16 Juni 2009

Obamas Hoffnungen

Obama schafft es, in seinem zweiten Buch (Audacity of Hope) den Eindruck zu vermitteln, er sei genauso ehrlich wie in seinem ersten; und das, obwohl in diesem Buch von der ersten bis zur letzten Seite klar ist, dass er als Politiker schreibt.
Über seinen Plan, US-Senator zu werden, schreibt er zunächst, was der Vorteil war, nicht gewählt zu werden:
Auch bewahrte ich mir meine Unabhängigkeit, meinen guten Namen und meine Ehe, drei Dinge, die statistisch gesehen gefährdet waren, sobald ich den Fuß in die Landeshauptstadt setzte.(S.11)

Bevor er berichtet, was alles einen US-Senator daran hindert, die Politik zu verfolgen, die er nach seiner Überzeugung vertreten will, beginnt er mit einem eigentümlichen Statement:
Ich verstehe Politik als eine Kontaktsportart, bei der man Ellenbogenstöße und auch mal einen unverhofften Schlag wegstecken muss.(S.29)

Und er fährt fort, dass er
in Springfield an der Idee festhielt, dass Politik anders sein kann und die Wähler sie anders wollen; dass sie die Tatsachenverdrehungen, die Beschimpfungen und die Patentlösungen für komplizierte Probleme satthatten; dass ihr intuitives Gefühl für Fairness und ihr gesunder Menschenverstand sich durchsetzen würden, wenn ich es nur schaffte, sie direkt anzusprechen, ihnen die Probleme zu erklären, wie ich sie sah, und ihnen die möglichen Alternativen ehrlich vor Augen zu führen. Wenn genug Politiker dieses Risiko eingehen würden, könnte sich meiner Ansicht nach nicht nur das politische Klima in den Vereinigten Staaten, sondern auch die Politik selbst verbessern.(S.29)

Seine Sicht als US-Senator ist eine ganz andere. Er zeigt diese Spitzenpolitiker nämlich als von einer ganz starken Emotion getrieben: der Angst, nicht wiedergewählt zu werden. Und er macht klar, dass er diese Angst auch kennt.

Als er dann dazu kommt, seinen großen Widersacher, den Zerstörer des demokratischen Systems in den USA zu schildern, charakterisiert er ihn als liebenswürdig, offen und schlau (S.65). Und das, nachdem all die Peinlichkeiten von Bushs Unfähigkeit, selbständig zu formulieren, seit Jahren wieder und wieder im Fernsehen vorgeführt worden sind und schon fünf Jahre lang ein Bush Dyslexikon auf dem Markt ist, das diese Unfähigkeit auf über 300 Seiten dokumentiert von Vertrauenswürdigkeit bedeutet, nicht das zu tun, was man vorher angekündigt hat über die Exekutive hat die Aufgabe das Gesetz auszulegen bis zu They misunderestimated me (Sie missunterschätzten mich). (S.17 und Titelseite)
Freilich macht er klar, dass er ein "beharrlicher und gelegentlich scharfer Kritiker der Regierung Bush" ist (S.68). Doch dann aber fährt er fort:
Angesichts meiner Haltung sind demokratische Zuhörer of überrascht, wenn ich sage, dass ich George Bush nicht für einen schlechten Menschen halte und annehme, dass er und seine Regierungsmannschaft tun, was ihrer Ansicht nach das Beste für das Land ist. [...] Gleichgültig, wie verbohrt mir ihre Politik auch vorkommen mag [...], halte ich es immer noch für möglich, die Motive dieser Männer und Frauen zu verstehen, wenn ich mit ihnen rede, und in ihren Motiven Werte zu erkennen, die wir teilen. (S.68/69)
Aus diesen Worten wird deutlich, dass er in einem Sinne weit stärker von Bush abweicht als die meisten anderen Kritiker Bushs; denn er zielt darauf ab, das Land wieder zu versöhnen, statt es wie Bush durch seinen rechthaberischen Kurs zu spalten. Deshalb betont er, dass er in Bushs "Motiven Werte erkenne, die wir teilen", und das ist auch der Grund, weshalb die deutsche Ausgabe dieses Buches den Untertitel "Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream" trägt.
Während Obama in Dreams from my Father (im deutschen Titel "Ein amerikanischer Traum" schon den American Dream aufnehmend) noch seinen persönlichen Lebensweg beschrieb, der ihm seine afrikanischen Wurzeln immer bewusster machte und der ihm den Einsatz für den Kampf um Chancengleichheit für die Schwarzen in Amerika nahelegte, wird in Audacity of Hope seine nationale Zielsetzung der Überwindung der Spaltungen durch Ethnien und parteipolitische Zuordnungen deutlich. Dabei knüpft er bewusst an die Werte der Gründungsväter an, freilich versucht er, nicht einen neuen Schmelztiegel zu schaffen, sondern vertritt die Möglichkeit der Integration aufgrund der gemeinsamen Werte und Interessen.
Den Titel seines Buches Audacity of Hope hat er aus seiner Parteitagsrede von 2004 (als er für John Kerry sprach) übernommen. Schon damals nahm er auch den American Dream auf, z.B. mit der Formulierung this country will reclaim its promise. 
(Und dies "promise" greift er auf im Titel seines Buchs über seine Präsidentschaft: "A Promised Land".)

03 Juni 2009

Jürgen Habermas

Als "unzweifelhaft der bedeutendste zeitgenössische deutsche Philosoph" bezeichnet ihn Michael Funken. Habermas selbst meint dazu: "Bekanntheit ist etwas anderes als Bedeutung. Und eine gewisse Selbstdistanz, um die ich mich unter den Augen einer kritischen Ehefrau wenigstens bemühen muss, ist nicht Bescheidenheit. Eitel sind wir alle." (S.189)
"Habermas adelt Themen" meint Funken und begründet es mit der Aussage "Ein Thema steigt in der öffentlichen Beachtung, sobald Habermas sich dazu geäußert hat." (S.8)
Wolfgang Thierse macht aufmerksam: "Habermas artikuliert eine ganz wichtige Wahrnehmung: dass auch politisch-moralisch-intellektuell die Fronten ganz andere geworden sind. [...] Menschenwürde und ihre Definition zu verteidigen [...], die sonst der Markt zunichte macht." (S.66) (Ich ergänze: und nicht, wie man es von 1945-1989 zu Recht sah: der totalitäre Staat.)
Diese Zitate aus Michael Funken (Hrsg.): Über Habermas. Gespräche mit Zeitgenossen, Darmstadt 2008 möchte ich zum Ausgangspunkt einiger eigener Beobachtungen machen.

Habermas mit seinem Strukturwandel der Öffentlichkeit war für mich zunächst der Gipfel der Unverständlichkeit. Da gefiel mir Enzensbergers Kritik der Bewusstseinsindustrie weit mehr.
Dann ärgerte ich mich, dass in der Studie Student und Politik, an der er mitgearbeitet hatte, eine Äußerung, die von mir hätte stammen können, als irrational von Politik distanziert eingeordnet wurde. Ich hielt sie nur für intellektuell redlich und hielt mich durchaus für politisch interessiert.
Habermas war schon sehr früh ein energischer Kritiker der Studentenbewegung und hat mit seinem Wort vom "linken Faschismus" vor dem Liebäugeln mit der Gewalt und von totalitären Tendenzen in Führungskadern gewarnt. Das habe ich ambivalent erlebt. Einerseits fühlte ich mich als Teil der Studentenbewegung und insofern falsch eingeordnet, andererseits widerstanden mir gefühlsmäßig sowohl die gepredigte Gewaltbereitschaft wie die völlige Unduldsamkeit gegenüber anderen Meinungen und sogenannten "Scheißliberalen" der maßgeblichen Vertreter der Bewegung, auch wenn ich der scheinbaren Rationalität mancher Argumentation intellektuell nicht gewachsen war und ihr daher oft hilflos gegenüber stand.

Andererseits hat Habermas schon kurz nach den gewalttätigen Osterunruhen von 1968 mit ihren Versuchen, die Auslieferung von Springerzeitungen zu verhindern, darauf hingewiesen, "dass die neuen Formen der Provokation ein sinnvolles, legitimes und sogar notwendiges Mittel sind, um Diskussionen dort, wo sie verweigert werden, zu erzwingen". (in einem Brief vom 13.5.68) Das hatte ich bei allem Unbehagen an den Formen des Protest vorher auch so gesehen, doch wandte ich mich wegen der Gewaltanwendung damals von der SDS-Position ab.
Überzeugt hat mich Habermas mit der Vorstellung, dass Wahrheit (für uns) sich nur aus einem herrschaftsfreien Diskurs entwickeln könne. Und in der Idee der Wikipedia - nicht in der Praxis im Einzelfall - finde ich dies Diskursprinzip erfreulich weit entwickelt.
Im Historikerstreit 1986/87 hat er kurz vor der Wende zu Nationalismus und Neoliberalismus, die mit dem Zusammenbruch des Ostblocks kam, in der Bundesrepublik die Rückkehr zu einem Nationalismus der Selbstrechtfertigung verbaut.
Leider hat niemand die katastrophale Selbstrechtfertigung der Umverteilung zugunsten der Reichen verhindert.
Die ZEIT titelt heute (10.6.09) "Weltmacht Habermas" und Th. Assheuer schreibt eine schöne Würdigung. Besonders gefällt mir, dass er herausstellt, Habermas' Gedanke, dass die Moderne (Kapitalismus, Technik und Wissenschaften) die Lebenswelt bedrohe, heiße auf heutige Verhältnisse übertragen: "Eine Form ökonomischer "Kolonialisierung" steckt in der Forderung, die Gesellschaft müsse von der Wiege bis zur Bahre als Profitcenter organisiert werden."
Noch mehr gefällt mir aber die Seite 50, wo Wissenschaftler aus aller Welt über die Bedeutung sprechen, die Habermas in ihrem Lande habe. Natürlich freue ich mich über die Wertschätzung in China und Japan und werde beschämt von dem Hinweis, an spanischen Gymnasien lerne im Pflichtfach Philosophie jeder den Namen Habermas. Denn ich habe zwar in der Oberstufe in letzter Zeit auf Habermas hingewiesen, aber nie den Eindruck gewonnen, echtes Interesse wecken zu können.
Warum freut mich die weltweite Anerkennung? Sein Versuch, Denkergebnisse unterschiedlicher Schulen einzubeziehen, imponiert mir. Und der Mensch Habermas mit seinem starken politischen Engagement und seinem gar nicht hoheitsvollen Auftreten ist mir einfach sympathisch.
Was ich nicht wusste, war, dass nicht Adorno, sondern Horkheimer seine Habilitation in Frankfurt hintertrieb und dass es Gadamer war, der ihm ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft besorgte. Geläufig war mir, dass Abendroth die Habilitation betreute.

02 Juni 2009

Maeve Binchy: Light a Penny Candle

Wie tüchtige Frauen das Leben meistern, obwohl es Männer gibt. Oder: eine Sicht, aus der Jane Austens Romane wie Kitsch erscheinen können.
Angesiedelt in einem Londoner Vorort der Nachkriegszeit und der irischen Provinz. Zwei Mädchen werden Frauen.
In der ersten Phase (1940 - 1945) ist Elizabeth White wegen der Bomben auf London von ihrer Mutter zu ihrer alten irischen Schulfreundin nach Irland aufs Land geschickt worden. Die Darstellung dieser Zeit wird beherrscht von der Supermutter Eileen, die die warme Familienatmosphäre schafft, in der Elizabeth mit der gleichaltrigen Aisling, Tochter von Eileen, eine Freundschaft fürs Leben schließen kann.
Diese Phase schließt mit der Todesnachricht, die Eileen über ihren 20-jährigen Sohn erhält, der für England kämpfend in Italien gefallen ist. Eileens Stärke beruht auf ihrer Glaubensgewissheit. Diese macht allerdings auch die Verständigung mit der moderner denkenden Tochter und ihrer Freundin Elizabeth schwerer. Doch werden die beiden Frauen der jüngeren Generation mit ihrer freieren Auffassung des Zusammenlebens der Geschlechter nicht glücklich.
Kurz nachdem Elizabeth White mit 15 Jahren nach Hause gekommen ist, trennt sich ihre Mutter von ihrem Mann. Das lässt Elizabeth vorzeitig erwachsen werden, ihr Vater wird es nie.
Die männlichen Figuren sind durchweg defizitär, aber ich kann alle Beschränkungen ihrer Weltsicht bei mir entdecken. Eine durchaus fesselnde Lektüre. Von mir erst entdeckt, als meine Tochter darüber hinaus gewachsen ist.
Hypothese: Der Durchschnittsmann ist nicht drei oder fünf, sondern dreißig Jahre hinter der Entwicklung einer Durchschnittsfrau zurück. Bei einem Ausnahmemann wie Klausner, waren es nach der Darstellung von Amos Oz eher 60 Jahre.
Bevor ich die aussortierten Binchy-Romane ins Antiquariat gebe, habe ich noch etwas zu lesen. [Maeve Binchy rechnete als junge Frau damit, ledig zu bleiben, bis sie den Kinderbuchautor Gordon Snell kennenlernte. Ihre Bücher verkauften sich bisher 40 Millionen Mal.]

Die Formel von tüchtige Frauen/defizitäre Männer stimmte bis Seite 200 so halbwegs. Dann gibt es auch deutlich weniger defizitäre Männer und recht defizitäre Frauen, sogar die Heldinnen machen nicht alles richtig, und bei den Männern kommen alles in allem so viele Defizite zusammen, dass ich besser nicht behaupte, alle in mir zu vereinen. Die Jungmädchengeschichte weitet sich zu Geburt und Tod, um dem Epischen Raum zu geben.

09 Mai 2009

Identität und Veränderung

"Manchmal, nach einer Unterredung mit japanischen Finanziers oder deutschen Börsianern, sah ich mein Spiegelbild in der Aufzugstür - Anzug und Krawatte, eine Aktenmappe unter dem Arm -, und für den Bruchteil einer Sekunde sah ich mich als Industrieboss, der Anweisungen erteilt und Verträge unterschreibt, bevor ich mir in Erinnerung rief, was mein Ziel war, und mir wegen meiner Willensschwäche Vorwürfe machte. (S.150) [...]
Manchmal wundere ich mich noch heute, wie sehr dieser erste Kontakt mit [...] mein Leben verändert hat." (S.151)

Heute ist der damals 22jährige Boss, "der Anweisungen erteilt und Verträge unterschreibt", und doch scheint es, dass er das nur werden konnte, weil er seinem Ziel treu blieb und weil sein Leben so verändert wurde.

13 April 2009

Peter Schneider zu 1968

Peter Schneider berichtet in Rebellion und Wahn. Mein '68 (Kapitel 31, S. 203ff) Interessantes zu Dutschkes Bombenattentatsversuch.
Dutschke flog mit Bahman Nirumand von Berlin nach Frankfurt. In einem Koffer führten sie eine Bombe mit sich, um einen Sendemast des AFN in Saarbrücken in die Luft zu sprengen. Im Franfurter Flughafen wurden sie von der Polizei vernommen, ihnen wurde jedoch gestattet, vorher den Koffer in die Gepäckaufbewahrung zu geben. In Saarbrücken fanden sie den zu sprengenden Sendemast nicht. Sie flogen mit dem Koffer nach Berlin zurück und gaben ihn einem Freund in Verwahrung. Es gibt das Gerücht, dieser habe den Koffer mit der Bombe unter sein Bett geschoben und wochenlang so geschlafen.
Eine ähnlich Geschichte erzählt man sich von Dynamit, das ein reicher Bekannter überraschend mitbrachte. Dies wurde im Kinderwagen zu Bekannten gebracht. Rudi und Gretchen Dutschkes Sohn Hosea Che lag über dem Sprengstoff.
Im Herbst 1967 entwickelten Christian Semler, Bernd Rabehl und Wolfgang Lefèvre den Plan, einen Staatsanwalt zu entführen, doch konnten sie sich nicht über die genauen Regelungen für die Durchführung einigen (S.206f.)
Bemerkenswert auch, dass Schneider in Trient das intensivste Verhältnis zum zweiten Mann in der Hierarchie der revoltierenden Studenten hatte (S.322), zu Renato Curcio, dem späteren Führer der roten Brigaden.

04 April 2009

Keine Geschichte Indiens

Unter dem Titel "Eine kleine Geschichte Indiens" wird ein engagiertes Plädoyer für ein pluralistisches Indien von Shashi Tharoor vertrieben. Leider ist es eine Mogelpackung. Zwar ist ihm eine Tabelle zur Geschichte Indiens beigefügt, aber selbst die beginnt erst 1947.
Wer glaubte, anhand dieses über 400 Seiten starken Werkes seine Kenntnisse über die Geschichte Indiens deutlich erweitern zu können, wird bitter enttäuscht.

29 März 2009

Tellkamps Turm

Uwe Tellkamp: Der Turm:
Die Fahrt mit der Standseilbahn erinnert mich an das erste Kapitel von Musils "Mann ohne Eigenschaften". Dazu passend die vielen genau beschriebenen Wege durch das Viertel und nach und in Ostrom. Autoren als Zensoren. Der Alte vom Berg. (Dazu: Turm als Schlüsselroman)
Arbogast. Die ausführlich beschriebene naturwissenschaftlich angereicherte Pracht in historischem Stil. Das Ausfragen auf der Basis von vorherigen Erkundigungen. Ähnlich der Allwissenheit der Stasi. Die wilden Hunde. Der Schreck am Tor. Hier etwas von Kafkas Prozess, der sonst dem Bewilligungsgebäude mit seinen vielen buchstabenkodierten Abteilungen seine Schrecken leiht. Die Rechtfertigung der Niederwerfung des Prager Frühlings.
Christian als der Sympathieträger.
Stasi "Dialog über Kinder": "Wenn diese Kinder nun bestimmte Talente besitzen, wäre es doch fahrlässig für einen Vater, sie nicht zu fördern, so gut er kann." (S.257f.)
Flüstergespräche der Ehepaare auf der Straße, das Gelächter der Angst.
Die Karavelle (Wikipediaartikel: "Vorbild für das Haus „Karavelle“ sei die Jugendstilvilla, in der Uwe Tellkamp aufgewachsen ist"), Falter im Treppenhaus, Meno: "Laß uns ein wenig sehen üben." (S.270) - Freut sich Christian wirklich?

2025:
Der Roman ist mir wieder in die Hände gefallen, und ich hätte Lust, mein überaus positives Urteil nach der ersten Lektüre zu überprüfen, nachdem mir Tellkamps Stellungnahmen ab 2017 zur mangelnden Meinungsfreiheit in Deutschland überzogen erschienen.
Wikipedia: "Im Umfeld der Frankfurter Buchmesse 2017 gehörte Tellkamp zu den 32 Erstunterzeichnern der „Charta 2017“, einer Online-Petition der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Sie richtete sich gegen die Ausgrenzung der rechten Verlage Antaios, Manuscriptum und Tumult auf der Messe.[34]

Vor der Leipziger Buchmesse 2018 sorgten Äußerungen Tellkamps bei einer öffentlichen Diskussion mit Durs Grünbein zur „Meinungsfreiheit in der Demokratie“ im Dresdner Kulturpalast für Aufsehen. Zur Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015 sagte er unter anderem: „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.“ In Deutschland gebe es einen „Gesinnungskorridor zwischen gewünschter und geduldeter Meinung“. Seine Meinung sei „geduldet, erwünscht ist sie nicht.“[35] Der Suhrkamp Verlag distanzierte sich auf Twitter von diesen Aussagen.[36] Diese lösten eine umfangreiche Debatte in Feuilletons und sozialen Medien aus.[37][38]" 

Ich nehme an, ich werde nicht genügend Zeit und Engagement aufbringen. Erstes Hineinsehen bestätigt mein frühes positives Urteil, das werde ich angesichts anderer anstehender Fragen keinen Versuch machen, vom heutigen zeitgeprägten Standpunkt aus mein Urteil irgendwie zu objektivieren.

Ich werde - wie bei den Buddenbrooks - das literarische Werk als ungewöhnlich gut in Erinnerung behalten und Tellkamps politische Stellungnahmen wie Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" als zeitgebundene Aussage eines bedeutenden Autors einstufen, mit dem ich politisch durchaus nicht übereinstimme. 

Ich hoffe aber, dass ich noch dazu kommen werde, einzelne Passagen aus dem Werk vorzustellen,  die mein literarisches Urteil zu untermauern imstande sind.

Gegenwärtig reizt mich die Lektüre von Christa Wolfs Ein Tag im Jahr und Juli Zehs letzten Roman und ihrer politischen Stellungnahmen mehr, und ich traue ihr mehr zu, mir ein angemessenes Bild von der DDR und dem heutigen Ostdeutschland zu machen als dem literarisch so hochwertigen Roman Tellkamps.