24 Februar 2013

Blick voraus nach 2070


"Ja, wer Prophet wäre, wer erschauen könnte, ob nach hundert Jahren [...] sich ein Leben gebildet hat im Sinn der neuen Gesellschaftslehre?
Aber auch ohne Prophet zu sein, kann man wahrsagen, daß, wenn man 2070 schreiben wird, in Europa und Amerika wenigstens stehende Heere nicht mehr zu finden sein werden, ebenso wenig bureaukratische Polizeistaaten und unduldsame Priestergewalt. Ob der ewige Friede dann gekommen sein wird? Ob die Völker sich wie Brüder die Hand reichen werden? Ob Europa und Amerika dann, gleich Aerzten des Menschengeschlechts, die erstarrten asiatischen und die unmündigen und verwahrlosten afrikanischen Völker unter eine aufrichtige civilisatorische Vormundschaft und Erziehung genommen haben?

Ob das Völkerrecht allgemein geworden und das Menschheitsrecht anerkannt sein wird?
Hoffen wir mit Maß, aber mit Zuversicht!

Die Völker werden begreifen, daß sie alle gewinnen an Macht und Wohlfahrt, wenn sie sich als Freunde ansehen. Leise, aber mit fester Hand, wird der allwaltende Genius der Menschheit sein Band der Versöhnung, des Friedens, der Liebe und Gerechtigkeit um alle Völker und Rassen schlingen, und jene erhabene Idee des Menschheitsbundes, d. i. eines das ganze Menschengeschlecht dieses Planeten umspannenden wohlgegliederten Gemeinwesens, wie es zuerst in der Loge zu den drei Schwertern unsern Freunden vorgestellt wurde, wird eine lebendige Wahrheit werden, das Licht dieser Wahrheit, welches jetzt nur wie aus der Ferne winkende Sterne im Geiste einzelner Denker und Menschenfreunde leuchtet, wird mit Tageshelle das schöne Rund der Erde umstrahlen.

Dir aber, mein deutsches Vatervolk, ist die größte und schönste Aufgabe gestellt für die Herbeischaffung besserer Zeiten! Gedenke deiner Pflicht, der Wahrheit und dem Rechte, der reinen Menschenbildung Bahn zu brechen! An deiner Freiheit und Erstarkung, an deiner thatkräftigen Ermannung hängt das Schicksal unsers Erdtheils. Und sollte ein feindseliger Dämon der Gewaltherrschaft, der Knechtung der Geister, der Lähmung der Arbeit, der Zwietracht und Lüge dein altes Haus in Europa zerstören, so wird der bessere Geist und das echte Leben in dir sich hinüberretten zu den verwandten Brüdern jenseit des Weltmeeres, um mit frischer Kraft von dort aus das europäische Erbland neu zu beleben."
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 9. Buch, 12. Kapitel

Man kann beklagen, wie Oppermann aus der Sicht von 1870 die kommende Periode des Imperialismus ideologisch rechtfertigt, darauf hinweisen, wie genau sein Bild von Asien und Afrika die Entwicklungshilfekonzeptionen der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts trifft, staunen, wie schön sein Bild zum Völkerbund, der europäischen Einigung und dem Eingreifen der USA in den Kampf gegen das nationalsozialstische Deutschland und Reeducation und Marshallplan passt. 

Leider ist uns sein Optimismus für das Jahr 2070 versagt. Das liegt allein nicht daran, dass das, was für ihn entfernte Zukunft in 200 Jahren war, für die sich rosige Zukunftsträume träumen ließen (so manches hat sich ja erfüllt), sondern vor allem daran, dass uns im Laufe des 20. Jahrhunderts die ökologische Unwissenheit und damit Unschuld abhanden gekommen ist. 
Der neueste Bericht an den Club of Rome sagt bis 2050 noch ein ähnliches Wohlstandsniveau voraus wie heute (teils wachsend, teils stagnierend, teils fallend), aber für die Zeit danach eine unaufhaltsam sich selbst verstärkende Erderwärmung mit katastrophalen Folgen, wenn wir nicht weit energischer als in den letzten 40 Jahren auf nachhaltiges Wirtschaften und das heißt unter anderem auch auf Wachstumsbeschränkung hin umsteuern.

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