14 Juni 2018

J. D. Vance: Hillbilly Elegie: Die Geschichte einer Familie und einer Gesellschaft in der Krise

Es ist eins der Bücher, die nicht nur gut geschrieben sind und von einem wichtigen Thema handeln, sondern das mich auch emotional stark berührt hat. Es macht deutlich, wie wichtig es ist. dass eine Gesellschaft nicht nur so sozial gerecht wie möglich sein sollte, sondern dass es immer wieder darauf ankommt, dass Menschen in Schwierigkeiten Vorbilder finden und persönliche Hilfen erhalten.
Resilienz ist eben nicht einfach angeboren, sondern auch eine Folge von persönlichen Angeboten im sozialen Umfeld.

J. D. Vance: Hillbilly Elegie (engl. Wikipedia)

[...] he recounts stories intended to showcase a lack of work ethic including, the story of a man who quit after expressing dislike over his job’s hours and posted to social media about the "Obama economy", as well as a co-worker, with a pregnant girlfriend, who would skip work.[1]


J. D. Vance: Hillbilly Elegie, ZEIT 1.6.2017 Von Lenz Jacobsen

"Die "Hillbilly Elegie" von J. D. Vance gilt als Trump-Erklärbuch. Aber sie ist etwas viel Besseres: eine schön pathetische Sozialreportage, die niemanden entmündigt.

"[...] "Die Menschen, die dieses Gericht betrieben, waren anders als wir. Die Menschen, die vor diesem Gericht erscheinen mussten, waren es nicht." 
 So wie in diesem Gerichtssaal ist auch die amerikanische Gesellschaft gespalten, und J. D. Vance ist einer der wenigen, der auf beiden Seiten gelebt hat. Vance ist als Hillbilly aufgewachsen, mit einer medikamentenabhängigen Mutter und in Verhältnissen, die mit "zerrüttet" noch verharmlosend beschrieben sind. Heute ist er Anwalt und Absolvent der Elite-Universität Yale. Er ist einer der Anzugträger aus dem Fernsehen geworden. 
Sein Buch Hillbilly Elegie, das Vance über sein Leben geschrieben hat und das nun auch auf Deutsch erscheint, könnte alles mögliche sein: eine Aktualisierung des amerikanischen Aufstiegstraums für die postindustrielle Gegenwart im Rust-Belt – das wäre die strahlend optimistische Variante. Oder ein Wutanfall auf jenen liberal-elitären Komplex, der mittlerweile immer schuld soll, wenn irgendwo ein Amerikaner an der Gegenwart leidet. Das wäre die pessimistische Variante. [...]


"Wenn ich gefragt werde, was ich an der weißen Arbeiterschicht am liebsten ändern würde, sage ich deshalb immer: das Gefühl, dass unsere Entscheidungen keine Folgen haben." Weil Vance einer von ihnen ist, kann er ihnen zurufen: Ihr müsst das schon selbst schaffen! Das ist auch fast der einzige und lauteste Vorwurf, den Vance der Politik macht: "Statt ihnen Mut zu machen, schüren Konservative immer weiter die Art von Unmündigkeit, die den Ehrgeiz so vieler meiner Zeitgenossen untergraben hat."
Seine konkreten politischen Empfehlungen fallen dann zurückhaltend, fast profan aus: Zuhören, früher Geld in Bildung und Sozialarbeit stecken und nicht erst in die Unis, Familien stärken, statt ihnen die Kinder wegzunehmen. Arme Kinder und Mittelschichtskinder in den Schulen mischen. Vorbilder braucht es und kollektive Erfolge. Vielleicht kann ja irgendwas davon ein paar Menschen einen "Schubs" auf die andere Seite geben, wie Vance das nennt. Bei ihm war es die fürsorgliche Oma, die Zeit bei den Marines und ein paar glückliche Begegnungen. Aber sicher werden auch weiterhin viele Hillbillys in den Abgrund stürzen, in dem auch Vances Mutter gelandet ist. Vance hat sein Buch schließlich nicht ohne Grund Elegie genannt, Klagelied.  Aber er macht daraus fast nie eine Anklage. Fast zum Schluss zitiert er zustimmend einen ernüchterten Freund, der vom Weißen Haus aus versucht hat, der weißen Arbeiterklasse zu helfen: "Am besten betrachten wir das Problem wohl, indem wir erkennen, dass wir es nicht beheben können." 
Zitate:
Auf Drängen seiner Großmutter sitzt D. J. neben der Schule an der Registrierkasse eines Supermarkts. Alle zwei Wochen erhält der seinen Gehaltsscheck und sieht darauf seinen Steuerabzug: "Und mindestens ebenso oft kam unser drogenabhängiger Nachbar vorbei, um T-Bone-Steaks zu kaufen, die ich mir selber nicht leisten konnte, die für jemand anderen zu kaufen ich aber von Uncle Sam [vom Staat] gezwungen wurde. So dachte ich mit 17, und auch wenn ich heute längst nicht mehr so wütend bin wie damals, sehe ich diese Erfahrungen als ersten Hinweis darauf, dass die Konzepte von Mamaws [D.J.s Großmutter] "Partei der Arbeiter" - der Demokraten - längst nicht so großartig sind, wie immer behauptet wird." (S. 161)
Politikwissenschaftler haben nach den Gründen gesucht, weshalb so viele weiße Arbeiter von den Demokraten zu den Republikanern übergegangen sind.
"Doch ein großer Teil der Erklärung besteht darin, dass viele in der weißen Arbeiterschicht genau das gesehen haben, was ich damals sah, als ich bei Dillman's arbeitete. Schon in den siebziger Jahren begannen weiße Arbeiter, sich Richard Nixon zuzuwenden, weil sie den Eindruck hatten, dass "wir Sozialhilfeempfänger fürs Nichtstun bezahlen! Die lachen doch über unsere Gesellschaft! Und wir sind fleißige Leute, wir werden dafür ausgelacht, dass wir jeden Tag zur Arbeit gehen!" " (S. 162)

"Sie ist 'ne faule Schlampe, aber nur, weil sie niemand zwingt zu arbeiten." "Ich hasse diese Schweine, die den Leuten das Geld geben, damit sie in unser Viertel ziehen können." Und sie schimpfte auf die Menschen, denen wir im Supermarkt begegneten: "Ich kapier nicht, warum die Leute, die ihr Leben lang gearbeitet haben, gerade mal so über die Runden kommen, wären diese Versager hier mit deinen Steuergeldern Schnaps und Handykarten kaufen." (S.163)
"Mamaw hatte geglaubt, sie sei der Armut der Appalachen entkommen, aber die Armut – die emotionale, nicht die finanzielle – war ihr gefolgt. Irgendetwas hatte dazu geführt, dass ihre späten Jahre ihrer Jugend auf unheimliche Weise ähnelten. Was ging da vor sich? Welche Aussichten hatte ein Teenager wie unsere Nachbarstochter? Bei einem Leben wie diesem standen ihre Chancen schlecht, so viel war klar. Und das warf die Frage auf: Was sollte aus mir werden?
Ich konnte keine Antwort auf diese Frage finden, die den Kern dessen, was ich als meine Heimat bezeichnete, unberührt ließ. Was ich mit Sicherheit wusste, war, dass andere Leute nicht so lebten wie wir. Wenn ich bei Onkel Jimmy zu Besuch war, wurde ich nicht vom Gezeter der Nachbarn geweckt. Die Häuser in dem Viertel, wo Tante Wee und Dad wohnten, waren wunderschön, die Gärten waren gepflegt, und die Polizisten kamen vorbei um mit einem Lächeln zu grüßen, nicht, um irgendwelche Eltern auf die Rücksitze ihrer Streifenwagen zu drücken." (S.165)


"Ganze Bücher beschäftigen sich mit dem Phänomen der "resilienten Kinder", die trotz eines instabilen Zuhauses gedeihen, weil sie die Unterstützung eines einzigen liebevollen Erwachsenen haben. 
Ich weiß, dass Mamaw gut für mich war, nicht weil irgend ein Psychologe aus Harvard es behauptet, sondern weil ich es gespürt habe." (S. 173)

J.D. geht auf den Rat seiner ältesten Kusine zu den Marines, um sein Leben in den Griff zu bekommen. "[...] ich sagte mir, dass ich es immer bereuen würde wenn ich an Amerikas neuestem Krieg nicht teilnahm." (S.180) 
"Während ich mit brüllenden Ausbildern konfrontiert war und Fitness-Programme absolvierte, die meinen Körper, der nicht in Form war, an seine Grenzen führten, las ich täglich, dass Mamaw stolz auf mich war, dass sie mich liebte, dass sie wusste, ich würde nicht aufgeben. Ich weiß nicht, ob es Lebensklugheit war oder nur geerbte Sammelwut: Ich habe beinahe jeden Brief, den ich damals von meiner Familie bekam, aufgehoben." (S.183)

D.J.s Erfahrungen im Irakkrieg:
"Wir spielten Fußball und verschenkten Süßigkeiten und Schulsachen. Ein sehr schüchterner Junge kam auf mich zu und streckte mir die offene Hand entgegen. Als ich ihm einen Radiergummi gab, strahlte er vor Freude und lief schnell wieder zu seiner Familie, wobei er seine Zwei-Cent-Beute triumphierend über dem Kopf schwenkte. Ich habe noch nie eine solche Begeisterung im Gesicht eines Kindes gesehen.
[...] Ich glaube nicht an transformative Momente, denn ein Moment genügt nicht, um etwas grundlegend zu verändern. [...] Aber dieser Moment, mit diesem Jungen kam einem transformativen Moment doch sehr nahe. Mein ganzes Leben hatte ich die Welt mit einer gewissen Verbitterung betrachtet. [...]" (S.199)
"In diesem Augenblick beschloss ich ein Mann zu sein, der dankbar lächelt, wenn man ihm einen Radiergummi schenkt. Ganz habe ich das noch nicht geschafft, aber ohne diesen einen Moment würde ich es jetzt nicht versuchen.
Das andere, was in meiner Zeit als Soldat mein Leben nachhaltig veränderte, war nicht auf einen Augenblick begrenzt. Vom ersten Tag an, als mir der furchteinflößende Ausbilder den Kuchen aus der Hand schlug, bis zu meinem letzten Tag, als ich meine Entlassungspapiere schnappte und nach Hause raste, lernte ich als erwachsener Mensch zu leben. Das Marine Corps unterstellt seinen Rekruten maximale Unwissenheit. Sie gehen davon aus, dass man nichts über körperliche Fitness gelernt hat, über persönliche Hygiene oder persönliche Finanzen. Ich absolvierte Pflichtkurse [...]" (S.200)  Seine Gesundheit wurde kontrolliert, er wurde zum Arzt geschickt, man schickte ihn zur günstigsten Bank, beriet ihm beim Autokauf und Krediten. "Das Marine Corps verlangte, dass ich bei diesen Entscheidungen strategisch dachre, und zeigte mir, wie man das machte." (S.201)


"Wenn ich gefragt werde, was ich an der weißen Arbeiterschicht am liebsten ändern würde, sage ich immer: "Das Gefühl, dass unsere Entscheidungen keine Folgen haben." Das Marine Corps war der Chirurg, der dieses Gefühl aus mir herausschnitt wie einen Tumor."(S. 204) 

Nach dem Militärdienst ging J.D. zum Studium nach Columbus.
"Meine engsten Freunde aus Middletown waren alle schon fertig und schlossen ihr Studium gerade ab, aber viele von ihnen blieben auch nachher in der Stadt. Auch wenn ich es damals nicht wusste, erlebte ich ein Phänomen, dass Sozialwissenschaftler als "Brain-Drain" bezeichnen – Menschen, die die Möglichkeit haben, eine wirtschaftlich schwache Stadt zu verlassen, tun dies auch, und wenn sie in ihrer neuen Heimat Bildungs- und Karrieremöglichkeiten vorfinden, dann bleiben sie dort. Als ich mir Jahre später meine sechs Trauzeugen ansah, fiel mir auf, dass jeder einzelne von ihnen wie ich in einer Kleinstadt in Ohio aufgewachsen und dann zum Studium nach Columbus gegangen war. Jeder hatte seine berufliche Laufbahn anderswo begonnen, und nicht einer hatte Interesse daran,in  die Heimatstadt zurückzukehren." (S.207)

Über das Jahr 2008:
"Nichts hielt die amerikanische Gesellschaft im Kern zusammen. Wir hatten das Gefühl, in zwei Kriege verstrickt zu sein, die wir nicht gewinnen konnten und die zu einem überproportional großen Teil von Soldaten bestritten worden, die unsere Nachbarn und Freunde waren. Unsere Wirtschaft erfüllte nicht einmal das elementarste Versprechen des amerikanischen Traums: einen festen Lohn.
Um die Bedeutung dieser kulturellen Ablösung begreifen zu können, muss man wissen, dass meine Verwandten, meine Nachbarn, meine Gesellschaftsschicht ihre Identität zum großen Teil aus der Liebe zur Nation beziehen." (S.218)


"Präsident Obama trat zu exakt dem Zeitpunkt auf die Bühne, als sehr vielen Menschen in meiner Welt aufging, dass die amerikanische Meritokratie für sie nicht wie geschaffen ist. Wir wissen, dass es uns nicht gut geht, wir sehen es jeden Tag bei Nachrufen auf Teenager, in denen die Todesursache auffällig fehlt (zwischen den Zeilen steht: Überdosis), bei den Versagertypen, mit denen unsere Töchter ihre Zeit verschwenden. Barack Obama trifft uns genau an der Stelle unserer tiefsten Verunsicherung. Im Gegensatz zu vielen von uns ist er ein guter Vater. Er geht im Anzug zur Arbeit, wir tragen Overalls, wenn wir überhaupt so glücklich sind, eine Stelle zu haben. Seine Frau erklärt uns, dass wir unseren Kindern bestimmte Lebensmittel nicht geben sollten, und wir hassen sie dafür – nicht weil wir glauben, dass sie unrecht hat, sondern weil wir wissen, dass sie recht hat. (S.220/21)

Im Internet existieren viele Verschwörungstheorien.
"Niemand weiß, wie viele Menschen eins oder mehrere dieser Gerüchte glauben. Aber wenn – trotz der zahlreichen Beweise des Gegenteils – ein Drittel unserer Bevölkerung meint, dass der Präsident nicht in den USA geboren wurde, kann man davon ausgehen, dass die anderen Verschwörungstheorien viel weiter verbreitet sind, als uns lieb ist. Dies ist nicht einfach nur das gesunde, jeder Demokratie inhärente Misstrauen einiger Libertärer gegenüber der Regierung. Dies ist eine tiefe Skepsis gegenüber den Institutionen, die unsere Gesellschaft ausmachen. Und es sind Ansichten, die immer weiter in den Mainstream vordringen." (S.222/23)

"Wenn diese Leute scheitern, erlaubt es ihnen ihre Einstellung, die Erklärung anderswo zu suchen." (S.223)

"In der weißen Arbeiterschicht ist eine Bewegung entstanden, die die Gesellschaft und die Regierung für alle Probleme verantwortlich macht, und diese Bewegung gewinnt mit jeden Tag neue Anhänger. [...]
Was die Erfolgreichen von den Gescheiterten unterscheidet, sind die Erwartungen, die sie an ihr eigenes Leben gestellt haben. Aber was sie immer öfter von der politischen Rechten zu hören bekommen, ist: es ist nicht deine Schuld dass du ein Versager bist. Es ist die Schuld der Regierung." (S.224)


"Die New York Times hat kürzlich gezeigt, dass für Studenten aus ärmeren Verhältnissen die teuersten Universitäten paradoxerweise gerade die günstigsten sind. [...]
Aber junge Leute wie ich wissen das nicht. Mein enger Freund Nate, einer der klügsten Menschen, die ich kenne, wäre zum Bachelor-Studium am liebsten an die Universität in Chicago gegangen, aber er bewarb sich nicht, weil er meinte, es sich nicht leisten zu können. Wahrscheinlich wäre es viel billiger für ihn gewesen als Ohio State, genauso wie Yale für mich wesentlich günstiger war als jede andere Universität." (S.228/29)


J.D. begann sein Jurastudium in Yale:
"Gleich zu Anfang meines ersten Jahres ging ich mit einigen Mitstudenten etwas trinken, und spät in der Nacht beschlossen wir, in einem Hähnchen-Schnellrestaurant in New Haven zu essen. Wir waren ziemlich viele und hinterließen ein Schlachtfeld: schmutzige Teller, Hähnchenknochen Sahnedressing und Colapfützen auf den Tischen und so weiter. Ich konnte mir nicht vorstellen, das alles zurückzulassen, damit es irgend ein armer Kerl aufräumte, also blieb ich da. Von den etwa zwölf Kommilitonen half mir nur einer: mein Freund Jamil, der ebenfalls aus ärmeren Verhältnissen stammte. Nachher sagte ich zu Jamil, dass wir an der ganzen Uni wahrscheinlich die Einzigen seien, die je den Dreck von anderen Leuten aufräumen mussten. Er nickte bloß in stillem Einverständnis." (S.233)

"Manchmal ist es wichtiger, Glück zu haben, als gut zu sein  [gute Leistungen zu erbringen] . Und die richtigen Beziehungen zu haben ist offenbar besser als beides zusammen." (S. 248)

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