Ununterbrochen ziehen Kaiks vor meinem Fenster vorbei, es sind die Fiaker des Bosporus. Wirklich kann man nichts Zierlicheres und Zweckmäßigeres sehen als ein Kaik. Das leicht gezimmerte Gerippe ist mit dünnen Brettern umgeben, die mit Pech von innen und außen ganz überzogen werden. Das Innere des Fahrzeugs ist mit einer dünnen Verkleidung aus weißem Holz versehen und wird aufs Sauberste rein gehalten und gewaschen. Die Ruder haben an den oberen Enden dicke Klötze, die den unteren Enden das Gleichgewicht halten und so die Arbeit erleichtern; sie bewegen sich an ledernen, fettigen Riemen um hölzerne Pflöcke, welche, um die Friktion so gering wie möglich zu machen, aus dem härtesten Buchsbaum, kaum fingerdick, gemacht sind. Das Fahrzeug ist hinten breiter, läuft nach vorn immer schmaler zu und endet mit einer scharfen eisernen Spitze. Wenn der Passagier auf dem Boden des Fahrzeugs sitzt (denn nur die unwissenden Franken setzen sich hinten auf den Sitz), ist es völlig im Gleichgewicht. Der Ruderer befindet sich im Schwerpunkt des Bootes und der Nachen folgt nun dem leisesten Druck der Hand; selbst bei schlechtestem Wetter scheut man sich nicht die aufgeregten Fluten in diesen leichten Fahrzeugen zu durchschneiden. Die Wellen spielen mit dem Kaik wie mit einer Feder und stoßen es vor sich her; bald schwebt es auf der Spitze einer Woge, bald entschwindet es dem Auge ganz zwischen den Wasserbergen und die scharfe Spitze wirft, indem sie die Flut durchschneidet, den schneeweißen Schaum zu beiden Seiten hoch in die Luft. [...]
Heute früh zog eine Gesellschaft griechischer Fischer ihr Netz mit lautem Geschrei an Land. Das Netz enthielt wohl eine halbe Million Makrelen im Wert von etwa tausend Gulden; ich habe mir so etwas nie vorgestellt. Nachdem das Netz nahe genug ans Ufer herangezogen war, langte man mit kleineren Netzen an Stielen wie mit großen Löffeln hinein und schöpfte so zu tausenden die silberhellen zappelnden Tierchen an das Licht der Sonne. Zuweilen gesellt sich auch wohl ein Delphin dieser zahlreichen Versammlung bei, das ist aber ein übler Gast; so wie er sich umstellt sieht, springt er gewaltig herum, zerreißt die Fäden und befreit nicht allein sich, sondern auch alle übrigen Gefangenen. (Moltke: Unter dem Halbmond Kapitel 21)
13 Juni 2018
Moltke: Unter dem Halbmond - Pera und Bujukdere 1836
Der kleinste deutsche Marktflecken übertrifft Konstantinopel, Adrianopel und Brussa an Zierlichkeit der Wohnungen und noch mehr an Bequemlichkeit. Großartig sind nur die Moscheen und die Hanns oder Karavanserais, die Fontänen und öffentlichen Bäder. [...]
In der Kathedrale von Nicäa, wo das berühmte Konzil gehalten wurde, schimmert an der Stelle des Hochaltars noch heute durch den weißen Anstrich die stolze Verheißung I. H. S. ( in hoc signo), aber quer darüber steht die Grundlehre des Islam geschrieben: »Es ist kein Gott, als Gott.« Es liegt eine Lehre der Duldung in diesen vermischten Zügen, und es scheint, als wenn der Himmel das Credo so gut als das Allah il Allah anhören wollte.
Zweite Reise zu den Dardanellen – Die Steinkugel und der ionische Fischerkahn
Pera, den 19. Juli 1836
Am 11. reiste ich mit einem österreichischen Dampfschiff zu den Dardanellen ab, wohin Halil Pascha zu Lande über Adrianopel gegangen war. Es wurden einige Probeschüsse mit den großen Steinkanonen aus Sultani-Hissar abgefeuert. Am jenseitigen europäischen Ufer lag ein kleines Kaik, das man nicht bemerkt hatte; nachdem die Ladung von mehr als einem Zentner sich entzündet hatte, schlug die vom Pulver geschwärzte ungeheure Kugel etwa in der Mitte der Meerenge auf, und eine hohe, weiß schäumende Wassergarbe türmte sich bei jedem neuen Abprall auf dem Wasser empor, der gewaltige Marmorklotz tanzte nun gerade auf das kleine Fahrzeug zu, zerschmetterte es in tausend Stücke und taumelte dann langsam das Ufer hinauf. Dicht neben dem Kahn hatte der Eigentümer auf dem Strand schlafend gelegen; er erwachte von dem fürchterlichen Knall und fand kaum die Splitter seines Nachens wieder. Der Pascha schickte sogleich hinüber, um den Wert des Fahrzeuges bezahlen zu lassen; das gefiel dem Eigentümer sehr gut und er erinnerte sich nachträglich, einen Beutel mit 50 000 Piastern im Kahn gehabt zu haben, die ebenfalls fortgeschossen seien. Die türkischen Soldaten, die von dieser Unterhandlung nichts erfuhren, fanden es ganz einfach und angemessen, dass ihr Pascha den Nachen des Giaur zur Zielscheibe gewählt habe. Sie frohlockten, dass nicht das kleinste Fahrzeug selbst am entgegengesetzten Ufer durch den Boghas, den Engpass, schleichen könne, ohne von einer Kugel ereilt zu werden, und wir ließen sie gern bei dieser Ansicht.
Zweite Reise zu den Dardanellen – Die Steinkugel und der ionische Fischerkahn
Pera, den 19. Juli 1836
Am 11. reiste ich mit einem österreichischen Dampfschiff zu den Dardanellen ab, wohin Halil Pascha zu Lande über Adrianopel gegangen war. Es wurden einige Probeschüsse mit den großen Steinkanonen aus Sultani-Hissar abgefeuert. Am jenseitigen europäischen Ufer lag ein kleines Kaik, das man nicht bemerkt hatte; nachdem die Ladung von mehr als einem Zentner sich entzündet hatte, schlug die vom Pulver geschwärzte ungeheure Kugel etwa in der Mitte der Meerenge auf, und eine hohe, weiß schäumende Wassergarbe türmte sich bei jedem neuen Abprall auf dem Wasser empor, der gewaltige Marmorklotz tanzte nun gerade auf das kleine Fahrzeug zu, zerschmetterte es in tausend Stücke und taumelte dann langsam das Ufer hinauf. Dicht neben dem Kahn hatte der Eigentümer auf dem Strand schlafend gelegen; er erwachte von dem fürchterlichen Knall und fand kaum die Splitter seines Nachens wieder. Der Pascha schickte sogleich hinüber, um den Wert des Fahrzeuges bezahlen zu lassen; das gefiel dem Eigentümer sehr gut und er erinnerte sich nachträglich, einen Beutel mit 50 000 Piastern im Kahn gehabt zu haben, die ebenfalls fortgeschossen seien. Die türkischen Soldaten, die von dieser Unterhandlung nichts erfuhren, fanden es ganz einfach und angemessen, dass ihr Pascha den Nachen des Giaur zur Zielscheibe gewählt habe. Sie frohlockten, dass nicht das kleinste Fahrzeug selbst am entgegengesetzten Ufer durch den Boghas, den Engpass, schleichen könne, ohne von einer Kugel ereilt zu werden, und wir ließen sie gern bei dieser Ansicht.
[...]
An Bord im Hafen von Smyrna, den 4. August 1836
Als ich mein letztes Schreiben auf die Post gab, traf ich in Konstantinopel das Dampfschiff der Regierung, eben im Begriff die Anker zu lichten, um nach Smyrna abzugehen. Da ich den Kapitän gut kannte, so stieg ich an Bord, wie ich war, um diesen interessanten Punkt des Orients kennen zu lernen. Wind, Strömung und Dampfkraft vereinigten sich uns schnell durchs Marmarameer und den Hellespont dem Archipel zuzuführen, den die Türken das weiße Meer nennen (ak denis, auf Arabisch bahr-sefid). Wir eilten an den alten Dardanellen-Schlössern vorüber, die ich erst vor acht Tagen verlassen hatte, und nachdem wir auch die neuen Schlösser mit ihren Riesenkanonen passiert hatten, breitete sich das Ägäische Meer mit seinen schönen Felsinseln Imbros, Lemnos und dem hohen Gipfel von Samothraki vor uns aus. Das Wasser ist von himmelblauer Farbe und so klar, dass man die mächtigen Delphine, die weite Strecken neben dem Schiff pfeilschnell dahinschießen, deutlich sieht. Von Zeit zu Zeit sprangen sie schnaubend aus ihrem Element heraus hoch in die Luft. Jetzt wandten wir uns links um das Vorgebirge Sigeum und steuerten zwischen der Troade und Tenedos auf Mytilene zu. Die mächtigen Ruinen von Alexandra Troas schimmerten aus den Oliven- und Nussbäumen hervor und seltsame genuesische Schlösser, mit Mauern und Türmen umgeben, ragten auf den Inseln und Vorgebirgen empor. Am frühen Morgen liefen wir in das von hohen Gebirgsgruppen umgebene weite Becken von Smyrna ein. Der Vollmond leuchtete noch, als schon der östliche Himmel sich dunkelrot färbte, wie wenn der asiatische Boden von der gestrigen Hitze noch glühte. Die Berge sind ganz kahl, von der Sonne verbrannt, aber von äußerst schönen Formen. Am Fuß derselben, längs des Meeres, zieht sich ein grüner Streifen von bebautem Land mit Weinbergen, Oliven, Maulbeerbäumen und dunklen Zypressen hin. Die Dörfer und Häuser sind aus Stein mit flachem Dach erbaut. Am Ende der Bucht zeigt sich nun Smyrna, das amphitheatralisch an den dahinter liegenden Bergen emporsteigt. Unten am Meer hinter den Schiffen erkennt man zuerst eine große Kaserne, eine Batterie, ein schönes Karavanseraj mit vielen Kuppeln, mehreren Moscheen und links die Frankenstadt mit steinernen Gebäuden. In zweiter Region zeigt sich die eigentlich türkische Stadt. Wenn eine Hand voll kleiner roter Häuser, einige Moscheen und Fontänen vom Himmel auf die Erde herabfielen, so könnte der Bauplan nicht bunter ausfallen als der dieser Stadt. Man staunt, dass man noch Wege und Fußsteige durch die Häusermasse findet. Hoch über das Ganze ragt das alte Schloss oder die Festung von Smyrna, die in der fernsten Vorzeit erbaut, von den Genuesern mit Türmen versehen ist und welche die Türken jetzt verfallen lassen. Da die Hitze hier sehr groß ist, so eilte ich, mich ganz auf smyrniotische Art zu kleiden, d. h. mit einem weißen Strohhut, weißleinener Jacke und Pantalons, Schuhen und Strümpfen. [...]
Als ich mein letztes Schreiben auf die Post gab, traf ich in Konstantinopel das Dampfschiff der Regierung, eben im Begriff die Anker zu lichten, um nach Smyrna abzugehen. Da ich den Kapitän gut kannte, so stieg ich an Bord, wie ich war, um diesen interessanten Punkt des Orients kennen zu lernen. Wind, Strömung und Dampfkraft vereinigten sich uns schnell durchs Marmarameer und den Hellespont dem Archipel zuzuführen, den die Türken das weiße Meer nennen (ak denis, auf Arabisch bahr-sefid). Wir eilten an den alten Dardanellen-Schlössern vorüber, die ich erst vor acht Tagen verlassen hatte, und nachdem wir auch die neuen Schlösser mit ihren Riesenkanonen passiert hatten, breitete sich das Ägäische Meer mit seinen schönen Felsinseln Imbros, Lemnos und dem hohen Gipfel von Samothraki vor uns aus. Das Wasser ist von himmelblauer Farbe und so klar, dass man die mächtigen Delphine, die weite Strecken neben dem Schiff pfeilschnell dahinschießen, deutlich sieht. Von Zeit zu Zeit sprangen sie schnaubend aus ihrem Element heraus hoch in die Luft. Jetzt wandten wir uns links um das Vorgebirge Sigeum und steuerten zwischen der Troade und Tenedos auf Mytilene zu. Die mächtigen Ruinen von Alexandra Troas schimmerten aus den Oliven- und Nussbäumen hervor und seltsame genuesische Schlösser, mit Mauern und Türmen umgeben, ragten auf den Inseln und Vorgebirgen empor. Am frühen Morgen liefen wir in das von hohen Gebirgsgruppen umgebene weite Becken von Smyrna ein. Der Vollmond leuchtete noch, als schon der östliche Himmel sich dunkelrot färbte, wie wenn der asiatische Boden von der gestrigen Hitze noch glühte. Die Berge sind ganz kahl, von der Sonne verbrannt, aber von äußerst schönen Formen. Am Fuß derselben, längs des Meeres, zieht sich ein grüner Streifen von bebautem Land mit Weinbergen, Oliven, Maulbeerbäumen und dunklen Zypressen hin. Die Dörfer und Häuser sind aus Stein mit flachem Dach erbaut. Am Ende der Bucht zeigt sich nun Smyrna, das amphitheatralisch an den dahinter liegenden Bergen emporsteigt. Unten am Meer hinter den Schiffen erkennt man zuerst eine große Kaserne, eine Batterie, ein schönes Karavanseraj mit vielen Kuppeln, mehreren Moscheen und links die Frankenstadt mit steinernen Gebäuden. In zweiter Region zeigt sich die eigentlich türkische Stadt. Wenn eine Hand voll kleiner roter Häuser, einige Moscheen und Fontänen vom Himmel auf die Erde herabfielen, so könnte der Bauplan nicht bunter ausfallen als der dieser Stadt. Man staunt, dass man noch Wege und Fußsteige durch die Häusermasse findet. Hoch über das Ganze ragt das alte Schloss oder die Festung von Smyrna, die in der fernsten Vorzeit erbaut, von den Genuesern mit Türmen versehen ist und welche die Türken jetzt verfallen lassen. Da die Hitze hier sehr groß ist, so eilte ich, mich ganz auf smyrniotische Art zu kleiden, d. h. mit einem weißen Strohhut, weißleinener Jacke und Pantalons, Schuhen und Strümpfen. [...]
Die von Saft überfüllte Wassermelone wuchert als Unkraut in diesem heißen, durstigen Land und bildet ein wahres Labsal, wo man oft keinen Trunk Wasser haben kann. [...]
Das Meeresleuchten ist hier eine gewöhnliche Erscheinung; helle Funken klebten an den Rudern und wirbelten an dem Steuer, als ich an Bord zurückkehrte. Ganz eigen ist es, wenn man beim Meeresleuchten badet; man ist wie in Licht und Feuer eingewickelt. [...]
Die Abenteuer, die wir auf der Heimfahrt erlebten, werden dir einen Begriff von der türkischen Nautik geben. Kaum waren wir eine Stunde vom Hafen entfernt, als wir abends wieder einmal strandeten. Wir warfen die Anker hinter dem Schiff aus und arbeiteten, um loszukommen, aber umsonst. Es musste das Wasser aus dem Kessel gelassen werden, wodurch das Schiff sehr erleichtert wird, und bald nach Mitternacht wurden wir wieder flott. Nun mussten die Anker gefischt, der Kessel gefüllt und der Herd geheizt werden. Gegen Morgen war alles so weit fertig und die Maschine sollte in Gang gesetzt werden. Der Kessel dachte darüber anders; schon auf der Hinreise hatte er zwei Löcher bekommen; jedermann versprach sich wenig Gutes und war auf seiner Hut. Als wir uns nun eben in Bewegung setzen sollten, platzte der Kessel; man hatte ihm auf seine alten Tage nie mehr als höchstens die Hälfte des Drucks zugemutet, auf welchen er ursprünglich berechnet gewesen war, die Explosion war daher lange nicht so groß, wie ich erwartete. Ohnehin war der Sprung auf der unteren Seite, das Feuer erlosch sogleich und augenblicklich war der Raum, in dem die Maschine arbeitet, mit Dampf und siedendem Wasser angefüllt. Die Leute sprangen auf das Gestell der Maschine und zum sehr großen Glück kam kein Mensch dabei zu Schaden als der Kapitän, dem die Füße verbrüht wurden. Wir kehrten nach Smyrna zurück und ich schiffte mich auf einem österreichischen Dampfschiff ein, das denselben Abend noch abging. [...]
Bujukdere*, den 5. September 1836
*Büjükdere ist ein Viertel in dem Stadtteil Sarıyer von Konstantinopel
Der Aufenthalt hier in Bujukdere, wo ich mich jetzt eingerichtet habe, ist sehr angenehm; der beständige Nordwind hält die Temperatur niedrig und es ist kaum wärmer als in Berlin, dabei fortwährend schönes Wetter und blauer Himmel. Seit drei oder vier Monaten hat es nicht geregnet und in Pera fängt der Wassermangel an sehr fühlbar zu werden. Das gute Trinkwasser ist dort halb so teuer wie der schlechte Wein. Um Konstantinopel ist alles verdorrt, nur hier am Bosporus bewirkt die feuchte Seeluft des Schwarzen Meeres, dass die Bäume und der Zwerglorbeer, der die Bergwände bekränzt, noch immer mit frischem Grün prangen. In einer Schaluppe machen wir oft Ausflüge, die uns bald ins Marmarameer, bald ins Schwarze Meer führen. Aber auch zu Pferde sind die Promenaden sehr unterhaltend. Die gerade Straße von Pera hierher führt über die Höhe und zieht sich zwei Meilen weit durch eine fortwährende Einöde. Der Weg am Ufer des Bosporus dagegen ist länger und beschwerlich wegen des Steinpflasters, aber sehr unterhaltend. Diese ganze drei Meilen weite Strecke bildet eine einzige fortlaufende Stadt aus Wohnungen und Lusthäusern, Kiosken, Moscheen, Springbrunnen, Bädern und Kaffeehäusern. Die Gärten steigen auf Terrassen empor und die mächtigen Zypressenhaine der Begräbnisplätze krönen die Gipfel.
*Büjükdere ist ein Viertel in dem Stadtteil Sarıyer von Konstantinopel
Der Aufenthalt hier in Bujukdere, wo ich mich jetzt eingerichtet habe, ist sehr angenehm; der beständige Nordwind hält die Temperatur niedrig und es ist kaum wärmer als in Berlin, dabei fortwährend schönes Wetter und blauer Himmel. Seit drei oder vier Monaten hat es nicht geregnet und in Pera fängt der Wassermangel an sehr fühlbar zu werden. Das gute Trinkwasser ist dort halb so teuer wie der schlechte Wein. Um Konstantinopel ist alles verdorrt, nur hier am Bosporus bewirkt die feuchte Seeluft des Schwarzen Meeres, dass die Bäume und der Zwerglorbeer, der die Bergwände bekränzt, noch immer mit frischem Grün prangen. In einer Schaluppe machen wir oft Ausflüge, die uns bald ins Marmarameer, bald ins Schwarze Meer führen. Aber auch zu Pferde sind die Promenaden sehr unterhaltend. Die gerade Straße von Pera hierher führt über die Höhe und zieht sich zwei Meilen weit durch eine fortwährende Einöde. Der Weg am Ufer des Bosporus dagegen ist länger und beschwerlich wegen des Steinpflasters, aber sehr unterhaltend. Diese ganze drei Meilen weite Strecke bildet eine einzige fortlaufende Stadt aus Wohnungen und Lusthäusern, Kiosken, Moscheen, Springbrunnen, Bädern und Kaffeehäusern. Die Gärten steigen auf Terrassen empor und die mächtigen Zypressenhaine der Begräbnisplätze krönen die Gipfel.
Oft nimmt der Weg plötzlich eine Wendung, du stehst vor einer Moschee, neben einem Springbrunnen und unter mächtigen Platanen am klaren plätschernden Strom des Bosporus; Knaben in weißen oder blauen Kleidern und farbigen Turbanen springen herbei das Pferd zu halten; der Kaffeewirt hält schon die lange Pfeife bereit und gießt den unausbleiblichen Kaffee in die kleine Tasse, schiebt einen niedrigen Rohrsessel auf die Terrasse seines Hauses und ein Schwarm von Kaikführern streitet sich um den Vorzug dich für einige Para zwischen den paradiesischen Ufern zweier Weltteile hinzurudern.
Und zehn Minuten von dieser Szene des Lebens und des Überflusses entfernt kannst du in eine menschenleere Einöde treten. Du darfst nur auf die nächste Höhe hinaufsteigen, so liegt der Thrakische Chersones, ein Hügelland, vor dir, auf dem du kein Dorf, keinen Baum, kaum einen Weinberg, sondern nur einen steinigen Saumweg erblickst.[...]
Die Rosen- und Brombeersträucher beschränken den Wanderer auf einen schmalen Pfad in den Tälern; nur hin und wieder streift ein Schakal durch die Büsche oder ein Adler oder Mahommedsvogel stürzt erschrocken und krächzend von seinem Lager empor. Plötzlich öffnen sich die Zweige und du stehst vor einem riesenhaften Gemäuer, einem Palast ohne Fenster und Türen; aber mit seltsamen Türmen, Zinnen und Spitzen, ganz mit Marmor bekleidet. Die Flügel jener Waldschlösser lehnen sich an die Talwände und wenn du diese bis zum obersten Rand des Gemäuers auf breiten Marmorstufen ersteigst, so erblickst du jenseits den klaren Spiegel eines künstlichen Sees, der zwischen den bewaldeten Höhen durch den mächtigen Steinwall zurückgehalten wird. Es ist eines der großen Reservoirs, welche eine halbe Million Menschen in einer Entfernung von vier bis fünf Meilen mit frischem Wasser versehen. Hier fangen die Wasserleitungen an, die auf ihrem Zug die Täler auf mächtigen Bogen überschreiten, die seit Valens', Justinians, Severus' und Suleimans des Großen Zeiten noch heute unerschüttert dastehen. [...] (Moltke: Unter dem Halbmond Kap.17)
Wohin du deinen Blick richtest, fällt er auf klassische Gegenstände. An diesen Gestaden pflückte Medea ihre Zauberkräuter; in jenem weiten Tal, an dessen oberem Ende eine türkische Wasserleitung schimmert, lagerten die Ritter des ersten Kreuzzuges, und eine Gruppe von neun riesenhaften Stämmen trägt noch heute den Namen: die Platanen Gottfrieds von Bouillon. Auf den Höhen zu beiden Seiten ragen die Trümmer zweier genuesischen Kastelle. Sie standen durch lange Mauern mit den Ufern des Bosporus und den dortigen Batterien in Verbindung, denn das mächtige Handelsvolk legte dem byzantinischen Reich seine Fesseln auf, bis es mit Byzanz zugleich von den Türken verschlungen wurde. Das Schloss auf der europäischen Seite ist beinahe schon verschwunden, aber das asiatische ragt noch mit hohen Türmen, Mauern und Zinnen, zwischen denen eine köstliche Vegetation von Feigen- und Lorbeerbäumen sich hervordrängt. Ungeheure Efeustämme steigen empor und scheinen mit tausend Armen das alte Gemäuer zusammenhalten zu wollen.
Heute habe ich zum ersten Mal an der Pforte des Seraskiers die Bastonade austeilen sehen. Es waren fünf Griechen, die jeder mit 500 Hieben, in Summa 2500 Streichen, auf die Fußsohlen bedacht werden sollten. Ein Kawass oder Polizeioffiziant kniete dem Beschuldigten auf der Brust und hielt ihm die Hände, zwei trugen eine Stange auf den Schultern, an welche die Füße gebunden werden, und zwei andere führten die Stöcke. Aus besonderer Aufmerksamkeit für mich erbot der Pascha sich 200 Stück pro Kopf oder vielmehr pro Fußsohle herabzulassen. Ich fand den Rest noch recht beträchtlich und schlug ihm 25 Hiebe vor, worauf er sich dann auf 50 herabhandeln ließ. Diese Huld wurde den Patienten mit der besonderen Bemerkung mitgeteilt, dass es dem preußischen Beysadeh (wörtlich Fürstensohn) zu Gefallen geschähe. (Kapitel 19)
Die bedeutendste und älteste der Wasserleitungen von Konstantinopel ist diejenige, welche schon Kaiser Konstantin anfing und die später Kaiser und Sultane erweiterten. Sie wird aus fünf großen Teichen gespeist, die sich rings um das Dorf Belgrad gruppieren; der größte unter diesen, der »Bujuk-Bend«, liegt zunächst unterhalb jenes von Bulgaren bewohnten Ortes, deren Voreltern einst als Kriegsgefangene aus Belgrad an der Donau hierher verpflanzt wurden und den Namen ihrer Vaterstadt auf die neue Heimat übertrugen. Jener Bend hat, wenn er gefüllt ist, eine Länge von mehr als 1000 Schritt, er fasst allein 8 bis 10 Millionen Kubikfuß Wasser und ersetzt seinen Vorrat aus dem Inhalt eines zweiten Reservoirs dicht oberhalb Belgrads. (Kapitel 20)
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12 Juni 2018
Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Gibraltar
Gibraltar
Der Erzähler ruft von Tokio eine Bekannte in Deutschland an und fühlt sich aufgrund dieses Kontakt auf Distanz in der fremden Umgebung weit besser. Sie machen aus, wenn er wieder in Europa ist, eine gemeinsame Fahrt zu unternehmen. Falls es sich ergibt. Der Erzähler ist enttäuscht, als die Bekannte nicht am Zug auftaucht, doch kurz vor Abfahrt kommt sie dann doch.
An der Fahrt genießen beide, dass sie nicht allein sind, aber auch eine gewisse Distanz bleibt.
"Beim Frühstück sagte Christa:
»Tanger! Das Nonplusultra!«
Non plus ultra, »Nicht darüber hinaus«, lautet die Inschrift, die sich auf den Säulen des Herkules finden soll, von ihm selbst dort angebracht. Die eine der beiden Säulen steht der Legende zufolge auf dem Felsen von Gibraltar, die andere auf dem Berg Dschebel Musa in Marokko. Andere Quellen nennen [...]"
Die beiden tragen sich gegenseitig ihre Kenntnisse über die Säulen des Herkules und ihre Bedeutung als Ende der Welt vor, bis sie schließlich zu diesem Gedankenaustausch kommen:
" »Aber wenn man sagt: Bis hierher und nicht weiter«, wandte Christa ein, »hat man zwar eine Grenze gesetzt, doch zugleich alle Aufmerksamkeit auf das konzentriert, was hinter dieser Grenze liegen könnte. Eigentlich hat man damit ihre Überschreitung vorstellbar gemacht, oder?«
»Man hat die Phantasie sogar magisch auf diesen Akt der Überschreitung verpflichtet. Nacheinander wurde Sokrates, Tertullian und Epikur die Maxime zugeschrieben: >Quae supra nos, nihil ad nos: Was über unser Erkenntnisvermögen hinausgeht, hat keine Bedeutung für uns.<«
»Damit wäre die geographische Grenze der erkennbaren Welt zugleich eine Grenze des Erkennens.«
»Eine Grenze der Neugier«, sage ich."
Auf dem Felsen von Gibraltar fällt dem Erzähler etwas ein:
"Ich erinnerte mich, auf dem Titelblatt einer Schrift von Francis Bacon das Schiff des Odysseus hinter den Säulen des Herkules gesehen zu haben. Odysseus, der bei Dante auf der untersten Stufe des Infernos zu finden ist und als Einziger nicht bereut, kreuzt als Symbolfigur der Neugier jenseits der Grenzen der bekannten Welt.
»Faszinierend, oder?«
»Aber damit ist die Grenze des Nonplusultra doch schon überwunden«, widersprach Christa.
»Genau, und deshalb lautete die Devise von Karl V auch Plus ultra! Und das, seit klar war, dass das Nonplusultra eben nicht das Ende der geographischen Welt bedeutete. Also: Plus ultra!«, rief ich noch und schnalzte mit der Zunge.
»Dann ist dies jetzt der richtige Augenblick, dir zu sagen, dass ich hier umkehren werde«, antwortete sie und betrachtete mein verblüfftes Gesicht wie ein Exponat. "
Die letzten Sätze der Episode lauten:
" Es gibt kein Nonplusultra. Man kann die bekannte Welt nicht verlassen."
Der Himalaya
Im Nebel des Prithvi Highway
Der Erzähler ruft von Tokio eine Bekannte in Deutschland an und fühlt sich aufgrund dieses Kontakt auf Distanz in der fremden Umgebung weit besser. Sie machen aus, wenn er wieder in Europa ist, eine gemeinsame Fahrt zu unternehmen. Falls es sich ergibt. Der Erzähler ist enttäuscht, als die Bekannte nicht am Zug auftaucht, doch kurz vor Abfahrt kommt sie dann doch.
An der Fahrt genießen beide, dass sie nicht allein sind, aber auch eine gewisse Distanz bleibt.
"Beim Frühstück sagte Christa:
»Tanger! Das Nonplusultra!«
Non plus ultra, »Nicht darüber hinaus«, lautet die Inschrift, die sich auf den Säulen des Herkules finden soll, von ihm selbst dort angebracht. Die eine der beiden Säulen steht der Legende zufolge auf dem Felsen von Gibraltar, die andere auf dem Berg Dschebel Musa in Marokko. Andere Quellen nennen [...]"
Die beiden tragen sich gegenseitig ihre Kenntnisse über die Säulen des Herkules und ihre Bedeutung als Ende der Welt vor, bis sie schließlich zu diesem Gedankenaustausch kommen:
" »Aber wenn man sagt: Bis hierher und nicht weiter«, wandte Christa ein, »hat man zwar eine Grenze gesetzt, doch zugleich alle Aufmerksamkeit auf das konzentriert, was hinter dieser Grenze liegen könnte. Eigentlich hat man damit ihre Überschreitung vorstellbar gemacht, oder?«
»Man hat die Phantasie sogar magisch auf diesen Akt der Überschreitung verpflichtet. Nacheinander wurde Sokrates, Tertullian und Epikur die Maxime zugeschrieben: >Quae supra nos, nihil ad nos: Was über unser Erkenntnisvermögen hinausgeht, hat keine Bedeutung für uns.<«
»Damit wäre die geographische Grenze der erkennbaren Welt zugleich eine Grenze des Erkennens.«
»Eine Grenze der Neugier«, sage ich."
Auf dem Felsen von Gibraltar fällt dem Erzähler etwas ein:
"Ich erinnerte mich, auf dem Titelblatt einer Schrift von Francis Bacon das Schiff des Odysseus hinter den Säulen des Herkules gesehen zu haben. Odysseus, der bei Dante auf der untersten Stufe des Infernos zu finden ist und als Einziger nicht bereut, kreuzt als Symbolfigur der Neugier jenseits der Grenzen der bekannten Welt.
»Faszinierend, oder?«
»Aber damit ist die Grenze des Nonplusultra doch schon überwunden«, widersprach Christa.
»Genau, und deshalb lautete die Devise von Karl V auch Plus ultra! Und das, seit klar war, dass das Nonplusultra eben nicht das Ende der geographischen Welt bedeutete. Also: Plus ultra!«, rief ich noch und schnalzte mit der Zunge.
»Dann ist dies jetzt der richtige Augenblick, dir zu sagen, dass ich hier umkehren werde«, antwortete sie und betrachtete mein verblüfftes Gesicht wie ein Exponat. "
Die letzten Sätze der Episode lauten:
" Es gibt kein Nonplusultra. Man kann die bekannte Welt nicht verlassen."
Der Himalaya
Im Nebel des Prithvi Highway
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11 Juni 2018
Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Aufbruch
Aufbruch
Der Erzähler erfährt von einem 8-jährigen Jungen mit Hirntumor, der nur noch kurze Zeit zu leben hat. Plötzlich steht der im Zimmer und sagt: "Mir ist langweilig!"
Er legt sich mit dem Jungen zusammen in sein Bett und bietet ihm als Ersatz für das Leben, das er nicht mehr wird leben können, Phantasiereisen an.
»Komm, wir reisen«, sagte ich.
»Wohin?«
»Wohin du willst.«
»Wirklich?«
»So wirklich, wie es geht.«
Diese Einschränkung musste sein, denn plötzlich fand ich mich an der Stelle aller von Phobien, Idiosynkrasien, Zwangsvorstellungen und Marotten geplagten Stubenhocker und stellte mir deren Grundfrage: Wie ist unter der Voraussetzung des Reisens ein Zuhausebleiben möglich? Also erzählte ich Tom von dem Dänen Sören Kierkegaard, der mit dem Vater im Wohnzimmer die Sonntagsmittagsspaziergänge nachstellte, die sie in der Stadt hätten wirklich machen können. Sie grüßten die Bürger rechts und links, dachten sich kleine Konversationen aus, staunten vor einem neuen Gebäude.
Ich erzählte Tom von Xavier de Maistre, einem französischen General, der 1790 wegen eines Duells zum Stubenarrest verurteilt worden war, weshalb er nicht mehr wie früher schon einmal mit der Montgolfiere entkommen konnte.
»Was ist eine Montgolfiere?«
»In Freiheit hätte er einen Ballon bestiegen und wäre auf und davon gewesen. So ist er stattdessen durch sein Zimmer gereist und hat die Abenteuer, die er da erlebte, aufgeschrieben, die Überquerung des Teppichs, die Besteigung des Sofas. Und nach ihm haben sich dann immer mehr Leute auf Reisen begeben durch ihr Zimmer, ihre Handtasche, ihr Haus oder ihr Zelt.«
»Das ist gut«, sagte Tom. »Ich möchte auch reisen.«
»Und das wäre dann wohin?«
»Ans Ende der Welt!«
»Das Ende der Welt ist eine Erfindung«, sagte ich. »Sie hat kein Ende.«
»Das will ich nicht.«
»Du kannst ja immer noch für dich allein entscheiden, wo deine Welt endet, also, wo sie dir so vorkommt.«
Ich malte ihm Landschaften ohne Schauseite aus, solche, in denen nichts beginnt und die sich vom Betrachter regelrecht abwenden, so dass man wie auf der Rückseite einer Stickerei die Fäden heraushängen sieht. [...] Eigentlich meinte ich Landschaften, die wie die Zimmerdecke waren, Toms
Ende der Welt. Doch kein Wort darüber. Stattdessen erzählte ich ihm von den Spuren im Schnee, der Stelle, wo alle Schritte innehalten und man auf die unberührte, von keinem Fuß getretene Erde sieht, abgestoßen vom ...
Aber da war er schon eingeschlafen. (S.16-19)
Der Junge hat sich nicht auf ein Ende seiner Welt eingelassen. Der Erzähler ist wie aus seiner Welt gefallen. Seine Freundin, die Krankenschwester, über die er den Jungen kennengelernt hat, "saß immer noch da in ihrem Schwestern-Habit und blickte geradeaus in eine wartende Partie Patiencen." (S.19)
Rezensionen bei Perlentaucher
Gibraltar
Der Erzähler erfährt von einem 8-jährigen Jungen mit Hirntumor, der nur noch kurze Zeit zu leben hat. Plötzlich steht der im Zimmer und sagt: "Mir ist langweilig!"
Er legt sich mit dem Jungen zusammen in sein Bett und bietet ihm als Ersatz für das Leben, das er nicht mehr wird leben können, Phantasiereisen an.
»Komm, wir reisen«, sagte ich.
»Wohin?«
»Wohin du willst.«
»Wirklich?«
»So wirklich, wie es geht.«
Diese Einschränkung musste sein, denn plötzlich fand ich mich an der Stelle aller von Phobien, Idiosynkrasien, Zwangsvorstellungen und Marotten geplagten Stubenhocker und stellte mir deren Grundfrage: Wie ist unter der Voraussetzung des Reisens ein Zuhausebleiben möglich? Also erzählte ich Tom von dem Dänen Sören Kierkegaard, der mit dem Vater im Wohnzimmer die Sonntagsmittagsspaziergänge nachstellte, die sie in der Stadt hätten wirklich machen können. Sie grüßten die Bürger rechts und links, dachten sich kleine Konversationen aus, staunten vor einem neuen Gebäude.
Ich erzählte Tom von Xavier de Maistre, einem französischen General, der 1790 wegen eines Duells zum Stubenarrest verurteilt worden war, weshalb er nicht mehr wie früher schon einmal mit der Montgolfiere entkommen konnte.
»Was ist eine Montgolfiere?«
»In Freiheit hätte er einen Ballon bestiegen und wäre auf und davon gewesen. So ist er stattdessen durch sein Zimmer gereist und hat die Abenteuer, die er da erlebte, aufgeschrieben, die Überquerung des Teppichs, die Besteigung des Sofas. Und nach ihm haben sich dann immer mehr Leute auf Reisen begeben durch ihr Zimmer, ihre Handtasche, ihr Haus oder ihr Zelt.«
»Das ist gut«, sagte Tom. »Ich möchte auch reisen.«
»Und das wäre dann wohin?«
»Ans Ende der Welt!«
»Das Ende der Welt ist eine Erfindung«, sagte ich. »Sie hat kein Ende.«
»Das will ich nicht.«
»Du kannst ja immer noch für dich allein entscheiden, wo deine Welt endet, also, wo sie dir so vorkommt.«
Ich malte ihm Landschaften ohne Schauseite aus, solche, in denen nichts beginnt und die sich vom Betrachter regelrecht abwenden, so dass man wie auf der Rückseite einer Stickerei die Fäden heraushängen sieht. [...] Eigentlich meinte ich Landschaften, die wie die Zimmerdecke waren, Toms
Ende der Welt. Doch kein Wort darüber. Stattdessen erzählte ich ihm von den Spuren im Schnee, der Stelle, wo alle Schritte innehalten und man auf die unberührte, von keinem Fuß getretene Erde sieht, abgestoßen vom ...
Aber da war er schon eingeschlafen. (S.16-19)
Der Junge hat sich nicht auf ein Ende seiner Welt eingelassen. Der Erzähler ist wie aus seiner Welt gefallen. Seine Freundin, die Krankenschwester, über die er den Jungen kennengelernt hat, "saß immer noch da in ihrem Schwestern-Habit und blickte geradeaus in eine wartende Partie Patiencen." (S.19)
Rezensionen bei Perlentaucher
Gibraltar
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Aufbruch,
Die Enden der Welt,
Roger Willemsen,
Willemsen
10 Juni 2018
Moltke: Unter dem Halbmond - Briefe von April und Mai 1836
Pera, den 7. April 1836
Es ist lange die Aufgabe abendländischer Heere gewesen, der osmanischen Macht Schranken zu setzen; heute scheint es die Sorge der europäischen Politik zu sein, diesem Staat das Dasein zu fristen. Die Zeit liegt nicht so fern, da man ernstlich fürchten durfte, der Islam könne in einem großen Teil des Abendlandes die Oberhand gewinnen, wie er im Orient gesiegt hat.
Es ist lange die Aufgabe abendländischer Heere gewesen, der osmanischen Macht Schranken zu setzen; heute scheint es die Sorge der europäischen Politik zu sein, diesem Staat das Dasein zu fristen. Die Zeit liegt nicht so fern, da man ernstlich fürchten durfte, der Islam könne in einem großen Teil des Abendlandes die Oberhand gewinnen, wie er im Orient gesiegt hat.
[...]
Der vornehmste Fürst des damaligen Europa, der römische König, floh vor ihnen aus seiner Hauptstadt und wenig fehlte, so wurde der Stephan zu Wien eine Moschee wie die Sophia zu Byzanz. Damals gehorchten die Länder von der afrikanischen Wüste bis zum Kaspischen Meer und vom Indischen Ozean bis zum Atlantischen Meer dem Padischah. Venedig und die deutschen Kaiser standen im Tributregister der Pforte. Ihr gehorchten drei Vierteile der Küsten des Mittelländischen Meeres; der Nil, der Euphrat und fast auch die Donau waren türkische Flüsse, der Archipel und das Schwarze Meer türkische Binnenwasser geworden. Und kaum zweihundert Jahre später stellt dasselbe mächtige Reich uns ein Gemälde der Auflösung vor Augen, welches ein nahes Ende zu verkünden scheint.
[...]
Die jetzige türkische Armee ist ein neuer Bau auf einer alten, gänzlich erschütterten Grundfeste. Die Pforte dürfte in diesem Augenblick ihre Sicherheit mehr in Verträgen als in Heeren finden und die Schlachten, die über die Fortdauer dieses Staates entscheiden sollen, können ebenso gut in den Ardennen oder dem Waldaigebirge als am Balkan ausgefochten werden.
[...]
Wenn es eine der ersten Bedingungen jeder Regierung ist, Vertrauen zu erwecken, so lässt die türkische Verwaltung diese Aufgabe völlig ungelöst. Ihr Verfahren gegen die Griechen, die ungerechte und grausame Verfolgung der Armenier, dieser treuen und reichen Untertanen der Pforte, und so viele andere gewaltsame Maßregeln sind in zu frischer Erinnerung, als dass jemand sein Kapital dort anlegen sollte. In einem Lande, wo dem Gewerbefleiß das Element fehlt, in welchem er gedeiht, kann auch der Handel größtenteils nur ein Austausch fremder Fabrikate gegen einheimische Rohstoffe sein.
[...]
Pera, den 13. April 1836
Am 2. April abends verließ ich mit einem österreichischen Dampfschiff Konstantinopel und erblickte am folgenden Morgen die hohen schönen Gebirge der Insel Marmara. Rechts zeigten sich die Berge von Rodosto mit Weingärten und Dörfern. Bald traten die Küsten Europas und Asiens näher zusammen und Gallipoli erschien auf schroffen zerrissenen Klippen mit einem alten Kastell und zahllosen Windmühlen am Ufer. Hier war es, wo die Türken zuerst nach Europa übersetzten. Gegen Mittag tauchte das Fort Nagara mit seinen weißen Mauern aus der hellblauen klaren Flut des Hellesponts empor. Diese Meerenge ist bei weitem nicht so schön wie der Bosporus, die Ufer sind kahl und beträchtlich weiter entfernt als dort, aber die geschichtlichen Erinnerungen machen sie anziehend. Von jenem seltsam aussehenden Hügel (vielleicht von Menschenhänden aufgetürmt) blickte Xerxes auf seine zahllosen Scharen, die er nach Griechenland führte; jene Steintrümmer, welche die ganze flache Landzunge überdecken, waren einst Abydos und hier schwamm Leander von Europa nach Asien, um Hero zu sehen.
Am 2. April abends verließ ich mit einem österreichischen Dampfschiff Konstantinopel und erblickte am folgenden Morgen die hohen schönen Gebirge der Insel Marmara. Rechts zeigten sich die Berge von Rodosto mit Weingärten und Dörfern. Bald traten die Küsten Europas und Asiens näher zusammen und Gallipoli erschien auf schroffen zerrissenen Klippen mit einem alten Kastell und zahllosen Windmühlen am Ufer. Hier war es, wo die Türken zuerst nach Europa übersetzten. Gegen Mittag tauchte das Fort Nagara mit seinen weißen Mauern aus der hellblauen klaren Flut des Hellesponts empor. Diese Meerenge ist bei weitem nicht so schön wie der Bosporus, die Ufer sind kahl und beträchtlich weiter entfernt als dort, aber die geschichtlichen Erinnerungen machen sie anziehend. Von jenem seltsam aussehenden Hügel (vielleicht von Menschenhänden aufgetürmt) blickte Xerxes auf seine zahllosen Scharen, die er nach Griechenland führte; jene Steintrümmer, welche die ganze flache Landzunge überdecken, waren einst Abydos und hier schwamm Leander von Europa nach Asien, um Hero zu sehen.
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Konstantinopel, den 5. Mai 1836
Vorgestern gab der Sultan den Gesandten ein prachtvolles Diner zur Feier der Vermählung seiner zweiten Tochter Mihrimah, auf Deutsch Sonnenmond. Man versammelte sich in einem Kiosk, der von allen Seiten offen war und eine weite Aussicht über Konstantinopel, Pera und das Meer gewährte.
Vorgestern gab der Sultan den Gesandten ein prachtvolles Diner zur Feier der Vermählung seiner zweiten Tochter Mihrimah, auf Deutsch Sonnenmond. Man versammelte sich in einem Kiosk, der von allen Seiten offen war und eine weite Aussicht über Konstantinopel, Pera und das Meer gewährte.
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Pera, den 20. Mai 1836
Seit einigen Tagen ist es plötzlich so kalt geworden, dass wir heizen müssen, und erst mit der Sonnenfinsternis am 15. Mai hat sich der Frühling aufs Neue eingestellt. Die Nähe des Schwarzen Meeres macht es, dass jeder Nordwind bis zum Juni Kälte mit sich bringt.
Seit einigen Tagen ist es plötzlich so kalt geworden, dass wir heizen müssen, und erst mit der Sonnenfinsternis am 15. Mai hat sich der Frühling aufs Neue eingestellt. Die Nähe des Schwarzen Meeres macht es, dass jeder Nordwind bis zum Juni Kälte mit sich bringt.
Kreisau und die Moltkes
"Bekannt wurde Kreisau vor allem durch die Familie von Moltke. Der preußische Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke, Sieger des Preußisch-Österreichischen Krieges von 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges von 1871, erwarb das Gut als Alterssitz. Sein Urgroßneffe Helmuth James von Moltke war einer der führenden Köpfe der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis. 1942 und 1943 fanden im Berghaus, das als Wohnhaus der Familie zum Gutshof gehörte, drei geheime Treffen dieser Gruppe statt." - Seite „Krzyżowa“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 23. Mai 2017, 10:22 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Krzy%C5%BCowa&oldid=165752198 (Abgerufen: 10. Juni 2018, 02:41 UTC)
Helmuth von Moltke erhielt nach dem Sieg von Königgrätz von König Wilhelm I. 200 000 Taler. 1867 kauft Moltke für 240 000 Taler das Rittergut Kraisau: 400 Hektar mitsamt Schloss". (Olaf Jessen: Die Moltkes. Biographie einer Familie, 2010, S.188)
Helmut von Moltke der Jüngere (1848-1916) plante in Weiterführung des Schlieffenplans, einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, indem er zuerst Frankreich niederwerfen und erst dann ernsthaft gegen Russland kämpfen wollte. In der Julikrise 1914 drängte er zum Krieg. Als er feststellte, dass Wilhelm II. noch auf die Aufrechterhaltung des Friedens mit Frankreich hoffte, bekam er einen Weinkrampf. "Ich war wie gebrochen und vergoss Tränen der Verzweiflung." (H.v.Moltke d.J.: Betrachtungen und Erinnerungen, S.400)
(Olaf Jessen: Die Moltkes. Biographie einer Familie, 2010, S.290)
Helmuth von Moltke erhielt nach dem Sieg von Königgrätz von König Wilhelm I. 200 000 Taler. 1867 kauft Moltke für 240 000 Taler das Rittergut Kraisau: 400 Hektar mitsamt Schloss". (Olaf Jessen: Die Moltkes. Biographie einer Familie, 2010, S.188)
Helmut von Moltke der Jüngere (1848-1916) plante in Weiterführung des Schlieffenplans, einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, indem er zuerst Frankreich niederwerfen und erst dann ernsthaft gegen Russland kämpfen wollte. In der Julikrise 1914 drängte er zum Krieg. Als er feststellte, dass Wilhelm II. noch auf die Aufrechterhaltung des Friedens mit Frankreich hoffte, bekam er einen Weinkrampf. "Ich war wie gebrochen und vergoss Tränen der Verzweiflung." (H.v.Moltke d.J.: Betrachtungen und Erinnerungen, S.400)
(Olaf Jessen: Die Moltkes. Biographie einer Familie, 2010, S.290)
06 Juni 2018
Helmuth von Moltke: Unter dem Halbmond
Briefe H. v. Moltkes aus der Türkei nach Deutschland
Konstantinopel 24.12.1835
Konstantinopel 24.12.1835
[...] Du weißt, dass meine Absicht war, nur etwa drei Wochen in Konstantinopel zu verweilen und dann über Athen und Neapel zurückzukehren. Nun hat aber der Seraskier mich durch die Gesandtschaft förmlich auffordern lassen die Abreise zu verschieben, was meinen ganzen Reiseplan ändert. Ich muss meinen Gefährten, den Baron Bergh, allein ziehen lassen, was mir in jeder Beziehung äußerst leid ist.
Konstantinopel, den 4. Januar 1836
Ich schrieb dir in meinem letzten Brief, dass mein Aufenthalt sich hier unerwartet verlängert. Der Seraskier lässt mich jede Woche ein paarmal rufen; da die Türken aber jetzt den Ramadan feiern, wo alle Geschäfte des Tages über ruhen, so finden die Besuche des Nachts statt. Das zehnrudrige Kaik des Seraskiers erwartet mich zu Galata und am jenseitigen Ufer des Hafens finde ich seine Pferde. Ebenso geht es zurück. Voraus schreitet ein Kawass oder Polizeisoldat, der mit seinem langen Stock unbarmherzig auf alles losschlägt, was nicht aus dem Wege geht. Dann folgt der Imrohor oder Stallmeister des Paschas und zwei Fackelträger zu Fuß; dann ich auf einem schönen türkischen Hengst mit Tigerdecken und goldenen Zügeln, begleitet vom Dolmetscher. [...]
Moltke: Unter dem Halbmond:
Ich schrieb dir in meinem letzten Brief, dass mein Aufenthalt sich hier unerwartet verlängert. Der Seraskier lässt mich jede Woche ein paarmal rufen; da die Türken aber jetzt den Ramadan feiern, wo alle Geschäfte des Tages über ruhen, so finden die Besuche des Nachts statt. Das zehnrudrige Kaik des Seraskiers erwartet mich zu Galata und am jenseitigen Ufer des Hafens finde ich seine Pferde. Ebenso geht es zurück. Voraus schreitet ein Kawass oder Polizeisoldat, der mit seinem langen Stock unbarmherzig auf alles losschlägt, was nicht aus dem Wege geht. Dann folgt der Imrohor oder Stallmeister des Paschas und zwei Fackelträger zu Fuß; dann ich auf einem schönen türkischen Hengst mit Tigerdecken und goldenen Zügeln, begleitet vom Dolmetscher. [...]
Konstantinopel, den 20. Januar 1836
Mehmed Chosref Pascha ist nächst dem Großherrn der mächtigste Mann im Reich. In seiner Erscheinung hat er wohl kaum seinesgleichen in der Welt. Stelle dir einen Greis von nahezu achtzig Jahren vor, der die ganze Lebendigkeit, Rührigkeit und Laune eines Jünglings bewahrt hat. Das stark rote Gesicht mit schneeweißem Bart, eine große gebogene Nase und auffallend kleine, aber blitzende Augen bilden eine markante Physiognomie, die durch die rote, über die Ohren herabgezogene Mütze nicht verschönert wird. Der große Kopf sitzt auf einem kleinen, breiten Körper mit kurzen, krummen Beinen. Der Anzug dieses Generals besteht aus einer blauen Bluse ohne alle Abzeichen, weiten Pantalons und ledernen Strümpfen (Terlik). Chosref Pascha hat sich während fünfunddreißig Jahren in den höchsten Staatsämtern zu erhalten gewusst, was seiner Gewandtheit alle Ehre macht. Der Seraskier redet fast nur in scherzhaftem Ton, aber die Mächtigen zittern bei seinem Lächeln. Er weiß alles, was in der Hauptstadt vorgeht, hat seine Kundschafter überall und kennt keine Schonung gegen solche, die sich der neuen Ordnung der Dinge widersetzen. Chosref Pascha war der Erste, welcher dem Großherrn eine europäisch ausexerzierte Truppe vorstellte, und der Erste unter den Großen, welcher die schöne alttürkische Tracht gegen die geschmacklose und unbequeme Nachbildung europäischer Uniform vertauschte; er gilt daher für einen Hauptbeförderer der Reform. Mir kommt es jedoch manchmal vor, als ob der Seraskier Mehmed Chosref die Reform in seinem geheimsten Innern mit der tiefsten Ironie behandle; aber sie ist ihm das Mittel zur Macht und Macht ist die einzige wahre, ungebändigte Leidenschaft dieses Greises. Wer ihm in dieser Beziehung entgegentritt, sei auf seiner Hut. Jemand, der eine hohe Stellung bekleidet, ohne sie durch ihn erlangt zu haben, gilt ihm schon für einen Feind.
Wikipedia: Nizip
Mehmed Chosref Pascha ist nächst dem Großherrn der mächtigste Mann im Reich. In seiner Erscheinung hat er wohl kaum seinesgleichen in der Welt. Stelle dir einen Greis von nahezu achtzig Jahren vor, der die ganze Lebendigkeit, Rührigkeit und Laune eines Jünglings bewahrt hat. Das stark rote Gesicht mit schneeweißem Bart, eine große gebogene Nase und auffallend kleine, aber blitzende Augen bilden eine markante Physiognomie, die durch die rote, über die Ohren herabgezogene Mütze nicht verschönert wird. Der große Kopf sitzt auf einem kleinen, breiten Körper mit kurzen, krummen Beinen. Der Anzug dieses Generals besteht aus einer blauen Bluse ohne alle Abzeichen, weiten Pantalons und ledernen Strümpfen (Terlik). Chosref Pascha hat sich während fünfunddreißig Jahren in den höchsten Staatsämtern zu erhalten gewusst, was seiner Gewandtheit alle Ehre macht. Der Seraskier redet fast nur in scherzhaftem Ton, aber die Mächtigen zittern bei seinem Lächeln. Er weiß alles, was in der Hauptstadt vorgeht, hat seine Kundschafter überall und kennt keine Schonung gegen solche, die sich der neuen Ordnung der Dinge widersetzen. Chosref Pascha war der Erste, welcher dem Großherrn eine europäisch ausexerzierte Truppe vorstellte, und der Erste unter den Großen, welcher die schöne alttürkische Tracht gegen die geschmacklose und unbequeme Nachbildung europäischer Uniform vertauschte; er gilt daher für einen Hauptbeförderer der Reform. Mir kommt es jedoch manchmal vor, als ob der Seraskier Mehmed Chosref die Reform in seinem geheimsten Innern mit der tiefsten Ironie behandle; aber sie ist ihm das Mittel zur Macht und Macht ist die einzige wahre, ungebändigte Leidenschaft dieses Greises. Wer ihm in dieser Beziehung entgegentritt, sei auf seiner Hut. Jemand, der eine hohe Stellung bekleidet, ohne sie durch ihn erlangt zu haben, gilt ihm schon für einen Feind.
Wikipedia: Nizip
[...] In Nizip fand am 24. Juni 1839 eine Schlacht zwischen dem Osmanischen Reich unter Sultan Mahmud II. und Ägypten, das sich unter Muhammad Ali Pascha, dem Khediven, vom Osmanischen Reich gelöst hatte, statt. Die ägyptischen Truppen, die in den Jahren vorher Palästina und Syrien erobert hatten, standen unter dem Befehl von Ibrahim Pascha, dem Sohn Muhammad Alis, und siegten über die osmanischen Truppen unter Hafiz Pascha. An der Schlacht nahm auch Helmuth von Moltke, der spätere deutsche Generalfeldmarschall, als preußischer Militärberater der osmanischen Armee teil.
Die Eindrücke seiner Jahre im Osmanischen Reich hat Moltke in seinem Werk "Unter dem Halbmond. Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839" aufgezeichnet. Über die Schlacht und ihre Vorgeschichte hat er besonders ausführlich berichtet.[2]"
Moltke: Unter dem Halbmond:
Die Schlacht bei Nisib Asbusu bei Malatia, den 12. Juni 1839
Du bist sehr lange ohne direkte Nachricht von mir geblieben, weil in der letzten Zeit die Ereignisse sich so drängten, dass kein Augenblick zum Schreiben blieb. Jetzt sitze ich wieder in meinem schattigen Quartier auf der Brücke unter dem Corneliuskirschbaum in Asbusu; aber manches hat sich geändert, seit ich diesen Ort verließ. Zu unserem festen Lager zu Biradschik standen wir so unbeweglich den ganzen Monat Juni still, dass die Schwalben anfingen sich Nester an meinen Zeltstangen zu bauen und Zeit und Weile uns lang wurde. Ein furchtbares Ereignis unterbrach jedoch die Einförmigkeit, als am 29. Mai mittags unser Pulvermagazin mit mehr als 1000 Zentner fertiger Munition in die Luft flog; man hatte zur Unterbringung derselben ein Hann oder gewölbtes steinernes Gebäude am Ufer des Murad innerhalb unserer Stellung gewählt. Nur auf wiederholte Vorstellung war es mir gelungen, sechzig Mann Wache aus dem inneren Hof des vierseitigen Gebäudes zu entfernen, die dort kochten und rauchten; es ging aber später noch, wie bei allen türkischen Pulvermagazinen, so arg her, dass ich bei dem ersten Knall keinen Augenblick im Zweifel war, welches Unglück uns betroffen hatte. Mein Zelt stand etwa tausend Schritt weit auf einer Höhe, die Tür gegen das Hann gewendet, entfernt genug, um außer aller Gefahr zu sein, nahe genug, um das Schauspiel deutlich mit anzusehen. Sobald der erste heftige Knall meine Aufmerksamkeit erregte, sah ich eine Feuergarbe aus dem inneren Hof emporsteigen, wo man eben Kisten mit Infanteriemunition öffnete; unmittelbar darauf flog das Hann selbst auf. Eine dichte Rauchsäule erhob sich bis zu einer unglaublichen Höhe in die klare blaue Luft, aus ihr aber zuckten helle Blitze, und ein Regen von Gewölbsteinen und Kugeln rasselte herab; das Platzen mehrerer hunderter gefüllter Granaten in derselben Minute verursachte ein Getöse, das viele Stunden weit in den Bergen widerhallte. Nun musst du wissen, dass in einer Entfernung von 80 Schritt zu beiden Seiten des Hanns 200 geladene Munitions- und Granatwagen standen; eine Protze flog wirklich in die Luft, und doch wurde wunderbarerweise der ganze Rest des Fuhrwerks gerettet. Einer meiner Kameraden, der Hauptmann Laue, war in größter Gefahr gewesen; er arbeitete zur Zeit der Explosion nur einige hundert Schritt weit vom Magazin und wurde an drei Stellen leicht verwundet; dennoch war er der Erste, der mit Hilfe einiger Artilleristen eine bereits brennende Granatprotze wieder löschte. Als wir mit der Infanterie herbeikamen, wurden schnell alle Munitionswagen aus der Nähe des Vulkans fortgezogen; [...]
Angeregt, in diese Briefe Moltkes hineinzusehen, wurde ich durch
Olaf Jessen: Die Moltkes. Biographie einer Familie, 2010
Lektürebericht: Ich habe verschiedene Zweige des Moltkeschen Adelsgeschlecht und einige wichtige Vertreter seit etwa 1800 kennengelernt, bin mit dem Hauptmann Moltke in der Türkei gewesen und habe erlebt, wie er, der vorher bettelarme Offizier mit ersparten 10 000 Talern Anteile an einer neu zu bauenden Bahnlinie von Hamburg nach Preußen erwarb und später gut daran verdiente. Ich habe erfahren, dass Helmuth von Moltke aus Karrieregründen Dänemark verließ und so nicht in den schwierigen Solidaritätskonflikt zwischen dänischem König (und dem Amtseid) und Schleswig-Holsteinischem deutschen Nationalgefühl hineingezogen wurde.
Moltkes Karriere vom Dänenkrieg bis zum legendären Sieg von Sedan habe ich eher kursorisch verfolgt und stehe jetzt bei seiner Erfahrung, einer der preußisch-deutschen Nationalhelden geworden zu sein (S.221).
Berührend, wie das "unartige", muntere Mädchen Mary nach der Verlobung mit dem angeheirateten, etwa 25 Jahre älteren Onkel ganz in der bürgerlich-adligen Frauenrolle aufgeht, emotionaler Rückhalt des verehrten Mannes zu sein, dass sie dann lange vor ihm stirbt und dass er ihr bis zu seinem Tode für diese ihre Rolle dankbar bleibt. - Kein Rollenmodell für unsere Zeit, aber offenbar eine Aufgabenteilung, die damals auch von Frauen als emotional stimmig erlebt werden konnte. (?)
[Zu ihrer Fragwürdigkeit vgl. Stefan Zweig: "›Gut erzogen‹ galt damals bei einem jungen Mädchen für vollkommen identisch mit lebensfremd; und diese Lebensfremdheit ist den Frauen jener Zeit manchmal für ihr ganzes Leben geblieben." (Die Welt von Gestern)]
Du bist sehr lange ohne direkte Nachricht von mir geblieben, weil in der letzten Zeit die Ereignisse sich so drängten, dass kein Augenblick zum Schreiben blieb. Jetzt sitze ich wieder in meinem schattigen Quartier auf der Brücke unter dem Corneliuskirschbaum in Asbusu; aber manches hat sich geändert, seit ich diesen Ort verließ. Zu unserem festen Lager zu Biradschik standen wir so unbeweglich den ganzen Monat Juni still, dass die Schwalben anfingen sich Nester an meinen Zeltstangen zu bauen und Zeit und Weile uns lang wurde. Ein furchtbares Ereignis unterbrach jedoch die Einförmigkeit, als am 29. Mai mittags unser Pulvermagazin mit mehr als 1000 Zentner fertiger Munition in die Luft flog; man hatte zur Unterbringung derselben ein Hann oder gewölbtes steinernes Gebäude am Ufer des Murad innerhalb unserer Stellung gewählt. Nur auf wiederholte Vorstellung war es mir gelungen, sechzig Mann Wache aus dem inneren Hof des vierseitigen Gebäudes zu entfernen, die dort kochten und rauchten; es ging aber später noch, wie bei allen türkischen Pulvermagazinen, so arg her, dass ich bei dem ersten Knall keinen Augenblick im Zweifel war, welches Unglück uns betroffen hatte. Mein Zelt stand etwa tausend Schritt weit auf einer Höhe, die Tür gegen das Hann gewendet, entfernt genug, um außer aller Gefahr zu sein, nahe genug, um das Schauspiel deutlich mit anzusehen. Sobald der erste heftige Knall meine Aufmerksamkeit erregte, sah ich eine Feuergarbe aus dem inneren Hof emporsteigen, wo man eben Kisten mit Infanteriemunition öffnete; unmittelbar darauf flog das Hann selbst auf. Eine dichte Rauchsäule erhob sich bis zu einer unglaublichen Höhe in die klare blaue Luft, aus ihr aber zuckten helle Blitze, und ein Regen von Gewölbsteinen und Kugeln rasselte herab; das Platzen mehrerer hunderter gefüllter Granaten in derselben Minute verursachte ein Getöse, das viele Stunden weit in den Bergen widerhallte. Nun musst du wissen, dass in einer Entfernung von 80 Schritt zu beiden Seiten des Hanns 200 geladene Munitions- und Granatwagen standen; eine Protze flog wirklich in die Luft, und doch wurde wunderbarerweise der ganze Rest des Fuhrwerks gerettet. Einer meiner Kameraden, der Hauptmann Laue, war in größter Gefahr gewesen; er arbeitete zur Zeit der Explosion nur einige hundert Schritt weit vom Magazin und wurde an drei Stellen leicht verwundet; dennoch war er der Erste, der mit Hilfe einiger Artilleristen eine bereits brennende Granatprotze wieder löschte. Als wir mit der Infanterie herbeikamen, wurden schnell alle Munitionswagen aus der Nähe des Vulkans fortgezogen; [...]
Angeregt, in diese Briefe Moltkes hineinzusehen, wurde ich durch
Olaf Jessen: Die Moltkes. Biographie einer Familie, 2010
Lektürebericht: Ich habe verschiedene Zweige des Moltkeschen Adelsgeschlecht und einige wichtige Vertreter seit etwa 1800 kennengelernt, bin mit dem Hauptmann Moltke in der Türkei gewesen und habe erlebt, wie er, der vorher bettelarme Offizier mit ersparten 10 000 Talern Anteile an einer neu zu bauenden Bahnlinie von Hamburg nach Preußen erwarb und später gut daran verdiente. Ich habe erfahren, dass Helmuth von Moltke aus Karrieregründen Dänemark verließ und so nicht in den schwierigen Solidaritätskonflikt zwischen dänischem König (und dem Amtseid) und Schleswig-Holsteinischem deutschen Nationalgefühl hineingezogen wurde.
Moltkes Karriere vom Dänenkrieg bis zum legendären Sieg von Sedan habe ich eher kursorisch verfolgt und stehe jetzt bei seiner Erfahrung, einer der preußisch-deutschen Nationalhelden geworden zu sein (S.221).
Berührend, wie das "unartige", muntere Mädchen Mary nach der Verlobung mit dem angeheirateten, etwa 25 Jahre älteren Onkel ganz in der bürgerlich-adligen Frauenrolle aufgeht, emotionaler Rückhalt des verehrten Mannes zu sein, dass sie dann lange vor ihm stirbt und dass er ihr bis zu seinem Tode für diese ihre Rolle dankbar bleibt. - Kein Rollenmodell für unsere Zeit, aber offenbar eine Aufgabenteilung, die damals auch von Frauen als emotional stimmig erlebt werden konnte. (?)
[Zu ihrer Fragwürdigkeit vgl. Stefan Zweig: "›Gut erzogen‹ galt damals bei einem jungen Mädchen für vollkommen identisch mit lebensfremd; und diese Lebensfremdheit ist den Frauen jener Zeit manchmal für ihr ganzes Leben geblieben." (Die Welt von Gestern)]
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