11 März 2012

Verena

"Verena war eine jungfräuliche Frau, eine schlanke, schwebende Junge in schwarzen Flören. [...]
Allenthalben hatte die schwebende, schlanke, verschleierte Verena den Vortritt.
Auch die alte Exzellenz erhob sich wie erschreckt, als sie Verena vor sich sah, und küßte der Trauernden die Hand, ohne etwas zu sagen. Es schien in diesem Augenblicke, als wenn eine Heilige mit einer Trauerbotschaft hereingetreten, und als wenn alle erstarrt wären.
Um Verena wehte es wie Märzluft. Sie schien von der Fahrt ein wenig gerötet. Aber gar nicht sonst erweckt aus ihrer tiefen Stille.
Man hatte bei der Begrüßung nur flüchtig leise[182] Worte gewechselt. Jetzt war man lange stumm. Alle, auch die Jungen, lauschten sozusagen auf ein erlösendes Wort, das aus den leichtgereckten, flaumigen Lippen von Verena kommen würde, die wie eine Rätselträgerin aufgerichtet dastand.
Verena hatte ihren Schleier zurückgeschlagen. Da enthüllte sich ein Gesicht, rosig und streng, wie ein Engel von Fra Angelico, mit einem lieblichen, scheuen, graudunklen Auge. [...]
Verena pries den Abendfrieden. Man begann von fernen, schönen Dingen zu reden. Von den seltsamen Reizen der Tage, darüber die Jahreszeiten Blüten oder Früchte, goldene Blätter oder weiche Flocken verstreuen. Von dem Leben einer Seele hinter allen Dingen und Schicksalen. Von dem Geheimnis der hier auf Erden unerfüllten Schicksalsläufe. Und wohin die Seelen wohl eingingen, die hier ihren Lauf noch nicht vollendet? Von der Liebe, die wie das Licht wäre, nie stürbe, nur erlöschte, daß es wer weiß welche heimliche Macht immer neu erwecken könnte. Verena schien in solchen Meditationen über sich und die Welt zu leben. [...]
Verena war dann lange brennend solchen Rätselbetrachtungen hingegeben. Es ließ sie nicht los. Sie beherrschte sanftredend oder auch eine Weile [184] tiefstumm den ganzen Kreis. Sie sah in jedes der Gesichter um sie manchmal fragend und grabend hinein, auch wohl unversehens mit einer unsäglich jungen Zärtlichkeit, die wie warme Sonne aufleuchtete.
Keiner der Anwesenden hätte sich auch nur eine Weile von dem Spiel ihrer stillen Mienen weggewendet. Jeder, auch die jungen Komtessen und die alte Exzellenz, blickten liebend auf den feinen, roten Mund und in das blaßsommersprossige, schmale Frauengesicht. Und alle erstaunten heimlich über die Kraft und den Frieden, womit die graudunklen Augen Verenas Harm aussäen konnten und ein hoffnungsloses Ergraben. [...]
Aber Einhart kam ganz achtlos.. Er hatte den Sommerhut in der Rechten und brachte eine lose Freude in seinen lächelnden, graugelben Zügen. Er grüßte schon von ferne heiter und verbindlich. Er hatte zum ersten Male über die weiten Ebenen hinausgestaunt, die sich dicht hinter den Gutsgebäuden und dem Parke dehnten. Er hatte in diesem Augenblicke etwas an sich wie von einem fremdartigen Wanderleben.
Als ihn die alte Schloßherrin vorstellte, sah er mit Funkelglanz seiner Augen in jedes Auge hinein. Ohne doch zu sehen. So war er erfüllt.
Er begann die Landschaft fröhlich zu rühmen und rühmte das seltene Glück solchen Aufenthaltes. Nicht mit lauten Worten. Mit einer Art, die sich launig und leise nur hinausgab, vorsichtig die Eindrücke ertastend, aber mit einem Gefühl der sicheren Frische jetzt aus einer Welt, die ihm deutlich im Auge stand.
Erst lange nach seinen Worten hatte er die junge[186] Frau in dunklen Flören neu angesehen. Da erst begann er zu merken, daß er in eine weihevolle Ruhe mit seiner Freude hineingesprochen.[...] Und Einhart vergaß sich dabei ganz in dem Anblick Verenas. [...]
Etwas war jetzt in ihm nur brennende Sehnsucht.
Er dachte zurück an Johanna. Etwas war damals Erfüllung gewesen, redete es in ihm, und war doch nicht erlöst worden.
Johannas Wesen wehte wie eine treibende Minne mit langen Flören um ihn. Wie ein dunkler, unheimlicher Nachtvogel, wie eine grenzenlose Schwermut. Daß Einharts Herz sich wie im Krampfe zerpreßte, und er unversehens wie gescheucht vom Fenster zurücksprang, von dem schwarzen Flügelaste der Weymutskiefer angerührt, der zufällig gegen das Fenster griff.
Oh! Daß er jetzt wußte, warum sich seine Seele in der dunklen Nacht ganz vereinsamt und tief versunken zu härmen begonnen.
Jene Frau in Flören war nicht Johanna. Johanna war eine Sanfte, eine zärtliche Blüte, eine Ahnungslose, eine kleine, liebende Seele, eine, in der im Wunder des eigenen Daseins die Goldsäume der Liebe flüchtig um die Dinge gegangen. Die nichts gewollt, als eine andere Seele suchen [192] und finden, und nichts begehrte aus ihrer eigenen Brunnentiefe. Johanna war wie ein kleiner Lerchenvogel ins Blaue emporgeschnellt, hatte beglückt auf einem Himmelsflecke stillgestanden, in jedem Morgen neu die Welt lieblich besingend. Und doch auch mit der heimlichen Wunde, die wer weiß welche Sehnsucht der Seele eingebrannt.
Aber das Bild Johannas stand gar nicht vor Einharts Augen. Verena hieß die Frau in schwarzen Flören. Verena zog in der Nacht über die Baumhäupter. Zog in der Reifkälte wie eine dunkle Trauer hin. Zog jetzt in tiefer Stummheit in ihren weiten Mantel gehüllt. Trug eine Seele hin. Trug und herzte sie, wie eine Mutter ein Kindlein herzt. Trug eines Mannes enttäuschte Seele klagend empor an ihrer Brust.
Einhart war von der Vision völlig erregt und erschüttert.
Jetzt begann er zu fühlen, daß sein Herz eines weichen Mantels bedurfte, darein man es hülle, damit es noch einmal rätselgebunden und selig gleichermaßen emporschwebe. Damit es noch einmal ganz aus der Tiefe neu zu leben beginne.
Einhart war so hingenommen von dem aufquellenden [193] Verlangen nach dieser Vision, daß er die Augen wie im Fieber weit aufgerissen, daß er wie im Traumschrecken beinahe laut gerufen hätte, daß er sich sehnte, wie ein Wahnwitziger, wie ein Hungernder, und in einem wahren Herztumulte dastand. [...]
Nie hatte er gewußt, daß es im Blute einen [198] Laut gibt, so unaufhaltsam, so unstillbar tief, so ewig alle Stimmen der Zeit und der Welt überrufend, daß nichts bleibt als diese eine Stimme. Unter den Tieren wanderte er manchmal weit hinaus, ohne Hut, ohne Stab, ganz nur er, einsam und achtlos, daß man ihn schließlich ängstlich ein paarmal suchen kam und ihn an die Ordnung im Schlosse gütig zu mahnen.
Er konnte hier alles vergessen. Er starrte einem Blatte nach, das frei im Winde lebte. Und einem Füllen, das nach seiner Mutter Laut die Ohren neckisch vorwarf.
Er sah auch immer darin eine Weibesgestalt bewegungslos stehen, streng in sich selber und von zärtlicher Güte, wie nur die Schönsten sie haben. Mit der Süße der Züge einer Geliebten und auch eines ein wenig ängstlichen, lieblichen Kindes.
Fern kam es. Fern ging es. Diese Bilder von Verena tauchten von ferne in die Fülle Gefühl, die ihn in der Steppe zum Leben aufrief. [...]
Einhart stand lange so stumm. Etwas in seinem Blute begann sich zu regen, daß er tiefer atmen mußte, um sich dagegen zu betören.
Er fühlte jetzt Verena neben sich schreiten und[207] neben sich ragen in der Freiheit. Es war jetzt wie eine jähe Gewalt aufgekommen. Er begann Seltsamkeiten zu reden mit einem zitternden Tone, als wenn er sänge. Er sprach von den weiten Toren, die hier hinausführten aus aller Trauer und allem Herkommen. Von den kleinlichen, engen Bestimmungen und Zwecken, die die Menschenseele ewig verkümmerten. Er pries ein Leben ohne Ziel, wie jene losen Lüfte es lebten, die mit goldenen Halmen vor ihnen hintändelten. Er sah dem reitenden Hirten nach und der scheuen, sonnengebräunten Hirtin, die ferne hinschritt. Er pries ein Leben ohne Namen und ohne Grenzen, so auf Pferdes Rücken hin, frei und im Gefühle der Kraft, stolz das Weib seiner Liebe zu behüten und am Herzen des Weibes im Zelte auszuruhen.
Seine Worte klangen wie helle Rufe, und als wenn er am liebsten sich hingeworfen, den Boden der Steppe mit der Stirn zu berühren in Inbrunst.
Verena stand neben Einhart. Sie war kindlich erstaunt in ihrer scheuen Fröhlichkeit. Weil sie die Glut in Einhart lohen sah. Die verzückten Worte seiner Rede hatten sie noch mehr aufgeweckt.
[208] Als sie dann beide wieder unter die übrige Gesellschaft traten, und man dem Schlosse langsam zuwandelte, war Einhart ganz für sich neben ihr. [...]
An diesem Abend war man in den Musiksaal des Schlosses gegangen, weil einige der jungen Mädchen gewünscht hatten, Musik zu hören. Ein weiter Raum mit freier Wölbung, also daß die Töne des Klaviers darin voll Wohlklang sangen und wie aus einer tiefen Seele kamen.
Alle hatten sich gleich an die Wände verteilt und saßen in Ecken und Winkel gelehnt und versunken. Weil Verena sich unerwartet ans Klavier gesetzt hatte, wo ihre mattgraue Robe allein noch rieselte.
[214] Sie begann einige Baßtöne anzuschlagen, die im Raume tief surrten. Alle horchten wie erstaunt und beglückt.
Aber sie war unentschlossen. Dann begann sie ein Kinderlied.
Einhart horchte. Der Klang der Stimme allein sang ihm schon ein Schicksal vor. Es klang nicht zerbrochen. Es hallte wie eine Überwindung. Der Ton war anfangs ängstlich und zögernd im Vorwärtsgange. Aber Verena sang durch die leisen Kümmernisse, die sie zurückhalten wollten, sich ganz und gar zu einer freien Feier.
Einhart saß gleich und zerriß sich den Sinn nach diesem Klange, der ihn umspann, wie aus Harfenlauten und Vogelstimmen gemischt. Ein jeder Hall beladen mit einem frommen Geheimnis, das leise hinschwebt. Ein jeder auch ein Zauberstab, dem Auge Gärten voll Blumen zu wecken und seiner tiefsten Begehrung letztes Gefühl. Es däuchte auch Einhart, als kämen die Töne wie Friedenstauben, hinausgeflogen, zu suchen, wo sie in den weiten Wassern eine Stätte fänden.
Wer Einhart kannte, mußte wissen, daß er allmählich dasaß, als wenn es seine Seele selber wäre, [215] die den Raum mit tausend dunklen und hellen Gewalten ausfüllte. Manchmal schienen die Töne, wie wenn Sturmvögel ihr Lied schrieen im Gewitter. [...]
Einhart war derart untätig und verträumt, daß er wie der Hirte draußen stundenlang auf der Viehtränkrinne hocken und mit einem Grashalme spielen konnte von Mittag bis Abend. Er hatte dann auch wirklich gar nichts gedacht. Oder alles war nur flüchtig hingegangen vor seinen Augen. Manchmal auch ein Hohnlachen über sich selber, wenn er an Verenas fromme, blonde Jugend dachte und nicht wußte, ob sie ihn je mit ihren klaren, grauen Augen angesehen. Er träumte wahrhaftig jetzt nicht, wie der Künstler träumte, schnell nur hin zu laufen und die Träume in Farben einzufangen. Er träumte fortwährend die einzige, wirkliche Welt der Einsamkeit [221] vor sich, die Ruhe darin in der Weite der Grasflur, die eine lautlose Welt, und sein Leben darin mit Verena.
Denn Einhart sah Verena Tag und Nacht. Er sah sie fortwährend mit Augen vor sich. Er sah sie in lichter, fließender Schlankheit mit der verspäteten Blume in Händen. Wie eine Liebende sah er sie. Wie eine Tätige sah er sie. Und seine Augen und Sinne schufen sich ewig eine lange Geschichte Lebens und Wanderns mit ihr. Dann lachten seine Augen und sein Mund hell in die Lüfte, ehe sie zu sich kamen, wenn er Verena gegen die tiefen, reinen Lufträume der Steppe mit einem Kinde im Arm hatte aufragen sehen.
Unbegreifliche, jähe Kraft der Einbildung, die Einhart im Leben immer geübt. Jetzt kam diese Kraft zum ersten Male mit eisernem Zwange und wollte das eigene Leben aus sich erfüllen und bemeistern. [...]
Aber wie es bei Einhart manchmal geschah: Im Wagen, in der inbrünstigen Bewegung seiner Ideen, hatte er alle Rücksicht auf Besuch und Abschied bald hinter sich gelassen. Es war in ihm nur der eine Gedanke noch herrschend geblieben, wie er die zarte, junge Verena sehen würde. Die Neugierde seines Herzens und seiner Augen war so hitzig und erregt geworden, daß er nur noch wünschte, so schnell wie möglich in die graudunklen Augen zu sehen, in den Grund dieser Augen, in Verenas Seele, und aus der leisen Stimme eine Entscheidung über sein Leben einzusaugen. [...]
Aber Verena lächelte kindlich zärtlich.
»Sie nennen mich mit dem Vornamen,« sagte sie ganz fröhlich. »Oh Meister Einhart,« sagte sie. »Sie haben mir viel Gutes getan. Wissen Sie das?«
[230] Einhart staunte Verena mit großen, funklen Blicken an und erwartete jetzt jedes ihrer Worte.
»Ich will es Ihnen nur offen sagen, daß Sie mir lieb geworden sind, wie ein Vater,« sagte sie. »Sie haben mich herausgelockt. Ihre Worte klangen mir wie ein Sturmwind, der mir in die Seele fuhr, und allerhand welkes Laub verjagte. Nun lebe ich wieder neu. Nun lebe ich wieder und singe ich wieder. Und beginne mich einzufinden in diese Welt.«
Einhart hörte die Stimme und sah diese ahnungslose Zärtlichkeit ihm zugewandt, sah die fromme, jungfräuliche Jugend plaudern wie ein Kind voll Zutrauen zu ihm, wie zu einem sicheren Hüter über den Tälern. [...]
So war Einhart. Die Kraft seiner Gesichte hatte ihn im Leben noch immer bewältigt. Ihn ganz [233] ausgefüllt und ihm die Besinnung genommen. Und eine höhere Besinnung ins Blut einverleibt als innerstes Ereignis.
So hatte er von dem Traum Verena Abschied genommen. [...]
Einhart war selten mit Menschen zusammen.
Außer mit Poncet.
Viele waren auch gestorben. [...]
Einmal sagte er:
»Zwanzig Jahre und mehr hatte ich als Künstler gelebt und nicht begriffen, daß unser tiefstes Leben nur leben will ohne Rest und ohne Spiegel.
[245] Johanna starb und hinterließ mir diese Wahrheit.
Aber ich begriff sie noch lange nicht.
Das Leben will nicht Belehrung sein, nicht Zwecke haben, nicht Gabe werden, nicht bestimmt sein von tausend Blicken hier hin und dort hin. Adam und Eva noch immer in der weiten, einsamen Steppe, hungrig nacheinander, sehnsüchtig nach Mitfreude, sehnsüchtig nach MitLeiden, hungrig nach Hoffnung, hungrig nach Zukunft. Weil über alle Dränge der Seele auf Erden der Tod sein Zeichen schrieb. Das ist es.«
Und er sagte dann auch: »Verena heißt diese Weisheit. Verena, die vor mir vorüberging ohne Acht, daß sie mir für immer die alte Ursehnsucht zurückließ.«"
Carl Hauptmann: Einhart, der Lächler, Fünftes Buch, 6-14 und Ausklang, S.181-245

Dieser letzte Abschnitt des Romans atmet ganz den Geist der Neuromantik, geheimnisvoll-prunkend und mythisch.


Zum Einführungsartikel in "Einhart, der Lächler"

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