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24 Februar 2013

Blick voraus nach 2070


"Ja, wer Prophet wäre, wer erschauen könnte, ob nach hundert Jahren [...] sich ein Leben gebildet hat im Sinn der neuen Gesellschaftslehre?
Aber auch ohne Prophet zu sein, kann man wahrsagen, daß, wenn man 2070 schreiben wird, in Europa und Amerika wenigstens stehende Heere nicht mehr zu finden sein werden, ebenso wenig bureaukratische Polizeistaaten und unduldsame Priestergewalt. Ob der ewige Friede dann gekommen sein wird? Ob die Völker sich wie Brüder die Hand reichen werden? Ob Europa und Amerika dann, gleich Aerzten des Menschengeschlechts, die erstarrten asiatischen und die unmündigen und verwahrlosten afrikanischen Völker unter eine aufrichtige civilisatorische Vormundschaft und Erziehung genommen haben?

Ob das Völkerrecht allgemein geworden und das Menschheitsrecht anerkannt sein wird?
Hoffen wir mit Maß, aber mit Zuversicht!

Die Völker werden begreifen, daß sie alle gewinnen an Macht und Wohlfahrt, wenn sie sich als Freunde ansehen. Leise, aber mit fester Hand, wird der allwaltende Genius der Menschheit sein Band der Versöhnung, des Friedens, der Liebe und Gerechtigkeit um alle Völker und Rassen schlingen, und jene erhabene Idee des Menschheitsbundes, d. i. eines das ganze Menschengeschlecht dieses Planeten umspannenden wohlgegliederten Gemeinwesens, wie es zuerst in der Loge zu den drei Schwertern unsern Freunden vorgestellt wurde, wird eine lebendige Wahrheit werden, das Licht dieser Wahrheit, welches jetzt nur wie aus der Ferne winkende Sterne im Geiste einzelner Denker und Menschenfreunde leuchtet, wird mit Tageshelle das schöne Rund der Erde umstrahlen.

Dir aber, mein deutsches Vatervolk, ist die größte und schönste Aufgabe gestellt für die Herbeischaffung besserer Zeiten! Gedenke deiner Pflicht, der Wahrheit und dem Rechte, der reinen Menschenbildung Bahn zu brechen! An deiner Freiheit und Erstarkung, an deiner thatkräftigen Ermannung hängt das Schicksal unsers Erdtheils. Und sollte ein feindseliger Dämon der Gewaltherrschaft, der Knechtung der Geister, der Lähmung der Arbeit, der Zwietracht und Lüge dein altes Haus in Europa zerstören, so wird der bessere Geist und das echte Leben in dir sich hinüberretten zu den verwandten Brüdern jenseit des Weltmeeres, um mit frischer Kraft von dort aus das europäische Erbland neu zu beleben."
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 9. Buch, 12. Kapitel

Man kann beklagen, wie Oppermann aus der Sicht von 1870 die kommende Periode des Imperialismus ideologisch rechtfertigt, darauf hinweisen, wie genau sein Bild von Asien und Afrika die Entwicklungshilfekonzeptionen der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts trifft, staunen, wie schön sein Bild zum Völkerbund, der europäischen Einigung und dem Eingreifen der USA in den Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland und Reeducation und Marshallplan passt. 

Leider ist uns sein Optimismus für das Jahr 2070 versagt. Das liegt nicht  allein daran, dass das, was für ihn entfernte Zukunft in 200 Jahren war, für die sich rosige Zukunftsträume träumen ließen (so manches hat sich ja erfüllt), sondern vor allem daran, dass uns im Laufe des 20. Jahrhunderts die ökologische Unwissenheit und damit Unschuld abhanden gekommen ist. 
Der neueste Bericht an den Club of Rome sagt bis 2050 noch ein ähnliches Wohlstandsniveau voraus wie heute (teils wachsend, teils stagnierend, teils fallend), aber für die Zeit danach eine unaufhaltsam sich selbst verstärkende Erderwärmung mit katastrophalen Folgen, wenn wir nicht weit energischer als in den letzten 40 Jahren auf nachhaltiges Wirtschaften und das heißt unter anderem auch auf Wachstumsbeschränkung hin umsteuern.

22 Februar 2013

Der kurze Weg der hannoverschen Armee in die Kapitulation


Nach dem Bericht des Generalstabes wurde nachmittags ein Uhr in Herrenhausen der Beschluß gefaßt, die Armee bei Göttingen zu sammeln, während die Muthigern eine Zusammenziehung bei Hannover wünschten. Der höchste Kriegsherr entschied für Göttingen, weil er hoffte, von dort Anschluß an hessische und bairische Truppen gewinnen zu können. Die Truppen selbst, welche in Brigaden bei Verden, Harburg, Burgdorf und Liebenau zusammengezogen wurden, befanden sich meistens auf dem Marsche nach dem Norden, als sie die Contreordre bekamen nach Göttingen. In der Residenz liefen die nicht in den Kasernen einquartierten Soldaten nachmittags wie kriegstoll in den Straßen herum, um die kleinen Montirungsstücke aus den Quartieren zu holen, vom Liebchen Abschied zu nehmen, oder von Aeltern, Freunden, Verwandten. Offiziere jagten zu Pferde, in Equipagen und Droschken durch die Straßen, die Zeughäuser spien Kanonen, Munitionswagen aus, die nebst Train- und andern Wagen vor dem Bahnhofe aufgestellt und eingeladen wurden. Es war in alledem wenig Geordnetes, man sah die Hast und Uebereilung an allen Ecken herausgucken, das Unfertige, der Mangel an Uebung, beim Aufladen der Kanonen z. B., fiel selbst dem Laien auf. Auf dem Bahnhofsplatze standen Tausend von Menschen, um den Abzug der ersten Truppen eines Bataillons des Garderegiments anzusehen, Bürger, Frauenzimmer aller Art, Beamte, Mitglieder Erster und Zweiter Kammer. Niemand wußte eigentlich, was da werden sollte. Offiziere eilten nach dem Bahnhofe und wieder zurück; wurde einer derselben von seinem nächsten civilistischen Freunde angerufen, um Aufklärung gebeten, so machte er die Zeichen der höchsten Eile und rief etwa: »Nach Kassel!« oder »Nach Koburg!« Vor dem Abgeordnetenhause nach der Seite der Osterstraße standen schwere Packwagen, auf welche aus der Generalkasse mächtige Geldfässer aufgeladen wurden, die der Armee nach dem Süden folgen sollten. Das war kein Rückzug mehr, das war Flucht, übereilte, kopflose Flucht! [...]
Magistrat und Bürgervorsteher versammelten sich noch um elf Uhr abends zu einer Berathung, und sendeten eine gemeinsame Deputation nach Herrenhausen, den König zu bitten, in seiner Residenz zu bleiben und das preußische Ultimatum anzunehmen, da die Lage des Landes dies fordere. Georg, in Galauniform, erwiderte darauf die bekannten Worte, daß er als König, Welf und Christ auf die preußischen Vorschläge nicht eingehen könne, da sie einen der Mediatisirung gleichen Erfolg haben würden. [...]

Es ist nicht Pflicht dieser Erzählung, die Armee auf ihrem ermüdenden Marsche zu begleiten; wer sich der Hitze, namentlich am 22. und 23. Juni erinnert, des gebotenen langgezogenen Colonnenmarsches auf kalkstaubigen Wegen gedenkt (die Marschordre war abermals geändert, und der Flankenmarsch auf Wanfried, Treffurt, Eschwege fand nicht statt, weil man jeder zugebrachten Nachricht Glauben schenkte), der wird begreiflich finden, daß kaum Wagen zu beschaffen waren, die Zahl der abgelegten Tornister nachzutransportiren und die Maroden aufzunehmen. Man stieß am 22. und 23. auf keinen Feind, erhielt aber eine telegraphische Depesche aus dem Hauptquartier Moltke's, die Waffen zu strecken, da man umzingelt sei.
Lieutenant Ahlefeld war mit Königin-Husaren an diesem Tage in Eisenach gewesen und meldete, daß man dort keine Truppen getroffen; von Gotha her wurde das Gleiche berichtet, und es war im Hauptquartier beschlossen, am folgenden Tage Gotha zu nehmen. Vom 24. bis zum 27. Juni schwebt ein gewisses Dunkel über der Sache; nur so viel steht fest, daß niemand wußte, wer zu entscheiden habe, und bei solcher Leitung der blinde König im Kriegsrath ein entscheidendes Wort mitsprach; von dem, was nothwendig und möglich war, nämlich über Eisenach nach dem Meiningenschen vorzudringen, nichts geschah, sondern die Zeit mit unnützen Verhandlungen in Gotha vertrödelt, die Truppen durch Hin- und Hermärsche ermüdet wurden. Hat man sich durch Preußen oder Gothaer dupiren lassen, so ist das eigene Schuld.
Man hatte Waffenstillstand geschlossen. Als sich die Preußen so stark sahen, einen Angriff der Hannoveraner auf Gotha oder Eisenach mit Aussicht auf Erfolg abwehren zu können, kündigte der General von Fließ den Waffenstillstand und erklärte, in zwei Stunden vorrücken zu wollen. Noch einmal, Mittag, den 26. Juni, ließ Graf Bismarck dem Könige ein Bündniß mit Preußen unter den Bedingungen vom 15. Juni anbieten, durch Oberst von Döring. Der König schwankte sichtbarlich, sein böser Dämon, Graf Schlottheim, stand ihm aber zur Seite und flüsterte von Heinrich dem Löwen. Georg wies das Anerbieten zurück und befahl seinem General, dem Vorrücken Widerstand entgegenzusetzen.
Die Offensive gab man auf. Die Soldaten waren schon drei Nächte nicht zur Ruhe gekommen und gleichzeitig fehlten die Lebensmittel. Hinter der Unstrut und hinter den Ortschaften Thamsbrück, Merxleben, Nägelstedt nahm man eine Defensivstellung, die erste und zweite Brigade hinter Merxleben, die dritte südlich von Thamsbrück bei der Untermühle, die vierte hinter Nägelstedt.
Der König verließ bald nach Mitternacht Langensalza und brachte die Zeit bis zum Morgen nördlich von Merxleben im freien Felde zu; dann, als die Truppen abzukochen begannen, nahm derselbe Quartier in Thamsbrück und versuchte sich durch einige Stunden Schlaf zu stärken.
Aber der Schlaf wollte nicht kommen, er ließ sich nicht befehlen, der Augenblick der Entscheidung nahte und machte das Herz des Königs stärker klopfen.
Sein Selbstvertrauen verhieß ihm Sieg, er wußte, daß er auf die Tapferkeit seiner Truppen bauen konnte, aber er mußte sich sagen, daß nicht hier, nahe der Grenze seines Landes, in thüringischen Landen, sein Schicksal und das seines Landes entschieden würde, sondern in weiter Ferne, vielleicht in den böhmischen Waldschluchten oder an den Ufern der Moldau und Elbe, oder, wie er hoffte, in der schlachtberühmten Ebene von Leipzig. Gestern konnte er noch unter den Bedingungen vom 15. Juni ein Bündniß mit Preußen und die Garantie seiner Länder erkaufen; heute konnte er das nicht mehr, er mußte siegen oder ruhmvoll untergehen.
Schon in Göttingen hatte sein Cabinetsrath ihm nur dürftig aus Zeitungen vorlesen können, in Langensalza fanden sich nur ältere preußische Blätter, die er haßte, man war im Hauptquartier über die Weltlage sehr schlecht unterrichtet. Die Oesterreich sich zuneigenden Offiziere behaupteten, Benedek sei nach Sachsen marschirt und rücke direct nach Berlin vor, wo eine Revolution in nächster Aussicht stehe. Der Stoß, den Prinz Albrecht von Oberschlesien aus beabsichtige, werde parirt werden, während das Gros der k. k. Armee nach der Spree rücke.
Die preußenfreundlichen Offiziere wollten wissen, daß die Preußen nicht allein ganz Sachsen innehätten, sondern über Zwickau hinaus durch die Hochwälder nach Böhmen eindrängen, und Benedek nur eine Defensivstellung einnähme.
Wir alle sind der Zeitungsnachrichten so gewöhnt, daß es jedem von uns wunderbar und beunruhigend vorkommt, wenn wir mehrere Tage ohne Zeitungsblätter uns behelfen müssen; noch mehr fühlte der König diesen Mangel. Im heiligenstädter Nachtquartier hatte er die letzte Nachricht von Hannover und Herrenhausen bekommen, seit Heiligenstadt hatte ihm auch Dr. Lex keine Zeitung mehr vorlesen können. Ob sich der Blinde überall eine Vorstellung von der Gegend machen konnte, die man Thüringerwald nennt, und von dem, was er Süden nannte? Wir bezweifeln das sehr. Man muß Student gewesen sein und jedes Dörfchen vom Inselberge an bis hinter Salzungen kennen, man muß den Rennstieg begangen haben und nach Ruhla hinuntergestiegen sein, um ein Bild vom Thüringerwalde zu haben. Wer mit der Bahn nach Meiningen und Koburg fährt, der hat eben keine Anschauung des Thüringerwaldes. Ob man sich im Generalstabe einen deutlichen Begriff davon machte, was man erreichte, wenn man bei Mechtersen oder Eisenach die Bahn überschritten hatte? Ob einer der Offiziere einmal von Eisenach nach Altenstein oder Liebenstein gegangen oder gefahren war? Fast sollte man daran zweifeln. Hannoverische Husaren hatten am 19. Juni die Division Beyer in Dassel einrücken sehen; die Bahn über Rottenburg, Bebra, Gerstungen konnte in wenig Stunden Truppen nach Eisenach werfen – die Division Goeben verstärkte Beyer. Als man den großen Zug nach Süden von Göttingen aus begann, waren die Preußen schon bei Northeim sichtbar geworden, und General Vogel von Falckenstein konnte denselben Weg nehmen, den Georg gezogen. Die Manteuffel'sche Division konnte auf Umwegen über Braunschweig, Magdeburg, Erfurt Truppen nach Gotha werfen, oder über Göttingen und Mühlhausen nachmarschiren. Dort stand das Corps des Generalmajors Fließ. Man war in der Falle, wenn nicht heute schon, so doch sicher morgen.
Als der König kaum in Thamsbrück Quartier genommen, erschollen von Hennigsleben her, wo am Morgen noch die Cambridge-Dragoner ihren Stand gehabt, südlich von Langensalza, die ersten preußischen Kanonenschüsse, und als die elfte Stunde gekommen war, sah Oberst von Strube sich genöthigt, Langensalza und den Jüdenhügel dem Feinde zu überlassen, und nun begannen von letzterm Punkte aus preußische Batterien gegen die drei auf dem Kirchberge von Merxleben postirten hannoverischen Batterien zu spielen, und eine dichte preußische Schützenkette entwickelte am rechten Ufer der Unstrut ein heftiges Gewehrfeuer auf die in und um Merxleben befindliche Brigade de Vaux, was man in Thamsbrück sehr deutlich vernahm. Georg erhielt von Zeit zu Zeit Nachricht aus dem Hauptquartier in Merxleben, aber viel zu dürftige für seine mit jedem Augenblick zunehmende Ungeduld; einer der Offiziere der Cambridge-Dragoner, von denen eine Schwadron dem Könige als persönliche Schutzwehr beigeordnet worden, war zwischen Thamsbrück und dem Hauptquartier beständig unterwegs. Der König wollte von seinem Generaladjutanten wissen, warum noch nicht zur Offensive übergangen würde; Victor Justus hatte auf dem Kalkberge eine Position eingenommen, welche nicht nur Merxleben übersehen ließ, sondern auch die Stellung der Preußen in und um Langensalza im Badewäldchen und auf dem Jüdenhügel, und berichtete von dort.
Als dem Könige gemeldet war, daß der Brigade Bülow Befehl gegeben sei, über die Unstrut zu marschiren und den Feind anzugreifen, erließ der König an Haus von Finkenstein den Befehl, sich der Brigade Bülow anzuschließen und ihm von Viertelstunde zu Viertelstunde Berichte zu senden. Es wurde jenem indeß nicht so leicht wie der Bülow'schen Infanterie, über die Unstrut zu kommen. Er war mit einem feinen Vollblut beritten und das Unstrutufer sehr abschüssig, beinahe funfzehn Fuß steil abfallend. Als er eine günstige Stelle zum Herunterkommen suchte, traf vom Jüdenhügel her eine Shrapnelkugel sein Pferd, tödtete dasselbe, er selbst fiel in die Unstrut, zerbrach den rechten Arm und wurde von den im Badewäldchen befindlichen Preußen gefangen genommen.
Während man hannoverischerseits schon gegen den Jüdenhügel vordrang, die Preußen aus dem Bade, Badewäldchen, Kallenberg's Mühle vertrieben hatte, drang eine feindliche Colonne bei der Untermühle von Thamsbrück vor und beunruhigte den König, der indeß von dort längst aufgebrochen war und sich zu der Stellung zurückgezogen hatte, welche bis dahin, mehr nordöstlich vom Orte, die Brigade Eggers eingenommen.
Bei dieser Affaire hatte sich Graf Schlottheim, um zu recognosciren, zu weit auf dem Wege vorgewagt, welcher auf den Kirchplatz in Thamsbrück führt. Die Kugel eines Koburgers traf ihn hier in die Brust und endete sein Leben, ein nutzloses, für König und Vaterland verderbliches. Seine Leiche ward erst am folgenden Tage in hohem Korne gefunden, sein Pferd wurde eine Beute des Feindes.
Nachmittags vier Uhr war Generalmajor von Fließ geschlagen und zog sich auf Gotha zurück. Um sechs Uhr zog Georg als Sieger in Langensalza ein und dictirte um sieben Uhr im Hoheitsgefühl und Siegestaumel den folgenden Erlaß an seine Armee:
»Hauptquartier Langensalza, den 28. Juni 1866.
Nachdem am gestrigen Tage (27. Juni) meine ruhmreiche Armee ein neues unverwelkliches Reis in den Lorberkranz geflochten, welcher ihre Fahnen schmückt, hat mir der commandirende General, Generallieutenant von Arentsschildt, und mit ihm die sämmtlichen Brigadiers auf ihre militärische Ehre und ihr Gewissen erklärt, daß meine sämmtlichen Truppen wegen der gehabten Anstrengungen und wegen der verschossenen Munition nicht mehr kampffähig seien, ja daß dieselben wegen der Erschöpfung ihrer Kräfte nicht mehr im Stande seien zu marschiren. Zu gleicher Zeit haben der Generallieutenant von Arentsschildt und sämmtliche Brigadiers mir erklärt, daß es unmöglich sei, Lebensmittel für die Truppen auf länger als einen Tag herbeizuschaffen. Da nun heute der commandirende Generallieutenant von Arentsschildt ferner die Anzeige gemacht hat: er habe sich überzeugt, daß von allen Seiten sehr bedeutende und meiner Armee bei weitem überlegene Truppenmassen heranrückten, so habe ich in landesväterlicher Sorge für meine in der Armee die Waffen tragenden Landeskinder es nicht verantworten zu können geglaubt, das Blut meiner treuen und tapfern Soldaten in einem Kampfe vergießen zu lassen, welcher nach der auf Ehre und Gewissen erklärten Ueberzeugung meiner Generale im gegenwärtigen Augenblicke ein völlig erfolgloser sein müßte. Ich habe deshalb den Generallieutenant von Arentsschildt beauftragt, eine militärische Capitulation abzuschließen, indem eine überwältigende Uebermacht sich gegenüberbefindet. Schwere Tage hat die unerforschte Zulassung Gottes wie über mich, mein Haus und mein Königreich, so auch über meine Armee verhängt; die Gerechtigkeit des Allmächtigen bleibt unsere Hoffnung, und mit Stolz kann jeder meiner Krieger auf die Tage des Unglücks zurückblicken; denn um so heller strahlt in ihnen die Ehre und der Ruhm der hannoverischen Waffen. Ich habe mit meinem theuern Sohn, dem Kronprinzen, bis zum letzten Augenblick das Los meiner Armee getheilt, und werde stets bezeugen und nie vergessen, daß sie des Ruhms der Vergangenheit sich auch in der Gegenwart werth gezeigt hat. Die Zukunft befehle ich voll gläubiger Zuversicht in die Hand des allmächtigen und gerechten Gottes
Georg V., Rex.«
Das war der letzte freudige Augenblick des armen blinden Mannes, den Selbstüberschätzung, Schmeichelei und Heuchelei zum Verderben führten. Am andern Tage mußte seine siegreiche Armee capituliren.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 9. Buch, 10. Kapitel

Hannover vor dem preußisch österreichischem Krieg 1866

Erst als Preußen mit seinen Bundesreformvorschlägen hervortrat, schien man in Hannover aufzuwachen und sich darüber klar zu werden, daß der Bund kein Ding sei, welches einen ernsthaften Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen ertragen könne; und als nun Preußen anfragen ließ, welche Partei Hannover ergreifen würde, wenn es zu einem Bruche zwischen den beiden deutschen Großmächten käme, oder wenn gar Preußen von Oesterreich angegriffen würde, da mußte der Welfennebel, der die Köpfe umdüsterte, wol etwas schwinden. Graf Platen erklärte dem preußischen Gesandten: Hannover werde sich in einem solchen Falle auf den Bundesstandpunkt, auf den Boden stricter Neutralität, zurückziehen. »Gegen Oesterreich kämpfen wir nicht«, sagte der Graf Anfang April zu dem Prinzen Ysenburg, »aber auch nicht gegen Preußen; wir werden weder mit Oesterreich noch mit Preußen eine Allianz schließen; wir stehen auf dem Bundesstandpunkte, und wenn eine deutsche Großmacht mit einem auswärtigen Staate oder mit einem zum Deutschen Bunde gehörigen Staate Krieg führen will, so bleibt der Bund selbst neutral.« Prinz Ysenburg machte bemerklich, daß das Zurückgehen auf den Bundesstandpunkt einem Bündnisse mit Oesterreich ziemlich gleichbedeutend sei, da der Bund seit seinem Wiederauferstehen nur österreichischen Augenwinken nachgelebt habe. Indeß war man damals noch der Meinung, daß ein Bruch vermieden werde, und Frauenhände arbeiteten in Wien, Berlin wie München gar emsig an dem Frieden. Dieser lag niemand mehr am Herzen als der Königin Marie; sie glaubte ihn erbeten zu können, und verdoppelte ihre Betstunden, denn der Herr Gemahl fühlte sich sehr empört, daß Preußen durch die Bundesreform, namentlich die der Militärverfassung, die Sphäre seines Machteinflusses augenscheinlich zu vergrößern suchte. [...] »Es ist Zeit«, sagte der General in vertraulicher Unterredung, »daß man den Preußen den alten Raub abnimmt; hat Se. kaiserliche Majestät die Waffen ergriffen, so wird er sie nicht niederlegen, bis Schlesien wieder an Oesterreich, die Provinz Sachsen an den König von Sachsen abgetreten ist, und stände Hannover treu zu dem Kaiser, so würde Westfalen Ew. Majestät keine unliebsame Vergrößerung sein. Wie große Stücke mein kaiserlicher Herr auf königliche Majestät hält, davon sei Ihnen, königlicher Bruder, dieses eigenhändig Schreiben des Kaisers ein Beweis, welches dem Feldmarschallieutenant von Gablenz befiehlt, die Brigade Kalik zu Ew. Majestät vollkommenster Disposition bereit zu halten. »Es sind Vorbereitungen getroffen, daß in kürzester Zeit auch holsteinische Truppen mobil gemacht werden können, und ein gemeinsames Lager der Brigade Kalik mit den Truppen Ew. Majestät und den Holsteinern an der Niederelbe würde die Preußen in Schleswig nicht nur in Respect halten, sondern die preußischen Combinationen geradezu umstoßen.« [...] Dem Könige fehlte jeder Begriff von der Staatsidee, er fühlte sich nur als souveräner patriarchalischer Herr, dessen Eigenwille über alles entschied. So hatte er nach dem Conseil bis zum Diner am Nachmittage einer Menge Personen Audienzen ertheilt und viele Kleinigkeiten nach selbsteigenen Beschlußnahmen erledigt, als nach dem Diner der Generalconsul Zimmermann sich in dringenden Angelegenheiten zur Audienz melden ließ. Der König, noch zornig darüber, daß dieser Mann es gewagt hatte, zur Neutralität mit Preußen und zur Abstimmung gegen den Antrag der Königreiche zu rathen, weigerte die Audienz.
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 9. Buch, 9. Kapitel

03 Februar 2013

Mormonen um 1850

" [...] Mormonen, zur Auslug. Der Thürhüter trägt in seinem Gürtel zwei Revolver. Hier wohnen etwa funfzehn von Brigham's dreißig Weibern. Die Salzseeheiligen sind gegen uns Heiden (gentiles) äußerst gastfreundlich und tolerant und haben uns in Beziehung auf die von uns schon durchzogenen Länderstrecken, wie die Länder jenseit der Sierra Nevada, mit sehr vielen Nachrichten versehen, welche für unser Unternehmen von Wichtigkeit sind. [...]
Dort hat er, bei einem Glase selbstgebauten Capweins, der hier vortrefflich gedeiht, mich in die Tiefen der Mormonenmetaphysik eingeführt. Höre, ob Du nicht wohlbekannte Anklänge an Altes und Neues findest.

»Der Menschengeist ist nicht geschaffen«, lehrt er, »er war von Ewigkeit zu Ewigkeit ein Individuum in Gott. Jedes dieser Geisterindividuen hat die Macht, auf die Erde hinabzusteigen und durch Annahme eines Leibes sich größere Herrlichkeit zu erwerben, sich mit der Natur zu vergatten. Der Geist durchdringt, belebt, vergeistigt die Materie; der Tod zerstört ihn nicht, sondern von ihm scheidet der sterbliche Leib, wenn die Gesetze der Natur es so bestimmen, das Ich aber kehrt zu Gott zurück und sucht sich einen neuen Leib. »Entspricht ein vom Himmel gestiegener Geist nicht seiner göttlichen Bestimmung und Lebensaufgabe, besteht er in der Prüfungszeit nicht, verscherzt er vielmehr sein Erbe durch üble Aufführung, so wird ihm nach dem Ableben dieses Leibes ein geringerer Leibestempel angewiesen. Geht der Geist auch dann noch nicht in sich, erinnert er sich nicht seines göttlichen Ursprungs, so wird er immer mehr in ein niedriges Dasein, aber nur im Gebiete der menschlichen Gattung, zurückgeführt, bis er sich bessert und Grad um Grad wieder emporwächst zu der Herrlichkeit der Kinder Gottes.« Nun, Bruno, schmeckt das nicht, wenn auch verstümmelt, nach den Lehren, die im philosophischen Kränzchen oft besprochen und mit Lust ausgemalt wurden, die aus altersgrauen Systemen Indiens und pythagoräischer Geheimbünde sich bis zu uns lebendig erhalten haben wie tausendjährige Samenkörner in den Felsengräbern Aegyptens? Doch im Ernst, ist das nicht mindestens eine zehnmal vernünftigere Idee als die aus Altem und Neuem Testament zusammengesetzte von dem Staub zu Staube, Erde zu Erdewerden und Wiedergeborenwerden des nämlichen Staubes am Jüngsten Tage und dessen Auferstehen zu Fleisch und Herrlichkeit, die unsere protestantischen Pfaffen bei ihren Leichenceremonien in unserm Vaterlande vortragen?  [...]
Die Vielweiberei der Mormonen ist ein Stück Indianerbarbarei, allein es hat damit nicht so viel auf sich, als wir in Deutschland glauben, sie kann auch nicht so sehr entarten, wie im Orient, wo es jahrhundertelang vererbte Reichthümer und eine Menge Staatssinecuren gibt. Hier ist, wie man zu sagen pflegt, der Knüppel an den Hund gebunden; wer mehrere Frauen halten will, muß sehr reich sein, und wer von all seinem Einkommen den Zehnten contribuiren muß, der kann selten reich werden. [...]
Das Hauptgebrechen, an welchem der Mormonismus leidet, scheint mir zu sein, daß man die Frauen nicht als gleichberechtigt ansieht, ihnen eine andere Bedeutung als »Mutter zu sein in Israel«, d. h. als Mittel, aus dem Territorium möglichst bald einen Staat zu machen, nicht zuschreibt. Da man aber den Mädchen dieselbe gute Erziehung gibt wie den Knaben, so ist ein Zustand, der das ganze weibliche Geschlecht entwürdigt, auf die Dauer nicht aufrecht zu halten.  [...]
Am Tage vor dem Schulbesuche war im Hause Brigham's eine Geschichte vorgefallen, die mich lebhaft an eine in der Heimat erlebte Begebenheit erinnerte. In Göttingen war ich Augenzeuge, als der Professor der Theologie, Gieseler, in der Barfüßerstraße ein Kind, das in die Gosse gefallen war und schrie, als wenn es am Spieße steckte, emporhob und es tröstend fragte: »Wem gehörst du denn, mein Kind?« – Das Kind, etwa fünf Jahre alt, hörte sofort mit Weinen auf, sah den Mann groß an und sagte: »Kennst du mich denn nicht, Papa? ich bin ja deine Minna!« Der Theologe hatte mehr zu denken, als daß er alle seine vierundzwanzig Kinder hätte kennen sollen.
Zu Brigham gehen alle, die Rath bedürfen, Schlichtung von Streitigkeiten herbeiführen wollen, sich über dieses oder jenes zu beschweren haben. So kommt denn auch eine Frau um Abhülfe gegen die Ungerechtigkeit eines Kirchenältesten. Brigham thut, als ob er sie kenne, als er aber die Beschwerde zu Protokoll zu nehmen beginnt, ist er doch genöthigt zu sagen: »Wart' einmal, Schwester, ich habe deinen Namen vergessen!« »Meinen Namen?« erwidert sie unwillig, »ich bin ja deine Frau!« So war es; das sind die Folgen der Pluralität." [die bei den Mormonen damals gebräuchliche Redeweise für Ehen eines Mannes mit mehreren Frauen]
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 12. Kapitel

28 Januar 2013

Nur nicht prüde! ein Gesetzentwurf über das Einfangen flüchtiger Sklaven

"»Die staatliche Behörde, nicht etwa Richter, sondern außerordentlich zu ernennende Commissare, welche zu entscheiden haben, ob das Recht auf Auslieferung eines in Anspruch genommenen Sklaven begründet sei, sollen zehn Dollars erhalten, wenn sie die Beweise für genügend, fünf Dollars, wenn sie dieselben für ungenügend erklären. Jeder, welcher sich des Einfangens und der Auslieferung widersetzt, soll mit Geldbuße bis zu tausend Dollars oder mit Gefängniß bis zu sechs Monaten bestraft werden, Beihülfe zur Flucht möchte man mit dem Tode belegen. Außerdem muß der Eigenthümer des Sklaven entschädigt werden.«
»Das scheint ja dasselbe Gesetz zu sein«, fiel Baumgarten dem Kentuckier ins Wort, »das Webster in seiner Rede vom 7. März als höchst moralisch anpries. Wenn einer aus dem Norden das gethan, was wird da der Congreß thun? Ich fürchte, er nimmt die Schande auf sich und läßt den Entwurf passiren.«

»Geht der Entwurf nicht durch, so denkt man aus der Union zu scheiden, und da das schwerlich ohne Krieg abgehen möchte, so will man Kossuth schmeicheln und sich durch ihn ungarische Offiziere verschreiben lassen. Point Pleasant hat man zur Feier gewählt, um ungestörter unter sich zu sein.

»Senator Hammond sprach es offen aus: Revanche für Pavia! wir müssen Revanche haben für die Californienbill, das Einfangungsgesetz meines Freundes da betrachte ich nur als eine geringe Abschlagszahlung. Wir müssen entweder Mexico oder Mittelamerika nehmen und sie in Sklavenstaaten verwandeln, wenn wir das Gleichgewicht zwischen Süden und Norden wiederherstellen wollen; oder aber wir müssen Europa überzeugen, daß Sklaverei eine göttliche Ordnung der Dinge ist, daß ohne Sklaven die andere Menschenklasse unmöglich bestehen kann, welche sich der Geistesbildung und Civilisation widmet. Man weiß das in Europa längst, man hat dort weiße Sklaven, nur nennt man sie nicht so. Man muß Europa überzeugen, daß es besser ist, diese Prüderie aufzugeben, und die Arbeiter wieder zu Sklaven und Leibeigenen zu machen. Unser Norden ist prüde und heuchlerisch zugleich; er knechtet seine Arbeiter und unsere Sklaven will er emancipiren.«"
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 10. Kapitel

27 Januar 2013

Das Selbstverständnis der Sklavenhalter


Die Pflanzer, Gesetzgeber und Senatoren auf dem Deck ließen sich von den glücklichen Menschenjägern die Einzelheiten der Jagd erzählen, lobten sie und die Bluthunde und wünschten ihnen Glück.
»Diese Niggerhunde«, sagte Senator Mason, »die von der Vorsehung zu Sklaven geschaffen sind, denn sie sind halb Menschen, halb Lastthiere, werden in der Nähe dieses verruchten Quäkerstaats (er deutete auf das linke Ufer des Ohio), den wir gottlob! bald aus dem Gesicht verlieren, zu kühn; es ist die höchste Zeit, daß wir strengere Gesetze gegen die flüchtigen Sklaven, namentlich aber gegen alle schaffen, welche ihnen zur Flucht behülflich sind.«
»Ja«, sagte unser Freund, der Kentuckier Lincoln Hickory, der inmitten der Pflanzer und Baumwollbarone saß, »es müßte bestimmt werden, daß jeder flüchtige Neger bei den Beinen aufgehangen würde, das könnte sie abschrecken. Unsere Sklaven werden auch durch die verdammten Quäker verdorben, näseln schon sämmtlich methodistische Lieder, predigen von Gleichheit vor dem Herrn, wollen ein ehrsames christliches Leben führen, einige können sogar lesen und schreiben und predigen sonntäglich aus der Bibel.«
»Jeder, der seine Nigger unterrichten läßt«, meinte ein Pflanzer, »müßte als ein zur Flucht Helfender angesehen und bestraft werden.«
»Nun, bei uns«, sagte der Inhaber einer Zuckerplantage in Louisiana, » fällt es keinem ein zu dulden, daß seine Nigger lesen und schreiben lernen, nicht einmal Haussklaven.«
»Haben bei uns aber auch einen heillosen Respect vor den Carolinas und Louisiana; jammern und schreien, wenn sie nach unten verkauft werden«, fiel ein Virginier ein.
»Es lebe die Sklavenjagd«, sagte ein prosklaveristisches Congreßmitglied, indem es eine Flasche Champagner entkorkte und mehrere Gläser einschenkte, » Willkommen den Sklavenjägern!«
Der Kapitän war hinzugetreten und sagte: »Die Tigerjagd, pflegte ein ostindischer Offizier meiner Bekanntschaft zu sagen, ist ein herrlicher Zeitvertreib! Zuweilen wendet sich der Tiger aber um und jagt uns, dann ist der Spaß vorbei.«
»Ihr wollt damit doch nicht sagen, daß die Niggerhunde es je wagen würden, sich gegen uns zu wenden?« schrie ein Senator aus Virginien.
»Mit Eurer Erlaubniß, Herr Senator, gerade das wollte ich sagen, nichts mehr, nichts weniger, fahrt nur fort mit Euerm Auspeitschenlassen, mit Euern Sklavenjagden, und die Nigger werden das Beispiel von San-Domingo nachahmen!«

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 10. Kapitel

In der neuen Welt: Sklaverei und Freiheit

Flüchtige deutsche Demokraten von 1848 unterhalten sich in Amerika mit amerikanischen Verwandten. 

[...] Auf eine nochmalige demokratische Erhebung in Deutschland, auf welche die meisten Flüchtlinge hier ihre Hoffnung setzen, rechne ich nicht; aber was ich von euerm vielgerühmten, gloriosen Amerika gesehen, zieht mich nicht an. Diese ewig rastlose, krampfhaft angespannte Thätigkeit der Leute hier widert mich an, da die Menschen blos des Erwerbes wegen geschaffen scheinen und gleich euern Hohöfen und Dampfmaschinen nur Geld und abermals Geld knirschen. Ich habe hier in Nordamerika noch keine Spur deutscher Gemüthlichkeit gefunden und bin zweifelhaft, ob ich nicht nach Deutschland zurückgehe. Finde ich doch dort noch immer vier- bis fünfunddreißig Vaterländchen, wo ich kein Hochverräter bin.«
»Verstehst du, junger Vetter, unter deutscher Gemüthlichkeit, auf den Bierbänken herumzuliegen, zu kneipen und zu singen, umherzuschlendern, sorglos in den Tag hineinzuleben, so ist dafür bei uns allerdings der Boden nicht. Hier heißt es arbeiten und durch eigene Arbeit frei und selbständig werden. Denn das weiß bei uns jedes Kind, daß nur Besitz und Reichthum die wahre Freiheit gibt, und darum strebt jedermann danach. Auch die Romantik fehlt. Statt verfallener Thürme alter Raubburgen siehst du Dampfessen, hörst den Schmiedehammer statt Rappier- oder Degengerassel. Aber was beschaffen wir auch!«
»Was ihr beschafft?« fiel der Bärtige dem Vetter heftig in die Rede; »wahrlich nichts Großes, nichts von ethischer und idealer Bedeutung.« Er sprang vom Wiegenstuhle auf und schleuderte das Cigarrenende weit über den Söller hinaus.
»Man sieht in der That, daß du nur Neuyork und die Congreßstadt gesehen«, entgegnete der Freund ruhig, »und noch wenig oder nichts von unserm Leben und Treiben begriffen hast. Du hast nicht die entfernteste Ahnung, wie es scheint, daß wir im Begriff stehen, den größten Kampf, der je für ein ethisches Princip gekämpft ist, zu beginnen, den Kampf um die Gleichberechtigung der Menschen ohne Ansehen der Farbe. Es tritt der Bruderkrieg, der Krieg zwischen Norden und Süden, stündlich näher an uns heran, es handelt sich darum, die Sklaverei nicht weiter um sich greifen zu lassen in den neueroberten Staaten, wie in den sich aus Territorien zu neuen Staaten heranbildenden Regionen des Westens, die südlich der Compromißgrenze liegen. Demnächst wird es sich geradezu um die Aufhebung der Sklaverei handeln. »Leider ist es nicht nur möglich, sondern wie Grant, das Congreßmitglied, glaubt, sogar wahrscheinlich, daß unsere Staatsmänner, die seit Jahren von den Sklavenbaronen beherrscht sind, auch in diesem Jahre vor einem offenen Bruche zurückschrecken und abermals zu Compromissen ihre Zuflucht nehmen. Die Sklavenhalter wollen nämlich nicht, daß Californien nur unter der Bedingung als Staat aufgenommen werde, kein sklavenhaltender Staat zu sein; sie spielen mit dem Rechtssatze, daß nicht der Congreß, sondern jeder einzelne Staat selbst zu bestimmen habe, ob er Sklaven dulden wolle oder nicht. Ferner steht die Frage der Sklavenjagden auf der Tagesordnung, die leider durch den unglückseligen Vergleich von 1793 zum Gesetz geworden sind. Nach unserer Constitution soll kein freier Staat ›den Flüchtling von gezwungener Arbeit‹ schützen. Freilich wir in Pennsylvanien haben unsern Beamten trotzdem verboten, flüchtige Sklaven einzufangen. Ein Sklave, der Pennsylvanien betritt, ist so gut wie frei. Aber die Sklavenbarone überschreiten mit ihren Bluthunden unsere Grenzen und schießen die entflohenen Sklaven lieber todt oder lassen sie von Bluthunden zerreißen, bevor sie unter den Schutz einer Stadt oder eines Ortes kommen, hinreichend bevölkert, um die Baumwolljunker mit Flintenschüssen über die Grenze zurückzutreiben.«

»Das ist mir allerdings neu«, sagte unser Freund aus Hannover, »und ein solcher Kampf gegen die Sklavenhalter würde mir schon erwünscht sein.«
»Willst du dich der großen Sache widmen, der Aufgabe, die schon Franklin einleitete, mit ganzer Seele und Gemüth widmen, so hast du ein Lebensziel so schön und reich, wie du es nur verlangen kannst, denn es wird viel Arbeit geben. Ich kann dir in diesem Falle die beste Unterstützung schaffen. Du mußt dich in unsere Loge zu den Cedern des Libanon aufnehmen lassen, es trifft sich das gut, in nächster Zeit ist große Aufnahmeloge. Wir arbeiten hauptsächlich für die Gleichheit und Freiheit der schwarzen und andern Menschenrassen und sehen unsere gefährlichsten Feinde in den Afterlogen des Südens, in den Rittern vom Goldenen Zirkel und wie sie sich sonst nennen.«
[...]

»Lieben Freunde«, unterbrach Georg Baumgarten den Redenden, »das Wort der Bibel: Man sieht den Splitter im fremden Auge leichter als den Balken im eigenen, bewährt sich jenseit wie diesseit des Oceans, und wird sich auch wol hinter dem Pacific bewähren. Ich bin über vierzig Jahre hier und glaube in dieser Zeit das, was den Nordamerikaner vor andern Völkern charakterisirt, herausgefunden zu haben; ihr habt nur auffallende Nebenzüge, wenn ich so sagen darf, entdeckt. Das Charakteristische Nordamerikas ist die Idee der Freiheit, der Freiheit in jeder Form, im Staate wie in der Kirche. Das Streben nach Reichthum muß, wie ich heute schon zu Schulz sagte, aufgefaßt werden als Streben, sich die Mittel zur völligen Freiheit und Unabhängigkeit zu schaffen.«
»Aber wie reimt sich damit der Besitz von drei Millionen Sklaven?« entgegnete Oskar.
»Die Sklavenfrage ist der faulste Punkt im Leben der Union, das haben schon Washington, Jefferson, Madison und alle Denker gesagt. Sie war durch die historische Entwickelung, durch gegebene Verhältnisse des Südens, mit denen man nicht zu brechen wagte, namentlich bei den Verdiensten der Virginier um Schaffung der Unabhängigkeit, bedingt. Durch die Ueberlegenheit der südlichen Staatsmänner, durch ihre Ungesetzlichkeit, ihr Drohen mit Secession und Nullification, durch den Ausfall der Präsidentenwahlen für die Demokraten, durch den Anschluß neuer südlicher Sklavenstaaten ist das Uebel verstärkt. Wir wollen über dieses Kapitel erst weiter reden, wenn ihr, lieber Oskar und Hellung, euch überzeugt haben werdet, wie groß die Anzahl der Männer im Norden ist, welche gegen diese Schmach ankämpfen. Laßt die Beurtheilung amerikanischer Zustände vorläufig beruhen. Du, lieber Hellung, der du zuletzt von Europa herübergekommen bist, berichtest wol von den Aussichten in Deutschland, Freiheit und Einheit zu schaffen, von den deutschen Flüchtlingen in London und ihrem Treiben, wie du, Oskar, uns über Hannover das Nähere mittheilst.«

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 7. Kapitel

24 Januar 2013

Die letzten Sitzungen in der Paulskirche


Während Bally Grävell zum Reichsverweser führte, entwarf Detmold in der Paulskirche das Ministerprogramm. Dann suchte er Bruno auf und zog ihn beiseite: »Grävell wird Ministerpräsident, ich selbst habe gleichfalls angenommen, wollen Sie mein Referent und Unterstaatssecretär werden?«
»Ein Ministerium mit der lächerlichsten Person an der Spitze, wie Sie gestern selbst sagten?« entgegnete er fragend.
»Grävell«, erwiderte der Buckelige, »hat, wie Bally richtig sagt, sein Leben lang Freiheit, Ordnung und Gesetz vertreten, und der Linken gegenüber bedarf es einer grobnervigen, dreisten Natur. Uebrigens wird sich die Sache in wenig Wochen, vielleicht in wenig Tagen abspielen. Es handelt sich darum, den Reichsverweser gerade in diesem Augenblicke nicht im Stiche zu lassen. Die Erbkaiserlichen wollen die Ministerlosigkeit benutzen, um den Erzherzog zu drängen, die Centralgewalt in die Hände des Königs von Preußen niederzulegen. Fände der Reichsverweser kein Ministerium, so wäre das die nothwendige Folge. Aber die Herren haben die Rechnung abermals ohne den Wirth gemacht. Mein Programm wird ihre Ränke scheitern machen. Dann wird Preußen dem Beispiele Oesterreichs folgen und seine Abgeordneten abrufen. Hannover und Sachsen werden das Gleiche thun, und die Regierungen werden sich über eine Verfassung verständigen. Stüve hat in der in Berlin mit Sachsen und Preußen vereinbarten Reichsverfassung Oesterreich seinen Platz gesichert. Mit einem Kleindeutschland ist es vorerst ebenso wenig etwas als mit dem Erbkaiserthum. Bedenken Sie sich nicht lange, nehmen Sie mein Anerbieten, das außerdem Ihre Zukunft sichert, an. Ich würde Sie ungern vermissen, ich kenne Sie seit zwölf Jahren und Sie kennen meine Art.«
Der Freund sagte zu.
Es war die höchste Zeit, daß diese »Teufelei«, wie Haym sagt, glückte, denn ohne sie würde die andere Teufelei, die man in Berlin ausgedacht hatte, mehr Aussicht auf Erfolg gehabt haben. Der Oberst von Fischer war von Berlin angekommen, um den mürbe gemachten Reichsverweser zu veranlassen, die Nationalversammlung aufzulösen und die Centralgewalt an den König von Preußen zu übertragen. Dieser würde ein Reichsministerium Radowitz ernannt haben, Wahlen in Gemäßheit des Dreikönigsbündnisses würden ausgeschrieben sein, statt in Erfurt hätte in Frankfurt das neue Reichsparlament und ein Fürstenhaus getagt, die Fürsten würden sich unterworfen haben, und blieben die Oesterreicher fort, so war Oesterreich aus dem neuen Bunde hinaus.
So etwas hielt aber damals nicht nur die gesammte Linke, sondern auch Staatsmänner wie Stüve, von der Pfordten, von Beust für das größte Unglück, was geschehen könne; man mischte schon die Karten zu dem Fiasco von Erfurt, und die Herren, die damals dem Dreikönigsbündnisse entschlüpften und das Volk um die Einheit betrogen, die tragen nebst Olmütz die meiste Schuld an dem 1866 vergossenen Blute.

Heute sind wenige Menschen, welche eine solche Entwickelung der Dinge, die den Bruderkrieg abgewendet, den Main vom Fichtelgebirge bis nach Mainz überbrückt haben würde, nicht für eine glückliche hielten; in jenen Tagen schien Detmold's Ansicht in Bruno's Augen gerechtfertigt, und um einen solchen preußischen Plan hintertreiben zu helfen, nahm er die Stellung als Unterstaatssecretär an. Er fürchtete, daß der Reichsverweser eher zurücktrete, als die Centralgewalt in Preußens Hände lege, dann aber war die Revolution da und das Chaos, und im günstigsten Falle hielt er die Kreuzzeitungsritter nicht für Männer, die ein Deutschland ohne Oesterreich regieren könnten.

Das Programm, welches Detmold in der Paulskirche entworfen hatte, schien ihm correct, sodaß selbst Metternich nichts daran hätte tadeln können; es lautete:
»1) Die Errichtung des Verfassungswerks ist durch das Gesetz vom 28. Juni vorigen Jahres von der Thätigkeit der Centralgewalt ausgeschlossen. Eine Wirksamkeit behufs Durchführung der Verfassung liegt außerhalb der Befugnisse der Centralgewalt. Sie ist gern bereit, eine Anerkennung der Verfassung bei den Regierungen zu vermitteln, wird aber allen ungesetzlichen und gewaltsamen Bewegungen, welche die Durchführung der Verfassung zum Vorwande oder Anlaß haben, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegentreten, sobald die Hülfe und Vermittlung von den betreffenden Regierungen nachgesucht wird.
»2) Die Centralgewalt erachtet es für ihre Pflicht, die ihr ausschließlich zustehende Regierungsgewalt vor jeder Einmischung zu bewahren und jeden Eingriff in dieselbe zurückzuweisen.«
Das war ein Programm, bestimmt und faßbar, übereinstimmend mit dem Gesetze vom 28. Juni, das Gegentheil von dem letzten Gummi-elasticumprogramm Gagern's; das war ein Programm, das klar und entschieden den revolutionären Gelüsten zur Durchführung der Reichsverfassung, die sich auch bei Männern der Centren immer offener aussprachen, entgegentrat. Daß es den Zorn der Linken erregen mußte, war vorauszusehen. Das Gerücht der neuen Ministercombination verbreitete sich schnell. Onkel Gottfried Schulz kam noch am Abend zu Bruno und beschwor ihn, die Verbindung mit dem »kleinen Scheusal«, die ihm nur zum Verderben gereichen würde, aufzugeben. »Glaube mir«, versicherte er, » diesem kleinen von Ehrgeiz und Eitelkeit geplagten Teufel ist nichts in der Welt heilig, weder Vaterland noch Freiheit. Er wird seinen Freund Stüve verrathen, er wird Hannover verrathen, er wird sich von den Schwarzenberg oder wer es sein müßte, oder von Antonelli erkaufen lassen.«
Bruno verteidigte den Leiter seiner politischen Bildung.
Am Tage des 16. Mai ging er indeß mit einigem Herzklopfen in die Nachmittagssitzung der Paulskirche, er mußte für sich wie für seine Reichsminister auf einigen Hohn, auf Gelächter, Spott, vielleicht einige Kothwürfe gefaßt sein. So schlimm, wie es kam, hatte er sich die Sache allerdings nicht gedacht. Im Anfange der Sitzung wurde die preußische Verordnung, welche das Mandat der preußischen Abgeordneten für erloschen erklärte, dem Antrage Wiedenmann's gemäß, mit zweihundertsiebenundachtzig Stimmen gegen zwei für unverbindlich erklärt und die Erwartung ausgesprochen, daß sich die preußischen Abgeordneten der fernern Teilnahme an den Verhandlungen nicht entziehen würden. Inzwischen ging bei dem Präsidenten Theodor Reh ein Schreiben Gagern's ein, welches denselben und die Versammlung benachrichtigte, der Reichsverweser habe den Geheimen Justizrath Dr. Grävell zum Minister des Innern ernannt und ihm einstweilen das Präsidium des Ministerraths übertragen.
Die Mittheilung dieses Schreibens erzeugte unter den Abgeordneten wie auf den Galerien große Bewegung. Der neue Ministerpräsident bat um das Wort, ward aber mit großer Unruhe empfangen. Er sagte im Anfange seiner kurzen Rede:
»Meine Herren! Wenn Sie auf mein weißes Haar sehen, so werden sie mir zutrauen, daß nicht Eitelkeit oder Ehrgeiz mich dazu bewegen konnte, um einen Posten mich zu bemühen, oder ihn nur mit Freuden anzunehmen, der mich aus den sorglosesten und bequemsten Verhältnissen herausbringt und eine so schwere Verantwortlichkeit auf meine Schultern legt, wie sie wol nicht schwerer aufgelegt werden kann. Ich bitte Sie darum, seien Sie so freundlich und erschweren Sie mir nicht die Last, die ich auf mich genommen habe. Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen!«
Und was that die Nationalversammlung?
Als Grävell die Namen der Mitglieder seines Ministeriums nannte: Detmold, Menke, Jochmus, entstand der größte Lärm, der je in der Paulskirche gewesen war, und es war seit einem Jahre viel Lärm dort gewesen, viel mehr als der deutschen Nation würdig war.
Gelächter oben und unten; die Galerien trampeln, pfeifen, schreien bis zur Ungebühr. In der Versammlung ruft man, als der Name Jochmus genannt wird: »Ist das der Pascha von den drei Roßschweifen?«
Von anstandsvoller Achtung, die auch republikanische Versammlungen ihren Würdenträgern zollen, keine Spur, der Präsident hatte die Macht nicht, die Ruhe herzustellen oder wollte es nicht. Wahrhaftig, ein beschämender Anblick!
Obwol der Ministerpräsident erklärt hatte: er werde folgenden Tags der hohen Versammlung das Programm des Reichsministeriums zugehen lassen, so übergab dennoch Ludwig Simon eine für dringlich erklärte Interpellation: »Ob der neue Ministerpräsident bereit sei, die deutsche Reichsverfassung, in Gemäßheit des Artikel 15 des Gesetzes, unverkümmert zur Ausführung zu bringen?«
Grävell ließ sich nicht verblüffen, er bat, bis morgen zu warten.
Nun ein neuer dringender Antrag von Ziegert: »Die Nationalversammlung erklärt: ›Das neugebildete Ministerium besitzt das Vertrauen der Mehrheit des Hauses nicht.‹«
Die Mehrheit fühlte denn doch, daß das vor der Mittheilung des Programms verfrüht sei. Von allen Seiten schrie man: Zurücknehmen! und der Antragsteller gehorchte.
Am andern Tage war Himmelfahrt. Dennoch wurde eine Nachmittagssitzung auf vier Uhr anberaumt. Die Frankfurter pflegen an diesem Tage und schon in der Nacht vorher im Frankfurter Hölzchen »bei Appelwei und Wei« Natur zu kneipen. Der trunkene Galeriepöbel empfing das Reichsministerium mit unendlichem Hohn, was sich zu Pfingsten 1866 im Saalbau gegen Preußen und Norddeutsche feindlich geberdete, das tobte damals gegen ein österreichisches Reichsministerium.
Ein Antrag Welcker's wurde als dringlich angenommen, worin die Nationalversammlung dem Reichsministerium ihr Mistrauen aussprach und seine Ernennung als eine Beleidigung der Nationalrepräsentation auffaßte.
Das war dem Hannoveraner Freudentheil, in welchem viele das Urbild der Detmold'schen Piepmeier finden wollten, noch nicht stark genug, er donnerte bald im Baß, bald in der höchsten Fistel: »Es sei auszusprechen, daß ein Schrei der Entrüstung durch alle deutschen Gauen gehen würde, wenn die designirten Reichsminister nur vierundzwanzig Stunden im Amte blieben, es erheische demnach die Ehre und die Pflicht der Nationalversammlung dringend, Minister solcher Geistesrichtung, wie die designirten, sofort mit dem entschiedensten Unwillen zurückzuweisen.«
Detmold zeichnete ihn während der Rede und reichte das Bild auf den Ministersitzen herum, das den besten Caricaturen Bonin's nicht nachstand. Das Blatt mit der Unterschrift »Piepmeier gegen das Reichsministerium« ist in den Privatbesitz Bruno's übergegangen.
Karl Vogt meinte: »Man solle sich bei einem Mistrauensvotum nicht aufhalten, wenn man morgen schon in die Lage kommen könne, den Träger der Centralgewalt dahin zu schicken, wo er hergekommen.« Ob er sich selbst schon in der Heldenrolle des künftigen Trägers der Reichsgewalt erblickte? –
Die Nationalversammlung war ein Jahr und einen Tag alt, als sie den Beschluß faßte, die Centralgewalt zu beseitigen und einen Reichsstatthalter womöglich aus der Reihe der regierenden Fürsten zu wählen. Die Politiker des Nürnberger Hofes waren die Macher. Detmold grinste während der Verhandlung und flüsterte dem hinter ihm sitzenden Bruno so laut, daß man es auf den Bänken der zunächstsitzenden Abgeordneten hören konnte, zu: »Jakob, setz' die Mütze auf, damit dir die Reichsstatthalterschaft nicht auf den Kopf fällt.«
Der Ministerpräsident erklärte, der Reichsverweser werde sein Amt in die Hände zurückgeben, aus denen er dasselbe empfangen, in die Hände der Nationalversammlung, seine Macht werde er in die Hände der Regierungen zurückgeben, von der er sie durch den Bundestag erhalten. Es erhob sich ein ungeheueres Geschrei. Die Linke schrie: »Diese Dummheit! das ist unverschämt, schändliche Frechheit!«
»Nennen Sie in Ihrem Berichte diese Schreier«, sagte Detmold zu Bruno gewendet, dessen Thätigkeit bisher darin bestanden hatte, daß er im Sinne des Reichsministeriums für verschiedene Zeitungen Berichte schrieb, und der damit beschäftigt war, die Rede des Ministerpräsidenten nach der vom Stenographenamte gesendeten Uebersetzung abzuschreiben, damit sie unverfälscht in die größern Zeitungen komme.
»Vergessen Sie auch nicht«, fuhr der Kleine nach einiger Zeit fort, »zu erwähnen, wie es die Majorität dieses Traumes von einem Schatten anfangen will, die Centralgewalt zu beseitigen, nachdem sie nicht einmal das Ministerium der Lächerlichkeit hat beseitigen können. Auch können Sie dreist vorhersagen, daß nicht achtundvierzig Stunden vergehen werden, und die Edeln, welche vorgestern die Verordnung vom 14., welche die Preußen zurückruft, für unverbindlich erklärten, werden, Gagern und Dahlmann an der Spitze, reißaus nehmen.«
Nach kurzer Zeit drehte sich der Justizminister abermals zu seinem Freunde: »Wenn Sie nach Augsburg schreiben, vergessen Sie nicht, dem künftigen Reichsstatthalter zu empfehlen, daß er für den Nürnberger Hof und seine sonstigen Wähler die Tagesgelder, drei Monate pränumerando womöglich, mitbringe, denn alle Taschen und Börsen sind leer.«
Als man aus der Paulskirche ging, sagte Detmold: »Jetzt werden sie sich gegenseitig mit Koth bewerfen, wie die frankfurter Straßenjungen, sie, die sich zu der Erbkaiserwahl verbündeten. Die Linke wird die Schuld auf die Centren schieben, diese auf die Extreme, niemand wird zugestehen wollen, daß die Schuld des Mislingens an allen denen liegt, welche das Princip der Vereinbarung von sich wiesen und das Einzigundallein zur Devise erhoben.«
Detmold hatte recht. Alles, was er vorhersagte, traf ein; nach wenigen Tagen begannen sogar die Führer der Linken mit ihm, dem Verhöhnten, zu verhandeln wegen eines Vorschusses der Bureaukosten und Diäten. Man wollte sich im Süden festsetzen und verschanzen, um bessere Tage zu erwarten. Es wurden auch fünfundzwanzigtausend Gulden bewilligt; allein die Auszahlung fand Anstand, da Reh, der Präsident, resignirt hatte, nachdem der Antrag Vogt's auf Verlegung der Nationalversammlung nach Stuttgart angenommen war. Da die Anweisung aber auf Reh lautete, weigerten sich die Kassenbeamten auszuzahlen, und auch das Reichsministerium wollte eine Nationalversammlung außerhalb Frankfurts nicht anerkennen.
Die Nationalversammlung tagte am 30. Mai zum letzten mal in Frankfurt – an der Farce des stuttgarter Rumpfparlaments betheiligte sich keiner unserer Freunde.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 6. Kapitel

Mai 1849 in Dresden


Schlaglichter vom Dresdner Maiaufstand
Ihre Wohnung lag hinter der Schlesischen Eisenbahn im Schutze des Bergrückens, der das Waldschlößchen trägt. Die Neustadt war voll sächsischer Truppen, Preußen wurden mit der Bahn von Berlin erwartet: um Sachsen vor dem Zwange des preußischen Erbkaiserthums durch das Volk zu schützen. Die königliche Familie flüchtete am Morgen desselben Tages, an welchem Minna nach Neustadt übersiedelte, auf einem Dampfschiffe nach Königstein, was in der Stadt den übelsten Eindruck machte. Das Volk, welches nach Einheit und Reichsverfassung schrie, wußte nicht, was es wollte; daß es dem Russen Bakunin, welcher Tzschirner bald die Zügel aus der Hand nahm, und seinen nähern Freunden um diese wenig zu thun war, darüber konnte niemand im Zweifel sein, der den Dingen nur einigermaßen näher stand, und das hatte Hellung denn auch bewogen, seine Frau und Kinder über die Elbe zu senden. [...]

Nun denke Dich in meine Lage! Mein Mann war auf dem Rathhause, ich war mit den Kindern und Dienstboten ganz allein in der großen zweiten Etage, die erste Etage steht leer, und nun begann das Geheul der Sturmglocken, das Wirbeln der Trommeln, Hörnersignale, ein unbeschreiblicher Menschenlärm von der vom Gewandhause und dem Altmarkt durch unsere Schießgasse ziehenden Menge. Dazu kam sehr bald das Knattern der Gewehrsalven, das Krachen von Kartätschenschüssen, das Geschrei der Männer, das Gepolter beim Aufrichten von Barrikaden. Bald war in unserer Etage keine Sicherheit mehr, Flintenkugeln schlugen durch die Fenster, zertrümmerten Möbeln, Spiegel, Vasen, Bilder. Durch das Bild des Vaters meines Mannes, das seine beiden zuwanischen Frauen und den kleinen Ibrahim vor einem Springbrunnen darstellt, das Dich so sehr entzückte, hat eine Flintenkugel der Mirza beide Beine weggeschossen. Ich mußte mit den Kindern in die Mansardenzimmer flüchten, nachdem wir die Fenster unserer Wohnung, so gut es gehen wollte, mit Betten, Laken, Matratzen verstopft hatten. Und nun die Kinder! dieses Heulen und Schreien wegen des nicht endigen wollenden Schießens und Sturmläutens! Als es Nacht wurde und das Feuer ruhte, die Kinder endlich in den sichern Bodenkammern zur Ruhe gebracht waren und schliefen, kam der gute Vetter Moritz; er stand bei der Turnerschar und hatte sich durch den Botanischen Garten in unser Haus eingeschlichen. Er berichtete, daß soeben die tharander Bürgerwehr eingezogen, ebenso zahlreiche Bewaffnete von Wilsdruff, aus dem Plauenschen Grunde und von Loschwitz angekommen seien, und half dann die Papiere meines Mannes ordnen und in den Keller schaffen, unsere Werthsachen und Werthpapiere in Koffer packen, die Fenster noch vorsichtiger gegen Kugeln verwahren. Heute morgen erhielt ich ein Billet meines Mannes, der mir rieth, sobald wie möglich zu Frau von F. überzusiedeln, die in einem reizenden Versteck hinter dem Lincke'schen Bade und der Prießnitz östlich der Antonstadt wohnt. Du mußt Dich des freundlichen Landhauses noch erinnern, das wir eines Nachmittags besuchten, wo wir am Abend mit Vetter Moritz und andern Freunden ein Rendezvous auf dem Waldschlößchen uns zu geben versprochen hatten. Du erinnerst Dich gewiß der Scenerie, wenn Du Dir den großen Garten ins Gedächtniß zurückrufst, der von drei Seiten mit einer hohen Steinmauer eingefaßt war und nach vorn, nach der Zittauer Straße zu, eine eiserne Einfassung hatte. Weist Du noch, wir stiegen, nachdem wir durch eine Thür des Gartens in einen Weinberg gelangt waren, mehrere Terrassen hinan und ruhten oben auf einem von Kirschbäumen bekränzten Plateau, uns an den herrlichen Früchten und der reizenden Aussicht auf Neustadt, die Elbe, die Brühl'sche Terrasse, das Lincke'sche Bad und Siegels Restauration zu unsern Füßen zugleich labend. Hier ist es so ruhig wie in einem Kloster, wenn aus Altstadt nicht Gewehr- oder Kartätschenfeuer herüberschallt; die Kinder spielen in den gelben Sandwegen, das jüngste, der Revolutionär, ist auf den Armen seiner Amme in der Fliederlaube eingeschlafen. Ich sitze im Gartenpavillon, und da ich hier Schreibzeug gefunden, ist mir eingefallen, meine innere Unruhe dadurch zu bewältigen, daß ich an Dich schreibe. Die gute Baronin ist heute, trotzdem daß seit Morgen das Schießen drüben nicht aufhört, zum zweiten mal nach meiner Wohnung gefahren, um für mich und die Kinder das Nöthigste an Kleidungsstücken und Wäsche, die wir bei der Eile vergessen, zu holen. Sie läßt ihren Wagen dann auf dem Lincke'schen Bade, fährt hinüber, nimmt bei Elisensruhe den Wagen des Wirths und fährt durch den Ziegelschlag in die Stadt, dann muß sie aber, da die übrigen Straßen durch Barrikaden versperrt sind, durch die Amaliengasse über den Pirnaischen Platz. in die Schießgasse gelangen, da dicht vor unserm Hause eine Barrikade gebaut ist, welche das Klinische Institut in Verlängerung der Gasse gegen das Zeughaus deckt. Frau von F. ist glücklich von ihrer zweiten Expedition abends angekommen. Tzschirner, Heubner,...[...]

Sonnabend, 5. Mai abends.
Ach, liebe Schwester, welch ein gräßlicher Tag! wie glücklich seid Ihr in Euerer von der Welt abgelegenen Wüstenei! Welche Seelenangst habe ich von früh an ausgestanden! Gestern Abend spät bekamen wir noch Einquartierung, das Füsilierbataillon des preußischen Garderegiments Alexander war eingetroffen und wurde in die Straßen diesseit des Neustädter Kirchhofs bis hinauf in das Waldschlößchen einquartiert. Die Baronin erhielt einen Lieutenant und sechs Mann, anständige Menschen, aber ich hörte eine halbe Compagnie in die Radeberger Gasse hineinziehen, welche sangen: »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!« und sehr betrunken zu sein schienen. Morgen sollen noch viel mehr Preußen kommen. Ach, mein Gott, welches Blut wird da fließen, wie viel unschuldiges! Könnte der König die Reichsverfassung nicht lieber annehmen? Wenn Friedrich Wilhelm die Kaiserkrone nicht annimmt, wird ja doch nichts daraus. Ueber wen kommt das vergossene Blut?! [...]

Sonntag, 6. Mai morgens sechs Uhr.
Seit morgens vier Uhr heulen die Sturmglocken, donnern die Kanonen. O es ist furchtbar! Es war nicht möglich, im Bett zu bleiben. Unsere Einquartierung sind wir los, aber die Communication mit der Altstadt hat gänzlich aufgehört. Die Dienstboten, der Gärtner, die Leute der Nachbarschaft bringen mit den nöthigen Lebensmitteln, die aber, was das Fleisch anbetrifft, schon sparsam zu werden anfangen, stündlich neue Nachrichten. Frankreich soll Preußen den Krieg erklärt haben; eine Reichsarmee sei auf dem Marsche nach Dresden, dreitausend Hanauer seien schon in Tharand, unser alter König in Hannover sei erhängt, das Schloß sei durch Bergleute unterminirt und solle noch heute, spätestens in der Nacht, in die Luft gesprengt werden!   Um zehn Uhr morgens. Ich komme mit der Baronin soeben von dem Kirschenwäldchen, seit sieben Uhr schlagen schwarze Dampfwolken und hohe Feuersäulen über das Schloß und die Schloßkirche empor. Nach dem, was wir durch Gläser oben ermitteln konnten, muß das Prinzenpalais, oder das alte Opernhaus oder ein Theil der Zwingerpavillons brennen. Das Schloß, soweit es der Elbe zugewendet ist, die Schloßkirche und das Theater sind es nicht, diese Gebäude konnten wir deutlich erkennen. Es wird soeben eine Proclamation der Minister Beust und Rabenhorst, welche im Blockhause in Neustadt einquartiert sind, durch das Gartenthor geworfen, in welcher an den Bestand der Regierung des Königs erinnert wird und die Mitglieder der provisorischen Regierung als »Hochverräther« bezeichnet werden. Als wir die Terrasse schon verlassen wollten, sahen wir ein neu angekommenes preußisches Regiment mit fliegenden Fahnen über die Elbbrücke ziehen.  

Montag, 7. Mai abends.
Das Schießen dauert fort, Tag und Nacht. Von Theodor noch immer keine Nachricht. Die Baronin hat sich vergeblich bemüht, im Blockhause Erkundigungen einzuziehen, die Minister wissen selbst nicht, wie es in den Stadttheilen jenseit der Brüderstraße aussieht. Das Opernhaus, das alte, ist abgebrannt, ein Pavillonzwinger brennt noch.   Dienstag, 8. Mai. Der gräßlichste Tag heute! Meine Köchin, die aus Altstadt gebürtig und deren Vater unter der Communalgarde ist, während der Bruder unter dem Turnercorps steht, hatte sich heute Morgen bis zum Japanischen Palais hinabgewagt, um dort vielleicht etwas aus der Stadt zu vernehmen. Sie kam laut heulend zurück, die Dienstboten steckten die Köpfe zusammen, man flüsterte leise. Die Baronin, die noch keinen Augenblick die Ruhe verloren, kam mir ganz verändert vor, ich merkte, man suche mir etwas zu verheimlichen. War meinem Manne ein Unglück widerfahren? Ich drang darauf, daß mir die Wahrheit mitgetheilt, daß mir das Schrecklichste nicht verhehlt werde. Die Baronin kam denn auch endlich damit heraus, daß die Köchin erzählt habe, von einer Bekannten, die es aus dem Garten des Brauhauses in der Neustadt selbst gesehen haben wollte, wie unser guter Herr, mein Theodor nämlich, auf dem neuerbauten Elbbrückenpfeiler von einem preußischen Soldaten mit dem Bajonnet erstochen und in die Elbe geschleudert sei. Ich wußte, daß das nicht wahr sei; in der unendlichen Anspannung, in der sich alle meine Nerven befinden, hätte eine Ahnung mir gesagt, wenn Theodor ein Unglück begegnet wäre. Wie sollte er außerdem durch die Menge der Feinde auf die Elbbrücke kommen? Außerdem halte ich es für unmöglich, daß vom Garten des Brauhauses ab das schärfste Auge einen Menschen, der auf dem vor zwei Jahren neuerbauten Pfeiler steht, erkennen kann. Die Baronin ist ein Engel, sie sorgt für mich und die Kleinen, als wäre ich ihr Kind.   Mittwoch, 9. Mai mittags. Gottlob, der Kampf ist vorbei! Von zwei Uhr nachts begann das Schießen. Die Preußen haben die große Barrikade vor der Wilsdruffer Gasse und den Eingang zum Wilsdruffer Platze erobert, die Barrikadenkämpfer, Bergleute, Turner, die aus andern Orten Zugezogenen, haben sich durch den Freiberger Schlag und auf der Straße nach Chemnitz zurückgezogen. Es sollen unerhörte Grausamkeiten vorgekommen... [...]

Sonnabend, 12. Mai.
Gestern war ich in Altstadt. Welche Verwüstungen! Das alte Opernhaus, zwei Zwingerpavillons, drei Häuser der Zwingerstraße sind gänzlich niedergebrannt. Leerstehende Fensterlöcher, Mauern von Hunderten von Flintenkugeln und Kartätschenkugeln durchlöchert, herausgeschossene Quadern, zerschossene Fenstersäulen, zerschossene Dächer, die Straßen voll Dachziegel, zersplitterte Läden und Magazine, aufgerissenes Pflaster, gefällte Bäume, Reste von Barrikaden, das sind Anblicke, die sich überall darbieten, wo der Kampf wüthete. Auch unsere Wohnung ist stark beschossen und beinahe kein Fenster heil geblieben. Bisher ist es Ibrahim noch nicht möglich gewesen, einen Glaser und andere Arbeiter zur Herstellung aufzutreiben. Sobald reparirt ist, ziehe ich in meine Wohnung zurück, um meinem Manne näher zu sein. Die Juristen miströsten mich, wenn ich mir Hoffnung mache auf Freilassung nach einigen Tagen, – er ist wegen Hochverraths in Untersuchung, und da alles festzustellen, dazu gehörten Wochen und Monate, sagen sie. Morgen soll die Bahn nach Leipzig wieder ihre täglichen Dienste thun, da will ich diesen Brief abschicken, den Du der Mutter mit herzlichen Grüßen nach Eckernhausen überbringen willst. [...]

Waren es denn aber nur einzelne wenige, welche so mit den wieder mächtig gewordenen Regierungen in Conflict geriethen über Principien, welche diese noch vor einem Jahre stillschweigend anerkannten, jetzt aber mit Festung und Zuchthaus bestraften? Nein, es waren Tausende aus allen Gegenden Deutschlands, jugendliche Schwärmer, die noch immer an die Omnipotenz des Frankfurter Parlaments glaubten, die noch immer wähnten, die einzelnen deutschen Fürsten, welche die Reichsverfassung nicht anerkennen wollten, die seien die Hochverräther, und das Volk sei berechtigt und verpflichtet, sie zu zwingen. Tausende und aber Tausende, darunter anerkannt tüchtige Juristen, Richter wie Advocaten, Professoren und Studenten, stützten sich auf den Wortlaut des Bundesbeschlusses vom 30. März in Gemäßheit der Interpretation des Vorparlaments, daß das Parlament einzig und allein befugt sei, die Reichsverfassung zu Stande zu bringen.

Heinrich Oppermann, Hundert Jahre, 8. Buch, 5. Kapitel

1848 nach den Barrikadenkämpfen in Berlin

Wien war erobert, an demselben Tage, an dem die demokratischen Clubs und der Mob Berlins es versuchten, die Constituirende Versammlung in Berlin zu zwingen, den Wienern zu Hülfe zu eilen. Eva hatte anspannen lassen, sie hoffte, ihren Fahnenschwinger wiederzufinden, die Tante und Cousine aus Heustedt waren neugierig, sie hatten noch keine berliner Volksversammlung gesehen. Als man aber auf der Jägerstraße über den Gensdarmenmarkt fahren wollte, fing man an das Wagniß zu bereuen, die Menschenmasse wurde immer größer und dichter, die Art der Menschen nach Anzug und Physiognomie immer abschreckender; wahre Bassermann'sche Gestalten tauchten neben dem Wagen auf und grinsten zähnefletschend durch die Spiegelscheiben der mit der Baronenkrone gezierten Equipage. Als diese im langsamen Schritt so weit vorgefahren war, daß man die Freitreppe des Schauspielhauses und den jetzigen Schillerplatz übersehen konnte, wurde das Gedränge so groß, daß der Kutscher anhalten mußte. Bettina und Sidonie schwebten in tausend Aengsten und verwünschten ihre Neugierde. Eva hatte nur Augen für die Freitreppe, da war ihr Barrikadenheld wieder, die schwarzumflorte schwarz-roth-goldene Fahne in der Hand; neben ihm stand der wohlbekannte große, fette, rothumbartete Volksredner Held und redete mit seiner Riesenlunge und Feuerzunge zu der tobenden Menge, Gehör bittend für ein Mitglied der Deputation des Arbeitervereins aus Wien, welcher die Hülfe der Berliner für die von den Kroaten bedrängte Kaiserstadt erbitten wollte. Karbe, Ottensosser und andere Lieblinge der souveränen Menge standen zur Rechten. Einige Radicale aus der constituirenden Versammlung, D'Ester und andere, hielten sich mehr im Hintergrunde, gleichsam, als schämten sie sich der Gemeinschaft mit den vorn auf der Freitreppe Stehenden. Von dem, was Held sprach, konnte man im Wagen nichts verstehen, bei jedem Schlagworte aber erscholl ein Hurrah oder Bravo, das die Fenster des Schauspielhauses erschütterte. Die Rede war zu Ende, das Volk kam in Bewegung, es sehnte sich nach »Thaten«, zu welchen der Redner aufgefordert hatte. »Hier ist Gelegenheit!« schrie ein kleiner schiefer Kerl und schlug mit einem dicken Prügel in die Fenster der Equipage, sodaß Eva, welche dem Fenster am nächsten saß und nach ihrem Ideal mit dem schwarz-roth-goldenen Banner starrte, von Glassplittern überschüttet wurde und mehrere Wunden ins Gesicht bekam, »hier ist Aristokratenbrut, hängt sie!«
Eine Abtheilung Bürgerwehr, die neben der Freitreppe stand, da, wo an Markttagen Strohmatten, Holzwaaren u. dgl. zum Verkaufe ausgestellt zu sein pflegen, versuchte nach der Equipage vorzudringen. Allein die Menge warf sich nun gegen sie, dadurch bekamen die Pferde etwas Luft. Als das Proletariat nach Westen drängte, sah der Kutscher von seinem hohen Bocke, daß die Räume vor ihm nach der Markgrafenstraße zu von unbewaffneten Maschinenbauern eingenommen waren, unter denen er seinen Bruder, einen Cyklopen von hervorragender Größe und vielem Einfluß bei den Genossen, erkannte. Er rief diesem zu und bat um Platz, gleichzeitig ließ er die Pferde anspringen und beseitigte dadurch noch ein paar Dutzend Proletarier, welche den Wagen von den Maschinenbauern trennten. Letztere theilten sich und ließen den Durchpaß nach der Markgrafenstraße frei; waren sie doch überhaupt nur erschienen, um, wo nöthig, eine Art Vermittlerrolle zwischen Bürgergarde und Arbeitern zu spielen. Die Insassen des Wagens athmeten erst auf, als dieser um die Hedwigskirche und neben dem Opernhause den Linden zufuhr. [...]


Der Tag, von dem wir sprachen, war der 31. October, ein Dienstag, – die Constituirende hatte an diesem Tage unter Zustimmung Pfuel's den Adel wie die Orden und Ehrenzeichen abgeschafft; – man hielt einen Demokratencongreß ab, in dem man in Fractur sprach; in der Abendsitzung der Constituirenden, die bis zur Nacht dauerte, wurde die Unterstützung Wiens durch Vermittlung der selbst machtlosen Centralgewalt beschlossen, – für Waldeck gab es damals kein Deutschland ohne Oesterreich; am 1. November gab von Pfuel den Vorsitz im Cabinet und das Portefeuille des Krieges auf, der König nahm das an und berief den Grafen Brandenburg zur Bildung eines neuen Ministeriums; am folgenden Tage beschloß die Constituirende eine Deputation von fünfundzwanzig Mitgliedern an den in Sanssouci weilenden König und eine Adresse mit der Bitte um ein volksthümliches Ministerium. Der Minister »der bewaffneten Reaction« suchte Zuflucht in Jung's Wohnung, der diesen Namen erfand. – Bei der Audienz am 3. November spricht Jacoby, sich die Rolle des Präsidenten anmaßend, zum Könige: »Es ist das Unglück der Könige (und die Ursache ihres Falles?), daß sie die Wahrheit nicht hören wollen.« Die Hoffnungen auf ein Ministerium Rodbertus, von Unruh, Harkort, von Berg erweisen sich vergeblich. Am 6. November geht Bassermann als Reichscommissar nach Berlin. – Am 9. wird Robert Blum in Wien standrechtlich erschossen. Die Constituirende wird vertagt und nach Brandenburg verlegt.
Die Majorität erklärt sich für permanent. Die Linke erklärt in Aufrufen an das Volk das Vaterland in Gefahr, die Rechte scheidet aus.
Am 10. November rückt Wrangel mit zwanzigtausend Mann in Berlin ein; Truppen besetzen in der Nacht den Concertsaal. Den folgenden Tag setzt die Linke unter dem Präsidenten von Unruh ihre Sitzungen im Hotel-de-Russie, nachmittags im Schützenhause fort.
Man fürchtet in Berlin jeden Augenblick den Ausbruch eines neuen Barrikadenkampfes. Die Bürgerwehr wird aufgelöst. Am 12. November: Berlin wird in Belagerungszustand erklärt; 13. November: der Rest der Constituirenden Versammlung erklärt das Ministerium des Hochverrats schuldig und wird aus dem Schützenhause durch Wrangel vertrieben – »gegen Demokraten helfen nur Soldaten«; constituirt sich am folgenden Tage noch einmal im Hotel Milenz und decretirt die Steuerverweigerung; 20. November: die Nationalversammlung in Frankfurt erklärt diese für ungültig; 28. November: die Constituirende Versammlung in Brandenburg wird eröffnet.


Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 1. Kapitel

In der Paulskirchenversammlung


Bruno war in dem Wahlkreise seines Wohnorts zum Mitgliede des deutschen Parlaments gewählt worden. Er reiste mit einem eigentümlichen Gefühle von Spannung und Erwartung, halb voll Vertrauen und Zuversicht auf sich und die Zukunft, halb voll bescheidener Zweifel an seinem eigenen Wissen und Können, um die Mitte Mai über Köln nach Frankfurt. Wie viele seiner verehrten Lehrer sollte er dort sehen, wie viele Verwandte und Freunde, Gesinnungsgenossen und literarische Mitkämpfer, die er nur durch Briefwechsel kannte! Da war Albrecht, da war Dahlmann, seine Lehrer des Maßes und der Mäßigung in der Politik, Jakob Grimm, Gervinus. Dort traf er seinen Oheim Gottfried Schulz, seinen Lehrer der Philosophie, – wie er zu der Amnestie desselben mitgewirkt, so hatte er nicht wenig gethan, um das Andenken an seine siebzehnjährige Verbannung aufzufrischen, und er war die hauptsächlichste Veranlassung, daß man ihn in einem vaterländischen Wählkreise zum Deputirten ernannte. Bruno hatte ihn nur kurze Zeit in Hannover gesehen; ehe er Weib und Kind nach Deutschland brachte, wollte der junge Gelehrte sich die Zustände in seinem Vaterlande selbst anschauen. [...]

Bis zum 18. Mai sammelte sich die größere Mehrzahl der Abgeordneten – die Oesterreicher waren zum größern Theile noch zurück. Welches Chaos das! Die verschiedenartigsten Wünsche, Vorstellungen, Richtungen, in Beziehung auf das Ziel, ein noch größeres Auseinandergehen in den Mitteln und Wegen. Hier Kirchthurmsinteressen und beschränkte Ansichten, dort titanenhafte Weltumgestaltungsträume. Hier eine Masse Unklarer, Ueberspannter, aber Gutmeinender; dort eine Menge mit klarem, aber verheimlichtem Ziele, dem der Republik, daneben eine große Zahl solcher, die sich selbst conservativ nannten, von ihren Gegnern aber als reactionär bezeichnet wurden. Man hatte sich schon im Vorparlament in Anarchisten und Reactionäre, wie man sich gegenseitig kennzeichnete, getrennt, – jede Partei suchte die Neuangekommenen zu sich heranzuziehen. Die Misregierung der verflossenen Jahrzehnte rächte sich hier. Da kamen aus allen Winkeln und Ecken Deutschlands Männer, die in kleinen Orten jahrzehntelang geduckt und gedrückt gesessen, die gegen bureaukratischen Machtmisbrauch, gegen exemtionssüchtigen Feudalismus, gegen Ueberhebung des Adels gekämpft und gestritten und dafür auf die eine oder andere Weise gelitten hatten und zurückgesetzt waren, Männer, die auf ihr vergangenes Leben stolz sein konnten, die aber Vergrollung, Bitterkeit und Haß im Herzen trugen, und die hier nun wieder, wie sie glaubten, eine Menge von Verräthern und Reactionären die geschäftige Rolle der Contrerevolutionäre spielen sahen. Und dieses Chaos war sich selbst überlassen, ohne Vorlage, ohne Staatenhaus, ohne Leiter; man kannte sich zum größern Theil nicht; wo man sich kannte, mied oder haßte man sich; die verschiedenen Stämme brachten verschiedene Grundansichten mit, die Süddeutschen waren durchweg Republikaner, die Norddeutschen waren die Verständigern, Gemäßigtern, Wohlmeinenden, Constitutionellen, aus denen sich der Stamm der Linken und der Rechten bildete.
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 7. Buch, 8. Kapitel

Die Gesellschaft der Ungeschlossenen in Heustedt

Unser Freund [Bruno Baumann, das alter ego Heinrich Oppermanns] hatte mit Hülfe des Assessors Kloppmeier, des Wasserbauinspectors und eines nach Heustedt versetzten Auditors, aus einer altadelichen Familie von großem Einflusse, der in Heidelberg und Berlin sich über die Lebensanschauungen des Adels und der hannoverischen Bureaukratenkreise emporgeschwungen, mancherlei Aenderungen in dem gesellschaftlichen Leben der kleinen Stadt durchzusetzen gewußt, die, so gering sie an sich schienen, doch nicht ohne Einfluß auf das Ganze blieben. So war im Herrenclub eine radicale Oppositionszeitung angeschafft, und eine große Anzahl Leute, die nie eine andere als die Regierungszeitung gelesen, bekamen nun einmal die Dinge auch von der Kehrseite zu sehen. Es war ein vom Herrenclub gänzlich unabhängiger Journallesecirkel ins Leben gerufen, wodurch ermöglicht war, daß drei oder vier Familien, welche der ersten Gesellschaft nicht angehörten, darunter Hirschsohn's, von diesem Institute Gebrauch machen konnten. Man hatte einen Buchbinder veranlaßt, eine Leihbibliothek einzurichten, und Bruno traf durch seine Verbindungen in Leipzig nicht nur eine passende Auswahl, sondern hatte auch erwirkt, daß vorerst nur ein Drittel des Preises baar bezahlt zu werden brauchte. Endlich hatte man erreicht, auch ein Glas Bier trinken zu können. Als Bruno im Jahre zuvor nach Heustedt gekommen und auf dem Keller ein Glas »Bairisch« gefordert, erwiderte Hochmeier beinahe grob: »Herr Doctor, im Rathskeller ist außer in der Kutscherstube noch nie ein Glas Bier getrunken, und so Gott will, wird das, solange ich das Leben behalte, so bleiben; drei Häuser in der Schloßstraße hinab können Sie bei dem Kneipwirth Waldmeier vielleicht Ihren Durst in Bier befriedigen.« – Waldmeier hatte eine große Ausspannwirthschaft für Bauern, aber auch zwei große Säle, wo Bürgerbälle stattfanden und im Jahrmarkt die Bauern tanzten; unter diesen Tanzsälen waren ausgedehnte Räume, die in gewöhnlichen Zeiten nicht gebraucht wurden. Als nun der neue Auditor gekommen war, er hatte in Heidelberg das Biertrinken gelernt, und kein Bier fand, raisonnirte er eines Tages nach aufgehobenem Mittagsmahle in burschikoser Weise über diesen Mangel. Hochmeier antwortete höhnisch: »Herr Baron, ich habe schon früher dem Dr. Baumann gesagt, daß bei meinem Nachbar Bier zu finden ist.« Diese freche Antwort des Wirths misfiel sämmtlichen Tischgenossen, denen die cordiale Vertraulichkeit, womit sich derselbe zu der Gesellschaft gestellt hatte, längst unangenehm gewesen war. Man pflegte nach Tisch im Clubzimmer Billard zu spielen und Kaffee zu trinken, und hier verabredete man, bei dem Wirth Zum Elefanten, Waldmeier, einige Zimmer zu miethen und denselben zu veranlassen, kasseler und bairisch Bier kommen zu lassen. Man wollte dann dreimal wöchentlich am Abend zusammenkommen, um unter dem Namen der »Ungeschlossenen« sich zu unterhalten, zu politisiren, zu philosophiren, zu singen und commersiren, wenn man guten Stoff habe. Die Statuten der Gesellschaft sollten in dem einen Paragraphen zusammengefaßt werden: »Karten werden hier nicht gespielt.« Da Waldmeier gutes Bier nicht vorräthig hatte, so beschloß man, die Ungeschlossenen mit einem solennen Abendessen, bei dem Wein getrunken werden sollte, zu eröffnen, und dazu Sonnabend zu wählen, wo der Rathskellerwirth, wie man wußte, ein Fischessen vorbereitete. Jeder lud dazu ein oder zwei Gäste ein, oder beredete nähere Gesinnungsgenossen als künftige Ungeschlossene teilzunehmen. Baumann, Kloppmeier und der neue Auditor, den wir Baron Franz nennen wollen, übernahmen es, die nöthigen Einrichtungen zu treffen. Waldmeier war ein einsichtsvoller, thätiger, bescheidener Mann, der sich vom Hausknecht in einer Wirthschaft in Bremen zum Eigenthümer des Elefanten in Heustedt emporgeschwungen und dem Bärenwirthe in der Weststadt schon manchen Stammgast abtrünnig gemacht hatte, weil alles, was er den Gästen reichte, gut, sauber und wohlschmeckend war. [...]

Es war herkömmlich, daß der Präsident des Herrenclubs die Woche vor Himmelfahrt ein Circular herumsendete, in welchem die Familien Heustedts bemerkten, mit wie viel Personen sie theilnehmen wollten, welche Speisen und Getränke sie zu dem gemeinsamen Pickenick mitbrächten, ob sie mit eigener Equipage führen oder darauf rechneten, auf einem der von der Gesellschaft beschafften großen Ackerwagen mit Stroh- oder Bretersitzen Platz zu finden. Nun war in diesem Jahre durch den Pastor, bei welchem die älteste Claasing'sche Tochter in Pension war, eine Frage aufgeworfen, welche die gesammte Gesellschaft, namentlich die weibliche, aufregte. Claasings gehörten selbstverständlich »zur Gesellschaft«, man mußte also die beiden Töchter zu der Fahrt einladen; von diesen war aber Auguste im Hause des Bankiers zum Besuch, nicht in Pension, man konnte sie anständigerweise nicht einladen, ohne zugleich Hirschsohns einzuladen. Allein, eine Judenfamilie zur Gesellschaft zu ziehen, wie wäre das möglich gewesen? Der Pastor ersann den Ausweg, daß er Auguste mitnehme, allein diese erklärte: sie ginge nicht ohne Hirschsohns, die sie so freundlich aufgenommen, während Minna Claasing dabei beharrte, ohne Theilnahme ihrer Schwester mache sie die Partie nicht mit. Das war nun vor allem dem Assessor unlieb, den Bruno bei Claasings eingeführt hatte, er war ernstlich verliebt in Minna und ihr Geld; auch der Baron Franz, der Sidonie nur am Fenster hatte sitzen sehen, aber von ihrem Glutauge entzückt war, fing an sich dafür zu interessiren, daß Hirschsohns eine Einladung bekämen. Er zog die Baronin Bardenfleth ins Complot und beredete sie, dem Clubpräsidenten, der ein Anbeter von ihr war und ihr nichts übel nahm, gleichsam aus Spaß mit dem Circular wegen der Himmelfahrtspartie zuvorzukommen und dieses, als verstehe es sich von selbst, auch zu dem Bankier zu senden. So geschah es. Da gab es denn viel Nasenrümpfen, viel Gerede von Anmaßung, namentlich waren alle Mütter mit ältern Töchtern unglücklich, die schönen Jüdinnen würden ihren Herzenspüppchen die wenigen Tänzer, die ihnen bis dahin geblieben, abspenstig machen. Der Drost ließ anfangs sogar seinen Namen wieder streichen »dringender Geschäfte halber« –, als er aber bedachte, wie oft ihn der reiche Jude aus Geldverlegenheiten errettet, und daß er denselben nächstens wieder werde gebrauchen müssen, besann er sich eines bessern und unterschrieb von neuem. Baumann war auf eine Ueberraschung bedacht; er ritt oft nach der Wüstenei, um den alten Meyer über die Abwesenheit des Enkels zu trösten und veranlaßte diesen, das königliche Amt und, durch die Baronin von Bardenfleth, die ganze Himmelfahrtsgesellschaft einzuladen, bei ihm ein Frühstück bei dieser Gelegenheit einzunehmen. Der nächste Weg zur Kirnburg ging nämlich über Kirnberg und die Wüstenei. Die Einladung ward angenommen. Hatte man bisher die Erzählungen Baumann's von der Wüstenei für Uebertreibung gehalten, so überzeugte man sich jetzt, daß sie wie ein Paradies in der Heide sei, und der Drost, dem das Frühstück außerordentlich gemundet, drückte dem alten Bauer einmal über das andere die Hand und versicherte, er werde gleich morgen an die Landdrostei berichten, welche Verdienste er sich durch die Urbarmachung so großer Ländereien erworben habe. Man ordnete das Zusammensitzen in den verschiedenen Wagen, bei dem bis dahin das Früher- oder Späterkommen vor dem Rathskeller den Ausschlag gegeben, jetzt mehr nach Beziehungen, Neigungen, Coterien. Die jüngere Welt, welche bis dahin in Equipagen bei Aeltern oder Tanten gesessen, nahm die Plätze auf den Leiterwagen ein, wo man möglichst bunte Reihe machte; ältere Herren und Damen wurden dagegen in die Equipagen gebracht. Auch Paulinchen, die Braut, und Auguste Claasing verließen den Hirschsohn'schen Wagen und räumten ihre Plätze dem Baron Franz und Bruno ein, um auf dem lustigern Leiterwagen Platz zu nehmen. Das war denn ein so vergnügter Himmelfahrtstag, wie ihn die jungen Schönen noch niemals erlebt hatten,
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 7.Buch, 5. Kapitel

21 Januar 2013

Als Rechtsanwalt in einer Kleinstadt des frühen 19. Jh.


Bruno Baumann kommt nach Heustedt

Es war schon October, als er in Heustedt eintraf. Wir haben das Städtchen seit etwa dreißig Jahren aus den Augen verloren. Aeußerlich war es das alte. Wenige Neubauten waren vorgenommen, der linke Flügel des Schlosses und der Fontainenthurm waren neu aufgebaut, die Nebengebäude gegen 1813 vergrößert, die Büse'sche Zuckerfabrik hatte zu existiren aufgehört. Auch der chinesische Pavillon hatte ein anderes Ansehen erhalten, er hatte auf der Westseite zwei den Fenstern auf der Ostseite entsprechende Fenster bekommen und war von dem vordern chinesischen Zimmer nicht mehr durch eine eiserne Fallthür, sondern durch eine reiche rothsammtene Portière getrennt. [...]
Mit seiner Ernennung zum Advocaten war an den Drosten von G. ein vertrauliches Postscriptum gekommen, dem Sinne nach des Inhalts: Candidat Baumann sei ein vorlauter, gefährlicher Mensch, Literat und Gazzettist, der in Heustedt unschädlich gemacht werden müsse. Derselbe habe sich in Göttingen in die Verhältnisse des Staats, der Universität und des Gemeindelebens in dreister Art eingemischt, öffentliche Verleumdungen angesehener Männer in auswärtigen Journalen nicht gescheut, das System der Regierung verdächtigt, sodaß Universität und Magistrat auf seine Entfernung gedrungen hätten. Man vertraue der Umsicht und Gewandtheit des Herrn Drosten, daß er dem jungen Manne dort Zügel anlegen werde, wozu kein Ort geeigneter sei als Heustedt, das sich durch seine Loyalität während der Verfassungswirren rühmlichst ausgezeichnet habe und durch den Kern seiner Bevölkerung gegen Ansteckung gesichert sei. [...]
Er verlangte nach Processen, aber die Bauern kamen nicht. Er hatte sich von dem ältesten seiner Collegen, dem Advocaten Bardeleben, Acten ausgebeten, um das dortige Meierrecht zu studiren, das ihm unbekannt war, da es mehr auf Gewohnheit als auf geschriebenem Rechte beruhte. Unter diesen Acten befand sich auch der Dummeier'sche Proceß gegen Claasing, den Katharina nach dem Tode ihres Hans Dummeier angestrengt hatte. Der Proceß hatte sich bis über die Mitte der zwanziger Jahre hingeschleppt und war erst dann vom höchsten Gerichtshofe entschieden. Die Klage war in angebrachter Maße abgewiesen, konnte also jederzeit wieder aufgenommen werden.[...]
»Was nun das hiesige gesellschaftliche Leben anbetrifft, so habe ich mich der Sitte und dem Brauche unterwerfen müssen, so schwer es mir auch angekommen ist. Aber man gewöhnt sich an alles. Ich spiele hier, trotz eines Pastors, mindestens ein um den andern Tag mein L'Hombre oder Whist auf dem Club, freilich mit allem Pech, weil ich mit Unaufmerksamkeit spiele. Aber ich fühle, daß das eine geistige Abspannung ist, die mir wohlthut; wenn ich abends nach Hause komme und mich zwei Stunden an die Arbeit setze, beschicke ich mehr als früher in fünf Stunden. »Auch der Geist verlangt nach Abwechselung. Meine Praxis ist im Zunehmen, und ich habe einige recht interessante Processe, die schon in höhern Instanzen schweben. »Du willst ein Bild der hiesigen Gesellschaft; nun wohl, wenn es Dich interessirt, will ich eine Reihe von Personen Dir vorführen. Der Allmächtigste und Gefürchtetste hier ist Graf Schlottheim, erster Kammerherr bei Sr. Majestät Ernst August, der mit Schele seit 1837 Politik gemacht hat. Ich kenne ihn noch nicht persönlich, da er während meiner Anwesenheit Heustedt noch nicht die Ehre seines Besuchs gegönnt hat; wenn er aber seinem jüngsten Bruder ähnlich ist, den ich in Göttingen kannte, so wird er mich schwerlich je in seinem Schlosse sehen. Du erinnerst Dich vom Jahre siebenunddreißig her noch des langaufgeschossenen Vandalen, der mit Oerzen, Malzahn und andern mecklenburger Junkern herumkneipte und von Dahlmann das Honorar für die nicht beendete Vorlesung durch den Stiefelwuchs zurückfordern ließ. Als ich die Sache zu Hause erzählte, ließen es sich die Füchse nicht nehmen, dem Herrn Grafen einen dummen Jungen aufzubrummen, und mein Freund Grant, der Amerikaner, hat ihn durch einen Säbelhieb auf immer gezeichnet. Der Jüngere, der Kammerherr, wird nicht besser sein. Er kommt indeß nur in der Frühlingszeit und im Herbst zur Jagd. »Dann sollte der Drost von G. eigentlich die erste Geige spielen. Ehe ich hierher kam, hatte ich aus den Verhandlungen der Ersten Kammer über das Staatsgrund- und die Ablösungsgesetze mir von ihm das Bild eines Aristokraten vom reinsten Wasser entworfen. Seitdem ich hier bin, habe ich mich überzeugt, daß er vom Aristokraten nichts hat, auch kein Gut und Geld, daß er ein ganz gewöhnlicher Bureaukrat ist, nur in der Rede und mit der Feder gewandter, als es in der Regel seine Collegen sind. Seine politischen Floskeln hat er aus Haller und dem »Politischen Wochenblatt«, von Volkswirthschaft hat er keinen Begriff, aber er ist sich bewußt, von anderm Stoffe zu sein als wir. Hier hat er sein Ansehen durch kleine Fingerkunststückchen beim Spiel, durch Schwatzhaftigkeit, Unzuverlässigkeit, fortwährende Verbindlichkeiten gegen Geldjuden eingebüßt. Seine fünf Töchter sind eine noch blonder als die andere, die jüngste nicht unschön, aber sie ist mit ihren langen Locken so schmachtend, daß man Mitleid mit ihr haben könnte. [...]
»Es freut unsereinen aber doch, wenn er unter tausend Larven ein verständiges, fühlendes Herz für die Zukunft findet. Die Abwesenheit aller Kenntniß der Dichter und Literaten, welche mit uns an der Umgestaltung der Zeit arbeiten, in den ersten Gesellschaftskreisen hat mich im Anfange sehr niedergeschlagen. »Hier in der Familie eines jüdischen Handelsmanns finde ich zuerst ein gediegenes Verständniß meiner eigenen Bestrebungen auf jenem Felde. Meyer Moses Hirschsohn, obgleich ihm bei der nächsten Geburtstagsfeier Ernst August's der Commerzienrath nicht entgehen wird, gehört noch nicht zu der »Gesellschaft«. Unser Landadel ist bisjetzt nicht zu der Stufe der in andern Ländern vorherrschenden Bildung gekommen, daß die Verbindung mit einer reichen Jüdin ihn nicht schände, und unsere Bureaukratie pflegt den Judenhaß. [...]
Bruno hatte auch bei der unvermeidlichen Nachkneiperei der Herren nicht gefehlt, es war aber über seine Lippe keine Médisance gekommen, und diese bildeten doch eigentlich die Würze einer solchen Nachsession. Am andern Tage wurde seine »Philosophie der Geschichte« um keinen Paragraphen reicher. So kamen Weihnachten und der Sylvesterball. In der Tischgenossenschaft war ein Wechsel eingetreten, einer der Supernumerarassessoren, nicht der älteste, war als dritter Beamter an ein anderes Amt versetzt, die beiden [...]
Nun, es war wahr, die Stellung einer gebildeten Jüdin in solch einem kleinen Orte war äußerst ungünstig. Was half ihr aller Reichthum des Mannes? sie stand isolirt da, ohne allen Umgang, lediglich angewiesen auf sich selbst und ihre Familie. Die Frauen der »Gesellschaft«, das heißt alle, welche zu den Casinobällen Zutritt hatten, hielten sich fern, die andern Judenfrauen der Stadt standen an Bildung weit unter ihr.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 7. Buch, 1. Kapitel

04 Januar 2013

Wen will Oppermann mit seinem Text ansprechen?


Inzwischen bin ich wohl eine Erklärung schuldig bin, weshalb ich ständig aus Heinrich Oppermann "Hundert Jahre" Zitate einstelle und nie erkläre, wie die Handlung verläuft.
Ich versuche immer noch, mir klar zu machen, was denn der Handlungsverlauf ist. Denn er ist so verschlungen und es tauchen so viele Personen auf, dass ich immer noch keinen Überblick gewonnen habe. Da ich das Buch mit einem E-Reader lese, weiß ich nicht, wie viele Seiten ich bisher gelesen habe. Erst vor kurzem habe ich herausgefunden, dass der Text neun Bände umfasst. Wir sind jetzt im Band sieben und Oppermann erklärt, worauf es ihm bei diesem Text ankommt.
"Wer die Poesie der Weltgeschichte in dem Umschwunge nicht erkennt, daß der Freund und Rathgeber Baumann's, der kleine, verkrüppelte Advocat Detmold, jüdischer Abkunft, der 1840 in Hannover confinirt war, der keinen Schritt und Tritt thun durfte, ohne von Gensdarmen begleitet zu sein, der in seinen Kindermärchen den König als einen Kater darstellte, welcher die Mäuschen zum Frühstück verspeise, und den Hannoveraner-Mäuschen die Lehre gab: daß niemand gefressen wird, der sich nicht fressen lassen will – daß dieser Mann Reichsminister wurde und nach Wiederauflebung des Bundestags Bundestagsgesandter Ernst August's, wie er, angeblich gegen den Willen des Ministeriums, aber mit Willen des Königs, den Austritt aus dem Dreikönigsbündniß und den Beschluß des Bundestags vom 23. August 1850 beförderte, und dadurch den zweiten Schritt that, den Untergang Hannovers anzubahnen – für den sind diese Zeilen nicht geschrieben. Wer aus einem Roman lieber erfahren will, ob Wilhelm seine erstgeliebte Luise zur Frau, oder Melitta ihren Gardekapitän zum Manne bekommt, oder wie Ottilie dazu gekommen, dem einst geliebten Gatten untreu zu werden, wer das lieber will als einen Einblick gewinnen, wie es geschehen konnte, daß eine Dynastie, die über achthundert Jahre im niedersächsischen Boden gewurzelt, depossedirt werden konnte, und wie ein Königreich von beinahe zwei Millionen von der Landkarte verschwand, der lasse die folgenden Blätter ungelesen. Denn schildern diese auch Leben und Treiben, Freuden und Leiden der Kinder und Enkel unserer bisherigen Helden, so bedingte eben der Charakter der Zeit, wie der Charakter dieser Helden, daß die Lebensschicksale derselben zum großen Theile durch die Tagesereignisse bestimmt wurden."
Heinrich Oppermann "Hundert Jahre", 7. Buch, 6. Kapitel 

Zur Bedeutung des Protestes der Göttinger Sieben

"Die jüngere Generation, welche die Weltumwälzung von 1848 erlebt und den Krieg von 1866, ist gewohnt, auf die That eines solchen Protestes geringschätzend hinzublicken. Ja, der Glorienschein ist abgeblaßt, ein Fähnrich oder Hauptmann, der bei Königgrätz verwundet davonkam, glaubt sich ein Held gegen solches »Federvieh«, wie es an der Tafel des königlichen Vetters in Berlin Ernst August nannte, das es auch nach 1848 zu weiter nichts gebracht habe, als zu der Professoren-Kurfürstenschaft in Frankfurt. Allein ein zeitgenössischer Dichter, Literarhistoriker und preußischer Geschichtschreiber würdigte die That doch gerechter, indem er auf die sittlichen Momente hinwies: »Eid, Meineid, Treue, Treubruch, Ehrlichkeit, Verrath, das waren keine politischen Spitzfindigkeiten, das waren sittliche Conflicte, deren Bedeutung jedermann erkannte. Es handelte sich darum, ob unter irgendeiner Verfassung irgendeine königliche Ordonnanz die ewigen Grundfesten der Sittlichkeit und Wahrheit mit einem brutalen Quos ego erschüttern konnte«, sagte Robert Prutz. Und diese Wahrheiten, die man noch heute verachtet, kann auch das Jahr 1866 und die folgenden sich gesagt sein lassen; es ist die alte Speise, woran die Menschheit seit Jahrhunderten kaut: Recht oder Gewalt! Wahrheit oder Lüge! Redlichkeit oder List.
Der Protest und die brutale Gewalt, welche Ernst August, der erste Welfe, der wieder ein Königreich Hannover als selbständiges »Mittelreich« beherrschte, den Sieben anthat, haben Deutschland durch und durch erschüttert und nicht wenig beigetragen zu dem Untergange der Welfendynastie; sie haben in Preußen zuerst den Drang nach der in schweren Zeiten zugesagten Verfassung wieder wach gerufen, sie sind über die Donau hinübergedrungen, bis in die höhern Lebenskreise der lebenslustigen Kaiserstadt, sie haben wieder an die Zusammengehörigkeit der deutschen Stämme gemahnt, an den Gedanken, daß das deutsche Volk sich gemeinsam solcher Männer wie der Sieben annehmen müsse gegen den Despotismus eines einzelnen. Die deutsche Wissenschaft hat durch die würdigsten ihrer Repräsentanten den augenscheinlichen Beweis geliefert, daß sie nicht feil sei wie eine berliner H—, obwol das Ernst August an königlicher Tafel in Berlin in Gegenwart eines der ausgezeichnetsten Repräsentanten der Wissenschaft zu behaupten gewagt hatte, und es mußte in Berlin danach sein, um solches an solcher Stelle sagen zu dürfen.
Ohne den Verfassungsbruch in Hannover mit allen seinen Folgen, namentlich der allgemeinen Verachtung des Bundestags, würde es 1848 nimmer zu einem Vorparlament und Parlament in Frankfurt, nicht zu der Kaiserspitze und 1866 nicht zu der Schlacht von Sadowa gekommen sein."
Heinrich Oppermann "Hundert Jahre", 7. Buch, 6. Kapitel 

01 Januar 2013

Tübingens Geschenk an Frankreich: Karl Friedrich Reinhard

"Reinhard war und blieb bis an sein Lebensende auch als Pair von Frankreich ein guter Deutscher, und war noch im hohen Alter, als ich ihn zuerst und zuletzt sah, bei dem Jubiläum der Georgia Augusta im Jahre 1837, ein schöner Mann, der, wenn er mit Alexander von Humboldt auf dem Altane des Dietrich'schen Hauses, meiner Wohnung gegenüber, stand, meine Aufmerksamkeit mehr fesselte als die bunten Züge der Studirenden, die den beiden Greisen Vivat zurufend und die Fahnen schwenkend vorbeizogen. Reinhard war es, der die erste Liebe Bollmann's, das gebildetste Mädchens Deutschlands, wie dieser sie nannte, die Tochter von Reimarus heirathete, während er als Resident bei den Hansestädten accreditirt war, und zur Zeit, wo Bollmann in Amerika eine Heimat suchte, hatte er seine junge Frau als Gesandtin nach Florenz geführt. Allein das neidische Schicksal raffte sie bald von seiner Seite, wie er, auf kurze Zeit, Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Paris war. [...] Nach damaliger Sitte theilte Boisserée dem Freunde Reinhard die Briefe, welche er von Friedrich Schlegel und Dorothea Schlegel und andern berühmten Leuten erhielt, mit, und diese wurden dann an Theeabenden vorgelesen, und man gewann so Einsicht in Gemüthsstimmungen, Lebensanschauungen, innere und äußere Wandlungen bedeutender Menschen, die wieder Gelegenheit zu interessanten Unterhaltungen gaben."
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre

30 Dezember 2012

100 Jahre Universität Göttingen: Das Fest der Bürger

"In der Voraussicht, daß die Einladungen zum Banket des Königs nur wenige Frauen und Töchter aus dem Bürgerstande treffen würden, welche seit Wochen thätig gewesen waren, für den Schmuck der Stadt an diesen Festtagen zu arbeiten, hatte ein Comité jüngerer Leute, zu dem der Candidat der Advocatur, Bruno Baumann, gehörte, einen Subscriptionsball veranstaltet, der in denselben Räumen wie der Königsball stattfinden sollte. Die Unternehmer hatten mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen, mit der akademischen Bureaukratie, welche ihre paar Sessel und andere Utensilien nicht dem profanen Publikum überlassen wollte, mit der Polizei, welche eine Menge unnützer Präventivmaßregeln zu treffen sich verpflichtet glaubte, mit dem Stallmeister Ayerer, welcher die »Boutike« von seiner offenen Reitbahn so früh wie möglich entfernt und den Tanzsalon in den Winterreitsaal verwandelt zu sehen wünschte. Als alle diese Dinge überwunden waren, hatte der Magistratsdirector Ebel die Herablassung, sich und noch ein Magistratsmitglied an die Spitze des Comité stellen zu lassen und der Sache den Charakter einer von der Stadt gegebenen Festlichkeit zu vindiciren. Die jungen Unternehmer übersahen die Tragweite einer solchen Aenderung, sie sollten aber schon nach wenigen Stunden die Bedeutung fühlen. Der Subscriptionsball sollte um acht Uhr seinen Anfang nehmen. Da zu dem gestrigen Königsballe eine einfache Pastorentochter gar nicht, noch weniger eine sonstige »Landviole« eine Einladung bekommen hatte, so war der Zudrang zur Subscription noch am Tage des Balles selbst ungemein groß. [...]
Der Beginn des Balles war auf acht Uhr bestimmt, um zehn Uhr sollte soupirt werden, allein eine Menge tanzlustiger Damen hatte sich schon eine halbe Stunde vor dieser Zeit eingefunden, um einen passenden Platz zu finden, oder weil man es mit den Freundinnen verabredet hatte. Auch die jungen Herren, die damals noch nicht so tanzfaul waren wie heute, waren Schlag acht Uhr sämmtlich am Platze. Man hatte zwar nicht, wie am gestrigen Tage, zwei Musikcorps, sondern nur den Stadtmusikus, verstärkt durch einige Violinen und Clarinetten des mündener Jägercorps, dagegen aber hatte man die ganze große Reitbahn als einen Tanzsalon, und wer diesen durchwalzte, der hatte etwas Tüchtiges geleistet. Nun schlug es acht Uhr, schlug acht ein Viertel, ein Halb, das Tanzcomité war vollständig versammelt, bis auf den einen, den Chef der Stadt, den Würdenträger des Subscriptionsballes.
Endlich gegen drei Viertel acht Uhr erschien er in der vollen Würde seines Amtes, aber ohne seine Damen, die noch eine halbe Stunde auf sich warten ließen. Das galt für vornehm. Wie lang den jungen tanzlustigen Leuten die Stunde von acht bis neun wurde, ist unmöglich zu beschreiben. Die tanzlustigen Damen versuchten auf alle mögliche Weise das Tanzcomité zu veranlassen, den Tanz beginnen zu lassen, und die »Aufforderung zum Tanz« von Weber, die man zu Vertreibung der Zeit aufspielen ließ, dämpfte das Feuer nicht, sondern verstärkte es.
»Dreihundert oder vierhundert Mann können doch unmöglich darauf warten«, hieß es, »bis es der Magistratsdirectorin und ihren beiden Fräulein Töchtern gefällt, mit ihrer Toilette fertig zu werden?« Auch außerdem versprach es langweilig, steif zu werden. Die beiden Geschlechter saßen oder standen bis auf wenige Ausnahmen getrennt; die Damen auf den etwas erhöhten Tribünen hatten schon von vornherein angefangen, sich nach Ständen zu sondern. Den Platz unter dem Orchester hatten die Magistratsdamen eingenommen, daneben hatten sich die Frauen der königlichen Beamten, die sich höher dünkten, besonders gruppirt, eine dritte Gruppe bildeten die Frauen und Töchter der Kaufleute, Aerzte und Advocaten, dann kamen die Pastorentöchter und sonstige Landviolen, der eigentliche Bürgerstand hatte sich ganz auf die südliche Seite zurückgezogen, dem Orchester gegenüber, um sich dort wieder nach Reichthum oder sonstigen Familien- und andern Beziehungen in Gruppen zu sondern. Durch die Fürsorge der göttinger Freunde und Baumann's hatte die uns befreundete wiener Familie nebst Heloise von Finkenstein im Kreise einiger göttinger Professorenfrauen, die sich wiederum von den übrigen sonderten, nahe dem Eingange in den Banketsaal einen guten Platz gefunden.
Die Herren standen in der Mitte des Saales, viele jüngere Bürger, Angestellte, die gestern keine Berücksichtigung gefunden, vielleicht zweihundert Studenten, die mehr oder weniger eine Herzensflamme unter den Tänzerinnen hatten; man unterhielt sich von einer Menge tragikomischer Scenen vom gestrigen Königsballe. Was hatte die Tochter des Ministers des Innern, die schöne Augusta, sich gestern sagen lassen müssen? Wo hatte Graf von Schlottheim sich am Morgen gefunden? Was war aus den funfzig Flaschen Wein geworden, die eine lustige Compagnie ergaunert und, um solche vorläufig zu sichern, hinter der Mauer, an einem Orte, wo Feuerleitern oder sonstige Dinge aufbewahrt werden, verborgen hatte, um noch mehr zu acquiriren? Jeder hatte irgendein Abenteuer gehabt, auch an Liebesabenteuern, Bekanntschaftmachen, Bestellungen auf die nächsten Tage hatte es nicht gefehlt. Endlich gab der Magistratsdirector das Zeichen zum Beginn des Tanzes, die »Faustpolonaise« rauschte von dem Orchester herab, und, die Frau des Stadtsyndikus zur Seite, eröffnete er mit feierlich langsamem Hahnentritt die Polonaise. Ein Theil der schwerfälligen alten Welt, Bureaukraten und Würdenträger folgten ihm, alle mit häßlichen aufgeputzten Damen am Arme, die ihre Toiletten, welche seit einem halben Jahre Gegenstand ihrer Gedanken und Gespräche gewesen waren, nun wenigstens...[...]

Bruno Baumann schloß sich, die schöne Heloise von Finkenstein am Arme, gleichsam als Repräsentant der jungen Welt, der eine goldene Zukunft noch lächelt, der Welt des Werdenden, dem steif voranschreitenden Zopfe an. Er hatte auf dem Wege nach dem Hohenhagen mit seiner Tänzerin schon alle Touren, die man tanzen wolle, überlegt, denn er war von den Unternehmern als Vortänzer bestimmt gewesen. Nun hatte der Magistratsdirector diese Rolle übernommen und diesem schien die Polonaise in einem Umschreiten des Saales zu bestehen. Es war eine lange Colonne, die dem Würdenträger folgte. Als er wieder an seinem Platze angekommen war und im Begriff stand, die Frau des Syndikus mit einem feierlichen Diener zu ihrem Platze zu führen, stand Baumann am entgegengesetzten Ende des Saals, er kannte den Musikdirigenten gut und dieser Baumann's Art, die Polonaise zu tanzen. Bruno winkte mit dem Taschentuche. Die Musik begann in ein schnelleres Tempo zu fallen, und nun fiel er mit seiner Tänzerin von dem Zuge ab, dem er bisher gefolgt war, und durcheilte, mit schnellerm Tritt die Tänzerin um sich herumdrehend, die umgekehrte Richtung, um der alten Welt Zeit zu lassen, sich abzuthun und ihre Plätze zu finden. Seine Nachmänner folgten und bald hatte sich in dem schönen Saal ein buntes Gewirr, wie es die Polonaise erheischt, und wie die göttinger Jugend es durch Hölzke's, des Tanzlehrers, Unterricht allgemein kannte, verbreitet, jetzt bildeten alle Tänzer eine große nicht enden wollende Schlange, die sich selbst in den Schweif biß, dann fielen die Herren zur Linken, die Damen zur Rechten ab, um sich am andern Ende des Saals zu fangen, bildeten einen großen Kreis, liefen Sturm und durchbrachen die Gegenseite. Man wickelte sich zum Knäuel auf und wickelte sich ab, bildete drei große Windmühlenflügel, in deren Winkeln gewalzt wurde, legte eine Ecossaisentour ein, die jedes Tanzpaar mit den übrigen in Verbindung brachte, und vergnügte sich sehr. Der Magistratsdirector hatte das Weitertanzen verhindern wollen, er fühlte sich in seiner Amtswürde verletzt und hat Bruno Baumann diesen bösen Streich, wie er ihn nannte, nie vergessen. Aber das Eis des conventionellen Tanzes war gebrochen, der steife Ton war dahin, die Jugend hatte den Sieg davongetragen, von jetzt bis zum andern Morgen herrschte nur Lust und Frohsinn. »Ach welch ein schöner Ball«, seufzten die schönen Göttingerinnen noch einige Jahre später, »und was wäre daraus geworden, wenn der Dr. Baumann nicht die langweilige Ebel'sche Polonaise in eine lustige umgewandelt hätte!«"
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 6. Buch, 5. Kapitel