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20 August 2022

Kamza und Bar-Kamza oder die Zerstörung Jerusalems

"Kamza und Bar-Kamza ist eine talmudische Erzählung aus der Gemara im Mischnatraktat Gittin, Folio 56a des Bavli. Sie dient zur Veranschaulichung des Konzeptes von grundlosem Hass (hebräisch שנאת חינם Ssinat chinam). Die Erzählung beschreibt eine Gruppe von Thora-Gelehrten in der Zeit unmittelbar vor der zweiten Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70. Sie lautet wie folgt:

Rabbi Jochanan sagte: ‚Was bedeutet der Vers im Buch der Sprichwörter von Salomo, Kapitel 28: ‚Wohl dem Menschen, der stets Gott fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, fällt ins Unglück‘? Wegen Kamza und Bar-Kamza ist Jerusalem zerstört worden.‘
Es gab nämlich einen Mann aus Jerusalem, der mit Kamza befreundet war, jedoch ein Feind von Bar-Kamza war. Er veranstaltete ein Fest und sagte seinem Diener, ‚Bring Kamza zu meinem Fest.‘ Der Diener erschien aber stattdessen mit Bar-Kamza. Der Gastgeber sah Bar-Kamza unter seinen Gästen. Er sagte ihm: ‚Da Sie mein Feind sind, was tun Sie hier? Stehen Sie auf und gehen Sie!‘ Bar-Kamza sagte: ‚Da ich schon hier bin, lassen Sie mich bleiben, ich werde auch für mein Essen und Trinken bezahlen.‘ Der Gastgeber antwortete: ‚Nein!‘ ‚Ich werde die halben Kosten des Festes bezahlen.‘ - ‚Nein!‘ - ‚Ich werde die ganzen Kosten des Festes bezahlen.‘ - ‚Nein!‘ Und er packte Bar-Kamza, hob ihn von seinem Stuhl und warf ihn hinaus.
Bar-Kamza dachte: ‚Da dort Rabbiner waren, die das Ganze mit angesehen haben und nicht protestiert haben, war ihnen meine Verlegenheit offensichtlich egal. Ich gehe jetzt zum König und werde mir dort eine kleine Verleumdung leisten.‘ Bar-Kamza ging zu Caesar und verkündete ihm: ‚Die Juden haben gegen dich rebelliert!‘ Caesar antwortete: ‚Wer hat das gesagt?‘ Bar-Kamza sagte: ‚Sende ihnen ein Opfer, und schau, ob sie es auch opfern werden.‘
Caesar ließ durch Bar-Kamza einen gesunden, fehlerlosen Widder schicken. Auf dem Weg brachte Bar-Kamza dem Tier eine kleine Verletzung bei. Einige sagen, es war eine Wunde auf der Oberlippe, andere sagen, es war ein Bluterguss im Auge (vielleicht als Symbol für das schweigende oder blinde Verhalten der Rabbiner). Auf jeden Fall konnte das Tier dadurch nach jüdischen Vorschriften nicht mehr geopfert werden, während dies für die Römer keine Rolle spielte.
Die Rabbiner wollten es aber auf jeden Fall opfern, um die friedlichen Beziehungen mit der Regierung aufrechtzuerhalten. Doch Rabbi Secharia, der Sohn von Avkulos, protestierte: ‚Die Leute werden sagen: ‚Tiere mit Verletzungen dürfen auf dem Altar geopfert werden!‘‘
Die Rabbiner wollten Bar-Kamza töten, so dass er das Geschehene nicht dem Caesar melden könnte. Doch wiederum protestierte Rabbi Secharia, der Sohn von Avkulos: ‚Die Leute werden sagen: ‚Jemand, der Opfertiere verletzt, wird getötet!‘‘
Rabbi Jochanan sagt: ‚Die übertriebene Sorgfalt von Rabbi Secharia, dem Sohn von Avkulos, zerstörte unseren Tempel, verbrannte unseren Palast und verbannte uns von unserem Land.‘

Wie die Erzählung veranschaulicht, waren die erwähnten Thora-Gelehrten unter römischer Besatzung mehrheitlich so korrupt geworden, dass ihnen die Beschämung eines Menschen weniger wichtig schien als die Opferung eines Tieres nach sämtlichen Vorschriften der Thora. Dies galt für sie selbst dann, wenn damit die ganze Nation in Gefahr geriet." (Wikipedia)


Eine andere Version (Gittin 55b - 57a5: Hebräische und englische Fassung):

Von der Zerstörung Jerusalems

"Bar Kamza wurde von seinem Gastgeber so beleidigt, dass er beschloss, alle Juden ins Unglück zu stürzen. Er fuhr nach Rom und berichtete dem Kaiser, die Juden wollten sich gegen ihn erheben. Zum Beweis seiner Anklage erbot er sich, den Juden ein Opfertier zu überbringen und zu sehen, ob sie es annehmen. Der Kaiser übergab ihm ein Kalb. Bar Kamza machte ihm einen körperlichen Fehler, so dass die Juden es nach dem Gesetz nicht opfern durften. Als Furcht vor dem Kaiser wollten sie es trotzdem tun, aber ein besonders gesetzestreuer Jude, Secharia, verhinderte es. Da wollten sie Bar Kamza töten, doch auch das verhinderte Secharia. So kam es, dass der römische Kaiser ein Heer gegen Jerusalem aussendete, um es zerstören zu lassen.*

Als Titus von seinem Vater Vespasian, der Jerusalem nicht hatte erobern können, ausgesandt wurde, Jerusalem zu zerstören, erklärte er: "Der Gott der Juden beherrscht nur das Meer. Ich werde die Empörer zu Lande angreifen und sie besiegen." Kaum hatte er das gesagt, da flog eine Mücke in seine Nase und pickte in seinem Gehirn. Als Titos starb, fand man in seinem Gehirn eine Mücke von der Größe einer Schwalbe* *."

29 Mai 2017

Heine über Moses Mendelssohn als eine Art jüdischen Luther

Wie Luther das Papsttum, so stürzte Mendelssohn den Talmud, und zwar in derselben Weise, indem er nämlich die Tradition verwarf, die Bibel für die Quelle der Religion erklärte und den wichtigsten Teil derselben übersetzte. Er zerstörte hierdurch den jüdischen wie Luther den christlichen Katholizismus. In der Tat, der Talmud ist der Katholizismus der Juden. Er ist ein gotischer Dom, der zwar mit kindischen Schnörkeleien überladen, aber doch durch seine himmelkühne Riesenhaftigkeit uns in Erstaunen setzt. Er ist eine Hierarchie von Religionsgesetzen, die oft die putzigsten, lächerlichsten Subtilitäten betreffen, aber so sinnreich einander über- und untergeordnet sind, einander stützen und tragen und so furchtbar konsequent zusammenwirken, daß sie ein grauenhaft trotziges, kolossales Ganze bilden.
Nach dem Untergang des christlichen Katholizismus mußte auch der jüdische, der Talmud, untergehen. Denn der Talmud hatte alsdann seine Bedeutung verloren; er diente nämlich nur als Schutzwerk gegen Rom, und ihm verdanken es die Juden, daß sie dem christlichen Rom ebenso heldenmütig wie einst dem heidnischen Rom widerstehen konnten. Und sie haben nicht bloß widerstanden, sondern auch gesiegt. Der arme Rabbi von Nazareth, über dessen sterbendes Haupt der heidnische Römer die hämischen Worte schrieb: »König der Juden« – ebendieser dornengekrönte, mit dem ironischen Purpur behängte Spottkönig der Juden wurde am Ende der Gott der Römer, und sie mußten vor ihm niederknien! Wie das heidnische Rom wurde auch das christliche Rom besiegt, und dieses wurde sogar tributär. Wenn du, teurer Leser, dich in den ersten Tagen des Trimesters nach der Straße Lafitte verfügen willst, und zwar nach dem Hotel Numero funfzehn, so siehst du dort vor einem hohen Portal eine schwerfällige Kutsche, aus welcher ein dicker Mann hervorsteigt. Dieser begibt sich die Treppe hinauf nach einem kleinen Zimmer, wo ein blonder junger Mensch sitzt, der dennoch älter ist, als er wohl aussieht, und in dessen vornehmer grandseigneurlicher Nonchalance dennoch etwas so Solides liegt, etwas so Positives, etwas so Absolutes, als habe er alles Geld dieser Welt in seiner Tasche. Und wirklich, er hat alles Geld dieser Welt in seiner Tasche, und er heißt Monsieur James de Rothschild, und der dicke Mann ist Monsignor Grimbaldi, Abgesandter Seiner Heiligkeit des Papstes, und er bringt in dessen Namen die Zinsen der römischen Anleihe, den Tribut von Rom.
Wozu jetzt noch der Talmud?
Moses Mendelssohn verdient daher großes Lob, daß er diesen jüdischen Katholizismus, wenigstens in Deutschland, gestürzt hat. Denn was überflüssig ist, ist schädlich. Die Tradition verwerfend, suchte er je doch das mosaische Zeremonialgesetz als religiöse Verpflichtung aufrechtzuerhalten. War es Feigheit oder Klugheit? War es eine wehmütige Nachliebe, die ihn abhielt, die zerstörende Hand an Gegenstände zu legen, die seinen Vorvätern am heiligsten waren und wofür soviel Märtyrerblut und Märtyrertränen geflossen? Ich glaube nicht. Wie die Könige der Materie, so müssen auch die Könige des Geistes unerbittlich sein gegen Familiengefühle; auch auf dem Throne des Gedankens darf man keinen sanften Gemütlichkeiten nachgeben. Ich bin deshalb vielmehr der Meinung, daß Moses Mendelssohn in dem reinen Mosaismus eine Institution sah, die dem Deismus gleichsam als eine letzte Verschanzung dienen konnte. Denn der Deismus war sein innerster Glaube und seine tiefste Überzeugung. Als sein Freund Lessing starb und man denselben des Spinozismus anklagte, verteidigte er ihn mit dem ängstlichsten Eifer, und er ärgerte sich bei dieser Gelegenheit zu Tode.

(Hervorhebungen von Fontanefan)

24 Oktober 2010

Der Talmud über die Schöpfung

Unsere Meister lehrten: Die vom Lehrhause Schammais sagten: Die Himmel wurden zuerst erschaffen, und daraufhin die Erde erschaffen, denn es heißt [1. Mose 1,1] Im Anfang erschuf Gott die Himmel und die Erde. Und die vom Lehrhause Hillels sagten: Die Erde wurde zuerst erschaffen und daraufhin die Himmel, denn es heißt [1. Mose 2,4]: Am Tage, da der Herr, Gott, Erde und Himmel machte.
Die vom Lehrhause Hillels sagten zu denen vom Lehrhause Schammais: Nach euren Worten baut ein Mensch den Oberstock, und daraufhin baut er das Haus, denn es heißt [Amos 9,6]: Der in den Himmeln sein Obergemach baut und sein Gewölbe über die Erde gründet. Die vom Lehrhause Schammais sagen zu denen vom Lehrhause Hillels: Nach euren Worten macht ein Mensch den Fußschemel, und daraufhin macht er den Stuhl, denn es heißt [Jesaja 66,1]: So spricht der Herr: Die Himmel sind mein Stuhl und die Erde meiner Füße Schemel.
Die Weisen aber sagen: Diese und jene wurden gemeinsam erschaffen, denn es heißt [Jesaja 48,13]: Hat doch meine Hand die Erde gegründet und meine Rechte die Himmel ausgespannt. Ich rufe ihnen zu - zusammen stehen sie da.
Der Talmud ist in seinem Wesen Auslegung der Heiligen Schrift, das heißt der hebräischen Bibel, der Tanach. Obwohl er die Schrift primär als Weisung für das tägliche Leben auslegt, denn der fromme Jude will sein ganzes Leben nach den Weisungen der Schrift leben, so finden sich doch auch Passagen zu fast allen Themen, die in der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, behandelt werden.
Im Talmud ist die jahrhundertelange Diskussion zur Bibelauslegung festgehalten, die der schriftlichen Niederlegung dieser Diskussion vorausging. Deshalb enthält er nicht nur den bei Niederlegung des Textes neusten Wissensstand, sondern in verkürzter Form diese jahrhundertelange Diskussion. So versteht er sich als Ausgangspunkt für die Fortsetzung dieses Lehrgesprächs in der Gegenwart.
Wesentlich ist dabei immer der Dialogcharakter und dass Meinungen nicht unterschlagen werden, auch wenn sie gegenwärtig von der Mehrheit als falsch angesehen werden [Zunächst denken die Verfasser dabei an ihre Gegenwart zum Zeitpunkt der Verschriftlichung, im Grundsatz ist aber die jeweilige zukünftige Gegenwart mitgedacht.] Man kann dieses Gespräch über die Jahrtausende also durchaus mit dem herrschaftsfreien Diskurs vergleichen, den Habermas sich als die Voraussetzung für das Entstehen menschlicher Wahrheit denkt.
Weiteres Textbeispiel zum Talmud
Internetseite zum Talmud mit Erläuterungen und Textbeispielen
Günter Stemberger: Der Talmud. Einführung. Texte, Erläuterungen, Beck München, 4. Aufl. 2008
Heinrich Graetz: Geschichte der Juden, Talmudische Zeit. 1853-1875; Zeno zum Talmud