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04 November 2013

Jodi Picoult: Schuldig

Wenn man abends zwei Stunden behagliches Lesevergnügen zu einem Gläschen Rotwein haben will, ist das Buch Jodi Picoult: Schuldig (The Tenth Circle, 2006) nicht das Richtige.
Aber wenn man mal einen Pageturner braucht, damit man sieht, mein Alltagsärger ist doch relativ harmlos, dann hat es Sinn, nach diesem Buch zu greifen. 
Es geht u.a. um die fließende Grenze zwischen einverständlichem Sex und Vergewaltigung, um "kleine Lügen" zum Schutz der Privatsphäre und um Sprachlosigkeit innerhalb der Familie und darum, dass das Bedürfnis nach Liebe wie auch das Bedürfnis, eine Person zu schützen, in extreme Schwierigkeiten bringen kann. 
Jodi Picoult versteht ihr Handwerk: Die Heldin Trixie heißt Beatrice nach der Geliebten Dantes, denn ihre Mutter Laura ist erfolgreiche Universitätsprofessorin. Ihr Vater Daniel ist nicht nur unter Eskimos aufgewachsen und von ihrem Geisterglauben infiziert, sondern auch ein genialer Comiczeichner, der es versteht, über ein Schnellporträt Lauras ein Rendezvous mit dieser spröden Intellektuellen zu arrangieren. Und so wie Laura Schriftzeichen in ihrem Porträt entdeckt, können wir in den  - in den Text eingestreuten - Comiczeichnungen einen Text herausfinden. Die Auflösung lässt sich auf www.jodipicoult.com finden.

Keine hohe Literatur, doch der Text stößt durchaus Gedanken an. Und wenn man aus seiner Welt wieder auftaucht, hat man vielleicht sogar eine Katharsis erlebt.

Interview mit Jodi Picoult über The Tenth Circle
"The more I learned, the more I realized that the epic poem and the comic book genre have a lot more in common than you’d think, since they both view a man’s life as the struggle between good and evil; they both address the vast gap between whom we pretend we are and whom we truly are."

10 Februar 2013

Death comes to Pemberley: P.D. James schreibt eine Fortsetzung zu Jane Austen

Ich könnte mir denken, dass P.D. James sich mit knapp 90 Jahren den Luxus gegönnt hat, einen ganzen Roman (eben diesen: "Death comes to Pemberley") zu schreiben, um einen Epilog zu "Pride and Prejudice" (Stolz und Vorurteil) schreiben zu können, der die Hauptpersonen dieses Romans in einer Situation zeigt, die man Jane Austen gegönnt hätte.

CHARLES McGRATH schreibt in der New York Times über diesen Roman:
"The story is set in 1803, six years after “Pride and Prejudice” was finished (though it wasn’t published until 1813) and presumably when the marriage of Elizabeth and Darcy took place. [...] Ms. James cleverly weaves in references to both “Emma” and “Persuasion” in a way that expands the world of her novel, and “Death Comes to Pemberley” also has a descriptive density greater than any of Austen’s books. Austen could take the 19th century, its customs and culture, for granted. Ms. James very satisfyingly recreates them."
Damon Suede kritisiert ihn scharf:
"If you are an Austen fan you'll loathe it; if you are a mystery fan you'll find it juvenile and obvious; if you're an educated reader you'll feel insulted and bored. Neither fish nor fowl, the book exists as a kind of a trout with wings (or sparrow with gills) expiring painfully and repetitively for 280 unwitty pages. About halfway through I realized that this is EXACTLY the kind of Austen pastiche enjoyed by people who don't actually read Austen, and who believe that all period fiction just needs some velvet and horses and servants to thrill us to our middlebrow Masterpiece Theatre marrows. When I'd finished, I tried to imagine the intended audience... Best I could come up with: elderly suburban nonreaders who love telly but can't follow any story without coaching from well-meaning relatives and a repeated peeks at the TV Guide blurb." 
 Nach dieser zweiten Charakterisierung des Romans bin ich ein Jane-Austen-Fan, der nie Jane Austen gelesen hat und Krimis nicht liebt. (Letzteres trifft für mich zu.) Da aber leider kein neues Werk von Jane Austen zu erwarten ist, ziehe ich diese Fortsetzung eines ihrer Romane allen anderen mir bekannten Austen-Imitaten vor.
Anders gesagt: Wenn P.D. James mit diesem Roman als Erstlingswerk herausgekommen wäre, hätte ich Verständnis für die zweite Rezension gehabt: Wie kann eine Autorin mit diesen stilistischen Mitteln und dieser Fähigkeit, Personen zu zeichnen, nur meinen, es wäre besser, sich an eine ganz Große dranzuhängen, statt ein eigenständiges Werk zu schreiben?
Mit ihrem Lebenswerk im Hintergrund finde ich ihr Buch eine sehr sympathische Hommage an eine große Vorgängerin. Es ist nicht häufig, dass ein mit höchsten Ehren ausgezeichneter Autor am Ende seines Lebenswerkes sich bei einem 22jährigen Autor entschuldigt, dass er es gewagt hat, einen Stoff aufzugreifen, den dieser bearbeitet hat, und ihm nachsagt "had she wished to dwell on such odious sbjects, she would have written this story herself, and done ist better." ("Sie hätte es besser gekonnt!") (im Vorwort)
Der Hauptgrund ist wohl nicht, dass es eben nicht um Autoren geht, sondern um Autorinnen, eher ist es wohl der, dass jede(r), der tiefer in das Verständnis von Literatur eingedrungen ist, vor Jane Austens scheinbar so leichtgewichtigem Werk einen großen Respekt hat.

24 Februar 2009

Der Bumerang, der vom Herzen fällt

Mariaschwarz langweilt mit dem Aufbau seiner Kunstwelt mit dem schwarzen See und dem weißen Haus, dem Unfall, der keiner war und dem Geheimnis, das niemand aufzudecken sucht.
Es langweilt mit seiner Auflösung, gefühlte 50 Seiten vor Schluss, und auch mit dem Happy End.
Dazwischen aber gelingt es Julia Roberts, dem Ermittler, der "Maschine, die fühlen kann" im Film des neben ihm sitzenden Nachbarn im Flugzeug, dem Ermittler doch ein wenig Empathie für die Person zu vermitteln, die für ihn der Schlüssel zu seinem Kriminalfall ist.
Von da ab zeigt der Autor, der Leser ist auf Seite 130 angelangt, dass er an sich erzählen kann.
Marionettenhaft werden die Personen wieder, sobald der Ermittler wieder in die Kunstwelt zurückkehrt.
"Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Aber es war ein Bumerang", heißt es an einem Kapitelende.
Sollte das ein Bild für den Leser sein, der nach der Lektüre noch im Literaturzirkel über das Buch sprechen muss?
"Heinrich Steinfests Kriminalroman "Mariaschwarz" amüsiert nicht nur, sondern vermittelt mit seinem behutsamen Umfassen des Auseinanderbrechenden Geborgenheit. Und das ist etwas Seltenes in der Literatur geworden", heißt es in der Besprechung der Stuttgarter Zeitung.
Ja, damit wird der Leser das Buch chrakterisieren und loben, dass der Erzähler ein Loblied auf Thomas Bernhard singt.