09 Juni 2020

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Wo es Schulze gelingt, Sympathie für den monomanischen Antiquar zu wecken, ist es großartig und hilft es zum Verständnis von Susanne Dagen, deren Kreis sich Uwe Tellkamp zugeneigt hat. Da zeigt sich bei Schulze wie andererseits bei Johnson, dass die Zuordnung zu "Erklärer der DDR-Psyche" eine wichtige Funktion des Autors trifft, obwohl beide damit in eine Schublade eingeordnet werden, für die sie viel zu groß sind. 
Auf Seite 99, wo er nicht an der sanften Revolution von 1989 teilnimmt, habe ich das Buch erst einmal auf die Seite gelegt. Der Blick in Rezensionen bestätigt mir, dass es eine passende Stelle war. Großartig ist noch einmal die Darstellung der Geschichtsvergessenheit, mit der zusammen mit einseitig Ideologischem auch eine Unmenge wertvoller Beispiele hervorragender Editionstätigkeit auf die Müllhalde geworfen wurden, um die westdeutschen Verlage nicht einer Billigkonkurrenz auszusetzen. (Ein Parallelbeispiel zu der Abwicklung von Betrieben, die mehr wert waren, als die eine Mark, für die sie gekauft wurden.)

Doch die Teile 2 und 3 des Romans, so gut sie sich lesen, fallen doch stark ab.
Freilich, meine persönliche Abneigung gegen Whodunit-Spannung und der Ergründung der Psychologie von Mördern mag dabei eine Rolle spielen. 

Wenn Cornelia Geissler in der FR vom 4.3.2020 formuliert: "Der Roman lässt - getreu dem Motto - anfangs nicht ahnen, in welchem Maße er die Leser am Ende mit Fragen beunruhigt", so muss ich gestehen: Die Frage nach den Mördern interessiert mich nicht. 

Die Frage, die sie vorher nennt: "Wie konnte die gewonnene Freiheit viele Menschen im Osten zu einer Haltung führen, die Unfreiheit für andere fordert?", interessiert mich eher,  insbesondere die Frage: Wie können Autoren wie Tellkamp, die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld und Cora Stephan zu der Aussage kommen: „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“ (15.3.2018) (Sächsische Zeitung 17.3.2018)
Diese Frage wird für mich aber durch den Whodunit-Schluss verdeckt. 

Was Cornelia Geissler auf die Formel bringt, eine Haltung, "die Unfreiheit für andere fordert" (Fluchtabwehr), ist nämlich zu vereinfacht gestellt.

Zum historisch-politischen Hintergrund:
Susanne Dagen Leiterin des Kulturhauses Loschwitz
https://www.dnn.de/Nachrichten/Kultur/Regional/Lingnerpodium-Meinungsgraeben-muessen-kein-Unglueck-sein

Das Massenunglück, das zur Flucht der vielen führt, die traumatisiert in Europa ankommen:
Verelendung: Fluchtgründe, Beispiele für die Situation in einzelnen Ländern
Fluchtwege
Traumatisierung: Flüchtlingsschicksale 
Gründe für Fluchtabwehr: Münkler: Die neuen Deutschen


05 Juni 2020

Else Frobenius: Mit uns zieht die neue Zeit. Eine Geschichte der deutschen Jugendbewegung

Wieder hineingeschaut in Else Frobenius [Wikipedia]: Mit uns zieht die neue Zeit. Eine Geschichte der deutschen Jugendbewegung, Berlin 1927)
Gleich bleibt das Befremden über die Sprache verbunden mit dem Gefühl, dass sie wichtig ist, den Geist der Zeit wahrzunehmen.
Bemerkenswert das Gefühl, dass die Bewegung weitgehend die gesamte Jugend erfasst habe, dass eine Macht entstanden sei und dass sie auf eine Revolution hindränge.
Wichtig ist die Betonung des Gedankens, dass die Jugend sich selbst erziehen solle und dass zwischen den Knaben (Mitglieder, Scholaren) und den Jugendlichen (Bachanten - Jugendführer) als getrennten "Altersklassen" (Leo Frobenius) unterschieden werden solle.

Zitate:
An die Spitze des "Ausschusses für Schülerfahrten" tritt als Vorsitzender der Schriftsteller Wolfgang Kirchbach  [...] Er will 'eine Organisation schaffen, in der die Korporationen der jungen Leute, der Führer oder Bachanten und der Knaben zwei ganz selbstständige Gruppen bilden. In erster Linie soll durch Selbständigkeit eine Selbsterziehung und Selbstzucht unter der Jugend herbeigeführt werden ...' " (S. 25)
"Der Wandervogel erhebt sich. Ein kleiner Kreis romantischer Knaben hat ihn flügge gemacht. Man sieht in ihm eine harmlose Vereinigung für Schülerwandern. Niemand weiß, dass sein Schrei ein Vorbote nahenden Wetters ist, und dass der Sturm ihn einst tragen wird. Niemand weiß, dass ihm einst Scharen von Zugvögeln folgen werden, die ihren Flug hoch zum Firmament erheben. Und dass diese Jugendgründung Teil einer Bewegung ist, die noch wie ein Funke Im Verborgenen glimmt, aber bald als gewaltiges Feuermeer auflodern und Staat und Volk Aufruhr bringen wird." (S. 29)

Mädchenwandern
Auf der Altwandervogel-Hauptversammlung in Berlin stellt 1907 die Ortsgruppe Jena den Antrag, den 'Begriff der Jugend auch auf das weibliche Geschlecht auszudehnen' (immerhin ein Fortschritt gegen die Theologen des 18. Jahrhunderts, die darüber stritten, ob die Frauenzimmer auch Menschen wären!) 'und das Mädchenwandern in den Wandervogel aufzunehmen. In der ausführlichen Begründung ist von der Notwendigkeit der sogenannten Koedukation und vom Mädchenwandern insbesondere die Rede. [...]

Der Antrag wird mit allen gegen die Jenaer Stimmen abgelehnt. Seine Gegner bilden zwei Gruppen. Die einen stehen auf dem Standpunkt: 'Wat de Bur nicht kennt, dat freet he nich.'   'Mädchenwandern' ist für sie ein revolutionärer Begriff, den sie gewohnheitsmäßig ablehnen. Die Minderheit ist nicht überzeugt von dem gleichen Wert und der gleichen Art der Geschlechter innerhalb des Wandervogels,/ fürchtet eine ungesunde Entstellung des Wandervogelstils, der in allererster Linie Selbsthilfe der Jungen ist und wendet sich gegen die Gefahr der Verweichlichung, Zerfahrenheit und Blasiertheit, die beim Zusammenwandern entstehen könnte.
Oft ist es reines, ehrliches Knabenempfinden, das sich gegen die Mädchen sträubt, wenn es zum Beispiel heißt:
'Eine der größten Schwierigkeiten auf diesem Weg weiterzukommen, ist das Wandern mit Mädchen geworden. Gerade im Zusammensein mit ihnen ist es schwer, sich selbst treu zu bleiben, ehrlich der zu sein, der man ist. Man erliegt dann so leicht dem Wunsch, zu imponieren, mehr zu scheinen. Man redet nicht frei von der Leber herunter, sondern immer so, dass es so aussehen soll, als ob man weiß Gott was für ein Kerl sei. Wer es einmal erlebt hat auf mehrtägiger Fahrt oder am Abend nach einem ermüden den Klotzmarsch, auf einer Nachtfahrt, wie man ganz anders aus sich heraus geht, wie man sich selbst entdeckt und auch die heimlichen Gedanken dem Freund anvertraut, der erkennt mit Bedauern, Scham, wie er doch meist Theater spielt Mädchen gegenüber. Und das sind nicht die Schlechtesten, sondern die, die ernstlich suchen und streben. Solange wir diese innere Selbstständigkeit nicht errungen haben, sollten wir unter uns bleiben. [...]' " (S.67/68)

"Die Führung des D.B. [Deutscher Bund] geht jedoch an Heidelberg über, und Hans Breuer wird Bundesleiter. [...] Breuer macht für den inneren Ausbau Vorschläge, die schon die ganze Entwicklungslinie des Mädchenwanderns bis heute vorzeichnen:/
'Verzicht auf große Distanzmärsche dagegen starke Bevorzugung der Landheime; die für Mädchen recht schwierige Frage des abendlichen Quartiermachens fällt dadurch auch fort. [...] Im Gegensatz zu den Buben, wo es auf Tatkraft, Willens- und Charakterbildung ankommt, wird man den Aufenthalt in freier Natur mehr der Vertiefung des Gemüts- und Gefühlslebens weihen ... Die seichte Gleichmacherei, welche das Mädchenwandern mit Gewalt in einen Bubenschema hineinpressen will, soll keine Heimat bei uns finden ... " (S. 69/70)

"Die freie deutsche Jugend gibt den Idealen, die im Wandervogel noch nicht zu bewussten Zielsetzungen geworden sind, gedankliche Form und gestaltet sie zum gemeinsamen Bekenntnis der Jugendbewegung." (S. 99)
"Um die Jahrhundertwende entstehen in allen Kulturländern Jugendverbände. Der Grund mag ein doppelter sein. Die zunehmende Sonderung der Klassen, die eine Arbeiterbewegung, eine Frauenbewegung und Berufsbewegungen zeitigt, muss folgerichtig auch zu einer Jugendbewegung führen.
Andererseits liegt in der allgemeinen Mechanisierung des Lebens eine "Vermännlichung", eine Intellektualisierung des Seins, bei der die Jugend zu kurz kommt. So ist es erklärlich, dass ihr Eigenleben in eigenen Verbänden gepflegt werden soll. Auch die Erwachsenen erkennen das an. 
Neben dem Wandervogel, der einzig in seiner Art ist, weil urdeutsch und dem reinen Gefühl der Jugend entsprossen, bilden sich ungefähr um die Zeit seines Entstehens in Deutschland und anderen Ländern zahlreiche Jugendorganisationen. Unter ihnen nimmt die deutsche proletarische Jugendbewegung insofern eine Sonderstellung ein, als sie nicht von Erwachsenen, sondern von der Jugend begründet ist und darum auch den Anspruch erhebt, als 'Jugendbewegung' gewertet zu werden. Doch sind die Triebkräfte, die sie erweckt haben, völlig andere als die im Wandervogel. Dieser entstand aus der Sehnsucht nach innerlich befreitem Sein und wurde von Söhnen einer bürgerlichen Schicht begründet, / die äußere Sorge nicht kannten und nur Jungsein erkämpfen wollten. Die proletarische Jugendbewegung hingegen stellt von Anfang an ein klar umrissenes Programm auf, das ihre wirtschaftliche Lage bessern soll, und ist zum Teil politisch-kämpferisch eingestellt. Auch ist der Antrieb zu ihrem Zusammenschluss nicht romantischer Sehnsucht entsprossen, sondern geht zum Teil auf Anregungen aus dem Auslande zurück.
Die Internationale sozialistische Jugendbewegung nimmt ihren Ausgang von Jugendverbänden, die von den Arbeiterparteien gegründet werden, um die jungen Mitglieder der Partei zum Zweck der sozialistischen Propaganda zu organisieren. Schon am 1. November 1886 wird in Gent die erste sozialistische Jugendgruppe ins Leben gerufen. Die 'jungen sozialistischen Garden' Belgiens sind eine der ältesten und straffsten Jugendorganisationen. Die Aktion, zu der sie sich verpflichten, ist der Kampf gegen den Militarismus. Bulgarien gründet in den 90er Jahren sozialistische Jugendgruppen, Italien 1898, Dänemark und Norwegen 1899, Holland 1901." (Seite 100/101)
Else Frobenius verweist auf die Entstehung weiterer sozialdemokratischer Jugendgruppen in einer ganzen Reihe von europäischen Staaten. (S.101)
[dazu vgl. Geschichte der International Union of Socialist Youth]

(Frobenius S.123-137)
Gustav Wyneken verfasst das Einladungsschreiben:
„Die deutsche Jugend steht an einem geschichtlichen Wendepunkt. Die Jugend, bisher aus dem öffentlichen Leben der Nation ausgeschaltet und angewiesen auf eine passive Rolle des Lernens, auf eine spielerisch-nichtige Geselligkeit und nur ein Anhängsel der älteren Generation, beginnt sich auf sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von den trägen Gewohnheiten der Alten und von den Geboten einer häßlichen Konvention sich selbst ihr Leben zu gestalten. Sie strebt nach einer Lebensführung, die jugendlichem Wesen entspricht, die es ihr aber zugleich auch ermöglicht, sich selbst und ihr Tun ernst zu nehmen und sich als einen besonderen Faktor in die allgemeine Kulturarbeit einzugliedern. […] Sie, die im Notfall jederzeit bereit ist, für die Rechte ihres Volkes mit dem Leben einzutreten, möchte auch in Kampf und Frieden des Werktags ihr frisches reines Blut dem Vaterlande weihen." (Wikipedia)
Knud Ahlborn versucht im Sinne des Wandervogels den Einfluss der Erwachsenen gering zu halten.
Ferdinand Avenarius schreibt mit der Erfahrung des Kriegsbeginns ein Jahr nach dem Treffen das Gedicht "Ein Gruß an die Freideutschen":

[...] Und aus den heiligen Tiefen wuchs 
Ein Beten uns durchs Mark:
Gott, ist die Welt so voll des Trugs.
Mach frei uns, wahr und stark!
Ja, als zur Nacht der Flammenbrand
Auflohte unserem Bund, 
Da weihten wir dem Vaterland
Uns nicht nur mit dem Mund
[...] 
Am 10. Oktober, denkt ihr daran?
War das erst voriges Jahr?
Wie mancher reifte schnell zum Mann,
Der da noch Knabe war!
Nun suchen euch unsere Grüße gut
In Frankreich, in Rußland, zur See –
"Und du? … Und du?"  "Fragt nicht, es tut
Soldatentot nicht weh."

Doch decken ihn Flut des Meeresgrunds
Oder fremde Erde zu, 
Sein Geist, der ist und bleibt bei uns
Im alten Du und Du.
Vom Meißnerschwur durch jede Nacht
Singt der Wind einen Hall
Über Leben und Tod von Wacht zu Wacht:
"Beisammen sind wir all." (S.130/131)

Dieses Pathos, und die Verharmlosung des Krieges, die in die Darstellung von Else Frobenius (1927) noch hineinspielen und die die sinnlosen Opfer des Angriffs bei Langememarck zu mythisieren halfen, lassen sich in der nüchternen Darstellung der Wikipedia kaum erahnen. 



Alles Grundsätzliche und weiterführende Links finden sich in dem ersten Artikel von 2007. Sieh auch: Bündische Jugend und Wolf Meyen, Wandervogel und "Die Akten ..."

Inhalt:
































































03 Juni 2020

Christian Bommarius: 1949. Das lange deutsche Jahr

Christian Bommarius: 1949. Das lange deutsche Jahr, 2018

Unmittelbare Folgen der Währungsreform im Juni 1948.

August 1948
"Die extremen Preissteigerungen nach der Währungsreform führen [...] zu teilweise gewalttätigen Protesten. Am 2. August stürmen aufgebrachte Hausfrauen in München die Verkaufsstände auf dem Viktualienmarkt. [...] in einigen Städten - zum Beispiel in Lübeck - werden lokale Käuferstreiks organisiert." (S.38)

Januar 1949
Elisabeth Selberts Antrag zur Gleichberechtigung von Mann und Frau im Parlamentarischen Rat. Sie hat "die Frauen  zum Einsatz in eigener Sache aufgerufen, und überall hatte sie mit ihrem Appell Erfolg [...] 40 000 Metallarbeiterinnen aus der britischen Zone und 90 000 Frauen des Gewerkschaftbunds Württemberg-Baden [...] Die wichtigsten Unterstützerinnen hat Selbert in ihre unmittelbaren Umgebung mobilisiert - die Ehefrauen der Bonner Abgeordneten." (S.113)

"Der liberale Abgeordnete Thomas Dehler hatte Selbert an die absehbaren Konsequenzen ihres Antrags erinnert: "Dann ist das Bürgerliche Gesetzbuch verfassungswidrig." Nichts anderes wünscht Elisabeth Selbert. Am 18. Januar nimmt der Hauptausschuss Selberts Antrag ohne Gegenstimmen an: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." (S.114)
"Nicht zuletzt Selbers Erfolg wird Jahre lang dafür sorgen, dass regelmäßig neue Auflagen des Palandt mit überarbeiteter Kommentierung erscheinen. Denn es tritt ein, was Thomas Dehler befürchtet und Elisabeth Selbert verlangt hat: Das Grundrecht der Gleichberechtigung macht große Teile des bürgerlichen Rechts verfassungswidrig." (S.114)

Der Treibstoffverbrauch der Deutschen ist entschieden zu hoch. Ab Januar gilt die Kraftfahrzeug-Benutzungsverordnung, die Fahrten mit Kraftfahrzeugen zu Ausflugs-, Erholungs- und Vergnügungsfahrten verbietet. Das betrifft mehr Motorrad- als PKW- Fahrer – von diesen sind nicht einmal 500.000 unterwegs, von jenen fast 1 Million und das Verbot trifft vor allem Männer. [...] Die missbräuchliche Verwendung von Kraftfahrzeugen wird künftig mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren und mit Geldstrafen bis zu 100.000 DM bedroht. Als Missbrauch gelten Besuchsfahrten aller Art, aber auch Fahrten an Sonn- und Feiertagen. (S. 114/115)

Heinrich Hartmann: "Ab 1946 verhinderte dann insbesondere der Landesdirektor für Justiz, Erziehung und Kunst des Landes Südwürttemberg-Hohenzollern, der SPD-Politiker Carlo Schmid, eine Verhaftung Hartmanns. Schmid widersetzte sich damit den Entnazifizierungsbestimmungen und setzte gegenüber Henri Humblot, einem Mitglied der französischen Militärregierung von Württemberg-Hohenzollern, durch, Hartmanns Rolle im NS-System nicht publik zu machen und „äußerste Geheimhaltung“ zu wahren.

Ab 1946 versuchte Hartmann die Idee eines „Arbeitsdiensts“ für die Jugend neu anzugehen. Um, so Hartmann wörtlich, „dem schrecklichen Verwahrlosungsprozess vieler Jugendlicher“ entgegenzuwirken, „müssen wir uns jetzt … für die Jugend auf der Landstraße … einsetzen“. Hartmann sprach ab April 1946 mehrere hundert ehemalige HJ-Führer an, um diese für eine solche Organisation zu gewinnen, und sammelte diese im „Schwalldorfer Kreis“. Die französischen Behörden verhafteten am 8. April 1948 einige Mitglieder der Gruppe. Wie seinerzeit für Hartmann setzte sich Carlo Schmid nun für deren Freilassung ein, die er nach einigen Monaten bei der französischen Militärregierung auch erwirken konnte. Diese Freilassung nahm Hartmann dann gegenüber den Alliierten zum Anlass, die Entlassung aller inhaftierten HJ-Führer zu fordern. [...]

Am 11. Januar 1949 gründete Hartmann zusammen mit Carlo Schmid und Henri Humblot in den Räumen der Eberhard-Karls-Universität Tübingen den „Internationalen Bund für Kultur- und Sozialarbeit e.V.“, den Vorläufer des heutigen Internationalen Bundes (IB). Erklärtes Ziel war es (wie schon bei den früheren Bestrebungen Hartmanns), einen „Arbeitsdienst“ zu gründen und entwurzelten Jugendlichen eine neue Aufgabe zu geben. Hartmann sammelte ehemalige Nationalsozialisten um sich. So waren 1957 von 340 Mitarbeitern des IB 75 ehemalige hauptamtliche Mitarbeiter von NS-Organisationen. 1957 ermittelte auf Grund dessen der Bundesamt für Verfassungsschutz gegen den Verein, stellte die Untersuchungen jedoch bald wieder ein." (Wikipedia)

Marion Reinhardt, die die Geschichte des Internationalen Bundes (IB) untersucht hat, "kommt zu dem Schluss, dass seitens Schmid und Humblot die Gründung des Internationalen Bunds auch ein Versuch war, ehemalige Funktionäre der Hitlerjugend in den neuen deutschen Staat zu integrieren. Während Heinrich Hartmann gezielt ehemalige HJ-Führer für die Mitarbeit im IB interessierte, sollte das ehrenamtliche Präsidium, das aus unbelasteten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bestand, die Aufsicht haben. Reinhardt führt aus, dass damit auch die Entstehung von Untergrundbewegungen ehemaliger HJ-Funktionäre unterbunden werden sollte. Insofern sei die Gründung des IB eine Erfolgsgeschichte." (Wikipedia)


Fritz Bauer: "Einer seiner ersten Fälle als Generalstaatsanwalt in Braunschweig machte ihn auch außerhalb Deutschlands bekannt: 1952 war er der Ankläger im sogenannten Remer-Prozess. Bauer prägte dabei den Satz: „Ein Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtigt jedermann zur Notwehr.“[10] Infolge dieses Prozesses wurden die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 rehabilitiert und ihr Versuch, Hitler zu töten, legitimiert. Das Gericht schloss sich Bauers Auffassung in seinem Plädoyer an, der NS-Staat sei „kein Rechtsstaat, sondern ein Unrechtsstaat“ gewesen.[11]

Im Jahr 1957 informierte Fritz Bauer den Leiter der Israel-Mission in Köln, und damit den israelischen Geheimdienst Mossad, über den Wohnort Adolf Eichmanns in Argentinien, nachdem er diesen von dem in Argentinien lebenden ehemaligen KZ-Häftling Lothar Hermann erfahren hatte.[12][13] Bauer misstraute der deutschen Justiz und Polizei – er befürchtete, man werde Eichmann von dort aus warnen – und wandte sich früh direkt an Israel. Der israelische Fotograf und Mossadagent Michael Maor fotografierte 1960 heimlich die Unterlagen von Bauer. Diese Mitteilung war ein wichtiger erster Anstoß für Eichmanns Ergreifung 1960.[14] Zum Hintergrund dieses Vorgangs gehört, dass Bauers Antrag, die deutsche Bundesregierung möge sich um die Auslieferung Eichmanns in die Bundesrepublik bemühen, von der Regierung sofort abgelehnt worden war.[15]" (Wikipedia)

Vgl. Bommarius, S.178:

April 1949

"Der Beitrag Fritz Bauers zur strafrechtlichen Aufarbeitung des NS-Unrechts als Generalstaatsanwalt in Braunschweig und in Frankfurt am Main ist kaum zu ermessen. Er liefert den entscheidenden Hinweis für die Ergreifung Adolf Eichmanns, als Chef der zentralen Leitstelle zur Organisierung der "Endlösung" einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust, er setzt den ersten Ausschwitz-Prozess gegen 22 Angeklagte vor dem Landgericht Frankfurt am Main im Dezember 1963 durch, er thematisiert die Verbrechen der Wehrmacht und die Beteiligung des Auswärtigen Amtes an der Ermordung von sechs Millionen Juden. Heftiger als die 68er und Jahre vor ihnen bringt Fritz Bauer die Verhältnisse zum Tanzen, in der Justiz, aber auch und vor allem in der Gesellschaft. Er wird der bedeutendste Generalstaatsanwalt in der Geschichte der Bundesrepublik." (1949. Das lange deutsche Jahr, S.178)

Mai 1949:

"[...] Die erzreaktionären Professoren beherrschen die Verhältnisse. Man habe sie, ihrer 'alldeutschen und prohitlerschen' Gesinnung sicher, nicht gezwungen, in die Partei einzutreten oder zumindest ihnen das Hervortreten erspart. Der junge, liberale und anständige Privatdozent hingegen habe vor der Wahl gestanden, entweder jeder Schikane sich auszusetzen oder wenigstens pro forma in irgendeinen NS-Verein einzutreten. Da nun ein solcher Mann nach seiner so genannten Entnazifizierung, um wieder lesen zu dürfen, erst von der Universität erneut angefordert werden müsse, lehnten ihn dann die reaktionären Herren als Rache gegen seine anständige Gesinnung mit der Begründung ab, er sei Parteigenosse gewesen. Unter dem Titel Nazi würden also auf den Universitäten vornehmlich deren Gegner verfolgt:'Das ist so verrückt, dass man eine ganze Zeit braucht, um sich hinein zu finden.' " (S.182 - Bommarius referiert hier Max Horkheimer)

Dezember 1949

Wolfgang Hedler (S.290/91)

"Bekanntheit erlangte Hedler durch einen Vortrag in der Gaststätte „Deutsches Haus“ in Einfeld (heute zu Neumünster) am 26. November 1949, in dem er die Mitglieder des deutschen Widerstands als „Vaterlandsverräter“ beschimpfte und die deutsche Kriegsschuld bestritt. Dabei sagte er: „Ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das gegebene gewesen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Vielleicht hätte es andere Wege gegeben, sich ihrer zu entledigen.“ Daraufhin wurde ein Strafverfahren gegen Hedler angestrengt; am 31. Januar 1950 begann am Landgericht Kiel der Prozess gegen ihn wegen Verleumdung und Verunglimpfung. Die Richter, selbst ehemalige NSDAP-Mitglieder, sprachen Hedler am 15. Februar 1950 frei, was zu einer Welle der Empörung führte.[2] Im Berufungsverfahren wurde Hedler am 20. Juli 1951 wegen „öffentlicher Beleidigung in Tateinheit mit öffentlicher Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und mit öffentlicher übler Nachrede“ zu neun Monaten Haft verurteilt. Er legte zwar Revision beim Bundesgerichtshof ein, scheiterte damit jedoch im Mai 1952. Hedler musste sechs Monate seiner Strafe absitzen.[3]" (Wikipedia)

Zölibatsklausel (S.292/93)

"Ein verheirateter Beamter hat einen Beruf, eine verheiratete Beamtin hat zwei Berufe und kann deshalb entlassen werden." (S.292) 

Mit der Heirat muss sie aus dem Dienst scheiden und verliert auch ihre Ruhegehaltsansprüche [weil der Staat ja nur ihre Versorgung/Alimentierung sicherstellen müsse, was ja durch den Ehemann geschehe]. Und das obwohl "der Parlamentarische Rat erst vor wenigen Monaten beschlossen hat: 'Männer und Frauen sind gleichberechtigt.' "(S.292)

Lüth-Urteil S.295-97

Hans Ernst Schneider S.297-99 als Schneider  SS-Hauptsturmführer  als Hans Schwerte 

Literaturwissenschaftler, Professor und Rektor der RWTH Aachen.

"1951 lädt der Gesetzgeber 160 000 Beamte zur Rückkehr ein, die die Alliierten rausgeworfen hatten. Art. 131 Grundgesetz garantiert die Wiedereinstellung jener Beamter" (S.302), "die am 8. Mai 1945 versorgungsberechtigt waren und aus anderen als beamten- oder tarifrechtlichen Gründen keine oder keine entsprechende Versorgung mehr erhalten." (Wikipedia)


Nachwort:

Für mich völlig befremdlich ist, dass Bommarius in seinem Nachwort offenbar in Polemik gegen Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab"  (2010) eine Unterscheidung zwischen Bundesbürgern und Deutschen einführt, wobei überzeugte Demokraten Bundesbürger und die anderen alle nationalistische Deutsche seien.  

Da spricht mir die Definition eines Deutschen weit mehr an, die Herfried Münkler an fünf Identitätsmarker knüpft. Auch er führt diese Marker in polemischer Absicht gegen "Biodeutsche" ein, um deutlich zu machen, dass mancher Eingewanderte besser in die Bundesrepublik Deutschland passe als viele nationalistische Deutsche. Das geht aus folgendem Absatz hervor:

"Eine solche normative Identitätszuschreibung ändert nichts daran, dass diejenigen, die qua Geburt Deutsche sind, dies auch bleiben, wenn sie den Vorgaben dieser Zuschreibung nicht genügen. Aber sie haben dann keine Möglichkeiten mehr, diejenigen, die dieser Zuschreibung genügen und Deutsche werden wollen beziehungsweise es geworden sind, von der Zugehörigkeit auszuschließen." (Münkler: Die neuen Deutschen, 2016)

Dagegen formuliert Bommarius, um Ähnliches auszudrücken: "Ein Flüchtling, der in seiner Heimat für die Menschenrechte kämpfte und - um sein Leben zu retten - fliehen musste, ist uns, woher er auch kommt, vermutlich näher als die Großeltern, die an Schweine und Käfer dachten, wenn sie von deutschen Flüchtlingen sprachen - auch wenn der Flüchtling der Gegenwart, wie man so sagt, der deutschen Sprache nicht mächtig ist." (S.305)

Solche Art von polemischer Formulierung gegen frühere Generationen erscheint mir im Jahr 2018 völlig unangemessen.

Und ich lehne es ab, als Bundesbürger klassifiziert zu werden und somit von meinen Verwandten aus der DDR und mir nahestehenden Personen wie Thomas und Heinrich Mann, wie Fontane und Goethe geschieden zu werden. - Zugegebenermaßen wähle ich  damit ähnlich polemische Formulierungen wie Bommarius. Ich werde sie bei nächster Gelegenheit abschwächen. Aber für mein Befremden über Bommarius' Nachwort scheinen sie mir im Augenblick der richtige Ausdruck.



02 Juni 2020

George Orwell. 1984

Wikipedia: 1984 (Roman)

Rezension (englisch) von Isaac Asimov

   "Orwell did not foresee any of the significant economic changes that have
taken place since World War II. He did not foresee the role of oil or its
declining availability or its increasing price, or the escalating power of
those nations who control it. I don't recall his mentioning the word 'oil'."

deutsch:
 "Orwell hat keine der bedeutenden wirtschaftlichen Veränderungen vorausgesehen, die seit dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden haben. Er sah weder die Rolle des Öls voraus noch dessen abnehmende Verfügbarkeit oder den steigenden Preis oder die zunehmende Macht von Nationen, die es kontrollieren. Ich kann mich nicht erinnern, dass er das Wort 'Öl' erwähnt hat."

In der Tat, Orwell hat die Situation von 1984 nicht zutreffend beschrieben, wohl aber beängstigend genau die von 2020, nicht nur in China. 
Ich habe nicht viel von Asimov gelesen, aber er ist einer der Science Fiction Autoren, die mich am meisten beeindruckt haben. 
Man täte ihm Unrecht, wenn man von ihm Verständnis für Orwells Weitsicht erwarten würde. 
Nicht dass ich Orwell unterstellen würde, er hätte die Zukunft vorausgesehen, aber sehr reale Gefahren. Und leider bestehen die weiterhin fort.

31 Mai 2020

Hildegard Knef: Der geschenkte Gaul

Dieter Wunderlich über Knef: Der geschenkte Gaul

Wikipedia: Hildegard Knef
"Das Buch wurde in 17 Sprachen übersetzt und zum international erfolgreichsten Buch eines deutschen Autors seit 1945."

Sie hat tiefgehende Erfahrungen gemacht, hat Beobachtungsgabe, Menschenkenntnis, Sprache und Kunstverstand. Und sie kennt sich in dem meisten, was sie beschreibt, aus. Sie scheut vor Privatem nicht zurück, zeichnet eindrucksvoll privates Erleben und hält sich andererseits zurück.
Der große Respekt, der Marlene Dietrich, dieser Person aus einer anderen Welt, gezollt wird, wird in ihrer Schilderung menschlich verständlich. 

"Jede Nacht war Fliegeralarm, wir waren alle müde, [...] (im Luftschutzkeller:) betrachtete die Wasserrohre, schlief über unfertigen Schularbeiten ein, wachte bei Entwarnung wieder auf, schleppte die Koffer nach oben, schlief wieder ein, wurde geweckt durch den zweiten Alarm oder den Wecker, trank dünnen, aufgewärmten Kaffee, aß zweimal wöchentlich Eipulver aufgelöst und verrührt, gekocht, gebraten [...] trug selbst gestrickte Pullover aus kratziger Kriegswolle – Schafen wachsen in schwierigen Zeiten Borsten" (Seite 18)

"Die Bernhardstraße war ein Hufeisen ohne Rundungen, Ein Quadrat mit drei Schenkeln, eine Straße, die nach drei Himmelsrichtungen ging" (Seite 19)


"[...] die Amerikaner riefen: "Hallo Fraulein" [...] Die Engländer lehnten verhalten mit indiengeschulten Sahib-Mienen an Bar und Wänden." (S.103)

Boleslaw Barlog  (Theater)   Wolfgang Staudte (Filmregisseur, Die Mörder sind unter uns)  Erich Pommer (Filmproduzent)

"Im nur bedingt erlernbaren Beruf des Schauspielers fällt man in einen neuen Film, in eine neue Rolle wie in einen Gebirgssee zur Weihnachtszeit" (S.124)

"sie sind immer stolz auf das, auf das sie keinen Einfluss haben." (S.136)

"Ich schwimme zwischen Schnupfennebel und klebrigem Schlaf" (S.140)

In Kalifornien:
"Ein Paradies hat Palmen. [...]  dass ihre Blätter wie nasse Scheuertücher hängen, ist mir egal. Palmen sind Palmen und Hollywood ist nah." (S.160)

Else Bongers sagt ihr: "So geht es nicht weiter." (S.257) Hildegard drehe zu viele Filme, wolle den Regisseuren und dem Publikum gefallen, nett sein, und verliere so ihren eigenen Stil, sei nicht mehr sie selbst. (S.257/58)



27 Mai 2020

Wilhelm Hauff: Lichtenstein

Kapitel 5 
"[...] »Wie?« rief Georg mit Entsetzen, »Das hieße ja den Herzog um sein Land betrügen. Wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen und sein schönes Württemberg mit dem Rücken anzusehen?«
»Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter als etwa Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Wovon soll denn Hutten seine 42 Gesellen und ihre Diener besolden? Wovon denn Sickingen seine tausend Reiter und zwölftausend zu Fuß, wenn er nicht ein hübsches Stückchen Land damit erkämpft? Und meint Ihr, der Herzog von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt zunächst an Württemberg –.«
»Aber die Fürsten Deutschlands«, unterbrach ihn Georg ungeduldig, »meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, daß Ihr ein schönes Land in kleine Fetzen reißt? Der Kaiser, wird er es dulden, daß Ihr einen Herzog aus dem Land jagt?«
Auch dafür wußte Herr Dietrich Rat. »Es ist kein Zweifel, daß Karl seinem Vater als Kaiser folgt. Ihm selbst bieten wir das Land zur Obervormundschaft an, und wenn Österreich seinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen sein? Doch, seht nicht so düster aus. Wenn Euch nach Krieg gelüstet, dazu kann Rat werden. Der Adel hält noch zum Herzog, und an seinen Schlössern wird sich noch mancher die Zähne einbrechen. Wir verschwatzen übrigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, daß wir erfahren, was Frau Sabina uns gekocht hat.« Damit verließ der Schreiber des großen Rates von Ulm so stolzen Schrittes, als wäre er selbst schon Obervormund von Württemberg, das Zimmer seines Gastes.
Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zürnend schob er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mut zu seinem ersten Kampf geschmückt hatte, in die Ecke. Mit Wehmut betrachtete er sein altes Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater in manchem guten Streit geführt, den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesandt hatte. »Ficht ehrlich!« war das Symbol das der Waffenschmied in die schöne Klinge gegraben hatte, und er sollte sie für eine Sache führen, die ihre Ungerechtigkeit an der Stirn trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener Männer, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da sollten geheime Ränke, die Politica, wie Herr Dietrich sich ausdrückte, entscheiden? Wo ihn der fröhliche Glanz der Waffen, die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er nur den habgierigen Plänen dieser Menschen dienen? Ein altes Fürstenhaus, dem seine Ahnen gerne gedient hatten, sollte er von diesen Spießbürgern vertreiben sehen? Unerträglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft sich belehren lassen zu müssen.
Doch dem Unmut über seinen gutmütigen Wirt konnte er nicht lange Raum geben, wenn er bedachte, daß ja jene Pläne nicht in seinem Kopf gewachsen seien und daß Menschen, wie dieser politische Ratsschreiber, wenn sie einmal ein Geheimnis, einen großen Gedanken in Erfahrung gebracht haben, ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; daß sie sich mit dem adoptierten Kind brüsten, als wäre es Minerva, aus ihrem eigenen harten Kopf entsprungen.
Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch rief.
Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei weitem erträglicher, als er sich erinnerte, daß ja auch Mariens Vater dieser Partei folge. Es war ihm, als möchte die Sache doch nicht so schwarz sein, welcher Männer wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.


Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
Das schnell sich handhabt wie des Messers Schneide –
– Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,
Bös oder gut. –


Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung Georgs bezeichnen, die Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell seine Ansicht über jene Dinge änderte. Und wie die düsteren Falten des Unmuts, auf einer jugendlichen Stirne sich schneller glätten, wie selbst schmerzliche Eindrücke in des Jünglings Seele von freundlichen Bildern leicht verdrängt werden, so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an den Abend.

Man hat uns erzählt, daß unter die schönsten Stunden im Leben der Liebe, die gehören, wo die Erwartung sich an schöne Erinnerungen knüpft. Der Geist seie da ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg fühlen. Er träumte von den schönen Augenblicken, wo es ihm vergönnt sein werde, die Geliebte zu sehen, sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen und in ihrem Auge zu lesen.

Kapitel 6


[...] Man blies schon längst zum ersten Tanz auf, als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke schweiften durch die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem jungen, fränkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede, die er an sie richtete, kein Gehör zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdrücken; ganz anders als die übrigen Fräulein, die in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik, das andere dem Tänzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Tänzern zuwandten, um zu prüfen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiß auf sie gerichtet sei.
In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten und endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam, ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu führen. Er flüsterte ihm zu, daß er selbst schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Berta versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast geworben.
Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung dessen, was sie über ihn gesprochen, Bertas angenehme Züge mit hoher Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte, ließ sie nicht bemerken, welches Entzücken ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mühsam nach Atem suchte, wie ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.
»Da bringe ich Euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast«, begann der Ratsschreiber, »der um die Gunst bittet, mit Euch zu tanzen.«
»Wenn ich nicht schon diesen Tanz meinem Vetter zugesagt hätte«, antwortete Berta, schneller gefaßt als ihre Base, »so solltet Ihr ihn haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen.«
»So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?« fragte Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.
»Ich bin an Euch versagt«, antwortete Marie. So hörte er denn zum ersten Mal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den süßesten Namen genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold anblickten wie vormals.
Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg Truchseß, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner Tänzerin vor, die Fackelträger folgten, die Paare ordneten sich, und auch Georg ergriff Mariens Hand und schloß sich an. Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten; und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen nicht so glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düstere Wolke von Schwermut oder Trauer um ihre Stirn. Sie sah sich um, ob Dietrich und Berta, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe seien. – Sie waren fern.
»Ach, Georg«, begann sie, »welch unglücklicher Stern hat Dich in dieses Heer geführt?«
»Du warst dieser Stern, Marie«, sagte er, »Dich habe ich auf dieser Seite geahnt, und wie glücklich bin ich, daß ich Dich fand! Kannst Du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher beiseite legte und Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, daß der deinige sehen soll, daß seine Tochter keinen Unwürdigen liebt.«
»Ach Gott! Du hast doch dem Bund noch nicht zugesagt?« unterbrach sie ihn.
»Ängstige Dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht völlig zugesagt; aber es muß nächster Tage geschehen. Willst Du denn Deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gönnen? Warum magst Du um mich so bange sein? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit uns.«
»Ach, mein Vater, mein Vater!« klagte Marie. »Er ist ja – doch brich ab, Georg, brich ab – Berta belauscht uns; aber ich muß Dich morgen sprechen, ich muß, und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! Wenn ich nur wüßte wie?«
»Was ängstigt Dich denn nur so?« fragte Georg, dem es unbegreiflich war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben, nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? »Du stellst Dir die Gefahren größer vor, als sie sind«, flüsterte er ihr tröstend zu. »Denke an nichts, als daß wir uns jetzt wieder haben, daß ich Deine Hand drücken darf, daß Auge in Auge sieht wie sonst. Genieße jetzt die Augenblicke, sei heiter!«
»Heiter? Oh, diese Zeiten sind vorbei, Georg! Höre und sei standhaft – mein Vater ist nicht bündisch!«
»Jesus Maria! Was sagst Du?« rief der Jüngling und beugte sich, als habe er das Wort des Unglücks nicht gehört, herab zu Marien. »Oh sag, ist denn Dein Vater nicht hier in Ulm?«
Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam geflossen; sie antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging mit gesenktem Haupt, nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekämpfen, neben Georg her. Endlich siegte der starke Geist dieses Mädchens über die Schwäche ihrer Natur, die einem so großen, tiefen Kummer beinahe erlegen wäre. »Mein Vater«, flüsterte sie, »ist Herzog Ulrichs wärmster Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, führt er mich heim auf den Lichtenstein!«
Betäubt wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tönen schmetterten die Trompeten, sie begrüßten den Truchseß, der eben an dem Musikchor vorüberzog, er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstücke zu, und von neuem erhob sich ihr betäubender Jubel.
Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt dieser Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein Geflüster über sie im Saal erging, das sie als das schönste Paar pries.
Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehört. Sie war zu gutmütig, als daß Neid darüber in ihre Seele gekommen wäre, aber sie setzte sich doch im Geist an Mariens Platz, und fand, daß man vielleicht das Paar nicht minder schön gefunden hätte. Auch das Gespräch, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange sprach, schien mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Tänzer. Die Musik hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde wurde in ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar, um ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gespräch verstummte, als sie näherkam, oder wurde so leise geführt, daß sie nichts davon verstand.
Ihr Interesse an dem schönen jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lästig geworden als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, hinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie war froh, als endlich der Tanz endete. Denn sie durfte hoffen, daß der nächste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer für sie sein werde.
Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung, Georg kam, sie um den nächsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hüpfte fröhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte. Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, daß er sich immer erst wieder sammeln mußte, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.
War dies jener »höfliche Ritter«, welcher sie, ohne daß sie sich je gesehen hatten, so freundlich grüßte? War es derselbe, welcher so heiter, so fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte? Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder sollte diese –? Ja, es war klar, Marie hatte ihm besser gefallen, ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm getanzt. Je weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie sich beeifern zu müssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie setzte daher mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das Gespräch über den bevorstehenden Krieg, das sie mit Mühe angesponnen hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Ratsschreiber traten.
»Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnt?«
»Es ist mein erster«, antwortete dieser kurz angebunden, denn er war unmutig darüber, daß jene ihn noch immer im Gespräch halte, da er mit Marie so gerne gesprochen hätte.
»Euer erster?« entgegnete Berta verwundert, »Ihr wollt mir etwas weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirn.«
»Die bekam ich auf der hohen Schule«, antwortete Georg.
»Wie? Ihr seid ein Gelehrter?« fragte jene eifrig weiter. »Nun, und da seid Ihr gewiß recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna, oder gar bei den Ketzern in Wittenberg.«
»Nicht so weit, als Ihr meint«, entgegnete er, indem er sich zu Marien wandte, »ich war in Tübingen.«
»In Tübingen«, rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Röte der Scham auf den Wangen, vor ihm stand, überzeugte sie, daß die lange Reihe von Schlüssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund hatten. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige Ritter begrüßt, warum Marie geweint, die ihn gewiß gerne auf der feindlichen Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich, sie mußten sich längst gekannt haben.
Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung Bertas Herz bestürmte; sie errötete vor sich selbst, wenn sie sich gestand, nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele ein ganz anderer Gegenstand beschäftige. Unmut über Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie suchte Entschuldigung für ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base. Hätte diese ihr gestanden, in welchem Verhältnis sie zu dem jungen Mann stehe, sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wäre ihr dann, meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie diese Beschämung erfahren.
Berta hat an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über dem größeren Schmerz, der seine Seele beschäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es auch, daß er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestört zu sprechen, der Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über Mariens Schicksal und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzuflüstern, er möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht irgendeine Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.
Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Berta hatte auf alle Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, daß sie ahnte, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein großer Schmerz beschäftigte, war nach und nach immer düsterer, einsilbiger geworden.
Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen freundschaftlichen Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge Mädchen nur zu noch engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es heute! Berta hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, daß es in langen Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte. Sie versuchte, es unter das Nachthäubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zu Rande, aber zu stolz, ihrer Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinn nannte, ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.
Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf und trat hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und aufzubinden.
»Hinweg, Du Falsche!« rief die erzürnte Berta, indem sie die hilfreiche Hand zurückstieß.
»Berta; hab' ich dies um Dich verdient?« sprach Marie mit Ruhe und Sanftmut. »Oh wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich bin, Du würdest sanfter gegen mich sein!«
»Unglücklich?« lachte jene laut auf, »unglücklich! Vielleicht, weil der artige Herr nur einmal mit Dir tanzte?«
»Du bist recht hart, Berta«, antwortete Marie, »Du bist böse auf mich und sagst mir nicht einmal warum?«
»So? Du willst also nicht wissen, daß Du mich betrogen hast? Nicht wissen, wie mich Deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung aussetzten? Ich hätte nie geglaubt, daß Du so schlecht, so falsch, an mir handeln würdest!«
Von neuem erwachte in Berta das kränkende Gefühl, sich hintangesetzt zu sehen. Ihre Tränen strömten, sie legte die heiße Stirn in die Hand, und die reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die Weinende.
Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte diese Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: »Berta! Du schiltst meine Heimlichkeit. Ich sehe, Du hast erraten, was ich nie von selbst sagen konnte. Setze Dich selbst in meine Lage. Ach, Du selbst, so heiter und offen Du bist, Du selbst hättest mir Dein Geheimnis nicht vertrauen können. Aber jetzt ist es ja aus. Du weißt, was meine Lippen auszusprechen sich scheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und nicht erst von gestern her. Willst Du mich hören? Darf ich Dir alles sagen?«
Bertas Tränen flossen noch immer. Sie antwortete nicht auf jene Fragen, aber Marie hob an zu erzählen, wie sie Georg im Haus der seligen Muhme kennengelernt habe. Wie sie ihm gut gewesen, lange ehe er ihr seine Liebe gestanden. [...]"
(Wilhelm Hauff: Lichtenstein Kapitel 5 und 6)