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27 Juli 2025

Johann Gottfried Herder

 Johann Gottfried Herder (Wikipedia)

Herder: So ward ich Philosoph auf dem Schiffe"[...] so besteigt der 25jährige Johann Gottfried Herder (1744-1803), Lehrer an der Domschule und Pastor in Riga, nach bewilligtem Entlassungsgesuch in jenem Juni 1769 gemeinsam mit seinem Freund Gustav Berens ein niederländisches Segelschiff mit Kurs Loire-Mündung, um sich seiner gelehrten bürgerlichen Existenz zu entledigen und in dem Verlangen, nunmehr und versuchsweise zunächst in Nantes, das ‚wahre Leben‘ zu finden.

Er findet es jedoch schneller als gedacht. Denn schon an Bord des Schiffes hat er, wie er es im ‚Journal meiner Reise im Jahr 1769‘ niederschreibt, sein ‚Erweckungserlebnis‘: „Was gibt ein Schiff, daß zwischen Himmel und Meer schwebt, nicht für weite Sphäre zu denken! Alles gibt hier den Gedanken Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis!“

Ein derartiges Bild des Meeres hingegen war rundweg neu. Schon seit der Antike stand dies geheimnisvolle Element, das die Grenze des von Menschen bewohnbaren Raumes bildet, doch in denkbar schlechtem Ruf – als Reich des Bösen, der Willkür der Gewalten, von Schiffbruch, Untergang und Tod, das „schreckliche Meer“ des Kirchenvaters Augustinus, ein Hort grässlicher, schiffs- und menschenverschlingender Ungeheuer, ja des Teufels selbst.

Herder hingegen wird „das flatternde Segel, das immer wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke“ zu jenem Elementarerlebnis, das er zuvor, ein auf dem „Studierstul in einer dumpfen Kammer“ brütendes „Tintenfaß von gelehrter Schriftstellerei“, vergeblich in den Büchern gesucht hatte – das Meer nicht mehr ein bloßer und gefahrvoller Transportweg, sondern Medium der Erkenntnis, des Gedankenflugs, ein Reich der Ideen mit einer Körper wie Seele gleichermaßen befreienden Kraft: „Welch neue Denkart!“ – wenn auch „das Gouvernement“ des „kleinen Staates“ an Bord aufgrund der ständigen Gefährdung des des Schiffes, so beobachtet Herder, durchaus „dem Despotismus nahe“ komme, weil sonst „das ganze Schiff verloren gehe“.Dies Schiff aber sei nicht nur der Sitz eines „Monarchen“, des Kapitäns, sondern auch der des „Wunderbaren“ und der empfindungs- und seelenvollen „Dichtkunst“, in den von den „Schiffsleuten“ erzählten „abentheuerlichen Geschichten“ von „grossen Seehelden und Seeräubern“: „Mit welcher Andacht lassen sich auf dem Schiff Geschichten hören und erzälen?“- inmitten einer sinnenbefreienden, gewaltigen Natur.

„So ward ich Philosoph auf dem Schiffe“, notiert Herder euphorisch in sein ‚Reisejournal‘, im wahrsten Wortsinne ein Aufbruch zu neuen Ufern. Vom Meer „erweckt“ und „beflügelt“ sprudeln die Ideen, Pläne und Projekte, ekstatisch und unfertig niedergeschrieben, gleichwohl das Fundament all seines ferneren Leben und Wirkens und seines Hauptwerkes, den vierbändigen ‚Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit‘ – vom Länder und Völker verbindenden Meer zum universalen Zusammenhang und der Gleichwertigkeit aller Kulturen der Welt, der Entwicklung des Menschengeschlechtes hinauf zum höchsten Ziel allgemeiner Vernunft und Humanität, befördert durch eine neue, an den Realien orientierte schulische Bildung und einer Theologie, die mehr im Buche der Natur denn in den heiligen Schriften zu lesen habe.

Gleichsam befreit durch diese „andre Aussicht“, die ihm binnen sechs Wochen seiner Fahrt Meer, Schiff, Wind und Wolken gewähren, erwachsen dem Reisenden schließlich „politische Seeträume“, Verfassungskonzepte für den „Weg zur allmählichen Freiheit“ der europäischen Staaten und namentlich in seinem „Liefland“ nun „die Barbarei zu zerstören, die Unwißenheit auszurotten, die Cultur und Freiheit auszubreiten“ – und dies immerhin zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution. Teil eines meergeborenen Ideenstroms, der Herder an Bord davonreißt („Die Cultur der Erde! Aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte!“), ihn schließlich zu nicht weniger als einem der bedeutendsten Anreger der deutschen und europäischen Geistesgeschichte macht. Sein ‚Reisejournal‘ aber, so der Schriftsteller Arno Schmidt, zur „Magna Charta des ‚Sturm & Drang‘, jener literarischen Bewegung, die sich, gleichsam in Herders Kielwasser, auf die Fahnen geschrieben hatte, die pure Bücher- und Kathederweisheit mit der sinnlichen Wahrnehmung zu vertauschen und sich der Natur und dem ‚Leben‘, dem „Erweitern der Seelenkräfte“, den „lebendigen Kenntnissen“ und dem „Erhabenen“, wie es Herder nennt und auf dem Meere selbst erfahren hatte, hinzugeben – und das auch die frühen Gedichte und Dramen Johann Wolfgang Goethes nachhaltig inspirierte. Und dies ganz unabhängig davon, ob Goethe das ‚Reisejournal‘, das erst sieben Jahre nach Herders Tod, 1810, erstmals in Teilen veröffentlicht wird, zugänglich geworden war. Kannte er doch seinen Weimarer Nachbarn just so, wie dieser sich im ‚Reisejournal‘ selbst beschrieben hatte. [...]" 

Zum vollständigen Text des Reisetagebuchs
Schlussabsatz dieses Reisetagebuchs:
"Wie ist ihm zu helfen? Wenig eßen, viel Bewegung und Arbeit: d. i. ohne Allegorie wenig Lesen, viel Ueberdenken mit einer gewißen Stärke und Bündigkeit, und denn Ueben, Anwenden. Wie wenn dazu meine Reisen dienten! Da komme ich in die Nothwendigkeit, nicht immer lesen oder vielmehr lesend schlendern zu können: da muß ich Tagelang ohne Buch bleiben. Da will ichs mir also zum Gesetz machen, nie zu lesen, wenn ich nicht mit ganzer Seele, mit vollem Eifer, mit unzertheilter Aufmerksamkeit lesen kann. Hingegen will ich alsdenn an das, was vor mir liegt, denken, mich von der greulichen Unordnung meiner Natur heilen, entweder zu sehr voraus, oder zu spät zu denken; sondern immer die Gegenwart zu gemessen. Alsdenn wenn ich das Buch ergreife – nicht anders, als mit voller Lust und Begierde, und so daß ich endlich so weit komme, ein Buch auf einmal so lesen zu können, daß ichs ganz und auf ewig weiß; für mich und wo ich gefragt werde, wo ichs anwenden soll, und auf welche Art auch die Anwendung seyn möge. Ein solches Lesen muß Gespräch, halbe Begeisterung werden, oder es wird nichts!" (projekt-gutenberg, erst 1846 veröffentlicht)

Zur Einordnung des Tagebucheintrags von 1769 in Nantes: 
"Mit Hilfe einiger Freunde, namentlich seines Rigaer Verlegers Johann Friedrich Hartknoch, der ein Freimaurer und Vertrauter Hamanns, Kants und Kanters war, trat er 1769 eine Reise an, die ihn zunächst mit seinem Freund Gustav Berens (ca. 1725–ca. 1780) nach Nantes führte. Unterwegs entstand das Journal meiner Reise im Jahr 1769 (erst 1846 veröffentlicht). Von Nantes brach er nach Paris auf. Hier pflegte er mit den Enzyklopädisten einen regen Gedankenaustausch und wurde mit Denis Diderot[7][8] und d’Alembert bekannt.

Da er keine mehrjährigen Reisen auf Kosten der Freunde machen wollte, kam ihm der Antrag des fürstbischöflich lübischen Hofs zu Eutin, den Erbprinzen von Holstein-Gottorp Peter Friedrich Wilhelm (1754–1823) als Reiseprediger zu begleiten, sehr gelegen. Im Dezember 1769 reiste er über Brüssel, Antwerpen, Amsterdam und Hamburg nach Eutin, wo er Anfang 1770 eintraf. In Hamburg hatte er Gotthold Ephraim Lessing, Johann Joachim Christoph Bode, Johann Bernhard Basedow, Hauptpastor Johann Melchior Goeze und Matthias Claudius kennengelernt. Im Juli verließ er Eutin im Gefolge des Prinzen. Erste Stationen der Reise waren Hannover und Kassel; in Göttingen schloss er Bekanntschaft mit Heinrich Christian Boie.

Noch vor der Abreise hatte ihn ein Ruf von Wilhelm Graf zu Schaumburg-Lippe aus Bückeburg erreicht. Bei einem kurzen Aufenthalt in Darmstadt lernte er den Kriegsrat Johann Heinrich Merck kennen und über ihn Maria Karoline Flachsland, in die er sich verliebte. Sie heirateten schließlich im Jahr 1773. Diese gegenseitige Zuneigung weckte in Herder den Wunsch nach festen Lebensverhältnissen. Er folgte dem Prinzen über Mannheim bis Straßburg, wo es zum ersten Treffen mit dem jungen Johann Wolfgang Goethe kam. Herder erbat vom Eutinischen Hof seine (im Oktober gewährte) Entlassung, nahm die vom Grafen zu Schaumburg-Lippe angebotene Stellung als Hauptprediger der kleinen Residenz Bückeburg und als Konsistorialrat an, blieb aber zunächst wegen seines Augenleidens in Straßburg, wo er sich – erfolglos – von Johann Friedrich Lobstein operieren ließ.

Hier machte er den fünf Jahre jüngeren Goethe auf Homer, Pindar, Ossian, Shakespeare, Hamann, die Volksdichtung und auf das hochgotische Münster aufmerksam. Gemeinsam beschäftigten sie sich mit Laurence Sterne, Oliver Goldsmith, Johann Joachim Winckelmann, Friedrich Gottlieb Klopstock, Anthony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury, Rousseau, Voltaire und Paul Henri Thiry d’Holbach. Im Darmstädter Kreis bemängelte Herder an der Urfassung von Goethes Götz von Berlichingen mit dem Titel Gottfried von Berlichingen mit der Eisernen Hand, sie beruhe auf einem Missverstehen Shakespeares."

Nantes, 1769: Plan eines Universaltagebuchs

"Welch ein Werk über das menschliche Geschlecht! den menschlichen Geist! die Kultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten! Asiatische Religion! und Chronologie und Polizei und Philosophie! Ägyptische Kunst und Luxus, Philosophie und Polizei! Phönizische Arithmetik und Sprache und Luxus! Griechisches Alles! Römisches Alles! Nordische Religion, Recht, Sitten, Krieg, Ehre! Papistische Zeit, Mönche, Gelehrsamkeit! Nordisch-asiatische Kreuzzieher, Wallfahrer, Ritter! Christliche heidnische Aufweckung der Gelehrsamkeit! / [Frankreich, England, Holland, Deutschland] Chinesische, japanische Politik! Naturlehre einer neuen Welt! Amerikanische Sitten usw. - -  Großes Thema: das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, bis dass es alles geschehe! Bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen! Universalgeschichte der Bildung der Welt!

Wie viel liegt aber vor mir, diesen Schein des Ansehens zu erreichen und der erste Menschenkenner nach meinem Stande, in meiner Provinz zu werden!
Bin ichs geworden, so will ich diesen Pfad nicht verlassen und mir selbst gleichsam ein Journal halten der Menschenkenntnisse, die ich täglich aus meinem Leben, und derer, die ich aus Schriften sammle. Ein solcher Plan wird mich beständig auf einer Art von Reise unter Menschen erhalten Und der Falte zuvorkommen, in die ich mich meine einförmige Lage in einem abgelegenen skytischen Winkel der Erde schlagen könnte! Dazu will ich eine beständige Lektüre der Menschheitschriften, in denen Deutschland jetzt seine Periode anfängt und Frankreich, das ganz Konvention und Blendwerk ist, die seinige verlebt hat, unterhalten. [...]" (S. 645/46)
"Mein Leben ist ein Gang durch gotische Wölbungen oder wenigstens durch eine Allee voll grüner Schatten; die Aussicht ist immer ehrwürdig und erhaben: der Eintritt war eine Art Schauder; so, aber eine andere Verwirrung wirds sein, wenn plötzlich die Allee sich öffnet und ich mich auf dem Freien fühle. Jetzt ists Pflicht, diese Eindrücke so gut zu brauchen, als man kann, Gedanken voll zu wandeln, aber auch die Sonne zu betrachten, die sich durch die Blätter bricht und desto lieblichere Schatten malet, die Wiesen zu betrachten, mit dem Getümmel darauf, aber doch immer im Gange zu bleiben." (S.648) 

16 Dezember 2023

Herder

 Johann Gottfried Herder (Wikipedia)

Julian Schmidt: Herder und seine Bedeutung für die deutsche Literatur (Vorwort des Bandes Der Cid von Herders Werken)









Journal meiner Reise im Jahr 1769

Den 23 Mai [nach gregorianischem Kalender: 3.6.] reisete ich aus Riga ab und den 25/5. ging ich in See, um ich weiß nicht wohin? zu gehen. Ein großer Theil unsrer Lebensbegebenheiten hängt würklich vom Wurf von Zufällen ab. So kam ich nach Riga, so in mein geistliches Amt und so ward ich deßelben los; so ging ich auf Reisen. Ich gefiel mir nicht, als Gesellschafter weder, in dem Kraise, da ich war; noch in der Ausschließung, die ich mir gegeben hatte. Ich gefiel mir nicht als Schullehrer, die Sphäre war [für] mich zu enge, zu fremde, zu unpassend, und ich für meine Sphäre zu weit, zu fremde, zu beschäftigt. Ich gefiel mir nicht, als Bürger, da meine häusliche Lebensart Einschränkungen, wenig wesentliche Nutzbarkeiten, und eine faule, oft eckle Ruhe hatte. Am wenigsten endlich als Autor, wo ich ein Gerücht erregt hatte, das meinem Stande eben so nachtheilig, als meiner Person empfindlich war. Alles also war mir zuwider. Muth und Kräfte gnug hatte ich nicht, alle diese Mißsituationen zu zerstören, und mich ganz in eine andre Laufbahn hineinzuschwingen. Ich muste also reisen: und da ich an der Möglichkeit hiezu verzweifelte, so schleunig, übertäubend, und fast abentheuerlich reisen, als ich konnte. So wars. Den 4/15 Mai Examen: d. 5/16 renoncirt: d. 9/20 Erlaßung erhalten d. 10/21 die letzte Amtsverrichtung: d. 13/24 Einladung von der Krone: d. 17/28 Abschiedspredigt, d. 23/3 aus Riga d. 25/5 in See.

Jeder Abschied ist betäubend. Man denkt und empfindet weniger, als man glaubte: die Thätigkeit in die unsre Seele sich auf ihre eigne weitere Laufbahn wirft, überwindet die Empfindbarkeit über das, was man verläßt, und wenn insonderheit der Abschied lange dauret: so wird er so ermüdend, als im Kaufmann zu London. Nur denn aber erstlich siehet man, wie man Situationen hätte nutzen können, die man nicht genutzt hat: und so hatte ich mir jetzt schön sagen: ei! wenn du die Bibliothek beßer genutzt hättest? wenn du in jedem, das dir oblag, dir zum Vergnügen, ein System entworfen hättest? in der Geschichte einzelner Reiche – – Gott! wie nutzbar, wenn es Hauptbeschäftigung gewesen wäre! in der Mathematik – – wie unendlich fruchtbar, von da aus, aus jedem Theile derselben, gründlich übersehen, und mit den reellsten Kän[n]tnißen begründet, auf die Wißenschaften hinauszusehen! – – in der Physik und Naturgeschichte – – wie, wenn das Studium mit Büchern, Kupferstichen und Beispielen, so aufgeklärt wäre, als ich sie hätte haben können – und die Französische Sprache mit alle diesem verbunden und zum Hauptzwecke gemacht! und von da aus also die Henaults, die Vellys, die Montesquieu, die Voltaire, die St. Marcs, die La Combe, die Coyers, die St. Reals, die Duclos, die Linguets und selbst die Hume's französisch studirt: von da aus, die Buffons, die D'Alemberts, die Maupertuis, die La Caille, die Eulers, [...]

Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder

Konstanz, 5. 6. 1788 [?]

Daß ich von Constanz an dich nach Rom zu schreiben habe, ist wohl eine seltsame Sache, die mir noch völlig den Kopf verwirren könnte. Gestern Abend lese ich in der Vaterlandschronik, du seiest wirklich mit Dalbergen verreist. Ich glaube es und ergebe mich drein, ob es gleich für mich ein sehr harter Fall ist. Reise glücklich und erbrich den Brief gesund, da wo ich in meinem Leben das erstemal unbedingt glücklich war. Angelika wird dir ihn geben. Vielleicht erhältst du zu gleicher Zeit noch einen; denn ich schreibe gleich, wenn ich nach Hause komme, und Ihr haltet Euch wohl auf.

Wenn Ihr einen Antiquar braucht, wie Ihr denn einen braucht, so nehmt einen Deutschen, der Hirt heißt. Er ist ein Pedante, weiß aber viel und wird jedem Fremden nützlich sein. Er nimmt des Tages mit einem Zechin vorlieb. Wenn Ihr ihm etwas mehr gebt, so wird er dankbar sein. Er ist übrigens ein durchaus redlicher Mensch. Alsdann suche einen jungen Maler Bury incontro Rondanini, den ich lieb habe, und laß dir die farbigen Zeichnungen weisen, die er jetzt nach Carrache macht. Er arbeitet sehr brav. Mache, daß sie Dalberg sieht und etwas bestellt. Dieser junge Mensch ist gar brav und gut, und wenn du etwa das Museum oder sonst eine wichtige Sammlung mit ihm, zum zweitenmal, aber NB. allein sehen willst, so wird es dir Freude machen und Nutzen schaffen. Er ist kein großer Redner, besonders vor mehreren. Meyer, der Schweizer, ist, furchte ich, schon in Neapel. Wo er auch sei, mußt du ihn kennen lernen.

Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume, da ich dir dieses schreibe. Es ist eine starke Prüfung, die über mich ergeht. Lebe wohl, genieße, was dir beschert ist. Einer meiner angelegentlichsten Wünsche ist erfüllt.

Wenn du nach Castell-Gandolfo kommst, so frage nach einer Pinie, die nicht weit von Herrn Jenkins' Haus, nicht weit vom kleinen Theater steht. Diese hatte ich in den Augen, als ich dich so sehnlich wünschte. Lebe wohl. Ich gehe zu den Deinigen, und will ihnen die Zeit deiner Abwesenheit verleben helfen.

G.

Wahrscheinlich wird Euch Hofrat Reiffenstein an einige Orte führen. Ich empfehle Hirten also zum Supplemente.

Moritzen mußt du auch sehen. Du wirst noch andere finden: Lips etc.

J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia

Weimar, Mitte Juni 1788

Warum haben Sie mir nicht, gnädigste Herzogin, mit Ihrer schönen Italienischen Übersetzung der Lira zugleich etwas Italienischen Geist ins Couvert eingesiegelt, Ihnen Italienisch danken zu können; statt dessen, daß ich jetzt das liebliche, harmonische Blatt mit Bewunderung und etwas Neide lese, daß ich dagegen ein so barbarischer, Deutscher Ignorant bin. Indessen studiere ich seit ehegestern die Sprache, wie es sich tun läßt, und sehe den Zuruf der Lira eben auch als eine Stimme an, die mich dazu freundlich einladet. Ich will sie lesen u. wiederlesen, auch morgen die kleine Nachtigall in Manheim damit erfreuen. Haben Euer Durchl. für den süßen Enthusiasmus Dank, der darin herrschet: im schönen Lande jenseits der Alpen

– – – wo die Zitronen blühn,

hoffe ich Ihnen Italienisch, und also anmutiger danken zu können, als hier hinter der Peter- u. Paulskirche. Vorher aber hoffe ich es nächstens in Tiefurt tun zu können. – Die Fr. v. Dieden u. der Prinz August müssen durch Euer Durchl. Gnade doch ja auch die Musik des kleinen Ritters Valdimonte (so haben wir ihn übersetzt) hören. Ich empfehle mich zu E. D. Gnade

Herder.

J. G. Herder an Christian Gottlob Heyne

Weimar, 22. 6. 1788

Liebster Freund,

Die Zeitungen werden Ihnen, nicht nur sehr zu frühe, sondern auch mir sehr unlieb, gemeldet haben, daß ich nach Italien reise. Reisen mußte ich, wenn es auch auf den Walfischfang gewesen wäre, u. da diese Gelegenheit u. Anerbietung kam, sahe ich sie als einen Wink des Schicksals an, den ich nicht ausschlagen durfte. Wozu ich reise? wird die Zeit selbst negativ oder positiv zeigen: ich lasse ihr gern ihren Lauf u. will den guten Göttern nicht vorgreifen; ich hoffe aber das Letzte, oder vielmehr ich bin dessen gewiß, da doch alles Nichts ein Nichts ist. Wie angenehm, unterrichtend, ja gewissermaßen notwendig wäre es, wenn ich erst zu Ihnen nach G[öttingen] käme; ich habe im Ernst daran gedacht, den Gedanken aber sogleich verworfen. Meine Zeit ist beschränkt; ich weiß nicht, wie ich hier mit meinem Bündel zurecht kommen will; eilen müssen wir, weil wir durch die Schweiz ziehen, u. in der Provence uns zuerst erholen wollen, ehe uns, wie es die Reisende über die Alpen sonst zu genießen pflegen, das stolze Rom verschlingt; also kann ich nicht säumen, u. wie sehr haben wirs mit unsern Sitten, in unsrer Lebensweise darauf eingerichtet, daß wir uns nur immer in einem »minimum« genießen u. kosten! – Also das herzlichste Lebewohl, liebster, treuer, alter Freund, Sie am Ufer der Leine, u. ich wo ich sein möge. Haben Sie Aufträge für mich, wollen Sie mir Gesichtspunkte, Ideen, Aussichten geben, finden Sie es gut, wie ichs freilich gut fände, daß Sie mich nach Ihrer weiten Bekanntschaft in den dortigen Gegenden an einige Menschen, die mir nützlich sein können, empfehlen: so tun Sie, was Ihnen Ihr Sinn u. Herz gebietet. Alles aber ohne Zwang: denn mir ists ganz gleichgültig, wenn ich auch den u. den u. den nicht sehe; was ich sehen, u. einst gesehen haben will, sehe ich doch, u. was mir daher gewährt sein soll, ist in der Götter Händen. Mir selbst, so nahe ich dran bin, scheinet die Reise noch wie eine Fabel. So wird sie es auch sein, wenn sie vorüber ist: denn wie schnell vergehen einige Monate, in welchen wir uns wie Würmer einige Schritte weit zu Hause hingekrümmt u. am Ende doch nichts anders getan, als gemüht u. verdauet hätten – nun mögen sie auf andre Weise wie Schatten vorbeigehn. Die Augen will ich indessen auftun, u. dies schmale Interstitium mit Sorgfalt u. Muße gebrauchen. Ich weiß, Sie wünschen mir sodann eine glückliche Rückkehr, u. ich mir sodann einige Augenblicke oder Stunden, Sie sprechen zu können. Die Bücher, die ich von der Bibliothek habe, schicke ich an dem Ort, der Göttingen am nächsten ist, zu Ihnen, u. sage Ihnen sodann noch dankbar das letzte Lebewohl. [ . . . ] Leben Sie wohl, lieber Patriarch der Künste, bald schreibe ich Ihnen noch einige Zeilen. Überdenken Sie indessen etwas, ob Sie mir etwas mitzugeben haben. [...]

10 November 2010

Herders Cid

Traurend tief saß Don Diego,
Wohl war keiner je so traurig;
Gramvoll dacht er Tag' und Nächte
Nur an seines Hauses Schmach.

So beginnt Johann Gottfried Herders Versepos Der Cid auf der Basis von spanischen Romanzen zum Cid.




Don Diego hofft, dass einer seiner Söhne seine Schande rächt und greift zum - naheliegenden? - Mittel, dass er sie alle fesselt. Der jüngste Sohn, Rodrogo, freilich lässt sich das nicht gefallen und erklärt seinem Vater, er könne von Glück sagen, dass er ihn wegen dieses Versuchs, ihn zu fesseln, nicht getötet habe. Daraufhin ist der Vater begeistert und erkennt ihn als seinen einzig wahren Sohn an.
Rodrigo, der später Cid genannt wird, tötet den Feind des Vaters. Dessen Tochter fordert beim Köning Fernando eine Bestrafung Rodrigos, wird aber abgewiesen. Schließlich habe er schon in jugendlichem Alter fünf Maurenkönige besiegt.
Die Königstochter Uraka schwärmt von Rodrigo. Der freilich wirbt um die Tochter des Mannes, den er getötet hat, und deren Mutter aus Gram darüber gestorben ist. Diese Werbeszene liest sich bei Herder so:

Rodrigo:
In der stillen Mitternacht,
Wo nur Schmerz und Liebe wacht,
Nah ich mich hier,
Weinende Ximene,
– Trockne deine Träne!
Zu dir.

Ximene:
In der dunkeln Mitternacht,
Wo mein tiefster Schmerz erwacht,
Wer nahet mir?

Rodrigo:
Vielleicht belauscht uns hier
Ein uns feindselig Ohr;
Eröffne mir –

Ximene
Dem Ungenannten,
Dem Unbekannten
Eröffnet sich zu Mitternacht
Kein Tor.
Enthülle dich!
Wer bist du? Sprich!

Rodrigo:
Verwaisete Ximene,
Du kennest mich.

Ximene:
Rodrigo, ja, ich kenne dich,
Du Stifter meiner Tränen,
Der meinem Stamm sein edles Haupt,
Der meinen Vater mir geraubt

Rodrigo:
Die Ehre tats, nicht ich. Die Liebe wills versöhnen.

Ximene:
Entferne dich! Unheilbar ist mein Schmerz.

Rodrigo:
So schenk, o schenke mir dein Herz!
Ich will es heilen.

Ximene:
Wie? Zwischen dir und meinem Vater, ihm,
Mein Herz zu teilen? –

Rodrigo:
Unendlich ist der Liebe Macht.

Ximene:
Rodrigo, gute Nacht.

Wie es jetzt wohl weitergeht?    sieh hier