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14 Oktober 2025

Fontane über seine Arbeitsweise

 An Emilie Zöllner Berlin 5.6.1884

Ich muss die letzten drei Juni-Wochen in Thale zubringen, weil ich dort – im ersten Entwurf – eine Novelle niederschreiben will, deren erste Hälfte in Thale, im Hotel Zehnpfund, spielt. Ich muss dazu das Lokal vor Augen, aber als Zweites, ebenso Wichtiges auch unbedingte Ruhe haben, nicht bloß äußerliche, sondern namentlich auch innerliche. Die hat man aber immer nur in der Einsamkeit als Solo-Krebs. Einmal hab ich es bei meiner guten lieben Rohr in Dobbertin versucht, aus dem harmlosesten und freundlichsten Freundeskreise heraus, etwas zu schreiben, aber ich bin damit gescheitert. Die Menschen, unter denen man lebt, stellen sich zwischen einen und das Papier darauf man schreiben will. Natürlich klingt all dergleichen kindisch und doch es ist eine Tatsache. So denn Pardon nochmals tausend Dank an Sie und den besten und liebenswürdigsten der Brüder und der Obristlieutenants. Auch an die jugendliche Rotblondine herzlichen Gruß. Wie immer ihr treu-ergebenster  Noel  

26 Mai 2025

Thyra Danebod

 Wenn wir Fontane trauen dürfen, verdanken wir dieser Königin, genauer gesagt: ihrem Namen, das Alterswerk Fontanes: Gorm Grymme

"Thyra Danebod, sein Gemahl" und "Thyra Danebod schreitet hinab an den Sund". Sie ist die Heldin der Ballade, schafft das unerhörte Ereignis, ihr gelingt es, nach der Hybris des Mannes, der dem Schicksal trotzen und dem Unglück eine Freveltat hinzufügen will, einen versöhnenden Schluss zu erreichen. Vom lästerlichen Wort des Herrschers führt sie ihn zum Selbsturteil. Und das durchweg in Liebe und Selbstaufopferung.

Die fragwürdige Rolle, die das Viktorianische Zeitalter den Frauen zugedacht hat, adelt sie durch die Art, wie sie ihren Mann besiegt, indem sie zu ihm hält.

Sprachlich gesehen schreitet sie mit ihrem Namen gekrönt wie ein Juwel durch das Gedicht, doch legt sie ihn zusammen mit dem Schmuck ab. Nur Gorm Grymme behält seinen Namen, bis er sich das Urteil spricht. Danach bleiben nur Königin und König, und sie  hält ihm die Hand bis zum Schluss.

Bemerkenswert ist auch der Wechsel der Tempora zwischen Präsens und Präteritum schon von der ersten Zeile zur zweiten: Von der Gegenwart (oder atemporal"herrscht" wird unhörbar durch das Apostroph (herrscht') zur Vergangenheit gewechselt.

Nach "Jung-Harald liegt im Blut" (Präsens mit Vergangenheitsbedeutung) tritt schon in der nächsten Zeile mit "Wer bringt die Kunde" ein Wechsel zur Zukunftsbedeutung ein. Ähnliches geschieht mehrfach auf, doch meist so motiviert, dass man es nicht bemerkt.

In der letzte Strophe gibt es außer in der wörtlichen Rede (Mit den Worten "Er ist tot" spricht sich der König sein Todesurteil) nur noch das erzählende Präteritum. 

26 Dezember 2024

Fontane: Havelland, Werder, "Christus als Apotheker"

 "[...] Die Kirche »Zum heiligen Geist«, auf der höchsten Stelle[416] der Insel malerisch gelegen, war schon zwei Jahre vorher einem Neubau unterzogen worden; ob sie schönheitlich dadurch gewonnen hatte, wird zu bezweifeln sein; die Lehniner Mönche verstanden sich besser auf Kirchenbau als der Soldatenkönig. Jedenfalls verbietet sich jetzt noch eine Entscheidung in dieser Frage, da die Renovation von 1734 längst wieder einem neuen Umbau gewichen ist, einer wiederhergestellten, spitzenreichen Gotik, die, in der Nähe vielleicht mannigfach zu beanstanden, als Landschaftsdekoration aber, wie eingangs dieses Kapitels bereits hervorgehoben wurde, von seltener Schönheit ist.

Dieser letzte Umbau, und wir treten damit in die Gegenwart ein, hat die Kirche erweitert, gelichtet, geschmückt; jene königliche Munifizenz Friedrich Wilhelms IV., die hier überall, an der Havel und den Havelseen hin, neue Kirchen entstehen, die alten wiederherstellen ließ, hat auch für Werder ein Mannigfaches getan. Dennoch, wie immer in solchen Fällen, hat das geschichtliche Leben Einbuße erfahren, und Bilder, Grabsteine, Erinnerungsstücke haben das Feld räumen müssen, um viel sauberern, aber viel uninteressanteren Dingen Platz zu machen. Zum Glück hat man für das »historische Gerümpel«, als das man es angesehen zu haben scheint, wenigstens eine »Rumpelkammer« übriggelassen, wenn es gestattet ist, eine Sakristeiparzelle mit diesem wenig ehrerbietigen Namen zu bezeichnen.

Wikipedia Commons

Hier befindet sich unter andern auch ein ehemaliges Altargemälde, das in Werder den überraschenden, aber sehr bezeichnenden Namen führt: »Christus als Apotheker«. Es ist so abnorm, so einzig in seiner Art, daß eine kurze Beschreibung desselben hier am Schlusse unseres Kapitels gestattet sein möge. Christus, in rotem Gewande, wenn wir nicht irren, steht an einem Dispensiertisch, eine Apothekerwaage in der Hand. Vor ihm, wohlgeordnet, stehen acht Büchsen, die auf ihren Schildern folgende Inschriften tragen: Gnade, Hilfe, Liebe, Geduld, Friede, Beständigkeit, Hoffnung, Glauben. Die Büchse mit dem Glauben ist die weitaus größte; in jeder einzelnen steckt ein Löffel. In Front der Büchsen, als die eigentliche Hauptsache, liegt ein geöffneter Sack mit Kreuzwurz. Aus ihm hat Christus soeben eine Handvoll genommen, um die Waage, in deren einer Schale die Schuld liegt, wieder in Balance zu bringen. Ein zu Häupten des Heilands angebrachtes Spruchband aber führt die Worte: »Die Starken bedürfen des Arztes[417] nicht, sondern die Kranken. Ich bin kommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen. (Matthäi 9, Vers 12.)«

Die Werderaner, wohl auf Schönemann gestützt, haben dies Bild bis in die katholische Zeit zurückdatieren wollen. Sehr mit Unrecht. Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt. In diesen Spielereien erging man sich, unter dem nachwirkenden Einfluß der zweiten Schlesischen Dichterschule, der Lohensteins und Hofmannswaldaus, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, wo es Mode wurde, einen Gedanken, ein Bild in unerbittlich-konsequenter Durchführung zu Tode zu hetzen. Könnte übrigens inhaltlich darüber noch ein Zweifel sein, so würde die malerische Technik auch diesen beseitigen.

1734, in demselben Jahre, in dem die alte Zisterzienser Kirche renoviert wurde, erhielt Werder auch eine Apotheke. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der glückliche Besitzer derselben sich zum Donator machte und das Bildkuriosum, das wir geschildert, dankbar und – hoffnungsvoll stiftete." (Zeno.org. Wanderungen/Havelland/Werder)


mehr dazu:

G. Radecke/R.Rauh: Fontanes Havelland, S.122-128

02 Januar 2023

Fontane über Berlin

 Da bin ich nun seit Jahrzehnten Fontanefan, aber noch längst kein Fontanekenner. Der forsche Ton, von dem er sagt., das Hesekiel damit die Frauen fasziniere, der Bummelton, der mehr Beschreibung seines Weges zum Kunstwerk als das Kunstwerk selbst liefert. Und dann die Respektlosigkeit vor dem Kunstwerk bei der Beschreibung des Belvedère: "ein seltsamer jalousienreicher Bau, rund mit vier angeklebten flachen Balkonhäusern [...] auf dessen Spitze drei Genien mit Genhimmelhaltung eines goldenen Fruchtkorbes beschäftigt waren [...] Sentimentalität und Sinnlichkeit, Schäferspiele und kurze Röckchen, Antonius und Kleopatra. Nur alles trivialisiert. Statt des Pharaonenkindes eine Stabstrompetertochter." (S.131)

Oder anlässlich der Behandlung der Grabstätte der Familie Humboldt, der "Pilgerstätte für Tausende" die Empfehlung, durch die Oranienburger Vorstadt zu gehen, "die sich  [...] aus Bahnhöfen und Kasernen, aus Kirchhöfen und Eisengießereien zusammensetzt [...] das Privathaus ist eigentlich nur insoweit gelitten, als es jenen vier Machthabern dient. Leichenzüge und Bataillone mit Sang und Klang folgen sich in raschem Wechsel oder begegnen einander; dazwischen gellt der Pfiff der Lokomotive, und über den Schloten und Schornsteinen weht die bekannte schwarze Fahne." (S.151)
Und danach die Schilderung des Wedding "Was auf fast eine halbe Meile hin diesen ganzen Stadtteil charakterisiert, das ist die völlige Abwesenheit alles dessen, was wohltut, was gefällt." (S.152) Und dazu die Empfehlung  "Wer seinen Füßen einigermaßen vertrauen kann, tut gut. [...] die ganze Tour zu Fuß zu machen." (S.151)

05 Juni 2021

Literarische Frauengestalten aus moderner Sicht

 Griseldis - Eine arme Bauerntochter wird von einem Grafen geheiratet und dann von ihm einer dreizehnjährigen Prüfung unterworfen, ob sie sich von ihm wirklich alles gefallen lässt. 

Nacheinander fordert er von ihr zweimal das gemeinsame Kind, um es zu töten. Vergleichbar mit der Forderung des alttestamentarischen Gottes an Abraham, ihm seinen Sohn Isaak zu opfern. Hier fehlt aber jeder religiöse Bezug. Der Graf fordert bedingungslose Unterwerfung unter seinen Willen als Vorbedingung für die Ehe schon am Anfang, als sie sich öffentlich nackt auszuziehen hat, dann verteilt über 13 Jahre, in denen sie ihm offenbar stets zu willen gewesen ist, drei grausame Prüfungen. Am Ende der 13 Jahre verstößt er sie, weil sie seinen Anforderungen nicht gerecht geworden sei, und verlangt zum Überfluss noch, dass die die Hochzeit seiner neuen Frau vorbereiten solle. Es reicht nicht, dass sie sich widerspruchslos fügt, sie gratuliert ihm sogar zu seiner neuen Frau, die besser zu ihm passe als sie, Griseldis. 

In seiner Forderung nach sklavischem freiwilligen und gutwilligen Gehorsam gegenüber Forderungen äußerster Grausamkeit kann man von heute aus gesehen nur einen Triebtäter erkennen, der die äußerste Erniedrigung seiner Frau verlangt, um sich zu ihrem absoluten Herrn zu machen. - Männerphantasie: Für meine Frau will ich der Gott sein.

Während in der Ältesten überlieferten Fassung der Sage (einer Novelle von Boccaccio) das Verhalten des Grafen von seiner Umgebung zumindest noch stark kritisiert wird, steht in der lateinischen Version von Petrarca einzig das als bewundernswert gewertete Dulden der Griseldis im Mittelpunkt.

Sehr anregend erscheinen mir die Schilderungen der Frauengestalten Fontanes in Burkhard  Spinnens: Und alles ohne Liebe vor allem für die Behandlung als Schullektüre. 

Rigoros reißt er sie aus ihrem historischen Kontext und kritisiert an diesen "zeitlosen Heldinnen" eines "universellen Alltags", dass sie sich zu sehr auf den richtigen Mann als Voraussetzung für das Lebensglück konzentrieren oder gar wie die Töchter Poggenpuhl gar nicht erst den Versuch machen, sich aus dem Familienzusammenhang zu lösen.

Sophie Poggenpohl, "taff", wie sie sei, hätte sich doch einen Broterwerb suchen sollen. Das klingt ganz, als hätte er sich gewünscht, sie hätte Journalistin, Moderatorin oder Influencerin werden sollen. Für die unterrichtliche Behandlung scheinen mir solche Anregungen fruchtbar, auch wenn ich selbst das überzeitlich Gültige an Fontanes Gestalten nicht darin suchen würde, ob sie auch heutigen Frauenrollen mit den zeittypischen Doppelbelastungen  gerecht werden würden.

22 März 2021

Fontane

 Brigitte Birnbaum:

Beim Hustensaftflaschenspülen hatte er Zeit, darüber nachzudenken, welche Ballade er der Zeitschrift "x" anbieten wollte.

"[...] Beharrlichkeit und Leidenschaft zeichneten Fontane aus.
Es reichte nicht zum Leben und er wollte sich schon als Kutschenschlagaufmacher bei der Eisenbahn bewerben." (S.40/42)

Ich dachte, ich wüsste schon genug über sein Leben und hatte hauptsächlich die Bilder angesehen.
Und dann schreibt Brigitte Birnbaum ["Theodor Fontane landauf landab" Rhino Verlag 2018]  eine Fülle von solchen Sätzen, die hervorragend die Spannung zwischen Talent für ein Genie [Genie ist zu 90 Prozent Fleiß.] und Hungerleidertum beschreiben. 
Und dann über Emilie: "Woher wusste sie, dass konsequenter Egoismus für große Kunst notwendig ist?"
Ich: Sie schätzte sein Talent, wäre aber froh gewesen, hätte er irgendwo eine Sekretärstelle gehabt, statt von "Etablierungsversuch" (H.Reuter) zu  "Etablierungsversuch" zu leben, während sie regelmäßig Kinder bekam, von denen weniger als die Hälfte in Säuglings- und Kleinkinderjahren verstarben.

"Er hatte die Gabe, seine Zeit zu nutzen." (S.64)
Doch allein für die Korrektur seines Kriegsbuches über den preußisch-österreichischen Krieg 1866 brauchte er 1868 ein Dreivierteljahr. Der Druck dauerte nicht nur zwei Jahre, wie von Fontane 1869 vermutet.. (Tagebücher 1868, S.32/33)  Das Buch erschien erst 1871.

07 März 2021

Wie viele Neuanfänge Fontane unternehmen musste, bis er Romancier werden konnte

Fontane mit 23 Jahren
 In Fontanes Leben gab es viel Unerfülltes, viel Scheitern. Über seinen Freund Lepel hat er geschrieben, dass dessen Leben ein "verfehltes" Leben gewesen sei, weil er seine Fähigkeiten nicht für das habe nutzen können, was in ihm steckte. Insofern hätte auch Fontane sein Leben leicht "verfehlen" können.

Fontanes Biograph Hans-Heinrich Reuter spricht für die Periode in England von einem "Versiegen des poetischen Schaffens" (so wie Goethe zweimal es erlebt hat, der einmal über der politischen Arbeit bis zur italienischen Reise und später dann über den naturwissenschaftlichen Schriften (Farbenlehre) von seinem Eigentlichsten abgezogen wurde).

Bei Fontane waren es nach England die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", die ihm ab 1859 eine relativ selbstbestimmte Arbeit möglich machten, bis erst 1878 nach drei Kriegsbüchern von insgesamt über 2000 Seiten der schon 1863/64 begonnene erste Roman "Vor dem Sturm" nach 16 Jahren als Buch herauskam.
Fontane wäre trotz all seiner großen Leistungen vor seinem 60. Lebensjahr ein Schriftsteller unter vielen geblieben, wenn er nicht den Sekretärsposten der Akademie 1876 hingeworfen hätte und seine Hauptkraft seinem Romanwerk gewidmet hätte. (Freilich war er von 1870-90 Theaterkritiker, für andere Talente ein Lebensberuf.)

Fleißig war Fontane aber auch schon, als er als englischer Korrespondent in Berlin seine Lektüre englischer Zeitungen als Recherche vor Ort ausgab. 
(Von heute ausgesehen wäre das freilich Plagiat. Dieser Vorwurf hat in den letzten Jahren  manche Karriere zerstört.) 
Fontane 1860

05 März 2021

Aus Fontanes Briefen 1881/82

 Über Wagner:

"Und nun das große Ziel, das Weltenrätsel und das erlösende Wort, [...]

Er ist, aller glänzenden Rekapitulationen unerachtet, doch in einer totalen Konfusion steckengeblieben; deshalb steckengeblieben, weil er sich eine Aufgabe stellte, die entweder überhaupt nicht zu lösen war oder für die wenigstens seine Kräfte, so respektabel sie an sich an und für sich waren, nicht ausreichten.
Und welches war nun diese Aufgabe? Die Verschmelzung zweier Sagen oder Fundamentalsätze, von denen jeder einzelne gerade Schwierigkeiten genug bot. Erster Fundamentalsatz: An der Gier, an dem rücksichtslosen Verlangen hängt die Sünde, das Leid, der Tod. Wer den Goldring der Nibelungen hat, der hat ihn immer nur zum Unheil und Verderben. Zweiter Fundamentalsatz: Die Götter sind gebunden und regieren nur durch Vertrag. Auch dem Himmel kann gekündigt werden. Wächst der Mensch, so sinken die Götter; der eigentliche Weltenherrscher ist der freie Geist und die Liebe. [...] Satz 1 ist die alte Evageschichte, sündiges Verlangen und die bekannten Konsequenzen. Satz 2 hat durch Feuerbach einen viel prägnanteren und viel geistreicheren Ausdruck empfangen:

"Ob Gott die Menschen schuf, ist fraglich; dass sich die Menschen ihren Gott geschaffen, ist gewiss." [...]

Ich bin der Mann der langen Briefe, dieser ist aber doch einer der längsten geworden. Heine sagte zu dem älteren Dumas: "Lieber Dumas, Sie haben gut schreiben, aber wer soll es lesen?" Auch das also ist schon dagewesen." (an Karl Zöllner 13.7.1881)

"Übrigens steht dies in durchaus keinem Widerspruch zu meinen vier Bänden "Wanderungen"; ich habe überall liebevoll geschildert, aber nirgends glorifiziert, nicht einmal meinen Liebling Marwitz. Ich habe sagen wollen und habe wirklich gesagt: "Kinder,
so schlimm wie ihr es macht, ist es nicht", und dazu war ich berechtigt; aber es ist Torheit aus diesen Büchern herauslesen zu wollen, ich hätte eine Schwärmerei für Mark und Märker. So dumm war ich nicht". (An Emilie 12.8.1882)

"Goethe hat einmal gesagt: die Produktion eines anständigen Dichters und Schriftstellers entspricht allemal dem Maß seiner
Erkenntnis." Furchtbar richtig. Man kann auch ohne Kritik mal was Gutes schreiben, ja vielleicht etwas so Gutes wie man später mit Kritik nie wieder zustande bringt. Das alles soll nicht bestritten werden. Aber das sind dann die "Geschenke der Götter", die, weil es Göttergeschenke sind, sehr selten kommen. Einmal im Jahr, und das Jahr hat 365 Tage. Für die verbleibenden 364 entscheidet die Kritik, das Maß der Erkenntnis. In poetischen Dingen habe ich die Erkenntnis dreißig Jahre früher gehabt als in der Prosa; daher lese ich meine Gedichte mit Vergnügen oder doch ohne Verlegenheit, während meine Prosa aus der selben Zeit mich beständig geniert und erröten macht." (An Emilie 17.8.1882)

"Ich bin erst in dem Unglücksjahre 76 ein wirklicher Schriftsteller geworden; vorher war ich ein beanlagter Mensch, der was schrieb. Das aber ist nicht genug." (An Emilie 28.8.1882)

Aus Fontanes Briefen 1877/78

 "daß aus allen Menschen, auch aus den ärmsten und unbedeutendsten, mit denen ich längere Zeit auf meinem Lebenswege verkehrte, reputierliche Leute geworden sind und daß ich fast als der einzige dastehe, aus dem nichts geworden ist. [...] ich habe mich redlich angestrengt und bin so fleißig gewesen wie wenige, aber es hat nicht Glück und Segen auf meiner Arbeit geruht. Ein Buch wie der siebziger Kriegsbuch wäre sonst nicht spurlos vorüber gegangen. Es hat so sein sollen. Gut. Ich murre nicht und nehme die Lose, wie sie fallen. Aber ich wollte doch mitunter, ich hätte besser gewürfelt." (an Mathilde von Rohr 21.3.1877)

"Und doch ist es besser so, trotz alledem und alledem, ein gewisser Reichtum des Daseins, in dem man Jahrzehnte gelebt hat, kann einem nicht mehr genommen werden." (An Emilie 13.8.1877)

"In ihrer gefälligen Antwort bitte ich freundlichst, der früher von mir empfangenden tausend Mark, die noch immer ein süßes Geheimnis für meine Frau sind, nicht erwähnen zu wollen. Ich will ihr erst davon erzählen, wenn mal ein Glück kommt. Also vielleicht nie." (an den Verleger Hertz 21.12.1877)

"Man geht durch alle möglichen Stadien, und mein neuestes Stadium ist Abneigung gegen Briefeschreiben, sonst hättest du längst ein paar Zeilen von mir erhalten." (an seine Tochter Mete, 5.6.1878) [Hervorhebungen von Fontanefan]

07 Dezember 2020

Fontane: Unwiederbringlich - Der gefallene Engel und Pastor Schleppegrells Gedicht

 Fräulein Ebba Rosenberg, die eine starke Anziehungskraft auf den Grafen Holk ausübt, sagt in einer Auseinandersetzung darüber, was wichtig genug sei, 'in Stein eingegraben' zu werden: 

»Sie drücken Zweifel aus, Graf, vor allem vielleicht einen Zweifel an meiner Überzeugung. Aber es ist, wie ich sage. Großer Stil! Bah, ich weiß wohl, die Menschen sollen tugendhaft sein, aber sie sind es nicht, und da, wo man sich drin ergibt, sieht es im ganzen genommen besser aus als da, wo man die Moral bloß zur Schau stellt. Leichtes Leben verdirbt die Sitten, aber die Tugendkomödie verdirbt den ganzen Menschen.« 

 Und als sie so sprach, fiel aus einem der die Tafel umstehenden Tannenbäumchen ein Wachsengel nieder, just da, wo Pentz saß. Der nahm ihn auf und sagte: »Ein gefallener Engel; es geschehen Zeichen und Wunder. Wer es wohl sein mag?« 

 »Ich nicht«, lachte Ebba. 

 »Nein«, bestätigte Pentz, und der Ton, in dem es geschah, machte, daß sich Ebba verfärbte."

So weit der Kommentar des Erzählers. Das ist Vorausdeutung genug darauf, wie sich das Verhältnis zwischen Graf Holk und seiner Frau durch das Dazwischentreten von Fräulein Ebba weiter entwickeln wird. Dass die Gräfin Christine in den Tod gehen wird, braucht man da noch nicht anzunehmen. 

Und jetzt folgt der Übergang zur weihnachtlichen Feier: 

"Aber ehe sie den Übeltäter dafür abstrafen konnte, ward es hinter der Tannen- und Zypressenwand wie von trippelnden Füßen lebendig. Zugleich wurden Anordnungen laut, wenn auch nur mit leiser Stimme gegeben, und alsbald intonierten Kinderstimmen ein Lied, und ein paar von Schleppegrell zu dieser Weihnachtsvorfeier gedichtete Strophen klangen durch die Halle.


»Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,

Aber als Knecht Ruprecht schon

Kommt der Winter hergeschritten,

Und alsbald aus Schnees Mitten

Klingt des Schlittenglöckleins Ton.


Und was jüngst noch, fern und nah,

Bunt auf uns herniedersah,

Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,

Und das Jahr geht auf die Neige,

Und das schönste Fest ist da.


Tag du der Geburt des Herrn,

Heute bist du uns noch fern,

Aber Tannen, Engel, Fahnen

Lassen uns den Tag schon ahnen,

Und wir sehen schon den Stern.« "

Offenbar hielt Fontane dies "Lied" nicht für eins seiner besseren Gedichte, sonst hätte es nicht Pastor Schleppegrell in den Mund gelegt und ihm diese Funktion gegeben. [Schleppegrell, ein ausdrucksvoller Name, zu dem freilich nicht recht passen will, dass sich drei Prinzessinen in ihn verliebt haben sollen. - Fontane liebt diese Gegensätze] 

Und in dieser Weihnachtszeit kommt es dann zur Katastrophe. Das Zusammentreffen des Ehepaars am Heiligen Abend schildert Fontane so:

Es war nicht gut, daß die Gräfin ihr Herz nicht bezwingen konnte. Vielleicht, daß sie, bei milderer Sprache, den so Bestimmbaren doch umgestimmt und ihn zur Erkenntnis seines Irrtums geführt hätte. Denn die Stimme von Recht und Gewissen sprach ohnehin beständig in ihm, und es gebrach ihm nur an Kraft, dieser Stimme zum Siege zu verhelfen. Gelang es Christinen, diese Kraft zu stärken, so war Umkehr immer noch möglich, auch jetzt noch; aber sie versah es im Ton und rief dadurch all das wieder wach, was ihn, ach so lange schon, gereizt und, seit er Ebba kannte, so willfährig gemacht hatte, sich selber Absolution zu erteilen.

Und so warf er denn, als Christine jetzt schwieg, das Christkind wieder in die Krippegleichgültig, wo die Puppe hinfiel, und sagte: »Du willst es mir leicht machen, so, glaub ich, waren deine Worte. Nun, ich bin dir das Anerkenntnis schuldig, daß du hinter deinem guten Willen nicht zurückgeblieben bist. Immer derselbe Ton der Überhebung. Daß ich dir's offen bekenne, ich war erschüttert, als ich dich da vorhin eintreten und, auf die gute Dobschütz gestützt, auf mich zukommen sah. Aber ich bin es nicht mehr. Du hast nichts von dem, was wohltut und tröstet und einem eine Last von den Schultern nimmt oder wohl gar Blumen auf unsren Weg streut. Du hast nichts von Licht und Sonne. Dir fehlt alles Weibliche, du bist herb und moros...«

 »Und selbstgerecht...«

 »Und selbstgerecht. Und vor allem so glaubenssicher in allem, was du sagst und tust, daß man es eine Weile selber zu glauben anfängt und glaubt und glaubt, bis es einem eines Tages wie Schuppen von den Augen fällt [...]"

Ein passendes Gespräch für Heiligabend

Briefe in Fontanes "Unwiederbringlich"

  Im Vergleich zu Raabe schien mir Fontane relativ wenig Abstand zu seinen Personen zu haben, wo sich doch so viel in Konversation und Briefen abspielt. So war ich über die Formulierung "Alle Romane und Novellen sind aus einem auktorialen Gestus erzählt" der Wikipedia nicht angemessen, doch beim näheren Hinsehen nutzt Fontane gerade die Briefe, obwohl sie ja nur die Person sprechen lassen, wegen der Nachbemerkungen, auch wenn diese nur die Gedanken einer Person berichten, immer wieder dazu, die Position des Erzählers zu verdeutlichen. 

Für Unwiederbringlich habe ich das bereits in einem Post von 2011 für den ersten Teil des Romans herausgestellt, jetzt tritt es mir im zweiten Teil wieder entgegen.

Graf Holks Schwager Arne schreibt : "[...]  Ich habe Deine Briefe gelesen – es waren ihrer nicht allzuviel, und keinen einzigen traf der Vorwurf, zu lang gewesen zu sein –, aber die Hälfte dieser wenigen beschäftigt sich mit der märchenhaften Schönheit der doch mindestens etwas sonderbaren Frau Brigitte Hansen und die zweite Hälfte mit den Geistreichigkeiten des ebenfalls etwas sonderbaren Fräulein Ebba von Rosenberg. Für Deine Frau, Deine Kinder hast Du während dieser langen Zeit keine zwanzig Zeilen gehabt, immer nur Fragen, denen man abfühlte, daß sie nach Antwort nicht sonderlich begierig waren. Ich glaube, lieber Holk, daß es genügt, Dich auf all das einfach aufmerksam gemacht zu haben. Du bist zu gerecht, um Dich gegen das Recht der hier vorgebrachten Klage zu verschließen, und bist zu gütigen und edlen Herzens, um, wenn Du das Recht dieser Klage zugestanden hast, nicht auf der Stelle für Abhülfe zu sorgen. Die Stunde, wo solcher Brief auf Holkenäs eintrifft, wird zugleich die Stunde von Christinens Genesung sein; laß mich hoffen, daß sie nahe liegt. Wie immer Dein Dir treu und herzlich ergebener Schwager"

Die Nachbemerkung ist ganz aus der Sicht des Grafen geschrieben, und doch, wie deutlich klagt hier der Erzähler den Grafen an: 

"Holk war so getroffen von dem Inhalt dieses Briefes, daß er darauf verzichtete, die beiden andern zu lesen. Petersen schrieb vielleicht ähnliches. Zudem war die Stunde da, wo er bei der Prinzessin erscheinen mußte, vor der er ohnehin fürchtete seine Erregung nicht recht verbergen zu können." (23. Kapitel)


22 Juli 2020

Fontane lobt und kritisiert Raabe

Wilhelm Raabe war etwa 11 Jahre jünger als Fontane. Über seine Erzählung "Das Horn von Wanza" (1881) schreibt Fontane im Juni 1881:
"Mich haben die ersten Szenen [...] am meisten entzückt. All diese Dinge sind ganz ersten Ranges, und weder Dickens noch andere Humoristen, die ich kenne, haben das geleistet.
Hätte Raabe mehr Kritik, so wäre er absolut No.1; aber freilich - 'wär er besonnen, wär er nicht der Tell'." (vgl. auch Fontane und Raabe)

"[...] »Wie die alte Tante ausfallen wird, soll mich wundern. An mir soll's nicht liegen, wenn sie mich nicht zum Haupterben einsetzt oder doch ein angenehmes Kodizill an ihr Testament meinetwegen hängt«, sagte der Student. »Was aber das ›alte Haus‹ sagen wird, darauf bin ich wirklich gespannt. Wenn sie den alten Knaben auch dort den weisen Seneka nennen und ihn seiner Weisheit wegen bei sich zum Bürgermeister gemacht haben, so ist das in der Idylle dort die einzige Philisterbande, die jemals eine vernünftige Idee gehabt und sie in die Erscheinung geführt hat. Ganz riesig ist's aber unter allen Umständen von ihr.«
Damit war er abwärts gesprungen vom Rabenskopfe durch den Tannenwald und den frischen, sonnigen Septembermorgen, dem ihm augenblicklich noch so wenig bekannten Ziel seiner Wanderschaft entgegen. Es ist aber jedenfalls immer sehr hübsch und herzerfreuend, wenn einem ein solches Ziel so – bald nach Sonnenaufgang – in einer so bunten, flimmernden, schimmernden, taublitzenden Ferne gezeigt wird und noch dazu mit dem Wort:
»Sie werden einen schönen Tag behalten, Herr Student.«
Es war ein erkleckliches Stück weiter gegen Norden hin, wo dieser Studiosus der Philologie, Herr Bernhard Grünhage, zu Hause war. Zum erstenmal hatte er am gestrigen Abend von den südlichen Harzbergen in die Gegend zwischen dem Kyffhäuser und der Porta Eichsfeldika hinausgesehen, und wie es eigentlich kam, daß er heute diese Gegend nunmehr durchwanderte, das muß jetzt vor allen Dingen erzählt werden. Die alte Tante läuft weder dem Studenten noch uns weg. [...]" (Wilhelm Raabe: Das Horn von Wanza")

Mehr zu dieser Erzählung

17 Juli 2020

Venedig bei Goethe, Fanny Lewald und Fontane

Venedig (Wikipedia)
"So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte. So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name, der mich so oft, mich, den Todfeind von Wortschällen, geängstiget hat.
Als die erste Gondel an das Schiff anfuhr (es geschieht, um Passagiere, welche Eil' haben, geschwinder nach Venedig zu bringen), erinnerte ich mich eines frühen Kinderspielzeuges, an das ich vielleicht seit zwanzig Jahren nicht mehr gedacht hatte. Mein Vater besaß ein schönes mitgebrachtes Gondelmodell; er hielt es sehr wert, und mir ward es hoch angerechnet, wenn ich einmal damit spielen durfte. Die ersten Schnäbel von blankem Eisenblech, die schwarzen Gondelkäfige, alles grüßte mich wie eine alte Bekanntschaft, ich genoß einen langentbehrten freundlichen Jugendeindruck. [...]
Den 29sten, Michaelistag, abends.
Von Venedig ist schon viel erzählt und gedruckt, daß ich mit Beschreibung nicht umständlich sein will, ich sage nur, wie es mir entgegenkommt. Was sich mir aber vor allem andern aufdringt, ist abermals das Volk, eine große Masse, ein notwendiges, unwillkürliches Dasein.
Dies Geschlecht hat sich nicht zum Spaß auf diese Inseln geflüchtet, es war keine Willkür, welche die Folgenden trieb, sich mit ihnen zu vereinigen; die Not lehrte sie ihre Sicherheit in der unvorteilhaftesten Lage suchen, die ihnen nachher so vorteilhaft ward und sie klug machte, als noch die ganze nördliche Welt im Düstern gefangen lag; ihre Vermehrung, ihr Reichtum war notwendige Folge. Nun drängten sich die Wohnungen enger und enger, Sand und Sumpf wurden durch Felsen ersetzt, die Häuser suchten die Luft, wie Bäume, die geschlossen stehen, sie mußten an Höhe zu gewinnen suchen, was ihnen an Breite abging. Auf jede Spanne des Bodens geizig und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht mehr Breite, als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten. Übrigens war ihnen das Wasser statt Straße, Platz und Spaziergang. Der Venezianer mußte eine neue Art von Geschöpf werden, wie man denn auch Venedig nur mit sich selbst vergleichen kann. Der große, schlangenförmig gewundene Kanal weicht keiner Straße in der Welt, dem Raum vor dem Markusplatze kann wohl nichts an die Seite gesetzt werden. Ich meine den großen Wasserspiegel, der diesseits von dem eigentlichen Venedig im halben Mond umfaßt wird. Über der Wasserfläche sieht man links die Insel St. Giorgio Maggiore, etwas weiter rechts die Giudecca und ihren Kanal, noch weiter rechts die Dogane und die Einfahrt in den Canal Grande, wo uns gleich ein paar ungeheure Marmortempel entgegenleuchten. Dies sind mit wenigen Zügen die Hauptgegenstände, die uns in die Augen fallen, wenn wir zwischen den zwei Säulen des Markusplatzes hervortreten. Die sämtlichen Aus- und Ansichten sind so oft in Kupfer gestochen, daß die Freunde davon sich gar leicht einen anschaulichen Begriff machen können. [...]  
 [* Heute kann man die Bestände der Commons von Wikimedia zu Venedig nach Bildern wie z.B. dies durchforsten.]
Den 6. Oktober.
Auf heute abend hatte ich mir den famosen Gesang der Schiffer bestellt, die den Tasso und Ariost auf ihre eignen Melodien singen. Dieses muß wirklich bestellt werden, es kommt nicht gewöhnlich vor, es gehört vielmehr zu den halb verklungenen Sagen der Vorzeit. Bei Mondenschein bestieg ich eine Gondel, den einen Sänger vorn, den andern hinten; sie fingen ihr Lied an und sangen abwechselnd Vers für Vers. Die Melodie, welche wir durch Rousseau kennen, ist eine Mittelart zwischen Choral und Rezitativ, sie behält immer denselbigen Gang, ohne Takt zu haben; die Modulation ist auch dieselbige, nur verändern sie nach dem Inhalt des Verses mit einer Art von Deklamation sowohl Ton als Maß; der Geist aber, das Leben davon, läßt sich begreifen, wie folgt.
Auf welchem Wege sich die Melodie gemacht hat, will ich nicht untersuchen, genug, sie paßt gar trefflich für einen müßigen Menschen, der sich etwas vormoduliert und Gedichte, die er auswendig kann, solchem Gesang unterschiebt.
Mit einer durchdringenden Stimme - das Volk schätzt Stärke vor allem - sitzt er am Ufer einer Insel, eines Kanals auf einer Barke und läßt sein Lied schallen, so weit er kann. Über den stillen Spiegel verbreitet sich's. In der Ferne vernimmt es ein anderer, der die Melodie kennt, die Worte versteht und mit dem folgenden Verse antwortet; hierauf erwidert der erste, und so ist einer immer das Echo des andern. Der Gesang währt Nächte durch, unterhält sie, ohne zu ermüden. Je ferner sie also voneinander sind, desto reizender kann das Lied werden: wenn der Hörer alsdann zwischen beiden steht, so ist er am rechten Flecke.
Um dieses mich vernehmen zu lassen, stiegen sie am Ufer der Giudecca aus, sie teilten sich am Kanal hin, ich ging zwischen ihnen auf und ab, so daß ich immer den verließ, der zu singen anfangen sollte, und mich demjenigen wieder näherte, der aufgehört hatte. Da ward mir der Sinn des Gesangs erst aufgeschlossen. Als Stimme aus der Ferne klingt es höchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es ist darin etwas unglaublich, bis zu Tränen Rührendes. Ich schrieb es meiner Stimmung zu; aber mein Alter sagte: »È singolare, come quel canto intenerisce, e molto piè, quando è piè ben cantato.« Er wünschte, daß ich die Weiber vom Lido, besonders die von Malamocco und Pelestrina hören möchte, auch diese sängen den Tasso auf gleiche und ähnliche Melodien. Er sagte ferner: »Sie haben die Gewohnheit, wenn ihre Männer aufs Fischen ins Meer sind, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme abends diese Gesänge erschallen zu lassen, bis sie auch von ferne die Stimme der Ihrigen vernehmen und sich so mit ihnen unterhalten.« Ist das nicht sehr schön? Und doch läßt sich wohl denken, daß ein Zuhörer in der Nähe wenig Freude an solchen Stimmen haben möchte, die mit den Wellen des Meeres kämpfen. Menschlich aber und wahr wird der Begriff dieses Gesanges, lebendig wird die Melodie, über deren tote Buchstaben wir uns sonst den Kopf zerbrochen haben. Gesang ist es eines Einsamen in die Ferne und Weite, damit ein anderer, Gleichgestimmter höre und antworte."
(J.W.v. Goethe: Italienische Reise, Venedig)

Venedig

Der Markusplatz

Es scheint ein langes, ew'ges Ach zu wohnen
In diesen Lüften, die sich leise regen,
Aus jenen Hallen weht es mir entgegen,
Wo Scherz und Jubel sonst gepflegt zu thronen.
Venedig fiel, wiewohl's getrotzt Äonen,
Das Rad des Glücks kann nichts zurückbewegen:
Öd' ist der Hafen, wen'ge Schiffe legen
Sich an die schöne Riva der Sklavonen.
Platen
Es war Nacht geworden, als wir nach der Visitation endlich die Dogana verlassen durften. Der Ruf: »Una barca! Una gondola!« tönte von allen Seiten an unser Ohr. Wir bestiegen die zunächstliegende Gondel, der Gondolier trat auf seinen Platz hinter dem Häuschen, und der sichere Druck seines Ruders ließ uns lautlos und pfeilgeschwind durch die Lagunen schießen.
Eine Gondel! ein Gondoliere! Welch ein Zauber weht uns an aus diesen Worten! Weich und wollüstig wiegt sich die Seele in den poetischen Bildern einer fernen Zeit, wie das Schiffchen sich schaukelt auf den leise erzitternden Wellen der Kanäle.
Stolze Ritter haben das Schwert von ihren Hüften gegürtet, das Haupt von der eisernen Wucht des Helmes befreit. Unter dem Federbarett erglänzen dunkle Locken, ein schwarzer Domino umhüllt die männliche Gestalt, welche die Prachttreppen hernieder zur Gondel schreitet. Die Gitarre liegt auf den elastischen, schwarzen Polstern, das schwarzverhangene Gondelhäuschen darüber verbirgt wie ein Sarg den Glücklichen, der daraus hervorzugehen hofft zu seliger Freude.
Rasch fliegt das leichte Fahrzeug die Kanäle entlang, fort unter den dunkeln Schauern der Seufzerbrücke, vorüber an dem Lichtgeflimmer der Piazzetta; weiter, immer weiter vorwärts! Der verschwiegene Gondoliere kennt wohl sein fernes Ziel. Er hat's erreicht und hält!
Nicht an der breiten Marmortreppe des Canal Grande, wo vor dem lichtstrahlenden Palast sich Gondel an Gondel um die Befestigungspfähle reiht, welche hell leuchten in den Wappenfarben des Hohen Hauses. Tanzmusik erklingt dort aus prächtigem Saale, eilfertige Dienerschaft fliegt durch Treppen und Hallen, geschmückte Männer und Frauen stehen in den geöffneten Fenstern der Altane, Kühlung einatmend in dem frischen Nachthauch, der herüberweht vom Meere.
Nein! leise und schnell an der Prachttreppe vorüber huscht die Gondel im Schatten der Pilaster zur kleinen Hinterpforte des Palastes am Traghetto (Landeplatz). Die Gitarre erklingt, ein Fenster wird behutsam geöffnet; die Gitarre verstummt. Unhörbar schlüpft ein zarter Frauenfuß über die Quadern, noch ein Moment – und die Liebenden sind vereint, vereint unter der treuen Obhut des schweigenden Gondoliers.
Oh! welches Glück, hinauszurudern, ungesehen, unbelauscht, durch die weiten Kanäle, in herzigster Einsamkeit, Auge in Auge versenkt, Lippe an Lippe gepreßt! gewiegt von dem schwankenden Kahn in süßeste Träume, ohne Geräusch, ohne den störenden Laut von außen, so still, daß das leiseste Flüstern, daß der zaghafteste Seufzer widerklingt in der Brust des Geliebten! hinaus in die ruhenden, mondbeglänzten Fluten des Adriatischen Meeres, dem einst die Venus entstieg, die schöne Göttin der Liebe.
Gewiß! gibt es ein Paradies, ein Eden der Liebe: in einer Gondel gelangt man dahin!
Doch »Venedig lebt nur noch im Reich der Träume«! – Keine Siegesfanfaren erklingen jetzt in den Hallen der alten Dogengeschlechter, kaum ein Zitherklang unter den Fenstern schöner Frauen. Schweigend heben sich die Prachtpaläste aus den Fluten empor, welche leise anplätschern gegen die Stufen der Marmortreppen. Nur hie und da erglänzt aus hohem Gemach der Schimmer von Lichten, nur bisweilen tritt aus der Halle eines Palastes eine Gestalt hervor, steigt die Treppe hinab und verschwindet in der Gondel, welche sie lautlos entführt.
Nie habe ich auch nur in annähernder Ahnung die Vorstellung der Stille gehabt, welche uns in Venedig umgibt. Unser Ohr ist so sehr des Durcheinanderklingens von Menschentritten, Wagengerassel und Rossestampfen gewohnt, daß wir es erst dann als ein Auffallendes empfinden, wenn es einmal einen ungemeinen Grad erreicht hat. Wirkliche Ruhe, wirkliche Stille kennen wir in unsern Städten nicht. All unsere Vorstellungen davon sind bedingt. Wenn uns nun hier mitten in einer großen Stadt, mitten auf den Kanälen Venedigs vollkommene Stille umgibt, so glauben wir zu träumen, und alte Märchen von der schweigenden Königsburg, von dem schönen, im Meere versunkenen Vineta tauchen vor unserm Geiste auf, bis die Gondel uns an die Stufen der Piazzetta führt und neue Zauberbilder uns zu umgaukeln scheinen.
Es ist Nacht. Bleiches Mondlicht strahlt matt durch die Wolkenvorhänge, welche der leise Wind langsam hinwegweht, die Sterne schauen verstohlen hervor, die Wogen des Meeres ruhen, die Gondel landet an den breiten Stufen. Zwischen den beiden schönen Säulen der Piazzetta steigt man an das Ufer. Der geflügelte Löwe von San Marco und der heilige Georg, welche die Säulen schmücken, wachen über Venedig und schützen unsern Eintritt.
Ein orientalisches Gebäude liegt zu unserer Rechten. Über byzantinisch gezierten, niedrigen Säulen, welche die Bogen tragen, erhebt sich das obere Stockwerk in ganz befremdlicher Form. Die rötlich gebrannten Ziegel verschlingen sich zu geheimnisvollen Arabesken, wunderbare Gebilde ragen aus dem Marmorzierat hervor. Die hohen Fenster beherrschen den Platz und das Meer, aber sie sind von keinem Lichte erhellt, das Haus ruht im Schweigen der Nacht.
Schlummert darin die arabische Fürstin, die Abencerragen-Geliebte, welche ein neidischer Zauberer entführte? Wachen Genien darin und flüstern ihr süße Träume ins Ohr vom fernen Geliebten, der sie ersehnt in den Fontänensälen der Alhambra? – Oder ist es ein Tempel geheimnisvoller Brüderschaft, welche dem strebsamen Neophyten die Offenbarung eines unsichtbaren Gottes in mystischen Zeichen enthüllt? Wir stehen davor in staunender Betrachtung, denn – Venedigs Dogenpalast hat nicht seinesgleichen im ganzen Abendlande.
Es ist der Zauber des Orientes, der uns umweht. Wir hören Kaskaden rauschen, wir hören Palmblätter fächeln über den Polstern, auf denen die Sultanin ruht. Aufgelöst ist ihr schwarzes, flutendes Haar, das herniedersinkt über die juwelengeschmückte Brust, über die feine Hand bis hinab zu den nackten, spangenumgebenen Füßen, welche auf den golddurchwirkten Kissen ruhen. Papageien wiegen sich in goldenen Ringen, goldene Fischchen glitzern im Marmorbassin – da – erblickt man die prachtvolle Treppe – die Riesentreppe des Dogenpalastes, und – Marino Falieros schwarzes Leichentuch fällt über die lachenden Bilder des Orients.
Wir wenden unser Auge! Das Lichtgeflimmer der Läden unter den alten und neuen Prokurazien erglänzt, die Uhr in dem Uhrhause zeigt, unter dem Gold- und Ultramarinschmuck der Fassade, die zehnte Stunde. Noch ein Schritt vorwärts, und wir stehen auf den Quadern des Markusplatzes.
(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig)

"Die ganze Welt der Erscheinungen ist nicht dazu da, um Malern und Poeten wünschenswerte und bequem liegende Stoffe zu bieten, sondern um überhaupt zu befriedigen und zu erfreun. Das Leben stellt vielfach andere Forderungen als die Kunst, und Individuen die Staaten gehen zu Grunde, die dies übersehen. Wem diese Wahrheit zu Fleisch und Blut geworden ist, der wird auf Venedig blicken wie ich noch in der letzten Stunde auf ein wunderschönes Frauenzimmer blickte, die aus dem zweiten Stock eines halbverfallenen Hauses träumerisch-faul  mit tief und dumm schmachtendem Auge uns nachsau, als unsere Gondel an den Wasserstiegen des schmalen Kanals vorüber fuhr. Sie war so schön, wie ich selten Weiber gesehen habe und das halbgekräuselte schwarze Haar lag wie eine Mähne um sie her, mit den Spitzen nach vorn hin und über die halb entblößte Brust fallend; ich werde den Anblick nie vergessen. Aber sie war ungewaschen und ungekämmt, und nach meinem Gefühl, so wenig sie persönlich innerhalb der idealen Liebe zu stehen schien, doch nur für eine solche geeignet. Ein Wesen, nur mit dem Auge zu genießen; mit ihr zu leben – ein Gedanke nicht ausgedacht zu werden! So auch die Stadt selbst. Diese schöne, schwarzhaarige Schwester Struwelpeters, die seifenintakt auf einen gondelbefahrenen Rinnstein niedersah, war mir wie das Bild Venezias als selbst erschienen.
Eine glänzende Ausnahme macht der Markusplatz und die an ihn grenzende Piazzetta. [...]"

(Theodor Fontane an Karl und Emilie Zöllner, 10.10. 1874)

"Militärmusik erklingt. Vor der Markuskirche ragen die drei roten Mastbäume auf erzenem Sockel empor, die Trophäen Venedigs nach Eroberung der Inseln Morea, Candia und Zypern. Schiffer in dalmatischer Tracht, Landleute von den Inseln und Matrosen aus den freien Staaten Nordamerikas lagern zu ihren Füßen.

Kaffeehäuser und Luxusmagazine, wohin man blickt. Die mit Hallen überbauten Erdgeschosse sämtlicher Gebäude, welche von drei Seiten den Markusplatz umschließen, sind davon erfüllt. Der Markusplatz gleicht einem riesigen Opernsaale, und auch das Geräusch der wogenden Menge, von keinem Wagengerassel, von keinem Pferdetritt untermischt, bringt den Laut hervor, der bei einem großen, fröhlichen Feste uns aus den Sälen entgegentönt.
Der Markusplatz zeigt uns die italienische Geselligkeit und das italienische Volksleben im Freien in einem Bilde – und doch ist Venedig nicht mehr das eigentliche, südliche Italien. Venedig ist ein besonderes, liebliches Wunder, ein geheimnisvolles Rätsel, eine stolze Ruine, vom Zauber der Vergangenheit umzittert; Venedig ist ein frei gebornes, poetisches Weib unter der lastenden Herrschaft eines aufgedrungenen Gebieters; Venedig ist unvergänglich schön und doch schon Beute des Verfalles – und weil es das alles ist, ist's eben das zauberhafte, traumselige, phantastische Venedig und unvergleichlich.
Auf dem Markusplatze reihen sich Stühle an Stühle. Kellner eilen von einem zum andern, Eisgläser, Kaffeetassen und Sorbetti zu präsentieren. Knaben bieten in zierlichen Körben kandierte Früchte feil, preisen uns Muschelkästchen, Korallenspielereien, Fächer und Glasperlenschmuck zum Kaufe an, in weichem, lieblichem Dialekt. Am Arme der Männer wandeln die geschmückten Frauen auf und nieder; bedächtige Perser, schöne armenische Greise und flammende junge Griechen liegen in den offenen Sälen der Cafés oder auf den Stühlen im Freien hingestreckt und folgen, die lange Pfeife im Munde, mit den dunkeln, brennenden Augen den schlanken Frauengestalten, welche sich hier, mitten in der Nacht, mitten unter fremden Männern, fessellos bewegen.
Dort stehen östreichische Offiziere, den Stock, die Prügelwaffe, von der eingeschnürten Taille herabhängend, ein schmachvolles Ehrenzeichen; hier erglänzen Goldstücke in dem Laden eines Wechslers, und Schiffskapitäne schließen Kontrakte für die Fahrt. Bisweilen, aber selten im Vergleich zu Rom und Neapel, huscht noch ein verspäteter Mönch unter den Prokurazien dahin. Hat er Trost gebracht am Lager oder in der Hütte der Leidenden, wie fremd muß die Fröhlichkeit des Markusplatzes seine Seele berühren; hat er vom verbotenen Becher des Lebens gekostet, wie melancholisch mag das Bild des düstern Klosters ihm scheinen; wie glücklich der Weltgeistliche, der hier unter warmem Himmel frei und lächelnd das Lachen auf schönen Lippen, in blitzenden Augen erweckt.
Aus den Fenstern der Gebäude sehen wie aus den Logen eines Theaters Männer und Frauen hinab, deren Gestalten sich formenschön hervorheben auf dem Lichthintergrunde der Zimmer. Der ganze Markusplatz ist voll Menschen, wohin das Auge sich wendet; Musik umtauscht uns, man wandert fort und fort, man schwatzt, man lacht bei ihrem Klange, ob auch Stunde um Stunde versinkt und der Zeiger am Uhrhause unaufhaltsam vorrückt, man genießt, man lebt das Leben.
Es ist nach Mitternacht geworden! Der Mond ist hinabgesunken ins Meer, die Gruppen auf dem Markusplatze fangen an, sich zu lichten, man geht freier umher, die Wärme, welche die Masse hier ausströmte, wird geringer, der frische Lufthauch vom Meere macht sich fühlbar, die Gasflammen fangen an, unruhiger zu flackern. Nun erst übersieht man die Größe und Schönheit des Raumes. Man tritt an das äußerste Ende des Platzes, ihn besser zu betrachten.
Schlank und stolz hebt sich von den Quadern wie eine Riesensäule der Markusturm empor, frei und selbständig, nicht an eine Kirche, nicht an einen Palast gestützt, ein Bild der selbständigen Republik. Dahinter erglänzt es in strahlendem Goldglanz. Reich wie eine Moschee ist die Markuskirche geschmückt in aller Pracht byzantinischen Stils, und mitten aus den runden Bogen des Orients, aus ihren kioskartigen Spitzen und Wölbungen, mitten aus dem Goldlicht der Mosaiken leuchtet über das unruhige Lebensgetümmel des Markusplatzes ein ruhig Bild, beruhigend und erhebend, vom Hauptportal der Markuskirche durch die Nacht – das Bild des triumphierenden Christus, der sich aufschwingt von der Erde zum Himmel."
(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig)
"Von der Piazzetta, die sich nach dem Meere so lieblich eröffnet, von dem schönen Kai, der Riva degli Schiavoni, sah ich immer mit tiefer Sehnsucht hinüber nach dem Lido, den Eugen Beauharnais in einen schönen, öffentlichen Garten umgeschaffen hat. Ein Plätzchen neben einer Schifferherberge auf der Insel Giudecca, auf dem wir eines Tages unser Frühstück verzehrten, erschien mir wie ein Paradies, weil ein paar Bäume ihre Äste über unsern Tisch zur Laube wölbten und Bohnen und Kürbis sich an den Gitterzäunen emporrankten.

Den vollen Eindruck der absonderlichen Existenz in Venedig bekommt man aber erst, wenn man, den Canal Grande verlassend, in die Seitenkanäle einbiegt und nun überall neue Wasserstraßen erblickt.

Ich fuhr eines Morgens nach der Wohnung meines Bankier. Der Gondolier führte uns durch immer engere Gäßchen; nichts als Wasser und Mauern; nur hie und da ein Mensch an den schmalen Kais, nur dann und wann der Zuruf eines Gondolier aus einem Nebenkanal, seine Ankunft verkündend, um den Zusammenstoß mit andern Gondeln zu vermeiden, was bei der Länge der Fahrzeuge auf den engen Kanälen ohne dies Anrufen unvermeidlich wäre. Endlich hielten wir vor einem stattlichen Hause. Aus der Gondel langte der Gondolier nach dem Klingelzuge. Man öffnete. Das Wasser stand damals hoch und war noch höher gewesen; die ganze Treppe im Innern der Pforte war davon überschwemmt. Eine kleine Brücke, die wir überschreiten mußten, lag schräg von den ersten Stufen nach dem Hofe; aber der ganze Hof selbst war naß, das Wasser hatte Schlamm und Kehricht dort zurückgelassen, ein feuchter Dampf stieg im Sonnenschein davon empor. Und als ich nun oben diesen Bankier in Haufen Goldes wühlen sah, über Kapitalien gebietend, die ihm jeden käuflichen Genuß möglich machten, da mußte ich mich staunend fragen, was hält die Menschen in dieser widernatürlichen Existenz gefesselt, die jetzt nicht mehr ein Asyl der Freiheit ist? Was bannt sie in diese Sümpfe, während in Rom und Neapel die Erde sich neubelebt im frischeren Hauche des Herbstes?

Venedig ist ein poetisches Wunder, an dem sich die Phantasie für einige Zeit mit Freude ergötzt, aber ich wiederhole es, es ist kein Aufenthalt, den ich für längere Zeit ertragen oder erwählen würde, so vielfach man mir Venedig grade in diesem Sinne angepriesen hatte.

Bedurfte ein Volk der bildenden Künste, die Seele zu erheitern, so waren es die Venezianer. Die Kunst mußte ihnen zum einzigen Troste werden, ihre Seele mußte sich leidenschaftlich derselben zuwenden, und es ist natürlich, daß sie Stadt und Wohnungen zu schmücken strebten, als Ersatz für den Mangel an schöner Natur.

Zu der Kunst, zu der großen Vergangenheit Venedigs flüchtet man sich; in ihr lebt der Fremde den Tag hindurch, bis abends sich die Gasflammen auf dem Markusplatze und der Piazzetta entzünden und die süßen, gaukelnden Märchen uns wieder einspinnen in bunte, phantastische Bilder.

Nirgends sonst greifen Kunst und Geschichte so unauflöslich fest und enge ineinander als in Venedig. Der Dogenpalast, die Prokurazien, der Markusturm, die Piazzetta, die Löwen vom Piräus, welche den Eingang des Arsenales zieren, alle diese Denkmale von der tatkräftigen Vergangenheit der Republik, wir finden sie wieder in den Bildern, mit welchen die Säle jener Gebäude geschmückt sind. Die Helden, deren Taten von Meisterhand an den Wänden des großen Rates gemalt sind, landen auf den Bildern mit ihren Galeeren unter den Fenstern eben dieses Dogenpalastes. Venedigs Künstler brauchten nicht in eine ferne Vorzeit zu greifen, um Motive zu finden. Die Republik, deren Bürger sie waren, bot ihnen in ihren Siegen den Stoff; schöne Frauen wandelten in Fülle auf den Quadern des Markusplatzes einher; das Gefühl der Freiheit, der Selbstherrschaft prägte jeden Bürger, wie die alten Porträts es beweisen, zu schöner, männlicher Individualität aus; man malte die Gegenwart, deren Dank man empfing, zum Fortleben in der Nachwelt.

Diesem Zusammenwirken entsprangen denn auch die lebensfrischen Schöpfungen eines Tizian, eines Veronese, Piombo und anderer, die das kräftige Lebenselement selbst in die Schilderungen des Jenseitigen übertrugen. Sie stehen dadurch, dünkt mich, in der Auffassung biblischer Gegenstände unserer Zeit viel näher als selbst Raffael und die andern ältern Meister, welche spiritualistischer zu Werke gegangen sind als jene.

Raffael, im Dienste der Kirche malend, strebte in der Darstellung von biblischen Motiven des Neuen Testamentes nach dem Übersinnlichen, Unirdischen, nach dem Mythischen; er entsinnlichte das Körperliche, der Askese des Christentums zu Ehren. Die Venezianer hingegen, gewohnt, zu Ehren des freien Vaterlandes tüchtige Menschen zu malen, inmitten eines politisch und merkantilisch reichen Lebens, behielten beständig die Wirklichkeit als gesunden Boden und stellten, was naturgemäß ist, das Übersinnliche sinnlich dar.

In diesem Geiste hat Tizian eine Himmelfahrt Christi, Veronese eine Verkündigung gemalt, die mir einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben, während sonst der Verstand sich gegen das Wunder empört, das in der bildlichen Darstellung uns seine physische Unmöglichkeit aufdringt.

Jener Christus trägt das Gepräge urkräftigster, männlicher Begeisterung in sich, welche aus sich selbst heraus Wunder zu wirken vermag. Er ist das Symbol des Geistes, der sich über die Erde erhebt, und der ihm innewohnende Gott hat wundertätige Willenskraft.

Christus ist abgeschlossen in sich. Die linke Hand zeigt nach der Erde, auf der er sein Werk vollendet hat; die rechte hebt sich zum Himmel, von jener Willenskraft des Geistes beseelt, die das Unmögliche möglich macht. Er glaubt an die Kraft seiner Seele, er will sie benutzen, zum Lichte empor zu dringen; und dem riesigen Wollen gehorsam, hebt ihn der Geist empor. Nur die Spitze des rechten Fußes berührt noch die Erde, nur noch scheinbar gehört er dem Irdischen an, und schon – eben nur dem herabziehenden Gesetz der Schwere entrückt – bemächtigt die Luft sich seiner weiten, weißen Gewänder, und das reine Element trägt ihn empor über die Atmosphäre der Erde zum Äther, zum Licht. Der Geist des Menschen und das Element der Natur wirken in Übereinstimmung das Wunder. Das ist schön und wahr zugleich.

Ebenso tief ist Veroneses Verkündigung, ein Gegenstand, an dem seines Mysteriums wegen die Mehrzahl der Maler gescheitert ist. Die alten Meister, wie Fiesole, finden sich noch am besten darin zurecht. Der blonde Engel mit dem Lilienzweig, die Jungfrau mit den gesenkten Augenlidern knien sich in bewußtloser Unschuld und Demut gegenüber und sehen gewöhnlich beide ziemlich nichtssagend aus; die Jungfrau sogar oftmals ganz verwundert. Aber die Unschuld soll, wie Hebbel das so schön ausdrückt, an der Liebe sterben! Sie soll sterben, nicht verwundert in Resignation versinken.

Der gesunde Veronese rettete sich vor dem Wunder in die Allegorie und schuf ein Bild, das jedem fühlenden Menschen das Herz bewegt. In gewaltiger, räumlicher Architektur, in einer großen, offnen Halle richtet sich die kniende Jungfrau vor ihrem Betpulte empor, da in der äußersten Linken des Bildes ihr der Engel der Verkündigung erscheint. Der Engel blickt sie ruhig an, ihr Gesicht ist von aufzuckender Seligkeit überstrahlt; die heilige Ahnung des Mutterglückes kommt über sie, und nicht absichtslos steht der Engel der Verkündigung so fern von der Jungfrau, die noch eine lange Zeit banger Hoffnung von der Erfüllung trennt. Es ist eines der einfachsten Bilder, das man denken kann, und doch so tief ergreifend, weil das biblische Wunder zurückübersetzt ist in das heilige Wunder der Natur.

(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig Tageslicht)


06 Juli 2020

Regina Dieterle: Theodor Fontane


Sie berichtet darüber, welche Schreibwerkzeuge Fontane verwendet hat. Er wird auf offiziellen Portraits, auf Fotos wie auf Gemälden, mit Schreibfeder dargestellt. Er hat aber schon als Apotheker mit Stahlfedern geschrieben. Des Öfteren erwähnt er auch den Federhalter.
Von seinen Personen berichtet er mal, dass sie mit Schwanenfeder schreiben, mal, bei Personen, die untergeordnete Arbeit leisten, mit Stahlfeder. (S.578)

S.642: "Das Poetische hat immer recht; es wächst weit über das Historische hinaus..." (Frau Jenny Treibel, 7. Kapitel) bezogen auf Fontanes Satz "Denn wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich." aus dem 16. Kapitel über seinen Vater.
Dazu Dieterle: "Die Interpreten haben diesen Satz gern auf Fontane selbst bezogen. Er stimmt aber, nüchtern betrachtet, weder für ihn noch für den Vater oder nur insofern, als gilt:  "Das Poetische hat immer recht; ..." [sieh oben] (S.642)

16 März 2020

Aus dem Fontane-Lexikon (Carl Hanser, 2007)

Dabeigewesen: Fontane bekam als Berichterstatter von dem dänischen Krieg als Zeichen des Dabeigewesenseins sowohl die Düppel- als auch die Alsen-Militärmedaille

Daheim Die Zeitschrift druckte Fontanes"Vor dem Sturm" ab, danach nichts mehr von ihm.

Dahn, Felix: Fontane lernte Felix Dahn schon im Tunnel über der Spree kennen. Nach dem Vortrag einer Ballade soll Dahn Fontane nach Dahns eigener Mitteilung mit den Worten gelobt haben: "Na, das ist ja armdickee Poesie". Dahn habilitierte sich in München 1857 (mit 23 Jahren) mit der Schrift "Studien zur Geschichte der germanischen Gottesurteile". Fontane traf ihn 1859 bei seinem Aufenthalt in München. Felix Dahns großer Romanerfolg war "Ein Kampf um Rom" (1876)

Fontane musste dann mehrere Bühnenstücke von Felix besprechen. Meistens lobte er sie relativ ironisch.

06 März 2020

Fontane in Briefen

"Und nun lebe wohl und ertrage mein zu frühes Kommen wie so oft, denn ich kann mich kaum erinnern, dass mein Kommen jemals nicht mit einem kleinen Schreck verknüpft gewesen wäre. Erst allmählich finden sich Frauen wieder in die Tatsache, "dass er wieder da ist". Aber "darum keine Feindschaft nich." (Fontane aus Wyk an Emilie, 27.8.1891)

28 Dezember 2019

Fontane: Unterm Birnbaum (Film)

"[...] Die 1855 veröffentlichte Novelle gilt den meisten Fontane-Exegeten als in seinen Standesbeschränkungen überholt. Übersinnliches, Moritatenhaftes, Gesellschaftliches, Historisches, Psychologisches und anthropomorphisierende Landschaftserzählungsmomente werden in „Unterm Birnbaum“ etwas umständlich zusammengeführt. Die Geschichte erinnert an E. A. Poes „Das verräterische Herz“.
Zugrunde liegt eine wahre Begebenheit. Vom Fund des Skeletts eines toten Soldaten erzählt Fontane im Brief an seine Schwester, er macht daraus eine Mordgeschichte, die in der Illustration des Spruchs „Es ist nichts so fein gesponnen, ’s kommt doch alles an die Sonnen“ mündet. [...]
Der Mann bleibt verschwunden. Ein Unglück, unvorhersehbar wie das Wetter, lautet die offizielle Version. Nur der Ortspolizist Geelhaar (Devid Striesow) bleibt skeptisch und verhaftet Hradschek vorläufig. Kam dem hochverschuldeten Abel, dessen heruntergewirtschaftete Herberge Bände spricht, nicht Schulzes Geldkoffer sehr zupass? Zumal Ursel, die selbst das Grab ihres totgeborenen Kindes mit halsbrecherischen High Heels und in maskenhaftem Make-up besucht, keines ihrer seidenen, mit teurer Spitze besetzten Kleider zweimal trägt. [...]
Dass die beiden Hradscheks „über ihre Verhältnisse“ leben, ist bekannt im Oderbruchdorf. Geelhaar bleibt hartnäckig. In der Nacht hat Abel, der Himmel von zuckenden Blitzen erhellt, verfolgt von Jeschkes Augen unter dem herrlich tragenden Malvesier einen Sack vergraben. Eine falsche Spur, denn unter dem Baum liegt zwar ein Toter, aber schon seit Jahrzehnten, wie die Untersuchung ergibt. Vermutlich ein Soldat der Roten Armee, heißt es. Dass bei der Ausgrabung eine Art Brustharnisch ans Licht befördert wird, mag eine Reminiszenz an die alte Vorlage sein, in der Schulze noch ein polnischer Geldeintreiber namens Szulski war, der mit den Honoratioren des Dorfes in Hradscheks Gaststube allerhand jüngere russisch-polnische Geschichte erörterte. Der Tote unterm Birnbaum, der den Hradscheks ihr Alibi gibt, war einst ein Franzose, nun ist er Sowjet. [...]"
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/fontanes-unterm-birnbaum-auf-arte-es-reichte-nicht-fuer-dieses-leben-16553470.html