10 April 2013

Seltsame Gefangenschaft


So war der erste Tag aus. Das Abendessen, wozu Victor um neun Uhr beschieden war, endete für ihn, wie gestern. Der Oheim führte ihn in seine Zimmer und sperrte das Eisengitter des Ganges ab.
Den alten Christoph hatte Victor den ganzen Tag nicht gesehen, nur die alte Frau allein wartete bei Tische auf – wenn man nehmlich das »aufwarten« nennen kann, daß sie die Speisen brachte und forttrug. Alles andere hatte der Oheim selber gethan; auch die Käse und Weine hatte er wieder eingesperrt.
Als man des andern Morgens vom Frühstüke aufgestanden war, sagte er zu Victor: »Komme ein wenig herein da.«
Mit diesen Worten schloß er eine kaum erkennbare Tapetenthür des Speisezimmers auf, und schritt in ein anstoßendes Gemach, wohin ihm Victor folgte. Das Gemach war wüste eingerichtet, und enthielt mehr als hundert Feuergewehre, die nach Gattungen und Zeiten in Glasschreinen waren. Hüfthörner, Weidtaschen, Pulvergefäße, Jagdstöke und noch tausenderlei dieser Dinge lagen herum. Sie gingen durch dieses Zimmer hindurch, dann durch das anstoßende, das wieder leer war, bis sie in ein drittes kamen, in dem einige alte Geräthe standen. An der Wand hing ein einziges Bild. Es war rund, wie die Schilde, worauf man die Wappen zu malen pflegt, und war von einem breiten ausgeflammten und durchbrochenen Goldrahmen hohen Alters umschlossen.
»Das ist das Bild deines Vaters, dem du sehr gleich siehst,« sagte der Oheim.
Ein blühend schöner Jüngling, fast eher noch ein Knabe zu nennen, war in einem bauschigen braunen mit Goldtressen besezten Kleide auf dem runden Schilde abgebildet. Die Malerei, obwohl kein Meisterstük ersten Ranges, war doch mit jener Genauigkeit und Tiefe der Behandlung begabt, wie wir sie noch recht oft auf den Familienbildern des vorigen Jahrhunderts sehen. Jezt nimmt Oberflächlichkeit und Rohheit der Farbe überhand. Besonders rein waren die Goldborden ausgeführt, die noch jezt mit düsterem Lichte funkelten, und von den schneeweiß eingestäubten Loken und dem lieblichen Angesichtchen, dessen Schatten ganz besonders rein und durchsichtig waren, sich gut abhoben.
»Es ist in der adeligen Schule die närrische Sitte gewesen,« sagte der Oheim, »daß alle Zöglinge zum Andenken abgebildet, und in solchen runden Schildern mannigfaltig bald in Gängen, bald in Vorsälen, und gar in Zimmern aufgehängt wurden. Die Rahmen kauften sie sich selber dazu. Dein Vater ist immer eitel gewesen und ließ sich malen. Ich war viel schöner, als er, und saß nicht. Als die Schule einging, kaufte ich das Bild hieher.«
Victor, der sich seines Vaters so wie seiner Mutter gar nicht mehr erinnern konnte, da sie ihm beide, zuerst die Mutter und sehr bald darauf der Vater in frühester Kindheit weggestorben waren, stand nun vor dem Bilde dessen, dem er das Leben verdankte. In das weiche Herz des Jünglings kam nach und nach das Gefühl, das Waisen oft haben mögen, wenn sie, während andere ihre Eltern in Leib und Leben vor sich haben, blos vor den gemalten Bildern derselben stehen. Es ist ein von einer tiefen Wehmuth reiches, und doch einen traurig süssen Trost gebendes Gefühl. Das Bild wies in eine weite längst vergangene Zeit zurük, wo der Abgebildete noch glüklich, jung und hoffnungsreich gewesen war, so wie der Betrachter jezt noch jung und voll der unerschöpflichsten Hoffnungen für diese Welt ist. Victor konnte sich nicht vorstellen, wie vielleicht derselbe Mann später in dunklem einfachen Roke und mit dem eingefallenen sorgenvollen Angesichte vor seiner Wiege gestanden sein mag. Noch weniger konnte er sich vorstellen, wie er dann auf dem Krankenbette gelegen ist, und wie man ihn, da er todt und erblaßt war, in einen schmalen Sarg gethan und in das Grab gesenkt habe. Das alles ist in eine sehr frühe Zeit gefallen, wo Victor die Eindrüke der äußeren Welt noch nicht hatte, oder dieselben nicht für die nächste Stunde zu bewahren vermochte. Er sah jezt in das ungemein liebliche, offene und sorgenlose Angesichtchen des Knaben. Er dachte, wenn er noch lebte, so würde er jezt auch alt sein, wie der Oheim; aber er konnte sich nicht vorstellen, daß der Vater dem Oheime ähnlich sehen würde. [...]

Der Oheim stand indessen an der Seite und sah das Bild und den Jüngling an. Er hatte keine sonderliche Theilnahme gezeigt, und wie Victor die erste Bewegung machte, sich von dem Bilde zu entfernen, ging er gleich voran, um ihn aus den Zimmern zu führen, wobei er weder von dem Bilde noch von dem Vater etwas anders sagte, als die Worte: »Es ist eine erstaunliche Aehnlichkeit.«
Als sie wieder in das Tafelzimmer gekommen waren, schloß er sorgfältig die Tapetenthür, und begann auf die gewöhnliche Weise in dem Gemache herum zu gehen, und in den herumliegenden und stehenden Sachen zu greifen, zu stellen und zu ordnen, woraus Victor aus Erfahrung erkannte, daß er jezt vor der Hand nichts mehr mit ihm zu thun haben wolle.
[...]
Der dritte Tag verging, wie die ersten zwei. Und es verging der vierte und es verging der fünfte. Drüben stand immer die Grisel, rechts und links standen die blaulichen Wände, unten dämmerte der See, und mitten leuchtete das Grün der Baumlast der Insel, und in diesem Grün lag wie ein kleiner grauer Stein das Kloster mit dem Hause. Der Orla ließ manches blaue Stük durch die Baumzweige darauf nieder schimmern.
Victor war bereits an allen Stellen der Einfassungsmauer gewesen, auf allen Bänken des Sandplazes oder Gartens war er gesessen, und auf allen Vorgebirgen des Ufersaumes des eingefaßten Plazes war er gestanden.
Am sechsten Tage konnte er es nicht mehr so aushalten, wie es war, und er beschloß der Sache ein Ende zu machen.
Er Weidete sich früh Morgens sorgfältiger an, als er es gewöhnlich that, und erschien so bei dem Frühstüke. Nachdem dasselbe vorüber war, und er schon neben dem Oheime in dem Zimmer stand, sagte er: »Oheim, ich wünschte mit euch etwas zu reden, wenn ihr nehmlich Zeit habt, mich anzuhören.«
»Rede,« sagte der Oheim.
»Ich möchte euch die Bitte vortragen, mir in Gefälligkeit den Grund zu eröffnen, weßhalb ich auf diese Insel kommen mußte, wenn ihr nehmlich einen besonderen Grund hattet; denn ich werde morgen meine Abreise wieder antreten.«
»Die Zeit bis zur Uebernahme deines Amtes dauert ja noch über sechs Wochen,« antwortete der Oheim.
»Nicht mehr so lange, Oheim,« sagte Victor, »nur noch fünf und dreißig Tage. Ich möchte aber noch einige Zeit, bevor ich in das Amt trete, in meinem zukünftigen Aufenthaltsorte zubringen, und möchte deßhalb morgen abreisen.«
»Ich entlasse dich aber nicht.«
»Wenn ich euch darum bitte, und wenn ich euch ersuche, mich morgen oder, wie es euch gefällig ist, übermorgen in die Hul hinüber führen zu lassen, so werdet ihr mich entlassen,« sagte Victor bestimmt.
»Ich entlasse dich erst an dem Tage, an dem du nothwendig abreisen mußt, um zu rechter Zeit bei deinem Amte eintreffen zu können,« erwiederte hierauf der Oheim.
»Das könnt ihr ja nicht,« sagte Victor.
»Ich kann es wohl,« antwortete der Oheim; »denn die ganze Besizung ist mit einer starken Mauer umfangen, die noch von den Mönchen herrührt, die Mauer hat das Eisengitter zum Ausgange, das niemand anderer als ich zu öffnen versteht, und der See, welcher die fernere Grenze macht, hat ein so steiles Felsufer, daß niemand zu dem Wasser hinunter kommen kann.«
Victor, der von Kindheit an nie die kleinste Ungerechtigkeit hatte dulden können, und der offenbar das Wort »können« im sittlichen Sinne genommen hatte, wie es sein Oheim im stofflichen nahm, wurde bei den lezteren Worten im ganzen Angesichte mit der tiefsten Röthe des Unwillens übergossen, und sagte: »So bin ich ja ein Gefangener?«
Stifter: Der Hagestolz, Kapitel Aufenthalt, S.342-348

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