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11 April 2021

Fanny Lewald: Wandlungen 3. Band, Kapitel 6: Das Gespräch der Freunde, Kapitel 7 Auguste und Friedrich, Kapitel 8 Auguste, Sidonie, Friedrich und Erich

Sechstes Kapitel 

[...] »Ich sagte Dir nicht, daß ich unsere Trennung beabsichtige, ich sprach nur aus, daß ich an die Möglichkeit eines solchen Schrittes gedacht habe in mancher schweren Stunde!« und wieder schwiegen die Freunde.

Erich hatte Recht gehabt, sie standen an dem Scheidewege, der sie Beide trennen konnte. Grade darum aber fühlten sie, wie theuer sie einander waren, wie lange und wie mächtige Erinnerung sie verkettete, wie das Beisammensein der letzten Jahre sie noch fester verbunden hatte, und wie sie einander in Zukunft fehlen würden.

»Wovon denkst Du zu leben? Stehen Deine Plane für die Zukunft fest, wenn man Dein Entlassungsgesuch annimmt?« fragte Erich, der eine liebevolle Genugthuung darin empfunden hatte, den Freund in seiner Nähe und durch seine Hülfe vor Nahrungssorgen geschützt, in relativem Wohlstande zu wissen.

»Ich habe vor, das ererbte Capital für den Bedarf der nächsten Jahre zu verwenden. Sobald ich frei bin, denke ich nach Italien, nach Rom zu gehen.« »Nach Rom? was willst Du dort?« »Ich will Geschichte studiren und Archäologie! Gelingt es mir, diese Studien, wie ich es wünsche, für die Gegenwart nutzbar, für die Nichtstudirten zugänglich zu machen, bin ich im Stande, die Kenntniß der alten Welt und ihrer Kunst zu popularisiren, wie ich's möchte, so hoffe ich der Menschheit damit manches Werkzeug zur Ausrodung des Urwaldes in die Hand zu geben, an dessen Stätte einst unser Tempel stehen soll!« »Und Deine Frau?« fragte Erich. »Auguste soll mit mir gehen!« antwortete Friedrich. »Grade für sie, für die Zukunft unserer Ehe, erwarte ich viel von einer solchen Reise. Der Anblick einer ihr neuen Welt, die großen und mächtigen Eindrücke, die ihr Italien bieten wird, müssen Augustens Sinn erweitern. Das Alleinsein der Reise wird uns näher zu einander führen. Auch in diesem Punkte ersehne ich die Ortsveränderung, und mich dünkt, daß Augustens Entfernung auch Deiner Ehe ersprießlich sein werde.« [...]

Friedrich fühlte sich frisch und jung, Erich traurig und alt, als sie sich an dem Abend trennten. 

Siebentes Kapitel

Frei geworden durch die Mittheilung gegen den Freund, hatte Friedrich beschlossen, gleich am nächsten Morgen Auguste in seine Absicht einzuweihen, obschon ihm davor bangte. Sie saß am Frühstückstische, als er nach einem Gange durch den Garten bei ihr eintrat. »Hast Du gesehen,« rief sie ihm entgegen, »daß die Mairöschen heraus sind? Ich ging früh nach den Radiesbeeten, und fand den Garten wie verzaubert seit gestern. Alles ist voll Rosen!« Sie sah heiter aus, hatte Rosen in einem Glase Wasser auf den Tisch gestellt und selbst einige Rosen an die Brust gesteckt. »Ja!« sagte Friedrich, »auch mir ist die Schönheit unseres Gartens selten so entgegengetreten. Er ist in den drei Jahren ein ganz anderer geworden. Man arbeitet wirklich einen Theil seines Herzens hinein in solch kleinen Besitz. Es hat mich gerührt, als mir heute das Stückchen Erde in so blühendem Dank entgegen schimmerte!« [...]

Auguste und Friedrich

[...] Sie ließ ihn nicht enden. »Wenn Du daran dächtest,« rief sie, »von hier fort zu gehen, so würde ich Dich für den größten Thoren erklären; es sei denn, daß Du irgend eine Superintendentur, oder sonst eine sehr bedeutende Stellung in der Stadt erhieltest, bei der man neben besserem Gehalte eine Position hätte. Aber sonst – sonst wäre es ein Wahnsinn von hier fort zu gehen!« [...]

»Was ist mir Italien?« rief sie aus, »was sind mir seine todte Pracht und seine große Vergangenheit? Hier bin ich heimisch, hier will ich bleiben. Und Friedrich selbst, was will er dort? Was hofft er dort Tröstliches zu finden, das er hier nicht hätte? Was kann er mir dort bieten? Muß ich denn heimathlos werden, muß ich auch noch Mangel und Nahrungssorge kennen lernen, nun denn! so will ich sie doch lieber hier, lieber in der Nähe von Menschen erdulden, die mich nicht verlassen werden! Nur nicht im fremden Lande, unter fremden Leuten, deren Sprache man nicht einmal kennt, von Ort zu Ort wandern, unter dem Drucke täglicher Noth und Sorge!« Ihre Thränen erstickten sie fast, sie schluchzte laut. Mit der zügellosen Phantasie der Unbildung, die vor jedem unerwarteten Ereigniß stutzig wird und sich empört, hatte sie sich die ihr bevorstehende Veränderung ihrer äußeren Verhältnisse in so übertriebener Weise ausgemalt, daß sie sich bereits landflüchtig und am Bettelstabe wähnte, weil ihr Mann seine bisherige amtliche Stellung mit einer freien Thätigkeit vertauschen wollte. Im Grunde konnte sie auch kaum anders empfinden. War sie doch selbst von Kindheit an zu dieser Denk- und Anschauungsweise angeleitet, deren Folgen sich jetzt offenbarten. So lange man die Frauen in dem Glauben erzieht, daß sie als Mädchen von den Eltern, als Gattinnen von dem Manne ein fertiges behagliches Dasein zu fordern haben, weil ihnen der Verkehr mit der Außenwelt und der Erwerb eigentlich nicht zustehen, so lange man sie in dem Wahne erhält, daß die höchste Aufgabe des Weibes in der Ehe das Sparen dessen sei, was der Mann erworben hat, so lange werden alle nicht reichen Männer, alle Männer, deren Einnahmen nicht fest gesichert sind, gerechte Bedenklichkeiten gegen die Ehe hegen, und in allen kritischen Fällen keine Stütze an ihren Frauen haben. Mit der oberflächigen Bildung, mit dem Dilettantismus in den Künsten, mit denen in Deutschland die Jugend der Frauen ausgefüllt wird, gewöhnt man sie an eine unnütze, unfruchtbare Beschäftigung, die in der Ehe meist mit einer eben so unfruchtbaren Haushaltsarbeit vertauscht wird. Es kommt aber nicht darauf an, daß der Mensch Etwas thue, sondern daß er das Vernünftige, das Nützliche thue. Und die Untüchtigkeit der Frauen, die sich mit Angst an das Amt, an die feste Einnahme des Mannes klammern, die den Mann selbst dadurch mehr oder weniger zum Sklaven seines Amtes, zum Sklaven der Regierung machen, hat mehr Antheil an der Unfreiheit unserer politischen Verhältnisse, als es bei oberflächiger Betrachtung scheinen mag. [...]

Achtes Kapitel

Auguste und Sidonie

[...] »Ich bin der Meinung, und Erich stimmt mir vollkommen bei,« erklärte die Baronin, »daß man Friedrich hindern müsse, seine Entlassung zu nehmen. Ein solcher Schritt macht so viel übles Aufsehen. Was sollen der Gemeinde die Bekenntnisse, mit denen er diesen Entschluß nothwendig rechtfertigen müßte? Die Leute denken ohnehin mehr als sie sollten, glauben weniger als ihnen unerläßlich wäre. [...]

Menschen, die sich an Streit gewöhnt haben, verlieren Maß und Ziel, sobald das erste Wort des Zwistes ausgesprochen ist. Nicht der gegenwärtige geringe Anlaß ist es, der sie dann erfaßt; die ganze Vergangenheit tritt vor sie, alle frühere Uneinigkeit wird lebendig, und bei dem gleichgültigsten Anlaß haben sie unter schwerem Leiden das ganze Unglück ihres Lebens durchzukämpfen. Mit einer Erbitterung, wie sie sie niemals noch empfunden hatten, mit dem festen Vorsatze von beiden Seiten, das eigene Recht, den eigenen Willen zu behaupten, erhoben sie sich von dem Mahle; Auguste, um Sidonien mitzutheilen, daß sie, und um welchen Preis sie Friedrich nicht begleite, Friedrich, um das Entlassungsgesuch an das Ministerium aufzusetzen. Indeß noch hatte er es nicht beendet, als Erich bei ihm eintrat. Er bekannte offen, daß er in Folge einer Unterredung mit Auguste komme, und während er diese mit Wärme vertheidigte und beklagte, versuchte er es nochmals, den Freund zum Ueberlegen seines Entschlusses, ja zum Bleiben in seinem Amte zu bestimmen. »Ich habe Dir gestern zugegeben,« sagte er, »daß Du gehen, daß Du Deiner Ueberzeugung folgen müssest. Es ist aber bei lebhaften Menschen eine eigene Sache um die Ueberzeugungen. Ich selbst, weniger erregbar als Du, habe große Sinnesänderungen an mir erfahren, habe an Dir, mein Freund, solch vollständigen Wechsel des Glaubens und der Ueberzeugungen erlebt, daß ich mißtrauisch geworden bin gegen die Beständigkeit des Menschen überhaupt. Laß mich also nochmals die Bitte wiederholen, Du mögest nicht in augenblicklicher Erregung einen letzten Entschluß fassen, der Dich gereuen könnte.« [...]

Da Friedrich schwieg, wie es seine Art war, wenn er lebhaft nachdachte, rief Erich: »Und was wird damit gewonnen sein, wenn Du dem Kinde, dem unfertigen Menschen den Glauben an einen persönlichen Gott zerstörst?«

»Fühlst Du denn nicht, fühlt Ihr Alle nicht,« sagte Friedrich, »wie undenkbar ein Gott ist, den Ihr in Eurer Endlichkeit, mit Euren endlich beschränkten Eigenschaften ausgestattet habt? Fühlt Ihr denn nicht, wie schwer Ihr Euch versündigt an dem unerfaßbaren Principe, das Alles schafft und hält, wenn Ihr diesem Allwaltenden menschliche Eigenschaften beilegt? Ihr sprecht von einem liebenden, von einem rächenden, von einem lohnenden und strafenden Gotte in ganz persönlichem Verhältniß zu Euch selbst. Und über und in uns Allen lebt die Kraft, die unbegreifbare Werdekraft, die Nichts gemein hat mit Liebe und mit Haß, mit Lohn und Strafe, und die Ihr profanirt, indem Ihr sie verkörpert!«

»Aber glaubst Du,« fiel ihm der Baron in's Wort, »glaubst Du, der Du selbst Dich zu klein nennst, die Werdekraft zu begreifen, daß das Kind und der Ungebildete diese kalte Abstraction erfassen, sich zu eigen machen können? Die Phantasie des Kindes, des Naturmenschen ist plastisch. Nimm ihm das Bild, unter der er das Allmächtige verehrt, nimm ihm die schöne Vorstellung eines allliebenden Vaters, die das Christenthum uns gegeben hat, und seine Phantasie wird sich leicht ein ungeheuerliches Phantom erschaffen aus dem Wesen, dem er sich hülflos gegenüber sieht. Es ist für den reifsten Menschen schwer, sich verständnißlos vor den Endfragen unseres Werdens und Vergehens zu bescheiden. Und Du hättest den Muth, eine solche Entsagung dem Volke aufzuerlegen? Du hättest den Muth, dem Volke, von dem Du täglich gezwungen bist, die nothwendige Unterwerfung unter eine Autorität zu fordern, soll es nicht wüster Verwahrlosung und anarchischer Zerstörung anheim fallen, Du hättest den Muth, einem solchen Volke den Glauben an die höchste Autorität zu nehmen, den Glauben an den Allmächtigen? – Bedenke das, Friedrich!«

»Ich habe Alles bedacht! Alles erwogen!« antwortete Friedrich ruhig. »Grade weil ich fühle, daß es Frevel wäre, an den Glauben des Volkes, bei seinem jetzigen Bildungsgrade, zerstörend Hand zu legen, darum muß ich gehen. Ich habe versucht, mich mit mir selbst abzufinden, ich habe vermitteln wollen. Ich wollte die Kinder, das Volk nicht in Disharmonie setzen mit der Welt, in der sie leben. Ich sprach ihnen von einem höchsten Wesen, aber ich gab ihm weder menschliche Eigenschaften wie Liebe und Rache, noch konnte ich ihn als einen Belohner oder Strafer darstellen. Ich sprach von dem Allgeiste, der parteilos und ruhig wirkend über dem All schwebt, der dem Menschen die volle Freiheit, die alleinige Verantwortlichkeit für seine Handlungen gelassen hat, aus denen Glück und Unglück, Lohn und Strafe für ihn erwachsen –«

»Nun, und was war die Folge davon?« fragte der Baron eifrig.

»Die nächste Kirchenvisitation, Du hast es ja mit mir erlebt,« antwortete Friedrich, »die Kirchenvisitation ermittelte schnell, daß den Kindern der Begriff einer Vorsehung, die Vorstellungen von Lohn und Strafe im Jenseits, vom Teufel und von der Hölle, von der Erbsünde und von allen anderen Dogmen fehlten, und ich erntete die mündliche Zurechtweisung des Superintendenten, den schriftlichen Tadel des Consistoriums dafür. Es giebt keine Vermittlung zwischen Glauben und Unglauben, keine, Erich! – Und ich gehe, weil ich erkenne, daß der Einzelne nicht vorschnell zerstören soll, was für Millionen seiner Mitlebenden noch das Heiligste und Höchste ist!«

Es entstand eine lange Pause. Endlich sagte der Baron: »Ja! Du kannst nicht bleiben, Du mußt fort! Aber bringe mir ein Opfer, das mit Deiner eben ausgesprochenen Ueberzeugung leicht vereinbar ist. Es kann einem Manne von Deiner Einsicht nicht darauf ankommen, durch ein öffentliches Bekenntniß Aufsehen und Proselyten im Volke zu machen, denn auch das wäre eine Gewaltsamkeit. Die religiösen Fragen zittern in der Luft, Ronge und Wislicenus haben die Gemüther aufgeregt. Mache Dein Fortgehen zu keiner Demonstration. Verweile noch unter uns, laß die Leute sich an den Gedanken Deiner Reise gewöhnen. Du nützest mir damit. Es ist ein Freundschaftsdienst, den ich von Dir begehre.« [...]

»Verweile noch!« rief der Baron mit der leidenschaftlichen Wärme seiner ersten Jugend, »prüfe, bedenke Alles. Nimm einen Urlaub für's Erste, gehe nach Italien – aber laß mir die Hoffnung, daß eine Sinnesänderung für Dich möglich ist, und daß Du uns erhalten bleiben kannst!«

»Guter, treuer Freund!« sagte Friedrich, »täuschen wir uns nicht –«

»So gönne mir Zeit,« fiel ihm der Baron in's Wort, »mich an den Gedanken zu gewöhnen, Friedrich! – und gehe unbekümmert. Die Sorge für Deinen Stellvertreter und für Auguste bleiben mein, bis Du zurückkehrst!«

Friedrich hatte keine Worte. Stumm drückte er dem Freunde die Hand, dann trennten sie sich für den Tag

(Fanny Lewald: Wandlungen 3. Band Kapitel 6, 7 und 8)


17 Juli 2020

Venedig bei Goethe, Fanny Lewald und Fontane

Venedig (Wikipedia)
"So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte. So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name, der mich so oft, mich, den Todfeind von Wortschällen, geängstiget hat.
Als die erste Gondel an das Schiff anfuhr (es geschieht, um Passagiere, welche Eil' haben, geschwinder nach Venedig zu bringen), erinnerte ich mich eines frühen Kinderspielzeuges, an das ich vielleicht seit zwanzig Jahren nicht mehr gedacht hatte. Mein Vater besaß ein schönes mitgebrachtes Gondelmodell; er hielt es sehr wert, und mir ward es hoch angerechnet, wenn ich einmal damit spielen durfte. Die ersten Schnäbel von blankem Eisenblech, die schwarzen Gondelkäfige, alles grüßte mich wie eine alte Bekanntschaft, ich genoß einen langentbehrten freundlichen Jugendeindruck. [...]
Den 29sten, Michaelistag, abends.
Von Venedig ist schon viel erzählt und gedruckt, daß ich mit Beschreibung nicht umständlich sein will, ich sage nur, wie es mir entgegenkommt. Was sich mir aber vor allem andern aufdringt, ist abermals das Volk, eine große Masse, ein notwendiges, unwillkürliches Dasein.
Dies Geschlecht hat sich nicht zum Spaß auf diese Inseln geflüchtet, es war keine Willkür, welche die Folgenden trieb, sich mit ihnen zu vereinigen; die Not lehrte sie ihre Sicherheit in der unvorteilhaftesten Lage suchen, die ihnen nachher so vorteilhaft ward und sie klug machte, als noch die ganze nördliche Welt im Düstern gefangen lag; ihre Vermehrung, ihr Reichtum war notwendige Folge. Nun drängten sich die Wohnungen enger und enger, Sand und Sumpf wurden durch Felsen ersetzt, die Häuser suchten die Luft, wie Bäume, die geschlossen stehen, sie mußten an Höhe zu gewinnen suchen, was ihnen an Breite abging. Auf jede Spanne des Bodens geizig und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht mehr Breite, als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten. Übrigens war ihnen das Wasser statt Straße, Platz und Spaziergang. Der Venezianer mußte eine neue Art von Geschöpf werden, wie man denn auch Venedig nur mit sich selbst vergleichen kann. Der große, schlangenförmig gewundene Kanal weicht keiner Straße in der Welt, dem Raum vor dem Markusplatze kann wohl nichts an die Seite gesetzt werden. Ich meine den großen Wasserspiegel, der diesseits von dem eigentlichen Venedig im halben Mond umfaßt wird. Über der Wasserfläche sieht man links die Insel St. Giorgio Maggiore, etwas weiter rechts die Giudecca und ihren Kanal, noch weiter rechts die Dogane und die Einfahrt in den Canal Grande, wo uns gleich ein paar ungeheure Marmortempel entgegenleuchten. Dies sind mit wenigen Zügen die Hauptgegenstände, die uns in die Augen fallen, wenn wir zwischen den zwei Säulen des Markusplatzes hervortreten. Die sämtlichen Aus- und Ansichten sind so oft in Kupfer gestochen, daß die Freunde davon sich gar leicht einen anschaulichen Begriff machen können. [...]  
 [* Heute kann man die Bestände der Commons von Wikimedia zu Venedig nach Bildern wie z.B. dies durchforsten.]
Den 6. Oktober.
Auf heute abend hatte ich mir den famosen Gesang der Schiffer bestellt, die den Tasso und Ariost auf ihre eignen Melodien singen. Dieses muß wirklich bestellt werden, es kommt nicht gewöhnlich vor, es gehört vielmehr zu den halb verklungenen Sagen der Vorzeit. Bei Mondenschein bestieg ich eine Gondel, den einen Sänger vorn, den andern hinten; sie fingen ihr Lied an und sangen abwechselnd Vers für Vers. Die Melodie, welche wir durch Rousseau kennen, ist eine Mittelart zwischen Choral und Rezitativ, sie behält immer denselbigen Gang, ohne Takt zu haben; die Modulation ist auch dieselbige, nur verändern sie nach dem Inhalt des Verses mit einer Art von Deklamation sowohl Ton als Maß; der Geist aber, das Leben davon, läßt sich begreifen, wie folgt.
Auf welchem Wege sich die Melodie gemacht hat, will ich nicht untersuchen, genug, sie paßt gar trefflich für einen müßigen Menschen, der sich etwas vormoduliert und Gedichte, die er auswendig kann, solchem Gesang unterschiebt.
Mit einer durchdringenden Stimme - das Volk schätzt Stärke vor allem - sitzt er am Ufer einer Insel, eines Kanals auf einer Barke und läßt sein Lied schallen, so weit er kann. Über den stillen Spiegel verbreitet sich's. In der Ferne vernimmt es ein anderer, der die Melodie kennt, die Worte versteht und mit dem folgenden Verse antwortet; hierauf erwidert der erste, und so ist einer immer das Echo des andern. Der Gesang währt Nächte durch, unterhält sie, ohne zu ermüden. Je ferner sie also voneinander sind, desto reizender kann das Lied werden: wenn der Hörer alsdann zwischen beiden steht, so ist er am rechten Flecke.
Um dieses mich vernehmen zu lassen, stiegen sie am Ufer der Giudecca aus, sie teilten sich am Kanal hin, ich ging zwischen ihnen auf und ab, so daß ich immer den verließ, der zu singen anfangen sollte, und mich demjenigen wieder näherte, der aufgehört hatte. Da ward mir der Sinn des Gesangs erst aufgeschlossen. Als Stimme aus der Ferne klingt es höchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es ist darin etwas unglaublich, bis zu Tränen Rührendes. Ich schrieb es meiner Stimmung zu; aber mein Alter sagte: »È singolare, come quel canto intenerisce, e molto piè, quando è piè ben cantato.« Er wünschte, daß ich die Weiber vom Lido, besonders die von Malamocco und Pelestrina hören möchte, auch diese sängen den Tasso auf gleiche und ähnliche Melodien. Er sagte ferner: »Sie haben die Gewohnheit, wenn ihre Männer aufs Fischen ins Meer sind, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme abends diese Gesänge erschallen zu lassen, bis sie auch von ferne die Stimme der Ihrigen vernehmen und sich so mit ihnen unterhalten.« Ist das nicht sehr schön? Und doch läßt sich wohl denken, daß ein Zuhörer in der Nähe wenig Freude an solchen Stimmen haben möchte, die mit den Wellen des Meeres kämpfen. Menschlich aber und wahr wird der Begriff dieses Gesanges, lebendig wird die Melodie, über deren tote Buchstaben wir uns sonst den Kopf zerbrochen haben. Gesang ist es eines Einsamen in die Ferne und Weite, damit ein anderer, Gleichgestimmter höre und antworte."
(J.W.v. Goethe: Italienische Reise, Venedig)

Venedig

Der Markusplatz

Es scheint ein langes, ew'ges Ach zu wohnen
In diesen Lüften, die sich leise regen,
Aus jenen Hallen weht es mir entgegen,
Wo Scherz und Jubel sonst gepflegt zu thronen.
Venedig fiel, wiewohl's getrotzt Äonen,
Das Rad des Glücks kann nichts zurückbewegen:
Öd' ist der Hafen, wen'ge Schiffe legen
Sich an die schöne Riva der Sklavonen.
Platen
Es war Nacht geworden, als wir nach der Visitation endlich die Dogana verlassen durften. Der Ruf: »Una barca! Una gondola!« tönte von allen Seiten an unser Ohr. Wir bestiegen die zunächstliegende Gondel, der Gondolier trat auf seinen Platz hinter dem Häuschen, und der sichere Druck seines Ruders ließ uns lautlos und pfeilgeschwind durch die Lagunen schießen.
Eine Gondel! ein Gondoliere! Welch ein Zauber weht uns an aus diesen Worten! Weich und wollüstig wiegt sich die Seele in den poetischen Bildern einer fernen Zeit, wie das Schiffchen sich schaukelt auf den leise erzitternden Wellen der Kanäle.
Stolze Ritter haben das Schwert von ihren Hüften gegürtet, das Haupt von der eisernen Wucht des Helmes befreit. Unter dem Federbarett erglänzen dunkle Locken, ein schwarzer Domino umhüllt die männliche Gestalt, welche die Prachttreppen hernieder zur Gondel schreitet. Die Gitarre liegt auf den elastischen, schwarzen Polstern, das schwarzverhangene Gondelhäuschen darüber verbirgt wie ein Sarg den Glücklichen, der daraus hervorzugehen hofft zu seliger Freude.
Rasch fliegt das leichte Fahrzeug die Kanäle entlang, fort unter den dunkeln Schauern der Seufzerbrücke, vorüber an dem Lichtgeflimmer der Piazzetta; weiter, immer weiter vorwärts! Der verschwiegene Gondoliere kennt wohl sein fernes Ziel. Er hat's erreicht und hält!
Nicht an der breiten Marmortreppe des Canal Grande, wo vor dem lichtstrahlenden Palast sich Gondel an Gondel um die Befestigungspfähle reiht, welche hell leuchten in den Wappenfarben des Hohen Hauses. Tanzmusik erklingt dort aus prächtigem Saale, eilfertige Dienerschaft fliegt durch Treppen und Hallen, geschmückte Männer und Frauen stehen in den geöffneten Fenstern der Altane, Kühlung einatmend in dem frischen Nachthauch, der herüberweht vom Meere.
Nein! leise und schnell an der Prachttreppe vorüber huscht die Gondel im Schatten der Pilaster zur kleinen Hinterpforte des Palastes am Traghetto (Landeplatz). Die Gitarre erklingt, ein Fenster wird behutsam geöffnet; die Gitarre verstummt. Unhörbar schlüpft ein zarter Frauenfuß über die Quadern, noch ein Moment – und die Liebenden sind vereint, vereint unter der treuen Obhut des schweigenden Gondoliers.
Oh! welches Glück, hinauszurudern, ungesehen, unbelauscht, durch die weiten Kanäle, in herzigster Einsamkeit, Auge in Auge versenkt, Lippe an Lippe gepreßt! gewiegt von dem schwankenden Kahn in süßeste Träume, ohne Geräusch, ohne den störenden Laut von außen, so still, daß das leiseste Flüstern, daß der zaghafteste Seufzer widerklingt in der Brust des Geliebten! hinaus in die ruhenden, mondbeglänzten Fluten des Adriatischen Meeres, dem einst die Venus entstieg, die schöne Göttin der Liebe.
Gewiß! gibt es ein Paradies, ein Eden der Liebe: in einer Gondel gelangt man dahin!
Doch »Venedig lebt nur noch im Reich der Träume«! – Keine Siegesfanfaren erklingen jetzt in den Hallen der alten Dogengeschlechter, kaum ein Zitherklang unter den Fenstern schöner Frauen. Schweigend heben sich die Prachtpaläste aus den Fluten empor, welche leise anplätschern gegen die Stufen der Marmortreppen. Nur hie und da erglänzt aus hohem Gemach der Schimmer von Lichten, nur bisweilen tritt aus der Halle eines Palastes eine Gestalt hervor, steigt die Treppe hinab und verschwindet in der Gondel, welche sie lautlos entführt.
Nie habe ich auch nur in annähernder Ahnung die Vorstellung der Stille gehabt, welche uns in Venedig umgibt. Unser Ohr ist so sehr des Durcheinanderklingens von Menschentritten, Wagengerassel und Rossestampfen gewohnt, daß wir es erst dann als ein Auffallendes empfinden, wenn es einmal einen ungemeinen Grad erreicht hat. Wirkliche Ruhe, wirkliche Stille kennen wir in unsern Städten nicht. All unsere Vorstellungen davon sind bedingt. Wenn uns nun hier mitten in einer großen Stadt, mitten auf den Kanälen Venedigs vollkommene Stille umgibt, so glauben wir zu träumen, und alte Märchen von der schweigenden Königsburg, von dem schönen, im Meere versunkenen Vineta tauchen vor unserm Geiste auf, bis die Gondel uns an die Stufen der Piazzetta führt und neue Zauberbilder uns zu umgaukeln scheinen.
Es ist Nacht. Bleiches Mondlicht strahlt matt durch die Wolkenvorhänge, welche der leise Wind langsam hinwegweht, die Sterne schauen verstohlen hervor, die Wogen des Meeres ruhen, die Gondel landet an den breiten Stufen. Zwischen den beiden schönen Säulen der Piazzetta steigt man an das Ufer. Der geflügelte Löwe von San Marco und der heilige Georg, welche die Säulen schmücken, wachen über Venedig und schützen unsern Eintritt.
Ein orientalisches Gebäude liegt zu unserer Rechten. Über byzantinisch gezierten, niedrigen Säulen, welche die Bogen tragen, erhebt sich das obere Stockwerk in ganz befremdlicher Form. Die rötlich gebrannten Ziegel verschlingen sich zu geheimnisvollen Arabesken, wunderbare Gebilde ragen aus dem Marmorzierat hervor. Die hohen Fenster beherrschen den Platz und das Meer, aber sie sind von keinem Lichte erhellt, das Haus ruht im Schweigen der Nacht.
Schlummert darin die arabische Fürstin, die Abencerragen-Geliebte, welche ein neidischer Zauberer entführte? Wachen Genien darin und flüstern ihr süße Träume ins Ohr vom fernen Geliebten, der sie ersehnt in den Fontänensälen der Alhambra? – Oder ist es ein Tempel geheimnisvoller Brüderschaft, welche dem strebsamen Neophyten die Offenbarung eines unsichtbaren Gottes in mystischen Zeichen enthüllt? Wir stehen davor in staunender Betrachtung, denn – Venedigs Dogenpalast hat nicht seinesgleichen im ganzen Abendlande.
Es ist der Zauber des Orientes, der uns umweht. Wir hören Kaskaden rauschen, wir hören Palmblätter fächeln über den Polstern, auf denen die Sultanin ruht. Aufgelöst ist ihr schwarzes, flutendes Haar, das herniedersinkt über die juwelengeschmückte Brust, über die feine Hand bis hinab zu den nackten, spangenumgebenen Füßen, welche auf den golddurchwirkten Kissen ruhen. Papageien wiegen sich in goldenen Ringen, goldene Fischchen glitzern im Marmorbassin – da – erblickt man die prachtvolle Treppe – die Riesentreppe des Dogenpalastes, und – Marino Falieros schwarzes Leichentuch fällt über die lachenden Bilder des Orients.
Wir wenden unser Auge! Das Lichtgeflimmer der Läden unter den alten und neuen Prokurazien erglänzt, die Uhr in dem Uhrhause zeigt, unter dem Gold- und Ultramarinschmuck der Fassade, die zehnte Stunde. Noch ein Schritt vorwärts, und wir stehen auf den Quadern des Markusplatzes.
(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig)

"Die ganze Welt der Erscheinungen ist nicht dazu da, um Malern und Poeten wünschenswerte und bequem liegende Stoffe zu bieten, sondern um überhaupt zu befriedigen und zu erfreun. Das Leben stellt vielfach andere Forderungen als die Kunst, und Individuen die Staaten gehen zu Grunde, die dies übersehen. Wem diese Wahrheit zu Fleisch und Blut geworden ist, der wird auf Venedig blicken wie ich noch in der letzten Stunde auf ein wunderschönes Frauenzimmer blickte, die aus dem zweiten Stock eines halbverfallenen Hauses träumerisch-faul  mit tief und dumm schmachtendem Auge uns nachsau, als unsere Gondel an den Wasserstiegen des schmalen Kanals vorüber fuhr. Sie war so schön, wie ich selten Weiber gesehen habe und das halbgekräuselte schwarze Haar lag wie eine Mähne um sie her, mit den Spitzen nach vorn hin und über die halb entblößte Brust fallend; ich werde den Anblick nie vergessen. Aber sie war ungewaschen und ungekämmt, und nach meinem Gefühl, so wenig sie persönlich innerhalb der idealen Liebe zu stehen schien, doch nur für eine solche geeignet. Ein Wesen, nur mit dem Auge zu genießen; mit ihr zu leben – ein Gedanke nicht ausgedacht zu werden! So auch die Stadt selbst. Diese schöne, schwarzhaarige Schwester Struwelpeters, die seifenintakt auf einen gondelbefahrenen Rinnstein niedersah, war mir wie das Bild Venezias als selbst erschienen.
Eine glänzende Ausnahme macht der Markusplatz und die an ihn grenzende Piazzetta. [...]"

(Theodor Fontane an Karl und Emilie Zöllner, 10.10. 1874)

"Militärmusik erklingt. Vor der Markuskirche ragen die drei roten Mastbäume auf erzenem Sockel empor, die Trophäen Venedigs nach Eroberung der Inseln Morea, Candia und Zypern. Schiffer in dalmatischer Tracht, Landleute von den Inseln und Matrosen aus den freien Staaten Nordamerikas lagern zu ihren Füßen.

Kaffeehäuser und Luxusmagazine, wohin man blickt. Die mit Hallen überbauten Erdgeschosse sämtlicher Gebäude, welche von drei Seiten den Markusplatz umschließen, sind davon erfüllt. Der Markusplatz gleicht einem riesigen Opernsaale, und auch das Geräusch der wogenden Menge, von keinem Wagengerassel, von keinem Pferdetritt untermischt, bringt den Laut hervor, der bei einem großen, fröhlichen Feste uns aus den Sälen entgegentönt.
Der Markusplatz zeigt uns die italienische Geselligkeit und das italienische Volksleben im Freien in einem Bilde – und doch ist Venedig nicht mehr das eigentliche, südliche Italien. Venedig ist ein besonderes, liebliches Wunder, ein geheimnisvolles Rätsel, eine stolze Ruine, vom Zauber der Vergangenheit umzittert; Venedig ist ein frei gebornes, poetisches Weib unter der lastenden Herrschaft eines aufgedrungenen Gebieters; Venedig ist unvergänglich schön und doch schon Beute des Verfalles – und weil es das alles ist, ist's eben das zauberhafte, traumselige, phantastische Venedig und unvergleichlich.
Auf dem Markusplatze reihen sich Stühle an Stühle. Kellner eilen von einem zum andern, Eisgläser, Kaffeetassen und Sorbetti zu präsentieren. Knaben bieten in zierlichen Körben kandierte Früchte feil, preisen uns Muschelkästchen, Korallenspielereien, Fächer und Glasperlenschmuck zum Kaufe an, in weichem, lieblichem Dialekt. Am Arme der Männer wandeln die geschmückten Frauen auf und nieder; bedächtige Perser, schöne armenische Greise und flammende junge Griechen liegen in den offenen Sälen der Cafés oder auf den Stühlen im Freien hingestreckt und folgen, die lange Pfeife im Munde, mit den dunkeln, brennenden Augen den schlanken Frauengestalten, welche sich hier, mitten in der Nacht, mitten unter fremden Männern, fessellos bewegen.
Dort stehen östreichische Offiziere, den Stock, die Prügelwaffe, von der eingeschnürten Taille herabhängend, ein schmachvolles Ehrenzeichen; hier erglänzen Goldstücke in dem Laden eines Wechslers, und Schiffskapitäne schließen Kontrakte für die Fahrt. Bisweilen, aber selten im Vergleich zu Rom und Neapel, huscht noch ein verspäteter Mönch unter den Prokurazien dahin. Hat er Trost gebracht am Lager oder in der Hütte der Leidenden, wie fremd muß die Fröhlichkeit des Markusplatzes seine Seele berühren; hat er vom verbotenen Becher des Lebens gekostet, wie melancholisch mag das Bild des düstern Klosters ihm scheinen; wie glücklich der Weltgeistliche, der hier unter warmem Himmel frei und lächelnd das Lachen auf schönen Lippen, in blitzenden Augen erweckt.
Aus den Fenstern der Gebäude sehen wie aus den Logen eines Theaters Männer und Frauen hinab, deren Gestalten sich formenschön hervorheben auf dem Lichthintergrunde der Zimmer. Der ganze Markusplatz ist voll Menschen, wohin das Auge sich wendet; Musik umtauscht uns, man wandert fort und fort, man schwatzt, man lacht bei ihrem Klange, ob auch Stunde um Stunde versinkt und der Zeiger am Uhrhause unaufhaltsam vorrückt, man genießt, man lebt das Leben.
Es ist nach Mitternacht geworden! Der Mond ist hinabgesunken ins Meer, die Gruppen auf dem Markusplatze fangen an, sich zu lichten, man geht freier umher, die Wärme, welche die Masse hier ausströmte, wird geringer, der frische Lufthauch vom Meere macht sich fühlbar, die Gasflammen fangen an, unruhiger zu flackern. Nun erst übersieht man die Größe und Schönheit des Raumes. Man tritt an das äußerste Ende des Platzes, ihn besser zu betrachten.
Schlank und stolz hebt sich von den Quadern wie eine Riesensäule der Markusturm empor, frei und selbständig, nicht an eine Kirche, nicht an einen Palast gestützt, ein Bild der selbständigen Republik. Dahinter erglänzt es in strahlendem Goldglanz. Reich wie eine Moschee ist die Markuskirche geschmückt in aller Pracht byzantinischen Stils, und mitten aus den runden Bogen des Orients, aus ihren kioskartigen Spitzen und Wölbungen, mitten aus dem Goldlicht der Mosaiken leuchtet über das unruhige Lebensgetümmel des Markusplatzes ein ruhig Bild, beruhigend und erhebend, vom Hauptportal der Markuskirche durch die Nacht – das Bild des triumphierenden Christus, der sich aufschwingt von der Erde zum Himmel."
(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig)
"Von der Piazzetta, die sich nach dem Meere so lieblich eröffnet, von dem schönen Kai, der Riva degli Schiavoni, sah ich immer mit tiefer Sehnsucht hinüber nach dem Lido, den Eugen Beauharnais in einen schönen, öffentlichen Garten umgeschaffen hat. Ein Plätzchen neben einer Schifferherberge auf der Insel Giudecca, auf dem wir eines Tages unser Frühstück verzehrten, erschien mir wie ein Paradies, weil ein paar Bäume ihre Äste über unsern Tisch zur Laube wölbten und Bohnen und Kürbis sich an den Gitterzäunen emporrankten.

Den vollen Eindruck der absonderlichen Existenz in Venedig bekommt man aber erst, wenn man, den Canal Grande verlassend, in die Seitenkanäle einbiegt und nun überall neue Wasserstraßen erblickt.

Ich fuhr eines Morgens nach der Wohnung meines Bankier. Der Gondolier führte uns durch immer engere Gäßchen; nichts als Wasser und Mauern; nur hie und da ein Mensch an den schmalen Kais, nur dann und wann der Zuruf eines Gondolier aus einem Nebenkanal, seine Ankunft verkündend, um den Zusammenstoß mit andern Gondeln zu vermeiden, was bei der Länge der Fahrzeuge auf den engen Kanälen ohne dies Anrufen unvermeidlich wäre. Endlich hielten wir vor einem stattlichen Hause. Aus der Gondel langte der Gondolier nach dem Klingelzuge. Man öffnete. Das Wasser stand damals hoch und war noch höher gewesen; die ganze Treppe im Innern der Pforte war davon überschwemmt. Eine kleine Brücke, die wir überschreiten mußten, lag schräg von den ersten Stufen nach dem Hofe; aber der ganze Hof selbst war naß, das Wasser hatte Schlamm und Kehricht dort zurückgelassen, ein feuchter Dampf stieg im Sonnenschein davon empor. Und als ich nun oben diesen Bankier in Haufen Goldes wühlen sah, über Kapitalien gebietend, die ihm jeden käuflichen Genuß möglich machten, da mußte ich mich staunend fragen, was hält die Menschen in dieser widernatürlichen Existenz gefesselt, die jetzt nicht mehr ein Asyl der Freiheit ist? Was bannt sie in diese Sümpfe, während in Rom und Neapel die Erde sich neubelebt im frischeren Hauche des Herbstes?

Venedig ist ein poetisches Wunder, an dem sich die Phantasie für einige Zeit mit Freude ergötzt, aber ich wiederhole es, es ist kein Aufenthalt, den ich für längere Zeit ertragen oder erwählen würde, so vielfach man mir Venedig grade in diesem Sinne angepriesen hatte.

Bedurfte ein Volk der bildenden Künste, die Seele zu erheitern, so waren es die Venezianer. Die Kunst mußte ihnen zum einzigen Troste werden, ihre Seele mußte sich leidenschaftlich derselben zuwenden, und es ist natürlich, daß sie Stadt und Wohnungen zu schmücken strebten, als Ersatz für den Mangel an schöner Natur.

Zu der Kunst, zu der großen Vergangenheit Venedigs flüchtet man sich; in ihr lebt der Fremde den Tag hindurch, bis abends sich die Gasflammen auf dem Markusplatze und der Piazzetta entzünden und die süßen, gaukelnden Märchen uns wieder einspinnen in bunte, phantastische Bilder.

Nirgends sonst greifen Kunst und Geschichte so unauflöslich fest und enge ineinander als in Venedig. Der Dogenpalast, die Prokurazien, der Markusturm, die Piazzetta, die Löwen vom Piräus, welche den Eingang des Arsenales zieren, alle diese Denkmale von der tatkräftigen Vergangenheit der Republik, wir finden sie wieder in den Bildern, mit welchen die Säle jener Gebäude geschmückt sind. Die Helden, deren Taten von Meisterhand an den Wänden des großen Rates gemalt sind, landen auf den Bildern mit ihren Galeeren unter den Fenstern eben dieses Dogenpalastes. Venedigs Künstler brauchten nicht in eine ferne Vorzeit zu greifen, um Motive zu finden. Die Republik, deren Bürger sie waren, bot ihnen in ihren Siegen den Stoff; schöne Frauen wandelten in Fülle auf den Quadern des Markusplatzes einher; das Gefühl der Freiheit, der Selbstherrschaft prägte jeden Bürger, wie die alten Porträts es beweisen, zu schöner, männlicher Individualität aus; man malte die Gegenwart, deren Dank man empfing, zum Fortleben in der Nachwelt.

Diesem Zusammenwirken entsprangen denn auch die lebensfrischen Schöpfungen eines Tizian, eines Veronese, Piombo und anderer, die das kräftige Lebenselement selbst in die Schilderungen des Jenseitigen übertrugen. Sie stehen dadurch, dünkt mich, in der Auffassung biblischer Gegenstände unserer Zeit viel näher als selbst Raffael und die andern ältern Meister, welche spiritualistischer zu Werke gegangen sind als jene.

Raffael, im Dienste der Kirche malend, strebte in der Darstellung von biblischen Motiven des Neuen Testamentes nach dem Übersinnlichen, Unirdischen, nach dem Mythischen; er entsinnlichte das Körperliche, der Askese des Christentums zu Ehren. Die Venezianer hingegen, gewohnt, zu Ehren des freien Vaterlandes tüchtige Menschen zu malen, inmitten eines politisch und merkantilisch reichen Lebens, behielten beständig die Wirklichkeit als gesunden Boden und stellten, was naturgemäß ist, das Übersinnliche sinnlich dar.

In diesem Geiste hat Tizian eine Himmelfahrt Christi, Veronese eine Verkündigung gemalt, die mir einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben, während sonst der Verstand sich gegen das Wunder empört, das in der bildlichen Darstellung uns seine physische Unmöglichkeit aufdringt.

Jener Christus trägt das Gepräge urkräftigster, männlicher Begeisterung in sich, welche aus sich selbst heraus Wunder zu wirken vermag. Er ist das Symbol des Geistes, der sich über die Erde erhebt, und der ihm innewohnende Gott hat wundertätige Willenskraft.

Christus ist abgeschlossen in sich. Die linke Hand zeigt nach der Erde, auf der er sein Werk vollendet hat; die rechte hebt sich zum Himmel, von jener Willenskraft des Geistes beseelt, die das Unmögliche möglich macht. Er glaubt an die Kraft seiner Seele, er will sie benutzen, zum Lichte empor zu dringen; und dem riesigen Wollen gehorsam, hebt ihn der Geist empor. Nur die Spitze des rechten Fußes berührt noch die Erde, nur noch scheinbar gehört er dem Irdischen an, und schon – eben nur dem herabziehenden Gesetz der Schwere entrückt – bemächtigt die Luft sich seiner weiten, weißen Gewänder, und das reine Element trägt ihn empor über die Atmosphäre der Erde zum Äther, zum Licht. Der Geist des Menschen und das Element der Natur wirken in Übereinstimmung das Wunder. Das ist schön und wahr zugleich.

Ebenso tief ist Veroneses Verkündigung, ein Gegenstand, an dem seines Mysteriums wegen die Mehrzahl der Maler gescheitert ist. Die alten Meister, wie Fiesole, finden sich noch am besten darin zurecht. Der blonde Engel mit dem Lilienzweig, die Jungfrau mit den gesenkten Augenlidern knien sich in bewußtloser Unschuld und Demut gegenüber und sehen gewöhnlich beide ziemlich nichtssagend aus; die Jungfrau sogar oftmals ganz verwundert. Aber die Unschuld soll, wie Hebbel das so schön ausdrückt, an der Liebe sterben! Sie soll sterben, nicht verwundert in Resignation versinken.

Der gesunde Veronese rettete sich vor dem Wunder in die Allegorie und schuf ein Bild, das jedem fühlenden Menschen das Herz bewegt. In gewaltiger, räumlicher Architektur, in einer großen, offnen Halle richtet sich die kniende Jungfrau vor ihrem Betpulte empor, da in der äußersten Linken des Bildes ihr der Engel der Verkündigung erscheint. Der Engel blickt sie ruhig an, ihr Gesicht ist von aufzuckender Seligkeit überstrahlt; die heilige Ahnung des Mutterglückes kommt über sie, und nicht absichtslos steht der Engel der Verkündigung so fern von der Jungfrau, die noch eine lange Zeit banger Hoffnung von der Erfüllung trennt. Es ist eines der einfachsten Bilder, das man denken kann, und doch so tief ergreifend, weil das biblische Wunder zurückübersetzt ist in das heilige Wunder der Natur.

(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch, Venedig Tageslicht)


15 Mai 2020

Pompeji und Herculanum

Gleich dem weisesten Künstler liebt es die Natur, bisweilen durch das Zusammenstellen greller Gegensätze eine bedeutende Wirkung, einen besondern Eindruck hervorzubringen; so hat sie neben dem lebensprudelnden Neapel Herculanum und Pompeji verschüttet, ein mahnendes Memento mori! [...]
 Resina ist über den Trümmern von Herculanum gebaut. Man steigt eine Treppe hinab durch kellerartige Gänge, um in das verschüttete Theater zu kommen, wie man ebenfalls eine lange, schmale Straße abwärts geht, die ausgegrabenen, dem Sonnenlicht wiedergewonnenen Stadtteile von Herculanum zu sehen. Der Eindruck, welchen das verschüttete Theater gewährt, ist einer der entsetzlichsten, die man sich zu denken vermag. Unsere Führer gingen uns die hohe Treppe hinunter mit Fackeln voraus. Es war feucht und kalt in den Gewölben; Todesschauer schienen darin zu wohnen; immerfort wähnte ich, der Angstschrei der Menschen müsse ertönen, die hier, im Theater versammelt, ihr Ende fanden, als das Unheil hereinbrach. [...]
Zwischen diesen Säulen, zwischen dem Schmuck und der Pracht eines durch Kunst verfeinerten Lebens, in dem der menschliche Geist sich schöpferisch tätig bewies, brach sich die wilde Naturgewalt verräterisch ihren zerstörenden Weg. Die kleinsten Zwischenräume, die geringsten Lücken des Baues sind mit der erstarrten, schwarzen Lava ausgefüllt, ein menschliches Gebiß sah an einer Stelle zähnefletschend daraus hervor, ein grauenhafter Anblick. Alles Interesse an dem Bau, an dem Altertume verschwand in mir vor der Idee dieses furchtbaren Ereignisses. Ich atmete erst auf, als ich dies Riesengrab verlassen hatte und mich im Sonnenlicht dem Leben angehörend empfand. [...]
Hätten wir nicht so große Freude am Dasein, faßte uns das Glück der Gegenwart nicht in seiner ganzen ausfüllenden Seligkeit, wir könnten, in jedem Augenblick von Todesgefahr umgeben, uns des Lebens niemals erfreuen. So unerläßlich, so notwendig erscheint uns unsere Existenz, daß wir den Tod vergessen und leben müssen, als ob das Dasein kein Ende nähme, wenn wir Großes leisten oder auch nur das Leben genießen sollen. Diese zuversichtliche Sorglosigkeit tritt nirgends auffallender hervor als hier in den verschütteten Städten. Zwischen dem Theater und den ausgegrabenen Teilen von Herculanum zieht sich eine Straße von Resina hin. Rechts und links die Bilder des entsetzlichsten Verderbens, hoch über der Stadt die Rauchsäule des Flammenberges, und wohin man in Resina blickt, die sicherste Lebensgewißheit.

09 Mai 2020

Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch - Eine Soiree

Wahrhaft schöne und förderliche Geselligkeit ist nur möglich in freien Ländern, das heißt jene Geselligkeit, durch welche das geistige Leben zu erhöhter Tätigkeit angeregt wird.

Tanzen und den Frauen schmeicheln, Karten spielen, dinieren, rauchen und trinken kann man überall, so gut in Rußland als in Deutschland und in Italien. Aber alle diese Vergnügungen halten nicht dauernd vor, sie sind kein rechtes Bindungsmittel für die einzelnen, es liegt kein wahrhaftes Interesse darin für denjenigen, der von seiner Zeit mehr fordert, als daß sie ihm so schnell als möglich vergehe. Die Bessren unter uns sind längst aus der Kindheit des Menschenalters zur Männlichkeit desselben übergegangen und verlangen auch von ihrer Erholung einen gewissen geistigen Ernst, dem deshalb die verschönende Grazie der Heiterkeit und des geselligen Verkehrs nicht zu fehlen braucht.

Die Italiener haben von ihrer Vergangenheit die schönsten, leichtesten Umgangsformen ererbt. Sie sind Kinder einer vornehmen Familie, wohlerzogen und edel gewöhnt. Sie wären imstande, eine vortreffliche Geselligkeit in sich auszubilden, hätten sie geistige Motive, durch die sie als »Gesellschaft« geistig zusammengehalten würden. Aber in Italien ist der Geist und mit ihm das Leben der Gesellschaft gewaltsam in Fesseln geschlagen worden, und die Gesellschaft macht den Eindruck jener unbewohnten Prachtpaläste, deren mit Staub bedeckte Bilder und Möbel trotz ihres noch vorhandenen Reichtums traurig und veraltet erscheinen. In Frankreich führen politische, religiöse und literarische Interessen die verschiedenen Parteien zusammen, weil man sich über alle diese Gegenstände frei unterhalten kann; weil ein Wort oft schneller Mißverständnisse und Zwiespalt beendet als bogenlange Broschüren und Kontroversen, weil die Meinungsverschiedenheit, welche sich in freier Unterhaltung kundgibt, eine immer neue Quelle der Anregung und des Fortschrittes wird. In Italien aber ist eine solche geistig bewegende Geselligkeit in großem Maßstabe unmöglich. Es gibt Männer genug, die mit wachem Auge, mit hoffender Seele der freien Bewegung und dem Fortschritte des Auslandes folgen und ihn für Italien herbeisehnen; aber nicht nur ihre Tat ist gefesselt, sondern auch ihr Wort. Die Gesellschaft wird unsichtbar überwacht, selbst auf die Fremden erstreckt sich diese Aufmerksamkeit. Der Salon einer Italienerin aus großer Familie, welcher den Ausländern leicht geöffnet ward, sollte, so behauptete man, von päpstlichen Geldern unterhalten werden und die Hausfrau im Dienste der Polizei stehen. Ein geistreicher Abbate nannte mir einen Chevalier, welcher Ritter der höchsten päpstlichen Orden war, als einen Spion; ein Deutscher, lange ansässig in Italien, warnte mich vor dem Abbate mit ähnlichen Bezeichnungen. Ob eine der angeschuldigten Personen diesen Vorwurf verdiente, lasse ich dahingestellt sein; indes der bloße Gedanke, man werde überwacht, es gebe Spione, muß für Menschen, welche irgendein inneres Leben haben, hinreichend sein, sie von der Gesellschaft zurückzuscheuchen. Wie leicht es aber ist, in einem Lande Spione zu erwerben, in dem jeder freisinnig religiöse Gedanke eine Ketzerei und jeder, welcher diese enthüllt, ein gottgefälliges Werkzeug ist, das läßt sich leicht berechnen.
Im ganzen leben die Italiener des Bürgerstandes, die Beamten und der niedere Adel nur unter sich, und die Fremden gleichen Ranges kommen nur ausnahmsweise mit ihnen in Berührung. Unter der Aristokratie der verschiedenen Nationen ist der Verkehr wohl lebhafter, beschränkt sich aber auch dort auf Einladungen zu Festen und Bällen, zur Loge und zu einer Corsofahrt. Das Innere des Familienlebens bleibt den Fremden verschlossen. Zu einer rechten geistigen Annäherung kommt es deshalb selten; um so mehr, als man über die tieferen Interessen, über religiöse, soziale, politische und literarische Fragen in der Gesellschaft die Unterhaltung absichtlich vermeidet, weil dies leicht in verbotene Gebiete hinüberstreifen könnte.
So habe ich, wenn ich bisweilen im Kreise von Italienern war, das Gespräch sehr oberflächlich gefunden, anmutig spielend in dem Scherz einer herkömmlichen Galanterie, in welchem namentlich die Geistlichkeit ziemlich frei ist, und die Tagesereignisse behandelnd in der Art einer Hofzeitung. Das Kommen und Gehen fürstlicher Personen, Veränderungen im genealogischen Kalender, Wassersnot, Kornteuerungen und Feuersbrünste, Theater, Sängerinnen und vor allen Dingen das Ballett, das sind die Achsen, um welche sich die Unterhaltung bewegt. Nur hie und da findet man eine Gruppe, welche leise flüsternd wichtigere Gegenstände behandelt, und von einer solchen erfährt man gelegentlich Nachrichten, die nicht aus den Büchern und Schriften geschöpft sind, welche die Zensur passieren. Man sagte mir, daß die Kardinäle im Besitze aller verbotenen Schriften seien und daß man sie sich auch hier wie überall durch Unterschleif zu schaffen wisse. Es ist aber doch etwas anderes um den freien Mann, welcher sein Stück gesundes Brot im Sonnenschein vor seiner Haustüre ruhig genießt, oder den Unglücklichen, der die gestohlene Frucht scheu im Dunkel eines Winkels verschlingt. [...]
Dann wendete er sich zu meiner Nachbarin, welche von dem bevorstehenden Karneval sprach, und machte uns Vorschläge, den Corso einmal zu Fuß zu besuchen. Die Dame, eine Italienerin, schalt ihn, daß er ihr dergleichen zumute, und ich sagte, wie ich von andern gehört, daß keine ehrbare Frau der höhern Stände dies täte. »Bah!« meinte ein Abbate, »man gesteht es nicht ein, aber man tut es.« »Das ist eine bequeme Moral!« »Und ebendarum eine weitverbreitete«, sprach lachend Monsignore L. »Den Frauen dünkt der Karneval nur darum so paradiesisch, weil sie dabei die verbotene Frucht der Freiheit pflücken. Es hat doch jede einen Mann, einen Bruder, einen Freund, den sie einmal unsichtbar überwachen, dessen Verbindungen sie kennen möchte, um danach für den Rest des Jahres ihre Maßregeln zu nehmen.«
(Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch  -  Eine Soiree )

30 April 2020

Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch - Aus dem Karneval

"Endlich war er angebrochen, der heilige Valentinstag, der den Karneval mit sich bringt. Den Karneval! den ganz Rom ersehnt, der jedem und wäre es auch nur eine frohe Stunde bringt. Aber was für ganz Rom der laute Künder froher Feste ist, das beginnt in Stille mit der sich ewig wiederholenden Kränkung der unglücklichen Bewohner des Ghetto. Der erste Akt des Karnevals spielt in dem Saale der Konservatoren auf dem Kapitol, wo die Abgeordneten der Judenschaft dem Senate und den Bürgern der Stadt Rom einen Tribut – jetzt nur noch figürlich in einem Blumenstrauße – entrichten und dafür die Erlaubnis erhalten, noch ein Jahr länger in Rom verweilen zu dürfen. Zwei Deutsche hatten dieser traurigen Zeremonie auf dem Kapitole beigewohnt. Der eine ein lebengeprüfter, doch heiterer Mann auf der Mittaghöhe des Daseins; der andere in jenem glücklichen Alter, in dem der Frohsinn des Jünglings, sich mit dem Nachdenken des Mannes verbindend, die Genußfähigkeit steigert. Der ältere hieß Alwyl, Hermann der jüngere. Ein zufälliges Begegnen auf der Reise hatte sie zueinandergeführt, ihre Seelen sich gefunden, sie waren Freunde geworden in der edelsten Bedeutung des Wortes. Und wie in dem Gefühl Alwyls sich etwas von der Liebe eines Vaters zeigte, der in dem Sohne die eigene Empfänglichkeit der Jugend widergespiegelt sieht, so mischte sich in die Freundschaft, welche Hermann für jenen hegte, eine Art von Sohneszärtlichkeit, die sich achtend und liebend unterzuordnen strebte. Tieferschüttert durch die auf dem Kapitole erlebte Szene, gingen sie schweigend einher, bis Alwyl in heftigen Worten seiner Erbitterung gegen diese, gegen jede Art von Unterdrückung Luft machte. Hermann fühlte wie er, hörte ihm aufmerksam zu, doch plötzlich flog ein Lächeln über sein Gesicht, und Alwyl, der es bemerkte, fragte nach der Ursache desselben. [...]
Hermann war schon im vorigen Jahre anwesend gewesen, und auf die wiederholte Frage des Freundes, was sein glückseliges Lächeln bedeute, gestand er, daß ihm plötzlich eine schöne Erinnerung des letzten Karnevals in der Seele auftauche. »Ich sah im vorigen Karneval gleich in den ersten Tagen eine junge Römerin in griechischer Maske«, sagte er. »Sie glauben nicht, Alwyl, wie schön sie war! Hoch, schlank, voll, flammend wie eine Italienerin und dabei doch der süßeste Liebesblick, den je ein weibliches Auge gehabt hat. So mag Julia ausgesehen haben –« »Und Sie möchten den Romeo machen!« ergänzte Alwyl. »Warum denn nicht?« fragte Hermann fröhlich. »Sie, bester Freund, würden sich ebenfalls nicht lange besinnen, die Rolle zu übernehmen, wenn Sie die Griechin sähen. Ich warf ihr mein schönstes Bukett zu, sie dankte mir mit einem Veilchenstrauße, den ich aufhob und den – lachen Sie mich nicht aus – ich aufbewahrt habe. Ich sagte mir damals, es geschähe, weil es der erste Strauß sei, den mir eine Römerin zugeworfen habe. Frage ich mich aber ehrlich, so bewahrte ich ihn um des Mädchens willen.« [...]
»Sehen Sie das schöne Mädchen, die oben auf dem zurückgeschlagenen Wagen sitzt«, rief Hermann. »Diese reizende Tochter des Regimentes in ihrer kleidsamen Uniform ist die Schwester meines Wirtes, eines ehrbaren Schuhmachers, und die starke Frau neben ihr ist die Mutter des –«
Ein lautes Lachen der Umstehenden unterbrach die Rede. Mit großer Leichtigkeit war ein gewandter Wilder auf den Wagentritt gesprungen und hatte der starken Padrona ein paar große Orangen auf den Busen gelegt. Der Einfall ward belacht. Die Donna Romana lachte mit den andern, ließ die Orangen einen Moment liegen, steckte dann Blumen in die Früchte und warf sie dem kecken Burschen wieder zu, der sich in einiger Entfernung gehalten hatte, den Erfolg seiner dreisten Neckerei abzuwarten. Die Männer aus dem Wagen sendeten dem Übermütigen reiche Ladungen von Konfetti nach, denen er sich durch die Flucht entzog, während er die zurückerhaltenen, blumengeschmückten Orangen einer andern schlankeren Schönheit verbindlich überreichte. [...]
Alwyl hatte einen Balkon erreicht, von dem er dem Pferderennen zusehen wollte, als Hermann heraufkam und freudestrahlend ausrief: »Meine Griechin ist da und schöner als je!«
»Wo denn?« fragte der andre.
»An der Ecke der Via Frattina! Und nun leben Sie wohl, denn ich muß hin, ich muß wissen, wer sie ist, wo sie wohnt. Sie hat mich erkannt. Dies ist der Strauß, den sie mir zugeworfen hat. Adieu!«
Vergebens rief Alwyl ihn zurück, um einige Verabredungen für den Abend mit ihm zu treffen; er war nicht zu halten und eilte die Straße hinauf, in der bereits die Dragoner zweimal vorübergesprengt waren, um Bahn zu machen für das Rennen der Pferde. [...]
Alwyl bemerkte den Wagen und die Buketts zuerst. »Ob das nicht unsere Dominos sind?« fragte er lebhaft.
»Das ist Giuditta!« rief Hermann, und die lange gesparten Sträuße flogen als ebenso viele Liebesgrüße dem schönen Mädchen entgegen. Sie empfing sie mit freundlichem Blick, mit jenem anmutigen Gruß der Hand, der nur den Italienerinnen eigen ist; als darauf Hermann hinzutrat, ihr einen schönen Zweig künstlicher Rosen zu bieten, wählte sie lange unter den Blumen, die sie in ihrem Körbchen hatte, und reichte ihm den schönsten ihrer Sträuße, während sie, zu dem Herrn gewendet, der hinter ihr saß, mit schelmischem Lächeln einige Worte sprach.
Dann zog der Wagen in der Fila weiter, Hermanns Blicke folgten ihm lange. Er war ganz ernsthaft geworden, als Alwyl ihm gestand, nie ein schöneres Mädchen gesehen zu haben, und ihm Glück zu der Eroberung wünschte.
»Spotten Sie nur!« rief Hermann, »ich verdiene das. Warum mußte ich Ihnen auch erzählen, daß ich mich wie ein Knabe in ein hübsches Lärvchen vergafft habe. Aber denken Sie davon, was Sie wollen, ich fühle es jetzt an meinem Zorn, an meinem Unwillen, ich habe Giuditta geliebt, und ich liebe sie noch.«
Er sprach die Worte in so gereiztem Tone, daß Alwyl ihn befremdet ansah und ihn fragte, weshalb er denn zornig und unwillig sei gegen das schöne Mädchen mit den großen, schuldlosen Kinderaugen.
»Grade deshalb!« sagte Hermann. »Sieht sie nicht aus, daß man sie für einen Engel des Lichtes halten müßte, und da kommt der Quacksalber, der mir ihren Namen entgegenruft; da begegnen wir ihr selbst, wie sie verkleidet zu einem Rendezvous geht, und nun sitzt der gezierte Dandy hinter ihr, mit dem sie lächelnd spricht, während sie doch gestern tat, als suchte sie nur mich in der Menge. Es wird wohl der schöne Fremde sein, der jetzt das Haus ihrer Tanten soviel besucht.« [...]
Ein schönes Bukett, ein Körbchen mit Naschwerk flogen in das Fenster; das bleiche Mädchen, die sich nicht vorbereitet haben mochte auf solchen freundlichen Gruß, schien verlegen, ihn nicht erwidern zu können. Plötzlich nahm sie eine schwarze Schleife von ihrer Brust, brach eine rote Nelke von dem Blumentopfe auf dem Fenster, und beides ineinanderknüpfend, warf sie es Alwyl zu, der es grüßend an seinen Hut befestigte und weiterziehen wollte, als ihm ein Doktor den Weg vertrat, der mit einigen Damen in einem Wagen scharmutzierte.
Alwyl sah ihn an, es war derselbe Mann, der am vorigen Tage Giuditta begleitete, es mußte nach Hermanns Beschreibung derselbe sein, der diesen mit dem Namen Giudittas beunruhigt und gereizt hatte. Alwyl fing an, ein wohlberechnetes Spiel zu vermuten, und wünschte um Hermanns willen der Sache auf den Grund zu kommen. Er trat, sobald der Wagen vorüber war, der die Aufmerksamkeit des Doktors gefesselt hatte, an diesen heran und fragte: »Seid Ihr der Doktor, der neulich einem jungen Deutschen Heilung seiner Blindheit versprach?«
»Der bin ich. Ich wollte ihn mit dem Wunderbalsam lacrime della Giuditta heilen, aber der Törichte entschlüpfte mir, und ich glaube, er ist so stockblind, daß ihm nicht zu helfen sein wird.«
»Kennt Ihr den jungen Deutschen?« fragte Alwyl.
»Sehr wohl. Er heißt Hermann D., ist seit zwei Jahren in Rom und denkt noch lebhaft des verwichenen Karnevals und einer schönen Griechin. Ihr seid sein Freund?«
»Gewiß! das bin ich; und deshalb darf ich fragen, was bewog Euch, den Verhältnissen eines Fremden nachzuspähen?«
»Die Lust und die Pflicht, einer schönen Frau zu dienen.«
»Die schöne Frau ist Giuditta Marchetti!« sagte Alwyl.
»Vielleicht ist sie's«, entgegnete der Gefragte und wollte sich entfernen.
Aber Alwyl hielt ihn fest. »Nein!« sagte er, »so entkommen Sie mir nicht. Das geht über den Maskenscherz hinaus. Wer sind Sie, mein Herr? Was ist Ihnen Signora Marchetti? Was wollen Sie mit dem Spiele, das Sie offenbar leiten?«
»Sie fragen viel auf einmal«, meinte der andre. »Indes ich bin zu antworten bereit.« Er reichte Alwyl eine Karte hin, auf welcher der Name Horazio Viviano stand, und sagte: »Ich bin Advokat in Bologna und seit drei Wochen wegen einer Familienangelegenheit, die mich und meine Cousine Giuditta nahe angeht, in Rom. Das Spiel, das ich – um mich Ihres Ausdruckes zu bedienen – leiten soll, hängt damit genau zusammen.«
»Aber wie das?« fragte Alwyl.
»Das zu erörtern ist hier nicht der Platz. Sie sehen, ich bin Ihnen mit Vertrauen entgegengekommen. Ihr junger Freund gefällt mir und gefällt, was wohl die Hauptsache ist, auch einer andern mir werten Person. Wollen Sie mir die Auskunft über ihn geben, die ich bedarf?«
»Zu welchem Zwecke?« sagte Alwyl.
»Um zwei Glückliche zu machen! Meine Wohnung ist auf meine Karte geschrieben. Darf ich Sie morgen in den Frühstunden erwarten?« [...]
Zur verabredeten Stunde begab sich Alwyl in Horazios Wohnung. [...] Horazio sagte: »Damit Ihnen, mein Herr, mein Betragen gegen Ihren jungen Freund und Sie sowie das Verhalten meiner Cousine nicht zu befremdlich und zu auffallend erscheinen, müssen Sie mir erlauben, Ihnen einen kleinen Abriß der Verhältnisse zu geben, in denen meine Cousine und ich uns befinden. Ein älterer Bruder der beiden Fräulein Marchetti hat bei seinem Tode diesen beiden Schwestern sein sehr bedeutendes Vermögen zu lebenslänglichem Nießbrauche vermacht mit der Bedingung, daß sie es später mir und Giuditta hinterlassen und daß wir uns miteinander verheiraten sollten, um das Erbe, welches aus Gütern in der Mark besteht, zusammenzuhalten. Wer von uns beiden sich weigert, diese Ehe einzugehen, ist, wenn die Tanten es wollen, seines Anteils verlustig, und sie dürfen darüber nach Gefallen zugunsten des andern oder sonst nach ihrem Ermessen verfügen.
Nun werden Sie es begreiflich finden, daß die Herzen sich nicht immer den Verordnungen eines gestorbenen Onkels fügen können. Ich liebe eine junge Römerin, deren Vater sie mir geben würde, wenn ich das Erbteil meines Onkels besäße. Er verweigert mir die Hand seiner Tochter, wenn ich es verliere, obgleich er reich ist und ich auch ohne dasselbe imstande wäre, mit der Zeit meiner Frau ein behagliches Leben zu schaffen. Ich kam nach Rom, um zu versuchen, ob es mir nicht gelänge, meine Tanten für meine Wünsche zu gewinnen, die sich bis jetzt dagegen erklärt hatten. Ich sprach mit Giuditta davon, fand sie, nicht ohne eine kleine Verletzung meiner Eitelkeit, sehr geneigt, der Verbindung mit mir zu entsagen, und es kam mir vor, als ob irgendeine andere Neigung sich ihres Herzens bemächtigt hätte. Als ich in sie drang und ihr erklärte, daß für uns beide die Hoffnung auf Freiheit der Wahl am größten sei, wenn auch sie die Heirat mit mir ablehne, gestand sie endlich, daß sie einen jungen Deutschen zwar nicht liebe, denn sie habe ihn nie gesprochen, aber doch nicht vergessen könne, seit sie ihn im vorigen Karneval gesehen. Diese Mädchengrille schien mir sehr unbedeutend; indes als sie mir am ersten Karnevalsabende erzählte, der junge Deutsche sei wieder da und ebenso galant für sie als im vorigen Jahre, als sie ihn mir am Montag zeigte und der Doktor, der zufällig in meiner Nähe war, ihn einen braven jungen Mann nannte, da entstand in mir der Gedanke, ob man nicht die Freiheit des Karnevals dazu benutzen könnte, mir und Giuditta volle Freiheit zu verschaffen und vier Menschen glücklich zu machen.«
Alwyl hatte ihm aufmerksam zugehört; nun, als jener geendet hatte, sagte er: »Und welchen Eindruck, glauben Sie, würde Giudittas Erklärung, daß auch sie der Heirat mit Ihnen abgeneigt sei, auf die alten Damen machen?«
»Ich glaube, einen günstigen. Träte ich allein zurück, so möchte es vielleicht dem Einfluß des Abbate Luigi gelingen, die Hälfte des Vermögens der Kirche zu- und mir abzuwenden. Will aber auch Giuditta sich nach eigener Wahl verheiraten, so fügen die Tanten, in denen ein leiser Anflug von Romantik aus ihrer Jugendzeit fortlebt, sich wohl in das Unvermeidliche und teilen das Vermögen einst ganz ruhig zwischen Giuditta und mir. Sie sehen, ich gehe offen zu Werke und bekenne, daß mich, obgleich ich Giuditta wie eine Schwester liebe, hier ganz selbstsüchtige Motive lenken. Sagen Sie mir nun, ob Sie Ihren Freund mit meinen Absichten einverstanden glauben, ob er meine Cousine liebt und daran denkt, sich ihr zu nähern, sie zur Frau zu begehren?«
Von hier an entwickelt Fanny Lewald eine kleine Komödienhandlung, in deren Verlauf es gelingt, die ursprünglich widerstrebenden Tanten und den Abbate dafür zu gewinnen, dass sie die geplante Heirat zugunsten einer Doppelheirat mit ausgewechselten Partnern akzeptieren. 
Das kann man hier nachlesen. Doch den Schluss der Erzählung, die Lewald sicher nur erfunden hat, um ihren ausführlichen Bericht vom römischen Karneval lebendiger zu gestalten, biete ich auch hier schon zur Lektüre an:
Nur noch vierundzwanzig Stunden hatte der Karneval zu leben, überall hörte man seinen nahen Tod beklagen. Wie toll und wild drängte man sich am Dienstagnachmittag in den Corso, um den geliebten Karneval noch einmal zu sehen, um bei ihm zu bleiben bis an sein Ende und ihn mit den Moccolilichtchen zu Grabe zu tragen. Niemand will das erste Lichtchen anzünden, denn wenn das letzte verlöscht, ist die Lust vorüber; und doch blickt jeder umher, ob noch nirgend ein Flämmchen erglänze. Endlich taucht eins auf! ganz fern, ganz unten an der Ecke der Via dei Greci. Wie es so einsam, so scheu durch die Dämmerung flimmert, als fürchte es den noch anwesenden Tag, als traue es sich nicht recht hervor, solange der da sei. Aber der Tag scheidet, und das Lichtchen brennt; da wagt sich ein zweites hervor und ein drittes, und nun folgt die ganze Schar. Von den Balkonen des Mezzanin durch den ersten Stock bis hinauf zu den Fenstern unter den Dächern schlingen sie sich empor. Die einzelnen kleinen Glühwürmchen verwandeln sich wie im Märchen blitzesschnell in große, funkelnde Feuerschlangen, welche sich rastlos über den ganzen Corso fortwälzen. Alles strahlt in Licht und Flammen. Licht! ist das Losungswort dieser Stunden, nur im Flammentod kann der göttliche Frohsinn des Karnevals sein Ende finden. Nicht bang, nicht müde schleicht er dem Ende zu. Frisch, freudig, in höchster Lebensfülle verschwindet er, taucht er unter in ein Meer von Licht und Flammen. Das ist schön. Jeder will sein Teil dazu bringen, jeder muß ein Lichtchen in Händen haben. Aber die Fülle des Glanzes verwirrt, man fürchtet zu erblinden, wenn es ewig so währte, und die bangen Menschen fangen an, hier und dort ein Flämmchen zu löschen. Toren, die ihr seid! Glaubt ihr, es gäbe hienieden eine Lust ohne Ende? Eine Flamme ohne Erlöschen und Sichverzehren? Laßt nur die Lichtchen brennen, laßt nur die Feuerschlange sich schillernd und flimmernd über den Corso wälzen und die Flämmchen den Sankt-Elms-Feuern gleich über Wagen und Fußgängern leuchten. Nur eine kurze Frist, und die Pracht ist zu Ende, und der Flammenstrahl der Freude hüllt sich ein in das matte Grau, in das Halbdunkel gleichgültiger Alltäglichkeit. War der Eifer groß, mit dem man die Moccoli anzündete, so ist die Leidenschaft des Auslöschens und Wiederanzündens noch stärker. Aus den obern Stockwerken herab, von der Straße hinauf schlägt man mit Tüchern, die an Stangen befestigt sind, nach den Moccoli auf den Balkons. Dreiste Burschen springen auf die Wagen und suchen die Lichtchen zu erreichen, welche man, auf die Sitze steigend, vor ihrer Vertilgungswut zu retten strebt. Hie und da flammt ein Taschentuch, eine Fenstergardine in hellem Feuer auf; aber die Menschen sind Salamander geworden, sie leben nur noch im Feuer, Feuer erschreckt sie nicht, stört nicht den wahrhaft bacchantischen Taumel. Und käme ein Cato, eine Magdalene auf den Corso, sie könnten sich dem allgemeinen Jubel, der überwältigenden Lust nicht entziehen. Wäre man blind, hörte man nur den jauchzenden, immer wachsenden Lärm der unzähligen Menschenmenge, man würde mit Schaudern das furchtbarste Ereignis hereingebrochen wähnen. Kein Bild, keine Beschreibung geben eine Vorstellung dieser Stunden.
Jedes Bedenken, jede gewohnte Schicklichkeitsregel verschwindet. Mit den kostbarsten Schals schlagen vornehme Frauen nach dem Lichtchen des Straßenbuben, das ihnen erreichbar scheint. Dreist gemacht durch die allgemeine Tollheit, sicher gemacht durch den Eifer, in dem jeder nur mit sich und seinem Lichtchen beschäftigt ist, sprang Hermann die Treppen in dem Eckhause der Via Frattina hinauf, schlug mit seinem Tuche die Moccoli der Tanten, Alwyls und des Abbate zu Tode, und ehe diese noch den kecken Störenfried erkannten, zog er die überraschte Giuditta in seine Arme, und sie ruhte an seiner Brust.
Die Tanten wußten nicht gleich, was sie dazu sagen sollten. Den ganzen Nachmittag hatte Alwyl ihnen auseinandergesetzt, daß es der Wille des Erblassers gewesen sei, ein glückliches Paar zu machen; wie es jetzt aber in ihrer Macht stehe, mit denselben Mitteln vier Menschen zu beglücken, also den Willen des Gestorbenen doppelt schön zu erfüllen. Er hatte ihnen Horazios und Giudittas Dank, ein ganzes Idyll von Familienglück geschildert und nicht vergessen, hinzuzufügen, daß er, wenn er Hermann verliere, sich wieder recht einsam vorkommen werde. Die Herzen der Tanten waren erweicht. Der Abbate wurde vernachlässigt um Alwyls willen.
Nun stand das junge, liebende Paar zärtlich umschlungen vor den Tanten da. Die Keckheit Hermanns gefiel ihnen wohl. Sie konnten nicht länger widerstehen. Mitten in dem allgemeinen Jubel ward der Bund der Herzen gesegnet, und als die letzten Moccoli auf dem Corso verlöschten, zogen zwei schönere Sterne, die Augen Giudittas, für immer an dem Lebenshorizonte des glücklichen Hermann empor.

Fanny Lewald: Kurze Zitate aus dem Italienische Bilderbuch

Eine Preisverteilung! Dabei denkt man in Deutschland an einen großen, grauen Saal, an schwarzgekleidete Männer mit feierlichen Mienen, an lateinische Reden und Langeweile.
In dem fröhlichen Italien wird aber alles zum heitern Feste gemacht, Lichtglanz und Farbenpracht dürfen nirgend fehlen. Sie zeigten sich in reicher Fülle bei der Preisverteilung auf dem Kapitole, welche die Akademie der schönen Künste alle zwei Jahre veranstaltet und bei der sowohl Frauen als Männer zur Konkurrenz berechtigt sind.
[...] Spielende Kinder aus dem Volke blickten mit flüchtiger Neugier die vorübergehenden Fremden an, deren Sprache ihnen auffiel, und setzten dann ruhig den unterbrochenen Zeitvertreib fort. Was kümmert ein fröhlich spielendes Kind das Ereignis des Tages oder der ernste historische Boden, auf dem es den Tummelplatz seiner Freuden findet? Kinder sind die alleinigen Repräsentanten harmlos genießender Gegenwart. Wir andern denken und sorgen, fürchten und hoffen, aber wir genießen nicht mehr. Unsere Bestrebungen, Wünsche und Leidenschaften drängen uns aus der Vergangenheit, die uns oft nur wenig von dem Erhofften gewährte, so rasch der Zukunft entgegen, von der wir Erfüllung erwarten, daß wir nicht Zeit, nicht Kraft, nicht Mut haben, die kleine, flüchtige Minute festzuhalten, welche wir Gegenwart nennen. [...]
Die Kindheit, die Frauen und das Alter ehren heißt sich selbst einen Adelsbrief ausstellen; und vornehmlich das hinfällige Alter hat liebevolle Rücksicht zu fordern, weil nach einem tatkräftigen Leben das Bewußtsein von dem Schwinden der Kraft so schwer auf dem Menschen lastet."

Fanny Lewald: Mittag im Sommer

"Es ist etwas Bezauberndes in der Fülle von Licht und Wärme, etwas Wundervolles um die Luftstille, welche dem Mittag im Sommer zu eignen pflegt, die helle Schattenlosigkeit hat etwas Magisches. Alles ist in höchstem Genießen versenkt, ruhend und seine Schönheit still entfaltend. Die Blumen duften alle stärker und breiten die ganze Pracht ihrer Blätter, die ganze Herrlichkeit ihrer Farben aus, während die Sonne tief bis in ihre Kelche eindringt. Die Schmetterlinge wiegen sich mit leise bewegtem Flügel, die Bienen summen durch die Luft und fliegen und sinken von einer Blume zu der andern nieder, und die Ranken und Aeste und Zweige und Blätter heben und neigen sich linde, als wollten sie durch die sanfte Bewegung den Sonnenstrahlen entgegenkommen, um noch mehr von ihrer segenbringenden Kraft zu genießen. Man meint es sehen zu können, wie Alles wächst, wie der Apfel sich färbt, wie in der warmen Traube die feurige Kraft des Weines sich entwickelt, man fühlt sich selber wie in seinem eigentlichen Elemente. Von frisch glänzendem Rasen durch Baumesgrün, zum sonnendurchleuchteten Himmelsblau emporzuschauen, ist eine unvergleichliche Lust. Es liegt etwas so Herzerschließendes, etwas selig Berauschendes in dem Mittag. Wenn Gott die Erde erschaffen, so hat er sicherlich den ersten Menschen am hohen Mittag die Augen öffnen lassen, damit er es gleich mit einem Male erfahre, was die Erde ihm zu bieten habe, und wie herrlich und schön die Welt sei." (Fanny Lewald: Meine Lebensgeschichte, 25. [letztes] Kapitel)