31 Oktober 2007

Doktor Faustus: Vereinnahmung - Montage-Technik

Kunstvoll, viele Ebenen ineinanderschiebend, anspruchsvoll in der Verabeitung des politischen Gegenstandes, der ethischen Frage, sowie der dämonisch-religiösen-antichristlichen Dimension der Kunst ist Thomas Manns Doktor Faustus auch ein Werk, das in manchem die Herübernahme des im realen Leben Geliebten in die Sphäre des literarisch Teuflischen sehr weit treibt.
Der geliebte Enkel, den er im Roman unter gräßlichen Schmerzen sterben lässt, seine Geliebten, die er porträtiert und durch die Art seiner Darstellung auch wieder herabsetzt, schließlich die Zwölftonmusik Schönbergs, von der er in der "Entstehung des Doktor Faustus" zu Recht sagt, dass es "fast etwas von Kränkung gehabt hätte, im Text seinen Namen zu nennen".
Ob mit Namen oder ohne Namen, der Zusammenhang, in den ein Mensch oder das Lebenswerk eines Menschen hier gestellt wird, hat etwas Kränkendes. Auch wenn Kunstnotwendigkeit es befiehlt und hohe Kunst das Ergebnis ist.
Ist aber nicht das Auslassen des Holocaust, die Parallelisierung des deutschen Geschehens von 1933 bis 1945 mit dem Teufelspakt eines Künstlers eine unzulässige Stilisierung des Banal-Bösen?
Doch darf andererseits die Verarbeitung (nicht die "Bewältigung") von Gegenwart durch Kunst dem Künstler verboten sein? Wenn die Satire alles darf, sollte die Kunst es nicht auch dürfen?
Was dürfen Satire und Kunst wirklich?

Thomas Mann hat selbst in der "Entstehung" von der "mich dauernd bestürzenden Rücksichtslosigkeit im Aufmontieren von faktischen, historischen, persönlichen, ja literarischen Gegebenheiten" gesprochen, wobei diese "Montage-Technik" aber zur "Idee des Buches" gehört habe. Möglich sei ihm diese Technik geworden, wegen des Charakters des Buches "als Geheimwerk und Lebensbeichte, der die Vorstellung seines öffentlichen Daseins überhaupt von mir fernhielt, solange ich daran schrieb". (Die Entstehung des Doktor Faustus, Schriften u. Reden zur Literatur, Kunst u. Philosophie Bd 3, Fischer Bücherei Moderne Klassiker 115, S.103)
Wir brauchen diese Äußerung freilich nicht für mehr zu nehmen als als Rechtfertigung der Kunstnotwendigkeit. Denn vorher hat er schon gesagt, dass sein "Lebensplan, der immer ein Arbeitsplan gewesen war" dies Thema "an das Ende gestellt hatte".
Alle seine vollendeten Arbeiten hatte er veröffentlicht. Der Plan sah mit der Verschränkung der Zeitebenen von Biographie und Erzählzeit Zeitblooms eine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vor. Die sollte der Öffentlichkeit vorenthalten werden?
Das ist nicht zu glauben, eher, dass Thomas Mann den Gedanken an die Veröffentlichung fernhielt, damit er "Gegebenheiten" einbringen könne, die bewusst der Öffentlichkeit vorzustellen, er sich nicht gestattet hätte. Wusste er doch, dass er die Episode mit Frido, "die Geschichte des Gotteskindes" in einer Sphäre der "Unmenschlichkeit" ("Entstehung des Doktor Faustus", S.101) erzählen würde.

27 Oktober 2007

Tallhover

Tallhover ist in Preußen für die politische Polizei tätig. Er versucht im Prozeß gegen die neue rheinische Zeitung Zeugen gegen Marx zu finden. In der DDR ist er immer noch tätig und zwar bei der Stasi. Er droht einem, der im damaligen Prozeß keine Aussage machen wollte, damit, ihn zu bestrafen, weil er gegen "uns" war.
Hauptteil des Buches sind freilich Tallhovers Beobachtungen Lenins während eines Deutschlandaufenthalts, seine Kritik an Lenins Fahrt durch Deutschland auf Abmachung mit der OHL, weil die Revolutionäre Gelegenheit bekamen, die Revolution auch in Deutschland voranzutreiben. Sein Bericht über Radek, seine Verhaftung und seine Kontakte. Wichtig sind auch die Berichte über seine Tätigkeit unter dem NS-Regime.
Immer dient er der Obrigkeit: dem preußischen König, der NS-Diktatur und der SED. Dass er sich dafür nicht zu verändern braucht, ist Schädlichs Aussage über die Rolle von SED und DDR.
Der Gedanke des ewigen Spions ist nicht schlecht (vgl. Grass). Außerdem gefällt auch die historische (?), jedenfalls Atmosphäre gebende Darstellung zu Uljanow (Lenin), der Fahrt durch Deutschland und zu Radek. Tallhover selbst bleibt blutleer. Der Vorwurf gegen Grass' Weites Feld trifft hier noch mehr. (Hans Joachim Schädlich)

10 Oktober 2007

Gesetze im Leben der Völker

Paul Schmidt sieht unabhängig von jeder Regierungsform moralische und wirtschaftliche Gesetze das Leben der Völker bestimmen:
Neben dem unerbittlichen Walten dieser moralischen Gesetze im Leben der Völker ist mir noch ein zweites während dieses Vierteljahrhunderts in den Konferenzsälen deutlich vor Augen getreten: die unwiderstehliche Macht der Wirtschaftsgesetze. [...] In dem Maße, wie die Völker und ihre politischen Führer in kurzsichtigem Egoismus von den Empfehlungen der unsentimentalen Wirtschaftssachverständigen abwichen und sich aus gefühlsmäßigen und politischen Gründen über die in unserem Zeitalter der Technik und des Verkehrs immer ausschlaggebender werdenden Gesetze des wirtschaftlichen Zusammenlebens hinwegsetzen, trieben sie die verelendeten Massen in die Arme der Fanatiker [...]

Statist auf diplomatischer Bühne, S.586f.

Das britische Ultimatum 1939

Paul Schmidt berichtet, Ribbentrop habe das britische Ultimatum am 3.9.1939 nicht selbst entgegennehmen wollen, sondern dies seinem Chefdolmetscher überlassen.
Als Schmit Hitler das Ultimatum übersetzt habe, habe dieser zunächst versteinert dagesessen und dann Ribbentrop wütend gefragt "Was nun?", weil dieser ihm immer angekündigt hatte, Großbritannien werde keinen Krieg wagen.
Göring habe seinerseits gesagt: "Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann möge uns der Himmel gnädig sein!" Und über Goebbels sagt Schmidt: Er "sah buchstäblich aus wie der bewußte begossene Pudel". (S.464)

Hitlers große Enttäuschungen 1940

Paul Schmidt weist in seinen Memoiren darauf hin, dass Hitler nach seinem Sieg über Frankreich vier große Enttäuschungen erlebte: Franco und Marschall Pétain ließen sich nicht dafür gewinnen, ein Bündnis gegen England einzugehen. (Franco knüpfte seine angebliche Bereitschaft an so anspruchsvolle Bedingungen - Waffen- und Getreidelieferungen (S.501) -, dass Hitler sie kaum erfüllen konnte. Ribbentrop scheiterte bei dem Versuch, dem spanischen Außenminister nachträglich durch Druck den Deutschen passendere Bedingungen aufzudrängen. (S.503))
Die dritte Enttäuschung erlebte Hitler, als Mussolini ihn mit seinem Angriff auf Griechenland vor vollendete Tatsachen stellte (so wie Hitler es zuvor immer wieder Mussolini gegenüber getan hatte).
Von Gesprächen zwischen Hitler und Mussolini bekam dieser übrigens nur von Hitler persönlich gekürzte Fassungen der Protokolle Paul Schmidts, die Schmidt freilich ebenfalls zu unterzeichnen hatte. (S.481)

Die vierte Enttäuschung, das "unendlich viel folgenschwerere Fiasko" (S.515) war nach Schmidt das Ergebnis der Gespräche mit Molotow im November 1940. Schmidt ist der Überzeugung*, dass Hitler aufgrund des Ausgangs dieser Gespräche sich für den Angriff auf die Sowjetunion entschloss (S.525) (und sieht sich darin durch die Memoiren des ehemaligen amerikanischen Außenministers Byrnes bestätigt).
Auf die vagen Angebote Hitlers forderte Molotow so konkrete Zusagen zur freien Hand in Finnland und zu freiem Zugang zur Nordsee - und viele andere - ein, dass Hitler den drohenden Fliegeralarm (wegen britischer Bomber) zum Anlass nahm, das Gespräch abzubrechen. (S.524)

* "Ich erkannte daraus, daß zwischen November 1940 und März 1941 die Schicksalsentscheidung Hitlers getroffen wurde, Rußland anzugreifen, die das Ende Deutschlands besiegelte." (S.517)

Hitler zuckte zurück

"Unter diesen Umständen ist es das beste, wenn ich gleich wieder abreise." (S.397) Diese Worte hat Neville Chamberlain nach der Darstellung des deutschen Chefdolmetschers Paul Schmidt am 15.9.1938 Hitler entgegengehalten, als er den Eindruck gewann, Hitler wolle auf jeden Fall gegen die Tschechoslowakei vorgehen. Daraufhin sei Hitler zurückgezuckt.

Insgesamt stellt Schmidt Chamberlain weit energischer vor, als das heutige Bild von der Appeasement-Politik ihn erscheinen lässt.

08 Oktober 2007

Kavallerieattacke von Borodino

Erst im Anreiten sahen wir, wo wir waren. Keine dreihundert Schritt' vor uns brannte Dorf Semenowskoi; zwischen uns und dem Dorfe aber und dann wieder über dasselbe hinaus standen schachbrettartig sechs russische Karrees, Gardegrenadierbataillone, die berühmten Regimenter Ismailoff, Litauen und Finnland. Ihr Feuer empfing uns aus nächster Nähe, aber ehe eine zweite Salve folgen konnte, waren die diesseits des Dorfes stehenden Vierecke niedergeritten, und durch das brennende Semenowskoi hindurch ging die Attacke, ohne Signal oder Kommandowort, aus sich selber heraus im Fluge weiter. Innerhalb des Dorfes freilich stürzten viele der vordersten Reiter in die den ehemaligen Wohnungen als Korn- und Vorratsräume dienenden, jetzt mit glühendem Schutt gefüllten Kellerlöcher, aber die nachfolgenden Rotten passierten glücklich die gefährlichen Stellen, und alles, was jenseits stand, teilte das Schicksal derer, die diesseits gestanden hatten. Das Regiment Litauen verlor in zehn Minuten die Hälfte seiner Mannschaften.

Aber nicht die ganze Brigade Thielmann war durch das brennende Dorf geritten; ein kleines Häuflein derselben, nicht hundert Mann stark und aus Bruchteilen beider Regimenter gemischt, hatte sich vielmehr, gleich nach dem Niederreiten der ersten Karrees, nach rechts hin tiefer in die russische Schlachtordnung hineingewagt, um hier dem Angriff einer eben hervorbrechenden feindlichen Kavallerieabteilung zu begegnen. Es glückte; die feindlichen Kürassiere wurden geworfen, und in Ausbeutung des auch an dieser Stelle beinahe unerwartet errungenen Erfolges jagten wir – ich selber gehörte dieser Abteilung zu – zwischen den massiert dahinterstehenden Bataillonskolonnen hindurch und erwachten erst wieder zu voller Besinnung, als wir uns plötzlich im Rücken der gesamten russischen Aufstellung sahen. Wir hätten von dieser Stelle aus leichter bis Moskau reiten können als bis an den Semenowskagrund zurück. Und doch mußten wir diesen Grund, die Scheidelinie zwischen Freund und Feind, wiederzugewinnen suchen.
Fontane: Vor dem Sturm, 3. Band, 11. Kapitel (Borodino)