"Das erste Schuljahr" und "Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr" von Agnes Sapper schildern eine eindrucksvoll fremde Welt, mit gestrengem Vater, mit höherer Töchterschule und Bediensteten. Gegenüber der "Familie Pfäffling“ ist es eine großbürgerliche Welt. Das Geschehen spielt sich in der Hauptstadt ab, der Vater arbeitet im Ministerium, es gibt einen Empfang bei der Königin, und es gelten strenge Regeln, so z.B. die, daß man Romane nur lesen darf, wenn die Eltern sie einem ausgesucht haben.
Und eine junge Frau, die wegen eines Zerwürfnisses mit ihrer Familie von zu Hause fortgegangen ist und als Lehrerin arbeitet, findet ihren Seelenfrieden erst wieder, als sie reuevoll nach Hause zurückkehrt.
Gretchen Reinwald und ihre Eltern dürfen sich schmeicheln, die heftig Widerstrebende wieder auf den rechten Weg gebracht zu haben.
Trotzdem: die höchst pädagogisch eingerichtete Welt, in der selbst die Todesfälle während der Tauffeier ihren sinnstiftenden Bezug haben und Diener und Dienerinnen stolz sind, wenn sie an "ihr Fräulein" denken, hat irgendwo auch etwas Anheimelndes für mich.
15 Jahre darauf:
Es ist für einen erwachsenen Leser natürlich klar, was mir als Kind bei der Lektüre der Familie Pfäffling noch nicht klar war: Die Gesellschaft, in der die Handlung spielt, ist das Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg, eine Gesellschaft, in der der Adel und der Hof noch die tonangebenden Kräfte waren, Standesprivilegien selbstverständlich.
Dass alle Verwicklungen zu einem Happy End führen und letztlich der großmütige Verzicht der Heldin auf ein Vorrecht gegenüber ihrer Freundin dank eines besonderen Gnadenaktes der Königin (12. Kapitel) dazu führt, dass beide Freundinnen an dem Fest bei der Königin teilnehmen können, passt in diese Gesellschaft.
Es ist eine Gesellschaft, in der die Dienstboten die einzige Beziehung der besseren Gesellschaft zur arbeitenden Bevölkerung darstellen und in der die Dienstboten ihre Stellung in er Gesellschaft nach dem Stand ihrer Herrschaft beurteilen und demgemäß auch die Erfolge der Kinder ihrer Herrschaften für sie von entscheidender Bedeutung sind.
Was war daran das "Anheimelnde" für mich. Es ist eine Art Märchenwelt, in der zwar Verfehlungen und Strafen, aber kein Einbruch von Gewalt oder gesellschaftlicher Umbruch denkbar sind. Eine Kinderwelt, in der die Erwachsenen noch den Schutz vor allen Gefahren bieten können (jedenfalls die Eltern der Helden).
Das Pädagogische daran verhindert das Abgleiten in reinen Kitsch. Die erzieherische Absicht der Verfasserin scheint durch jedes Handlungselement hindurch.
Gemessen an Vom Winde verweht, Früchte des Zorns, Jenseits von Eden ... , wo die Außenwelt die handelnden Personen im Griff hat und Notsituationen auftreten, wie man sie in der Bundesrepublik von 1949-2026 , noch nie erlebt hat (freilich in dichterisch schöner Form gebändigt) hat das schon etwas "Heimeliges", was einem Schilderungen aus der NS-Zeit und stalinistischem Terror vorenthalten.
Sieh auch: Die alte Stricklehrerin aus: Für kleine Mädchen - Hier besteht die fast gesamte recht einfach gestrickte Erzählung aus der Moral.
Agnes Sapper: Das kleine Dummerle und Familie Pfäffling in Gutenberg.de
Texte von Agnes Sapper in gutenberg.org
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