21 Februar 2017

Lope de Vega: Die Liebesheuchler I

Erster Akt 
Straße. Rechts das Haus der Octavia, links das der Clarinda, beide mit Balkonen 
Erster Auftritt (Nacht) 
Felisardo (kommt, mit Degen und kleinem Schild) 
Mendoza (folgt ihm) 
Mendoza Ein züchtig Weib! 
Felisardo                                   Ein Musterbild! 
Das muß man von Octavia sagen. 
Mendoza Wollt Ihr kein Panzerhemde tragen? 
Felisardo Nein, mir genügen Schwert und Schild. 
Mendoza Doch immerhin, es schadet nie, 
Sich eine starke Wehr zu schaffen.
Felisardo Vermögen etwa mehr die Waffen, 
Als Mut vermag auch ohne sie? 
Klopf an ihr Haus dort; schlag vier Bretter 
Der Tür entzwei mit deinem Huf. 
Mendoza Bin ich ein Maultier?
 Felisardo                                        Oder ruf 
Mit ohrbetäubendem Geschmetter. 
Mendoza Ist es nicht besser, hier zu lauern, 
Bis jener Mann herunterkommt? 
Ich möchte wissen, was es frommt, 
Erschüttert man durch Lärm die Mauern. 
Und woraus schließt Ihr, daß man nicht 
Gewillt ist, Euch hineinzulassen? 
Felisardo Mögst du mit Dingen dich befassen, 
Die du verstehst. 
Mendoza              Euch ins Gesicht 
Sag' ich: Es ist ein falsches Trachten, 
Forscht Liebe solchem Skrupel nach. 
Felisardo Warum, da doch erlittne Schmach 
Die Liebe wandelt in Verachten? 
Mendoza Ein Liebender behauptet immer, 
Daß Eifersucht die Liebe kühlt; 
Doch sengt, je mehr ihn die durchwühlt, 
Die Liebesglut ihn desto schlimmer. 
Herr, wartet ab, bis der da drinnen 
Von selber aus dem Haus wird gehn; 
Dann können wir noch immer sehn, 
Was am gescheitsten wir beginnen. 
Felisardo Die Frauen gleichen sich aufs Haar. 
Wenn's nicht gelingt, sie zu erwischen, 
Dann leugnen sie mit gleisnerischen Beteuerungen. 
Und nun gar Octavia! 
Mendoza             Geht's ihr leicht vonstatten? 
Felisardo Die bringt den Schlausten zu dem Wahn, 
Daß der belauschte Herr Galan 
Nichts war als des Belauschers Schatten. 
Ich wette drum, falls nicht verwogen 
Mein Grimm ihr Spinngeweb zerstört, 
Daß morgen früh sie mir beschwört, 
Die Augen hätten mich betrogen. 
Mendoza So wollt Ihr, daß der Herzmagnet 
Sich als ein lockres Weib entlarve, 
Was bei dem heutigen Bedarfe 
Der Fraun sich fast von selbst versteht? 
Felisardo Du wagst es, Dummkopf, der du bist, 
So von Octavia mir zu sprechen? 
Mendoza Weil ich vier Bretter soll zerbrechen 
Mit meinem Huf. Entweder ist 
Sie locker oder ist es nicht. 
Ist sie's, dann hab' ich recht gesprochen, 
Und ist sie's nicht, wozu dann Pochen 
Und Schwert und Zorn und Strafgericht? 
Felisardo Schon fühl' ich etwas mehr Geduld. 
Zum Warten werd' ich mich bequemen. 
Ich will Octavia nicht vergrämen; 
Bin ich doch in Octavias Schuld. 
Mendoza Und auf wie lang? Wollt zum Exempel 
Ihr immerfort jahrein, jahraus 
Blind wartend stehn vor ihrem Haus 
Wie Simson einst in seinem Tempel? 
Nun, meinethalb; ich bin für Milde 
Grundsätzlich mehr als für Krakeel. 
Felisardo Horch! Öffnet man? 
Mendoza                                    Ja, meiner Seel'! 
Zwei Helme seh' ich dort, zwei Schilde, 
Zwei Schuppenpanzer und – o Graun! – 
Zwei Kriegspistolen und zwei Lanzen. 
Felisardo Ich seh' zwei Degen nur im ganzen, 
Dahinter zwei verhüllte Fraun.

Lope de Vega: Die Liebesheuchler

Siglo de Oro, das Goldene Jahrhundert, in Spanien glänzt in der Literatur mit Cervantes, Lope de Vega und Calderon. Doch Tirso de Molina gehört auch in diese Zeit.

20 Februar 2017

Calderon: Das große Welttheater III

Vorhergehende Handlung

Die Welt. Kurz war das Schauspiel; aber wann verwehen
Nicht rasch des Lebens Spiele, kaum erklungen,
Wo alles nur ein Kommen ist und Gehen,
Das keinen überrascht, der's recht durchdrungen? [...]
Von allen jetzt, vom Kön'ge bis zum Bauer,
Fordr' ich zurück, was sie von mir erbeutet
An eitlem Tand für dieses Schauspiels Dauer,
Daß jeder scheine, was sein Part bedeutet.
An diese Tür stell' ich mich auf die Lauer,
Und wer da meine Schwelle überschreitet,
Leg' ab, was er an Schmuck mir hat entnommen, 
Denn Staub sei wieder, wer als Staub gekommen.
(Der König tritt auf.)
Du, der zuerst aus diesem Tor gezogen,
Sprich, welche Rolle hattest du empfangen?
Der König. Du fragst? Vergißt die Welt so schnell des Hohen?
Die Welt. Die Welt wirft hinter sich, was da vergangen.
Der König. [...]
Ich war's, dem die Gewalt man anvertraute,
Der andre sonnt' mit seines Ruhmes Lichte, [...]
Der mit dem Schwerte schrieb die Weltgeschichte
Und über sich den Thronenhimmel glänzen
Von Purpur sah, von Kron' und Lorbeerkränzen.
Die Welt. So löse denn, verlaß, wirf hin die Krone,
Leg' ab die Majestät, vom stolzen Schlosse
Verbannt, vergessen, wie zu herbem Hohne,
Scheid' nackt und bloß aus dieses Lebens Posse!
Der Purpur, den du rühmst in hohem Tone,
Bald hüllt sich drein ein anderer Genosse,
Nichts nimmst du mit von allem, was da glänze,
Mir bleiben Purpur, Kron' und Lorbeerkränze.
(Sie entkleidet ihn.)
Der König. Hast du nicht selber mir den Schmuck verliehen?
Warum nun nimmst du, was du kaum gespendet?
Die Welt. Weil's nicht verliehn dir wurde, nur geliehen
Für kurze Frist, bis du dein Spiel beendet.
Laß nun für andre deine Reiche blühen
Und alle Herrlichkeit, die dich geblendet. [...]
(Die Schönheit tritt auf.)
Was spieltest du?
Die Schönheit. Das Zauberspiel der Blicke.
Die Welt. Was gab ich dir?
Die Schönheit. Der Schönheit süß'stes Prangen.
Die Welt. Wo hast du sie?
Die Schönheit. Sie blieb im Grab zurücke. [...]
Die Welt. Wo hast du deiner Reize Schmuck gelassen,
Die ich dir einst geliehen? Gib sie mir wieder!
Die Schönheit. Sank alles, alles dort im Grabe nieder. [...]
Dort gingen unter meiner Augen Schimmer,
Dort blieb von aller Schönheit nicht ein Trümmer.
(Der Landmann tritt auf.)
Die Welt. Ha, Bauer, was warst du?
Der Landmann. Nun Bauer, eben
Weil ich's sein mußte. Aber bleib' nur sitzen,
Der Bauer beißt nicht. Ja, den Titel geben
Die Fante uns, für die im Feld wir schwitzen,
Ich bin's, den manche, die bei Hofe leben,
Vornehm gesegenen mit schlechten Witzen,
Ich bin's – und daß ich's bin, soll mich nicht plagen –,
Zu dem Ihr: »Du« und »Er« beliebt zu sagen.
Die Welt. Gib her, was ich dir lieh.
Der Landmann. Du, mir geliehen?
Die Welt. Ein Spaten war's.
Der Landmann. Das lohnt auch noch zu schwatzen!
Die Welt. Gleichviel! Darfst nicht damit von dannen ziehen.
Der Landmann. Nun, da möcht' einem doch die Galle platzen!
Seht die vertrackte Welt! Erst ab mich mühen,
Mit Not das bißchen Brot zusammenkratzen,
Und jetzt, da wir hier auseinander rennen,
Nicht so ein lumpig Grabscheit mir zu gönnen!
(Der Reiche und der Bettler treten auf.)
Die Welt. Wer naht?
Der Reiche. Wer nimmer möchte von dir scheiden.
Der Bettler. Und wer von dir zu scheiden stets verlangte.
Die Welt. Wie kommt es, daß zur selben Zeit euch beiden
Zu lassen mich und nicht zu lassen bangte?
Der Bettler. Weil ich viel bittre Armut mußte leiden.
Der Reiche. Und ich mit Schätzen übermächtig prangte.
Die Welt. Her, dein Geschmeid!
(Sie nimmt ihm seinen Staat.)
Der Bettler. Schau, wie ich sicher baute!
Hab' nichts, das mir, der Welt zu lassen, graute.
(Das Kind kommt.)
Die Welt. Auch dich sah ich doch zum Theater streben,
Warum erschienst du niemals in dem Stücke?
Das Kind. Du nahmst in einem Grabe mir das Leben,
Im Grab lass' ich, was du mir gabst, zurücke.
(Der Weise tritt ein.)
Die Welt. Was hatt' ich dir zum Schmucke mitgegeben?
Sprich, was erbatst du an des Lebens Brücke?
Der Weise. Ein härnes Kleid, das ich demütig trüge,
Die Geißel, das Gebet und inn're Gnüge.
Die Welt. So gib mir's wieder nun, man soll nicht wähnen,
Daß einer nur sein Ehrenpfand vertrage.
Der Weise. Ich wollte, das Gebet, die Lust der Tränen
Verblieb der Welt bis an das End' der Tage;
Doch scheiden sie mit mir, auf daß dich Sehnen
Dir selbst entschwing' mit kühnerm Flügelschlage.
Versuch's, ob du's vermagst, sie zu erfassen.
Die Welt. Kann nicht, muß dir die guten Werke lassen,
Das einzige, das ihr der Welt entrungen.
Der König. O wer doch nimmer nach Gewalt getrachtet!
Die Schönheit.
Und nimmer nach der Schönheit Huldigungen!
Der Reiche. O hätt' ich nie mit Schätzen mich befrachtet!
Der Landmann. O wer den Spaten rüst'ger doch geschwungen!
Der Bettler. O wer in größern Nöten noch geschmachtet!
Die Welt. Zu spät! Was schauert ihr? Im Sterben
Mag sich nicht Palmen mehr der Mensch erwerben.
Und da ich ausgelöscht der Schönheit Züge
Und, was gewaltig war, gestürzt nun habe,
Da ich verstört des Hochmuts eitle Flüge,
Das Zepter gleichgemacht dem Bettelstabe:
So gehet vom Theater denn der Lüge
Ein in das Reich der Wahrheit aus dem Grabe! [...]
Der Bettler. Meister Himmels und der Erde!
Die nach deinem Machtgebote
Dieses kurzen Menschenlebens
Schauspiel vorgestellt, sie kommen
Alle nun zum großen Gastmahl,
Das du ihnen einst versprochen.
Laß das Lichtgewölk sich teilen
Vor dem Glanze deines Thrones!
(Musik. Wahrenddeß erschließt sich noch einmal die Himmelsbühne und zeigt einen Tisch mit Kelch und Hostie, an welchem der Meister sitzt.)
Der Meister. Schon harrt euer dieser Tisch
Und das Brot, vor dem erschrocken
Sich die Hölle beugt und alle
Himmel in Beschaun verloren.
An der Zeit ist's, zu verkünden,
Wer jetzt mit mir tafeln soll,
Denn aus meiner Nähe müssen 
Scheiden nun, die ihre Rollen
Dort verfehlt, auf daß besel'gend
Sie Erkenntnis überkomme
All des Heiles, das ich ihnen
So barmherzig dargeboten.
Sei der Bettler und der Mönch
Denn zum Ehrentisch erhoben;
Essen sie auch nicht dies Brot,
Da sie schon der Welt entnommen,
Ist's doch Labsal, anzubeten
Das Mysterium der Wonne. [...]
Der König. Mitten in dem Glanz der Hoheit
Fleht' ich, Herr, nicht um Erbarmen?
Warum hast du mich verworfen?
Der Meister. Schönheit und Gewalt, hochmütig
Hatten sie sich überhoben,
Doch bereut auch. Beide seien,
– Jedoch später – aufgenommen. [...]
       So gewärtigt künft'gen Lohnes,
Da ihr, eure Schuld bereuend,
Um Barmherzigkeit geworben!
Im Fegfeuer nun ihr drei
Harret büßend, bis gekommen
Eure Zeit. [...]
Der Reiche. Seh' ich König dort und Schönheit,
Bloß weil Weltruhm sie verlockte,
Trotz der Tränen, die sie weinten,
So im Innersten erschrocken
Und den Bauer unter Seufzen,
Daß es Steine rühren sollte,
Ungewiß und bebend zaudern,
Hier emporzuschaun zu Gottes
Furchtbar strengem Angesicht –
Wie wagt' ich den Blick nach oben?
Doch ich muß – wo flöh' ich hin,
Da kein Winkel bleibt verborgen
Vor dem schrecklichen Gericht?
Meister!
Der Meister. Unglücksel'ger, stockt dir
Nicht die Stimme bei dem Namen?
Hättst du nie ihn ausgesprochen!
Denn hier aus der Zahl der Meinen
Bist fortan du ausgestoßen.
Steig' zu der verlornen Nacht
Nieder nun, wo deine stolzen
Lüste dich in Ewigkeit
Zwischen Furcht und Qualen foltern. [...]
Der Meister. Da des Himmels Engelscharen,
In der Hölle die Dämonen
Und die Menschen auf der Welt
All' sich beugen vor dem Brote,
Sollen durch die Himmel, Hölle
Und die Welt zu seinem Lobe
Süße Stimmen widerhallen
Rings in unermeßnem Chore.
(Musikklänge; man hört in der Ferne das »Tantum ergo« singen.)
Die Welt. Und da dieses ganze Leben
Eben nur ein Schauspiel vorstellt,
Oh, so werde dem wie jenem
Nachsicht hier wie dort zum Lohne!
Calderon: Das große Welttheater 

Wikipediaartikel

Fontanefan: Bemerkenswert, wie deutlich die Kritik an der Misshandlung der Mutter Erde und Kritik am Reichtum als Selbstzweck ausgesprochen werden.

Calderon: Das große Welttheater II

Vorhergehende Handlung

Der Bettler (zum Reichen).
Ach, aus Eurem Überflusse
Schenkt mir eine Kleinigkeit.
Der Reiche. Gibt's nicht Türen, dran zu klopfen?
Dringt man bis zu mir herein?
Dort im Vorhaus an der Schwelle
Harret man und bittet leis,
Fällt nicht mit der Tür ins Haus.
Der Bettler. Seid nicht hart, erbarmt Euch mein!
Der Reiche. Fort da, unverschämter Bettler!
Der Bettler. Wer zur Lust so vielerlei
Wegwirft, hätte der für mich
Nicht auch etwas übrig?
Der Reiche. Nein.
Die Welt. 's ist ein Geizhals und der Arme
Aus dem Gleichnis, wie mir scheint.
Der Bettler. Da er nicht die Not begreift,
Wag' ich's, mich in meinem Leid
An den König selbst zu wenden.
Herr, gedenk in Milde mein!
Der König. Meinen Großalmosenier
Setzt' ich zu dem Zwecke ein.
Die Welt. Mit Ministern schanzt der König
Klüglich sein Gewissen ein. [...]
Der Meister. Manchen Fehl' könnt' ich verbessern,
Der sich meinem Blick hier beut,
Doch dazu gab ich dem Menschen
Starken Willen und das Reich
Über seine Leidenschaften,
Auf daß jeder tüchtig sei,
Durch sein Tun sich selbst zu adeln;
Und so lass' ich alle frei
Heute ihre Rollen spielen.
Doch, wie bunt die Wirrung sei,
Im Zusammenspiel beacht' ich
Jeglichen für sich allein,
Allen das Gesetz verkündend:
Das Gesetz. Tue recht – Gott über euch!
Wiederholt schon jedem einzeln
Sowie allen im Verein
Sagt' ich's, und so wird ihr Irrtum
Künftig ihre Schuld auch sein:
Sollst gleich dir den Nächsten lieben,
Tue recht, Gott über euch! [...]
Eine Stimme (singt von der Grabespforte her).
König dieses schwanken Reiches,
Lasse, laß den stolzen Wahn,
Denn schon dunkelt rings die Bühne,
Deine Rolle ist vollbracht.
Der König. Daß verklungen meine Rolle,
Eine Stimme zu mir sang –
O wie mir das Herz sich wendet
Bei dem schauerlichen Klang!
Ist's zu Ende nun, so muß ich
Weichen, doch wo tret' ich ab?
Dorthin zu der ersten Türe,
Wo ich meine Wiege sah,
Ist der Pfad verwehrt, ich kann
Nicht zurück mehr; o wie hart,
Keinen einz'gen Schritt zur Wiege
Lenken dürfen! Nach dem Grab
Zielen alle – Kehrt der Strom,
Der als Meeresarm entsprang,
Doch zum Meer zurück, die Quelle,
Die sich frisch dem Strom entschwang,
Wird einst wieder Strom, das Bächlein,
Das sich aus der Quelle schlang,
Wieder Quell – und nur der Mensch,
Der im Kern des Seins erwacht,
Kehrt zur Kluft, um – er allein –
Nicht zu sein mehr, was er war?
Doch da ausgespielt die Rolle,
Meister, der uns überwacht,
So verzeihe, wo ich fehlte –
Sieh', bereuend steh' ich da.
(Er entfernt sich durch die Grabespforte, durch welche auch die andern späterhin abgehen.)
Die Welt. Gut beschloß er seine Rolle,
Da er um Vergebung bat. [...]
Der Weise. Wer kommt jetzt?
Der Bettler. Ich folge nach.
Fluch dem Tag, da ich erwacht,
Um die harte Welt zu sehen, [...]
Herr! Nicht darum so verloren
Siehst du mich in wildem Schmerz,
Weil zur Armut ich erkoren,
Nein, nur das bricht mir das Herz,
Daß in Sünden ich geboren.
Die Welt. Ha, der spiegelte recht täuschend
Der Verzweiflung Wesen ab!
Denn auch Hiob einst verfluchte
Ebenso der Sünde Schmach.
Die Stimme. Streng bemessen ist das Glück,
Streng bemessen ist die Qual;
Von den Qualen, von dem Glücke
Gebt nun beide Rechenschaft!
Der Reiche. Weh mir!
Der Bettler. Welche frohe Kunde!
Der Reiche. Wie, bei dieses Rufes Klang
Bebst du nicht zusammen?
Der Bettler. Ja.
Der Reiche. Und bist nicht auf Flucht bedacht?
Der Bettler. Nein, denn diese Schauer rieseln
Jeglichem durch Bein und Mark,
Fühlt der schwache Mann voll Zagen
Die Gerichte Gottes nahn.
Doch wo alle Flucht vergebens,
Wenn sogar die heil'ge Pfalz,
Nicht den König und die Schönheit,
Nicht die eigne Glorie barg:
Wohin sollt' die Armut fliehen?
Nein, viel tausend-, tausendmal
Dank' ich ihm, daß er nun endet
Mit dem Leben meine Schmach.
Der Reiche. So ganz ohne Herzeleid
Trittst du von der Bühne ab?
Der Bettler. Da ich hier nichts Liebes lasse,
Geh' ich willig diesen Pfad.
Der Reiche. Und ich wie geschleift vom Henker,
Denn mein Herz bleibt bei dem Schatz.
Der Bettler. Welche Freude!
Der Reiche. Welche Trauer!
Der Bettler. Welche Tröstung!
Der Reiche. Welche Qual!
Der Bettler. Welch Vergnügen!
Der Reiche. Welche Schmerzen!
Der Bettler. Welches Glück!
Der Reiche. O harter Fall!
(Beide gehen ab.)
Die Welt. Wie so anders ist des Reichen
Und des Bettlers Todesbahn!
Der Weise. Auch sie scheiden – auf der Bühne
Steh nur ich allein noch da.
Die Welt. Unter allen hält die Kirche
Stets am längsten bei mir Stand.
Der Weise. Nicht die hehre Kirche bin ich;
Sie besteht, ich muß hinab,
Denn nur einer ihrer Diener
War ich hier aus eigner Wahl.
Doch dem Ruf der Todesstimme
Eilt' ich sehnsüchtig voran,
All mein Tun und Sein versenkend
Lebend schon ins stille Grab.
Und so schließ' ich heut das Schauspiel,
Morgen spielt der andre Akt,
Und ihr, bessert euch für morgen,
Die ihr heut uns irren saht!
(Der Vorhang der unteren Erdenbühne fällt.)
Der Meister. Straf' und Lohn verhieß ich jedem,
Wer da schlecht, wer gut bestand;
Kommt nun allzumal herbei,
Lohn und Strafe zu empfahn!
(Die Himmelsbühne schließt sich ebenfalls.)

Calderon: Das große Welttheater

Der Meister (erscheint mit Sternenmantel und Strahlenkrone).
Anmutige Konturen
Der aus der Tiefe dämmernden Naturen,
Die zwischen Licht und Nächten
Des Himmels Abglanz sich erobern möchten
[...]
Du rastlos Ungeheuer
Aus Erde, Wasser, Luft und Feuer,
In ew'gen Wandelungen
Des Universums Werkstatt kühn entrungen,
Ein Wunder, wie kein zweites noch die Himmel kennen
Und um mit einem Worte dich zu nennen:
Du, Welt! die, wie das Lied vom Phönix singet,
Stets aus der eignen Asche sich verjünget!
(Die Welt erscheint.)
Die Welt. Wer heißt, zum Leben
Dem rauhen Kern des Balls, der mich umgeben,
Mit so gewalt'gem Rufe mich entsteigen?
Wer, mich mir selbst entreißend, bricht mein Schweigen?
Der Meister. Dein hoher Herr und Meister.
Gestalt und Form mit sichrer Hand umkreist er,
Ein Hauch von seinem Munde
Enthebt dich hier des Urstoffs finsterm Grunde.
Die Welt. Und wozu riefst du mich auf dies Gefilde?
Der Meister. Es schafft der Bildner sinnend sein Gebilde,
Die eigenen Gedanken
Lebendig dran ins Licht emporzuranken.
Aus eigner Macht bereiten
Will ich ein Fest mir, denn zu allen Zeiten,
Um meine Kraft und Herrlichkeit zu preisen,
Wird die Natur sich festlich mir erweisen;
Und da, vor allen Festen,
An würd'gem Schauspiel sich am allerbesten
Die Geister kräftigen und heben
Und nur ein Spiel ja alles Menschenleben,
So mag auf deinen Auen
Der Himmel auch ein Schauspiel heute schauen,
Das, bin ich Herr hier eben,
Notwendig von den Meinen wird gegeben.
So hab' ich denn aus diesen
Die Menschen, als die tüchtigsten, erkiesen,
Die in gemeßnen Weisen
Auf den vierfach geschiednen Erdenkreisen
Des Welttheaters wacker spielen sollen;
Ich selbst verteil' die Rollen
Nach eines jeglichen Natur und Richtung.
Doch daß des Festes Dichtung,
Wie sich's gebühret, auch mit allen Frachten
Der Szenerie und mit dem Schmuck der Trachten
Ergötzlich blende,
So rüste du verschwendrisch und behende
Die holden Scheine,
Daß jeder Wirkliches zu schauen meine.
Und nun ans Werk! Derweil ich dirigiere,
Sei du die Bühne und der Mensch agiere.
Die Welt. Mein erhabner Herr und Meister,
Dessen Winke, dessen Rufe
Alles ehrerbietig lauscht,
Meiner Bühne weite Runde
Öffn' ich denn, auf daß die Menschen
Sich im Schauspiel drauf versuchen,
Und ein jeder, was die Rolle
Fordert, finde hier nach Wunsche.
Blindes Werkzeug deiner Rechte,
Führ' ich aus nur, was du schufest,
Meine Tat ist dein Gedanke,
Mein das Werk zwar, dein das Wunder.
[...]
So verwandl' ich rasch die Bühne,
Daß, vom Sturm aus tiefstem Grunde
Aufgewühlt, ein Ozean
Alle Gipfel überflute
Und im unermeßnen Leer
Zwischen grauer Wolken Zuge
Nur ein einsam Schiff erscheine,
Das durch alle Schrecken furchtlos
Auf noch nie befahrner Bahn
Sichre stille Gleise furchet,
Und Geflügel, Tier und Menschen
Rettend birgt in seinem Rumpfe.
Doch wenn drauf der Friedensbogen
Über Meer und Schiff geschwungen,
Mit den milden Himmelsfarben,
Blau und violett und purpurn,
Durch das Grauen niederstrahlt:
Bricht des Elementes Wut sich,
Und erschrocken beugt die Woge
Dem Gesetz sich ihres Ursprungs
Vor der Felsenstirn der Erde,
Die nun aus dem Grab der Fluten
Wiederum ihr Antlitz hebt,
Wenn auch bleich, verweint und stumm noch,
Ungesäumt nun folgt der zweite
Aufzug nach des ersten Schlusse:
Der vom Moses – und hier muß ich
Meinen Fleiß zu mehren suchen,
Denn, um dorthin zu gelangen,
Kommen eilig trocknen Fußes
Aus Ägypten angerückt
Durch das rote Meer die Juden.
Dort, wenn so die Flut sich teilt,
Soll die Sonne sich verwundern,
Was ich ihr für Klüfte zeige,
Die sonst tief im Wasser ruhten.
Doch schon mit zwei Feuersäulen
Leuchtet sie voran dem Zuge,
Denn durch Wüsten geht der Weg,
Zum verheißenen Genüsse,
Und um das Gesetz zu holen,
Hat den Moses, raschen Fluges,
Jetzt auf einen mächt'gen Berg
Ein Gewölk emporgeschwungen.
Aber dieser zweite Akt
Bricht in Schrecken aus zum Schlusse:
Wie im Todesschlummer dämmernd,
Wird die Sonne sich verdunkeln,
Und in tiefen Fieberschauern
Wird man da die Himmelskugel
Irre wanken sehn und weichen
Alle Kreis' aus ihren Fugen,
Berge bersten und die Mauern
Taumeln, wie von Wahnsinn trunken,
Bis der ganze morsche Bau
Rings in Trümmer ist gesunken.
Drauf beginnt der dritte Akt,
Der von Ahnungen durchklungen,
Daß hier Höheres im Spiel:
Das Gesetz des neuen Bundes.
Eitel Streben, zu ergründen
Dieses Wunder aller Wunder!
Also wird man in drei Akte
Nach den dreierlei Statuten
Einst die Weltenalter teilen
Von Jahrhundert zu Jahrhundert,
Bis zuletzt die ganze Bühne
Mit all ihrem reichen Prunke –
Daß auch Feuerwerk nicht fehle
Bei dem Fest – im Blitzeszucken
Unversehns von einem grimmen
Feuermeere wird verschlungen.
Hier versagt mir meine Stimme,
Und mein bleicher Mund verstummt,
Denn, schon es zu ahnen, schaudr' ich,
Es zu denken, sprengt die Brust mir,
Und ich bebe, auszusprechen
All das unermeßne Unglück.
Oh, daß dieser Tag noch lange
Weilte in der Zeiten Grunde
Und ihn nie die Völker schauten,
Die noch ruhn im Schoß der Zukunft!
Nun, in den drei Akten sehen
Wohl die Menschen manches Wunder,
Und nicht einem soll da fehlen,
Was fürs Schauspiel ihm von Nutzen.
Und da ich nun das Theater
Ausgerüstet ganz nach Wunsche,
Wirst du selbst wohl, was das Spiel
Anbetrifft, wie ich vermute,
Alles schon im Sinne haben,
Denn in deinem Sinn verbunden
Sind die Menschen, eh' sie sind,
Schon versichert ihres Ruhmes.
Doch daß jeglicher imstande,
Auf der Bühne, deinem Rufe
Folgend, auf- und abzutreten,
Habe ich zwei Türen hurtig
Eingerichtet: hier die Wiege,
Dort das Grab im Hintergrunde.
[...]
Nur den Bettler lass' ich laufen,
Weil das seines Parts Natur so.
Keiner soll sich da beklagen,
Daß er nicht bereit gefunden,
Was er für sein Rollenfach
Irgend nur an Schmuck bedurfte.
Macht er dennoch seine Sache
Schlecht dann, so ist's meine Schuld nicht,
Sondern seine. Und da nun
Schon gerüstet all der Plunder,
So kommt, Sterbliche, herbei,
Um euch einzeln auszuputzen;
Auf dem großen Welttheater
Zeige jeder seine Kunst nun! (Geht ab.)
Der Meister. All ihr, noch im Nichts verloren,
Ruf euch dennoch auf zum Licht,
Denn vor meinem Angesicht
Seid ihrs eh' ihr noch geboren;
Heiß' zu jenen Blumenfloren,
Hört ihr mich auch nicht, euch eilen,
Wo der Zedern schlanke Säulen,
Palm und Lorbeer eurer warten –
Um an alle in dem Garten
Nun die Rollen zu verteilen.
(Es erscheinen: der Reiche, der König, der Landmann, der Bettler, die Schönheit, der Weise und ein Kind.)
Der König. Meister, siehe hier die Deinen!
Nicht geboren erst zu werden
Braucht ja dein Geschöpf auf Erden,
Um vor dir, Herr, zu erscheinen.
Noch beschwingt die Seele keinen
Ohne Leben, ohne Sinnen,
Trüb, gestaltlos wir zerrinnen
Wie der Rauch, des Windes Raub;
Hauch' beseelend an den Staub,
Daß wir unser Spiel beginnen!
Die Schönheit. Deines Denkens Schattenrisse
Sind wir, die nicht schaun, nicht leben,
Falb im unentschiednen Schweben
Nichts von Gut und Bösem wissen.
Drum, wenn aus der Welt Kulissen
Wir hervor hier treten sollen,
So verteile nun die Rollen,
Denn es ziemt uns allzumal
Nimmer in dem Stück die Wahl,
Welchen Part wir spielen wollen.
Der Landmann. Herrscher über dieses Land,
Den ich heut erst kennen lerne,
Deinem Winke folg' ich gerne,
Als das Machwerk deiner Hand.
Und da dir gar wohl bekannt
(Denn nichts birgt sich Gottes Blicke),
Welcher Part sich für mich schicke:
Kann ich, sollt' ich steckenbleiben,
Nicht dem Part die Schuld zuschreiben,
Sondern meinem Ungeschicke.
Der Meister. Wollte ich die unruhvollen,
Menschen um die Wahl befragen,
Auch nicht einem wohl behagen
Möchten dann des Leidens Rollen.
Alle würden herrschen wollen
Über alle frank und frei,
Und es fiele keinem bei,
Daß auf dieser Bühnenwelt,
Was er für das Leben hält,
Eben nur ein Schauspiel sei.
Doch ich, Autor dieser Märe,
Weiß, was jeder leisten kann,
Und so nehm' denn jedermann,
Welchen Part ich ihm beschere.
Spiel' den König du.
(Die Rollen verteilend.)
Der König. O Ehre!
Der Meister. Du, die Dame, leucht' als Sonne
Ird'scher Schönheit.
Die Schönheit. Welche Wonne!
Der Meister. Du den reichen Kavalier.
Der Reiche. Oh, so ward das Glückslos mir,
Wolkenlos zu schaun die Sonne!
Der Meister. Und des Landmanns Part sei dein.
Der Landmann. Ist ein Dienst das oder Würde?
Der Meister. Eine arbeitsel'ge Bürde.

Der Landmann. Werd' ein schlechter Werkmann sein.
Nein, ich bitt Euch, Herre mein,
Stamm' ich gleich von Adam her,
Macht mir's doch nicht gar so schwer!
Zwar ein Landgut wär' mir lieb,
Doch ein rechter Tagedieb
Steckt in mir, irr' ich nicht sehr;
Denn nach meinem Naturelle,
Und so neu in solchen Dingen,
Werd' ich schlecht den Spaten schwingen,
Oft mich ausruhn auf der Schwelle. [...]
Der Meister. Weisheit hab' ich dir erkoren.
Der Weise. Hohe Gunst erweist du mir.
Der Meister. Den armsel'gen Bettler dir.
Der Bettler. Gibst du mich so ganz verloren?
Der Meister (zu dem Kinde). Und du stirbst, eh' du geboren.
Das Kind. Da ist meine Müh' gar klein.
Der Meister. Weislich richt' ich's also ein,
Daß, wer lebt, mitspielend strebe,
Und ich selbst sein Fach ihm gebe –
Denn so frommt es eurem Sinn.
Der Bettler. Könnte ich mein Los vermeiden,
Ach, wie gerne gäb' ich's hin,
Denk' ich recht in meinem Sinn
Meiner Rolle bittre Leiden.
Doch ich kann hier nichts entscheiden,
Wenn ich mich auch des erfrechte.
Aber du erwäg' das Rechte,
Nicht, was nimmer dir zu sagen
Darf der arme Bettler wagen,
Nein, was er dir sagen möchte.
Weshalb ward der Armut Pflicht
Mir zuteil in der Komödie?
Diese nur für mich Tragödie
Und für alle andern nicht? [...]
Der Meister. Wisse, diese Bühne ziert
Minder nicht, wer ohne Fehle,
Schlicht und recht aus voller Seele
Mit dem Bettelstab agiert,
Als wer Kron' und Zepter führt;
Und wenn einst der Vorhang fällt,
Werden beide gleichgestellt.
Halt' dich wacker und vergesse
Nimmer, daß ich dir bemesse,
Gleich dein Kön'ge, dein Entgelt.
Wähne nicht, ob noch so wild
Dir das kurze Leben grolle,
Daß darum des Königs Rolle,
Hast du deine ausgefüllt,
Meinem Recht nach höher gut;
Voller Lohn wird nach Gebühr
Einst euch beiden, ihm wie dir.
Jede Rolle kann dich heben,
Denn das ganze Menschenleben
Ist ja nur ein Schauspiel hier.
Und ist dann das Spiel geschlossen,
Speist an meiner Seit' zu Nacht,
Wer's am besten hat gemacht
Und getreu und unverdrossen
Seiner Rolle Geist erschlossen.
Dort mach' ich euch beide gleich.
Die Schönheit. Doch wie heißt in deinem Reich
Nun das Stück, zu dem wir kamen?
Sag' uns, Herr, erst seinen Namen.
Der Meister. »Tue recht – Gott über euch.«
Der König. Not tut's, daß wir nichts versehn
In so wunderbarem Stücke.
Der Reiche. Darum, daß es besser glücke,
Laßt uns an die Probe gehn.
Der Weise. Ei, wie könnte dies geschehn,
Da wir, eh' das Stück beginnt,
Alle seelenlos noch sind,
Ohne Licht und ohne Leben? [...]
Der Weise. Ich erfleh' für meinen Part
Ein Stück Erde, drauf zu leben.
Die Welt. Welcher Part ist dir gegeben?
Der Weise. Weisheit und die Lernbegier.
Die Welt. Steht's um dich so geistlich hier,
Nun, so bet' und faste sehr.
(Sie reicht ihm Kutte und Geißel.)
Der Weise. Weise wär' ich nimmermehr,
Nahm' ich anderes von dir. (Ab.)
Die Welt(zum Kinde).
Wie? und du magst nichts begehren? .
Ohne Wünsche trittst du auf ?
Das Kind. Ach, zu meinem Lebenslauf
Kann ich deiner ganz entbehren.
Ungeboren heimzukehren,
Brauch' ich so viel Zeit nur eben,
Um aus dunklem Kerkerleben,
Aus der Nacht in Nacht zu wandern;
Und ein Grab, wie allen ändern,
Mußt du mir zuletzt doch geben. (Ab.) 
Die Welt. Was willst du denn, grober Knolle?
Der Landmann. Was ich gern dir selbst verehrte.
Die Welt. Ei, zeig', was man dir bescherte.
Der Landmann. Ei, was schert dich meine Rolle?
Die Welt. Das schmeckt ziemlich nach der Scholle;
Wett' ich doch, daß dieser Derbe
Sich als Knecht sein Brot erwerbe.
Der Landmann. Traun, du hast mein Glück erraten.
Die Welt. Nun, so nimm denn diesen Spaten.
(Sie reicht ihm denselben.)
Der Landmann. Das ist Adams saubres Erbe.
Ja, Herr Adam konnt's wohl wissen,
Der so hochgelahrt doch war,
Daß sein Weib seit manchem Jahr
Des Geschwätzes sich beflissen;
Ich hätt' nicht mit drein gebissen:   [...]
Die Welt. Welche Rolle ist die deine?
Der Bettler. Meine Rolle ist die Trauer,
Ist der Jammer, ist der Schrecken,
Mitleid hier, dort Graun erwecken,
Vor den Türen auf der Lauer,
Zähneklappern, Fieberschauer,
Zwischen Furcht und Unglück schweben,
Lästig allen, die mich laben,
Immer was zu bitten haben,
Nimmer andern was zu geben.
's ist der Schimpf und das Verachten,
Schande, bittres Herzeleid,
Ekler Schmutz, die Niedrigkeit,
Stets nur nach der Notdurft trachten
Und vor Elend doch verschmachten, [...]
Die Welt. Mannigfalt'ge Stände dort
Seh' ich nun zur Bühne schreiten:
[...]
Tritt nun, heil'ger Meister, ein;
Schau' der Menschen Lust und Pein!
Erde, öffne deine Bühne,
Denn des Erdenfrühlings Grüne
Soll des Spieles Schauplatz sein!
(Musik. Es eröffnen sich zwei Bühnen übereinander; auf der obern erblickt man einen von Glorien umgebenen Thron, auf welchem der Meister sitzt; die untere Bühne hat zwei Türen, von denen die eine mit einer Wiege, die andere mit einem Sarge bezeichnet ist.)
Der Meister. Da ich für des Himmels Höhen
Dieses Schauspiel mir ersonnen,
Will ich vor dem Thron der Wonnen,
Um den ew'ge Sonnen gehen',
Nach den Meinen prüfend sehen.
Die ihr wandelt auf und ab
Von der Wiege nach dem Grab,
Menschen, innerlich erwacht,
Nehmt nun euer Tun in acht,
Denn der Meister schaut herab. [...]
Das Gesetz (mit einem Buche in der Hand auf einer Höhe erscheinend).
Hört! Ich, das Gesetz der Gnade,
Alle zu dem Schauspiel lade;
Allen bin ich Helferin,
Die da irren; Kern und Sinn
Eures Spiels in diesem Reich
Faßt in eines Spruchs Bereich
Dieses Buch. Da steht geschrieben:
Sollst wie dich den Nächsten lieben,
Tue recht, Gott über euch! [...]
Die Schönheit. Wie richt' ich's ein,
Meiner Schönheit froh zu werden?
Das Gesetz. Tue recht – Gott über euch!
Die Welt. Der Souffleur läßt sich vernehmen –
Schönheit hört's nicht, geht vorbei. [...]
Der Landmann. Wer sah härtres Los als meins?
Ich zerkratze der den Busen,
Die mir ihre Brust gereicht,
Um alltäglich meine Nahrung
Mütterlich mir zu verleihn.
[...]
Regnet's diesen Mai nicht – und ich
Bitte Gott um Trockenheit –,
Ei, so weiß ich, daß mein Weizen
Um ein paar Dukaten steigt,
Und so werd' ich Rübezahl
Bald der ganzen Gegend sein,
Alles wird mich fürchten, ehren.
Doch, so aufgebläht und reich,
Was dann fang' ich weiter an?
Das Gesetz. Tue recht – Gott über euch!
Die Welt. Hörst du den Souffleur nicht flüstern?
Der Landmann. Bin ein wenig taub zur Zeit. [...]
Der König.[...]
Über alle herrsch' ich frei,
Und es werfen die Vasallen
Nieder sich, geh' ich vorbei.
Was bedarf ich noch hienieden?
Das Gesetz. Recht zu tun – Gott über euch!
Die Welt. Traun, der kommt mit seinem Spruche
Überall zur rechten Zeit! [...]

Calderon: Das Leben ein Traum

1. Akt
1. Szene
Rosaura, in männlicher Reisekleidung, steigt, gefolgt von Clarin, den Berg herab.
ROSAURA ruft ihrem entlaufenen Rosse nach.
Du Hippogryph, an Schnelle
den Winden gleich, unbändiger Geselle!
Wohin, Blitz ohne Schimmer,
glanzloser Vogel, schuppenloser Schwimmer,
sinnloses Ungeheuer,
wohin, im labyrinthischen Gemäuer
der nackten Felsenmassen,
entrennst du zügellos, wild, ausgelassen?
Bleib hier im Bergreviere,
ein Phaethon hinfort der wilden Tiere!
Denn ich, ohn andre Pfade,
als das Geschick mir anweist sonder Gnade,
will blindlings, ohne Hoffen,
durch die verworrne Rauheit dieses schroffen
Gebirgs, das mit Ergrimmen
der Sonn entgegen dräut, herniederklimmen.
Wie schlecht empfängst du, Polen,
den Fremdling; schreibst mit Blute seiner Sohlen
in deinen Sand sein Kommen!
Zur Mühsal kommt er an, mühsam gekommen.
Wohl sagt's mein Stern mir Armen;
wo fand ein Unglücksel'ger auch Erbarmen?
CLARIN.
Zwei gibt's hier, wie ich denke;
laßt mich nur, wenn Ihr klagt, nicht in der Schenke.
Denn da wir zwei doch waren,
die's wagten, aus der Heimat auf Gefahren
und Abenteur zu reiten,
und zwei, die unter Not und Albernheiten
nun bis hieher uns trollten,
und zwei, die hier vom Berg herunterrollten;
heißt's nicht mein Recht verletzen,
mich mit in Not und nicht in Rechnung setzen?
ROSAURA.
Ich will von meinen Klagen,
Clarin, dir keinen Anteil übertragen,
um nicht dein Recht zu hindern,
durch eignes Seufzen deine Not zu lindern.
So reizende Genüsse
im Klagen fand ein Weiser, daß man müsse,
behauptet er, die Leiden
aufsuchen, um an Klagen sich zu weiden.
[...]
ROSAURA.
Ein roh Gebäu steckt zwischen Felsenmassen;
kaum mag es sich getrauen,
vor Niedrigkeit zur Sonn emporzuschauen.
So rauh ist, wie ich merke,
so ungeschickt die Kunst an diesem Werke,
daß es hier, zu den Füßen
der Felsen, so, die Sonne zu begrüßen,
gigantisch sich erhoben,
ein Klumpen scheint, herabgerollt von oben.
CLARIN.
Laßt uns nur näher gehen;
was nützt es, Fräulein, lang es zu besehen?
's ist besser, wir beginnen
jetzt den Versuch, ob man uns höflich drinnen
aufnehmen wird.
ROSAURA.
Die Pforte
steht auf (Grabschlund paßt besser zu dem Orte)
und läßt zu diesen Toren
die Nacht heraus, die drinnen ward geboren.

Kettengeklirr im Turme.

CLARIN.
Weh! Hier ist's nicht geheuer.
ROSAURA.
Ich bin ein leblos Bild von Eis und Feuer.
CLARIN.
Geklirr von Ketten hör ich.
's ist ein Galeerensklave, das beschwör ich;
wohl sagt es mir mein Zagen.