15 Oktober 2012

Der Hampelmann Bengele

Ob wir aus diesen Textstück erkennen, worum es geht? Wie heißt Bengele wohl in der Sprache seines Erfinders?


»Ich habe gesagt –, daß – daß«, stotterte Bengele, »daß ich jetzt doch zu alt bin für die Schule.«
»Nein, mein Sohn, zum Lernen ist man nie zu alt!«
»Aber ich will auch kein Handwerk lernen!«
»Warum?«
»Weil man beim Arbeiten müde wird!«
»Liebes Kind«, mahnte die weise Fee, »wer so denkt, der endigt gewöhnlich im Krankenhaus oder im Zuchthaus. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Der Mensch muß arbeiten auf dieser Welt, ob er arm sei oder reich. Das Faulenzen ist eine Schande. Es ist eine schlimme Krankheit; wenn man sie in der Jugend nicht heilt, so geht man mit ihr durchs ganze Leben.«
25. Kapitel

Schon hörte Bengele hinter sich den wutschnaubenden Hund, schon fühlte er den heißen Atem des grimmigen Tieres, – da kamen sie ans Meer.
Wie ein Frosch sprang Bengele sofort weit hinein ins Wasser. Plumps! fiel er auf und schwamm davon.
Bollo liebte das Wasser nicht. – Er schnupperte daran, sprang ein paar Mal am Ufer auf und ab; aber als er den Hampelmann wegschwimmen sah, erfaßte ihn aufs neue die Wut und er sprang ins Meer.
Rasend zappelte der Hund mit den Tatzen, bald war er müde und sank unter. Mit der letzten Kraft arbeitete er sich noch einmal über Wasser und rief:
»Hilf, hilf! – Ich muß ertrinken.«
»Ersaufe nur«, entgegnete Bengele. – Er war ein gut Stück weiter und außer Gefahr.
»Hilf mir doch, Bengele; rette mich vom Tode!«
Der Hampelmann bekam Mitleid mit seinem Feinde, schwamm zurück und fragte in einiger Entfernung:
»Wirst du mich unbehelligt laufen lassen, wenn ich dich rette?«
»Gewiß! Ich verspreche es dir! Aber jetzt mache schnell! Wenn du noch länger säumst, dann ist es mit mir vorbei.«
Noch zögerte Bengele; aber es fiel ihm ein, daß sein Vater stets gesagt hatte: »Geh nie einer guten Tat aus dem Wege!« Er schwamm darum rasch auf Bollo zu, faßte ihn am Schwänze, und mit wenigen kräftigen Schwimmzügen hatte er ihn aufs trockene Ufer gesetzt.
Der arme Hund konnte nicht mehr auf den Beinen stehen; denn er hatte zu viel Salzwasser geschluckt und einen kugelrunden Bauch bekommen. Bengele traute ihm aber doch noch nicht und hielt es für das klügste, gleich wieder ins Wasser zu hüpfen und davonzuschwimmen.
»Adieu, Bollo! Komm gut nach Hause!« rief er noch und ruderte ins Meer hinein.
»Adieu, Bengele«, erwiderte der Hund, »ich danke dir tausendmal; du hast mir das Leben gerettet! – Ein Dienst ist den andern wert! Vielleicht kann ich dir deine edle Tat einmal vergelten.« [...]


Er [Bengele] schwamm ans felsige Ufer und hatte sich schon an einem Steine festgeklammert. Da fühlte er unter seinen Füßen etwas emportauchen, und im Nu war er hoch in die Luft gehoben. Er wollte ins Wasser zurückspringen; doch es war zu spät. Der Unglückliche war in ein Fischernetz geraten, und um ihn zappelte und trappelte es von Fischen aller Art.
Gleich kam auch oben vor der Felsenhöhle der Fischer zum Vorschein, ein grausiges Geschöpf, ein entsetzlich häßliches Ungetüm. Er hatte keine Haare auf dem Kopf, sondern einen Busch von grünem Seegras, seine Haut, seine Augen, sein langer Bart, alles war meergrün. Im ganzen sah er aus wie ein Laubfrosch, der auf den Hinterbeinen steht; aber er war schrecklich wild und unbeschreiblich garstig.
Als der Fischer das Netz ans Land gezogen hatte, grunzte er zufrieden und sprach:
»Ein guter Fang! Auch heute kann ich mich an einem feinen Mahle gütlich tun.« –
»Ein Glück für mich, daß ich kein Fisch bin«, dachte Bengele bei diesen Worten und faßte etwas Mut. Der Fischer trug das Netz in seine Höhle. – Diese war ganz ausgeräuchert schwarz und unheimlich. In der Mitte brannte ein Herdfeuer; darauf stand eine Pfanne. Der ranzige Tran, der darin brodelte, verpestete die Luft.
Der grüne Fischer holte mit seiner plumpen Hand einen Fisch nach dem andern aus dem Netze. Jeder wurde genau untersucht:
»Barben sind gut«, sagte er, hielt eine vor seine Augen, beschnupperte sie und warf sie in einen leeren Kübel. Das Wasser lief dem Höhlenmenschen im Munde zusammen, ehe die Fische noch gekocht waren. Er wurde immer lustiger und sprach:
»Fein diese Nasen! – Ausgezeichnete Äschen! – Und diese Zungen! – Ha! – Solch seine Barsche erst! – Hurra, auch noch Sardellen!« –
Alles flog unbarmherzig in den großen Kübel. Jetzt war Bengele noch übrig. Der grüne Fischer zog ihn heraus; unbeschreibliches Erstaunen erfaßte ihn, seine grünen Augen wurden groß wie Pflugrädchen, und er fragte verwundert:
»Was ist das für eine Sorte? Diesen Fisch habe ich noch nie gegessen!«
Aufmerksam schaute er den Neuling von allen Seiten an und meinte schließlich:
»Ja, ja, es muß eine Art Meerkrebs sein!«
Daß er ein Meerkrebs sein sollte, war dem Bengele doch zu viel, und er schrie beleidigt:
»Was?! – Ein Meerkrebs! – Dich soll das Mäusle beißen! Merke es dir ein für allemal: ich bin ein Hampelmann.«
»Ein Ham-pel-mann?« – sagte der Fischer in langgezogenem Tone, »ich muß schon sagen, einen Hampelmannfisch habe ich noch nie gegessen. Aber gerade deshalb wirst du mir um so besser schmecken.«
»Wie! Essen willst du mich! – Ich bin doch gar kein Fisch. Begreifst du nicht, daß ich reden kann wie du?«

»Das schon«, meinte der Fischer, »aber weil du doch ein Fisch bist und dazu reden kannst wie ich, so will ich dich auch entsprechend behandeln.«
»Das heißt?«
»Als ein Zeichen von Freundschaft und besonderer Hochachtung lasse ich dir die Wahl, wie du gekocht sein willst. Willst du gebraten, gesotten oder geräuchert werden?«
»In diesem Fall fällt mir die Wahl nicht schwer: am liebsten möchte ich losgelassen werden, weil ich nach Hause will.«
»Mach doch keine dummen Witze!« sagte der Fischer, »ich muß dich unbedingt versuchen; die Gelegenheit kommt selten wieder, daß mir ein Hampelmannfisch ins Netz gerät. – Vertraue nur ruhig auf mich; ich brate dich zusammen mit allen andern in der Pfanne, und damit kannst du wohl zufrieden sein. Es ist immerhin ein Trost, wenn man in Gesellschaft gebraten wird.«
Bengele weinte und flehte den Fischer an, daß er ihn frei gebe; er wolle nach Hause gehen zu seiner Mutter. Das grüne Scheusal hatte kein Herz und hörte gar nicht auf des Hampelmanns Gejammer. Verzweifelt drehte und wand sich Bengele; die grünen Tatzen ließen ihn nicht mehr los. – Der grausame Fischer machte schließlich dem Zappeln ein Ende; er nahm ein paar Weidenzweige und band dem Hampelchen Hände und Füße fest. Darauf warf er den neuen Fisch zu den andern in den Kübel.
Bengele ergab sich seinem traurigen Geschicke. Leise wimmerte er:
»Wäre ich doch in die Schule gegangen! – Hätte ich doch nicht auf schlechte Kameraden gehört! – Ach, wie muß ich meine Fehler büßen!«

28. Kapitel


Eben wollte der grüne Fischer den panierten Hampelmann in die Pfanne legen, da kam ein fremder Hund in die Höhle. Er hatte Bratenduft gerochen und war ihm nachgegangen.
»Hinaus da!« – schrie der Grüne; er hatte immer noch den Hampelmann in den Händen.
Der arme Hund hatte schrecklich Hunger; er kauerte sich nieder, winselte und wedelte und bat um ein Stückchen Fisch.
»Marsch hinaus!« rief der Unmensch zum zweiten Male, »sonst! ...« schon hob er ein Bein hoch und wollte dem hungrigen Tiere einen Tritt versetzen.
Der Hund war empört über die Grobheit. Knurrend zeigte er dem Grünen seine beiden Reihen spitzer Zähne und stellte sich auf zum Angriffe.
Da erklang in der Höhle eine leise Stimme:
»Bollo, hilf mir, ich werde gebraten.«
Sofort erkannte der Hund Bengeles Stimme und merkte, daß sie aus dem panierten Dinge kam, das der Fischer in der Hand hielt.
Was tut der treue Hund? – Er springt hoch, faßt den panierten Bengele mit seinen Zähnen, reißt ihn dem erstaunten Fischer rasch aus der Hand und trägt ihn schnellen Laufes davon.
Der Fischer war wütend, daß ihm der seltene Leckerbissen entgangen war; er wollte dem Hunde nachrennen, aber nach wenigen Sprüngen ging ihm schon der Atem aus und er keuchte verärgert in seine Höhle zurück.
Bollo blieb erst stehen, als er an den Fußweg gekommen war, der vom Meer nach Fleißigenstadt führte. Dort legte er seinen Freund Bengele sanft auf die Erde nieder.
»Bollo, du hast mir das Leben gerettet«, sagte der Hampelmann; »ich kann dir nie genug danken.«
»Gar nicht notwendig!« entgegnete der treue Hund; »ich habe nur meine Schuld abgetragen. – Schau dort das Meer!«
»Wie bist du nur in jene Höhle gekommen?« fragte Bengele.
»Ich lag immer noch halbtot am Ufer, da trug mir der Wind von weitem einen Bratengeruch daher. Weil ich Appetit hatte, ging ich diesem Dufte nach. Wäre ich eine Minute später gekommen, –«
»Sei still:« – sagte Bengele und fing von neuem an zu zittern. »Sprich nicht mehr davon! Wärst du eine Minute später gekommen, dann wäre ich jetzt schon gebraten und verspeist. Brrr! – Es schauert mich jetzt noch, wenn ich nur daran denke.«
Bollo mußte lachen! – Er reichte dem Hampelmann seine rechte Pfote zum Abschiede. Dieser drückte sie fest und liebevoll dem treuen Freunde; dann gingen sie auseinander.
29. Kapitel

Liao Yiwu erhält Friedenspreis des deutschen Buchhandels

Bei Liao Yiwu kann man als jemand, der die moderne chinesische Literatur nicht kennt, nicht beurteilen, ob sein Werk in seiner literarischen Qualität mit dem von Mo Yan zu vergleichen ist. Wenn es den Friedenspreis erhalten hat, so primär wegen seiner politischen Haltung. Wie groß ist der Christa-Wolf-Faktor bei der Beurteilung dieser beiden Schriftsteller? Christa Wolf wurde gelobt, so lange sie Dissidentin in der DDR war, und heruntergemacht, als sie nach dem 9.11.1989 an ihren Überzeugungen festhielt. Ich gebe zu, dass mich ihr Werk bis zum Störfall (1987) mehr interessiert hat als das darauf folgende. Aber die literarische Qualität dieser Werke kann doch nicht durch den politischen Wandel verändert worden sein. Wie werden Liao Yiwu und Mo Yan beurteilt, wenn China und Indien die führenden Weltmächte sein werden? Aus dem Bericht der taz über die Preisverleihung:
Liao erinnerte an das epochale Erlebnis vom Juni 1989, als das kommunistische Regime seine Legitimationsgrundlage verlor. Wie auch in seinem neuesten Buch „Die Kugel und das Opium“ sprach er von dem neunjährigen Lü Peng, der am 4. Juni auf dem Weg zum Tiananmenplatz erschossen wurde. Eine ungeheure Empörung erfasste die Demonstranten, die über Nacht zu den todesmutigen „Unruhestiftern des 4. Juni“ wurden und danach zu „konterrevolutionären Elementen“.
Liao erinnerte an seine eigene Verwandlung durch den 4. Juni, als ihm nach der Inhaftierung im Knast „die Haut des Poeten bei lebendigem Leibe“ abgezogen wurde. Liao zitierte den älteren Kollegen Liu Shahe, der 1957 in Ungnade gefallen war: „Wir sind nun keine Dichter mehr, wir sind zu Zeugen der Geschichte geworden. (taz, 14.10.12)
Rezensionen zu Werken  von Liao Yiwu bei Perlentaucher.

Fotos bei WP Commons

13 Oktober 2012

Shakespeares Werke waren die "Bibel" auf Robben Island

Ins Zuchthaus auf Robben Island wurde ein Band mit Shakespeares Sämtlichen Werken eingeschmuggelt. Er ging von Hand zu Hand. 33 Gefangene markierten in dem Band ihre Lieblingsstelle aus Shakespeares Werken.
Mandela markierte aus Julius Cäsar in der 2. Szene im 2. Akt Cäsars folgende Worte:
Der Feige stirbt schon vielmal, eh' er stirbt,
Die Tapfern kosten einmal nur den Tod.
Von allen Wundern, die ich je gehört,
Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten,
Da sie doch sehn, der Tod, das Schicksal aller,
Kommt, wann er kommen soll.
Damals hatte er schon 14 Jahre Zuchthaus hinter sich und weitere 13 vor sich.

Das Exemplar von Robben Island wurde in Britischen Museum ausgestellt.

(Quelle: The Times, 19.6.2012) 

12 Oktober 2012

Mo Yan und die chinesische Literatur

Hat er sich mehr mit den Mächtigen arrangiert als Goethe? Ist er preiswüdiger als der sympathische, aber relativ bedeutungslose Paul Heyse (der freilich erst mit 80 Jahren und lange nach dem Ende seines Ruhms den Preis erhielt)? Ich weiß nicht wirklich genug über Mo Yan, der "mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint”, um es nur im Ansatz beurteilen zu können. Es wird wohl auch nie anders werden. Trotzdem sammle ich hier ein bisschen.

Interview von 2009

Wolfgang Kubin, ein Kritiker der "Leisetreterei" in der modernen chinesischen Literatur:

"Das China von Heute ist ein China, das weh tut - in vielfacher Hinsicht. Bis 1992 war Geld verdienen in China verpönt. Der Konfuzianismus und auch der Maoismus betonen andere Werte, nämlich die Werte der Selbsterziehung. Man verdiente und arbeitete nur so viel, dass man leben, überleben konnte, man arbeitete nicht, um in Saus und Braus leben zu können. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum die Händler, die Kaufleute sowohl im traditionellen China als auch unter Mao Zedong verachtet waren, denn Händler und Kaufleute, die bringen Unruhe, die ziehen herum und wollen das Geld mehren. Die haben andere Werte und diese Werte stellen die Selbsterziehung, die Selbstbildung des Menschen in Frage. In meinen Augen waren die 80er Jahre - als Geld verdienen unwichtig und Diskutieren das Wichtigste war - politisch, intellektuell, kulturpolitisch, literarisch die fruchtbarsten Jahre überhaupt. [...]
Seit dem chinesischen Altertum weiß man, man wird auf drei Art und Weisen unsterblich: durch hohe Moral, durch Tugend bzw. Verdienst und durch das hinterlassene Wort. Dahinter steckt die magische Vorstellung, dass das geschriebene Wort den Kontakt mit dem Jenseits aufrecht erhält, mit den Ahnen. Die vergotteten Ahnen, die Götter, die Geister sie nehmen das Wort wahr. Für sie schreiben die Dichter. Der große Dichter Du Fu (712-770), schrieb, dass, nachdem er seinen Vers vollendet hatte, die Götter zu weinen begannen."
Interview in FR vom 16.3.2009

Kubin, Mo Yan und Du Fu scheinen mir einander näher, als es Kubins kritische Aussage über die chinesische Gegenwartsliteratur in China nahe legt.

Mo Yan sagt: "Die Zeitungen übertreiben Chinas Schönheit und wir Schriftsteller vergrößern seinen Schmerz." Kubin sagt: "Das China von Heute ist ein China, das weh tut" und Du Fus Götter weinen über chinesische Literatur.

Kritik am Nobelpreis für Mo Yan:
Man sollte mal bedenken, dass in China bis heute Schrifsteller in Haft sitzen, weil sie regierungskritische Schriften verfasst haben.In diesem Land herrscht eine allgemeine Zensur, viele mutige Schriftsteller werden für ihr Gewissen bestraft. Es gibt genug Vertreter der chinesischen Literatur, die noch weitaus repräsentativer für die chinesische Literatur sind als Mo Yan. Bei Dao zum Beispiel.
Diese Verleihung setzt ein fatales Zeichen und führt den Chinesen in aller Klarheit noch mal vor Augen, wie ignorant die westliche Gellschaften gegenüber den Menschenrechten in China sind.
Professor Cui Weiping aus China kommentiert zu der Verleihung:
"Dies ist eine Welt, die Tyrannen bei ihrer Tyrannei unterstützt. Dies ist ein schwerer Schlag gegen alle Schriftsteller in Haft und alle Menschen, die unter der Verfolgung der Zensur leiden müssen."

11 Oktober 2012

Ausleihe von der lokalen Bibliothek über Internet

Man kann sich ein Buch als E-Buch ausleihen.
Nach Ende der Leihfrist gibt es keine Mahnung, sondern es erlischt einfach das Nutzungsrecht.

Mehr dazu

Beispiel onleihe.net

08 Oktober 2012

Old Shatterhand weist einem Erzähler durch Anachronismen nach, dass er ein Aufschneider ist

In Old Surehand II (1894) stellt Karl May einige seiner früheren Erzählungen durch eine lose Rahmenhandlung zusammengefasst vor. Im ersten Kapitel des Bandes, "Bei Mutter Thick" lässt er einen sich sehr selbstbewusst gebenden Erzähler die Geschichte vom Colorado-man vortragen, die Karl May früher unter dem Titel "Three carde monte" (1879) veröffentlicht hatte. May distanziert sich von dieser frühen Erzählung, indem er Old Shatterhand nachweisen lässt, dass die Erzählung in der vorgetragenen Form Anachronismen enthält.

 »Ich habe gar keinen Grund, damit zurückzuhalten, daß ich mich über einen sehr auffälligen Anachronismus gewundert habe, der in Eurer Erzählung vorgekommen ist.« »Anachronismus? Was ist das? Redet doch so, daß man es verstehen kann!« »Gut, also deutlich! Seit wann ist wohl vorn Petroleum im jetzigen Sinne die Rede gewesen?« »Wer kann das wissen!« »Ich, nämlich seit dem Jahre 1859. Und wann wurden in den Vereinigten Staaten die ersten Ölquellen entdeckt?« »Das mögt Ihr Euch selbst beantworten!« »Zwei Jahre vorher, also 1857. Nun sprecht Ihr von einem Ölbohrer jenseits des Coteaus, bei dem Lincoln gewesen sei, nachdem er kurz zuvor Lawyer geworden war. Wann aber ist er Lawyer geworden?« »Laßt mich mit Euren dummen Fragen in Ruh!« »Sie sind nicht so dumm, wie Ihr denkt, und gehören zu der Auskunft, die ich Euch geben soll. Lincoln etablierte sich nämlich im Jahre 1836 in Springfield als Lawyer, also über zwanzig Jahre vor der Entdeckung der ersten bedeutenden Ölquelle. Wie stimmt das mit Eurer Erzählung, Sir?« »Ob es stimmt oder nicht, das ist mir gleichgültig!« »Nun, so habt die Güte, gegen mein Gesicht ebenso gleichgültig zu sein!« »Wollt Ihr sagen, daß Ihr das von dem Ölbrande nicht glaubt?« fragte er in drohendem Tone. »O, daran hege ich nicht den geringsten Zweifel, nur ist der Ort und sind die Personen andere.« »Wie so?« »Old Shatterhand hat einen solchen Ölbrand erlebt, und zwar im Bluff von New-Venango[Fußnote: Siehe »Winnetou« Bd. II, pag, 359]. Der Ölprinz hieß dort nicht Willmers, sondern Forster.« »Das geht mich nichts an und ändert nichts an meinem Erlebnisse; es finden oft Ölbrände statt.« »Bei denen die Umstände einander so ungeheuer ähnlich sind? Hm! Übrigens kenne ich Tim Kroner, den Coloradomann, sehr genau.,‹ »Thunder-storm! Wollt Ihr etwa sagen, daß ich nicht Tim Kroner bin?« »Es kann allerdings vorkommen, daß zwei Personen ganz gleiche Namen haben; aber der richtige und echte Coloradomann ist der, den ich kenne.« »Da kennt ihn auch ein tüchtiger Kerl! Wenn Euch ein anderer als ich gesagt hat, er sei Tim Kroner, der Coloradomann, so hat er gelogen und war ein Schwindler. Das laßt Euch gesagt sein, sonst stopfe ich Euch den Mund mit dieser Klinge hier!« Er zog sein Bowiemesser aus dem Gürtel. Sofort hatte ich meinen Revolver in der Hand, richtete den Lauf auf ihn und antwortete: »Stoßt nur zu, wenn Ihr die Zeit dazu findet! Kugeln pflegen schneller als Messerklingen zu sein.« Er stand einige Augenblicke da, ließ dann das Messer sinken und sagte in verächtlichem Tone: »Pshaw! Tim Kroner hat es gar nicht nötig, etwas darauf zu geben, was so ein Kerl, wie Ihr seid, für Gesichter schneidet. Zieht also Fratzen, so viel Ihr wollt; ich habe nichts dagegen und bleibe wer ich bin!« Er steckte das Messer wieder in den Gürtel und kehrte auf seinen Sitz zurück. Die Zuhörer hatten diesen friedlichen Ausgang nicht erwartet, kleideten aber ihre Enttäuschung nicht in Worte. Ich hätte ganz anders auftreten können, doch fiel es mir nicht ein, den Gästen eines Kost- und Logierhauses ein Schauspiel nach Art der Runners und Loafers zu bieten. Mochte man immer denken, ich fürchte mich vor diesem sogenannten Coloradomann!

07 Oktober 2012

Fernsehfassung von "Der Turm"

Tellkamps "Turm" hat mir imponiert. Den ersten Teil des Fernsehfilms fand ich so gehetzt,* so fern von der bei Tellkamp geschilderten Kulturbürgerlichkeit in der DDR, dass ich vom zweiten Teil nur das letzte Viertel angesehen habe. Das enthielt mehr Action und war insofern filmgerechter.
Tellkamp gefiel der Film gut. Er muss es ja wissen.

Der Vorzug des Films für mich: Wenn der Autor des Buches den Film gut fand, habe ich dann das Buch richtig gelesen? Das gibt einen Anstoß, in das Buch hineinzusehen. Vielleicht habe ich danach ja ein Interesse, den Film noch einmal zu sehen, damit ich ihn besser mit dem Buch vergleichen kann.

Interessant: Der Buchautor ist von der Darstellung seiner Schriftstellerin Judith Schevola durch eine Schauspielerin so beeinflusst, dass er glaubt, Abstand von ihr gewinnen zu müssen, um zu seiner ursprünglich intendierten Figur zurückzufinden.

*Harald Jähner in der FR vom 26.9.12 sieht auch den Abstand zwischen Buch und Film, doch wertet er ihn anders als ich:
"Trotz der enormen Straffungen hetzt der Film nicht durch die noch immer komplexe Geschichte der Familie Hoffmann und ihrer widrigen Erlebnisse in Schule, Militär, Krankenhaus und Verlagswesen, kurzum im Staat. Er muss ordentlich Tempo machen und findet trotzdem Zeit, die Charaktere aufzubauen und dem Zuschauer ans Herz zu legen – eine dramaturgische Leistung, die gar nicht kleinzureden ist."

Eins ist zuzugeben: Ein Urteil über den Film zu gewinnen - vielleicht ja ein falsches - ist sehr viel leichter, als den Roman einzuschätzen. Vielleicht verdrängt auch bei mir bald der Film den Roman. Meinem Urteil über den Roman täte das nicht gut.

Nachtrag:
In einem Interview mit Zeit online erklärt Tellkamp, er habe beim Ansehen des Films Tränen vergossen.