31 März 2019

Margrit Schiller: Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung

Margrit Schiller: Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung, 1999; Taschenbuchausgabe 2001

Wikipedia:
"Sie studierte Psychologie in Bonn und Heidelberg und wurde über ihre Teilnahme am 1970 gegründeten Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK) zunächst Unterstützerin und anschließend aktives Mitglied der Rote Armee Fraktion. Am 22. Oktober 1971 wurde Schiller in Hamburg festgenommen, dabei wurde der Polizist Norbert Schmid erschossen, jedoch nicht mit der Waffe Schillers. Der mutmaßliche Schütze Gerhard Müller wurde später Kronzeuge der Bundesanwaltschaft.
Nach ihren eigenen Angaben befand sich Schiller im Gefängnis mehrfach in Isolationshaft. Sie beteiligte sich an mehreren Hungerstreiks. Nach ihrer Entlassung aus der Haft 1973 ging sie wieder in den Untergrund, am 4. Februar 1974 wurde sie erneut verhaftet und verbüßte bis 1979 eine Freiheitsstrafe. Die Straftatbestände, auf deren Grundlage sie verurteilt wurde, schlossen Ausweisfälschungunerlaubten Waffenbesitz sowie der Mitgliedschaft und Unterstützung der RAF ein.[1] Um einer befürchteten erneuten Verhaftung zu entgehen, ging sie 1985 nach Kuba ins Exil, wo ihr die Regierung politisches Asyl gewährte. Dort heiratete sie einen kubanischen Jazz-Musiker und brachte Zwillinge zur Welt. 1993, auf dem Höhepunkt der kubanischen Wirtschaftskrise nach dem Auslaufen der sowjetischen Hilfsleistungen (Período especial), deren Auswirkungen sie durch eine Erbschaft zunächst etwas abfedern konnte, ging sie mit ihrer Familie nach Uruguay.[1] Dort engagierte sie sich in politischen Projekten in Zusammenarbeit mit der ehemaligen bewaffneten Untergrundbewegung Tupamaros.[2] Nachdem auch Uruguay von einer Wirtschaftskrise betroffen wurde, kehrte sie 2003 mit ihren Kindern nach Deutschland zurück und lebt in Berlin. Ihre Exil-Erfahrungen verarbeitete sie in einer 2011 veröffentlichten, autobiografischen Erzählung, nachdem bereits 2000 ihre mit ihrer Haftentlassung 1979 endende Autobiografie erschienen war.[3][1]

Zitate:
"Oft machte ich die Erfahrung, dass ich in linken Gruppen wie ein exotisches Wesen betrachtet wurde. Ohne dass ich es merkte, hatte hier ein Teil der Mythologisierung der RAF bereits begonnen. Ich war halt die Vorzeige-"Revolutionärin", eine, die wirklich Erfahrungen gemacht hatte, weil ich eine der ersten politischen Gefangenen war. Aber nur noch wenige wollten hören, was jemand wie ich dachte. Viele hatten Angst, waren auf dem Rückzug, gingen auf Abstand zur Guerilla. 
Mir wurde auch jetzt jetzt auch bewusst, dass die Verhaftungen der Gründer der RAF, dass die Denunziationen der Personen und der Ideen der Guerilla und dass die Bedingungen der Isolisationsfolter im Gefängnis Spuren hinterließen. Angst machte sich breit. Es wurde allen klar: Revolutionärer Kampf konnte persönliche Konsequenzen bis zum Tod bedeuten.
Für viele Linke war das Konzept der 
Guerilla ein abgeschlossenes, ein gescheitertes Unternehmen. Mit der Verhaftung ihre Gründer gab es niemanden mehr, der den Kampf vorantrieb. Die Angst um die eigene Haut saß ihnen im Nacken. War das Konzept der Stadtguerilla ein Fehlschlag, der Staat zu stark, um besiegt werden zu können? Die RAF hatte eine Konfrontation gesucht, deren Konsequenzen sie nicht aushalten konnte. Waren deswegen die Ideen falsch? Oder stimmte die Umsetzung nicht?
Viele, und nicht nur Linke, hatten in den Anfangsjahren der 
Guerilla großen Respekt bis hin zu Bewunderung für diejenigen empfunden, die den Kampf gegen diesen Staatsapparat begonnen, den Schritt von Analyse und Reden zur Praxis unter Einsatz des eigenen Lebens gewagt hatten. Dieser Respekt und diese Bewunderung wurden auch mir entgegengebracht. Aber im Gegensatz zu den Jahren von 1970-1972 sah fast niemand mehr eine Perspektive für sich selbst im Guerillakampf.
Mir selbst ging es anders. Trotz der Gefängniszeit fühlte ich keine Angst vor Konsequenzen. Für mich hieß es, dass der bewaffneten Kampf gerade erst begonnen hatte und die Zeit seit Beginn der RAF noch viel zu kurz war, um zu wissen, ob das Konzert Stadtg
uerilla in den Metropolen des Kapitalismus wirklich eine Chance hatte. Mir war klar, dass mir noch viele politische Erfahrungen fehlten und dass der bewaffneten Kampf ein Höchstmaß an speziellen Fähigkeiten, Kenntnissen und politischem Bewusstsein erforderte, um erfolgreich zu sein. Aber wer sonst würde in der BRD einen revolutionären Kampf führen?" (S.117/18)

"Während der der ganzen Jahre im Gefängnis hatte meine Mutter nie aufgehört, mir zu schreiben, und irgendwann überzeugte mich das. Es wurde mir klar, dass sie mich auf ihre Art liebte und nie aufhörte, mich zu suchen. Mein Vater hat im Gegensatz dazu nie eine Anstrengung gemacht. Er war unfähig, einen Schritt auf mich zuzugehen, obwohl er mich auch auf seine Weise liebte. In Preungesheim stand ich nicht mehr unter ständigen Druck wie vorher in der Isolationshaft, und so konnte ich mich dazu entschließen, Besuche meine Familie zu akzeptieren. [...]
Wir hatten alle gelernt. Meine Eltern wussten nach all den abgebrochenen Kontaktversuchen, dass sie sich nicht in meine Entscheidungen einmischen konnten, und sie versuchten es auch nicht nie mehr. Meine Mutter rief inzwischen bei Zeitungen an, wenn dort das Wort Isolationsfolter in Anführungszeichen gedruckt wurde, um sich zu beschweren: es sei tatsächlich Folter durch Isolation. Als sie von mir erfuhr, dass ich eine Frau liebte, schrieb sie mir, dass sie mich gut verstehe, weil es ihr selbst auch einmal so gegangen sei. Sie habe sich dann aber für meinen Vater und eine Familie entschieden. Diese Offenheit rechnete ich ihr hoch an, weil ich wusste, wie sehr das in ihrem Umfeld verachtet wurde. Sie blieb die einzige aus meiner Familie, mit der ich wieder ein engeres Verhältnis herstellen konnte. Ein Jahr nach meiner Haftentlassung starb sie." (S.201/202)
(Margrit Schiller: Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung, 1999; Taschenbuchausgabe 2001)



"Die Vorstellung von der Welt entwickelt sich von dem Moment an, wo du einfährst, nicht mehr weiter. Auf einer bestimmten Ebene bleibt man stehen wird man eingebunkert, auch wenn man vielleicht intellektuell eine Menge Informationen bekommt. Das spüre ich hier bei den ehemaligen politischen Gefangenen in Uruguay: Frauen, die unter der Militärdiktatur zehn Jahre im Knast saßen, haben bis heute manchmal sehr harte Selbstverteidigungsmechanismen drauf. Die Männer haben oft Alkoholprobleme. Viele suchen sich junge Frauen und setzen da an, wo es mal für sie aufgehört hat. Die Frauen kriegen noch sehr spät Kinder, genauso wie ich.
Was ist mit Ihren Selbstverteidigungsmechanismen?
Kuba hat mir sehr geholfen, mich selbst in Frage stellen zu lassen. Auch mal zuzugeben, dass jemand Recht hat, der mich kritisiert. Dort habe ich eine neue Form von Bescheidenheit gelernt, für die in der ständigen Konfrontation in Deutschland gar keine Luft war. Da gab es nur Angriff und Verteidigung. Wenn du ständig als Staatsfeind in die Ecke gestellt wirst und in die Fresse kriegst, dann springst du natürlich jedem sofort ins Gesicht."
(Interview mit Margrit Schiller, aus: tazmag 29./30. APRIL 2000)

Margrit Schiller - eine Biografie mit Brüchen. Untergrund. Gefängnis. Exil (Interview SWR 16.11.2015 mp3-Datei)

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