14 April 2018

Romanschlüsse

"Kein Geistlicher hat ihn begleitet." (Goethe: Werther)
"Ich kenne den Wert eines Königreiches nicht, versetzte Wilhelm, aber ich weiß, daß ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit nichts in der Welt tauschen möchte." (Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre)
"ich werde meine Habe verwalten, werde sonst noch nützen, und jedes, selbst das wissenschaftliche Bestreben hat nun Einfachheit, Halt und Bedeutung." (Stifter: Nachsommer)
"Ihrem Willen gemäß habe ich es aus dem Nachlaß wiedererhalten und den anderen Teil dazugefügt, um noch einmal die alten grünen Pfade der Erinnerung zu wandeln." (Keller: Der grüne Heinrich)
"Zenobia spielte den Engel." (Fontane: Grete Minde) [Obwohl Fontane viele Kurzromane geschrieben hat, hat er diese Erzählung von 1879 freilich nicht Roman genannt.]
"Gideon ist besser als Botho." (Fontane: Irrungen Wirrungen)
"Ach, Luise laß ... das ist ein zu weites Feld." (Fontane: Effi Briest)
"es ist nicht nötig, daß die Stechline weiterleben, aber es lebe der Stechlin." (Fontane: Der Stechlin)
"Wie ein Hund!" sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben." (Kafka: Der Prozeß)
"So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom - und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu." (Fitzgerald: Der große Gatsby)
"Ja." (Joyce: Ulysses)
"Mozart wartete auf mich." (Hesse: Der Steppenwolf)
"Sie kommen." (Frisch: Homo Faber)
"Ja - Ja -Ja!" (Grass: Die Blechtrommel)
"Pst! sagte sie und legte ihm den Zeigefinger auf den Mund." (Muschg: Der rote Ritter)

ULRICH RAULFF: Letzte Sätze oder Vom Aufhören:
"[...] Tatsächlich steckt jeder letzte Satz in dem Dilemma, eine Erzählung beenden zu müssen, auf dass das Erzählen als solches weitergehe. Am Ende von „Verbrechen und Strafe“ versucht Dostojewski, sich beide Wege offenzuhalten, indem er schreibt: „Das könnte das Thema einer neuen Geschichte werden – aber unsere jetzige Geschichte ist zu Ende.“ Demgegenüber schließt die jüngste deutsche Ausgabe des „Herrn der Ringe“ mit den nach 1200 eng bedruckten Seiten plausibel erscheinenden Worten: „Mehr kann darüber nicht gesagt werden.“ Eine Behauptung, die Hans Blumenberg am Ende der auch nicht eben wortkargen „Arbeit am Mythos“ mit der Frage kontert: „Wie aber, wenn doch noch etwas zu sagen wäre?“ [...] Aufhören können, zu wissen, wann der Schlusspunkt zu setzen ist, oder mindestens sein formales Gesetztsein zu respektieren, ist eine elementare Übung der Demokratie. Die Literatur seit Diderot, seit Wieland und seit Washington hat diese Übung und die ihr zugrunde liegenden Erfahrungen in vielfältiger Weise dekliniert und reflektiert. Es zeigt sich, dass man von der Literatur mehr lernen kann, als nur schön zu sprechen und zu schreiben. Von der Literatur kann man mehr lernen als Literatur."


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