18 Juli 2020

Komödie oder Prozess? (Goethe: Italienische Reise)


Den 3. Oktober. [1786]
Heute dagegen sah ich eine andere Komödie, die mich mehr gefreut hat. Im herzoglichen Palast hörte ich eine Rechtssache öffentlich verhandeln; sie war wichtig und zu meinem Glück in den Ferien vorgenommen. Der eine Advokat war alles, was ein übertriebener Buffo nur sein sollte. Figur dick, kurz, doch beweglich, ein ungeheuer vorspringendes Profil, eine Stimme wie Erz und eine Heftigkeit, als wenn es ihm aus tiefstem Grunde des Herzens Ernst wäre, was er sagte. Ich nenne dies eine Komödie, weil alles wahrscheinlich schon fertig ist, wenn diese öffentliche Darstellung geschieht; die Richter wissen, was sie sprechen sollen, und die Partei weiß, was sie zu erwarten hat. Indessen gefällt mir diese Art unendlich besser als unsere Stuben- und Kanzleihockereien. Und nun von den Umständen und wie artig, ohne Prunk, wie natürlich alles zugeht, will ich suchen einen Begriff zu geben.
In einem geräumigen Saal des Palastes saßen an der einen Seite die Richter im Halbzirkel. Gegen ihnen über, auf einem Katheder, der mehrere Personen nebeneinander fassen konnte, die Advokaten beider Parteien, unmittelbar vor demselben, auf einer Bank, Kläger und Beklagte in eigner Person. Der Advokat des Klägers war von dem Katheder herabgestiegen, denn die heutige Sitzung war zu keiner Kontrovers bestimmt. Die sämtlichen Dokumente für und wider, obgleich schon gedruckt, sollten vorgelesen werden.
Ein hagerer Schreiber in schwarzem, kümmerlichem Rocke, ein dickes Heft in der Hand, bereitete sich, die Pflicht des Lesenden zu erfüllen. Von Zuschauern und Zuhörern war übrigens der Saal gedrängt voll. Die Rechtsfrage selbst sowie die Personen, welche sie betraf, mußten den Venezianern höchst bedeutend scheinen.
Fideikommisse haben in diesem Staat die entschiedenste Gunst, ein Besitztum, welchem einmal dieser Charakter aufgeprägt ist, behält ihn für ewige Zeiten, es mag durch irgend eine Wendung oder Umstand vor mehrern hundert Jahren veräußert worden, durch viele Hände gegangen sein, zuletzt, wenn die Sache zur Sprache kommt, behalten die Nachkommen der ersten Familie recht, und die Güter müssen herausgegeben werden.
Diesmal war der Streit höchst wichtig, denn die Klage ging gegen den Doge selbst, oder vielmehr gegen seine Gemahlin, welche denn auch in Person auf dem Bänkchen, vom Kläger nur durch einen kleinen Zwischenraum getrennt, in ihren Zendal gehüllt, dasaß. Eine Dame von gewissem Alter, edlem Körperbau, wohlgebildetem Gesicht, auf welchem ernste, ja, wenn man will, etwas verdrießliche Züge zu sehen waren. Die Venezianer bildeten sich viel darauf ein, daß die Fürstin in ihrem eignen Palast vor dem Gericht und ihnen erscheinen müsse.
Der Schreiber fing zu lesen an, und nun ward mir erst deutlich, was ein im Angesicht der Richter unfern des Katheders der Advokaten hinter einem kleinen Tische auf einem niedern Schemel sitzendes Männchen, besonders aber die Sanduhr bedeute, die er vor sich niedergelegt hatte. Solange nämlich der Schreiber liest, so lange läuft die Zeit nicht, dem Advokaten aber, wenn er dabei sprechen will, ist nur im ganzen eine gewisse Frist gegönnt. Der Schreiber liest, die Uhr liegt, das Männchen hat die Hand daran. Tut der Advokat den Mund auf, so steht auch die Uhr schon in der Höhe, die sich sogleich niedersenkt, sobald er schweigt. Hier ist nun die große Kunst, in den Fluß der Vorlesung hineinzureden, flüchtige Bemerkungen zu machen, Aufmerksamkeit zu erregen und zu fordern. Nun kommt der kleine Saturn in die größte Verlegenheit. Er ist genötigt, den horizontalen und vertikalen Stand der Uhr jeden Augenblick zu verändern, er befindet sich im Fall der bösen Geister im Puppenspiel, die auf das schnell wechselnde »Berlickel Berlockel« des mutwilligen Hanswursts nicht wissenWer in Kanzleien hat kollationieren hören, kann sich eine Vorstellung von dieser Vorlesung machen, schnell, eintönig, aber doch artikuliert und deutlich genug. Der kunstreiche Advokat weiß nun durch Scherze die Langeweile zu unterbrechen, und das Publikum ergötzt sich an seinen Späßen in ganz unmäßigem Gelächter. Eines Scherzes muß ich gedenken, des auffallendsten unter denen, die ich verstand. Der Vorleser rezitierte soeben ein Dokument, wodurch einer jener unrechtmäßig geachteten Besitzer über die fraglichen Güter disponierte. Der Advokat hieß ihn langsamer lesen, und als er die Worte deutlich aussprach: »Ich schenke, ich vermache!«, fuhr der Redner heftig auf den Schreiber los und rief: »Was willst du schenken? was vermachen? du armer ausgehungerter Teufel! gehört dir doch gar nichts in der Welt an. Doch«, fuhr er fort, indem er sich zu besinnen schien, »war doch jener erlauchte Besitzer in eben dem Fall, er wollte schenken, wollte vermachen, was ihm so wenig gehörte als dir.« Ein unendlich Gelächter schlug auf, doch sogleich nahm die Sanduhr die horizontale Lage wieder ein. Der Vorleser summte fort, machte dem Advokaten ein flämisch Gesicht; doch das sind alles verabredete Späße.
(Goethe: Italienische Reise)

17 Juli 2020

Venedig bei Goethe, Fanny Lewald und Fontane

Venedig (Wikipedia)
"So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte. So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name, der mich so oft, mich, den Todfeind von Wortschällen, geängstiget hat.
Als die erste Gondel an das Schiff anfuhr (es geschieht, um Passagiere, welche Eil' haben, geschwinder nach Venedig zu bringen), erinnerte ich mich eines frühen Kinderspielzeuges, an das ich vielleicht seit zwanzig Jahren nicht mehr gedacht hatte. Mein Vater besaß ein schönes mitgebrachtes Gondelmodell; er hielt es sehr wert, und mir ward es hoch angerechnet, wenn ich einmal damit spielen durfte. Die ersten Schnäbel von blankem Eisenblech, die schwarzen Gondelkäfige, alles grüßte mich wie eine alte Bekanntschaft, ich genoß einen langentbehrten freundlichen Jugendeindruck. [...]
Den 29sten, Michaelistag, abends.
Von Venedig ist schon viel erzählt und gedruckt, daß ich mit Beschreibung nicht umständlich sein will, ich sage nur, wie es mir entgegenkommt. Was sich mir aber vor allem andern aufdringt, ist abermals das Volk, eine große Masse, ein notwendiges, unwillkürliches Dasein.
Dies Geschlecht hat sich nicht zum Spaß auf diese Inseln geflüchtet, es war keine Willkür, welche die Folgenden trieb, sich mit ihnen zu vereinigen; die Not lehrte sie ihre Sicherheit in der unvorteilhaftesten Lage suchen, die ihnen nachher so vorteilhaft ward und sie klug machte, als noch die ganze nördliche Welt im Düstern gefangen lag; ihre Vermehrung, ihr Reichtum war notwendige Folge. Nun drängten sich die Wohnungen enger und enger, Sand und Sumpf wurden durch Felsen ersetzt, die Häuser suchten die Luft, wie Bäume, die geschlossen stehen, sie mußten an Höhe zu gewinnen suchen, was ihnen an Breite abging. Auf jede Spanne des Bodens geizig und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht mehr Breite, als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten. Übrigens war ihnen das Wasser statt Straße, Platz und Spaziergang. Der Venezianer mußte eine neue Art von Geschöpf werden, wie man denn auch Venedig nur mit sich selbst vergleichen kann. Der große, schlangenförmig gewundene Kanal weicht keiner Straße in der Welt, dem Raum vor dem Markusplatze kann wohl nichts an die Seite gesetzt werden. Ich meine den großen Wasserspiegel, der diesseits von dem eigentlichen Venedig im halben Mond umfaßt wird. Über der Wasserfläche sieht man links die Insel St. Giorgio Maggiore, etwas weiter rechts die Giudecca und ihren Kanal, noch weiter rechts die Dogane und die Einfahrt in den Canal Grande, wo uns gleich ein paar ungeheure Marmortempel entgegenleuchten. Dies sind mit wenigen Zügen die Hauptgegenstände, die uns in die Augen fallen, wenn wir zwischen den zwei Säulen des Markusplatzes hervortreten. Die sämtlichen Aus- und Ansichten sind so oft in Kupfer gestochen, daß die Freunde davon sich gar leicht einen anschaulichen Begriff machen können. [...]  
 [* Heute kann man die Bestände der Commons von Wikimedia zu Venedig nach Bildern wie z.B. dies durchforsten.]
Den 6. Oktober.
Auf heute abend hatte ich mir den famosen Gesang der Schiffer bestellt, die den Tasso und Ariost auf ihre eignen Melodien singen. Dieses muß wirklich bestellt werden, es kommt nicht gewöhnlich vor, es gehört vielmehr zu den halb verklungenen Sagen der Vorzeit. Bei Mondenschein bestieg ich eine Gondel, den einen Sänger vorn, den andern hinten; sie fingen ihr Lied an und sangen abwechselnd Vers für Vers. Die Melodie, welche wir durch Rousseau kennen, ist eine Mittelart zwischen Choral und Rezitativ, sie behält immer denselbigen Gang, ohne Takt zu haben; die Modulation ist auch dieselbige, nur verändern sie nach dem Inhalt des Verses mit einer Art von Deklamation sowohl Ton als Maß; der Geist aber, das Leben davon, läßt sich begreifen, wie folgt.
Auf welchem Wege sich die Melodie gemacht hat, will ich nicht untersuchen, genug, sie paßt gar trefflich für einen müßigen Menschen, der sich etwas vormoduliert und Gedichte, die er auswendig kann, solchem Gesang unterschiebt.
Mit einer durchdringenden Stimme - das Volk schätzt Stärke vor allem - sitzt er am Ufer einer Insel, eines Kanals auf einer Barke und läßt sein Lied schallen, so weit er kann. Über den stillen Spiegel verbreitet sich's. In der Ferne vernimmt es ein anderer, der die Melodie kennt, die Worte versteht und mit dem folgenden Verse antwortet; hierauf erwidert der erste, und so ist einer immer das Echo des andern. Der Gesang währt Nächte durch, unterhält sie, ohne zu ermüden. Je ferner sie also voneinander sind, desto reizender kann das Lied werden: wenn der Hörer alsdann zwischen beiden steht, so ist er am rechten Flecke.
Um dieses mich vernehmen zu lassen, stiegen sie am Ufer der Giudecca aus, sie teilten sich am Kanal hin, ich ging zwischen ihnen auf und ab, so daß ich immer den verließ, der zu singen anfangen sollte, und mich demjenigen wieder näherte, der aufgehört hatte. Da ward mir der Sinn des Gesangs erst aufgeschlossen. Als Stimme aus der Ferne klingt es höchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es ist darin etwas unglaublich, bis zu Tränen Rührendes. Ich schrieb es meiner Stimmung zu; aber mein Alter sagte: »È singolare, come quel canto intenerisce, e molto piè, quando è piè ben cantato.« Er wünschte, daß ich die Weiber vom Lido, besonders die von Malamocco und Pelestrina hören möchte, auch diese sängen den Tasso auf gleiche und ähnliche Melodien. Er sagte ferner: »Sie haben die Gewohnheit, wenn ihre Männer aufs Fischen ins Meer sind, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme abends diese Gesänge erschallen zu lassen, bis sie auch von ferne die Stimme der Ihrigen vernehmen und sich so mit ihnen unterhalten.« Ist das nicht sehr schön? Und doch läßt sich wohl denken, daß ein Zuhörer in der Nähe wenig Freude an solchen Stimmen haben möchte, die mit den Wellen des Meeres kämpfen. Menschlich aber und wahr wird der Begriff dieses Gesanges, lebendig wird die Melodie, über deren tote Buchstaben wir uns sonst den Kopf zerbrochen haben. Gesang ist es eines Einsamen in die Ferne und Weite, damit ein anderer, Gleichgestimmter höre und antworte."
(J.W.v. Goethe: Italienische Reise, Venedig)

Venedig

Der Markusplatz

Es scheint ein langes, ew'ges Ach zu wohnen
In diesen Lüften, die sich leise regen,
Aus jenen Hallen weht es mir entgegen,
Wo Scherz und Jubel sonst gepflegt zu thronen.
Venedig fiel, wiewohl's getrotzt Äonen,
Das Rad des Glücks kann nichts zurückbewegen:
Öd' ist der Hafen, wen'ge Schiffe legen
Sich an die schöne Riva der Sklavonen.
Platen
Es war Nacht geworden, als wir nach der Visitation endlich die Dogana verlassen durften. Der Ruf: »Una barca! Una gondola!« tönte von allen Seiten an unser Ohr. Wir bestiegen die zunächstliegende Gondel, der Gondolier trat auf seinen Platz hinter dem Häuschen, und der sichere Druck seines Ruders ließ uns lautlos und pfeilgeschwind durch die Lagunen schießen.
Eine Gondel! ein Gondoliere! Welch ein Zauber weht uns an aus diesen Worten! Weich und wollüstig wiegt sich die Seele in den poetischen Bildern einer fernen Zeit, wie das Schiffchen sich schaukelt auf den leise erzitternden Wellen der Kanäle.
Stolze Ritter haben das Schwert von ihren Hüften gegürtet, das Haupt von der eisernen Wucht des Helmes befreit. Unter dem Federbarett erglänzen dunkle Locken, ein schwarzer Domino umhüllt die männliche Gestalt, welche die Prachttreppen hernieder zur Gondel schreitet. Die Gitarre liegt auf den elastischen, schwarzen Polstern, das schwarzverhangene Gondelhäuschen darüber verbirgt wie ein Sarg den Glücklichen, der daraus hervorzugehen hofft zu seliger Freude.
Rasch fliegt das leichte Fahrzeug die Kanäle entlang, fort unter den dunkeln Schauern der Seufzerbrücke, vorüber an dem Lichtgeflimmer der Piazzetta; weiter, immer weiter vorwärts! Der verschwiegene Gondoliere kennt wohl sein fernes Ziel. Er hat's erreicht und hält!
Nicht an der breiten Marmortreppe des Canal Grande, wo vor dem lichtstrahlenden Palast sich Gondel an Gondel um die Befestigungspfähle reiht, welche hell leuchten in den Wappenfarben des Hohen Hauses. Tanzmusik erklingt dort aus prächtigem Saale, eilfertige Dienerschaft fliegt durch Treppen und Hallen, geschmückte Männer und Frauen stehen in den geöffneten Fenstern der Altane, Kühlung einatmend in dem frischen Nachthauch, der herüberweht vom Meere.
Nein! leise und schnell an der Prachttreppe vorüber huscht die Gondel im Schatten der Pilaster zur kleinen Hinterpforte des Palastes am Traghetto (Landeplatz). Die Gitarre erklingt, ein Fenster wird behutsam geöffnet; die Gitarre verstummt. Unhörbar schlüpft ein zarter Frauenfuß über die Quadern, noch ein Moment – und die Liebenden sind vereint, vereint unter der treuen Obhut des schweigenden Gondoliers.
Oh! welches Glück, hinauszurudern, ungesehen, unbelauscht, durch die weiten Kanäle, in herzigster Einsamkeit, Auge in Auge versenkt, Lippe an Lippe gepreßt! gewiegt von dem schwankenden Kahn in süßeste Träume, ohne Geräusch, ohne den störenden Laut von außen, so still, daß das leiseste Flüstern, daß der zaghafteste Seufzer widerklingt in der Brust des Geliebten! hinaus in die ruhenden, mondbeglänzten Fluten des Adriatischen Meeres, dem einst die Venus entstieg, die schöne Göttin der Liebe.
Gewiß! gibt es ein Paradies, ein Eden der Liebe: in einer Gondel gelangt man dahin!
Doch »Venedig lebt nur noch im Reich der Träume«! – Keine Siegesfanfaren erklingen jetzt in den Hallen der alten Dogengeschlechter, kaum ein Zitherklang unter den Fenstern schöner Frauen. Schweigend heben sich die Prachtpaläste aus den Fluten empor, welche leise anplätschern gegen die Stufen der Marmortreppen. Nur hie und da erglänzt aus hohem Gemach der Schimmer von Lichten, nur bisweilen tritt aus der Halle eines Palastes eine Gestalt hervor, steigt die Treppe hinab und verschwindet in der Gondel, welche sie lautlos entführt.
Nie habe ich auch nur in annähernder Ahnung die Vorstellung der Stille gehabt, welche uns in Venedig umgibt. Unser Ohr ist so sehr des Durcheinanderklingens von Menschentritten, Wagengerassel und Rossestampfen gewohnt, daß wir es erst dann als ein Auffallendes empfinden, wenn es einmal einen ungemeinen Grad erreicht hat. Wirkliche Ruhe, wirkliche Stille kennen wir in unsern Städten nicht. All unsere Vorstellungen davon sind bedingt. Wenn uns nun hier mitten in einer großen Stadt, mitten auf den Kanälen Venedigs vollkommene Stille umgibt, so glauben wir zu träumen, und alte Märchen von der schweigenden Königsburg, von dem schönen, im Meere versunkenen Vineta tauchen vor unserm Geiste auf, bis die Gondel uns an die Stufen der Piazzetta führt und neue Zauberbilder uns zu umgaukeln scheinen.
Es ist Nacht. Bleiches Mondlicht strahlt matt durch die Wolkenvorhänge, welche der leise Wind langsam hinwegweht, die Sterne schauen verstohlen hervor, die Wogen des Meeres ruhen, die Gondel landet an den breiten Stufen. Zwischen den beiden schönen Säulen der Piazzetta steigt man an das Ufer. Der geflügelte Löwe von San Marco und der heilige Georg, welche die Säulen schmücken, wachen über Venedig und schützen unsern Eintritt.
Ein orientalisches Gebäude liegt zu unserer Rechten. Über byzantinisch gezierten, niedrigen Säulen, welche die Bogen tragen, erhebt sich das obere Stockwerk in ganz befremdlicher Form. Die rötlich gebrannten Ziegel verschlingen sich zu geheimnisvollen Arabesken, wunderbare Gebilde ragen aus dem Marmorzierat hervor. Die hohen Fenster beherrschen den Platz und das Meer, aber sie sind von keinem Lichte erhellt, das Haus ruht im Schweigen der Nacht.
Schlummert darin die arabische Fürstin, die Abencerragen-Geliebte, welche ein neidischer Zauberer entführte? Wachen Genien darin und flüstern ihr süße Träume ins Ohr vom fernen Geliebten, der sie ersehnt in den Fontänensälen der Alhambra? – Oder ist es ein Tempel geheimnisvoller Brüderschaft, welche dem strebsamen Neophyten die Offenbarung eines unsichtbaren Gottes in mystischen Zeichen enthüllt? Wir stehen davor in staunender Betrachtung, denn – Venedigs Dogenpalast hat nicht seinesgleichen im ganzen Abendlande.
Es ist der Zauber des Orientes, der uns umweht. Wir hören Kaskaden rauschen, wir hören Palmblätter fächeln über den Polstern, auf denen die Sultanin ruht. Aufgelöst ist ihr schwarzes, flutendes Haar, das herniedersinkt über die juwelengeschmückte Brust, über die feine Hand bis hinab zu den nackten, spangenumgebenen Füßen, welche auf den golddurchwirkten Kissen ruhen. Papageien wiegen sich in goldenen Ringen, goldene Fischchen glitzern im Marmorbassin – da – erblickt man die prachtvolle Treppe – die Riesentreppe des Dogenpalastes, und – Marino Falieros schwarzes Leichentuch fällt über die lachenden Bilder des Orients.
Wir wenden unser Auge! Das Lichtgeflimmer der Läden unter den alten und neuen Prokurazien erglänzt, die Uhr in dem Uhrhause zeigt, unter dem Gold- und Ultramarinschmuck der Fassade, die zehnte Stunde. Noch ein Schritt vorwärts, und wir stehen auf den Quadern des Markusplatzes.
(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig)

"Die ganze Welt der Erscheinungen ist nicht dazu da, um Malern und Poeten wünschenswerte und bequem liegende Stoffe zu bieten, sondern um überhaupt zu befriedigen und zu erfreun. Das Leben stellt vielfach andere Forderungen als die Kunst, und Individuen die Staaten gehen zu Grunde, die dies übersehen. Wem diese Wahrheit zu Fleisch und Blut geworden ist, der wird auf Venedig blicken wie ich noch in der letzten Stunde auf ein wunderschönes Frauenzimmer blickte, die aus dem zweiten Stock eines halbverfallenen Hauses träumerisch-faul  mit tief und dumm schmachtendem Auge uns nachsau, als unsere Gondel an den Wasserstiegen des schmalen Kanals vorüber fuhr. Sie war so schön, wie ich selten Weiber gesehen habe und das halbgekräuselte schwarze Haar lag wie eine Mähne um sie her, mit den Spitzen nach vorn hin und über die halb entblößte Brust fallend; ich werde den Anblick nie vergessen. Aber sie war ungewaschen und ungekämmt, und nach meinem Gefühl, so wenig sie persönlich innerhalb der idealen Liebe zu stehen schien, doch nur für eine solche geeignet. Ein Wesen, nur mit dem Auge zu genießen; mit ihr zu leben – ein Gedanke nicht ausgedacht zu werden! So auch die Stadt selbst. Diese schöne, schwarzhaarige Schwester Struwelpeters, die seifenintakt auf einen gondelbefahrenen Rinnstein niedersah, war mir wie das Bild Venezias als selbst erschienen.
Eine glänzende Ausnahme macht der Markusplatz und die an ihn grenzende Piazzetta. [...]"

(Theodor Fontane an Karl und Emilie Zöllner, 10.10. 1874)

"Militärmusik erklingt. Vor der Markuskirche ragen die drei roten Mastbäume auf erzenem Sockel empor, die Trophäen Venedigs nach Eroberung der Inseln Morea, Candia und Zypern. Schiffer in dalmatischer Tracht, Landleute von den Inseln und Matrosen aus den freien Staaten Nordamerikas lagern zu ihren Füßen.

Kaffeehäuser und Luxusmagazine, wohin man blickt. Die mit Hallen überbauten Erdgeschosse sämtlicher Gebäude, welche von drei Seiten den Markusplatz umschließen, sind davon erfüllt. Der Markusplatz gleicht einem riesigen Opernsaale, und auch das Geräusch der wogenden Menge, von keinem Wagengerassel, von keinem Pferdetritt untermischt, bringt den Laut hervor, der bei einem großen, fröhlichen Feste uns aus den Sälen entgegentönt.
Der Markusplatz zeigt uns die italienische Geselligkeit und das italienische Volksleben im Freien in einem Bilde – und doch ist Venedig nicht mehr das eigentliche, südliche Italien. Venedig ist ein besonderes, liebliches Wunder, ein geheimnisvolles Rätsel, eine stolze Ruine, vom Zauber der Vergangenheit umzittert; Venedig ist ein frei gebornes, poetisches Weib unter der lastenden Herrschaft eines aufgedrungenen Gebieters; Venedig ist unvergänglich schön und doch schon Beute des Verfalles – und weil es das alles ist, ist's eben das zauberhafte, traumselige, phantastische Venedig und unvergleichlich.
Auf dem Markusplatze reihen sich Stühle an Stühle. Kellner eilen von einem zum andern, Eisgläser, Kaffeetassen und Sorbetti zu präsentieren. Knaben bieten in zierlichen Körben kandierte Früchte feil, preisen uns Muschelkästchen, Korallenspielereien, Fächer und Glasperlenschmuck zum Kaufe an, in weichem, lieblichem Dialekt. Am Arme der Männer wandeln die geschmückten Frauen auf und nieder; bedächtige Perser, schöne armenische Greise und flammende junge Griechen liegen in den offenen Sälen der Cafés oder auf den Stühlen im Freien hingestreckt und folgen, die lange Pfeife im Munde, mit den dunkeln, brennenden Augen den schlanken Frauengestalten, welche sich hier, mitten in der Nacht, mitten unter fremden Männern, fessellos bewegen.
Dort stehen östreichische Offiziere, den Stock, die Prügelwaffe, von der eingeschnürten Taille herabhängend, ein schmachvolles Ehrenzeichen; hier erglänzen Goldstücke in dem Laden eines Wechslers, und Schiffskapitäne schließen Kontrakte für die Fahrt. Bisweilen, aber selten im Vergleich zu Rom und Neapel, huscht noch ein verspäteter Mönch unter den Prokurazien dahin. Hat er Trost gebracht am Lager oder in der Hütte der Leidenden, wie fremd muß die Fröhlichkeit des Markusplatzes seine Seele berühren; hat er vom verbotenen Becher des Lebens gekostet, wie melancholisch mag das Bild des düstern Klosters ihm scheinen; wie glücklich der Weltgeistliche, der hier unter warmem Himmel frei und lächelnd das Lachen auf schönen Lippen, in blitzenden Augen erweckt.
Aus den Fenstern der Gebäude sehen wie aus den Logen eines Theaters Männer und Frauen hinab, deren Gestalten sich formenschön hervorheben auf dem Lichthintergrunde der Zimmer. Der ganze Markusplatz ist voll Menschen, wohin das Auge sich wendet; Musik umtauscht uns, man wandert fort und fort, man schwatzt, man lacht bei ihrem Klange, ob auch Stunde um Stunde versinkt und der Zeiger am Uhrhause unaufhaltsam vorrückt, man genießt, man lebt das Leben.
Es ist nach Mitternacht geworden! Der Mond ist hinabgesunken ins Meer, die Gruppen auf dem Markusplatze fangen an, sich zu lichten, man geht freier umher, die Wärme, welche die Masse hier ausströmte, wird geringer, der frische Lufthauch vom Meere macht sich fühlbar, die Gasflammen fangen an, unruhiger zu flackern. Nun erst übersieht man die Größe und Schönheit des Raumes. Man tritt an das äußerste Ende des Platzes, ihn besser zu betrachten.
Schlank und stolz hebt sich von den Quadern wie eine Riesensäule der Markusturm empor, frei und selbständig, nicht an eine Kirche, nicht an einen Palast gestützt, ein Bild der selbständigen Republik. Dahinter erglänzt es in strahlendem Goldglanz. Reich wie eine Moschee ist die Markuskirche geschmückt in aller Pracht byzantinischen Stils, und mitten aus den runden Bogen des Orients, aus ihren kioskartigen Spitzen und Wölbungen, mitten aus dem Goldlicht der Mosaiken leuchtet über das unruhige Lebensgetümmel des Markusplatzes ein ruhig Bild, beruhigend und erhebend, vom Hauptportal der Markuskirche durch die Nacht – das Bild des triumphierenden Christus, der sich aufschwingt von der Erde zum Himmel."
(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig)
"Von der Piazzetta, die sich nach dem Meere so lieblich eröffnet, von dem schönen Kai, der Riva degli Schiavoni, sah ich immer mit tiefer Sehnsucht hinüber nach dem Lido, den Eugen Beauharnais in einen schönen, öffentlichen Garten umgeschaffen hat. Ein Plätzchen neben einer Schifferherberge auf der Insel Giudecca, auf dem wir eines Tages unser Frühstück verzehrten, erschien mir wie ein Paradies, weil ein paar Bäume ihre Äste über unsern Tisch zur Laube wölbten und Bohnen und Kürbis sich an den Gitterzäunen emporrankten.

Den vollen Eindruck der absonderlichen Existenz in Venedig bekommt man aber erst, wenn man, den Canal Grande verlassend, in die Seitenkanäle einbiegt und nun überall neue Wasserstraßen erblickt.

Ich fuhr eines Morgens nach der Wohnung meines Bankier. Der Gondolier führte uns durch immer engere Gäßchen; nichts als Wasser und Mauern; nur hie und da ein Mensch an den schmalen Kais, nur dann und wann der Zuruf eines Gondolier aus einem Nebenkanal, seine Ankunft verkündend, um den Zusammenstoß mit andern Gondeln zu vermeiden, was bei der Länge der Fahrzeuge auf den engen Kanälen ohne dies Anrufen unvermeidlich wäre. Endlich hielten wir vor einem stattlichen Hause. Aus der Gondel langte der Gondolier nach dem Klingelzuge. Man öffnete. Das Wasser stand damals hoch und war noch höher gewesen; die ganze Treppe im Innern der Pforte war davon überschwemmt. Eine kleine Brücke, die wir überschreiten mußten, lag schräg von den ersten Stufen nach dem Hofe; aber der ganze Hof selbst war naß, das Wasser hatte Schlamm und Kehricht dort zurückgelassen, ein feuchter Dampf stieg im Sonnenschein davon empor. Und als ich nun oben diesen Bankier in Haufen Goldes wühlen sah, über Kapitalien gebietend, die ihm jeden käuflichen Genuß möglich machten, da mußte ich mich staunend fragen, was hält die Menschen in dieser widernatürlichen Existenz gefesselt, die jetzt nicht mehr ein Asyl der Freiheit ist? Was bannt sie in diese Sümpfe, während in Rom und Neapel die Erde sich neubelebt im frischeren Hauche des Herbstes?

Venedig ist ein poetisches Wunder, an dem sich die Phantasie für einige Zeit mit Freude ergötzt, aber ich wiederhole es, es ist kein Aufenthalt, den ich für längere Zeit ertragen oder erwählen würde, so vielfach man mir Venedig grade in diesem Sinne angepriesen hatte.

Bedurfte ein Volk der bildenden Künste, die Seele zu erheitern, so waren es die Venezianer. Die Kunst mußte ihnen zum einzigen Troste werden, ihre Seele mußte sich leidenschaftlich derselben zuwenden, und es ist natürlich, daß sie Stadt und Wohnungen zu schmücken strebten, als Ersatz für den Mangel an schöner Natur.

Zu der Kunst, zu der großen Vergangenheit Venedigs flüchtet man sich; in ihr lebt der Fremde den Tag hindurch, bis abends sich die Gasflammen auf dem Markusplatze und der Piazzetta entzünden und die süßen, gaukelnden Märchen uns wieder einspinnen in bunte, phantastische Bilder.

Nirgends sonst greifen Kunst und Geschichte so unauflöslich fest und enge ineinander als in Venedig. Der Dogenpalast, die Prokurazien, der Markusturm, die Piazzetta, die Löwen vom Piräus, welche den Eingang des Arsenales zieren, alle diese Denkmale von der tatkräftigen Vergangenheit der Republik, wir finden sie wieder in den Bildern, mit welchen die Säle jener Gebäude geschmückt sind. Die Helden, deren Taten von Meisterhand an den Wänden des großen Rates gemalt sind, landen auf den Bildern mit ihren Galeeren unter den Fenstern eben dieses Dogenpalastes. Venedigs Künstler brauchten nicht in eine ferne Vorzeit zu greifen, um Motive zu finden. Die Republik, deren Bürger sie waren, bot ihnen in ihren Siegen den Stoff; schöne Frauen wandelten in Fülle auf den Quadern des Markusplatzes einher; das Gefühl der Freiheit, der Selbstherrschaft prägte jeden Bürger, wie die alten Porträts es beweisen, zu schöner, männlicher Individualität aus; man malte die Gegenwart, deren Dank man empfing, zum Fortleben in der Nachwelt.

Diesem Zusammenwirken entsprangen denn auch die lebensfrischen Schöpfungen eines Tizian, eines Veronese, Piombo und anderer, die das kräftige Lebenselement selbst in die Schilderungen des Jenseitigen übertrugen. Sie stehen dadurch, dünkt mich, in der Auffassung biblischer Gegenstände unserer Zeit viel näher als selbst Raffael und die andern ältern Meister, welche spiritualistischer zu Werke gegangen sind als jene.

Raffael, im Dienste der Kirche malend, strebte in der Darstellung von biblischen Motiven des Neuen Testamentes nach dem Übersinnlichen, Unirdischen, nach dem Mythischen; er entsinnlichte das Körperliche, der Askese des Christentums zu Ehren. Die Venezianer hingegen, gewohnt, zu Ehren des freien Vaterlandes tüchtige Menschen zu malen, inmitten eines politisch und merkantilisch reichen Lebens, behielten beständig die Wirklichkeit als gesunden Boden und stellten, was naturgemäß ist, das Übersinnliche sinnlich dar.

In diesem Geiste hat Tizian eine Himmelfahrt Christi, Veronese eine Verkündigung gemalt, die mir einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben, während sonst der Verstand sich gegen das Wunder empört, das in der bildlichen Darstellung uns seine physische Unmöglichkeit aufdringt.

Jener Christus trägt das Gepräge urkräftigster, männlicher Begeisterung in sich, welche aus sich selbst heraus Wunder zu wirken vermag. Er ist das Symbol des Geistes, der sich über die Erde erhebt, und der ihm innewohnende Gott hat wundertätige Willenskraft.

Christus ist abgeschlossen in sich. Die linke Hand zeigt nach der Erde, auf der er sein Werk vollendet hat; die rechte hebt sich zum Himmel, von jener Willenskraft des Geistes beseelt, die das Unmögliche möglich macht. Er glaubt an die Kraft seiner Seele, er will sie benutzen, zum Lichte empor zu dringen; und dem riesigen Wollen gehorsam, hebt ihn der Geist empor. Nur die Spitze des rechten Fußes berührt noch die Erde, nur noch scheinbar gehört er dem Irdischen an, und schon – eben nur dem herabziehenden Gesetz der Schwere entrückt – bemächtigt die Luft sich seiner weiten, weißen Gewänder, und das reine Element trägt ihn empor über die Atmosphäre der Erde zum Äther, zum Licht. Der Geist des Menschen und das Element der Natur wirken in Übereinstimmung das Wunder. Das ist schön und wahr zugleich.

Ebenso tief ist Veroneses Verkündigung, ein Gegenstand, an dem seines Mysteriums wegen die Mehrzahl der Maler gescheitert ist. Die alten Meister, wie Fiesole, finden sich noch am besten darin zurecht. Der blonde Engel mit dem Lilienzweig, die Jungfrau mit den gesenkten Augenlidern knien sich in bewußtloser Unschuld und Demut gegenüber und sehen gewöhnlich beide ziemlich nichtssagend aus; die Jungfrau sogar oftmals ganz verwundert. Aber die Unschuld soll, wie Hebbel das so schön ausdrückt, an der Liebe sterben! Sie soll sterben, nicht verwundert in Resignation versinken.

Der gesunde Veronese rettete sich vor dem Wunder in die Allegorie und schuf ein Bild, das jedem fühlenden Menschen das Herz bewegt. In gewaltiger, räumlicher Architektur, in einer großen, offnen Halle richtet sich die kniende Jungfrau vor ihrem Betpulte empor, da in der äußersten Linken des Bildes ihr der Engel der Verkündigung erscheint. Der Engel blickt sie ruhig an, ihr Gesicht ist von aufzuckender Seligkeit überstrahlt; die heilige Ahnung des Mutterglückes kommt über sie, und nicht absichtslos steht der Engel der Verkündigung so fern von der Jungfrau, die noch eine lange Zeit banger Hoffnung von der Erfüllung trennt. Es ist eines der einfachsten Bilder, das man denken kann, und doch so tief ergreifend, weil das biblische Wunder zurückübersetzt ist in das heilige Wunder der Natur.

(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig Tageslicht)


15 Juli 2020

Neapel

Der Ausspruch, man müsse, um behaglich zu leben, den Winter in Petersburg und den Sommer in Neapel zubringen, hat sich mir zur letztern Hälfte als Wahrheit erwiesen. Mit der ersten Sommerwärme verschwinden aus allen Zimmern die Teppiche, die Fenstervorhänge und Portieren. Man entfernt selbst die Polstermöbel, soweit es tunlich ist, und sucht sie durch Rohrsessel zu ersetzen. [...]
Wer es irgend möglich machen kann, beginnt den Tag mit einem Seebade. Wie allgemein diese Sitte verbreitet ist, davon kann man sich morgens an der Riviera di Chiaia überzeugen, wo von fünf bis zehn Uhr Scharen von Menschen aus allen Ständen nach den zahlreichen Badeanstalten hinströmen. Dem Seebade folgt das Frühstück, dem in vielen Häusern schon Früchte und Eiswasser beigesellt werden. Nach demselben hält man sich, wenn man nicht durch Geschäfte zum Ausgehen gezwungen ist, in seinen Zimmern, und es möchte nicht viele geben, welche während der Mittagszeit dem Schlafe widerstehen können. Wenn wir von der Siesta sprechen hören, so denken wir uns, daß man sich um die Zeit gehörig zur Ruhe lege, und das kommt uns unnatürlich und komisch vor. Lebt man aber im Süden, wo man zeitig aufsteht und die halbe Nacht im Freien zubringt, dann macht es sich ganz von selbst, daß man sich gegen die Höhe des Tages für ernste Beschäftigung zu abgespannt fühlt, eine leichtere Arbeit wählt und bei dieser einschläft, ohne daß man es will und bemerkt. So verträumt man eine Stunde und erwacht, nachdem man ganz aus dem Stegreif auf gut italienisch seine Siesta gehalten hat. [...]
Wenn man vom Toledo ins Theater gefahren ist und dort einen oder ein paar Akte mit angesehen hat, so ist es etwa zehneinhalb Uhr und nach neapolitanischen Begriffen noch nicht zu spät, Visiten zu machen. Einzelne Häuser empfangen an bestimmten Abenden der Woche, andere täglich. Man plaudert, musiziert sehr viel, und die Anwesenheit der zahlreichen Fremden von allen Nationen nimmt der Unterhaltung jenen kleinlichen Koteriegeist, der bald so ermüdend wird. Wohin man kommt, sind alle Fenster der Wohnung geöffnet, und alle Damen sitzen mit Fächern in den Händen, die hier keine Modesache, sondern eine Notwendigkeit sind. Selbst im engen Familienleben hat jede Frau einen kleinen, grünen Fächer neben sich. Man vermißt ihn, wenn man ihn nur kurze Zeit entbehrt. Dies Umherfahren dauert von sieben Uhr abends bis nach Mitternacht in Neapel, und die Nächte sind so schön, daß man jedesmal aufs neue erquickt wird, wenn man von einem Besuche in den Häusern wieder auf die Straße zurückkehrt. [...]
Einer der Männer aus unserer Gesellschaft ging hinein, das Abendbrot anzuordnen, während wir die Wagen verließen, um die Boote zu besteigen. Das Meer war glatt und glänzend wie ein Spiegel, kein Luftzug bewegte seine Oberfläche, so daß die Gestirne ganz hell aus der Tiefe widerstrahlten und man sich wie zwischen zwei gleichen Elementen geschaukelt empfand; denn Meer und Luft waren beide gleich dunkel und beide mit Myriaden leuchtender Sterne durchfunkelt. Langsam glitten unsere Boote über die Wasserfläche dahin, nur der leise Schlag der Ruder störte die Stille. Der Mond stand hoch am Himmel und vergoldete mit seinem Lichte die Rauchsäule des Vesuvs, die sich ruhig zum Himmel hinaufkräuselte. Aus den Villen am Ufer blinkten die Lichter durch die geöffneten Fenster und von den weinumrankten Verandas hervor. Eine große, breitblättrige Palme bewegte ihre Blätteräste langsam unter dem linden Hauche der Nachtluft. Zahlreiche Fischerkähne zogen neben uns und in jeder Richtung durch das Wasser. Viele führten eine brennende Fackel am Vorderteile aufgesteckt, um die lichtliebenden Hummern herbeizulocken. Die dunkelrot glühenden Flammen hatten in der ruhigen Natur und bei dem milden Strahl des Mondes etwas Wildes, Dämonisches. »Sie sehen wie die Seelen der Verdammten aus, die nicht Ruhe finden zwischen Himmel und Erde«, sagte der Herzog von R., ein geachteter Staatsmann und Dichter Spaniens, der in der Gesellschaft war. [...]
Als wir vor unserer Osterie landeten, war unter dem Blätterdache der Veranda die Abendtafel gedeckt. Nur echt neapolitanische Speisen wurden aufgetragen. Eine Suppe von Schnecken und Muscheln machte den Anfang. Frutti di mare (Austern und kleine Schaltiere), Makkaroni, Hummern, grüne Salate, Fische, Ziegen- und andere Braten folgten, und Apfelsinen, Feigen, Pfirsiche und Trauben bildeten in Begleitung von Capri- und Falerner Weinen den Schluß des Mahles, das für den ungewohnten Gaumen in der Schneckensuppe, dem Ziegenfleisch und manchen andern Herrlichkeiten Neapels zwar wohlschmeckende, aber doch ziemlich unverdauliche Elemente darbot. Alle Speisen waren sehr fett, viele mit Käse gewürzt. Schon während wir bei Tische saßen, hatten sich drei Gitarrenspieler eingefunden, welche die bekanntesten Nationalmelodien dreistimmig spielten. Als wir vom Mahle aufstanden, fing einer der Musiker, ein Greis von kräftiger Physiognomie, Buffoarien zu singen an und begleitete diese mit so lebhaftem Mienenspiel und so ausdrucksvollen Gebärden, daß ich den Inhalt erraten konnte, obschon ich aus dem neapolitanischen Patois nur einzelne Worte erkannte. [...]
Mitten in diesem Gesange fingen die beiden jüngeren Begleiter des Alten an, ihn halb singend, halb sprechend zu begleiten, und es bildete sich dadurch ein in gewisser Art improvisiertes Intermezzo, das diejenigen, welche es verstanden, sehr belustigend fanden. Der Liebeshandel eines betrogenen Alten war der Inhalt desselben. Das Ganze währte ein paar Minuten und schloß, indem die drei Musiker die Tarantella zu spielen begannen. Sogleich traten eine junge Russin und ein Spanier auf der Veranda zum Tanze an. Ein andres Paar folgte, man brachte ihnen Kastagnetten, und fröhlich klang der Rhythmus dieses einfachen Instrumentes durch die Luft. Die jüngern Personen versuchten eine Galoppade, als die Tarantella beendet war, die Lust und das Lachen wurden allgemein. Unten vor der Türe der Osterie bewachten Stallbuben die Pferde und Wagen der Gesellschaft, während die Kutscher und Diener die Röcke abgeworfen hatten und ebenfalls nach dem Takte der Kastagnetten tanzten, welche ihre Herrschaft auf der Veranda erschallen ließen. Aber während des Tanzes zog ein leiser, frischer Hauch durch die Luft, der Morgenwind verkündete den Anbruch des Tages. Die Fackeln auf den Fischerbooten erloschen, der Mond sank dem Meere zu, und lichte Streifen wurden am östlichen Himmel sichtbar. Es mochte gegen drei Uhr sein, als wir uns zur Abfahrt rüsteten.
(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Ein Souper am Posilip)

14 Juli 2020

Francesca Francesca Melandri: Alle, außer mir

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Es gibt Bücher, die lese ich am besten, indem ich sie immer wieder einmal nach dem Zufallsprinzip aufschlage. Dazu gehören Musils "Mann ohne Eigenschaften" und Joyce' "Ulysses", denn ich will mir nicht die Mühe machen, ihr Kompositionsprinzip zu erschließen.
Francesca Melandris: Alle, außer mir lese ich zwar auch nach der Methode. Das liegt aber daran, dass es so geschrieben ist, dass jede Passage reizvoll bleibt, auch wenn sie für sich steht.
Und bei Gelegenheit werde ich einmal dem Perlentaucher-Link folgen und prüfen, ob ich vielleicht trotzdem systematischer lesen will.

Jetzt ist die Gelegenheit: 
Melandri "stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im "richtigen" Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?" (Klappentext)
"Sie erzählt von den Spätfolgen des Angriffs auf Äthiopien und schildert aktuelle Entwicklungen, die vor allem schockieren, weil die Parolen der Rechten von heute so sehr an damals erinnern." (Die ZEIT, 12.7.2018)
"Und das "richtige Blut" ist es wiederum, das heute allen fehlt, die siebzig Jahre später aus den von Bürgerkriegen und Gewaltherrschaft verheerten Staaten Afrikas fliehen. Ebenso wie "der Junge", in dessen Pass ja der Name Attilaprofeti steht. In Äthiopien drohen ihm, einem Lehrer, wie so vielen regimekritischen Bürgern, Verschleppung und Hinrichtung. Sein Cousin wurde totgefoltert, er selbst musste "raus": das lapidare Kürzel für eine jahrelange Flucht, erst nach Norden durch die Wüste, dann in die Hölle eines libyschen Lagers, übers Meer bis an die Küste Italiens, wo nach monatelangem Warten in wenigen Minuten sein Schicksal, die Ablehnung des Asylantrags, entschieden wird. [...] Deutschen Lesern muss dieses fiktiv-reale Bild einer westlichen Demokratie nahegehen, dieses Italiens, das sich mit der Wahl einer rechtspopulistischen Partei den alten Dämonen heute wieder an den Hals wirft: "Plötzlich hörte man Sachen, die fünfzig Jahre lang ein nostalgisches Schattendasein geführt hatten. Meinungen, die für jedermann mit demokratischen Ambitionen unaussprechlich waren, erklangen in den Äußerungen der höchsten institutionellen Ämter. [...] Francesca Melandri verknüpft auch in ihrem dritten Roman Privates und Politisches in einer Geschichte der Gewalt. In Eva schläft von 2010 war es die Zwangsitalianisierung Südtirols, in Über Meereshöhe aus demselben Jahr der Terror der "Brigate rosse". In Alle, außer mir flicht sie die unterschiedlichen Erzählstränge und wechselnden Perspektiven in ein Gerüst aus versetzten Zeitebenen zusammen. Deutschen Lesern muss dieses fiktiv-reale Bild einer westlichen Demokratie nahegehen, dieses Italiens, das sich mit der Wahl einer rechtspopulistischen Partei den alten Dämonen heute wieder an den Hals wirft: "Plötzlich hörte man Sachen, die fünfzig Jahre lang ein nostalgisches Schattendasein geführt hatten. Meinungen, die für jedermann mit demokratischen Ambitionen unaussprechlich waren, erklangen in den Äußerungen der höchsten institutionellen Ämter."
Francesca Melandri verknüpft auch in ihrem dritten Roman Privates und Politisches in einer Geschichte der Gewalt. In Eva schläft von 2010 war es die Zwangsitalianisierung Südtirols, in Über Meereshöhe aus demselben Jahr der Terror der "Brigate rosse". In Alle, außer mir flicht sie die unterschiedlichen Erzählstränge und wechselnden Perspektiven in ein Gerüst aus versetzten Zeitebenen zusammen." : Die Lebenslügen des Signor Profeti Die ZEIT 29/2018 12.7.18)

"Melandris Roman stößt tiefer in die Vergangenheit vor als die Romane von Elena Ferrante, versichert  Geißler, die aber auch die Gegenwart sehr verstörend verhandelt sieht."(FR 11.7.18) 

Die Weihnachtsgeschichte im Heliand (in der Übersetzung von Karl Simrock)

Christi Geburt

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. [...] Lukas 2, 1-20

             Da brachte man von Rom aus   des mächtigen Manns
Über all dies Erdenvolk,   Octavians,
Bann und Botschaft:   über sein breites Reich
Kam es von dem Kaiser   an die Könige all,
Die daheim saßen,   soweit seine Herzoge
Über all den Landen   der Leute gewalteten.
Die Ausheimischen hieß er   die Heimat suchen,
Ihre Mahlstatt die Männer,   daß männiglich vor dem Fronboten
Bei dem Stamme stünde,   von dem er stammte,
In der Burg seiner Geburt.   Das Gebot ward geleistet
Über die weite Welt:   die Leute wanderten
Jedes zu seiner Burg.   Die Boten fuhren hin,
Die von dem Kaiser   gekommen waren,
Schriftverständige Männer,   und schrieben in Rollen ein,
Genau nachforschend,   die Namen alle
Des Lands und der Leute,   und keinem erließen sie
Den Zins und den Zoll,   den sie zahlen sollten
Männiglich von seinem Haupt.
                                                      Da schied mit den Hausgenossen
Auch Joseph der gute,   wie Gott der mächtige,
Der Waltende wollte,   sein wonnig Heim zu suchen,
Die Burg in Bethlehem,   wo beider war,
Des Mannes Mahlhof   und der Jungfrau zumal,
Maria der guten.   Da war des Mächtigen Stuhl
In alten Tagen,   des Edelkönigs,
Davids des hehren,   solang er die Herrschaft durfte
Unter den Ebräern   zu eigen haben
Und den Hochsitz behaupten.   Seines Hauses waren sie,
Seinem Stamm entsprossen,   aus gutem Geschlecht
Beide geboren.   Da hört ich, daß der Schickung Gebot
Marien mahnte   und die Macht Gottes,
Daß ihr ein Sohn da sollte   beschert werden,
In Bethlehem geboren,   der Geborenen stärkster,
Aller Könige kräftigster.   Da kam an der Menschen Licht
Der mächtige Held,   wie schon manchen Tag
Davon der Bilder viel   und der Zeichen geboten
Waren in dieser Welt.   Da ward das alles wahr,
Was spähende Männer   vordem gesprochen,
Wie er in Niedrigkeit   hernieder auf Erden
Durch seine einige Kraft   zu kommen gedächte,
Der Menschen Mundherr.   Da ihn die Mutter nahm,
Mit Gewand bewand ihn   der Weiber schönste,
Zierlichen Zeugen,   und mit den zweien Händen
Legte sie liebreich   den lieben kleinen Mann,
Das Kind, in eine Krippe,   das doch Gottes Kraft besaß,
Der Menschen mächtigster.   Die Mutter saß davor,
Die wachende Frau,   und wartete selber
Und hütete das heilige Kind.   In ihr Herz kam Zweifel nicht,
In der Magd Gemüt.

Anbetung der Hirten

                                                   Da ward es manchem kund
Über die weite Welt.   Wächter erst erfuhren 's,
Die bei den Pferden   im Freien waren,
Hütende Hirten,   die bei den Rossen hielten
Und dem Vieh auf dem Felde.   Die sahn, wie die Finsternis
In der Luft sich zerließ   und das Licht Gottes brach
Wonnig durch die Wolken,   die Wärter dort
Im Felde befangend.   Da fürchteten sich
In ihrem Mut die Männer.   Sie sahen den mächtigen
Gottesengel kommen,   und gegen sie gewandt,
Befahl er den Feldhirten:   »Fürchtet nicht für euch
Ein Leid von dem Lichte!   Liebes«, sprach er, »soll ich
Euch in Wahrheit sagen   und sehr Erwünschtes
Künden, von mächtger Kraft:   Christ ist geboren
In dieser selben Nacht,   der selige Gottessohn,
Hier in Davids Burg,   der Herr der gute.
Des mag sich freuen   das Menschengeschlecht;
Es frommt allen Völkern.   Dort mögt ihr ihn finden
In der Bethlehemsburg,   der Gebornen Mächtigsten.
Zum Zeichen habt euch das,   was ich erzählen mag
Mit wahren Worten,   daß er bewunden liegt,
Das Kind, in einer Krippe,   ob ein König über alles,
Über Erd und Himmel   und der Erde Kinder,
Der Walter dieser Welt.«   Wie er das Wort noch sprach,
So kam zu dem einen   der Engel Unzahl,
Eine heilige Heerschar   von der Himmelsau,
Ein fröhlich Volk Gottes.   Viel sprachen sie,
Manches Lobwort   dem Herrn der Lebenden,
Erhoben heiligen Sang   und schwebten zur Himmelsau
Dann wieder durch die Wolken.   Die Wärter hörten,
Wie der Engel Schar   den allmächtigen
Gott mit wahrhaften   Worten pries:
»Lob sei«, lautete   das Lied, »dem Herrn
Hoch im höchsten   Reiche der Himmel
Und Friede auf Erden   den Völkern allen,
Den gutwilligen,   die Gott erkennen
Mit lauterm Herzen.«
                                      Die Hirten verstanden wohl,
Wes sie die Meldung,   die himmlische, mahnte,
Die fröhliche Botschaft.   Gen Bethlehem kamen sie
Bei der Nacht gelaufen:   ihr Verlangen war groß,
Dort selber zu schaun   den erschienenen Christ.
Sie hatte der Engel   wohl unterwiesen
Mit lichthellen Zeichen,   zweifellosen:
So konnten sie wohl kommen   zu dem Kinde Gottes.
Da fanden sie sofort   den Fürsten der Völker,
Der Leute Herrn.   Da lobten sie Gott,
Den Waltenden, weithin   nach der Wahrheit kündend
In der Bethlehemsburg,   welch Bild ihnen war
Her von der Himmelsau   heilig erschienen,
Fröhlich auf dem Felde.   Die Frau behielt
Das alles im Herzen,   die heilige Jungfrau,
Im Gemüte die Magd,   was die Männer sprachen.
Da erzog ihn in Züchten   die zierste der Frauen,
Die Mutter, in Minne,   den Gebieter der Menschen,
Das heilige Himmelskind.   Helden besprachen sich
Am achten Tage,   der Edeln manche,
Gutmeinende, mit der   Gottesdienerin,
Daß er Heiland zum Namen   haben sollte,
Wie der Gottesengel   Gabriel befahl
Mit wahren Worten   und dem Weibe gebot,
Der Gesandte des Herrn,   da sie den Sohn empfing
Wonnig zu dieser Welt.   Ihr Wille war stark,
Daß sie ihn so heilig   halten wollte:
Da willfahrte sie dem gern.
Der Heliand ist ein frühmittelalterliches altsächsisches Großepos. In fast sechstausend (5983) stabreimenden Langzeilen wird das Leben Jesu Christi in der Form einer Evangelienharmonie nacherzählt. Den Titel Heliand erhielt das Werk von Johann Andreas Schmeller, der 1830 die erste wissenschaftliche Textausgabe veröffentlichte. Das Wort Heliand kommt im Text mehrfach vor (z. B. Vers 266) und wird als altniederdeutsche Lehnübertragung von lateinisch salvator („Erlöser“, „Heiland“) gewertet. (Wikipedia)

10 Juli 2020

Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen XIII - Schluss

Fortunat
"Er sang laut alle Lieder, die er wußte, dann horchte er wieder und lachte und schimpfte und ritt immer schneller fort, bis er zuletzt mit Entsetzen bemerkte, daß ein Unwetter rasch im Anzuge war, um die Verwirrung vollkommen zu machen. Schon durchkreuzten Möwen mit ihren weißen, spitzigen Flügeln pfeilschnell die schwüle Stille. Vergeblich blickte er nach einem Obdach umher, nicht einmal der Klang einer Holzaxt ließ sich im Walde vernehmen. Nur einzelne Nebengestalten stiegen nun langsam aus den Klüften empor und setzten sich mit ihren langen, grauen Gewändern in die Wipfel der Tannen, über dem Berge vor ihm aber hatte das Gewitter allmählich sein bleifarbenes Dunkel ausgebreitet, in das die Mauerspitzen einer Ruine fast grauenhaft hineinragten. Indem er noch so zögernd stand und unentschlossen, wohin er sich wenden sollte, hörte er auf einmal den Schall einer Glocke weit aus der Höhe herüberklingen. »O du göttlicher Aberglaube!« rief er freudig aus, »was sind alle Blitzableiter der Welt gegen diesen tröstlichen Klang, der wie ein singender Engel mit gefalteten Händen über die Wälder zieht und die Wetter wendet. Ja, die Erde ist noch immer voll schöner Wunder, wir beachten sie nur nicht mehr!« Er folgte nun eilig den Klängen, die bald schwächer, bald deutlicher durch den Gewitterwind von dem Berge herabzukommen schienen, wo er vorhin die Ruine erblickt. [...]
Was ist das für ein Traumlied in den Wäldern, gleichwie die Saiten einer Harfe, die der Finger Gottes gestreift. Wahrlich, wen Gott liebhat, den stellt er einmal über allen Plunder auf die einsame Zinne der Nacht, daß er nichts als die Glocken von der Erde und vom Jenseits zusammenschlagen hört und schauernd nicht weiß, ob es Abend bedeute oder schon Morgen.« [...]
Ein neues Grab [das Grab Ottos], soeben erst mit schönem Rasen belegt, schimmerte ihnen taufrisch entgegen. Ein Mönch kniete betend daneben zwischen wilden, bunten Blumen, und Vögel flatterten und sangen lustig in dem jungen Grün, das aus allen Mauerritzen rankte, über die Gräber aber leuchtete auf einmal eine unermeßliche, prächtige Aussicht aus der rauschenden Tiefe herauf. – »Gott gebe jedem Dichter solch ein Grab!« rief Fortunat freudig überrascht. Bei dem Klang seiner Stimme aber hob sich's plötzlich unter den Blumen, er stand wie im Traum – es war Fiametta. »Ist er da!« rief sie emporfahrend aus, schüttelte die Locken aus dem Gesicht und sprang fröhlich zu ihm. [...]

Was für ein Gezwitscher ist!
Durchs Blau die Schwalben zucken Und schrein:
›Sie haben sich geküßt!‹ Vom Baum Rotkehlchen gucken.
Der Storch stolziert von Bein zu Bein; »Da muß ich fischen gehen «
Der Abend wie im Traum darein
Schaut von den stillen Höhen.
Und wie im Traum von den Höhen
Seh ich nachts meiner Liebsten Haus,
Die Wolken darüber gehen
Und löschen die Sterne aus.
Fiametta flüsterte wieder: »Ist ihm denn seine Liebste gestorben?« – »Ach, das ist eine dumme Geschichte mit seiner Amour«, erwiderte der Einsiedler, »tut mir den Gefallen und bedauert ihn nicht lange, das will er nur, sonst macht er noch immer mehr Flausen davon.« »Wer ist's denn?« fragte Fiametta. Aber der Spielmann sang von neuem:
Im Schloß ihr wohl am Fenster steht
Und herzt euch nach Gefallen,
Der Herbst schon durch die Felder geht,
Da hört ihr's unten schallen.
»Das klingt ja wie vom Felsenrand
Einst bei des Klausners Buchen,
Ich glaub, das ist der Musikant,
Der kommt zum Kindtaufskuchen.«
Und die Vögel ziehn über die Buchen,
Der Sommer der ist vorbei,
Ich aber muß wandern und suchen,
 Wo der ewige Frühling sei.
Hier entstand plötzlich ein heftiges Geräusch, und eh' sie sich's versahen, kam der Sänger in hastiger Flucht durch Laub und Äste geradezu über die alte Gartenmauer dahergeflogen, daß die losen Steine hinter ihm dreinkollerten. Fiametta drängte sich scheu an Fortunat, dieser erkannte zu seinem Erstaunen in dem Flüchtling Dryander. [...]
Da erkannte er auf einmal in Fiamettas Augen das hübsche Jägerbürschchen vom Donauschiff, und seine ganze Gedankenfolge bekam dadurch plötzlich einen anderen Zug. Fiametta errötete und fragte ihn lächelnd, ob er sich noch mit ihr schlagen wolle? Er aber besann sich nicht lange. »Oh«, entgegnete er tapfer, »ich habe damals auf dem Schiffe alles recht gut gewußt und wollte nur die Damen ein wenig schrecken.« – »Ja, ja, das hat die Schiffsgesellschaft wohl gemerkt«, sagte Fortunat, »denn sie haben deinen zurückgelassenen Hut über die Tür des Wirtshauses angenagelt zum ewigen Gedächtnis eines verwegenen Duellanten, der vor Zorn und Wut plötzlich die Verschwindsucht bekommen.«
Unterdes hatte der Einsiedler das Gebüsch hinter der Mauer untersucht und kam nun mit großem Gelächter zurück. Gerade in dem wildverwachsenen Versteck, wo Dryander das Ständchen gebracht, befand sich der zertrümmerte Eingang zur Klostergruft; dort saß seit alter Zeit ein Totengerippe, wie ein Wächter zwischen den Steinen, dem der Einsiedler, als er vorhin Tisch und Stühle abräumte, in der Eile des Doktors Schlafpelz umgehangen. Mitten im Gesange nun sich umwendend, hatte Dryander plötzlich sich selbst zu erblicken geglaubt und so mit größter Behendigkeit die Flucht ergriffen.
Jetzt erfuhr Fortunat auch, daß der Doktor schon seit längerer Zeit in einem angeblichen Bußanfall bei dem Einsiedler sich aufgehalten, der ihm sehr gut war und immer tausend Spaß und Händel hatte mit dem kuriosen Gesellen. Heut noch vor Tagesanbruch aber war Dryander gleichfalls voll Eifer ausgezogen, um Fortunaten aufzusuchen, ohne in seiner Zerstreuung vorher erst die Braut zu betrachten. Unterwegs aber hatte er bald die ganze Geschichte wieder vergessen und schlenderte wohlgemut nach dem nächsten Städtchen, wo er sich im Gasthause tüchtig restaurierte. [...]
»Was wär' denn Poesie«, meinte Victor unwillig, »wenn sie in einem Goldschnitt auf einer Morgentoilette durchzublättern wäre? Talent! das ist nur ein Blitz, den der Herr fortschleudert in die Nacht, um zu leuchten, und der sich selbst verzehrt, indem er zündet. Nein, Freunde, genug endlich ist des weichlichen Sehnens, wer gibt uns das Recht zu klagen, wenn niemand helfen mag! Nicht morsche Mönche, Quäker und alte Weiber; die Morgenfrischen, Kühnen will ich werben, die recht aus Herzensgrund nach Krieg verlangt. Auch nicht übers Meer hinüber blick' ich, wo unschuldige Völker unter Palmen vom künftigen Morgenrot träumen, mitten auf den alten, schwülen, staubigen Markt von Europa will ich hinuntersteigen, die selbstgemachten Götzen, um die das Volk der Renegaten tanzt, gelüstet's mich umzustürzen und Luft zu hauen durch den dicken Qualm, daß sie schauernd das treue Auge Gottes wiedersehen im tiefen Himmelsgrund.« – [...]
»Geht, geht«, fiel Fortunat hier ein, »über eueren Reden verlier' ich mich selber ganz. Du Victor zumal, verwirrst mir schon seit gestern, wie ein nächtliches Wetterleuchten, der Seele Grund: tiefe Klüfte mit kühnen Stegen darüber und manche alte, geliebte Gegend fernab, aber alles so fremd und wunderbar wie in Träumen. Zuletzt ist's doch dasselbe, was ich eigentlich auch meine in der Welt, ich habe nur kein anderes Metier dafür als meine Dichtkunst, und bei der will ich leben und sterben!«
Jetzt standen sie auf einem Abhang, von dem veschiedene Pfade auseinandergingen. Hier hielt Victor plötzlich an, sein Weg führte ihn noch weiter über den Gebirgskamm nach der Stadt, wo die neuen Gefährten seiner harrten. Er schien tief bewegt. [...]
»Seid frei, und alles ist euer!« – O Freunde, das ist eine Zeit! glückselig wer drin geboren war, sie auszufechten!« – Hier reichte er ihnen noch einmal die Hand und wandte sich schnell zum Walde. »Ade, du geistliches Soldatenherz!« rief Fortunat erschüttert aus. Sie sahen ihm alle noch lange schweigend nach, dann schieden auch sie voneinander. Manfred wollte dem Ruf zu einem bedeutenden Staatsdienste folgen, da hoffte er, wenn auch auf anderer Bahn, auf den frischen Gipfeln des Lebens mit Victorn wieder zusammenzutreffen. Walter aber begleitete das junge Ehepaar zunächst noch nach Hohenstein; [...]
Und als Victor sich noch einmal auf der Höhe zurückwandte, waren schon alle im Morgenrot verschwunden. [...]
So stand er noch lange in Gedanken oben – da ging die Sonne prächtig auf, die Morgenglocken klangen über die stille Gegend, und der Einsiedler sang:
Wir ziehen treulich auf die Wacht,
Wie bald kommt nicht die ew'ge Nacht
Und löschet aus der Länder Pracht,
Du schöne Welt, nimm dich in acht!
(Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen, Kapitel 25/ 26)

09 Juli 2020

Musil - Zitate

"Alle seine Beziehungen zu Frauen waren seither unrecht gewesen, und bei einigem guten Willen auf beiden Seiten geht das leider sehr einfach." 
(Der Mann ohne Eigenschaften, 1. Buch 68. Kapitel)

"Und im Grunde dachte Walter, es wäre recht annehmbar, wenn sich das Schicksal nun zufrieden gäbe; dann wäre das Ende zwar nicht gerade das, was der Anfang hatte sein wollen, aber die Äpfel fallen ja, wenn sie reif sind, auch nicht den Baum hinauf, sondern zur Erde." (Der Mann ohne Eigenschaften, 2. Buch 19. Kapitel)


"Nach dem 1. Weltkrieg: Musil "definierte sich fortan als Autor, der den eigenen Tod überlebt hat. Anfang der 1920-er Jahre erwog er, seine Essys unter dem Titel "Versuche, einen anderen Menschen zu finden" herauszugeben. - und zwar als "Werk eines Toten". [... über Ulrich:]  Was ihn zu einem "Mann ohne Eigenschaften" macht, ist nicht, dass er keine Eigenschaften hätte, Er hat dieselben, die alle seine Zeitgenossen haben, und die folglich - die "statistische Entzauberung bringt es zutage - nicht Eigenschaften, sondern "Allerschaften" sind. Doch sind sie ihm eben darum allesamt gleichgültig geworden." (Inka Mülder-Bach, Süddeutsche Zeitung 17./18.8. 2013)

"Kriegsausbruch und Kriegsende: Aus ihrer Verschränkung ergibt sich die Signatur der Epoche, an der sich sein Schreiben fortan ausrichtete. Mit einem Mißtrauen gegen jede Art der Reduktion von Komplexität, das nicht zuletzt durch die Erfahrung des eigenen Einbruchs obsessive Züge gewann, hat er diese Signatur in der mehr als zwanzigjährigen Arbeit am Mann ohne Eigenschaften rekonstruktiv und konstruktiv bearbeitet." (S.10)
"Die Strukturierungsangebote, die Der Mann ohne Eigenschaften macht, stammen aus der Feder eines Autors, der wußte, daß er mit dem Auslassen notorische Probleme hatte." (S.16)
"James Joyce bekannte einmal ironisch, von seinen Lesern nicht mehr zu verlangen, als daß sie sich lebenslang mit seinem Werk beschäftigen. Wenn Musil – mit anderer Ironie – bemerkte: »Es ist sehr anmaßend: ich bitte mich zweimal zu lesen, im Teil u. im Ganzen« (1941), dann gab er sich zwar bescheidener. Aber es läuft auf etwas Ähnliches hinaus. Auch Der Mann ohne Eigenschaften gehört zu der Klasse der Monstertexte, die ihre Leser mit Haut und Haar an sich fesseln und ihre Zeit verschlingen wollen. Die Hybris, die darin liegt, ist nicht nur Ausdruck der Vermessenheit des Autors. Sie ist auch ein Reflex der Maßlosigkeit, die dem Roman als literarischer Gattung innewohnt." (S.17)
(Inka Mülder-Bach: Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften; S.10ff.)

Aus der Rezension zu

Inka Mülder-Bach: Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

von Oliver Pfohlmann, FAZ 23.1.2014:

 "Das betrifft Musils opake Prosa, die das "Gefilz von Kräften" in der Moderne widerspiegle, das seinen suizidgefährdeten Helden in den "schlimmsten Notstand seines Lebens" treibt, ebenso wie Ulrichs Ausstieg aus der Eisenbahn zu Beginn des dritten Teils, die ihn aus der tobenden Großstadt zurück in seine gemütliche Heimatstadt transportiert hat. Denn damit führt Ulrich genau das aus, wovon der Erzähler etliche Kapitel vorher phantasierte, nämlich einmal auszusteigen aus dem "Zug der Zeit", der sich beschleunigenden Weltgeschichte, statt sich weiter wie alle anderen in eine ungewisse Zukunft transportieren zu lassen. An etlichen Passagen oder Szenen des Romans demonstriert Mülder-Bach so, wie der Roman das, wovon er in seinen berühmt-berüchtigten essayistischen Reflexionen oder in seinen Figurenreden spricht, mal umgehend, mal etliche Kapitel später, erzählerisch inszeniert oder in seiner Form performativ-ästhetisch darstellt. Und gelangt dabei zu einigen originellen Fragestellungen: Reflektiert die "Einrichtung" von Ulrichs Schlösschen, die Musils Held dem "Genie seiner Lieferanten" überlässt, metafiktional die literarische Institution "Roman"? Was hat die eigenartige Wahrnehmung des Lustmörders Moosbrugger im vergitterten Gefängniswagen mit den Untersuchungen des Gestaltpsychologen Max Wertheimer zum Phi-Phänomen zu tun? Und verbirgt sich hinter Ulrichs Diener vielleicht eine Persona des Autors?"