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08 April 2025

Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst

 Zweierlei zuvor:

1. Der Freund und der Fremde hat mich mehr wegen des biographischen Interesses an Benno Ohnesorg beeindruckt.

2. Bei der zweiten Lektüre  der "Currywurst" staune ich über die Deutlichkeit, mit der der Erzähler seine Fiktion, er berichte, was er von Frau Brücker erfahren habe, Lügen straft: durch genaue Beobachtung von Einzelheiten, Innensicht des Bootsmannes und anderes mehr. Die damit freilich auch die hervorragende Kenntnis des Autors über die Kriegs- und Nachkriegszeit beweist. Die "reitende Gebirgsmarine" (S.27), die als Pendant der eierlegenden Wollmilchsau die zeitgenössische Redeweise charakterisiert,  imponiert mir dabei freilich weniger als der Hinweis darauf, dass man für die Suche in den ausgebombten Häusern nach Trümmerholz einen "Berechtigungsschein" (S.26) brauchte. (Eigentlich klar, dass man, um die Fiktion von Schutz des Eigentums der Kriegsopfer solche kleine Hemmschwelle gegen das Marodieren braucht, wo doch auf Harmlosigkeiten wie das Äußern der Meinung über die hoffnungslose Situation die Strafandrohung ("Defaitismus") bis zur Todesstrafe reichte.

16 Februar 2024

Hermann Hesse: Wenn der Krieg noch zwei Jahre dauert

 Der Ich-Erzähler ist in eine kafkaeske Welt geraten, , wo von ihm ungezählte Berechtigungsscheine gefordert werden und wo er für alles bestraft wird.


Zitate:

"Ich sah, ich war zu lange weg gewesen. Es war schwer, sich wieder einzuleben." (S.250)

"[...] Ich verstehe, sagte ich. Es ist eigentlich weiter nicht erstaunlich. Nur eins begreife ich nicht ganz. Sagen Sie mir: wozu eigentlich macht nun die ganze Welt diese riesigen Anstrengungen? Diese Entbehrungen, diese Gesetze, diese tausend Ämter und Beamte – was ist es eigentlich, was man damit beschützt und aufrecht erhält?" /
Erstaunt sah der Herr mir ins Gesicht.
"Ist das eine Frage!" rief er mit Kopfschütteln. Sie wissen doch, dass Krieg ist, Krieg in der ganzen Welt! Und das ist es, was wir erhalten, wofür wir Gesetze geben, wofür wir Opfer bringen. Der Krieg ist es. Ohne diese enormen Anstrengungen und Leistungen könnten die Armeen keine Woche länger im Felde stehen. Sie werden verhungern – es wäre unausstehlich!"
"Ja", sagte ich langsam, "das ist allerdings ein Gedanke! Also der Krieg ist das Gut, das mit solchen Opfern aufrechterhalten wird! Ja, aber  – erlauben Sie eine seltsame Frage – warum schätzen Sie den Krieg so hoch? Ist er denn alles wert? Ist denn der Krieg überhaupt ein Gut?"
Mitleidig zuckte der Beamte die Achseln. Ich sah, ich verstand ihn nicht.
"Lieber Herr Sinclair*", sagte er, Sie sind sehr weltfremd geworden. Aber bitte, gehen Sie durch eine einzige Straße, reden Sie mit einem einzigen Menschen, strengen Sie ihre Gedanken nur ein klein wenig an und fragen Sie sich: was haben wir noch? Worin besteht unser Leben? Dann müssen Sie doch sofort sagen: Der Krieg ist das einzige, was wir noch haben! Vergnügen und persönlicher Erwerb, gesellschaftlicher Ehrgeiz, Habgier, Liebe, Geistesarbeit – alles existiert nicht mehr. Der Krieg ist es einzig und allein, dem wir es verdanken, dass noch so etwas wie Ordnung, Gesetz, Gedanke, Geist in der Welt vorhanden ist. – Können Sie denn das nicht sehen?" [1917] (S.251/252) (in: "Europäische Erzähler des 20. Jahrhunderts", Copyright 1985, Heyne Allgemeine Reihe Nr. 01/8708 - Wikipedia)

*Emil Sinclair war eine Zeitlang Hermann Hesses Pseudonym.

31 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.18-20) Tod des Großvaters, Streit der Eltern, Krieg, Theater


Achtzehntes Kapitel
[...] Etwas unter einem leinenen Bettuch Verborgenes hatte für mich eine schauerliche Anziehungskraft. Man deckte es ab, und ich sah eine mir zunächst unverständliche Masse, die langsam durch einen Fuß, durch eine gelbe runzlige Hand, durch etwas Haupthaar und Ohr als menschliche Form zu erkennen war. Es waren die irdischen Reste meines Großvaters. Man hatte den Toten mit großen Blöcken Eises umlegt. Ich war nicht gerührt. Hätte meine Empfindung Ausdruck gefunden, vielleicht würde es durch ein befremdetes Kopfschütteln geschehen sein. Ich war wirklich ganz ein befremdetes Kopfschütteln. Die tote Masse, die da lag, zwischen Eisstücken – konnte sie mein Großvater sein und gewesen sein? Das war er gewesen, er, dessen stolze Gleichgültigkeit mich verletzt, dessen ganze Erscheinung mir aber doch Ehrfurcht erweckt hatte? Also das war unser aller Los! Man hatte wohl Grund, sich das gegenwärtig zu halten.   Die Stunden darauf vereinigten äußerste Aktivität im Spiel und verschwiegene Meditationen, wie denn vielleicht überhaupt Träumerei und Aktivität vielfach verbunden sind. Es gab einen rötlich gestrichenen hohen Karren mit zwei Rädern in unserm Hof. Ich bespannte ihn mit etwa acht Jungens zu vier und vier und stand, eine Peitsche schwingend, darauf. Ein Wirrsal von Zuckerschnüren ersetzte die Zügel. So rasten wir polternd über die Dorfstraße, rasten in den Posthof hinein, wo die Roßkastanien mit dem Gold ihrer Blätter den Boden verdeckt hatten und braune Früchte in Menge herumlagen. Dort beluden wir, von Sonnenschein und Herbstfrische belebt, unsern Karren mit Laub, um ich weiß nicht was damit auszurichten. Und nun rasten wir wieder dorthin, wo wir herkamen. Äußerlich war es für mich ein herrlicher Rausch. Im Innern jedoch hatte sich eine ungesuchte Erkenntnis wie ein Pfeil eingebohrt, ein Zustand, der sich nicht ändern konnte. Den Pfeil zu entfernen, die Wunde zu heilen, gab es keine Möglichkeit. Eigentlich zum erstenmal hatte ich den Gedanken des unabwendbaren Todes mit mir selbst in Verbindung gebracht. Du entrinnst, stelle dich, wie du willst, so sprach eine Stimme in mir, dem Ende deines hochmögenden Großvaters nicht: er reichte einer Zarin den Mundbecher, aber das rettete ihn keineswegs vor dem Schicksal, das eben das allgemeine ist. Schiebe es noch so lange hinaus, suche es noch so sehr zu vergessen, lenke dich tausendfältig in die Fülle und den Reichtum des Lebens ab: eines Tages wird es auch dir unabwendbare Gegenwart. Du kannst es keinem andern zuschieben, du mußt dabeisein, du ganz persönlich. Und wenn du auch hundert Jahre alt würdest, geht es am Ende nicht ohne dich. Du wirst atmen, leben und leben wollen wie jetzt, dann wird es heißen: leg weg, was du in Händen hast, ein Stück Brot, eine Handvoll Zuckerschnüre, oder was es auch immer sei, es ist aus, du mußt fort – mußt sterben. Und das Sterben wie das Leben wirst du hinnehmen müssen als Gegenwart. An meinem letzten Geburtstag, den ich vor wenigen Tagen gefeiert hatte, standen acht brennende Jahreslichter um den obligaten Streuselkuchen herum. Alles in diesen Blättern Erzählte lag hinter mir, ja unendlich viel mehr, was einigermaßen erschöpfend mitzuteilen Menschenkraft übersteigen würde. Durch fünf von diesen acht Jahren war ich gleichsam mit fliegendem Haar hindurchgestürmt, hatte gelacht, geweint, gerast, gelitten, gekämpft, und was noch sonst. Aber über alles siegte der innere, fließende Strom von Lebenslust. Unbequemes und Unangenehmes wurde mit einer Bewegung ähnlich der eines Fohlens, wenn es, die Mähne um sich werfend, eigensinnig davongaloppiert, abgeschüttelt.
Nun aber, seit Großvaters Tode, gelang dies mitunter so ganz nicht mehr. [...]
Mich mit den Angelegenheiten der Erwachsenen ernstlich zu beschäftigen, bestand bisher keine Notwendigkeit. Es war selbstverständlich, daß meine Eltern, menschliche Götter, in jeder Beziehung für mich sorgten. Zweifel an der gesicherten Macht und Kraft, aus der sie es taten und tun mußten, bestanden nicht. Auf dem Wege von Lohnig nach Striegau, in der Landkutsche, ging mir zum erstenmal meine Verbundenheit mit einer großen Volksgemeinschaft auf, von deren Wohl und Wehe mein eigenes nicht zu trennen war. Und mehr als das: nämlich so weit verbreitet, so zahlreich, so stark und wehrhaft diese Volksgemeinschaft war, sie war verletzlich, sie konnte in Frage gestellt, ja zerstört werden. Die gewohnheitsmäßigen, fortlaufenden Knabensorgen störten mich nicht, sie gehörten zu meiner Persönlichkeit. Nun aber wurde ich in die allgemeine Sorge um Volk und Vaterland hineingezogen, und etwas mir bisher ganz Fernes und Fremdes belastete mich. Diese befremdlichen Düsternisse im Raume meines Gemüts wurden bald vom Fanfarengeschmetter der Siege aufgelöst. Feuerwerke, Raketen, Leuchtkugeln, Sonnen stiegen immerwährend, sogar am hellichten Tage, empor, als gälte es, der natürlichen Sonne am Himmel den Rang abzulaufen. Jetzt aber, nach dem Tode des Großvaters, erwies sich ein anderer Boden, dessen unantastbare Festigkeit ich als selbstverständlich vorausgesetzt hatte, als nicht ganz so fest und nicht ganz so tragfähig. Und ich sah mich abermals gezwungen, fremde Angelegenheiten, solche erwachsener Menschen, meiner eigenen Eltern sogar, in gewissem Betracht zu den meinen zu machen. Vom Begräbnis des Großvaters weiß ich nichts, verständigermaßen wurde ich ganz und gar davon ferngehalten. Auch weinte sich meine Mutter nicht vor uns Kindern aus. Dann kam die Eröffnung des Testaments, von der wir erfuhren und über die wir Geschwister uns allerlei spannende Dinge zutuschelten. Wir fühlten bald, daß zugleich zwischen Vater und Mutter eine Spannung eingetreten war, die sich bei meinem Vater als Zurückhaltung, ja als Kälte äußerte. Er verabscheute Heuchelei. Die Trauer aber um den alten, steifen, unversöhnlichen Schwiegervater kann bei ihm nicht sehr tief gewesen sein.   Der Eröffnung des Testaments beizuwohnen, hatte mein Vater, wie ich im Nebenzimmer hören konnte, erregt und beinahe mit Verachtung abgelehnt, worauf meine Mutter weinend allerlei, was ich nicht verstehen konnte, antwortete. Es fielen Ausdrücke wie Leichenfledderei, die der Krieg populär gemacht hatte. Er treibe sie nicht, so sagte mein Vater, er entwürdige sich nicht durch Leichenfledderei. Kurz, meine Mutter mußte allein gehen, da sie doch ihre Interessen nicht unvertreten lassen konnte. Ich verhielt mich mäuschenstill in der Vier, als die Mutter am späten Nachmittag aus dem Dachrödenshof zurückkehrte und in der Drei auf den Vater traf. Sie hatte ihm, wie sie uns später einmal erzählte, eine Schürze voll Gold im Werte von tausend Talern nicht ohne einige Freude und einigen Stolz mitgebracht. Ich hörte zunächst, wie mein Vater äußerst erregt die Worte »Behaltet euch euren Mammon!« der Mutter entgegenschleuderte, und dann das Fallen, Klingen und Rollen von Geld.
Ich weiß nicht, was meine Mutter, verwundet und verletzt, wie sie sein mußte, geantwortet hat, sie muß aber auch bei ihm eine wunde Stelle berührt haben. Vielleicht schob sie ihm unter, daß ihm die Summe zu gering wäre.
Jedenfalls brach die Entrüstung meines Vaters ungehemmt und in einer nie gehörten Weise aus, die mich zittern machte. Man fühlte, wie sich jahrzehntelang verletzter Stolz aufbäumte und in Machtlosigkeit der Empörung überschlug. Eine unüberbrückbare Kluft zwischen meiner Mutter und meinem Vater tat sich auf, von deren Vorhandensein in meine glückliche Daseinsform kaum der Schatten einer Vermutung gefallen war. Das Ganze war in einer langen Reihe von Punkten eine Anklage gegen die Familie meiner Mutter. Hauptsächlich warf er ihr Hochmut, Dünkel in jeder Form, Herzenskälte und was nicht noch alles vor. Am Ende des sich furchtbar steigernden Wortwechsels brach meine Mutter wieder in Tränen aus. Weinend warf sie dem Vater vor, er habe ihr vor der Hochzeit fest versprochen, den Gasthof zur Krone binnen höchstens zwei Jahren zu verkaufen. Er habe dieses Versprechen nicht eingelöst und sie diesem Moloch geopfert. Sie hasse das Haus, sie verfluche das Haus. Sie habe ihren Abscheu vor dem ganzen Gasthauswesen klar und deutlich ohne jeden Rückhalt ihm immer und lange vor der Ehe zum Ausdruck gebracht. Sie habe es sich aber lange nicht schlimm genug gedacht, es sei alles noch sehr viel schlimmer gekommen. Es habe ihre Liebe zerstört, ihre Ehe zerstört. Das wolle heißen: ihr Glück zerstört. »Oder«, fuhr sie dann immer weinend fort, »willst du behaupten, daß ein Familienleben in diesem Marterkasten möglich ist? Im Sommer stecke ich die Nase nicht aus der Küche heraus; sehe ich dich oder höre ich dich, ist es höchstens, wenn du mich oder jemand anders runterkanzelst. Du machst im Büro oder Salon den vornehmen Mann, und ich, angezogen wie eine Schlumpe, schäle in der Küche Kartoffeln oder pelle Schoten aus. Und wenn ich auf Ordnung halten will und die Leute, voran der Chef, mich angrobsen, gibst du nicht mir, sondern ihnen recht. Du speisest im Saal, Gerhart und Carl kriegen ihre Teller voll Essen in der Büfettstube. Ich sehe den ganzen Sommer keinen gedeckten Tisch« – meine Schwester Johanna war damals in einem Pensionat, mein Bruder Georg in Bunzlau auf der Realschule – »und im Winter ist es wie eben jetzt. Man hat sich den Sommer hindurch nicht einen Augenblick Ruhe gegönnt, bei dreißig Grad Hitze unter dem Glasdach der Küche halb tot geschunden, damit man im Winter schlaflose Nächte in Sorgen und Ängsten hat. Du sitzt mit Gustav im Büro, ihr schreibt, ihr rechnet, ihr rechnet und schreibt, und wenn ihr noch so sehr rechnet und schreibt, ihr rechnet und schreibt die Schulden, die uns drücken, nicht weg und könnt die fälligen Zinsen nicht aufbringen. Dann nimmst du verstimmt mit mir und den Kindern dein bißchen Abendbrot und gehst mit Gustav in die Schenkstube. Du brauchst Zerstreuung, wie du sagst, ich bleibe allein in dem großen, zugigen, kalten Haus und mag sehen, wie ich mich mit meinen Gedanken, meinen Sorgen, meinen berechtigten Zukunftsängsten abfinde. Wenn du mich wenigstens einweihtest, aber du schweigst, du sagst mir nichts. Ich will deine Sorgen mit dir tragen, das Leben würde für mich viel leichter sein.« [...]

Neunzehntes Kapitel
»Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall!« sangen wir auf der Straße. Und überhaupt schwelgten wir Jungens in nationaler Begeisterung. Einen Spielkameraden hatten wir schon zu Anfang des Krieges rücksichtslos als Franzosen verfolgt, weil er mit einer Stürmermütze erschienen war, die an die Kopfbedeckung der Rothosen erinnerte. Wir kannten ihn und die Eltern des Jungen genau, wußten, daß es ein ebensoguter Deutscher war wie wir andern. Wir stießen ihn trotzdem einstimmig aus und verfolgten ihn, wo er auftauchte. [...]
Die Bismarckverehrung meines Vaters selbst war rückhaltlos, hatte er doch seine eigenen, vielfach zurückgestellten und verborgen gehaltenen Ideale von 1848 verwirklicht. Es lag aber auch ein Sieg des Gasthofs zur Preußischen Krone über den Dachrödenshof darin, der, inbegriffen den Oberamtmann Gustav Schubert auf Lohnig, die neue Zeit nicht von Herzen begrüßen konnte. Hie Bismarck, Deutsches Reich und deutscher Reichstag obendrein, dort Enge, Partikularismus, Konservativismus, kurz Dachrödenshof. In Bismarcks Größe und Erfolg lag meines Vaters Erfolg, Sieg und Rechtfertigung. [...]
Für Deutschland hatte die Kaiserkrönung in Versailles den Wert eines Schöpfungsakts. Es kam über unser Volk ein Bewußtsein von sich selbst. Es hatte sich selbst sich selber bewiesen, denn es hatte eine Reihe großer Männer, mit Bismarck an der Spitze, hervorgebracht, auf denen die Augen der Welt mit Staunen und Grauen, vor allem jedoch mit Bewunderung ruhten. Der Stolz auf sie, auf ihre Siege, die Siege des Volkes, teilte sich jedem, auch mir kleinem Jungen, mit, und ich stand nicht an, meinem Blute einen Anteil, ein Mitverdienst an solchen Erfolgen zuzuschreiben. Es hatte das durchaus nichts mit dem Zupfen der Scharpie zu tun, eines Verbandstoffes für die Verwundeten, das ich unter der Aufsicht meiner Mutter in Gemeinschaft der sonstigen Hausgenossen geübt hatte. Jedermann ahnte die nun kommende, ungeheure deutsche Aufschwungzeit, wenn er auch das Gnadengeschenk des kommenden, mehr als vierzigjährigen Friedens nicht voraussehen konnte. [...]

Zwanzigstes Kapitel 
In der Festlichkeit dieses Frühjahrs und Frühsommers geschah alles Wiederbegegnen auf neue Art. So das im Stall mit einem feurigen Rotschimmel, den mein Vater bei Beginn des Krieges hatte hergeben müssen. Er war aus dem Todesritt der Brigade Bredow, Ulanen und Kürassiere, bei Vionville/ Mars-la-Tour lebend hervorgegangen und wieder in unsern Stall gelangt. Er war für mich nun kein bloßes Pferd, sondern höchstens das eines Gottes oder eines Sankt Georgs, von heldischem Heroismus umwittert. Und besonders die Bilder im Großen Saal gewannen durch die allgemeine Festlichkeit an Festlichkeit. »Er blickt hinauf in Himmelsaun, wo Heldenväter niederschaun.« Die liebliche Raffaelische Madonna Sixtina gehörte ja dorthin. Und in dem andern Bilde, der großen Kreuzabnahme von Rembrandt van Rijn, stellte sich mir irgend etwas von göttlich-menschlichem Opfertode des Krieges dar, dem ich minutenlang nachhängen konnte. Eines Tages war dann die Kurkapelle aufgezogen und weckte mich zum ersten Male wieder um sieben Uhr früh mit ihrem Choral. Der Krause-Omnibus holte Menschen von der Bahnstation und schüttete sie im Hofe der Krone aus. Andere, nämlich die reicheren Leute, benützten Droschken und Lohnwagen. Nicht so sehr die von Osten kommenden als die von Nordosten, Norden, Nordwesten und Westen her eintreffenden Gäste waren erfüllt von dem neuen Geist, womöglich stärker erfüllt als wir. Meine Mutter war und blieb Dachrödenshof. Nicht, daß sie irgendwie meinen oder irgendeinen Enthusiasmus gestört hätte, sie sah und hörte nur lächelnd zu. Sie stand noch immer, wenig berührt, in der alten Zeit und sah in der neuen etwas, das einen gesicherten, stillen Verlauf des Lebens durch einen dramatischen ersetzte, dessen Ende nicht abzusehen war. [...]
Meine Mutter konnte nicht um Geld bitten, was überhaupt immer eine peinliche Sache ist. Sie erzog sich lieber zu einer fast sträflichen Anspruchslosigkeit. Nach der Erbschaft jedoch wurde ihr von meinem Vater der Erlös aus dem Verkauf des ausgekochten Suppenfleisches zugebilligt. In Würfel geschnitten, wurde es von meiner Mutter an arme Leute für ein Geringes weggegeben. Das solchermaßen verdiente Taschengeld meiner Mutter eröffnete ihr und mir wieder und wieder das Kurtheater. Ob sie im Todesjahr ihres Vaters hineingegangen ist, weiß ich nicht, ich möchte es aber für möglich halten, da sie Äußerlichkeiten, also zur Schau getragener Trauer, abhold war, und außerdem trieb sie, wenn sie ins Theater ging, einen ihrer Mutter geltenden Erinnerungskult: sie war eine geborene Stentzel, diese Mutter, in Breslau gebürtig und von Kind an auferzogen im Hause eines Fräuleins von Stutterheim. Vieles wurde von ihr erzählt und ihrer Theaterleidenschaft, besonders in einer Zeit, wo das Theater in Breslau florierte und alle Welt aus der Provinz tagelange Wagenfahrten nicht scheute, um einer Vorstellung beizuwohnen. Meine Großmutter Straehler muß eine freie, lebenslustige und keineswegs frömmelnde Persönlichkeit gewesen sein. Ein kluger, weltlicher, reger Geist mag bei ihr überwogen haben. »Die schöne Galathea«, im Sperrsitz neben meiner Mutter genossen, machte einen großen Eindruck auf mich: ein phantastisches Bildwerk, ein Weib, in das sich sein Meister verliebt, das lebendig wird und das er verzweifelt wieder zerschlägt, weil es ihn durch Untreue unglücklich macht. Vielleicht geht meine spätere Liebe zur Plastik in etwas auf dieses Werk von Suppé zurück. [...]

20 September 2017

Dieser Sommer ist vorüber. (Johnson: Jahrestage 15. September 1967)

15. September, 1967    Freitag
Dieser Sommer ist vorüber.
In der letzten Woche sind in Viet Nam 2376 Menschen beruflich am Krieg gestorben. Gestern bestritten die Sowjets, daß sie einen ihrer Schriftsteller im Arbeitslager mißhandeln. Die Lehrer der öffentlichen Schulen streiken weiter. Südkorea will einen Zaun aus Draht und Elektronik an seiner Nordgrenze errichten. [...] Bei der Siegesparade auf dem Riverside Drive ging Marie neben Rebecca Ferwalter am Rande einer Reihe, als gehörte sie hinein, nicht im blauweißen Aufzug, aber winkend mit einem Fähnchen, dem Davidsstern. [...] Dieser Sommer ist vorüber. In diesem Sommer ist der milliardenfache Revolutionsgewinner Tschombe nach Algerien entführt worden, und seine ehemaligen Freunde schärfen das Fallbeil. In diesem Sommer begann der 33. militärische Konflikt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, [...] Dieser Sommer ist vorüber, das ist unsere zukünftige Vergangenheit, das sind unsere Lebenserwartungen. Aber noch unter dem Broadway, auf dem Bahnhof 86. Straße, auf dessen Mittelgleisen ein Expreß donnernd nach Norden durchfährt, sehen wir auf die erstarrten, blicklosen Leute in den ruckenden Fenstern des Zuges und ängstigen uns davor, einmal nicht mehr zu ihnen zu gehören, vor einer Zukunft, da wir nur noch mit dem Heimweh leben könnten in New York.(15.9.1967)

25 Oktober 2014

Kriegslied


‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
         Und rede du darein!
‘s ist leider Krieg – und ich begehre
         Nicht schuld daran zu sein!
Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
         Und blutig, bleich und blass,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
         Und vor mir weinten, was?
Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
         Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
         In ihrer Todesnot?
Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
         So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
         Wehklagten über mich?
Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
         Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
         Von einer Leich herab?
Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
         Die könnten mich nicht freun!
‘s ist leider Krieg – und ich begehre
         Nicht schuld daran zu sein!

23 Mai 2013

Grossman: Eine Frau flieht vor einer Nachricht (erweiterter Artikel)

Gedanken und Gespräche auf der Flucht vor einer Todesnachricht.

FAZ: Grossman beschreibt  "den Versuch, die Angst mit tausend winzigen Erinnerungen zu überschreiben, wenn auch nie zum Verschwinden bringen zu können. [...]  Die Familie gibt es nur in diesem erzählerischen Rückblick, nur als Vergangenheit. [...] Niemals zuvor aber hat Grossman israelische Wirklichkeit und die intime Atmosphäre von Familienleben so zwingend erzählerisch aufeinander bezogen wie jetzt."

Grossman: "[...] dass sie in dem Moment, wo er verstaatlicht worden war, das Kind, das er gewesen war, für immer verloren hatte, und auch er selbst hatte es verloren" (S.109)

SZ: "Wie Szenen aus einem Album, das so intim ist, dass man es normalerweise keinem zeigt, entwirft David Grossman das Porträt einer Familie, deren Zusammenhalt ganz allmählich vom Schicksal ihres Landes unterminiert und zerstört wird." 

"Zerrissenheit des Landes und den Möglichkeiten des Lebens unter diesen Bedingungen" (FR)



2003 beginnt Grossman sein Buch und korrespondiert darüber mit seinem Sohn Uri, der im Libanonkrieg ist.
2006 erhält er die Nachricht selbst.

Grossmann: "dass er seine Rolle, hochmütig, jubelnd und kriegsbegeistert zu sein, dermaßen gut erfüllte" (S.116)  "wie dick die Kampfmischung ist, die in ihnen fließt, über ihre gut unterdrückte Angst" (S.118)
"wie kommt es, dass ich denen, die ihn dorthin schicken, so gehorche" (S.124)

So weit sind es Aussagen über eine Mutter (Ora)  und ihr Soldatenkind (Ofer), wie es sie in vielen Kriegen gibt.

Dagegen ist das "Gewimmel" der nächtlichen Schatten von illegalen Arabern wie ein geisterhafter Beweis, dass der Kampf ihres Sohnes keinen Sinn haben kann.
 Sie will nicht Abschied nehmen "Von diesem im Verborgenen Gutes tuenden Gewimmel hier." (Seite 163)

Die Begegnung mit ihrem durch Schlafmittel fast abgeschalteten früheren Geliebten Avram dagegen ist zunächst wie ein Albtraum.      [Ende der Erstfassung]

Doch diese Begegnung erlaubt der Mutter Ora, von ihrem Sohn zu sprechen, auch wenn Avram lange nicht hören will. Im Rückblick berichtet sie unter anderem:
Ofer schnitzt sich einen - verbotenen - Schlagstock. "Damit ich nicht schießen muss." [Kein wörtliches Zitat] 
Adam, Orams älterer Sohn, sagt: "Dazu bin ich doch da, dass der Selbstmordattentäter bei mir hochgeht und nicht in Tel Aviv."[Kein wörtliches Zitat] Und Ora ist geschockt.
Ofer, Oras Lieblingssohn, ist der Sohn ihres Freundes Avram, Adam, der Sohn ihres Mannes Ilan.
In der Nacht vor Ofers Geburt erzählt Ilan Ora, dass er sich unerlaubt von der Truppe entfernt hat, und allein durch die Wüste gezogen ist, um seinen Freund Avram zu retten, der nach dem Vormarsch der Ägypter allein als einziger Überlebender auf seinem Posten zurückgeblieben ist.
"Hast du ihm das nie erzählt? hatte sie Ilan gefragt.
Wenn ich es bis zu ihm geschafft hätte, hätte er es gewusst. Aber ich bin nicht durchgekommen, da hab ich's ihm auch nicht erzählt." (S.605)

02 April 2013

David Grossman: Eine Frau flieht vor einer Nachricht


Gedanken und Gespräche auf der Flucht vor einer Todesnachricht.

FAZ: Grossman beschreibt  "den Versuch, die Angst mit tausend winzigen Erinnerungen zu überschreiben, wenn auch nie zum Verschwinden bringen zu können. [...] Niemals zuvor aber hat Grossman israelische Wirklichkeit und die intime Atmosphäre von Familienleben so zwingend erzählerisch aufeinander bezogen wie jetzt."

Grossman: "[...] dass sie in dem Moment, wo er verstaatlicht worden war, das Kind, das er gewesen war, für immer verloren hatte, und auch er selbst hatte es verloren" (S.109)

SZ: "Wie Szenen aus einem Album, das so intim ist, dass man es normalerweise keinem zeigt, entwirft David Grossman das Porträt einer Familie, deren Zusammenhalt ganz allmählich vom Schicksal ihres Landes unterminiert und zerstört wird." 

"Zerrissenheit des Landes und den Möglichkeiten des Lebens unter diesen Bedingungen" (FR)


2003 beginnt Grossman sein Buch und korrespondiert darüber mit seinem Sohn Uri, der im Libanonkrieg ist.
2006 erhält er die Nachricht selbst.

Grossmann: "dass er seine Rolle, hochmütig, jubelnd und kriegsbegeistert zu sein, dermaßen gut erfüllte" (S.116)  "wie dick die Kampfmischung ist, die in ihnen fließt, über ihre gut unterdrückte Angst" (S.118)
"wie kommt es, dass ich denen, die ihn dorthin schicken, so gehorche" (S.124)

So weit sind es Aussagen über eine Mutter und ihr Soldatenkind, wie es sie in vielen Kriegen gibt.

Dagegen ist das "Gewimmel" der nächtlichen Schatten von illegalen Arabern wie ein geisterhafter Beweis, dass der Kampf ihres Sohnes keinen Sinn haben kann.
 Sie will nicht Abschied nehmen "Von diesem im Verborgenen Gutes tuenden Gewimmel hier." (Seite 163)

Die Begegnung mit ihrem durch Schlafmittel fast abgeschalteten früheren Geliebten Navram dagegen ist wie ein Albtraum.

16 Mai 2012

Albano über Liebe, Krieg und Freiheit

Albano an Linda
Und so ist mir jetzt wie der und noch stärker; ich möchte zu dir hinüberfliegen und sagen: du bist mein Ruhm, mein Lorbeerkranz, meine Ewigkeit, aber ich muß dich verdienen; ich kann nichts für dich tun, außer für mich. – In der alten Zeit waren geliebte Jünglinge groß, Taten waren ihre Grazien und der Panzer ihr Feierkleid. Heute, als ich auf den Golf von Baja und auf die Ruinen hinübersah, wo die Gärten und Paläste der großen Römer noch mit Trümmern oder Namen liegen; und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah mitten in Blumen und Orangen und in lauen Duftlüften, davon erquickt, aber nicht erweicht, mit der Hand den schweren Dreizack hebend, der drei Weltteile bewegte, und mit der markigen Brust entgegentretend dem Winter im Norden, der Glut in Afrika und jeder Wunde: da fragte mein ganzes Herz: bist du so? O Linda, kann der Mann anders sein? Der Löwe geht über die Erde, der Adler geht durch den Himmel, und der König dieser Könige habe seine Bahn auf der Erde und in dem Himmel zugleich. Noch war und tat ich nichts; aber wenn noch das Leben ein leerer Nebel ist, kannst du ihn übersteigen, oder festgreifen und zerschlagen? Willst du einmal, du Uranide, einen Mann lieben, so tret' ich vor keinem zurück. Aber Worte sind an Taten nur Sägespäne von der Herkuleskeule, wie Schoppe [643] sagt. Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstoßen, so will ich dich im Sturm der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe. (113. Zykel)

Albano im Gespräch mit Julienne
»Zwar doch!« (holte Julienne plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu einer ernsten Rede aus) »Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein Faux-brillant. Kannst du denn glauben, daß man es dir zulässet? daß eine Prinzessin-Schwester von Hohenfließ dem Bruder Pässe zu einem demokratischen Feldzuge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt!« Albano lächelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. »Zeige mir« (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) »auf der Landkarte eine bessere [654] Laufbahn!« – »Einen bösern Laufgraben?« (sagte sie spielend) »Wohl kaum!« Nun schattete sie mit aristokratischen, weiblichen und fürstlichen Farben zugleich, mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab, womit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war. Und setzte dazu »Lieber ein müßiger Graf als das!« – Er wurde rot. Von jeher war ihm das weibliche Binden der männlichen Kraft, das liebende Krummschließen zu Blumen herab, das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so aufschreckend und verhasset; – »in einer Welt, die nur eine Meßwoche und ein Maskenball ist, nicht einmal Meß- und Maskenfreiheit zu behalten, ist stark«, hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in sie kam. »Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine Schwester nicht,« (sagt' er) »sonst verständen wir uns leichter.« Lindas Hand zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder. – Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein. (115. Zykel)
(Hervorhebungen von Fontanefan)

Albano über Freiheit und Krieg


Albano an Schoppe
Wie in Rom, im wirklichen Rom, ein Mensch nur genießen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen könne, anstatt sich schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen, das begreif' ich nicht. Im gemalten, gedichteten Rom, darin mag die Muße schwelgen; aber im wahren, wo dich die Obelisken, das Coliseo, das Kapitolium, die Triumphbogen unaufhörlich ansehen und tadeln, wo die Geschichte der alten Taten den ganzen Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drängt und hebt, o wer kann sich unwürdig und zusehend hinlegen vor die herrliche Bewegung der Welt? – Die Geister der Heiligen, der Helden, der Künstler gehen dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig: was bist du? [...]
Nimm nur den Krieg höher, wo die Geister, ohne Verhältnis des Gewinstes zum Verlust, nur aus Kraft der Ehre und des Zwecks, sich dem Schicksal verdingen, daß es unter ihren Körpern die Leichen auslese und das Los des Sieges aus den Gräbern ziehe. – Zwei Völker gehen auf die Schlacht-Ebene, die tragische Bühne eines höhern Geistes, um ohne persönlichen Haß die Todesrollen gegeneinander zu spielen – still und schwarz liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld – die Völker ziehen hinein in die Wolke, und alle ihre Donner schlagen, und düster und allein brennt die Todesfackel über ihr – es wird endlich Licht, und zwei Ehrenpforten stehen aufgebauet, die Todespforte und das Siegestor, und das Heer hat sich geteilt und ist durch beide gezogen, aber durch beide mit Kränzen. – Und wenn es vorüber ist, stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt, weil sie das Leben nicht geachtet hatten. – Wenn aber der große Tag noch größer werden, wenn dem Geiste das Köstlichste kommen soll, was das Leben heiligen kann: so stellt Gott einen Epaminondas, einen Kato, einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer – und die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme – o selig, wer dann lebt oder stirbt für den Kriegs-Gott und für die Friedens-Göttin zugleich. – – [...]
Gespräch mit Gaspard
»Der gallische Rausch« (versetzte Albano heftig) »ist doch wahrlich kein zufälliger, sondern ein Enthusiasmus, in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet; woher denn sonst der allgemeine Anteil? – Sie können vielleicht sinken, aber um höher zu fliegen. Durch ein rotes Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen, und ihre Wüste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Händen klimmt sie wie die Gemsenjäger empor.« [...]
Albano zu Dian
Er gestand dem geliebtesten Lehrer den großgewachsenen Vorsatz, sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine Pechkränze in allen Straßen der Stadt Gottes aushing, in Flammen schlage, an die Seite der Freiheit zu treten und früher zu fallen als sie.
(Jean Paul: Titan, 105. Zykel)

21 April 2012

Neues zu Angriffskrieg, freier Meinungsäußerung und Grass


Paul Oestreicher in Publik-Forum 2012 Nr. 8, S.30-31
"Israel droht nun Iran anzugreifen [...]  Die Konsequenzen eines solchen Angriffes wären unermesslich. All das - so sagt "Political Correctness" - darf vor allem angesichts der deutschen Schuld von keinem Deutschen und angesichts der christlichen Schuld von keinem Christen ausgesprochen werden. Wer es doch ausspricht, wird gleich zum Antisemiten gebrandmarkt. [...] Ich sage es nun im Einklang mit Günter Grass, der spät, aber nicht zu spät [...] den Mut fand, das zu sagen, was gesagt werden muss."
 ( stark gekürzt, aber wenn ich alles Zitierenswerte zitierte, erhielte ich zu recht eine Abmahnung. )

Alfred Grosser sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 10.4.2012:

Alfred Grosser: Ich bin auf Seiten von Grass und das Pro ist in dieser Diskussion doch sehr schweigsam gewesen. Außer in der Zeitung Haaretz, die sich auch fragt: Ist unsere Regierung verrückt geworden?
SZ: Warum stehen Sie auf Seiten von Grass?
Grosser: Weil er etwas Vernünftiges gesagt hat in seinem sogenannten Gedicht. Es ist natürlich kein Gedicht, aber was darin steht ist doch viel wichtiger als die Form: Die israelische Regierung provoziert. Doch was passiert, wenn sie Iran wirklich angreift und was ist, wenn Iran dann Raketen hat, mit denen es Tel Aviv angreifen kann? Dann ist der Krieg los.
SZ: Sachliche Kritik an israelischer Politik ist doch aber kein Tabu, auch nicht in Deutschland.
Grosser: Es heißt aber immer sofort, das sei Antisemitismus. Ich kann die Aufregung ja verstehen, aber nicht jede Kritik. [...] 

Peter Zehfuß in BA, 21.4.12
"[...] kann man Grass nicht das Recht absprechen, sich im politischen Diskurs [...] zu äußern, zumal er völlig Recht hat, als nach Paragraph [gemeint: Artikel] 26 unseres Grundgesetzes selbst die Mitwirkung bei der Vorbereitung [...] eines Angriffskrieges verfassungswidrig und strafbar ist."

Helmut Schmidt kritisiert Waffenexporte in Krisengebiete.

Alfred Grosser äußerte schon früher:
"Die Methode hat sich bewährt. Einerseits breitet man den Schleier des Antisemitismus über das Gesagte aus, um die dargestellten Fakten nicht widerlegen zu müssen. Wenn man dann noch Beschimpfungen hinzufügt und so verdreht, dass es skandalös erscheint  [...]" (verkürzt zitiert nach U.Wickert: "Buch der Tugenden", 2010)

09 September 2010

Juno öffnet die Kriegstore

Schon im hesperischen Latium herrschte der Brauch, den im Anschluß
dann die Albaner voll Ehrfurcht bewahrten, den heute die Weltmacht
Rom auch noch treulich befolgt beim Ausbruch jeglichen Krieges,
mag man das getische Volk mit dem Jammer der Schlachten bedrängen,
Araber oder Hyrkaner; mag man nach Osten zu Indern
aufbrechen oder zurück von den Parthern die Feldzeichen fordern:
»Doppelte Tore« besitzt der Krieg – so heißen sie –, heilig
werden verehrt sie aus Furcht vor dem Mars, dem schrecklichen Gotte.
Hundert eherne Riegel und dauerhaft eisenbeschlagnes
Eichenholz schließen sie, ständig lauert Janus am Eingang.
Wenn unumstößlich die Väter beschlossen, den Krieg zu beginnen,
öffnet der Konsul persönlich im weißen Gewand des Quirinus,
nach gabinischer Weise gegürtet, die knarrenden Flügel,
ruft auch persönlich zum Kampf; ihm folgen die übrigen Männer,
eherne Blashörner dröhnen dazu in kräftigen Stößen.
König Latinus auch sollte den Krieg mit dem Heer des Aeneas
derart verkünden, die Tore der Trauer brauchgemäß öffnen.
Doch er entzog sich dem Auftrag, vermied die Ausführung einer
Amtspflicht, die Unheil nur brachte, und ließ sich im Freien nicht blicken.
Aber da schwang sich die Fürstin der Götter vom Himmel hernieder,
stieß mit der eigenen Hand an die säumigen Tore; die Angeln
drehten sich, Juno erbrach die eisernen Pfeiler des Kampfes.
(Vergil: Aeneis, Siebter Gesang)