13 April 2009

Peter Schneider zu 1968

Peter Schneider berichtet in Rebellion und Wahn. Mein '68 (Kapitel 31, S. 203ff) Interessantes zu Dutschkes Bombenattentatsversuch.
Dutschke flog mit Bahman Nirumand von Berlin nach Frankfurt. In einem Koffer führten sie eine Bombe mit sich, um einen Sendemast des AFN in Saarbrücken in die Luft zu sprengen. Im Franfurter Flughafen wurden sie von der Polizei vernommen, ihnen wurde jedoch gestattet, vorher den Koffer in die Gepäckaufbewahrung zu geben. In Saarbrücken fanden sie den zu sprengenden Sendemast nicht. Sie flogen mit dem Koffer nach Berlin zurück und gaben ihn einem Freund in Verwahrung. Es gibt das Gerücht, dieser habe den Koffer mit der Bombe unter sein Bett geschoben und wochenlang so geschlafen.
Eine ähnlich Geschichte erzählt man sich von Dynamit, das ein reicher Bekannter überraschend mitbrachte. Dies wurde im Kinderwagen zu Bekannten gebracht. Rudi und Gretchen Dutschkes Sohn Hosea Che lag über dem Sprengstoff.
Im Herbst 1967 entwickelten Christian Semler, Bernd Rabehl und Wolfgang Lefèvre den Plan, einen Staatsanwalt zu entführen, doch konnten sie sich nicht über die genauen Regelungen für die Durchführung einigen (S.206f.)
Bemerkenswert auch, dass Schneider in Trient das intensivste Verhältnis zum zweiten Mann in der Hierarchie der revoltierenden Studenten hatte (S.322), zu Renato Curcio, dem späteren Führer der roten Brigaden.

04 April 2009

Keine Geschichte Indiens

Unter dem Titel "Eine kleine Geschichte Indiens" wird ein engagiertes Plädoyer für ein pluralistisches Indien von Shashi Tharoor vertrieben. Leider ist es eine Mogelpackung. Zwar ist ihm eine Tabelle zur Geschichte Indiens beigefügt, aber selbst die beginnt erst 1947.
Wer glaubte, anhand dieses über 400 Seiten starken Werkes seine Kenntnisse über die Geschichte Indiens deutlich erweitern zu können, wird bitter enttäuscht.

29 März 2009

Tellkamps Turm

Uwe Tellkamp: Der Turm:
Die Fahrt mit der Standseilbahn erinnert mich an das erste Kapitel von Musils "Mann ohne Eigenschaften". Dazu passend die vielen genau beschriebenen Wege durch das Viertel und nach und in Ostrom. Autoren als Zensoren. Der Alte vom Berg. (Dazu: Turm als Schlüsselroman)
Arbogast. Die ausführlich beschriebene naturwissenschaftlich angereicherte Pracht in historischem Stil. Das Ausfragen auf der Basis von vorherigen Erkundigungen. Ähnlich der Allwissenheit der Stasi. Die wilden Hunde. Der Schreck am Tor. Hier etwas von Kafkas Prozess, der sonst dem Bewilligungsgebäude mit seinen vielen buchstabenkodierten Abteilungen seine Schrecken leiht. Die Rechtfertigung der Niederwerfung des Prager Frühlings.
Christian als der Sympathieträger.
Stasi "Dialog über Kinder": "Wenn diese Kinder nun bestimmte Talente besitzen, wäre es doch fahrlässig für einen Vater, sie nicht zu fördern, so gut er kann." (S.257f.)
Flüstergespräche der Ehepaare auf der Straße, das Gelächter der Angst.
Die Karavelle (Wikipediaartikel: "Vorbild für das Haus „Karavelle“ sei die Jugendstilvilla, in der Uwe Tellkamp aufgewachsen ist"), Falter im Treppenhaus, Meno: "Laß uns ein wenig sehen üben." (S.270) - Freut sich Christian wirklich?

2025:
Der Roman ist mir wieder in die Hände gefallen, und ich hätte Lust, mein überaus positives Urteil nach der ersten Lektüre zu überprüfen, nachdem mir Tellkamps Stellungnahmen ab 2017 zur mangelnden Meinungsfreiheit in Deutschland überzogen erschienen.
Wikipedia: "Im Umfeld der Frankfurter Buchmesse 2017 gehörte Tellkamp zu den 32 Erstunterzeichnern der „Charta 2017“, einer Online-Petition der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Sie richtete sich gegen die Ausgrenzung der rechten Verlage Antaios, Manuscriptum und Tumult auf der Messe.[34]

Vor der Leipziger Buchmesse 2018 sorgten Äußerungen Tellkamps bei einer öffentlichen Diskussion mit Durs Grünbein zur „Meinungsfreiheit in der Demokratie“ im Dresdner Kulturpalast für Aufsehen. Zur Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015 sagte er unter anderem: „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.“ In Deutschland gebe es einen „Gesinnungskorridor zwischen gewünschter und geduldeter Meinung“. Seine Meinung sei „geduldet, erwünscht ist sie nicht.“[35] Der Suhrkamp Verlag distanzierte sich auf Twitter von diesen Aussagen.[36] Diese lösten eine umfangreiche Debatte in Feuilletons und sozialen Medien aus.[37][38]" 

Ich nehme an, ich werde nicht genügend Zeit und Engagement aufbringen. Erstes Hineinsehen bestätigt mein frühes positives Urteil, das werde ich angesichts anderer anstehender Fragen keinen Versuch machen, vom heutigen zeitgeprägten Standpunkt aus mein Urteil irgendwie zu objektivieren.

Ich werde - wie bei den Buddenbrooks - das literarische Werk als ungewöhnlich gut in Erinnerung behalten und Tellkamps politische Stellungnahmen wie Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" als zeitgebundene Aussage eines bedeutenden Autors einstufen, mit dem ich politisch durchaus nicht übereinstimme. 

Ich hoffe aber, dass ich noch dazu kommen werde, einzelne Passagen aus dem Werk vorzustellen,  die mein literarisches Urteil zu untermauern imstande sind.

Gegenwärtig reizt mich die Lektüre von Christa Wolfs Ein Tag im Jahr und Juli Zehs letzten Roman und ihrer politischen Stellungnahmen mehr, und ich traue ihr mehr zu, mir ein angemessenes Bild von der DDR und dem heutigen Ostdeutschland zu machen als dem literarisch so hochwertigen Roman Tellkamps.

24 Februar 2009

Der Bumerang, der vom Herzen fällt

Mariaschwarz langweilt mit dem Aufbau seiner Kunstwelt mit dem schwarzen See und dem weißen Haus, dem Unfall, der keiner war und dem Geheimnis, das niemand aufzudecken sucht.
Es langweilt mit seiner Auflösung, gefühlte 50 Seiten vor Schluss, und auch mit dem Happy End.
Dazwischen aber gelingt es Julia Roberts, dem Ermittler, der "Maschine, die fühlen kann" im Film des neben ihm sitzenden Nachbarn im Flugzeug, dem Ermittler doch ein wenig Empathie für die Person zu vermitteln, die für ihn der Schlüssel zu seinem Kriminalfall ist.
Von da ab zeigt der Autor, der Leser ist auf Seite 130 angelangt, dass er an sich erzählen kann.
Marionettenhaft werden die Personen wieder, sobald der Ermittler wieder in die Kunstwelt zurückkehrt.
"Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Aber es war ein Bumerang", heißt es an einem Kapitelende.
Sollte das ein Bild für den Leser sein, der nach der Lektüre noch im Literaturzirkel über das Buch sprechen muss?
"Heinrich Steinfests Kriminalroman "Mariaschwarz" amüsiert nicht nur, sondern vermittelt mit seinem behutsamen Umfassen des Auseinanderbrechenden Geborgenheit. Und das ist etwas Seltenes in der Literatur geworden", heißt es in der Besprechung der Stuttgarter Zeitung.
Ja, damit wird der Leser das Buch chrakterisieren und loben, dass der Erzähler ein Loblied auf Thomas Bernhard singt.

03 Februar 2009

Marschall Keith bei Hochkirch

Es gelingt Keith nicht, Friedrich davon zu überzeugen, dass die ausgewählte Stellung so schlecht ist, dass sie, koste es, was es wolle, verlassen werden muss. In einer der beiden schwersten Niederlagen Friedrichs II. findet Keith den Tod. Friedrich rechtfertigte sich später, es habe noch nicht genug Brot als Marschverpflegung gegeben. De Catts Darstellung seiner Gespräche mit Friedrich macht wahrscheinlich, dass dieser von den Nachrichten über den schlechten Gesundheitszustand seiner Schwester so niedergedrückt war, dass er die Mängel seiner Stellung nicht zu sehen im Stande war.

27 Januar 2009

Friedrich II. von Preußen, Helmut Schmidt, Barack Obama

Alle drei sind durch ein hohes Verantwortungsgefühl gekennzeichnet.
Sie unterscheiden sich darin, wem und wofür sie sich verantwortlich fühlen.
Friedrich II. fühlte sich, wie sein Wort "Ich bin der erste Diener meines Staates" klar macht, für den preußischen Staat verantwortlich, nicht für das Volk. Die Instanz, vor der er sich verantwortlich fühlt, könnte aus seiner Sicht die Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger auf dem preußischen Thron gewesen sein, vielleicht hätte er sie aber auch, wie wir heute es tun würden, die Geschichte genannt.
Helmut Schmidt hat immer wieder betont, er sorge sich nicht um seinen Platz in der Geschichte, sondern um die Menschen, für die er verantwortlich sei. Demnach wäre es nicht der Staat, sondern die Gesamtheit seiner Bewohner, denen gegenüber er sich verantwortlich fühlte. Das ist gut demokratisch gedacht. Dennoch fühlte er sich verpflichtet, auch rechtlich nicht vorgesehene Schritte zu ergreifen, wenn er es für das Retten von Menschenleben für erfolgreich hielt (Hamburger Flutkatastrophe und seine Kommentare dazu).
Barack Obama scheint sich nicht allein für sein Volk, sondern auch den Schwarzen allgemein, vielleicht der Menschheit insgesamt verantwortlich zu fühlen.
Meine Einschätzungen gewinne ich aus de Catt: Gespräche mit Friedrich dem Großen; den zahlreichen Veröffentlichungen aus Anlass von Schmidts 90. Geburtstag, nicht zuletzt einigen Fernsehinterviews aus früherer Zeit; und schließlich aus Obamas "Ein amerikanischer Traum".

24 Januar 2009

Schläft ein Lied ...

Eichendorffs Wünschelrute wird im Blog Romantische Schule besprochen. Die Schüler konzentrieren sich bei ihrer Diskussion nicht zu Unrecht auf das Wort triffst.

Ich denke, Eichendorff hält sich schlicht an den Sprachgebrauch. Wenn man das einzig richtige Wort meint, spricht man vom treffenden Wort, nicht vom gefundenen oder gesprochenen. Und wenn man mit einer Charakterisierung den Nagel auf den Kopf getroffen hat, fühlt sich der andere getroffen (manchmal auch betroffen) und nicht gefunden oder besprochen.
Aber natürlich hat eine Diskussionsteilnehmerin es meiner Meinung nach getroffen, wenn sie darauf verweist, dass man bei Treffen Zufall oder Glück assoziiert: Ein treffendes Wort kann man finden. Das Zauberwort zu treffen ist Glück oder Gnade.

Dass ein Wünschelrutengänger die Wasserader nicht spricht und nicht einmal über eine Suchstrategie findet, sondern auf sie trifft, braucht man dabei noch nicht einmal heranzuziehen.