"Der Jäger nahm auch das Blatt dem Alten aus der Hand. In der Mitte stand das Wort: Nizza und kein Komma oder Punktum dahinter. Er stellte sich an den Tisch, legte das Blatt zurecht und richtete das Glas darauf, um zu sehen, was ihm dasselbe aus den Ecken und Winkeln zusammenführen würde.
Das Auge des Dichters gleicht einem solchen Glase. Es versammelt zum Bilde, was weit umher zerstreut ist und keine Gestalt annehmen zu können scheint, und oft verschwindet ihm das, was ihm zunächst vorschwebt." (Immermann: Münchhausen, 6. Buch 16. Kapitel, S.623)
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30 November 2011
28 November 2011
Münchhausens Kleinkinderzeit unter den Ziegen am Helikon
Mittags rasteten wir gewöhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann kamen die Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche. Sie bewohnten eine andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite des Berges und führten eine abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen beiden Geschlechtern bestanden hier die edelsten und keuschesten Verhältnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der Jugend, welchen nur in dem niedern Zustande gemeiner zahmer Ziegen die herabwürdigende Bezeichnung von Bockssprüngen zukommen kann. Hier war in diesen Spielen feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings im Kreise gelagert freuten sich die sanften Mütter und die ernsten, ehrwürdigen, bebarteten Väter der herrlichen überquellenden Lust und dachten ihrer einstigen Zeit. Meldete sich nun wieder der Gläubiger unter dem Zwerchfell, der nie die Schuld einzufordern vergißt, d.h. wollten die Ziegen und ihre Gatten noch etwas fressen, so schied man mit herzlichem Gruße und dem frohen, getrosten Worte: »Auf Wiedersehen!« Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplätzen, und nun wurde noch ein leichtes Vesperfutter abgerupft. Wenn aber die dämmernde Eos mit Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den klassischen Boden zu netzen begann, schritten wir lieblich meckernd heimwärts, erreichten vor der völligen Finsternis die bergende Höhle und streckten uns saugend oder wiederkäuend in ihrer behaglichen Wärme auf dem sammetnen Moose aus. Bald goß ein leichter, träumeloser Schlummer seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und Wiederkäuen ein Ende.
[313] Ich sage: »Wir«, ich sage: »Uns«, ich sage: »Unserem«. Mit mir war nämlich eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu Tage flinker auf allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs höchst ungeschickt betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Böcklein, welches mich zu diesem Stoßkampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, daß das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen und ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte, da mir die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern und Knabbern von Baumrinde gegeben, zuerst den heftigsten Widerwillen gegen diese Speise verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und gefunden, oder zu finden gewähnt, daß Gras wie grüner Kohl und Rinde wie Krautsalat schmecke – alles das war in mir vorgegangen, aber ich hatte dessen nicht geachtet, ...
(Immermann: Münchhausen, 3. Buch 9. Kapitel, S.312-313)
[313] Ich sage: »Wir«, ich sage: »Uns«, ich sage: »Unserem«. Mit mir war nämlich eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu Tage flinker auf allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs höchst ungeschickt betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Böcklein, welches mich zu diesem Stoßkampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, daß das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen und ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte, da mir die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern und Knabbern von Baumrinde gegeben, zuerst den heftigsten Widerwillen gegen diese Speise verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und gefunden, oder zu finden gewähnt, daß Gras wie grüner Kohl und Rinde wie Krautsalat schmecke – alles das war in mir vorgegangen, aber ich hatte dessen nicht geachtet, ...
(Immermann: Münchhausen, 3. Buch 9. Kapitel, S.312-313)
Münchhausen wird von einem Geier zum Musenquell entführt
Gesperret lange Zeit in eine Tasche,
Selbständigwerdenwollend ausgekrochen,
Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,
Dem Albions Großmut drauf den Hals gebrochen,
Und als dir nun gesunken die Courage,
Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen
Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne
Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!
Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach am Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten unwillkürlich:
Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters,
Für die Kadettenanstalt des größesten Sultans
Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe,
Streife das rote Collet und die weißen batistnen
Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner
Klassischer Nacktheit!
Wirklich warf ich Säbel, Collet, Turban, Pumphöschen, kurz alles und jedes ab, wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt; ich sang:
Feinsliebchen, wenn du suchest mich,
Trala!
Du findest mich ganz sicherlich
Sasa!
[305] Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'
Ein Liedchen für den Almanach!
Feinsliebchen, weißt du, was das ist?
Trala!
Ein Büchlein voll von Jesu Christ
Sasa!
Und Blümelein und O! und Ach!
Das ist der Musenalmanach!
Ich hatte rasch den Entschluß gefaßt, einen Musenalmanach zu schreiben, ganz allein ich selbst; um mir mein Brot zu verdienen, ...
(Immermann: Münchhausen, 3. Buch 9. Kapitel, S.304-305)
Selbständigwerdenwollend ausgekrochen,
Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,
Dem Albions Großmut drauf den Hals gebrochen,
Und als dir nun gesunken die Courage,
Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen
Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne
Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!
Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach am Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten unwillkürlich:
Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters,
Für die Kadettenanstalt des größesten Sultans
Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe,
Streife das rote Collet und die weißen batistnen
Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner
Klassischer Nacktheit!
Wirklich warf ich Säbel, Collet, Turban, Pumphöschen, kurz alles und jedes ab, wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt; ich sang:
Feinsliebchen, wenn du suchest mich,
Trala!
Du findest mich ganz sicherlich
Sasa!
[305] Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'
Ein Liedchen für den Almanach!
Feinsliebchen, weißt du, was das ist?
Trala!
Ein Büchlein voll von Jesu Christ
Sasa!
Und Blümelein und O! und Ach!
Das ist der Musenalmanach!
Ich hatte rasch den Entschluß gefaßt, einen Musenalmanach zu schreiben, ganz allein ich selbst; um mir mein Brot zu verdienen, ...
(Immermann: Münchhausen, 3. Buch 9. Kapitel, S.304-305)
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27 November 2011
Freiherr von Münchhausen erfüllt den Schlossbewohnern ihre Wünsche
Freiherr von Münchhausen bietet den Schlossbewohnern das, was sie sich wünschen. (Hervorhebungen im Text von mir)
"In den nächsten Tagen nach der Ankunft des Fremden ging das schwärmende Entzücken der Schloßbewohner über den wunderbaren Mann in den ruhigeren, aber um so festeren Glauben über, daß in ihm der vom Verhängnis bestimmte Heiland ihrer Wünsche erschienen sei. Denn der alte Baron merkte schon am ersten Abende, an welchem er Münchhausens Unterhaltung genoß, daß mit den Kenntnissen, Erfahrungen, Schicksalen, Blicken, Ideen und Hypothesen seines Gastes niemand zwischen Himmel und Erde sich zu messen vermöge. Er war, seinen Erzählungen zufolge, fast in allen bekannten und unbekannten Gegenden der Erde gewesen, hatte sämtliche Künste [102] und Wissenschaften getrieben, zu Weinsberg Blicke in das Geisterreich getan, war durch alle Lagen des Lebens abwechselnd als Küchenjunge, Krieger, Staatsmann, Naturforscher und Maschinenbauer gegangen. Selbst in außermenschliche Regionen war sein Lebenslos geworfen worden; er ließ nach den ersten Stunden der Bekanntschaft merken, daß er einen Teil seiner Tage unter dem Vieh zugebracht habe. [...]
[103] Mit dem Fräulein gestaltete sich das Verhältnis des Gastes bald gründlich und tief in das zarte Verstehen ohne Worte aus, welches unsere sinnigen und hochstehenden Frauen so sehr lieben. Wenn sie ihm zuflüsterte, ein unaussprechliches Etwas durchwoge sie, so versicherte er, daß er sie vollkommen begreife; und konnte sie für den Drang ihrer Empfindungen nur Vordersätze ohne Nachsätze finden, so ließ er sie ahnen, daß letztere in seiner verschwiegenen Seele ausgesprochen ruhten. [...]
Die Persönlichkeit Münchhausens nebst seinen Reden hatte nicht verfehlen können, auch auf den Schulmeister einen tiefen Eindruck zu machen; wir wissen, welche Aussichten für die Bestätigung [104] seiner teuersten Überzeugungen auch er an diesen Mann des Schicksals knüpfte. Nun aber konnte er sich schon nicht mit der Darstellungsweise Münchhausens überall einverstanden erklären.[...] Außerdem hatte er zu bemerken, daß Münchhausen, der ihn für einen untergeordneten Mitesser ansah, wie er es denn in der Tat auch war, ihm keinesweges mit der gefälligen Aufmerksamkeit begegnete, wie dem alten Baron und dem Fräulein, ja sich sogar vergebens von ihm anmahnen ließ, die Wanderung der vertriebenen Spartaner nach dem Fürstentume Hechelkram urkundlich für ihn auseinanderzusetzen.
Er war daher abwechselnd böse auf den Freiherrn, und hingerissen von ihm." (Immermann: Münchhausen, 1. Buch 9. Kapitel, S.101-104)
"In den nächsten Tagen nach der Ankunft des Fremden ging das schwärmende Entzücken der Schloßbewohner über den wunderbaren Mann in den ruhigeren, aber um so festeren Glauben über, daß in ihm der vom Verhängnis bestimmte Heiland ihrer Wünsche erschienen sei. Denn der alte Baron merkte schon am ersten Abende, an welchem er Münchhausens Unterhaltung genoß, daß mit den Kenntnissen, Erfahrungen, Schicksalen, Blicken, Ideen und Hypothesen seines Gastes niemand zwischen Himmel und Erde sich zu messen vermöge. Er war, seinen Erzählungen zufolge, fast in allen bekannten und unbekannten Gegenden der Erde gewesen, hatte sämtliche Künste [102] und Wissenschaften getrieben, zu Weinsberg Blicke in das Geisterreich getan, war durch alle Lagen des Lebens abwechselnd als Küchenjunge, Krieger, Staatsmann, Naturforscher und Maschinenbauer gegangen. Selbst in außermenschliche Regionen war sein Lebenslos geworfen worden; er ließ nach den ersten Stunden der Bekanntschaft merken, daß er einen Teil seiner Tage unter dem Vieh zugebracht habe. [...]
[103] Mit dem Fräulein gestaltete sich das Verhältnis des Gastes bald gründlich und tief in das zarte Verstehen ohne Worte aus, welches unsere sinnigen und hochstehenden Frauen so sehr lieben. Wenn sie ihm zuflüsterte, ein unaussprechliches Etwas durchwoge sie, so versicherte er, daß er sie vollkommen begreife; und konnte sie für den Drang ihrer Empfindungen nur Vordersätze ohne Nachsätze finden, so ließ er sie ahnen, daß letztere in seiner verschwiegenen Seele ausgesprochen ruhten. [...]
Die Persönlichkeit Münchhausens nebst seinen Reden hatte nicht verfehlen können, auch auf den Schulmeister einen tiefen Eindruck zu machen; wir wissen, welche Aussichten für die Bestätigung [104] seiner teuersten Überzeugungen auch er an diesen Mann des Schicksals knüpfte. Nun aber konnte er sich schon nicht mit der Darstellungsweise Münchhausens überall einverstanden erklären.[...] Außerdem hatte er zu bemerken, daß Münchhausen, der ihn für einen untergeordneten Mitesser ansah, wie er es denn in der Tat auch war, ihm keinesweges mit der gefälligen Aufmerksamkeit begegnete, wie dem alten Baron und dem Fräulein, ja sich sogar vergebens von ihm anmahnen ließ, die Wanderung der vertriebenen Spartaner nach dem Fürstentume Hechelkram urkundlich für ihn auseinanderzusetzen.
Er war daher abwechselnd böse auf den Freiherrn, und hingerissen von ihm." (Immermann: Münchhausen, 1. Buch 9. Kapitel, S.101-104)
Lehrer kommt durch neuen Lehrplan um den Verstand
Da ereignete es sich, daß die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen neuen Lehrplan im Lande hervorriefen, der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend durchgreifen sollte. Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen Sprache zu, eines von denen, welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und philosophisch begründen wollen, und erteilten ihm die Weisung, seine bisherige rohe Empirie zu rationalisieren, sich selbst zuvörderst aus dem Buche zu unterrichten, und dann danach die veränderte Belehrung der Jugend anzufangen.
Der Schulmeister las das Buch durch, er las es noch einmal durch, er las es von hinten nach vorn, er las es aus der Mitte, und er wußte nicht, was er gelesen hatte. Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten, von Auf- In- und Umlauten; er sollte daraus die Laute trüben und verdünnen lernen, er sollte durch Säuseln, Zischen, Pressen, durch Näseln und Gurgeln die Laute hervorbringen, er vernahm, daß die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln, er erfuhr endlich daraus, daß das I der reine Urlaut sei, und daß dessen Erzeugung durch starkes Zusammendrücken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe.
Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen, aber sein Flehen prallte zurück von dem ehernen Himmel. Er setzte sich wieder vor das Buch, mit der Brille auf der Nase, um schärfer zu sehen, wiewohl er bei Tageslicht wohl noch ohne Gläser fertig werden konnte. Ach, nur deutlicher traten seinen bewaffneten Augen die furchtbaren Rätsel des Daseins, die Sause-Zisch- Preß- Nasen- und Gurgellaute entgegen! Darauf legte er das Buch weg, fütterte seine Gänse und gab einem Jungen, der gerade dazukam und sagte, der Vater wolle das Schulgeld nicht zahlen, zwei derbe Maulschellen, um durch das praktische Leben Aufschluß für die Theorie zu gewinnen. Umsonst. Er aß eine Knackwurst, sich körperlich zu stärken. Vergebens. Er leerte einen ganzen Senftopf, weil er gehört hatte, dieses Gewürz schärfe den Verstand. Eitles Bemühen!
Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen. Leider fühlte er am anderen Morgen, daß weder [81] die Wurzeln, noch die Seitenwurzeln ihm in den Kopf gedrungen waren. Gern hätte er das Buch, wie Johannes jenes vom Engel getragne, auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin, verschlungen, wäre er dadurch des Inhaltes Meister geworden; aber welche Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen?
Die Schule stand still, die Kinder fingen Maikäfer, oder jagten die Enten in den Teich. Die Alten aber schüttelten den Kopf und sagten: »Mit dem Schulmeister hat es seine Richtigkeit nicht.« Eines Tages, nachdem er sich wieder in seinen verzweiflungsvollen Bemühungen um den Sinn der Dünnung und Trübung abgearbeitet hatte, rief er: »Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke beigekommen bin, so gibt sich vielleicht das übrige von selbst!« – Er nahm sich vor, zuvörderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des Buchs zu erzeugen.
Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde, welches dort, unbekümmert um rationelle Lauterzeugung, empirisch brummte, stemmte die Arme in die Seite, drückte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin, und stieß nun die Töne hervor, welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten. Sie waren höchst sonderbar, und so auffallend, daß selbst das Rind vom Grase emporblickte und seinen Herrn mitleidig ansah. Eine Menge Bauern hatte der Schall herbeigezogen; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her. »Gevattern!« rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus, »paßt einmal auf, ob es der reine Urlaut I wird?« Darauf gab er sich wieder an die Kehlkopf-Gaumendrückung. »Gott behüte!« riefen die Bauern, und gingen nach Hause, »der Schulmeister ist übergeschnappt, er quiekt schon wie ein Ferkel.«
Und wirklich stand der arme Schulmeister nahe an der Grenze, über welche die Bauern ihn bereits gesprungen glaubten. Die Frist war abgelaufen, welche man ihm zum Selbstunterrichte gesetzt hatte, er sollte jetzt nach dem Buche lesen lernen lassen, eine Visitation seiner Schule durch den Herrn Schulrat Thomasius nahte heran, die Verzweiflung trat ihm zum Herzen, und seine Gedanken begannen zu schwärmen.[82] Andre sind durch das Brüten über der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria, oder über dem Geheimnisse der Trinität, oder von dem Gedanken an die Ewigkeit verrückt geworden; warum sollte ein Dorfschulmeisterlein nicht durch eine moderne Sprachlehre den Verstand verlieren können?
(Immermann: Münchhausen, 1. Buch 6. Kapitel, S.80/81)
26 November 2011
Immermann: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
Am Beginn leben von der Seitenlinie der adligen Familie Schnuck, die auf dem Schloss Schnick-Schnack-Schnurr ihren Sitz hat, nur noch der alte Baron und seine Tochter Emerentia. Diese hat als Zwölfjährige mal auf dem Schoß eines Fürsten gesessen.
Die Zeit verwischte zwar den Fürsten Xaverius Nicodemus den Zweiundzwanzigsten, da sie ihn nicht wiedersah, allgemach aus ihrem Herzen, dagegen setzte sich in ihr die Standesvorstellung, die Vorstellung an sich, daß sie bestimmt sei, mit einem Hechelkramischen Fürsten in zärtliche Verhältnisse zu treten, immer fester in ihr, wobei sie sich durchaus nichts Arges dachte, woran sie aber mit solcher Innigkeit hing, wie ihr Vater an seinen Geheimenratsgedanken. Weil nun das Herz nicht in das Leere seinen Drang versenden mag, sondern gern an liebevoll-gediegner Wirklichkeit ausruht, so hatte ihre schwärmende Phantasie nach einigem Umherschweifen im leeren Raume auch bald den sichtbaren Gegenstand gefunden, der ihr den künftigen Liebhaber unter den Fürsten von Hechelkram vorbilden mußte. In der Tat war dieser Gegenstand ganz geeignet, die Einbildungskraft eines fühlenden Mädchens knacken, der Mund wollte zwar seines Berufes wegen für die Gesetze reiner Verhältnisse etwas zu groß erscheinen, aber ein schwarzer Schnurrbart von wunderbarer Fülle, welcher über den Lippen hing, machte diesen Übelstand wieder gut. Die großen, grellen, himmelblauen Augen blickten sanft und grade vor sich hin, und ließen auf eine Seele vermuten, in welcher die Milde bei der Stärke wohnte.In Kenntnis dieser Passage wird man den Münchhausen zu Recht als einen satirischen Roman ansehen.
Bekleidet war dieser idealisch-schöne Nußknacker mit einer rotlackierten Uniform und weißem Unterzeuge; auf dem Haupte aber trug er einen imponierenden Federhut. Emerentia hatte ihn zu ihrem Namenstage geschenkt bekommen. Sobald sie seiner ansichtig wurde, erzitterte sie, erseufzte sie, errötete sie. Niemand verstand ihre Regung. Sie aber trug den Nußknacker auf ihr einsames Zimmer, stellte ihn auf den Kamin, blickte ihn lange glühend und weinend an, und rief endlich: [63] »Ja, so muß der Mann aussehen, dem sich dieses volle Herz zu eigen ergeben soll!« Von der Zeit an war der Nußknacker ihr vorläufiger Geliebter. Sie hielt mit ihm die zärtlichsten Zwiegespräche, sie küßte seinen schwarzen Schnurrbart, sie hatte dem ganzen Verhältnisse eine so tiefe Beseelung gegeben, daß sie jederzeit des Abends, wenn sie sich zum Schlafengehen entkleiden wollte, schamhaft zuvor ihrem Freunde auf dem Kamin das Haupt mit einem Tuche verhüllte. Nußknacker ließ sich das alles gefallen, stand zuversichtlich auf seinen Füßen, und blickte mit den großen, blaugemalten Augen mildkräftig vor sich hin.
Emerentien hatte diese schöne Liebe rasch gereift. Von der Natur war sie, wenn auch nicht mit Reizen, doch mit blühenden Gesichtsfarben und runden Armen ausgestattet worden; es konnte ihr daher an Verehrern unter den benachbarten Landjunkern nicht fehlen. Aber sie schlug alle Bewerbungen von der Hand und sagte, sie folge ihrem Ideal und gehöre der Zukunft an. Unter dem Ideal verstand sie den auf dem Kamin und unter der Zukunft einen Hechelkramischen Fürsten.
Ihre Eltern ließen ihr ganz freie Hand. Sie sagten, in den Linien Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig seien alle Gefühle seit Jahrhunderten der heraldisch-richtigen Bahn gefolgt. Es lasse sich also nichts daran ändern und modeln, was ihre Tochter empfinde. (Immermann: Münchhausen, 1. Buch 1. Kapitel, S.62)
25 November 2011
Immermann: Sein Frauenbild in: Münchhausen
" »Ich habe noch nicht erlebt, daß einem ordentlichen Mädchen Schlechtigkeiten widerfahren wären. Eine reine Jungfer kann unter Räuber und Mörder gehen, unter Gesindel und Betrunkne, sie tun ihr so leicht nichts. Vorigen Herbst, als hier nebenan das Volk auf der Heide im Lager stand, hatte sich meine Tochter bei einem Gange über Feld unter einen marschierenden Trupp verloren. Ja, von niemand war sie angetastet worden; sie hatten sie, weil sie müde geworden war, ganz sauber auf einen von ihren Vorspannwagen gehoben, und so wurde sie hier am Hofe richtig abgesetzt. Ein Frauenzimmer, was die Mannsleute angreifen, pflegt von Hause aus angreifische Ware zu sein.«" (Immermann: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 2. Buch, 2. Kapitel, S.145)
"Sie sind Frau, und Sie waren Mädchen. Bebten und [795] erröteten Sie nicht, wenn Sie nur dachten, daß eine andere Hand als die Ihrige Ihre Schulter berühre? Und nun haben Sie Ihrem Gemahle Seele und Leib ergeben, Ihre Person haben Sie ihm hingegeben und Ihre jungfräuliche Ehre! Sind wir darin nicht gleich? Hat die Braut eines Kaisers etwas Höheres als die Majestät ihrer jungfräulichen Ehre? Ich bin eine Jungfrau, meine gnädige Baronesse. In der Ehre der Jungfrau fühle ich mich geadelt und der Braut des Kaisers gleich. Demütig nehme ich alles an von Oswald, aber nicht gedemütiget, mit freudigem Stolze kann auch ich Mitgift nennen und Eingebrachtes, denn was Ihr Vetter mir geben mag, ich gebe ihm stets doch mehr, als er zu geben jemals imstande sein wird." (Immermann: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 8. Buch, 7. Kapitel, S.794/795)
"Sie sind Frau, und Sie waren Mädchen. Bebten und [795] erröteten Sie nicht, wenn Sie nur dachten, daß eine andere Hand als die Ihrige Ihre Schulter berühre? Und nun haben Sie Ihrem Gemahle Seele und Leib ergeben, Ihre Person haben Sie ihm hingegeben und Ihre jungfräuliche Ehre! Sind wir darin nicht gleich? Hat die Braut eines Kaisers etwas Höheres als die Majestät ihrer jungfräulichen Ehre? Ich bin eine Jungfrau, meine gnädige Baronesse. In der Ehre der Jungfrau fühle ich mich geadelt und der Braut des Kaisers gleich. Demütig nehme ich alles an von Oswald, aber nicht gedemütiget, mit freudigem Stolze kann auch ich Mitgift nennen und Eingebrachtes, denn was Ihr Vetter mir geben mag, ich gebe ihm stets doch mehr, als er zu geben jemals imstande sein wird." (Immermann: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 8. Buch, 7. Kapitel, S.794/795)
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