06 Juli 2020

Regina Dieterle: Theodor Fontane


Sie berichtet darüber, welche Schreibwerkzeuge Fontane verwendet hat. Er wird auf offiziellen Portraits, auf Fotos wie auf Gemälden, mit Schreibfeder dargestellt. Er hat aber schon als Apotheker mit Stahlfedern geschrieben. Des Öfteren erwähnt er auch den Federhalter.
Von seinen Personen berichtet er mal, dass sie mit Schwanenfeder schreiben, mal, bei Personen, die untergeordnete Arbeit leisten, mit Stahlfeder. (S.578)

S.642: "Das Poetische hat immer recht; es wächst weit über das Historische hinaus..." (Frau Jenny Treibel, 7. Kapitel) bezogen auf Fontanes Satz "Denn wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich." aus dem 16. Kapitel über seinen Vater.
Dazu Dieterle: "Die Interpreten haben diesen Satz gern auf Fontane selbst bezogen. Er stimmt aber, nüchtern betrachtet, weder für ihn noch für den Vater oder nur insofern, als gilt:  "Das Poetische hat immer recht; ..." [sieh oben] (S.642)

05 Juli 2020

Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen XII - Die Suche

So war es unter den munteren Gesprächen fast völlig Tag geworden, als auf einmal Walter, einen erbrochenen Brief in der Hand, eilig aus dem Hause trat. »Das ist heut ein wahrer Wundermorgen!« rief er lachend aus, »denkt euch, da schreibt mir eben unser Rechtsfreund aus der Stadt, ich möchte ihm kollegialisch beistehen, eine junge adelige Dame auszukundschaften, die mit ihrer Kammerjunfer ihrer alten Tante entflohen und deren Spur zwischen unsern Bergen verlorengegangen sein soll.« – »Kurios«, sagte der Amtmann, »ja, wilde Wasser lieben die Berge.« – »Was!« – rief der Förster, der eben eine neue Pfeife gestopft und nur halb hingehört hatte. – »eine alte, wilde Tante ist im Wasser verlorengegangen?« – »Ja«, fiel Fortunat ein, »und der Rechtsfreund mit ihrer Kammerjungfer entflohen.« – Walter hatte Mühe, die Konfusion zu berichtigen. »Ein angesehener Mann«, fuhr er dann fort, »verfolgt nun die Flüchtlinge im Auftrag der Tante und hat in der Stadt amtliche Hülfe in Anspruch genommen. Da bist du uns eben zur rechten Stunde gekommen, Fortunat.« – »Ich? wieso?« fragte dieser betroffen. – »Ich meine, als Dichter in solchen romantischen Fällen.« – »Ach teurer Freund«, entgegnete Fortunat, »ich wollte, die Romantik wäre lieber gar nicht erfunden worden! Solche romantische Verliebte – und das ist die adlige Dame gewiß samt der alten Tante und dem Rechtsfreund und seiner Kammerjungfer – die machen zusammen an einem Morgen mehr dumme Streiche, als ein gesetzter Autor im letzten Kapitel jemals wiedergutmachen kann!« – Da hatte er nun eben recht das Kapitel der Frau Amtmannin getroffen. Sie nickte ihm freundlcih zu, klagte über den jetzigen Leichsinn der Jugend und schob alles auf die Poesie. Fortunat stimmte ihr in seiner Not gern bei und hetzte noch immer mehr gegen die Poeten. Der Förster aber, nachdem er endlich alles begriffen, saß währenddes wie in Konvulsionen des heftigsten Nachdenken, bald starrte er in den Himmel, bald wieder in die dicken Tabakswolken vor sich hin. – »Topp, sie ist's«, rief er plötzlich aufspringend aus und schlug mit der Hand auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. »Wer?!« – wandte sich Fortunat erschrocken herum. Über den Lärm war Fiametta aus dem Schlafe aufgefahren, Florentine sah ihr wieder scharf in die verträumten Augen – es hing alles an einem Haar.
Aber der Förster legte schnell die Pfeife hin und setzte martialisch seinen dreieckigen Hut auf. »Jetzt kommt nur mit«, sagte er, »alle, die ihr hier seid, zur Mühle dort am Wald, aber sogleich, damit wir die Vögel noch im Nest erwischen.« [...]
Nach einem kurzen Gange erblickten sie die Mühle in einer einsamen Waldschlucht. Von einem Bergeshange tief verschattet, war in dem kühlen Grunde kaum noch der Tag angebrochen, die Vögel erwachten eben erst in dem stillen Gärtchen, nur die Tauben schimmerten vom Dach, das schon von der Morgensonne beleuchtet war. Hier verteilte der Förster seine Begleiter vorsichtig an allen Ausgängen und gebot ihnen, sich still zu halten, er selbst aber ging eilig in die Mühle. Da sahen sie, wie sich im Hause ein Dachfenster halb und leise öffnete, sie glaubten oben ein junges Mädchen zu bemerken, das bei ihrem Anblick schnell den Laden wieder zuschlug. »Was ist denn das?« – flüsterte Fiametta ängstlich Fortunaten zu. – »Ich glaube«, erwiderte dieser, »der ganze Morgen ist toll geworden und spiegelt unsere eigene Geschichte närrisch in der Luft.« – Jetzt entstand ein Tumult im Hause, der Waldbach stürzte plötzlich brausend über das Mühlrad, zwischen dem Rauschen hörten sie rennen, klappen und zanken. Auf einmal sprang die Haustür auf und der Förster trat mit triumphierendem Anstande hervor, er führte feierlich eine fremde, wohlgekleidete Dame am Arm, der Morgenwind schlug ihren grünen Schleier zurück und zeigte ein junges, schönes Gesicht. – Da besann sich Fortunat nicht lange. »Welche Überraschung, mein Fräulein!« – rief er schnell hinzuspringend aus – »als ich das Glück hatte, Sie bei Ihrer verehrungswürdigen Tante zu sehen, wer hätte da an diese verwünschte Mühle gedacht! Ich bedaure nur, wenn dieser vorwitzige Morgenwind zu früh den Schleier gelüftet und das harte Gebirg manchen Stein des Anstoßes -« Nun war auch Fiametta dazugekommen und drückte die Hand der Dame zärtlich an ihr Herz. »Himmlisches Mädchen«, sage sie, »und das alles um mich! – Aber wie war es möglich? wie erfuhrst du, wo ich Unglücklicher umherschweife? Ja, leugne nur nicht länger, ich weiß es ja doch, du Liebe, Arme! um mich verließest du Schloß und Tante – o es geht mir alles wie ein Mühlrad im Kopfe herum!« – Die Dame sah in höchster Verwirrung bald den einen, bald den andern an und wußte nicht, was sie erwidern sollte. Die beiden ließen sie aber nicht mehr los, sie führten sie in ihrer Mitte so rasch der Amtmannswohnung zu, daß die andern kaum folgen konnten, dabei sprachen sie unterwegs oft heimlich untereinander. Walter war ganz verdutzt, auch der Amtmann schüttelte bedenklich den Kopf, der Förster aber schimpfte voller Zorn. »So eine schöne Dame«, sagte er, »und einem solchen Milchbart nachzulaufen, dem die Eierschalen noch am Schnabel hängen! Da ist keine Gerechtigkeit in dem Handel, ebensogut könnte sich der Herr Amtmann da in mich verlieben.« Dann pfiff er mit großem Lärm auf dem Finger nach seinen Hunden, warf die Büchse auf den Rücken und schritt ohne Abschied in den Wald.
Unterdes waren die andern zu Hause angelangt, wo Fiametta sehr fröhlich den erstaunten Frauen ihre unverhofft wiedergefundene Freundin vorstellte. Walter wollte folgen, aber Fortunat faßte ihn am Arm und führte ihn rasch in den Garten hinein. »Nun hilf aus der Konfusion!« rief er aus, da sie allein waren, »denn die gefangene Dame ist eigentlich die Kammerjungfer meines Vetters, und mein Vetter ist meine Geliebte, und meine Liebste ist die entsprungene Nichte der alten Tante.« Er erzählte nun kurz den ganzen Hergang der Sache und wie die Kammerjungfer, plötzlich so verlassen in der Fremde, heimlich ihre Spur im Gebirge verfolgt und gestern abends – was der Förster zufällig erfahren haben müsse – in der Waldmühle eingekehrt sei, um erst das Terrain auszuforschen und sich des Morgens auf eine geschickte Art wieder mit ihnen zu vereinigen.
Als er geendigt hatte, hüllte er sich in sich selbst, um den Hagelschauer freundschaftlicher Vorwürfe geduldig abzuwarten. Walter aber, aus seiner einförmigen Einsamkeit so auf einmal mitten in das romantischste Abenteuer mit hineingeworfen, rief zu seinem Erstaunen: »Die kleine Marchesin will ich mit Gut und Blut wie meinen Augapfel beschützen« und rannte dann voll Begeisterung sogleich nach dem Hause zu. Unterwegs begegnete ihnen Florentine und fragte, was sie vorhätten? Walter in seiner Freude erwischte sie bloß beim Kopf, küßte sie tüchtig ab und wollte weiter. Aber sie hielt ihn fest. »Tut mir nur nicht so wichtig und geheimnisvoll«, sagte sie, »merkt' ich's doch längst!« – Walter sah sie groß an. – »Dieser Herr Vetter aus Italien« – fuhr sie fort – »wie er sich gleich anfangs vorsichtig auf den Stuhl setzte, als wollt' er sich die Röcke nicht zerknittern – sein Gang, die Stimme – dann -« hier stockte sie plötzlich – »Nun?« fragte Fortunat. – »Dann sah er Sie einmal lange, lange an, als Sie eben mit den andern sprachen und niemand achtgab.« – Jetzt standen sie eben auf einer freien Anhöhe. Jenseits von den Waldbergen leuchtete die alte Burg in der Morgensonne herüber, wo Florentine ihm auf jener Spazierfahrt einmal flüchtig einen Kuß gegeben hatte – sie dachten beide daran. Die schöne Frau schlug verwirrt und errötend die Augen nieder – dann reichte sie ihm freundlich lächelnd ihre Hand, in die er recht herzlich einschlug. Währenddes ging Walter eifrig auf und nieder und zerbrach sich den Kopf. »Wär' nur der fremde Herr nicht, der euch verfolgt!« rief er ärgerlich aus. – »Ei was!« entgegnete Fortunat lustig, »ich hab' das Mädchen und er die Tante, laß ihn die heiraten!«
Sie setzten sich nun auf die Bank unter der Linde und beratschlagten miteinander, was jetzt zunächst zu tun sei. Nach vielem Hin- und Hersinnen wurde endlich einmütig beschlossen, vor dem Förster und den andern das einmal eingeleitete Mißverständnis zu benutzen und die Kammerjungfer für die entflohene Geliebte des Vetters auszugeben, beide aber einstweilen im Hause zu verwahren. Fortunat dagegen sollte schleunigst zu der Tante aufbrechen und dort, bevor er ihr den Aufenthalt Fiamettas entdeckte, nach den Umständen alles selbst vorsichtig ins rechte Geleis zu bringen suchen. »Du hast Rang, Vermögen«, sagte Walter, »und bist eine so gut Partie für die Marchesin als irgendeine im Lande, es müßte wahrlich mit dem Eigensinn eines Romanschreibers zugehen, wenn ihr euch zuletzt nicht noch kriegtet.« [...]
Fiametta aber, da die Männer ihr jetzt ihren Plan mitteilten, war von der Aussicht einer endlichen, baldigen Entscheidung ihres verwickelten Liebeshandels wie berauscht. Und als nun Florentine noch in aller Eile anfing, Kuchen zu backen, die sie morgen Fortunaten auf die Reise mitgeben wollten, half sie ihr mit großer Geschäftigkeit und naschte die schönsten Rosinen weg. Zuletzt aber, da sie selbst den Teig angefaßt, mußte auf ihr klägliches Geschrei alles zu Hülfe eilen, um ihre Finger wieder rein zu machen. – Nun ließ sie das Backen ganz und gar und zeigte Fortunaten die Wohnung, die sie ihr oben angewiesen hatten. Es war die schönste Stube im ganzen Hause, sie lag nach dem Walde zu, der durch alle Fenster hereinsah. Da ging es nun lustig ans Einpacken für morgen, die Vögel sangen draußen in den Wipfeln, Fiametta kniete in der grünen Dämmerung vor Fortunats Felleisen und plauderte vergnügt von den schönen Bergen, über die er kommen würde, von dem prächtigen Schloß und dem Garten der Tante, dabei packte sie heimlich allerlei Kleinigkeiten von sich unter seine Wäsche und wurde über und über rot, als er's bemerkte.
So war unter munteren Verabredungen und Vorbereitungen der Tag verflossen. Walter hatte, die Müdigkeit seiner Gäste vorschützend, für den Abend jeden Besuch entfernt gehalten, die Hausgenossen selbst, nach der halbdurchwachten Nacht, waren schon früh zur Ruh gegangen. Nur Fortunat und Fiametta saßen noch vor der Haustür und hörten zu, wie die Mädchen unten im Dorfe vor dem Johannesbilde und die Heimchen von der fernen Wiese sangen. Fiametta saß zu seinen Füßen im Gras, sie hatte die Gitarre auf ihren Knien uns sah still in die mondbeschienene Gegend hinaus, er hatte sie noch nie so nachdenklich gesehen. – Da erklang auf einmal weiter oben ein Waldhorn. Es war der verliebte Förster, der den Herrschaften ein Ständchen blies. Und als nun allmählich Waldhorn und Johanneslieder verklangen und alles still geworden war im Hause und im Tal, da nahm Fiametta ihre Gitarre und sang:
Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!


Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.


Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.
Fiametta legte die Gitarre schnell weg, verbarg ihr Gesicht an Fortunats Knien und weinte bitterlich. – »Wir reisen wieder hin!« flüsterte ihr Fortunat zu. Da hob sie das Köpfchen und sah ihn groß an. »Nein«, sagte sie, »betrüg mich nicht!«

Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen Kapitel 24

Golo Mann: Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich

"Dann, es muss 1937 gewesen sein, erschien auf dem Plan ein in den USA lebender Deutscher, der eine Bibliothek großer deutscher Philosophen für Yankee-Leser herausgab; es sollte die Tausend 1000 Gedanken des Soundso ... heißen, der Verlag nannte es dann The living thoughts of…, was besser klang. Der Herausgeber schien ein wenig gebildeter Mensch. Was er verlangte, war, jedes philosophische Oevre in Miniatur, aber total wiederzugeben; die große Gestalt verwandelt in eine kleine, aber der großen vom Kopf bis zu den Füßen genau gleiche, das Ganze zu versehen mit einem einführenden Essay. Nur ein Unwissender konnte dergleichen verlangen. Das Honorar betrug $ 750,-. Meine Schwester Erika, immer praktischer als ihre älteren Verwandten, zeigte sich sehr zornig darüber, zumal sie die amerikanischen Honorare kannte. [...] Trotzdem übernahm TM den Schopenhauer, Heinrich den Nietzsche, wobei die Auswahl der Texte – das Gesamtwerk in Miniatur – mir zufiel. Die Reklame des amerikanischen deutschen Barbaren für den Band Schopenhauer: Die meisterhafte Auswahl mit der genialen Einleitung!" Über die Auswahl darf ich nicht richten. Die Einleitung war so großartig nicht, zumal sie für meinen Vater eine unwillkommene Unterbrechung bedeutete; das Schopenhauer-Kapitel in Buddenbrooks ist viel schöner, so auch, was in dem Sigmund Freud-Vortrag über den Philosophen zu finden ist. Dem Onkel Heinrich musste ich ein Buch über Nietzsche schicken, das Karl Jaspers neuerdings publiziert hatte, aber der Adressat wusste mit dem professoralen Stil wenig anzufangen. Ihm schrieb ich, dass ich zwar von meiner Arbeitszeit wenig hielte, aber einen geringen Lohn diesmal doch haben sollte: wie wäre es mit 5 % des Honorars? Und wirklich, nach dem jener Barbar das kläglich Ausgemachte bezahlt hatte, erhielt ich eines Tages aus Nizza 37 1/2 Dollar überwiesen; der Oheim nahm es genau." (Seite 145)

In Rennes herrschte der Bischof"
"Zum Beispiel gab sein Ordinariat eine Wochenschrift heraus, die neben anderem, die in den Kinos der Stadt gebotenen Filme zensurierte: "Sehr zu empfehlen." "Nur für Erwachsene." "Bedenklich." "sehr bedenklich." "Absolut verwerflich." Die letztere Qualifikation war eine Art Todesurteil: der Film verschwand, wenn nicht sofort, so doch am Ende einer Woche. Dafür gab es ein Kino, das von notorischen Atheisten, Proletarienr und "linken" Studenten – in Rennes eine Minderheit - Und anderen verdächtigen Gesindel aufgesucht wurde. Wenn hier ein zu grausamen Tod verurteilt der Verbrecher – es war der Räuber Cartouche – von der Leinwand her verkündete: "Es gibt keinen Gott!", so reagierten die Zuschauer mit Beifallsrufen und lautem Gelächter.

Noch immer das zweigeteilte Frankreich, wobei hier, im Gegensatz zu Paris, die fromme Seite die stärkere blieb." (Seite 150)

sieh auch:
https://fontanefan3.blogspot.com/2020/07/meine-leseerfahrungen-in-sachen-golo.html

Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen XI - Rückkehr nach Hohenstein

[...] Fortunat hatte sich schon im voraus alles klug ausgesonnen. Fiametta sollte fürs erste sich in der Nähe der Amtmannswohnung noch im Grün verborgen halten, er selber wollte underdes in der Morgenglut wie ein Falke das Haus umkreisen und auf Waltern, den er als einen frühen Vogel kannte, wo er sich blicken ließe, sogleich niederstoßen, um mit ihm das Weitere zu verabreden, bevor die andern dazukämen.
Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt. Als sie so unter den feierlich rauschenden Wipfeln des Buchwaldes fortgingen, zupfte und rückte Fiametta mit klopfendem Herzen ihr Wämschen zurecht wie ein Vöglein, das sich im Morgenschein die Flügel putzt, und fing italienisch zu plaudern an, das klang wie ein Glöckchen durch die Stille. Fortunat aber gedachte des schönen Frühlingsmorgens, als er mit Waltern zum erstenmal hier eingestiegen. Da war alles wieder so kühl und frisch wie damals. Bald erblickte er seitwärts die duftigen Blumenplätze, den Sitz unter der Linde, lauter alte Bekannte, nun guckten auch schon die weißen Schornsteine herüber – auf einmal standen sie unter den hohen Bäumen vor dem Hause. Da lag noch alles in tiefer Ruh', durch das Weinlaub am Fenster konnte er die untere Stube übersehen, den bunten Teppich im ungewissen Schimmer und die vergoldeten Rahmen der Bilder gegenüber an der Wand, die alte Stockuhr schlug drin soeben vier. Unter den Bäumen aber stand noch der große runde Tisch mit den Stühlen umher, wie in der alten Zeit, der Amtmann hatte seine Pfeife draußen vergessen, auch Florentinens Gitarre hing wieder über dem Stuhl. Da überkam Fortunaten unwiderstehlich seine alte Reiselustigkeit, der kluge Plan, Vorsicht, Geheimnis und alles war vergessen, er ergriff die Gitarre, sprang auf den Tisch hinauf und sang recht aus Herzensgrunde:
Wer steht hier draußen? – Macht auf geschwind!
Schon funkelt das Feld wie geschliffen,
Es ist der lust'ge Morgenwind,
Der kommt durch den Wald gepfiffen.
Ein Wandervöglein, die Wolken und ich
Wir reisten um die Wette,
Und jedes dacht: nur spute dich,
Wir treffen sie noch im Bette!
Da sind wir nun, jetzt alle heraus,
Die drin noch Küsse tauschen;
Wir brechen sonst mit der Tür ins Haus:
Klang, Duft und Waldesrauschen.
Bei den letzten Klängen öffnete sich oben leise ein Fenster. Florentine fuhr mit dem verschlafenen Köpfchen hervor, er hätte sie beinah nicht wiedererkannt, so prächtig, voll und blühend war sie geworden. »Herr Jesus! sind Sie's, Herr Baron?« rief sie ganz erschrocken und schlug schnell das Fenster wieder zu, denn der Morgenwind wollte ihr das leichte Halstuch nehmen. Nun hörte er im Hause die Türen gehen, rufen und rumoren. Draußen aber kletterte das Morgenrot fix über die Spaliere und Weinranken das stille Haus bis zu den Schornsteinen hinan und guckte neugierig über die Bäume und Fortunat sang von neuem:
Ich komme aus Italien fern
Und will euch alles berichten,
Vom Berg Vesuv und Romas Stern
Die alten Wundergeschichten.
Da singt eine Fei auf blauem Meer,
Die Myrten trunken lauschen
Mir aber gefällt doch nichts so sehr,
Als das deutsche Waldesrauschen!
Als Walter von Italien hörte, zweifelte er nicht länger. Eilig in hohen Schmierstieflen, die er gegen den beißenden Tau zu gebrauchen pflegte, kam er atemlos aus dem Hause gestürzt. »Mein Gott! du, Herzensbruder!« rief er schon von weitem und flog, außer sich vor Freude, in Fortunats Arme und stach ihn tüchtig mit seinem schlecht rasierten Bart. Fortunat war im ersten Augenblick ganz verblüfft, denn Walter kam ihm so verbauert vor, altmodisch beim Reden schreiend und gebräunt im Gesicht; aber die treuen Augen machten gleich alles wieder gut, man sah bis in den Grund der Seele, er war doch durch und durch noch der alte. Jetzt fiel plötzlich ein Schuß hinter ihnen, daß alle zusammenfuhren. Auf der Anhöhe wurde der tolle Förster sichtbar, der von dem Besuche schon Wind bekommen. Er drehte den dünnen, flechsenreichen Hals weit aus der schmalen, engen Binde, und als er nun wirklich Fortunaten recht erkannt hatte, feuerte er aus seiner Doppelbüchse geschwind noch einmal über ihre Köpfe weg und stürzte mit großem Vivatgeschrei zu ihnen herab. Dann erwischt er unversehens Fiametta, die gar nicht wußte, wie ihr geschah, und walzte wütend mir ihr unter den Bäumen herum, seine langen Rockschöße, die weit im Rade umherflogen, schleuderten einen von den Gartenstühlen soeben in die Haustür, als die Frau Amtmannin feierlich heraustreten wollte. »Nun Gott behüt' uns, Herr Nachbar«, rief sie empfindlich, »was ist das wieder für eine Aufführung!« – »Einführung, Frau Muhme«, entgegnete der Förster, »hohe Reisende, bal à la fourchette, St. Veits-Tanz, Apfelsinen und Italien! da hat mich so eine verfluchte Tarantul in die Füße gebissen.« – Nun schwenkte auch der Amtmann seine schneeweiße Schlafmütze, hinter der das hübsche Gesichtchen Florentinens hervorguckte, alle schrien und fragten durcheinander, [...]

 Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen Kapitel 24

Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen X Das Märchen von Kasperl und Annerl

Fiametta baumelte, in Erwartung der Dinge, zufrieden mit den Beinchen. »Nun erzähle was«, sagte sie. Und Fortunat besann sich nicht lange, die alte phantastische Nacht flüsterte verworren durch die Zweige, er fing sogleich aus dem Stegreif an, als spräch' er im Traum:
»Es waren einmal zwei Kinder, Kasperl und Annerl, die hatten einander sehr lieb. Die saßen einmal vor dem Hause und besahen schöne Bilder in einem großen Bilderbuch, das die Annerl mitgebracht hatte, die Vögel sangen im Walde, und das Abendrot ging über die Berge vor ihnen. Auf dem Bilde war eine sehr schöne Gegend zu sehen, fruchtbare Auen, Flüsse, Dörfer und Schlösser, dahinter ein wunderbar gezacktes Gebirg mit einsamen Kapellen und Wäldern, an deren Saum eine Prozession mit bunten Fahnen dahinzog. Das Abendrot schien über das Bild, und wie sie es so mit rechtem Fleiß betrachteten, da fingen auf einmal die gemalten Bäume an, leise zu rauschen, schöne bunte Vögel flogen über die Landschaft, die Brünnlein glitzerten im Gebirg, die Fahnen wehten, sie hörten die Prozession aus weiter Ferne singen. Und eh' sich der Knabe noch besinnen konnte, sah er zu seinem Erstaunen auch das kleine Annchen schon mitten drin, sie winkte ihm fröhlich, er faßte sich endlich ein Herz und sprang ihr nach, so liefen sie beide voller Freuden in das Buch und die Landschaft hinein. – Als Kasperl einmal zurücksah, war ihr Haus und die Gegend, wo es stand, schon hinter ihnen verschwunden, von der Prozession hörten sie nur noch manchmal den Gesang herübertönen, die Sonne war lange unter, je weiter sie kamen, je einsamer und prächtiger wurde alles. Auf einmal, da sie eben durch einen Felsenbogen traten, erblickten sie ein himmelhohes Gebirge vor sich, daß es ihnen ordentlich den Atem verhielt. Auf dem höchsten Berge stand ein herrliches Schloß, das war von lauter Silber, mit Gold gedeckt, vor dem Schloßtor aber saß eine wunderschöne Frau, die war über einer Harfe eingeschlummert. Aus ihren langen Locken und Gewändern kam ein prächtiger Mondschein und beleuchtete die Alpen und die wundersamen Klüfte, Wälder und Abgründe ringsumher. Unten, wo die Strahlen nicht mehr hinlangen konnten, sahen sie kleine bucklichte Männchen in der Dämmerung lustig von den Felsenzacken Purzelbäume schießen, von fern klang das Glöcklein eines Einsiedlers, ein Jäger, der sich verirrt hatte, stand auf dem Felsen gegenüber und gab zuweilen mit seinem Waldhorn Antwort. Oben aber am Schlosse weideten weiße Schäfchen auf den Abhängen, hoch vom Turm der Burg bliesen Engel auf silbernen Zinken wunderschön über die stillen Gründe.«
»Ach, da möcht' ich auch einmal hin!« rief hier Fiametta freudig aus. – »Es ist nur gar zu weit von hier«, erwiderte Fortunat – »aber wackle nicht so mit den Beinchen, wir fallen sonst beide vom Baum.« – Sie rückte sich nun näher zum Hören zurecht und Fortunat fuhr wieder fort:
»Das ist die Göttin Luna«, antwortete nun Annerl, auf die Frau vom Schlosse weisend. – »Kennst du sie denn?« fragte Kasperl verwundert. – Sie lachte: »Du bist doch noch sehr dumm für dein Alter, bleib jetzt nur dicht bei mir, sonst verirrst du dich hier.« – Kasperl aber sah nun einen alten, großen, geduckten Mann seitwärts am Wege sitzen, der hatte einen Sack voll prächtiger Äpfel umhängen. Da wurde er ganz genaschig, er wollte nur geschwind noch ein paar Äpfel auf den Weg kaufen, wie er aber in den Sack hineinguckt, erwischt ihn der Mann schnell bei den Füßen, wippt ihn so hinein und schnürt den Sack über ihm fest zu. »Aha, nun hab ich dich!« sagte er und streckte zufrieden die Beine aus, um ein wenig auszuruhen.«
»Pfui, der abscheuliche Kerl!« unterbrach ihn hier Fiametta von neuem, »ich möchte so einen Menschenfresser am liebsten gleich zerpflücken! Nun kommen gewiß die armen Kinder auseinander.«
»Ja freilich«, entgegnete Fortunat. »In der Angst und Finsternis arbeitete Kasperl wütend mit seinen Ellbogen in den Äpfeln herum. »Aber sein Sie doch nicht so sackgrob, Sie erdrücken mich ja«, wisperte da plötzlich ein ein feines Stimmchen neben ihm. – »Bist du's?« fragte er leise. »Jawohl«, antwortete das Stimmchen, »ich bin auch gefangen und nage schon lange an dem Sack, daß mir die Zähne weh tun. Jetzt ist der Alte eingeschlafen, hören Sie nur, wie er schnarcht. Sie haben so starke, dicke Finger, sein Sie doch so gütig und helfen Sie mir ein wenig reißen.« – Es war ein allerliebstes, kleinwinziges Mäuschen, das so artig sprach. Kasperl riß nun ganz vorsichtig an dem Sack, das Mäuschen wischte hinaus, biß ihn im Fortspringen noch schelmisch in den Finger und verschlüpfte dann schnell im Mondschein, er hörte es noch fern zwischen den Steinen kichern. Jetzt kroch er selber sacht hervor, steckte noch geschwind einen hübschen Apfel in die Tasche und nahm dann eilig Reißaus. – Aber, Gott weiß, der Alte mußte einen groben Flausrock anhaben, denn Kasperl geriet auf einmal in ein verworrenes, ungebürstetes Gestrüpp, in der Eile hatte er den Weg verloren und war, anstatt herabzuklappern, an dem alten Rockärmel gerade hinaufgelaufen. Als er aber oben stand, erstaunt' er erst recht! Da war der Morgen schon angebrochen, der Menschenfresser unter ihm war nichts anderes als der alte, graue Fels vor seines Vaters Haus, und wo er das prächtige Schloß gesehen hatte und die wunderbaren Klüfte im Mondschein, da lagen jetzt fahle, dicke Wolken übereinander und dehnten sich noch halb im Schlaf. Er sah die Schornsteine in seinem Dorfe rauchen, der Nachbar trat gähnend in die Tür. »Kikereki!« rief er, »Kasperl, du willst wohl den Tag auskrähen, daß du dich da so früh auf den alten Stein-Jürgen gestellt hast.«
»Aber das arme Annerl?« fiel Fiametta wieder ein. – »Wart' nur, es wird gleich noch viel schöner kommen«, erwiderte Fortunat: »Das schöne Annerl war fort und kam nicht wieder, und niemand wußte was von ihr, denn sie war immer nur gegen Abend heimlich aus dem Walde mit ihm spielen gekommen. Da war Kasperl ganz traurig, er mußte viel lernen und sehnte sich sehr und wurde darüber nach und nach groß und stark. Einmal des Nachts aber, als der Mondschein über die Wälder glänzte, da kam es ihm vor, als säße die wunderschöne Frau draußen auf dem Berg vor dem Hause und blätterte in dem alten Bilderbuch, daß der Goldschnitt beim Umwenden zuweilen seltsam über die Bäume am Fenster funkelte. Da wurde er sehr unruhig, und als kaum noch der Morgen dämmerte, saß er schon ganz angezogen in seiner Kammer am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. Da fiel es ihm erst ein, daß er den Apfel, den er damals aus dem Sacke mitgenommen, noch immer in der Tasche hatte. Er nahm ihn heraus und biß vor Schwermut drein, um ihn aufzuessen. Da schreit auf einmal etwas drin, und ein Köpfchen streckt und zwingt sich hervor, und wie er endlich verwundert den Apfel aufbricht, steigt ein kleines, braunes Kerlchen mit Wanderstab und Tasche aus dem Kernhaus. – »Wer bist du?« – »Der Äpfelmann. Adeiu!« – Das Männchen ging über den Tisch fort, blieb aber plötzlich am Rande stehen, weil er nicht herunterkonnte. – »Ich will dir wohl herunterhelfen, du armer Wicht«, sagte Kasperl, »aber du mußt mir dagegen etwas versprechen. Kannst du mich zu der Göttin Luna führen?« – »Warum nicht?« erwiderte das Kerlchen. Da nahm er es sauber zwischen die Finger und setzte es draußen auf den Rasen. Nun traten sie sogleich ihre Wanderschaft an. Der Kleine hinkte, denn Kasperl hatte ihn vorhin im Apfel in die große Zehe gebissen. Kaum aber waren sie weiter in die Heide gekommen, so humpelte das Kerlchen so ungeheuer fix fort wie ein Grashüpfer und lachte und rief immer zurück: »Komm mir doch nach, komm mir doch nach, hast ja so lange Beine!« und ehe sich's Kasperl versah, hatt' er das Kerlchen in dem hohen Grase verloren. Da war er nun wieder so klug wie vorher. – Es war aber gerade ein schöner Sonntagsmorgen. Ein Birnbaum ging eben übers Feld zur Kirche und rauschte Gottes Lob. »Gelobt sei Jesue Christ!« grüßte ihn Kasperl, »habt Ihr nicht so einen kleinen, braunen Pilgrim gesehen?« – »In Ewigkeit«, entgegnete der Birnbaum, »ich glaube, ich habe vorhin so was im Grase zertreten.« – »Ach Gott«, klagte Kasperl, »der hat mich irregeführt, nun weiß ich nicht, wo ich bin! wenn ich nur einen Felsen oder Turm wüßte, um mich ein wenig umzusehen in der Welt.« – »Jetzt hab' ich keine Zeit zu Narreteien«, meinte der Birnbaum; da aber Kasperl betrübt weitergehen wollte, tat es ihm leid. »Nun, komm nur schon, komm, was man auch für Not hat mit euch Kindern«, sagte er und stieg schnaufend und ächzend auf einen hohen Berg hinauf, wo er sich breit zurechtstellte und seine grünen Äste lustig in die blaue Luft hinausstreckte. Das ließ sich Kasperl nicht zweimal sagen, er kletterte schnell bis zum Wipfel hinan – da aber warf er plötzlich seinen Hut hoch in die Luft und schrie Hurra! aus Leibeskräften, denn jenseits erblickte er auf einmal das wunderbare Gebirge wieder, daß ihn ordentlich schwindelte vor großer Freude. – »Nun zaus mich doch nicht so grob, das tut ja weh«, sagte der Baum. Aber Kasperl schwang sich schon hastig wieder hinab; »Gott's Lohn, Gott's Lohn!« rief er einmal übers andre. Der gute Birnbaum aber schüttelte sich zum Valet im Morgenhauch, daß der ganze Rasen voll schöner, goldener Früchte lag, die kollerten und hüpften lustig über den grünen Abhang hinunter, und Kasperl sprang ihnen nach zwischen den Morgenlichtern in die prächtige Gegend hinein. – War nun das Gebirge beim Mondglanz schön gewesen, so war jetzt alles noch vieltausendmal schöner im funkelnden Morgenlicht. Das prächtige Schloß mit seinen stillen Türmen stand ganz in rosenroter Glut, die Bäche waren von purem Gold, die Wälder rauschten und blitzten von Rubinen und Smaragden, auf den Alpen standen Engel umher und fachten mit ihren langen, regengbogenfarbenen Flügeln das Morgenrot an. Und als er endlich zum Walde kam, da erblickte er auf einmal ein wunderschönes Mädchen auf einem weißen Hirsch, die hatte ein lustiges, funkelndes Krönlein im Haar. Mein Gott! die sollt' ich ja kennen, dacht' er bei sich – es war sein liebes Annerl! – Sie hielt lachend still und sagte: »Die schöne Frau Luna ist verwichene Nacht untergegangen, sie läßt dich noch grüßen, ich aber bin ihre Tochter Aurora, die Königin der Wälder.« – »So will ich König sein«, rief Kasperl und schwang sich hinter sie auf den Hirsch, und hui! ging's nun durch die Waldesnacht unter einsamen Burgen, an kühlen Strömen und Gärten und schimmernden Fernen vorüber, und jedem ging das Herze auf, der sie von fern vorüberfliegen sah. – So hausten sie fortan miteinander in freudenreichem Schalle, und da sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute – denn ich bin der verliebte Kasperl, und du die Waldkönigin Aurora, mein liebes, liebes Dichterweibchen!«
So schloß Fortunat und küßte Fiametten auf die verschlafenen Augen. Da stieß sie ihn leise an und wies in das Land hinaus. Ein leiser Schimmer flog über die Gegend, wie wenn ein Kind im Traume lächelt, eine früherwachte Lerche hing schon liedertrunken über ihnen hoch in der Dämmerung. »Grüß dich Gott, du schöne, wunderbare Welt!« rief Fortunat, »jetzt frisch ans Werk!« – Sie schüttelten sich schauernd in der Morgenkühle, er sprang schnell vom Baum, Fiametta folgte, er fing sie unten in seine Arme auf. Dann gingen sie schweigend miteinander durch den dämmernden Garten.

Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen Kapitel 24

Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen IX - Otto und Kordelchen, Fortunat und Fiametta, Walter

Zweiundzwanzigstes Kapitel 
Auf der Donau glitt bei dem heitersten Wetter ein Schiff zwischen den schönen, waldigen Bergen und Burgen hinab. Von Zeit zu Zeit erschallte ein so herzhaftes Lachen von dem Schiffe, daß die Vorübergehenden am Ufer stehenblieben und vor Lust mitlachen mußten, ohne zu wissen warum. Es waren reisende Kaufleute, Studenten und Jäger, die auf dem Verdeck im Kreise umherlagen, in ihrer Mitte ein kleiner, stämmiger Mann mit Reisetasche und breitkrempigem Pilgerhut [Dryander], der ihnen aus seinem eigenen Leben die unerhörtesten Abenteuer erzählte und jedesmal ganz entrüstet war, wenn sie lachten und ihm nicht glauben wollten. Abgesondert aber von dem lustigen Häuflein stand mitten im Schiff ein wunderschöner Jüngling in zierlicher Jägertracht an den Mast gelehnt, er hatte eine Zither im Arm, die er in der Kajüte gefunden, ihm zu Füßen saß ein anderer hübscher Junge. Beide konnte man für Schüler halten, die zur Vakanz reisten, und es war anmutig zu sehen, wie die fröhlichen Bilder, bald im kühlen Schatten der Felsen, bald von der Abendsonne hell beschienen, zwischen den wechselnden Landschaften dahinflogen. Der eine am Mast blickte frisch unter seinem Reisehut in das Grün hinaus und sang: 
»Sie stand wohl am Fensterbogen Und flocht sich traurig ihr Haar, 
Der Jäger war fortgezogen, Der Jäger ihr Liebster war. 
Und als der Frühling gekommen, Die Welt war von Blüten verschneit, 
Da hat sie ein Herz sich genommen Und ging in die grüne Heid. 
Sie legt das Ohr an den Rasen, Hört ferner Hufe Klang – 
Das sind die Rehe, die grasen Am schattigen Bergeshang. 
Und abends die Wälder rauschen, Von fern nur fällt noch ein Schuß, 
Da steht sie stille, zu lauschen: »Das war meines Liebsten Gruß!« 
Da sprangen vom Fels die Quellen, Da flogen die Vöglein ins Tal, 
»Und wo ihr ihn trefft, ihr Gesellen, Grüßt mir ihn tausendmal!«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Als Otto – von dem strengen Vitalis verstoßen – so einsam von dem Gebirge der Einsiedler hinabstieg, weinte er sich recht von Herzensgrunde aus. Dann wurde ihm erst leichter. Er fühlte wieder einen rechten Trieb und Mut, nach dem Höchsten in der Welt zu streben, er wollte endlich ehrlich Frieden stiften in seiner Seele und so neugeboren zu dem Einsiedler zurückkehren, ja es kam ihm in diesen glücklichen Stunden gering vor, selbst sein Dichten zu lassen, wenn es ihn wieder in Eitelkeit verstricken wollte. Die stille Nacht sah ihn dabei von den Bergen, wie eine milde Mutter, fast wehmütig an. – Indessen verloschen nach und nach die Sterne am Himmel, und wie nun die Morgenkühle über die Felder kam und unten der Strom und von drüben die Spiegelfenster eines Schlosses lustig aufblitzen: da erschien dem Verweinten die Erde wieder so jung und frisch wie nach einem Gewitterregen, in den tröpfelnden Bäumen über ihm dehnten die Vögel erwachend die Flügel und sahen ihn neugierig an, als wollten sie fragen: Gesell, wo bist du so lange gewesen? – Er wanderte fröhlich den ganzen Tag, und als er endlich auf dem letzten Berge aus dem Walde trat, erblickte er auf einmal in der Ferne mitten zwischen Gärten die alte, braune Stadt, wie eine von Efeu übergrünte Ruine. [...]
Das nächtliche Wandern in einer unbekannten, großen Stadt hat etwas Märchenhaftes, die Häuser und Türme stehn wie im Traum im Mondschein, auf den Straßen schwärmt es noch laut und behaglich in der Maskenfreiheit der lauen Nacht, dann plötzlich alle wieder still im engen, dunklen Gäßchen, nur die Dachluken klappen im Wind, eine Nachtigall schlägt wehmütig am Fenster. – 
[...]
Ganz erschöpft sank er [Otto] unter dem Baume hin. »O stille, alte Zeit«, rief er aus, »wie liegst du so weit, weit von hier!« – Die Kleine [Kordelchen] hatte sich zu seinen Füßen ins Gras gesetzt. »Nein, nein«, sagte sie, »so ist es nicht, ich will dich's lehren.« Und bei dem Vogelschall selbst wie ein Waldvöglein, sang sie mit dem kindischen Stimmchen: 
Waldeinsamkeit, Du grünes Revier, 
Wie liegt so weit Die Welt von hier! 
Schlaf nur, wie bald Kommt der Abend schön, 
Durch den stillen Wald Die Quellen gehn, 
Die Mutter Gottes wacht, Mit ihrem Sternenkleid 
Bedeckt sie dich sacht In der Waldeseinsamkeit, 
Gute Nacht, gute Nacht! 

Otton dunkelte es vor den Augen, da ging auf einmal ein Leuchten über die Gegend wie ein Blitz in der Nacht: stille Abgründe fernab, Gärten und Paläste wunderbar im Mondglanz, er erkannte unten die goldenen Kuppeln und hörte durch die stille Luft herüber die Glocken wieder gehen und die Brunnen rauschen in Rom, und das Kind sang wieder dazwischen: 

O du stille Zeit! Kommst, eh wir's gedacht, 
Über die Berge weit Nun rauscht es so sacht 
In der Waldeinsamkeit, Gute Nacht 

»Still, still«, lachte die Kleine, »er schläft « aber der müde Wandersmann wachte nimmer auf. 

Vierundzwanzigstes Kapitel
[...] Und fern im Gebirg, wo der Mond so hell über die Waldwiese scheint, gewahren wir plötzlich zwei Wanderer, die fröhlich niedersteigen: es sind die beiden Liebesleute auf ihrer abenteuerlichen Fahrt. Fortunat hat soeben die Pferde in einem Dörfchen untergebracht und wendet sich mit Fiametta auf einem Fußsteig zwischen die leise bewegten Kornfelder hinein, die Nacht kühlt sich am Horizont mit Wetterleuchten, eine Wachtel schlägt fern im Feld. Vor ihnen aber breiten sich dunkle Höhen aus, der Mond beleuchtet nur einzelne Abhänge, da erkennt er nach und nach Lauben und Gänge, zuweilen blitzt ein Springbrunnen auf, aus den duftigen Gebüschen hören sie schon die Nachtigallen über das Feld herübertönen. Auf einmal hält Fortunat still und schwenkt voll Freuden seinen Hut. »Grüß dich Gott, du kühler Wald!« ruft er aus Herzensgrunde. Fiametta sieht ihn einen Augenblick fragend an, dann schwenkt auch sie jubelnd ihr Hütchen, ohne zu wissen warum. – Es ist Hohenstein, das vor ihnen liegt.
Er kannte noch aus alter Zeit den Steg im Gartenzaun, sie schwangen sich hinüber und stiegen mit klopfenden Herzen den Waldberg hinan. Fortunat blickte oft seitwärts zwischen die Bäume hinein nach den stillen Gängen, wo er so oft gewandelt, es war alles so fremd und unheimlich im Mondschein. »Das ist Jakobs Traumleiter«, sagte er fröhlich, »wie sie der liebe Gott zuweilen in solchen Frühlingsnächten herunterläßt, nur frisch! wir steigen ins Himmelreich, ich seh' schon die Sterne durch die Wipfel flimmern.« – Jetzt hatten sie die letzten Stufen erreicht, auf einmal traten sie zwischen dem dunklen Laub, wie Bergleute aus einem Schacht, ins Freie hinaus. Da sahen sie rechts das alte Schloß und vor ihm die weiten, duftigen Blumenplätze, stille Lauben und Büsche, ein Springbrunnen plätscherte schläfrig dazwischen, weiterhin dämmerte eine unermeßliche Aussicht im Mondglanz durch die wunderbare Einsamkeit herauf. Fortunat schaute schweigend in die Runde, und eh' die kleine Marchesin sich noch besinnen konnte, hatte er schon eine weitgebreitete Linde bestiegen, die am äußersten Abhang über den schimmernden Abgrund. »Fiametta!« rief er von oben, »wär's nicht um dich, ich möchte alles wach schreien vor Freude! Sieh, da unten blickt der Strom manchmal so heimlich auf, drüben grasen Damhirsche am mondbeschienenen Abhang, nun seh' ich auch das Dorf, wo die lustigen Mädchen wohnen, mit denen ich hier oben getanzt, das schläft nun alles, alles – nur eine Turmuhr schlägt dort von fern herüber, ich hört' sie damals oft bei stiller Nacht. Und Gott Vater fährt über die Saiten seiner Harfe, wie eine leise Musik zieht's gnadenreich über die stille Gegend.«
Fiametta aber sah sich nach allen Seiten um wie ein scheues Reh. [...]

 Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen Kapitel 22 bis 24

04 Juli 2020

Meine Leseerfahrungen in Sachen Golo Mann

Golo Mann im Interview mit Friedrich Luft (1963)

Golo Mann ist mir seit Jahren der Liebste aus der Ausnahmefamilie der Manns. Die Gründe habe ich hier schon einmal - etwas ungeordnet - zusammengestellt.

In Hessen bekamen Abiturienten eine Zeit lang die Kurzversion von Golo Manns "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" vom Land Hessen geschenkt. !962 hatte der Kultusminister Schütte eine Sonderausgabe der Kapitel zu Weimarer Republik und NS-Zeit geschenkt. (Schütte bezeichnete Mann als den besten zeitgenössischen deutschsprachigen Historiker.) Meine Erinnerung an meine damalige Rezeption: Befremdlich fand ich, dass Hitler meist nur mit H bezeichnet war. Wie beeindruckt ich sonst war, besinne ich mich nicht. Vermutlich hat mich die auffallend subjektive Darstellungsweise, d.h. das Auftreten eines auktorialen Erzählers gestört.

Später habe ich mit Sicherheit einige seiner Beiträge gelesen, so weit sie in der ZEIT erschienen. Dann habe ich die Propyläen Weltgeschichte erworben und einiges darin gelesen. Ob ich jemals einen der Texte Golo Manns darin gelesen habe, bevor ich heute ausdrücklich nach welchen suchte, weiß ich nicht. Doch sagt das nicht, dass ich nicht welche geschätzt habe. Mit Sicherheit war mir Alfred Heuss, den ich als Universitätslehrer erlebt habe, interessanter.

Schätzen gelernt habe ich Golo Mann über den ersten Teil seiner Autobiographie Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland, noch mehr freilich durch die zwei Fernsehinterviews, über die ich mich seiner Person noch näher fühlte. Imponiert hat mir seine intellektuelle Redlichkeit ("Natürlich habe ich seinen Tod gewünscht." über das Schicksal eines Mannes, der deutscher Schriftsteller werden will, aber es im Schatten seines Vaters nicht kann/wagt (?)) und seine Bescheidenheit und Befangenheit, die dieser hochbegabte, hochgebildete Mann im Interview erkennen ließ. Dann,  dass er Karl Jaspers rückhaltlos lobte, den Mann, der ihm die Freundschaft aufkündigte, weil G. Mann Hannah Arendt scharf kritisiert hatte. Ja, G. Mann brachte dann sogar Verständnis für Jaspers' Reaktion auf, weil er erfuhr, dass Jaspers persönliche Loyalitäten sehr wichtig waren. (Er hatte Thomas Mann nicht öffentlich kritisiert, weil er das seinem Freund Golo Mann nicht antun wollte.)
"Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann" habe ich mit einiger Mühe gelesen, weil ich über meinen Bruder lange über das Buch wusste und es mir zugänglich wurde (ausgeliehen, Geschenk?). Ich habe dann einen Wikipediaartikel dazu verfasst.
Den literarischen Stil habe ich meiner Erinnerung nach wiederum nicht geschätzt.

Jetzt habe ich Tilmann Lahmes Biographie Golo Manns endlich lesen können. Ein großer Erkenntnisgewinn, der die schweren Erfahrungen Manns deutlich vor Augen führen.
Freilich, im Vergleich zu der Biographie lese ich die autobiographischen Golo Manns viel lieber. Da passt der persönliche Erzählton und es rührt mich an, was er erzählt und was er weglässt. Freilich, mein Verständnis für die Person ist durch Lahmes Informationen gewachsen.

Mehr zu Golo Mann
Marcel Reich-Ranicki über Golo Mann (Youtube 62,5 Min.) - sehr treffend, aber gewiss weniger bescheiden und nicht von vornehmer Zurückhaltung - wie auch!
mehr zur Familie Mann