womit ich Alles, theils aus Unkunde, theils aus Mangel an Materialien, Werkzeugen und andern Hülfsmitteln bewerkstelligen, und oft einen Monat zu einer Arbeit anwenden mußte, die ein paar Handwerker sonst in einem Tage gefertigt hätten. [...]

Eilfter Abschnitt.

[186] Der Schiffsbau.


Während dieser ganzen Regenzeit gieng ich beinahe nicht ausser meine Pfähle, denn es fehlte mir nicht an Beschäftigung, und unter der Arbeit lehrte ich meinen Papagei sprechen, der nun gar vertraut mit mir zu werden anfieng; er lernte bald seinen eigenen Namen: Poll, aussprechen. Bald lernte er auch meinen Namen: Robinson, nebst andern schmeichelhaften Worten reden, so daß ich die größte Freude an ihm hatte; und welch eine Wollust war es für mich, nach mehr als zwei Jahren ein ausgesprochenes Wort von einer andern als meiner eigenen Stimme zu hören! So kurz und unbedeutend unsere Unterredung war, so hatte ich doch nun jemand um mich, der mich zu verstehen schien, mit dem ich vertraut redete, und der mir zuweilen, statt der Antwort, ein Robinson oder Poll dazwischen plauderte.

Die irdenen Gefäße, die ich gemacht hatte, reichten zu meinem Bedürfnisse nicht hin; sie waren zu klein, selbst das, worin ich kochte, enthielt kaum soviel als ich für eine Mahlzeit bedurfte; die andern neuen waren noch kleiner. Die übrigen Gefäße, die ich hatte,[186] bestanden in zwei Fäßchen, die fast ganz voll Rum waren; zwei Pulfer-Tönnchen, die ich ausleerte, als ich mein Pulfer vertheilte, und jetzt mit andern Dingen angefüllt waren; zwei andere volle Pulferfäßchen in meinem Magazin, worin das naß gewordene Pulfer war; zwei Fäßchen voll Gewehrkugeln; etwa ein Dutzend gläserne Flaschen, theils runde, theils viereckigte; letztere gehörten zu den verschiedenen geretteten Flaschenfuttern, und enthielten Kordialwasser und andere gebrannte Wasser; endlich einen großen Kessel aus dem Schiffe, der aber viel zu groß war, um für mich allein zu kochen.

Das Erste, was ich vornahm, waren zwei Körbe, die ich bei der Töpferarbeit brauchen wollte. Dann gieng ich an diese und machte zwei große und einige Dutzend kleinere Gefäße. Als ich die großen mit vieler Sorgfalt geformt hatte, und sie so weit getrocknet waren, daß ich sie bewegen konnte, setzte ich sie in jene beiden Körbe, die ich dazu bestimmt hatte, so daß ich nun, ohne sie anzufassen, selbige hin und her bewegen konnte; die übrigen setzte ich auf Bretter, um im Schatten auszutrocknen, bis ich sie nach verlaufener Regenzeit an die Sonne setzen konnte.

Nach diesem bemühte ich mich, ein größeres Faß als meine Tönnchen zu machen; ich zimmerte und hobelte, und machte Dauben, Böden und Reife, konnte aber nie dazu gelangen, die Böden einzusetzen oder die Dauben so dicht zusammenzupassen, daß sie Wasser gehalten hätten; ich schlug sogar eins der leeren Pulferfäßchen auseinander, um desto genauer zu untersuchen,[187] wie sie gemacht waren, allein es wollte mir nicht gelingen; ich mußte zum erstenmal eine Arbeit ungefertigt aufgeben, und hatte selbst noch die größte Mühe, das auseinander geschlagene wieder zusammenzufügen, und zwar nicht so gut, daß es Wasser gehalten hätte. [...]


Siebenzehnter Abschnitt

[...] Es war in der Regenzeit, im März des vierundzwanzigsten Jahres seit meiner Ankunft in dieser Einöde, als ich eine ganze Nacht schlaflos zubrachte, obschon ich ganz gesund war. Es würde eben so unmöglich als überflüssig seyn, die unzähligen Gedanken aufzuzeichnen, die sich in meinem Kopfe durcheinander drängten. Unter andern gieng die ganze Geschichte meines Lebens, wie ein Miniaturgemälde, oder vielmehr wie Bilder einer Zauberlaterne vor mir vorüber, und erweckte bald fröhliche, bald traurige Betrachtungen in mir. Da ich jetzt wieder Papier, Tinte und Federn besaß, so schrieb ich nicht nur wieder dasjenige auf, was mir täglich begegnete, sondern auch aus dem Gedächtniß, was sich ereignet hatte, seitdem ich nicht mehr hatte schreiben können.

Die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Zustande ist eine allgemeine Seuche, aus welcher gewiß die größere Hälfte alles Elends entspringt, das die Menschen[271] betrifft, und ich kann hierin allen zu einem warnenden Beispiele dienen. Ohne jetzt auf meine ersten Thorheiten, meine Widersetzlichkeit gegen den Willen und den vortrefflichen Rath meines Vaters und auf meine Entweichung zurückzukommen, so war doch meine unruhige Gemüthsart die Quelle alles mir seither zugestoßenen Elendes. Hätte ich in Brasilien meine Begierden einzuschränken gewußt, und mich damit begnügt, meine Pflanzung zu besorgen und zu verbessern, so würde ich längst über hundert tausend Moidoren im Vermögen haben; welche Thorheit war es daher, das Gewisse für das Ungewisse zu verlassen, um Neger zu holen, die ich vor meiner Thüre hätte kaufen können; der Unterschied des Preises war so unbedeutend, daß es nicht werth war, mich einer so großen Gefahr auszusetzen. Hier stellte sich diese nun in ihrer ganzen Größe dar, dann auch meine glückliche Rettung und die frühern Jahre meines Aufenthalts auf dieser Insel; ich verglich meine damalige ruhige Lage mit der Furcht, den Beängstigungen und Besorgnissen, in denen ich seit dem Augenblick der Entdeckung des menschlichen Fußtapfens gelebt hatte. [...]

Der Wirrwar meiner Gedanken beunruhigte mich so sehr, daß mein Blut in eine ausserordentliche Wallung gerieth, und mein Puls so schnell wie im Fieber schlug. Gegen Morgen, als schon die Dämmerung grauete, fiel ich vor Ermattung in einen wohlthätigen Schlaf. Da träumte mir, ich befände mich auf meinem Morgenspaziergang, und käme an die Ostküste, nächst meiner Anfurth, wo zwei Kanots landeten, aus denen eilf Wilde mit einigen Gefangenen stiegen, um diese zu verzehren. Einer derselben, den sie eben schlachten wollten, entlief ihnen und suchte sich in dem Gebüsche zu retten, das meine Burg umgab. Ich kam ihm mit Freundlichkeit entgegen und suchte ihm Muth einzuflößen. Er fiel vor mir nieder und schien mich um Beistand gegen seine Verfolger zu bitten, von denen ich aber keinen bemerkte. Es schien mir hierauf, daß ich ihm die Hand reichte, mit ihm auf der Leiter über[273] den Wall in meine Burg stieg, wo er mein Knecht wurde. Nun glaubte ich an ihm einen Steuermann zu haben, der mich nach dem festen Lande bringen und mir sagen würde, wohin ich gehen oder mich nicht hinwagen dürfe, was ich zu thun oder zu unterlassen hätte. Das Entzücken über meine nahe Befreiung war unaussprechlich, und mit nichts als mit dem Mißvergnügen und der Bestürzung zu vergleichen, da ich bei'm Erwachen fand, daß alles nur ein Traum sey, welches mich in die größte Niedergeschlagenheit versetzte. Doch leitete mich dies auf die Idee, wo möglich einen Wilden, den sie zum Abschlachten bestimmt und hieher gebracht hätten, aus ihren Klauen zu erretten; ich hoffte dadurch ihn mir, als dem Retter seines Lebens, so dankbar, und durch eine freundliche Behandlung so ergeben zu machen, daß er Alles für mich thun würde; ich beredete mich sogar, selbst mit zwei oder drei Wilden wohl fertig zu werden, und sie so zu zähmen, daß sie meine Sklaven seyn und allen meinen Befehlen gehorchen müßten, wobei ich denn schon verhüten wollte, daß sie mir keinen Schaden zufügten. An diesen Vorstellungen weidete ich mich lange, aber auf der andern Seite ward meine Freude merklich getrübt, daß diese Unternehmung großen Schwierigkeiten ausgesetzt sey, gar leicht mißlingen und zu meinem eigenen Verderben gereichen könnte. Dann beunruhigten mich auch wieder die Zweifel gegen die Rechtmäßigkeit derselben; die Gründe, worauf sie sich stützten, habe ich bereits auseinander gesetzt, und es wäre daher überflüssig, sie zu wiederholen.

Meine Wünsche und Bedenklichkeiten, Gründe und[274] Gegengründe kämpften lange gegen einander, und nach vieler Unruhe und Unentschlossenheit behielten denn doch die ersteren die Oberhand über alles Uebrige, und ich war fest entschlossen, was es auch koste, einen Wilden in meine Hände zu bekommen, und ich rechtfertigte meinen Vorsatz mit dem Grunde, daß die Wilden meine Feinde, die Störer meiner Ruhe waren. Man merkt wohl, daß die Leidenschaft mir diesen Grund eingab, denn er ist falsch.

Nachdem einmal mein Entschluß gefaßt war, kam es darauf an, wie ich ihn ausführen sollte. Nach mehreren entworfenen, abgeänderten, verworfenen und erneuerten Planen, hielt ich mich an den schon einmal gefaßten, nämlich Wache zu halten, um ihre Ankunft und ihr Benehmen zu erspähen, im Uebrigen den Erfolg abzuwarten, und meine Maaßregeln den Umständen gemäß zu ergreifen. [...]

Freitag

Endlich, nach anderhalb Jahren, erblickte ich eines Morgens meine Feinde, aber nicht ohne große Bestürzung, denn es waren nicht weniger als fünf Kanots,[275] und da jedes sechs oder mehr Wilde zu enthalten pflegte, so war es allerdings viel gewagt, ich so allein ihrer dreißig anzufallen. Sie waren an der Nordostküste, jenseits der Bucht, ans Land gestiegen, und zogen etwas links von mir, wo eine sich hinunterziehende Waldspitze sie bald meinen Augen entzog, so daß ich nicht wissen konnte, wie weit landeinwärts sie gegangen waren, welches mich sehr beunruhigte. Statt sie aufzusuchen, kehrte ich in meine Burg zurück, machte Alles zu einer tüchtigen Vertheidigung zurechte, wie ich schon einmal in einem ähnlichen Falle gethan hatte. Nachdem ich in dieser Verfassung eine gute Weile gewartet und gelauscht hatte, ob ich kein Geräusch von ihnen hörte, ward ich ungeduldig, und stieg mit dem Fernglase auf meine Warte, wo ich sie ungefähr hundert Schritte vom Ufer sogleich entdeckte; sie hatten ein großes Feuer angemacht und tanzten mit mancherlei Geberden und Stellungen um selbiges herum. Darauf entfernten sich Einige, und holten aus einem Kanot zwei Unglückliche, von denen ich sogleich den Einen niederstürzen sah, der vermuthlich mit einer Keule zu Boden geschlagen wurde; ohne Verzug warfen sich drei Unmenschen über ihn her, öffneten ihm den Leib und zerlegten ihn in Stücke, indeß der Andere jede Minute ein ähnliches Schicksal erwartete; als er aber bemerkte, daß die Umstehenden mehr auf den Erschlagenen als auf ihn Acht gaben, so ersah er seinen Vortheil, nahm Reißaus, und rannte, von der Liebe zum Leben beflügelt, mit unglaublicher Schnelligkeit gegen den Meerbusen gerade auf meine Wohnung zu, was mich desto mehr in Schrecken setzte,[276] da eine ganze Schaar ihn verfolgte; doch fieng ich bald an mich zu erholen, als ich ihn hinter der Waldecke hervorkommen und nur von Dreien verfolgt sah, über die er jeden Augenblick einen so beträchtlichen Vorsprung nahm, daß wenn er diesen schnellen Lauf nur eine halbe Stunde aushalten konnte, sie ihn nie einholen würden; wenn er aber nicht von ihnen erhascht werden wollte, so mußte er nothwendig über die Bay schwimmen, die hier schon gegen fünfzig Schritte breit war und hohe Ufer hatte; allein die Fluth war ihm günstig und er warf sich ohne Anstand in's Wasser, schwamm in dreißig bis vierzig Sätzen hinüber, erkletterte mit Leichtigkeit das Gestade, und setzte seinen Lauf mit ausserordentlicher Schnellfüßigkeit fort. Von seinen Verfolgern blieb einer stehen, und kehrte bedächtlich und zu seinem Glück zum Blutschmause zurück; die beiden andern waren beherzter, und schwammen dem Flüchtling nach, brauchten aber noch einmal so viel Zeit dazu als dieser.

Jetzt war ich gewiß, daß mein Traum in Erfüllung gehen, der Fliehende in meinem Wäldchen Schutz und Schirm suchen und sich retten werde, und ich fühlte einen unwiderstehlichen Drang ihm beizustehen, wozu die Vorsehung mich deutlich zu berufen schien, um mir einen Gehülfen und Gefährten zu gewinnen. Ich stieg in größter Eile von meiner Warte herunter, nahm zwei Flinten, die ich bereits geladen hatte, stieg über meinen Wall, und lief gerade gegen die Bucht hin, wo ich, da der Weg kurz war und sich sanft bergab senkte, mich bald zwischen dem Entflohenen und den[277] Nachsetzenden befand. Jenem rief ich laut zu, allein der Furchtsame erschrack eben so sehr über mich als über seine Feinde; aber ich winkte ihm mit der Hand nach mir zu, und gieng auf jene los, fiel über den nächsten her, und schlug ihn mit dem Gewehrkolben zu Boden, denn ich wollte nicht gerne meine Flinte abfeuern, aus Besorgniß, durch den Knall mich dem nahen Schwarm zu verrathen, obwohl die Entfernung und die Unbekanntheit mit Feuergewehr es höchst unwahrscheinlich machte, daß sie sich selbigen erklären konnten. Der Gefährte des Erschlagenen stand bestürzt einige zwanzig Schritte hinter ihm stille, ich nahete mich ihm, und bemerkte, daß er den Pfeil auf den Bogen legte, deßwegen kam ich ihm vor, und schoß ihn Knall und Fall nieder.

Dieser Knall, die Flamme, der Rauch erschreckten den armen Wilden so sehr, daß er wie eingewurzelt stille stand, und er schien mehr geneigt, zu fliehen, als sich mir zu nähern; ich rief und winkte ihm wiederholt, er möchte doch zu mir kommen. Er schien es auch zu verstehen, kam einige Schritte näher, stand stille, trat wieder vorwärts und hielt wieder inne. Ich bemerkte wohl, daß er vor Angst zitterte, obschon er seine Feinde todt und sich von ihnen befreit sah, allein er fürchtete gefangen und wie sie getödtet zu werden. Ich winkte ihm abermals, und suchte ihm durch alle erdenkliche Zeichen und freundliche Worte und Blicke Muth einzuflößen. Dies bewog ihn, sich zu nähern, er kniete aber alle zehn oder zwölf Schritte, um mir seine Dankbarkeit oder Unterwürfigkeit zu bezeugen. Ich lächelte[278] ihm entgegen; endlich kam er ganz nahe, kniete wieder, küßte die Erde, ergriff meinen Fuß, und setzte sich ihn auf den Kopf, den er auf den Boden gelegt hatte, welches vermuthlich ein Zeichen seyn sollte, er wolle mein Sklave seyn. Ich reichte ihm die Hand, hob ihn auf, that freundlich gegen ihn, und suchte auf alle mögliche Art ihm Muth zu machen.

Allein es gab noch mehr zu thun. Der Wilde, den ich mit dem Kolben niedergeschlagen hatte, war nicht todt, sondern nur betäubt, fieng an wieder zu sich selbst zu kommen und sich zu regen. Ich zeigte dies meinem geretteten Wilden, der hierauf einige Worte aussprach, die ich zwar nicht verstand, mich aber entzückten, da sie seit fünfundzwanzig Jahren die ersten menschlichen Laute waren, die ich, ausser meiner eigenen Stimme, hörte. Doch es war jetzt keine Zeit, mich diesen angenehmen Betrachtungen zu überlassen, denn der Verwundete hatte sich schon so weit erholt, daß er aufgerichtet saß, und mein Schützling fieng bereits an bange zu werden. Ich richtete meine Flinte auf Jenen, um ihn zu erschiessen, allein Dieser hatte schon so viel Zutrauen zu mir gewonnen, daß er mir zu verstehen gab, ich möchte ihm meinen Säbel leihen. Kaum hatte er ihn, als er auf seinen Feind zulief, und ihm mit einem Streiche den Kopf so fertig als der geschickteste Scharfrichter abhieb, welches mich verwunderte, da ich glaubte, der Säbel müßte für ihn eine unbekannte Waffe seyn, allein ich hatte nachher Gelegenheit zu erfahren, daß die Wilden Schwerter haben, die von so hartem und schwerem Holz und so scharf sind, daß sie[279] damit so gut als wir mit eisernen ihre Feinde mit einem Hiebe niedersäbeln. Nach einer so wohl gelungenen That kam er hüpfend zurück, und legte den Säbel nebst dem Kopfe mit lautem Lachen und seltsamen Geberden zu meinen Füßen.

Nichts erregte aber mehr sein Erstaunen, als daß ich den andern von seinen Feinden in so weiter Entfernung getödtet hatte. Er wies daher auf ihn, und ich erlaubte ihm, dahin zu gehen; er näherte sich demselben, betrachtete ihn aufmerksam, wandte den Körper bald auf diese, bald auf jene Seite, untersuchte vorzüglich die Wunde in der Brust, woran er sich inwendig verblutet hatte; nach langer, verwunderungsvoller Betrachtung kam er mit dem Bogen und den Pfeilen des Erlegten zurück, und ich gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er mir folgen sollte, weil sonst mehrere seiner Feinde nachkommen möchten. Er war aber vorsichtiger als ich, und antwortete mir durch Zeichen, er wolle vorher die Todten begraben, damit sie die andern nicht finden könnten, und auf meine Einwilligung waren in einer Viertelstunde beide Leichname im Sande verscharrt.

Während dieser Arbeit überlegte ich, daß es vorsichtiger seyn möchte, ihn nicht in meine Burg, sondern in die Grotte zu bringen, wohin ich ihn auch führte. Dies traf zwar nicht mit meinem Traume zu, aber die Behutsamkeit verdiente den Vorzug. Hier reichte ich ihm Brod, getrocknete Weinbeeren und frisches Wasser, welche Gerichte er köstlich fand und mit vielem Appetit verzehrte; dann wies ich ihm einen Bündel Reisstroh[280] an, um darauf von der Ermüdung auszuruhen, die ihm die Lebensgefahr und die angestrengte Flucht verursacht hatten.

Während seinem Schlafe hatte ich Gelegenheit und Muße, ihn zu betrachten. Er war ein wohlgewachsener, schlanker Bursche von mittlerer Größe und ungefähr fünfundzwanzig Jahren; alle seine Glieder zeugten von Stärke und Behendigkeit; sein männlich schönes Gesicht war ohne Wildheit, und aus seinen Zügen sprach, besonders wenn er lächelte, etwas von der Sanftheit, die sonst nur den Europäern eigen ist; seine Gesichtsfarbe war zwar dunkel, aber nicht so schwarzgelb, wie die der Eingebornen von Brasilien, sondern olivenfarbig, die etwas Angenehmes an sich hatte; seine schwarzen Haare waren nicht wollicht-kraus, sondern lang und wallend; das Gesicht war rund, die Stirne hoch, die Augen voll Feuer, der Mund wohlgeformt und voll glänzend weißer Zähne.

Nach diesen Bemerkungen verließ ich die Grotte, um in dem nahe gelegenen Gehäge meine Ziegen zu melken, bei welcher Beschäftigung mich mein Indianer, der kaum eine halbe Stunde geschlafen hatte, antraf. Sobald er mich erblickte, lief er eilends auf mich zu, legte sich demüthig vor mich hin, setzte meinen Fuß auf seinen Kopf, wie er schon gethan hatte, und suchte auf alle mögliche Art seine Dankbarkeit, seine Unterwerfung und Ergebenheit auszudrücken. Ich verstand den größten Theil seiner Zeichen, bezeugte ihm meine Zufriedenheit und mein Wohlwollen, und suchte mit ihm zu sprechen. Zuerst gab ich ihm zu verstehen, er sollte[281] mich Herr nennen, und er sollte Freitag heißen, weil ich meinem Kalender zufolge glaubte, daß der heutige Tag so hieße; dann lehrte ich ihn die Wörter Ja und Nein aussprechen, und ihre Bedeutung verstehen, womit ich den heutigen Sprachunterricht beendigte. Hierauf gab ich ihm Brod und etwas Milch in einem Topfe, ließ ihn sehen, wie ich Brod drein brockte, aß und trank, und winkte ihm, ein Gleiches zu thun; das that er auch, und bezeugte mir, daß es ihm vortrefflich schmecke."

Der Traum erfüllt m.E. die Doppelfunktion, einerseits, das folgende Geschehen für den Leser plausibler zu machen (so verliert der Vorgang, dass einer flieht, Robinson einen erschießt, ohne dass die große Gruppe darauf irgendwie reagiert, dadurch seine Unwahrscheinlichkeit, weil man das Ganze bereits schon einmal gelesen hat) und andererseits das Auftauchen eines Gefährten für Robinson als  im Traum angekündigtes Gottesgeschenk anzusehen. Da es ihm von Gott geschenkt worden ist, wird motiviert, dass Robinson selbstverständlich als seinen Besitz und Sklaven versteht. 

Um das abzusichern, wird zweimal geschildert, dass Freitag den Fuß Robinsons auf seinen Kopf setzt und damit seine völlige (nicht durch Kampf, sondern durch Dankbarkeit begründete) Unterwerfung zum Ausdruck bringt. 

Dass der Wilde schön ist und deutlich jünger als Robinson, passt dazu. Der Ablauf stellt Robinson auch schuldlos: er greift nicht an, sondern verteidigt sich nur. Die Tötung des zweiten Eingeborenen geschieht durch Freitag, der als außerhalb der christlichen Moral stehend, im religiösen Sinne schuldunfähig ist.


Für Robinson erfüllt Freitag einerseits die Rolle, die in der jüdisch/christlichen Schöpfungsgeschichte Eva zukommt. Doch dass er  keine Frau ist, zur befreit den Erzähler von der Aufgabe, eine sexuelle Beziehung  oder gar die Aufzucht eines Kindes und dessen Reise in die Zivilisation darstellen zu müssen. 


Von hier ab verliert der Roman für mich an Interesse, weil nicht mehr geschildert wird, wie Robinson mit geringsten Mitteln einen eigenen Lebensraum aufbaut, sondern, wie er mit einzelnen Personen, die er befreit/rettet (Spaniern und Engländern ein Schiff erobert, mit dem, den Weg in die Heimat antreten zu können, er hofft. Es beginnt also eher ein Abenteuerroman, wie ich ihn besonders von Karl May kenne.


Der Zufall spielt mir ein Link zu einem amerikanischen Trivialroman über Piraten in die Hände. Wer will kann dort (im Blog eines Internetbekannten) nachlesen, wo ich gerade ein mir bisher unbekanntes Genre kennenlerne. (Ein Link zu dem vollständigen Text wird dort auch angeboten, ich bin mit der Zusammenfassung der Handlung durch Herrn Rau zufrieden. Bei seiner Art der Darstellung kann man mehr Roman in kürzerer Zeit als bei mir zur Kenntnis nehmen, weil weitgehend eine Inhaltswiedergabe mit nur wenigen eingestreuten Zitaten bietet.) 

Hiermit beende ich für einige Zeit meine Vorstellung der Übersetzung des Originaltextes des Robinson Crusoe. Wer weiteres lesen will, kann das vom 18. Abschnitt ab bei Zeno

Wer aber den vollständigen Text des Robinson Crusoe ohne Auslassungen lesen will, kann den Anfang des Textes bei Zeno hier finden.



26 Dezember 2024

Fontane: Havelland, Werder, "Christus als Apotheker"

 "[...] Die Kirche »Zum heiligen Geist«, auf der höchsten Stelle[416] der Insel malerisch gelegen, war schon zwei Jahre vorher einem Neubau unterzogen worden; ob sie schönheitlich dadurch gewonnen hatte, wird zu bezweifeln sein; die Lehniner Mönche verstanden sich besser auf Kirchenbau als der Soldatenkönig. Jedenfalls verbietet sich jetzt noch eine Entscheidung in dieser Frage, da die Renovation von 1734 längst wieder einem neuen Umbau gewichen ist, einer wiederhergestellten, spitzenreichen Gotik, die, in der Nähe vielleicht mannigfach zu beanstanden, als Landschaftsdekoration aber, wie eingangs dieses Kapitels bereits hervorgehoben wurde, von seltener Schönheit ist.

Dieser letzte Umbau, und wir treten damit in die Gegenwart ein, hat die Kirche erweitert, gelichtet, geschmückt; jene königliche Munifizenz Friedrich Wilhelms IV., die hier überall, an der Havel und den Havelseen hin, neue Kirchen entstehen, die alten wiederherstellen ließ, hat auch für Werder ein Mannigfaches getan. Dennoch, wie immer in solchen Fällen, hat das geschichtliche Leben Einbuße erfahren, und Bilder, Grabsteine, Erinnerungsstücke haben das Feld räumen müssen, um viel sauberern, aber viel uninteressanteren Dingen Platz zu machen. Zum Glück hat man für das »historische Gerümpel«, als das man es angesehen zu haben scheint, wenigstens eine »Rumpelkammer« übriggelassen, wenn es gestattet ist, eine Sakristeiparzelle mit diesem wenig ehrerbietigen Namen zu bezeichnen.

Wikipedia Commons

Hier befindet sich unter andern auch ein ehemaliges Altargemälde, das in Werder den überraschenden, aber sehr bezeichnenden Namen führt: »Christus als Apotheker«. Es ist so abnorm, so einzig in seiner Art, daß eine kurze Beschreibung desselben hier am Schlusse unseres Kapitels gestattet sein möge. Christus, in rotem Gewande, wenn wir nicht irren, steht an einem Dispensiertisch, eine Apothekerwaage in der Hand. Vor ihm, wohlgeordnet, stehen acht Büchsen, die auf ihren Schildern folgende Inschriften tragen: Gnade, Hilfe, Liebe, Geduld, Friede, Beständigkeit, Hoffnung, Glauben. Die Büchse mit dem Glauben ist die weitaus größte; in jeder einzelnen steckt ein Löffel. In Front der Büchsen, als die eigentliche Hauptsache, liegt ein geöffneter Sack mit Kreuzwurz. Aus ihm hat Christus soeben eine Handvoll genommen, um die Waage, in deren einer Schale die Schuld liegt, wieder in Balance zu bringen. Ein zu Häupten des Heilands angebrachtes Spruchband aber führt die Worte: »Die Starken bedürfen des Arztes[417] nicht, sondern die Kranken. Ich bin kommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen. (Matthäi 9, Vers 12.)«

Die Werderaner, wohl auf Schönemann gestützt, haben dies Bild bis in die katholische Zeit zurückdatieren wollen. Sehr mit Unrecht. Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt. In diesen Spielereien erging man sich, unter dem nachwirkenden Einfluß der zweiten Schlesischen Dichterschule, der Lohensteins und Hofmannswaldaus, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, wo es Mode wurde, einen Gedanken, ein Bild in unerbittlich-konsequenter Durchführung zu Tode zu hetzen. Könnte übrigens inhaltlich darüber noch ein Zweifel sein, so würde die malerische Technik auch diesen beseitigen.

1734, in demselben Jahre, in dem die alte Zisterzienser Kirche renoviert wurde, erhielt Werder auch eine Apotheke. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der glückliche Besitzer derselben sich zum Donator machte und das Bildkuriosum, das wir geschildert, dankbar und – hoffnungsvoll stiftete." (Zeno.org. Wanderungen/Havelland/Werder)


mehr dazu:

G. Radecke/R.Rauh: Fontanes Havelland, S.122-128

19 Dezember 2024

Ergänzendes zu Hermann Hesse

Geschätzt wird auch von Kennern Die Morgenlandfahrt, die ich wohl nie ganz durchgelesen habe. Man kann sie als Vorstufe zum Glasperlenspiel sehen, sie hat aber als biographisches Zeugnis eine größere Aussagekraft. Denn zentral ist für die Morgenlandfahrt auch die Gemeinschaft vom Monte Verità. Hesse "entschuldigt" sich darin sozusagen, dass er es nicht bei dieser Gemeinschaft aushielt. 

Hesse hat Zeiten gehabt, wo er - z.B. in den USA - Furore gemacht hat, Zeiten, wo er in Deutschland wegen seiner Kritik am 1. Weltkrieg geradezu verfemt war, er wurde al medioker und kitschig angesehen. Er ist kein Superstilist und seine Werke sind nicht so welthaltig wie etwa die von Thomas Mann oder Fontane, sein Gedicht "Stufen" war aber bei einer Umfrage ums Jahr 2000 das beliebteste der befragten Deutschen (wer beteiligt sich schon bei einer solchen Umfrage?). Als Jugendlicher hat mich Demian fasziniert, meine Tochter war es von Siddharta. Seine menschliche Haltung gefällt mir sehr gut, als Ehemann und als Zeitgenosse war er wohl eher eine Zumutung.

Keiner von den ganz Großen, aber ein ungewöhnlich guter Kenner der Weltliteratur.


17 Dezember 2024

Jean Paul: Die unsichtbare Loge

 Dieser Versuch mit einem Roman von Jean Paul (Die unsichtbare Loge)* schlug fehl. Zwar habe ich inzwischen einige Romane von ihm gelesen und hier dokumentiert; aber gerade der Roman, mit dem er seinen Durchbruch als Schriftsteller hatte, hat mich geschafft. [Vgl. unten allerdings den Hinweis, wie ich wieder hineingefunden habe.]

Gut, das zu erleben und Jugendlichen nachzufühlen, was literarische Werke für eine Zumutung sein können, wenn man sich nicht auf sie einlassen kann.

Gerade hatte ich mit Grausen festgestellt, dass der Autor von dem sich jemand auf gutefrage.net weitere Texte der Art wünscht, Sebastian Fitzek ist, der Psychothriller schreibt, hatte ich - gerade etwas angeschlagen - nach etwas Langweiligem gesucht und nun das. 

Dabei wäre es völlig falsch, anzunehmen, ich hielte nichts von Jean Paul. Aber ähnlich wie Arno Schmidt verlangt er Lesern etwas ab, das sie ihm erst, wenn er sie für sich gewonnen hat, geben können. Sie müssen seine Schreibart genießen, und das ist mir auch nach mehreren Romanen nicht gelungen.

*"Die Reihe seiner schriftstellerischen Erfolge begann 1793 mit dem Roman Die unsichtbare Loge. Jean Paul hatte dem Schriftsteller Karl Philipp Moritz das Manuskript geschickt, und Moritz zeigte sich begeistert: „Ach nein, das ist noch über Goethe, das ist was ganz Neues!“, soll er gesagt haben, und durch seine Vermittlung fand das Buch rasch einen Verlag in Berlin. In Die unsichtbare Loge verwendete Jean Paul, der seine Arbeiten zuvor unter dem Pseudonym J. P. F. Hasus geschrieben hatte, aus Bewunderung für Jean-Jacques Rousseau erstmals den Namen Jean Paul. Doch Die unsichtbare Loge blieb ein Fragment, denn ..." (Wikipedia)

Zitate:

"Gewisse Schönheiten, wie gewisse Wahrheiten – wir Sterbliche halten beide noch für zweierlei – zu erblicken, muß man das Herz ebenso ausgeweitet und ausgereinigt haben wie den Kopf...". (S.23 in der Kindle-Ausgabe)

"Nach wenigen Schritten und Worten ist die Vorrede aus, auf die ich mich so lang gefreuet, und der Schneeberg da, auf dem ich mich erst freuen soll. – Es ist gut, wenn ein Mensch seine Lebensereignisse so wunderbar verflochten hat, daß er ganz widersprechende Wünsche haben kann, daß nämlich der Vorredner dauere und der Schneeberg doch komme." (S.26)

"Verlobung-Schach – graduierter Rekrut – Kopulier-Katze 

Meines Erachtens war der Obristforstmeister von Knör bloß darum so unerhört aufs Schach erpicht, weil er das ganze Jahr nichts zu tun hatte als einmal darin der Gast, die Santa Hermandad und der teure Dispensationbullen-Macher der Wildmeister zu sein. 

Der Leser wird freilich noch von keiner so unbändigen Liebhaberei gehört haben, als seine war. Das wenigste ist, daß er alle seine Bediente aus dem Dorfe Strehpenik verschrieb, wo man durch das Schach so gut Steuerfreiheit gewinnt als ein Edelmann durch einen sächsischen Landtag, damit er (obwohl in anderem als katonischen Sinne) ebenso viele Gegner als Diener hätte – oder daß er und ein oberysselscher Edelmann in Zwoll mehr Postgeld verschrieben als verreiseten, weil sie Schach auf 250 Meilen nicht mit Fingern, sondern Federn zogen (S.28)

"Aber ich und der Leser wollen über die ganze spielende Kompagnie wegspringen und uns neben den Rittmeister von Falkenberg stellen, der bei dem Vater steht und auch heiraten will. Dieser Offizier – ein Mann voll Mut und Gutherzigkeit, ohne alle Grundsätze als die der Ehre, der, um sich nichts hinter seine Ohren zu schreiben, die sonst bei einiger Länge das schwarze Brett und der Kerbstock empfangner Beleidigungen sind, lieber andre Christen hinter die ihrigen schlug, der feiner handelte, als er sprach, und dessen Kniestück ich nicht zwischen diesen zwei Gedankenstrichen ausbreiten kann – warb in dieser Gegend so lange Rekruten, bis er selber wollte angeworben sein von Ernestinen. Er haßte nichts so sehr als Schach und Herrnhutismus; indessen sagte Knör zu ihm: »abends um 12 Uhr fingen, weil er so wollte, die sieben Spiel-Turnierwochen an, und wenn er nach sieben Wochen um 12 Uhr die Spielerin nicht aus dem Schlachtfelde [...] (S. 28)

" [...] Brautbette hineingeschlagen hätte: so tät' es ihm von Herzen leid, und aus der achtjährigen Erziehung brauchte dann ohnehin nichts zu werden.« 

Die ersten 14 Tage wurd' in der Tat zu nachlässig gespielt und – geliebt. Allein damals hatten weder andre gescheite Leute noch ich selber jene hitzigen Romane geschrieben, wodurch wir (wir habens zu verantworten) die jungen Leute in knisternde, wehende Zirkulieröfen der Liebe umsetzen, welche darüber zerspringen und verkalken und nach der Trauung nicht mehr zu heizen sind. Ernestine gehörte unter die Töchter, die bei der Hand sind, wenn man ihnen befiehlt: »Künftigen Sonntag, so Gott will, werde um 4 Uhr in den Herrn A-Z, wenn er kommt, – verliebt.« Der Rittmeister biß im Artikel der Liebe überhaupt weder in den gärenden Pumpernickel der physischen – noch in das weiße kraftlose Weizenbrot der parisischen – noch in das Quitten- und Himmelbrot der platonischen, sondern in einen hübschen Schnitt Gesindebrot der ehelichen Liebe: er war 37 Jahre alt. Sechzehn Jahre früher hatt' er sich einen Bissen vom gedachten Pumpernickel abgeschnitten: seine Geliebte und sein und ihr Sohn wurden nachher vom ehrlichen Kommerzien-Agenten Röper geheiratet." (S.29)

"am Ende kehren Weiber und Ruderknechte allzeit eben den Rücken dem Ufer zu, an das sie anzurudern streben) " (S.31)

"Heute spielten wir oben im sinesischen Häuschen. Da die Abendröte, die gerade in sein Gesicht hineinfiel, verwirrte Schatten unter die Figuren warf und da mich sein rechter Zeigefinger dauerte, der von einem Säbelhiebe eine rote Linie hat und der auf der Schachbande auf lag: so kam ich aus Zerstreuung wahrhaftig um meine Königin, [...]" (S.45)

Dritter Sektor oder Ausschnitt 

Unterirdisches Pädagogium – der beste Herrnhuter und Pudel Jetzo 

(Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung. Mumien. in: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I. Erster Band, S.42)

"Ich weiß dein ganzes Leben voraus, darum beweget mich die klagende Stimme deiner ersten Minute so sehr; ich sehe an so manchen Jahren deines Lebens Tränentropfen stehen, darum erbarmet mich dein Auge so sehr, das noch trocken ist, weil dich bloß dein Körper schmerzet – ohne Lächeln kommt der Mensch, ohne Lächeln geht er, drei fliegende Minuten lang war er froh." (dito, S.42)

Und jetzt von Hedwig Storch für die Wikipedia ausgesuchte Aphorismen aus dem Buch:

Alles Schöne aber ist sanft[36].
Alles Große oder Wichtige bewegt sich langsam… – die Wolken bei schönem Wetter[37].
Der Mensch ist nie so schön, als wenn er um Verzeihung bittet oder selber verzeiht[38].
Der innere Mensch hat keine Zunge[39].

In einer Nachtstunde und von einer Trauerbotschaft ganz aus dem Tagegeschäft herausgerissen, überdies in der Lage, im Buch hin- und her- zu blättern, bin ich wieder besser in der Lage, den Geist zu schätzen, der bei Jean Paul überall herausblitzt, aber es so schwer macht, in die Texte zu finden. 
Also Folgendes (im 20. Sektor) ließ sich wieder gut lesen, und ich kann mir die Frauenzimmer der Zeit gut vorstellen, wie sie sich an dem Geist erfreut haben:
Zwanzigster Sektor

[171] Das zweite Lebens-Jahrzehend – Gespenstergeschichte – Nacht-Auftritt – Lebensregeln


Oefel hielt Wort. Vierzehn Tage darauf schrieb uns der Professor Hoppedizel, er werde den neuen Kadetten abholen. – – Nun wurde unser bisheriger Wunsch unsre Pein. Gustavs und mein Bund sollte auseinandergedehnt und verrenkt werden; jedes Buch, das wir nun zusammen lasen, kränkte uns mit dem Gedanken, daß es jeder allein zu Ende bringen würde; ich wollte meinem Gustav kaum etwas mehr lehren, dessen Ausbau ich an fremde Architekten übergeben mußte, und jeder schöne Blumenplatz war uns die Gartentür des Edens, die ein bewaffneter Cherub abschloß.[171] Die Sturmmonate seines Herzens rückten nun auch näher. Ich hatte ohnehin den Flügeln seiner Phantasie nicht Federn genug ausgerisssen und ihn aus seiner Einsamkeit nicht oft genug verjagt. In dieser trieb seine Phantasie ihre Wurzeln in alle Fibern seiner Natur hinein und verhing mit den Blüten, die seinen Kopf auslaubten, die Eingänge des äußern Lichts. -

Wahrhaftig weder der klappernde Mentor noch seine Bücher, d.h. weder die Gartenschere noch die Gießkanne sättigen und färben die Blume, sondern der Himmel und die Erde, zwischen denen sie steht – d.h. die Einsamkeit oder Gesellschaft, in der das Kind seine ersten Knospen-Minuten durchwächset. Gesellschaft treibt im Alltagkind, das seine Funken nur an fremden Stößen gibt. Aber Einsamkeit zieht sich am besten über die erhabnere Seele, wie ein öder Platz einen Palast erhebt; hier erzieht sie sich unter befreundeten Bildern und Träumen harmonischer als unter ungleichartigen Nutzanwendungen. Um so mehr haben General-Akziskollegien darauf zu sehen, daß große poetische Genies – im Grunde taugt keines zu einem gescheiten Kammer- oder Kanzleiverwandten – vom zehnten Jahre bis zum fünfunddreißigsten in lauter Besuch-, Schreib- und Votierzimmern herumgehetzet werden, ohne in eine stille Minute zu kommen; sonst ist keines in einen Archivar oder Registrator umzusetzen. [Hier höre ich Werthers Klagen aus Goethes Jugendroman.] Daher hält auch das Marktgetöse der großen Welt allen Wuchs der Phantasie so glücklich am Boden.

Daran dacht' ich oft und warf mir manches vor. Würde nicht (hielt ich mir vor) ein gründlicherer Schulkollege deinen Gustav, wenn er mit dem Rücken auf dem Grase liegt und in den blauen Himmelkrater hinaufzusinken oder auf Flügeln an den Schulterblättern durch das All zu schwimmen träumt, mit dem Spazierstock an ein Buch von Nutzen treiben? Und, sagt' ich, wenn ich zum gründlichern Kollegen sagte, es sei einerlei, woran eine kindliche Phantasie sich aufwinde, ob an einem lackierten Stäbchen, oder an einer lebendigen Ulme, oder an einem schwarzen Räucherstecken: würde der Kollege nicht witzig versetzen, eben deshalb, es sei also einerlei? –

Inzwischen besäß' ich meines Orts auch Witz; ich würde auf [172] die Replik verfallen: »Glauben Sie denn, Herr Konfrater, daß unter dem größten Spitzbuben und dem größten komischen Dichter, den Sie vertieren, ein Unterschied ist? – Allerdings; ein guter Plan des Cartouche ist von einem guten Plan des Dichters Goldoni darin verschieden, daß der erste die Komödie selber ausführet, die der letzte von Schauspielern ausführen lässet.«

Gustav war jetzt in der Mitte des schönsten und wichtigsten Jahrzehends der menschlichen Flucht ins Grab, im zweiten nämlich. Dieses Jahrzehend des Lebens besteht aus den längsten und heißesten Tagen; und – wie die heiße Zone zugleich die Größe und den Gift der Tiere mehrt – so kocht sich an der Jünglingglut zwar die Liebe reif, die Freundschaft, der Wahrheit-Eifer, der Dichtergeist, aber auch die Leidenschaften mit ihren Giftzähnen und Giftblasen. In diesem Jahrzehend schleicht das Mädchen aus ihren durchlachten Jahren weg und verbirgt das trübere Auge unter derselben hängenden Trauerweide, worunter der stille Jüngling seine Brust und ihre Seufzer kühlt, die für etwas Nähers steigen als für Mond und Nachtigall. Glücklicher Jüngling! in dieser Minute nehmen alle Grazien deine Hand, die dichterischen, die weiblichen und die Natur selber, und legen ihre Unsichtbarkeit ab und schließen dich in einen Zauberkreis von Engeln ein. Ich sagte: selber die Natur; denn an ihr glühen noch höhere Reize als die malerischen; und der Mensch, für dessen Auge sie ein meilenlanges Kniestück voll Zaubereien war, kann ihr ein Herz mitbringen, das aus ihr ein Pygmalions-Gebilde macht, welches tausend Seelen hat und mit allen eine umschlingt .... O sie kehrt niemals, niemals wieder, die zweite Dekade des armen Lebens, die mehr hat als drei hohe Festtage: ist sie vorüber, so hat eine kalte Hand unsre Brust und unser Auge berührt; was noch in diese dringt, was noch aus ihnen dringt, hat den ersten Morgenzauber verloren, und das Auge des alten Menschen öffnet sich dann bloß gegen eine höhere Welt, wo er vielleicht wieder Jüngling wird!

Drei Tage, eh' der Professor kam, war Gespensterlärm im Schloß; zwei Tage vorher währte er noch fort; einen Tag zuvor machte der Rittmeister Anstalten zur Entdeckung der Schelmerei. Er hatte einen Wasserscheu vor Gespenstergeschichten und gab[173] jedem Bedienten, der eine wie Bokaz erzählte, als ein Honorar seiner Novelle nach der Bogenzahl Prügel. Die Rittmeisterin ärgerte ihn durch ihren Leichtglauben, und sie bekam oft den Blick von ihm, den Männer werfen, wenn die Hoffnungen oder Befürchtungen ihrer Weiber Hasensprünge wie Erdhalbmesser tun. – Sie hatte nachts ein dreifüßiges Gehen durch den Korridor gehört, ein Blitz war durch ihr Schlüsselloch gefahren, und eine andre Taschenuhr als ihre hatte 12 geschlagen, und alles war verflogen. [...]" (Zeno 20. Sektor)

Zwei  Apercus Jean Pauls möchte ich aus diesem "20. Sektor" hervorheben:

"Die Rittmeisterin ärgerte ihn durch ihren Leichtglauben, und sie bekam oft den Blick von ihm, den Männer werfen, wenn die Hoffnungen oder Befürchtungen ihrer Weiber Hasensprünge wie Erdhalbmesser tun." 

"eine Mannsperson kann 20 Jahre alt werden, ohne ihre Zähne, und 25 Jahre, ohne ihre Augen-Wimpern zu kennen, indes ein Mädchen dahinter kommt vor der Firmelung"

Jean Pauls Stil wieder äußerst pathetisch, aber die Beobachtung feinsinnig: Der Mann will funktionieren und deshalb mutig sein. Die Frau nimmt menschliche Feinheiten genau wahr, über die der Mann achtlos hinweggeht. - Natürlich ist die Trennung dieser Züge künstlich, beides steckt in beiden Geschlechtern, und die deutliche Trennung, die es damals möglich machte, dass Frauen von Jean Pauls frühen Werken so begeistert waren, gibt es heute nicht mehr so. Aber Jean Paul beobachtet Feinheiten, die noch heute charakteristische Geschlechtsunterschiede der üblichen "cis-Menschen" sind. So ungewöhnlich cis-Menschen aus der LGBTQ-Sicht auch scheinen mögen. 


Ich folge dem Ablauf meiner Lektüre und kehre in den dritten Sektor (S.42) zur Geburt und 8 Jahre dauernden Erziehung unter der Erde, dem "Unterirdischen Pädagogium" zurück: Was in der Realität ein Horrorszenario wäre, erweist sich als Parodie auf die Herrenhuthische Auffassung vom Leben: Das Leben selbst ist nur die Vorbereitung auf das himmlische Leben nach dem Tod. Der Herrenhuther, der Gustav in einem Kellergewölbe aufzieht, malt ihn den Tod als Befreiung aus diesem Jammertal aus. Mit dem Tod werde er aus dem Gewölbe in einen himmlischen Raum aufsteigen, in dem die Decke völlig blau und unerreichbar hoch sei, und die Lampe stehe dort genauso hoch wie die Decke und strahle über alles.


14 Dezember 2024

Lea Ypi: Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

 Lea Ypi: Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte (Perlentaucher)

(ihr Urgroßvater war der Ministerpräsident Xhafer Ypi)

Leseprobe

Reportage von ZEIT Nr. 53/ 11.12.2024

daraus:

"[...] Dass diese [rechte] Weltanschauung bei vielen Wählern verfängt, liegt laut Ypi auch daran, dass die linken Parteien kaum mehr grundsätzliche Kritik an den bestehenden Verhältnissen üben: "Die Linken haben es verlernt, die Systemfrage zu stellen." Stattdessen verteidigten sie im Namen der Demokratie den Status quo. So wie bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland. Da war das größte Versprechen, mit dem sie um Wähler warben, die Ablehnung der AfD. Oder im US-Wahlkampf. Da lautete das zentrale Argument von Kamala Harris: Ich bin nicht Donald Trump. "Wenn die politische Linke gegen die Rechte eine Chance haben will, muss sie sich wieder trauen, einen eigenen großen Gesellschaftsentwurf zu liefern", sagt Ypi. Wer ein System verteidige, das derart viele Menschen zu Verlierern macht, der könne nicht darauf hoffen, Mehrheiten zu erlangen. [...]

Das westliche Freiheitsverständnis beruht in Lea Ypis Augen auf Doppelmoral. Es bringe im Namen der Freiheit jede Menge Unfreiheit hervor: "Schauen Sie sich das Recht auf freie Meinungsäußerung an", sagt Ypi. "Was bleibt davon übrig, wenn die größten Plattformen der politischen Meinungsbildung von ein paar Tech-Milliardären gesteuert werden?" Oder das Recht auf freie Berufswahl: Was nütze es einem, wenn es keine Arbeit gibt? Am deutlichsten aber träten die Widersprüche dort zutage, wo das liberale Gesellschaftsmodell derzeit am stärksten unter Druck gerät: beim Thema Migration.

Ypi erzählt von ihrer Mutter, die wegen der Unruhen von 1997 auf illegalem Weg mit dem Schiff nach Italien kam – weil es einen legalen Weg für sie nicht gegeben habe. Während des Kommunismus galten Albaner, denen es gelang, ihr Land zu verlassen, als Flüchtlinge. Als Opfer eines Regimes, das seine Bürger mit Waffengewalt daran zu hindern versuchte, ins Ausland zu reisen. Als dann die Mauer gefallen war und die Albaner von der neu gewonnenen Reisefreiheit Gebrauch machen wollten, nannte man sie Kriminelle oder illegale Wirtschaftsmigranten. Von einem auf den anderen Tag hatten sie sich von unschuldigen Helden in unerwünschte Gäste verwandelt.

"Wie viel ist die Freiheit wert, wenn man zwar endlich ausreisen, aber nirgendwo mehr einreisen darf?", fragt Ypi. Welchen Unterschied mache es, ob man von Grenzsoldaten erschossen wird oder im Mittelmeer ertrinkt? Und welcher Logik gehorche ein System, dessen Gesellschaft sich Flüchtlinge vom Leib zu halten versucht – und dessen Wirtschaft sie zugleich als billige Arbeitskräfte missbraucht? [...]"

 (Hervorhebungen von Fontane)

10 Dezember 2024

Thomas Mann: Buddenbrooks und der Nobelpreis

 Die Buddenbrooks waren nicht nur die Familiengeschichte eines begabten Schreibers, der unbedenklich das Material aus seiner Familiengeschichte verarbeitete.

Sie waren auch das Werk eines mit 25 Jahren reifen Autors, der in den Überlegungen des 42-jährigen Senators Thomas Buddenbrook ("rechte Hand" des Bürgermeisters) vor dem Kauf der Poppenröder Ernte schildert, was der gut 50-jährige Nobelpreisträger 1929 empfunden haben mag: Den Nobelpreis für meinen ersten Roman und nicht für das Meisterwerk des reifen Mannes, den Zauberberg (und was Günter Grass empfand, wenn man die Blechtrommel über die Maßen lobte, was ihn immer wieder herausforderte, auf die "Hundejahre" hinzuweisen.).

Nicht mehr der Elan des Anfangs, dessen, für den alles noch vor ihm liegt. - Und dann dass Mann über 80 Jahre werden würde, seine gewaltige Josephstetralogie noch vor ihm lag und seine dichterische Gestaltung der NS-Herrschaft, die in die Welttragödie des Zweiten Weltkriegs mündete. 

Und danach noch der Aufschwung seines Alterswerks in den humorvollen, ironiegesättigten Werken Der Erwählte und Felix Krull.

Vom 25-Jährigen dichterisch gestaltet eine Midlife-Crisis, bevor sie 1957 benannt (erfunden?)  wurde. 

Prophetisch und dann doch ganz widerlegt durch das Leben, das sich eben nicht im "Zwischenhändlerdasein" erschöpfte, sondern in bewusstem Antagonismus zum Terror sein Gegendeutschland  ("Deutsche Hörer") schuf.

09 Dezember 2024

Christa und Gerhard Wolf

 Aufgrund ihres schlechten Gewissensihrer wegen ihrer kindlichen Hitlergläubigkeit war  Christa zu weit größeren Zugeständnissen an das kommunistische System bereit als ihr Mann. Aber dennoch unterschied sich ihre Bereitschaft deutlich von der eines durchschnittlichen Bundesbürgers gegenüber seinem System. Ihre Distanz blieb immer größer.


Zu Gerhard Wolf sieh auch:

Günter Gaus Interview mit G. Wolf