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06 Oktober 2024

Grenzen

Grenzen, 2015, hrsg. von Gisela Dachs (in der Reihe Jüdischer Almanach der Leo Baeck Institute)

Der Eruv ist in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft entwickelt worden, um es  orthodoxen Juden zu erleichtern, mit Ungläubigen zusammenzuleben. Er ist besonders in der Diaspora für orthodoxe Juden, die streng nach dem Gesetz leben, wichtig.

Das gedanklich Anspruchsvolle dabei ist, dass er gleichzeitig Grenze wie Abgrenzung ermöglicht, so wie eine Tür durch das Öffnen ermöglicht, einen geschlossenen Raum zu verlassen und gleichzeitig durch Schließen einen für andere verbotenen Raum herstellen kann.  Das kennt man im bürgerlichen Leben von der Trennung von privat und öffentlich.

Der Eruv ist freilich gedanklich weit anspruchsvoller, zum Beispiel, weil Brot, das Mischen und Zäune bzw. Drähte dazu dienen können, öffentliche Räume zu (dem Gesetz nach) privaten Räumen einer Gemeinschaft zu machen. 

Dazu passt die jüdische Anekdote vom Wunderrabbi, der eine Gruppe von Orthodoxen eine Weiterreise am Sabbath ermöglichte: "Wir saßen im Zug und konnten nicht aussteigen, doch der Sabbath fing an. Da half unser Rabbi mit einem Wunder: 'Rechts war Sabbath, links war Sabbath, aber im Zug war kein Sabbath.' "

Astrid von Busekist: Der Eruv, S.13-25

Dieses Konzept könnte in einer zerstrittenen Welt Zusammenarbeit ermöglichen, wo (zeitweise) unüberbrückbare Gegensätze bestehen.

David Rechter: Habsburg Bukowina: Juden am Rande des Reichs, S.84-94

BukowinaCzernowitz

"Wegen ihrer traditionell stark multikulturellen Bevölkerung benutzt der Rechtswissenschaftler Gunther Teubner den Begriff Bukowina als Metapher zur Beschreibung pluralistischer Entwicklungen auch im internationalen Recht, wie sie sich im Zuge der Globalisierung seit den 1990er Jahren zeigen, und spricht von einer „globalen Bukowina“.[13]" (Wikipedia)

31 Juli 2023

Heinrich Heine: Über Polen

"[...] Zwischen dem Bauer und dem Edelmann stehen in Polen die Juden. Diese betragen fast mehr als den vierten Teil der Bevölkerung, treiben alle Gewerbe und können füglich der dritte Stand Polens genannt werden. Unsere Statistikkompendienmacher, die an alles den deutschen, wenigstens den französischen Maßstab legen, schreiben also mit Unrecht, daß Polen keinen tiers état habe, weil dort dieser Stand von den übrigen schroffer abgesondert ist, weil seine Glieder am Mißverständnisse des Alten Testaments – Gefallen finden – – – und weil dieselben vom Ideal gemütlicher Bürgerlichkeit, wie dasselbe in einem Nürnberger Frauentaschenbuche, unter dem Bilde reichsstädtischer Philiströsität, so niedlich und sonntäglich schmuck dargestellt wird, äußerlich noch sehr entfernt sind. Sie sehen also, daß die Juden in Polen durch Zahl und Stellung von größerer staatswirtschaftlicher Wichtigkeit sind als bei uns in Deutschland und daß, um Gediegenes über dieselben zu[562] sagen, etwas mehr dazu gehört als die großartige Leihhausanschauung gefühlvoller Romanenschreiber des Nordens oder der naturphilosophische Tiefsinn geistreicher Ladendiener des Südens. Man sagte mir, daß die Juden des Großherzogtums auf einer niedrigeren Humanitätsstufe ständen als ihre östlicheren Glaubensgenossen; ich will daher nichts Bestimmtes von polnischen Juden überhaupt sprechen und verweise Sie lieber auf David Friedländers »Über die Verbesserung der Israeliten (Juden) im Königreich Polen«, Berlin 1819. Seit dem Erscheinen dieses Buches, das, bis auf eine zu ungerechte Verkennung der Verdienste und der sittlichen Bedeutung der Rabbinen, mit einer seltenen Wahrheit- und Menschenliebe geschrieben ist, hat sich der Zustand der polnischen Juden wahrscheinlich nicht gar besonders verändert. Im Großherzogtum sollen sie einst, wie noch im übrigen Polen, alle Handwerke ausschließlich getrieben haben; jetzt aber sieht man viele christliche Handwerker aus Deutschland einwandern, und auch die polnischen Bauern scheinen an Handwerken und andern Gewerben mehr Geschmack zu finden. Seltsam aber ist es, daß der gemeine Pole gewöhnlich Schuster oder Bierbrauer und Branntweinbrenner wird. In der Wallischei, einer Vorstadt Posens, fand ich das zweite Haus immer mit einem Schuhmacherschilde verziert, und ich dachte an die Stadt Bradford in Shakespeares »Flurschütz von Wakefield«. Im preußischen Polen erlangen die Juden kein Staatsamt, die sich nicht taufen lassen; im russischen Polen werden auch die Juden zu allen Staatsämtern zugelassen, weil man es dort für zweckmäßig hält. Übrigens ist der Arsenik in den dortigen Bergwerken auch noch nicht zu einer überfrommen Philosophie sublimiert, und die Wölfe in den altpolnischen Wäldern sind noch nicht darauf abgerichtet, mit historischen Zitaten zu heulen.

Es wäre zu wünschen, daß unsere Regierung, durch zweckmäßige Mittel, den Juden des Großherzogtums mehr Liebe zum Ackerbau einzuflößen suchte; denn jüdische Ackerbauer soll es hier nur sehr wenige geben. Im russischen Polen sind sie häufig. Die Abneigung gegen den Pflug soll bei den polnischen[563] Juden daher entstanden sein, weil sie ehemals den leibeigenen Bauer in einem äußerlich so sehr traurigen Zustande sahen. Hebt sich jetzt der Bauernstand aus seiner Erniedrigung, so werden auch die Juden zum Pflug greifen. [...]"

Zeno.org Reisebilder



07 Juni 2023

Bilder aus dem jüdischen Leben

Salomon Herrmann Mosenthal:    https://de.wikipedia.org/wiki/Erzählungen_aus_dem_jüdischen_Familienleben

(Text in Gutenberg.de)

Edith Dietz:  "Den Nazis entronnen" Aus dem alltäglichen Leben von Juden in der Nazizeit.

Unter anderem: Warum Arier den Judenstern trugen und weshalb das gefährlich für sie war.



16 Oktober 2022

Michel Bergmann: Die Teilacher

 Michel Bergmann: Die Teilacher, 2010

Rezensionen bei Perlentaucher

Wikipedia: "2010 brachte er seinen ersten Teil einer Roman-Trilogie unter dem Titel Die Teilacher heraus, der auf humorvolle Art die Nachkriegsgeschichte der Frankfurter Juden thematisiert. Der Roman war ein großer Erfolg und wurde ab 2016 von Sam Garbarski (Irina Palm) als Deutsch-Luxemburgisch-Belgische-Coproduktion verfilmt. 2017 wurde der Film unter dem Titel Es war einmal in Deutschland… auf der Berlinale uraufgeführt."

Zitate:

David Bermann erzählt:

"Naja, und weil es immer wieder zu Beschwerden von Kunden gekommen war, die rumnörgelten, die Preise sind zu hoch, die Bedienung ist schlecht, die Ware ist mies, da  habe ich das Handtuch geworfen, wie man so schön sagt.
Ich habe mich einfach selbst an die Spitze der Vertreterkolonne gesetzt, die für die Firma reiste. Ich wollte nur noch Teilacher sein. Das hat mir gefallen.
Mein Bruder Emanuel hat nur den Kopf geschüttelt, und Isy hat sich aufgeführt: man muss meschugge sein, um Teilacher zu werden!, hat er geschrien.
Na ja, habe ich gesagt, man muss nicht meschugge sein, aber es kann nicht schaden!
Dann sprang er auf: Ich werd dir geben, Teilacher! Er ist hin und her gerannt im Zimmer. Teilacher willst du sein? Den dicken potz spielen, in der Gegend rumkutschieren und mit schickses rummachen! Das willst du!
Ich habe nur gestanden und ruhig an meiner Zigarette gezogen.
Warum nicht? Das ist schlecht?
Du bist doch eine Schande für die Familie, bist du!
Da habe ich gesagt: und du bist a nudnik! Du weißt, was das ist, ein nudnik? Ein nudnik ist einer, den du fragst, na, wie geht’s… und er erzählt es dir! [...]
Glaub mir, es war meine glücklichste Zeit, sagte David und schaute in die Ferne. Ich war jung, verdiente gutes Geld, und jeder Tag war wie ein Fest. Ich konnte mir meine Zeit einteilen, das habe ich gebraucht. Ich glaube, das war immer das Wichtigste in meinem Leben: über meine Zeit verfügen zu können, keiner, der mir Vorschriften macht. Das ist der größte Luxus, den man haben kann im Leben. Eines Tages wirst du dich erinnern, und du wirst sagen, der Onkel David hat viel Quatsch erzählt, aber wo er recht hat, hat er recht. Und was die Zeit betrifft, da hatte er recht.
Und was hast du gemacht in deiner Freizeit?
Was habe ich gemacht? Ja, ich bin oft in den Taunus gefahren und hatte Maria dabei, Maria Nickel, meine heimliche Verlobte.
Was heißt Verlobte? Doch, es war schon ernst damals, wenn ich so zurückdenke wir waren ziemlich verliebt. [...]" (S. 43/44)

"Das jüdische Substantiv "Teilacher" ist der Cousin des jiddischen Berliner Verbs "teilachen" und das heißt. im vulgären Sprachgebrauch so viel wie "abhauen". Seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich "Teillaacher" geschrieben werden. Es ist ein Pleonasmus und setzt sich zusammen aus dem Begriff "Teil" und dem Wort "Laachod", Einzelhandel. Der Teilacher als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das / Atom der Kaufmannswelt. Was den Teilacher vom herkömmlichen Handlungsreisenden unterscheidet: der Teilacher ist Jude. Oder er gibt sich als solcher aus. Denn es gab eine Zeit, da konnte das, unglaublich, aber wahr, Vorteile haben. Aber auch Nachteile.

Wer allerdings glaubt, Teilacher wären gern Teilacher, der irrt. Sie mögen ihren Beruf nicht. Mal ehrlich, ist das ein Leben für einen ausgewachsenen, intelligenten Menschen? Nein, die Teilacher der Nachkriegsjahre waren Gestrandete. Sie alle hatten die Idee gehabt, Warenhausbesitzer, Wundergeiger, Architekt, Anwalt oder Arzt zu werden, aber der Führer wusste dieses zu verhindern. So sahen sie ihren Beruf als eine Art von vorübergehendem, schicksalhaftem Ereignis auf dem steinigen Weg zu etwas ganz anderem, etwas Besserem." (S. 105/106)

Die Widersprüche zwischen David Bermanns Aussage (S.33/44) und der seines Neffen Alfred Kleefeld, des Erzählers (S.105/106), brauchen einen nicht zu wundern, denn die Zeiten, wo jüdische Warenhausbesitzer so viel finanzielle Sicherheit ausstrahlten, dass einer ihrer Verwandten es sich leisten konnte, sich seine Arbeit danach auszusuchen, wo er mehr Freizeit hatte, waren seit der Judenverfolgung durch die Nazis vorbei. 

"Bis 1941 sind etwa zwanzigtausend Juden aus Europa nach Shanghai geflohen. Die Stadt war das "Exil der kleinen Leute", und es begann sich rasch eine Infrastruktur zu entwickeln. Es gab die deutschen Viertel "Klein-Berlin" und "Klein-Wien" und viele wohltätige Menschen. Einer davon war Herr Eisen, Emigrant aus Berlin, der das Café Luise in der Bubbling – Well – Road betrieb, das zum Mittelpunkt der Immigrantenszene wurde. Hier arbeitete Emil Verständig in den ersten Monaten nach seiner Ankunft als Kellner.

Mithilfe eines chinesischen Strohmanns übernahm Verständig im Jahre 1940 eine kleine Bar im Stadtteil Hong-kew. Hier war er in seinem Element, hier konnte er seine sarkastischen Witze loswerden, hier hielt er Hof. Die Bar war keine Goldgrube, aber ernährte ihren Mann. Und für Agenten, Spione und Journalisten war der Ort ein idealer Tummelplatz. [...]
Noch war alles ruhig.
Das änderte sich schlagartig, als die Japaner 1941 Shanghai besetzten und es mit den mit ihnen verbündeten Nazis gleichtun wollten. Die Japaner, die zwar keine Antisemiten waren, / aber von Hause aus nicht zimperlich und mit einem hohen Maß an Herrenmenschenideologie behaftet, erließen sogleich strenge "Judengesetze" und erfassten im Lauf der nächsten Monate fast fünfzehntausend illegale Ausländer auf Listen.
Verständig wurde ernst und meinte:
Mit einer Liste fängt es an.
Er sollte Recht behalten.
In Emil Verständigs Bar ging es zu wie in einem Bienenstock: jeder ahnte, wusste, mutmaßte, hörte, vermutete, beschwor, klagte, jammerte, fluchte und rebellierte.
Als sich die Nachricht verbreitete, die Japaner beabsichtigten, ein Getto für die Juden einzurichten, hielten das die meisten für einen miesen Witz.
Verständig aber, hinter seiner Bar, glaubte daran und schaute auf den aufgeregten Hühnerhaufen, der vor ihm stand, und sagte:
Freunde, zuerst Ghetto – am Ende KZ!
Auch hier sollte er sich nicht irren.
Der lange Arm der Gestapo reichte bis nach China. Es gab plötzlich eine Ortsgruppe der NSDAP, es wehte die Hakenkreuzfahne [...] Ende 1942 Gestapo-Offizier Josef Meisinger nach Shanghai, nachdem er erfolgreich das Warschauer Getto liquidiert hatte. Er wollte mit seinen japanischen Verbündeten über Pläne zur Ermordung der Juden sprechen. Angeblich wollte die Gestapo die Schanghaier Juden auf Flöße treiben und auf dem offenen Meer verhungern lassen. Auch über ein KZ mit Verbrennungsöfen bei Shanghai wurde diskutiert. [...]/ Aber Verständlig hatte nicht sein Auge verloren, um blind und hilflos zu werden, und er organisierte eine Art Untergrund. [...] 
Wie von ihm vorausgesagt, bemühten sich die Japaner noch in den letzten Kriegsmonaten auf Anweisung der deutschen Regierung ein Internierungslager außerhalb von Shanghai fertigzustellen, das aber von den chinesischen Partisanen gemeinsam mit jüdischen Saboteuren zerstört werden konnte.
Kurz nach dem Endes des Pazifikkriegs im August 1945 heiratete Verständig seine rumänische Kellnerin Sofia, und das Ehepaar reiste ein Jahr später nach Deutschland, in die Stadt, aus der Verständig verjagt worden war: Frankfurt am Main!

Verständig und seine Frau hausten in einem sogenannten "Verschlepptenlager" im Vorort Rödelheim. Hier hatten die Sieger viele Überlebende untergebracht, aber die Umstände waren nur unwesentlich besser als in einem KZ. Die Verständigs mussten sich einen Raum mit zwei älteren orthodoxen Juden und deren Frauen teilen, die auf eine Ausreise nach Palästina warteten. [...]" (S.140-43)

Verständig und Krautberg beim Verkauf von Wäschepaketen:
"Er suchte mit zusammengekniffenem Auge die Grabsteine ab, las die Namen. Wischte Schnee von Grabplatten, bis er schließlich fand, was er suchte. Es war ein Familiengrab, und unter den Namen Wilhelm Schütz, Dorothea Schütz, geb. Langer, Herbert Schütz, Minna Schütz geb. Schmittchen, stand der entscheidende, frisch eingravierte Satz: In Erinnerung an unseren geliebten Sohn, unter Offizier Heinrich Schütz, geboren 4. März 1921, gefallen am 12. Oktober bei Smolensk
Fabelhaft! Verständig klatschte in die Hände.
"Schütz" stand deutlich auf dem Messingschild an der Tür des schmucken Zweifamilienhauses. Verständig beugte sich zu dem Klingelknopf und drückte einmal kurz. Ein Gong ertönte, und nach ein paar Sekunden öffnete ein älterer, grauhaariger Herr mit Hornbrille die verglaste Haustür mit Spanngardine.
Ja bitte?
Ist das zufällig hier das Haus von  Familie Schütz?, fragte Verständig naiv.
Ja. Ich bin der Herr Schütz, antwortete der Mann misstrauisch.
Prima! Dann bin ich richtig, rief Verständig fröhlich. Ist denn der Heini zu Hause?
Der Mann wurde ernst.
Wenn Sie unseren jüngsten Sohn, also den Heinrich, meinen, der ist tot, der ist in Russland geblieben.
Was? Verständig begann zu straucheln und musste sich am Türrahmen festhalten. Das ist nicht wahr! Der Heinrich? Ich kann es nicht glauben.
Doch. Leider. Es ist wahr. Kannten Sie denn meinen Sohn?
Was heißt kannten? Gut sogar. Ein Kamerad! Wir waren zusammen in… Warten Sie, bei Smolensk war das, glaube ich. Wir haben noch unsere Adressen ausgetauscht.
Ja. Smolensk, Da ist es passiert. Ein Hinterhalt. Partisanen.
Partisanen? Banditen!
Das können sie laut sagen, aber kommen Sie doch rein. Ein Kamerad von Heinrich ist uns immer willkommen.
Gerda! Hier ist ein Herr… Wie war der Name?
Wehrmann! Wie Wehrmacht, mit einem richtigen Mann hinten, ha, ha.
Krautberg saß bereits über dreißig Minuten in dem kalten Wagen. Die Scheiben waren beschlagen. Er musste an das Lager denken, an die endlosen dunklen Winter. Hopp, hopp, raus, raus! Er wischte sich einen Sehschlitz frei und starte auf das erleuchtete Parterrefenster." (S.156-58)

22 Juni 2022

Achtzehngebet

 1. Achtzehngebet


1 Lobspruch

Herr, öffne meine Lippen!
Mein Mund verkündige dein Lob!
Gepriesen seist du, Herr,
du unser Gott
und unsrer Väter Gott!
Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs,
du großer, starker, schreckensvoller Gott,
du höchster Gott,
du Schöpfer Himmels und der Erden,
du unser Schild
und unsrer Väter Schild,
du unsere Zuflucht von Geschlechte zu Geschlecht!
Gepriesen seist du, Herr,
du Schild des Abraham!

2 Lobspruch

Du bist gar stark,
erniedrigest die Stolzen.
Du bist so kraftvoll,
hältst über Trotzige Gericht.
Du lebst in Ewigkeit,
erweckest Tote.
Du läßt die Winde wehen,
den Tau herniederrieseln.
Du sorgst für Lebende,
belebst die Sterbenden.
In einem Augenblick
läßt du uns Heil ersprießen.
Gepriesen seist du, Herr,
der du die Sterbenden belebst!

3 Lobspruch

Du bist so heilig,
und furchtbar ist dein Name,
Nicht gibt es außer dir sonst einen Gott
Gepriesen seist du, Herr;
du heiliger Gott!

[4 - 18] (Wikisource)


Zum Achtzehngebet

Das heute noch übliche Tagesgebet der achtzehn Lobsprüche entstand nach dem Jahr 70 n. Chr. Die Belebung der Toten (2) ist nach Ez 37, 1 ff die Wiedererweckung des scheinbar toten Israel nach der scheinbaren Vernichtung Israels durch die römische Weltmacht im Jahre 70. Das Gebet liegt in einer palästinensischen und einer längeren babylonischen Form vor (s. Berakot b. O. Holtzmann 1912) [Mischna I 1].

2 Die Toten sind das scheinbar tote Israel. [...]

(Wikisource)

18 Januar 2022

Ferdinand Gregorovius

 "Gregorovius’ monumentale Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter (1871), an der er über 18 Jahre lang arbeitete und für die er zahlreiche Archivalien erschloss, gilt als Klassiker der Geschichtsschreibung. Die von ihm verfassten Wanderjahre in Italien, die aus journalistischen Arbeiten hervorgingen, gelten in ihrer Wirkungsgeschichte für das Italienbild der Deutschen bis heute als wichtigster Beitrag nach Goethes Italienischer Reise.[1] Die darin enthaltenen Reiseberichte gehören größtenteils dem Genre der historischen Landschaftsbeschreibung an, das Gregorovius mit seinem Buch Corsica (1854) begründet hatte." (Wikipedia: Ferdinand Gregorovius)

F. Gregorovius Briefe

F. Gregorovius in seinem Jahrhundert 1 (Zeitenwende)

F. Gregorivius in seinem Jahrhundert 2 (Einführung)

F. Gregorovius Briefedition 3

F. Gregorovius und das Judentum 4

Gregorovius über die Huldigung der Juden für die Päpste des Mittelalters

Es fehlte im Mittelalter nicht an anderen Huldigungszeremonien, die den Juden auferlegt waren. Beim Fest der Besitznahme des erwählten Papstes vom Lateran mußten sie in festlicher Deputation ihm entgegenkommen, und man will wissen, daß sie schon den alten Kaisern in ähnlicher Weise verehrend sich darstellten. Die Hebräer opferten in ihrem Tempel zu Jerusalem, wenn der römische Kaiser den Thron bestieg, und brachten Gebete für ihn dar; so sagte schon Philo in seiner «Gesandtschaft an den Kaiser Cajus», daß die Juden dreimal für Caligula Opfer vollzogen hätten, das erstemal, als er den Thron bestieg, darauf, als er in gefährliche Krankheit verfiel, das drittemal für seinen Sieg über Deutschland. Daß auch die Juden in Rom das gleiche taten, ist natürlich, und schwerlich haben sie bei den Huldigungsfeierlichkeiten gefehlt, um vor dem Kaiser als Schutzflehende zu erscheinen und solche Duldung zu erbitten, wie sie ihnen von Augustus gewährt worden war.

Als nun an die Stelle der Kaiser die Päpste getreten waren, wechselten nur die Formen, nicht das Wesen der Zeremonien. Bei jeder Huldigung eines Papstes erschienen die Abgesandten der römischen Judenschaft, mit dem Pentateuch auf der Schulter, an dem Wege, wo der päpstliche Triumphzug vorüberkam. Man betrachtete sie nach dem Ausspruch des heiligen Hieronymus gleichsam als die Bibliothekare der christlichen Religion, weil sie das Alte Testament oder vielmehr das Gesetz in ihrer Bundeslade verwahrt gehalten hatten; und indem sie dem neuerwählten Papst als Schutzflehende nahten, taten sie dies, wie man sagt, teils weil ihre Väter in solcher Gestalt vor den Kaisern erschienen waren, teils weil sie, auf einen Messias und Befreier aus der Gefangenschaft hoffend, den jedesmaligen Papst daraufhin betrachteten, ob nicht er es sei, der sie von ihrem Joch befreien würde.

Seit Calixt II., der im Jahre 1119 von den Juden eine solche Zeremonie empfing, haben wir von jeder Huldigungsfeierlichkeit Nachricht. Allen brachten sie den Pentateuch auf der Schulter entgegen, so Eugen III., wie Alexander III. und Gregor IX., und sangen Lieder, zu ihrem Lobe. Cancellieri in seinem Werk «Storia de' possessi» (Geschichte der Besitznahme der Päpste) gibt darüber die besten Aufschlüsse aus den Tagebüchern der päpstlichen Zeremonienmeister.

Der Ort, an welchem die Juden sich aufstellten, wechselte. In der Zeit des älteren Mittelalters war es die Region Parione, einer der ältesten und wichtigsten Stadtteile Roms, diesseits der Hadrianischen Brücke gelegen, wo die Judenschaft den nach dem Lateran ziehenden Papst erwartete. So erzählt schon das alte lateinische Gedicht des Kardinals Giacoma Stefaneschi, welches die Huldigungsfeier Bonifacius' VIII. im Jahr 1295 beschreibt:

Ecce, super Tiberim positum de marmore pontem
Transierat, provectus equo; turrique relicta
De campo Judaea canens, quae caecula corde est,
Occurrit vesana duci Parione sub ipso,
Quae Christo gravidam legem plenamque sub umbra
Exhibuit Moysi. Veneratus et ille figuram
Hanc post terga dedit, cauto sermone locutus.
Ignotus Judaea deus, sibi cognitus olim.
Qui quondam populus, nunc hostis; qui deus et rex
Obnubi patitur, praesentem temnere mavis,
Quem fragilem reputas hominem, sperasque futurum,
Et latet ipse deus – –

Schon hatte er die marmorne Tiberbrücke hoch zu Roß überschritten. Als er am Turm vorüber war, kam ihm die wahnsinnige Judenschaft, Blindheit im Herzen, vom Campus her unter der Führung des Pario selbst entgegen und zeigte das Christus ärgerliche und schattenreiche Gesetz des Moses. Jener ehrte die Rolle, reichte sie hinter sich und sprach in wohlgemessener Rede: ‹Gott ist der Judenschaft unbekannt, obwohl er ihr einst bekannt war. Einst war er vom Volke geliebt, jetzt verhaßt. Dieser Gott und König muß sich verdunkeln lassen, denn du ziehst es vor, den Gegenwärtigen zu verachten, den du für einen vergänglichen Menschen hältst, und hoffst auf den Zukünftigen. Gott selbst aber bleibt dir verborgen.›.

Schon damals hatte dies Schauspiel dieselben Formen, wie sie später beobachtet wurden. Die Juden, Loblieder singend, warteten des im Triumphzug daherreitenden Papstes; sie boten ihm die Gesetzrolle dar, der Papst nahm sie, las einige Worte darin, reichte sie dann hinter sich und sagte: «Wir bestätigen das Gesetz, aber das jüdische Volk und seine Auslegung verdammen wir.» Hierauf ritt er weiter, und die Juden kehrten in ihre Wohnungen zurück. Niedergeschmettert oder zur Hoffnung belebt, je nach dem, was sie mit scheuer Furcht in den Augen des Papstes gelesen hatten. Entweder standen sie hinter der Hadriansbrücke, oder, wie es häufig geschah, an dem Platze, welcher Monte Giordano heißt. Obwohl dieser aus Schutt entstandene Hügel seinen Namen von Giordano Orsini, einem Edlen dieses alten römischen Geschlechts, empfangen hatte, der dort seinen Palast baute, so wählte man vielleicht um des Namens Jordan willen gerade diesen Ort für die Judenzeremonie; und dort standen die Nachkommen Israels, den prachtvoll in Gold gebundenen, mit einem Schleier bedeckten Pentateuch haltend, umringt vom verhöhnenden Volk und allen Mißhandlungen des Spottes oder Hasses ausgesetzt, bis der Papst erschien, und sie ihm kniend das Gesetz überreichten. Mit der Zeit wurde die Mißhandlung der Juden bei dieser Gelegenheit so groß, daß ihrem dringenden Flehen nachgegeben ward, und ihnen Innocenz VIII. Cibo zuerst im Jahre 1484 erlaubte, im innern Raum des Kastells Sant Angelo zu erscheinen. Die Feierlichkeit beschreibt der Zeremonienmeister Burkhard: «Als der Papst vorüberkam, hielt er nahe am Kastell Sant Angelo an, und die Juden, welche sich an die untersten Zinnen im Winkel des genannten Kastells gegen das Erdgeschoß zurückgezogen hatten, im Ornat und mit ihrem Gesetz, reichten es dem heiligen Vater zur Anbetung und Verehrung, mit hebräischen Worten ungefähr dieses Sinnes den Papst anredend: ‹Allerheiligster Vater, wir hebräischen Männer flehen Eure Heiligkeit im Namen unserer Synagoge an, daß wir gewürdigt werden möchten, daß uns das Gesetz, vom allmächtigen Gott dem Moses, unserm Priester, auf dem Berge Sinai übergeben, möge bestätigt und gebilligt sein, wie auch andere erhabene Päpste, die Vorgänger Eurer Heiligkeit, es bestätigt und gebilligt haben.‹ Es antwortete der Papst: ‹Wir billigen das Gesetz, aber euren Glauben und eure Auslegung verdammen wir, weil der, von dem ihr sagt, er werde kommen, gekommen ist, unser Herr Jesus Christus, wie die Kirche uns lehrt und predigt.› Nach vollendeter Zeremonie zogen sich die Juden zurück.»

Erinnert man sich, daß jenes Kastell Sant Angelo das Grabmal Hadrians war, des Kaisers, welcher Jerusalem zum zweitenmal von Grund aus zerstört und die Juden in die Sklaverei verkauft hatte, so stand auch dieser Ort zur Geschichte Israels in einer kränkenden Beziehung; denn das Andenken Hadrians hassen die Juden wie das des Titus.

Ausnahmsweise empfing Pius III. im Jahre 1503, weil er krank war, die Juden in einem Saal des Vatikans selbst. Julius II. empfing ihre Huldigung wieder am Grabmal des Hadrian, wobei sie einen langen Sermon machten, und besonders der spanische Rabbi Samuel, der Leibarzt des Papstes, mit Beredsamkeit sprach. Der Papst antwortete «prout in libello», das heißt nach Vorschrift des Zeremonienbuchs. 

(https://www.projekt-gutenberg.org/gregorov/wanderit/wand084.html)


Endlich errichtete Paul IV. den Ghetto oder Judenzwinger. Bis auf seine Zeit hatten die Juden die, wenn auch nicht ausgesprochene Freiheit, überall in Rom zu wohnen. Natürlich wohnten sie sehr selten in der Mitte der Stadt, noch unter den Christen, ihren Hassern, zerstreut, sondern hielten sich beieinander in Trastevere und an dem Flußufer bis zur Brücke Hadrians. Nun wies ihnen der Papst, nach Art der Venezianer, ein streng abgesperrtes Quartier an, welches wenige enge Straßen unmittelbar am Tiber umfaßte und von der Brücke Quattro Capi bis zum heutigen «Platz der Tränen» reichte. Mauern oder Tore sperrten das Judenviertel. Man nannte es zuerst «Vicus Judaeorum», dann kam der Name Ghetto dafür auf, der nicht mit der venezianischen Benennung Guidecca zusammenzuhängen scheint und wahrscheinlich aus dem talmudischen Wort «Ghet» gebildet ist, welches Absonderung heißt. Es war am 26. Juli 1556, als die Juden Roms in diesen Ghetto zogen, weinend und seufzend wie ihre Vorfahren, da man sie in die Gefangenschaft führte.

So war Paul IV. Caraffa der grausame Pharao für die Juden Roms, welcher sie all den Übeln aussetzte, die aus Mangel an Raum und aus der niedern Lage der Wohnungen am Fluß entspringen mußten, und diese Übel waren Seuchen und das Fieber und ein ganzes Heer ägyptischer Plagen, deren Schrecken in Wahrheit schwer zu beschreiben sind. Als Caraffa im Jahr 1559 starb, und das römische Volk seine Wut an dem Toten auszulassen aufstand, das Haus der Inquisition plünderte und die Minerva, das Kloster der Dominikaner, stürmte, sah man auch die Juden, furchtsam Menschen, die sich an den Revolutionen selbst zur Zeit des Cola di Rienzo nie beteiligt hatten, aus ihrem Zwinger hervorkommen und Flüche auf das Andenken Pauls IV. schleudern. Ein Jude durfte es sogar wagen, der Statue des Papstes auf dem Kapitol den gelben Schandhut aufzusetzen; das Volk lachte, zertrümmerte die Bildsäule und schleifte ihren Kopf mit der Papstkrone durch den Kot. Welchem Schicksal aber die Juden Roms nach Einführung der neuen Ketzertribunale der Inquisition entgegengingen, wird derjenige wohl wissen, welcher mit der Geschichte jener Zeit bekannt ist. Viele Juden verbrannte man auf dem Platz der Minerva oder auf dem Campo dei Fiori, wo die Autodafés gehalten wurden. Es war die fürchterliche Zeit, da man auch Giordano Bruno lebendig verbrannte.

In den Ghetto eingesperrt, waren die Juden in fremdes Eigentum eingezogen. Denn die Häuser des Viertels gehörten Römern; auch angesehene Familien wohnten daselbst, wie die Boccapaduli. Ausziehend, blieben diese Eigentümer, jene Mieter. Weil sie aber für immer in jene Straßen eingesperrt wurden, mußten sie ein dauerndes Mietverhältnis feststellen, denn ohne dasselbe konnte sich für die Juden zweierlei Not ereignen: Obdachlosigkeit, wenn es dem Eigentümer einfiel, dem hebräischen Mieter zu kündigen; unerträgliche Verschuldung oder Zahlungsunfähigkeit, wenn er darauf verfiel, den Zins zu steigern. So entstand das Gesetz, welches verordnete: die Römer bleiben im Eigentum der an die Juden vermieteten Wohnungen, aber jene haben die Häuser in Erbpacht; niemals darf dem jüdischen Einwohner die Miete gekündigt werden, sobald er den Zins richtig gezahlt; niemals darf der Zins erhöht werden; der Jude kann nach seinem Willen das Haus verändern und erweitern. Man nannte und nennt dieses noch heute bestehende Recht das «Jus Gazzagà». Kraft desselben ist der Jude im Erbbesitz des Mietkontrakts und darf diesen an Verwandte oder andere verkaufen, und noch heutigentags gilt es als eine köstliche Habe, im Besitz des Jus Gazzagà oder eines erblichen Mietkontraktes zu sein, und hochgepriesen wird das Judenmädchen, welches ihrem Bräutigam als Mitgift ein solches Dokument aufzuweisen imstande ist. So ward durch dieses wohltätige Gesetz dem Juden ein Dach gegeben, welches er gewissermaßen das seine nennen durfte.

Die Bulle Pauls IV. bestätigte Pius v. Ghislieri im Jahre 1566, er erließ strenge Verordnungen gegen das Herumschweifen der Juden, welchen befohlen ward, mit der Nacht im Ghetto sich wieder einzufinden. Denn nach Ave Maria schlossen sich unerbittlich die Tore des Zwingers, und Strafe traf den draußen Ergriffenen, wenn es ihm nicht gelang, durch Geld die Wächter zu bestechen. Im Jahre 1569 untersagte derselbe Papst den Juden, in anderen Städten des Kirchenstaats zu wohnen als in Rom und Ancona, da sie vordem auch in Benevent und Avignon geduldet waren. 

(https://www.projekt-gutenberg.org/gregorov/wanderit/wand085.html)

02 November 2021

Brodersen/Dammann: Zerrissene Herzen. Die Geschichte der Juden in Deutschland

Allgemeines zur Erforschung der jüdischen Geschichte in Deutschland  (bpb)

Brodersen/Dammann: Zerrissene Herzen. Die Geschichte der Juden in Deutschland

Rezension: Perlentaucher

Machtkampf zwischen dem christlichen Kaiser Theodosius und Ambrosius, dem Bischof  von Mailand (S.36):

"388 stürmte hier [in: Kallinikon] eine aufgebrachte Menge Christen die örtliche Synagoge und steckte sie in Brand, was zu einer Konfrontation zwischen Kaiser Theodosius I., der gegen die Brandstifter vorgehen wollte, und Ambrosius von Mailand führte.* Als Vorwand könnte möglicherweise eine grausame Christenverfolgung des Sassanidenkönigs Schapur II. gedient haben, an der einige Jahre zuvor angeblich auch Juden mitgewirkt hatten. Ambrosius empörte sich vor allem über die kaiserliche Anweisung, die zerstörte Synagoge wieder aufzubauen. Theodosius konnte sich nicht gegen den Bischof durchsetzen; der Pogrom blieb ungesühnt." (Wikipedia: a-Raqqa

* Dieser Vorgang von 388 sollte nicht mit dem Massaker von Thessaloniki von 390 verwechselt werden, wo Ambrosius dem Kaiser sogar mit dem Kirchenbann drohte.

Weil Juden schriftkundig waren, wurden sie bald wichtig für die weltlichen Herrscher. Unter den Kaufleuten waren sie so stark, dass schon einmal von "Juden und anderen Kaufleuten" gesprochen wurde. (S.40)
Im Mittelalter unterschied man zwischen den spanischen Juden (Serafad) und denen im deutschsprachigen Raum (Aschkenas).
Unter Otto II. spielte die aus Italien stammende Familie Kalonymos eine wichtige Rolle. 

Im Zusammenhang mit dem ersten Kreuzzug kam es 1096 zu Angriffen auf Juden (S. 54)
Zitat:
"Eine Folge der Gewaltausbrüche bestand deshalb darin, dass sich eine Gruppe von Juden regelrecht in ihren durch das Martyrium gestärkten Glauben hineinsteigerte. So entstand zu Zeiten der Kreuzzüge eine besondere Form der Mystik deren Anhänger als die Chasside Aschkenas, die Frommen Deutschlands, bezeichnet wurden. Begründer dieser im zwölften Jahrhundert einflussreichen Schule war Rabbi Jehuda ben Samuel genannt Juda he-Chassid (der Fromme), wiederum ein Angehöriger der Familie Kalonymos, dessen Frau und zwei Kinder von Kreuzfahrern ermordet worden waren. [...] Diese jüdische Mystik hat die religiöse Kultur des Mittelalters stark geprägt und wird im 18. Jahrhundert, m Chassidismus, noch einmal eine Blüte erleben. (S. 55)
Heinrich IV. stellte sie im Mainzer Reichslandfrieden "zweifellos in guter Absicht" als "homines minus potentes" (Menschen minderer Kraft) unter seinen besonderen / Schutz, entzog ihnen damit aber nebenbei das Waffenrecht, wodurch sich die Juden sozial herabgewürdigt sahen; denn wer in dieser Zeit – wie ein Sklave – keine Waffen tragen durfte, der war nicht gerade geachtet und konnte schnell zur leichten Beute werden. 
So kamen die meisten Juden während des zweiten von Papst Eugen III. im Jahre 1145 initiierten Kreuzzuges zwar mit dem Leben davon, viele wurden aber – derart wehrlos – durch Plünderungen um ihren mit steigender Missgunst betrachteten Besitz gebracht: "Unterstützt durch das Geld der frevelhaften Juden", so der Abt von Cluny, Petrus Venerabilis, solle "der Übermut der ungläubigen Sarazenen besiegt" werden. Nunmehr trachtete man den Juden nicht mehr sofort nach dem Leben; dafür mussten sie den heiligen Krieg mit ihrem Hab und Gut unterstützen. (S. 56)
Das den Juden erlaubte Pfandleihgeschäft verlor wegen des Aufkommens von Schuldscheinen – und auch weil Papst Eugen III. in einer Verordnung schlicht die Zinsen annullierte, die die Kreuzfahrer jüdischen Geldverleihern für Kredite hätten zahlen müssen – zunehmend an Boden." (S.56)

"Im Pfandleihgeschäft verleiht ein Pfandleiher gegen Hinterlegung eines Pfandes und gegen einen festgesetzten Zinssatz kurzfristig Geld. Von solchen jüdischen Zinsgeschäften berichten christliche und jüdische Quellen seit dem 12. Jahrhundert. Sie wurden für viele jüdische Gemeinden zu einer wichtigen wirtschaftlichen Grundlage. Der Zinssatz, den die jüdischen Geldverleiher fordern konnten, war zumeist in amtlichen Schutzbriefen festgelegt. Er war relativ hoch: 33 Prozent Zinsen waren durch aus üblich, auch weil die Juden einen großen Anteil davon an die Regierenden abzuführen hatten." (S. 57)

Antonius Margaritha, ein jüdischer Konvertit, verfasste im frühen 16. Jh. eine Streitschrift gegen die Juden: Der gantz judisch Glaub. Josel von Rosheim, der bedeutendste Fürsprecher der Juden erwirkte dagegen 1544 ein Privileg Kaiser Karls V., das die Rechte der Juden normalisierte."In den nächsten Jahren verteidigte er [Josel von Rosheim] "jüdische Gemeinden in Deutschland, Ungarn, Prag, Italien und an anderen Orten. Nachdem Martin Luther ihm die Unterstützung beim Kampf um die Aufhebung des kurfürstlichen Ediktes der Ausweisung aller Juden aus Sachsen und eine persönliche Begegnung 1537 verwehrt hatte und 1543 mit seiner Schmähschrift Von den Juden und ihren Lügen eine offen judenfeindliche Position einnahm, blieb für Josel von Rosheim und die jüdischen Gemeinden nur, auf die Schutzmacht des katholischen Kaisers zu bauen. (Wikipedia) Doch mehr und mehr Städte entzogen den Juden das Aufenthaltsrecht in der Stadt, so dass im gesamten deutschen Reichsgebiet nur noch in Prag, Frankfurt/M, Worms und Friedberg größere jüdische Gemeinden zurückblieben. (S.67)

 Während des Dreißigjährigen Krieges besannen sich aber die kriegführenden Parteien auf die Expertise der Juden in Geldgeschäften, als Armeeausstatter und als Unterhändler, so dass auch gegen den Widerstand der Stadtoberen Judenviertel eingerichtet wurden. Freilich kam es nach dem Ende des Krieges wieder zu Vertreibungen (Lübeck, Augsburg, Heilbronn, Schweinfurt). (S.71)  
Die weit überwiegende Mehrzahl der Juden konnten freilich keinen Schutzbrief eines Territorialherren bezahlen. Sie durften daher nicht in der Stadt wohnen.  Um ihnen zu ermöglichen, wenigstens tageweise eine Stadt zu besuchen und Handel zu treiben gaben die städtischen jüdischen Gemeinden Bletten, eine Art von Schutzbrief für einen Tag, an Landjuden aus. (S.73)

Zu Hofjuden und Hoffaktoren (Wikipedia)

"Mit Isaak aus Aachen, der für Karl den Großen diplomatische Missionen übernahm, wirkte bereits Ende des 8. Jahrhunderts ein Großkaufmann im Dienste eines Fürsten. Im Mittelalter wurden Pfandleihe und Kreditvergabe gegen Zinsen ein Schwerpunkt jüdischer Kaufleute. Mehr durch ihre praktische Erfahrung und weitreichenden Beziehungen als durch das von der katholischen Kirche erst 1179 bekräftigte Zinsverbot für Christen und 1215 neu hervorgehobene Wucherverbot, die zudem schon bald kaum beachtet wurden, gewannen sie ihre Kunden. Für den im Spätmittelalter wachsenden Finanzbedarf der Wirtschaft und Politik gewährten Christen (italienische Banken, z. B. die Compagnia dei Bardi) und Juden Kredite gegen Zinsen.

Als erster jüdischer Hoffaktor im Sinne eines Amtes gilt Salomon oder Salmon[2], der 1315 als Hof- und Küchenmeister von Herzog Heinrich VI. in Breslau tätig war. Samuel von Derenburg[3] diente vier Kirchenfürsten in Erzbistum Magdeburg, so Otto und Dietrich von Portitz.[4] Vivelin von Straßburg war im Elsaß eine der reichsten Personen in Europa vor seinem Tod in der Pest 1349. In England war Aaron von Lincoln bereits im 12. Jahrhundert tätig. Isaak Abarbanel war in Spanien ein großer Finanzier in der Reconquista.

Beginn am Wiener Kaiserhof und Berliner Hof

Die Geschichte der eigentlichen Hofjuden begann erst im 16. Jahrhundert: Im Jahr 1582 schuf Kaiser Rudolf II. die Institution des Hofbereiten Juden in Wien. Dieser war frei von Abgaben an Land und Stadt, hatte Maut- und Zollfreiheit für seine Waren, war ausschließlich der Gerichtsbarkeit des Obersthofmarschalls unterstellt, war befreit vom Tragen des Judenzeichens und durfte sich dort aufhalten, wo sich der Hof befand. Ab 1596 mussten diese befreytten Juden auch Sonderkontributionen für Kriegszwecke leisten.[5] Jakob Bassevi von Treuenberg, ab 1616 Vorsteher der Prager Judengemeinde, erhielt 1622 auf Betreiben Wallensteins von Ferdinand II. den Adelstitel und wurde gemeinsam mit Fürst Lichtenstein Pächter der Münzprägung.[6] 1624 wurde auch in Wien das Prägegeschäft im Kaiserlichen Münzhaus dem befreiten Juden Israel Wolf Auerbach und seinem Konsortium übertragen.[7]

Mit Michael von Derenburg hatte auch das Haus Hohenzollern in Kurbrandenburg ab 1543 früh einen Hoffaktoren. Kurfürst Joachim II. (1535–1571) ernannte den aus einer Prager Judenfamilie stammenden Lippold 1556 zum Münzmeister. Er gilt als erster Hoffaktor im umfassenden Sinne; zu seinen Aufgabe gehörte die Beschaffung des Münzmetalls und die Betreuung des Schlagschatzes."

Die Wikipedia zu Lippold Ben Chluchim und die die Kaufleute schädigenden Maßnahmen, die er als Münzmeister durchzusetzen hatte:

 "1569 belehnte der König, zugleich Schwager Joachims II., ihn und die Berliner Hohenzollern als erbberechtigt im Herzogtum Preußen. Zur Finanzierung – und wegen der auch sonst verschwenderischen Hofhaltung Joachims II. – unterwarf der Kurfürst die Einwohner der Mark, insbesondere die jüdischen, hohen Steuern. Joachim II. schreckte auch nicht vor Münzverschlechterung und Konfiskationen zurück.[3]

Märkische Kaufleute, die von außerhalb der Mark Waren importierten, mussten diese in gewogenem Edelmetall bezahlen, da die märkische Münze wegen ihres herabgesetzten Edelmetallgehalts nicht mehr im Ausland akzeptiert wurde. Joachim II. verbot jedoch, die Münze zu herabgesetzten Kursen zu berechnen. Entsprechend entzogen sich die Kaufleute den Zwangskursen, indem sie zunächst ihre Außen- und Großhandelsgeschäfte in fremder Währung tätigten, und nachdem Joachim II. dies verboten hatte, in gewogenem Edelmetall zahlten. Darauf reagierte der Kurfürst mit einem Verbot, Edelmetall zu nutzen und zu besitzen. In Edelmetall erlangte Verkaufserlöse mussten zu verordneten, die entwertete Landesmünze hoch taxierenden Zwangskursen an die Landeskasse verkauft werden.[4] Märkische Juden mussten darüber hinaus kostspielig Edelmetall importieren, das sie dann unter Einstandspreis zu diktierten Inlandspreisen an den Kurfürsten liefern mussten.[5] Das machte es Kaufleuten unmöglich, zu kostendeckenden Erlösen zu im- und exportieren. Lippold war als Münzmeister beauftragt, die Zwangsmaßnahmen gegen die Kaufleute, lutherische und jüdische gleichermaßen, durchzusetzen. Zu den Maßnahmen gehörten auch Hausdurchsuchungen bei Kaufleuten, wobei gefundenes, verbotenerweise gehaltenes Edelmetall zu Gunsten des Landesherrn beschlagnahmt wurde."

Unter dem Nachfolger Joachims II.. Kurfürst Johann Georg, erging es Lippold weit schlechter. Er "wurde zum Tode durch Rädern und Vierteilen verurteilt." (mehr dazu)


Selbst der Aufklärer Lessing war vermutlich an der Münzverschlechterung Friedrichs II. von Preußen beteiligt, die der Jude Veitel-Heine Ephraim in Zusammenarbeit mit dem preußischen General von Tauentzien in Sachsen zu organisieren hatte, bei dem Lessing angestellt war. Offenbar mit den Einnahmen daraus konnte Lessing  seine Schulden bezahlen und für seine Eltern sorgen. (S.73-75) [Die Wikipedia berichtet dazu nur, dass Lessing in der Zeit bei Tauentzien in Diensten stand, auch im Artikel über Tauentzien wird die Münzentwertung nicht erwähnt.]

Moses Mendelssohn

 "Nie sei er von Mendelssohn weggegangen, schrieb Nikolai an Lessing, ohne entweder besser oder gelehrter zu werden.".(S. 91) 
Moses "gewann mit seiner Abhandlung "Über die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften" den ersten Preis der Königlichen Akademie der Wissenschaften" (S.92) Zweiter wurde der Privatdozent aus Königsberg Immanuel Kant.
Moses übersetzte mit einem Team die fünf Bücher Mose ins Deutsche und ließ sie mit hebräischen Lettern drucken, um so "über die deutsche Sprache einen Schritt zur [...] Integration der deutschen Juden zu machen" (S.96/97) Der Rabbiner Jescheskel Landau kritisierte das. Die Thora "wird dadurch herabgewürdigt zur Rolle einer Dienerin der deutschen Sprache". (S.97)
Zwischen zwei Kulturen
David Friedländer (S.100-102) sah eine Verschmelzung als unmöglich an, entschied sich für die deutsche.
Rahel Levin (S.102/03) klagte "über die Zerreißprobe des Lebens in zwei Wirklichkeiten" (S.102)
Christian Wilhelm Dohm und Wilhelm von Humboldt traten für die "staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden" (S.105) ein.
Eine Gegenbewegung entstand in der Christlich deutschen Tischgesellschaft S.108): 
"Der Verein gründete sich im Rahmen der Reformbestrebungen in Preußen. Dabei waren die Mitglieder jeweils zur Hälfte Adelige und Bürgerliche.[2] Unter den 86 namentlich bekannten Mitgliedern waren höhere Berufe besonders repräsentiert, darunter 37 Beamte und 19 Soldaten. Unter den Beamten waren alleine 12 Professoren der 1809 gegründeten Friedrich-Wilhelms-Universität. Die reformerische Ausrichtung zeigt sich in der geringen Vertretung von Gutsherren und Hochadel. Als bekannte Politiker unter den Mitgliedern sind der Geheime Obersteuerrat Christian Peter Wilhelm Beuth und der Finanzrat Friedrich August von Staegemann zu nennen, von den Militärs Carl von Clausewitz und Leopold von Gerlach, von den Hochschullehrern Friedrich Schleiermacher, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Karl von Savigny, von den Schriftstellern Achim von Arnim und Clemens Brentano, von den anderen Künstlern August Wilhelm Iffland, Johann Friedrich Reichardt und Karl Friedrich Schinkel
Die Deutsche Tischgesellschaft wird, verglichen mit anderen Vereinen im Berlin ihrer Zeit, als zugleich „exklusiver und offener“ beschrieben.". (Wikipedia)

Reformer gegen Traditionalisten (S.111)
Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden: "Der Verein wurde am 7. November 1819[1] im Gefolge der Hep-Hep-Krawalle [...] gegründet und führte junge, akkulturierte Juden zusammen, die alle auf der Suche nach einer jüdischen Identität waren, die es wert sei, nach außen hin verteidigt zu werden. Gründungsmitglieder waren der zum Vorsitzenden gewählte Joseph Hilmar, Joel Abraham List, Isaac Levin Auerbach, Isaac Marcus Jost, Leopold Zunz, der Hegel-Schüler Eduard Gans und Moses Moser.[2] Der Einfluss des Antisemitismus auf die Identitätsbildung wurde gerade in dieser Zeit besonders sichtbar. Der Wunsch nach völliger Emanzipation weckte Feindseligkeiten, die durch scharfe antisemitische Polemik von Intellektuellen und Akademikern angestachelt wurden. Aber auch die Mitglieder des "Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden" waren akademisch gebildet und suchten in historischen Studien nach der Quintessenz des Judentums, mit der sie sich identifizieren konnten.
Ihr erklärtes Ziel war die kritische wissenschaftliche Erforschung des Judentums. So war auch seine erste Manifestation die Wissenschaft des Judentums. Man postulierte darin die Juden als nationale Identität mit einer säkularisierten Kultur, die auf die Religion nur noch als überkommene Tradition rekurriert." (Wikipedia)
Rückbesinnung und Reform des Judentums (S.116-119):
Gesetz: Sabbat, koscher, Beschneidung
Johann Jacoby: "ein deutscher Arzt und Radikaldemokrat in Preußen.[...]  als Sohn des jüdischen Kaufmanns Gerson Jacoby [...] geboren [...] „Wie ich selbst Jude und Deutscher bin, so kann in mir der Jude nicht frei werden ohne den Deutschen und der Deutsche nicht ohne den Juden.“[4]"

Sieh auch:
1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland (Ausführliche Dokumentationen der Bundeszentrale für politische Bildung)