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13 November 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - God's Window (Südafrika)

God's Window 
Letzter Vorhang 
"[...] Irgendwo vor Kapstadt weicht Afrika zurück und wird Allerweltsland, adrett und appetitlich, mit Straßenkeh rern und Weinfarmen, Freizeitvergnügen und Golfplät zen. Aus diesem Schweizer Ambiente erhebt sich Kap stadt mit seinen »Served Apartments« und »Guarded Communities« [...]. Von Kapstadt aus betrachtet, liegt Afrika so fern wie Indien. » (S.86)  [...] Pilates-Turnerinnen rumpfbeugen sich auf der Wiese [...] Die Weißen kultivieren jetzt defensives Sonnenba den, so geschützt wie dosiert. Die Sonne ist feindlicher und der Mensch pragmatischer geworden [...] Auf älteren Fotos dagegen räkeln sich die Menschen noch einladend ins Licht, ja, ihre Hingabe hat etwas so Obszönes, als wollten sie von der Sonne regelrecht »ge nommen« werden. So lustvoll war das in den alten Zei ten des Sonnenbadens. Dieses Beinespreizen, Alle-Viere von-sich-strecken, diese Willenlosigkeit! Junge Menschen drücken vor der Sonne noch immer Bereitwilligkeit aus, einen verschwenderischen Umgang mit ihrer Nacktheit, die Alten dagegen kauern sich heute nur noch gebückt und vom Licht abgewandt. (S.87)
[Willemsen versucht, das Kap zu erreichen, aber das Gatter ist verschlossen.]
Am Ende blieb dies Ende der Welt geschlossen. Doch von einem günstigen Blickpunkt aus, von einer Biegung der Straße Richtung Westen, sahen wir die ominöse Kuppe liegen. Sie hatte nichts von dem Kontinent, der hier auslief, nein, sie war eine Irgendwie-Kuppe auf einem Irgendwo-Hügel, eine einzige Verweigerung, Bel vedere und Bellavista, Land's End und Finistere zu sein. So ersparten wir uns die Verlegenheit der Touristen vor der Aussicht. (S.94)
W. über das Kennzeichen einer eindrucksvolle Aussicht: "der Besucher verlangsamt, hält inne und ernährt sich vom Blick. Die Aussicht sagt ihm, dass er die richtige Höhe, den passenden Einfallswinkel gefunden hat, und dass »der große Derdiedas« seine Hand eben erst aus der Natur gezogen hat. Sein Atem geht noch darüber. Eine Aussicht ist immer dann schön, wenn der Betrachter vor ihr klein wird. Dann ist sie erhaben, denn er selbst ist bloß eine Bagatelle." (S.95)
"An den offensichtlichen Enden der Welt liegt oft Niemandsland, besetzt mit Buden. [...] »Ich bringe dich an einen Ort, wo die Welt wirklich zu Ende ist«, sagt Pierre. »Er heißt God's Window [...]" (S.96) 
"»God's Window« ist ein Balkon über einer rasant abfallenden Schlucht, etwa tausend Meter tief, geformt aus glänzenden Felswänden, von Flechten und Ranken bewachsen, vom fallenden Quellwasser bespült, von zirpenden Grillen und schreienden Vögeln beschallt. Eine Schlucht, deren Flanken aufeinander zu streben, als wolle sich ein felsiger Vorhang schließen über dem Blick in die Tiefe, über die Wälder und Ströme, über den Weitblick nach Mosambik." (S.98)
" Ja, hier spielt das Drama einer Landschaft, der der Mensch bloß zugestoßen ist." (S.99)

02 August 2010

Not, Verzweiflung und Hoffnung in Südafrika

Das Buch „Kap meiner Hoffnung“ von Irina André-Lang vermittelt ein genaues Bild der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation in Südafrika und der Schrecken der Apartheid und bleibt trotz der Genauigkeit der Darstellung durchweg eine fesselnde Lektüre.

Wie gelingt es, die heutige Situation offen und schonungslos zu beschreiben, die katastrophalen Folgen der Verkennung der Gefahren durch Aids in aller Deutlichkeit darzustellen und dennoch die Überwindung der Apartheid als den großen Schritt zu Hoffnung, Entwicklung und Glück zu zeigen?
Im Mittelpunkt des Buches steht eine Frau, die in der Arbeit in Südafrika eine Lebensaufgabe, im Land Südafrika ihre große Liebe und in der Unterstützung Leidender, engagierter Helfer und hoffnungsfreudiger Kinder ihr Glück findet.
Am Anfang stehen ein Mädchen, das gern Puppen verarztet und eine Frau, die durch einen persönlichkeitsverändernden Gehirntumor ihren Mann verliert, aber in ihrem Beruf und ihrem Engagement gegen die Apartheid in Südafrika neuen Sinn findet.

Die schwierige Balance zwischen Subjektivität und notwendiger objektivierender Distanz wird dadurch versucht, dass durchweg aus der Ich-Perspektive dargestellt wird – dadurch entsteht die Möglichkeit unmittelbaren Mitvollzuges – und andererseits deutlich herausgestellt wird, dass der Text von einem von außen hinzutretenden Journalisten formuliert worden ist.