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05 Juni 2023

Michel Houllebecq: Elementarteilchen

 Michel Houllebecq: Elementarteilchen (Wikipedia)

Vorstellung und Besprechung im Literarischen Quartett Teil eins Teil zwei, ausnahmsweise hält Reich-Ranicki hier über große Strecken mehr zu Siegfried Löfflers Position als zu der von Hellmuth Karasek

Trailer zum Film

Vorstellung des Buchs durch den Verlag Dumont


Leseprobe:


























[...] Die meisten ihrer Veröffentlichungen beschäftigten sich mit ihm Gen DAF3 der Drosophila; sie war unverheiratet.
Er stand vor seinem Toyota und reichte der Forscherin mit einem Lächeln die Hand (seit mehreren Sekunden hatte er sich vorgenommen, diese Geste, begleitet von einem Lächeln, auszuführen, und sich innerlich darauf vorbereitet). Die Handflächen verschränkten sich und schüttelten sich leicht. Ein wenig zu spät sagte er sich, daß es diesem Händedruck an Wärme gefehlt habe; angesichts der Umstände hätten sie sich umarmen können, wie es Minister oder manche Schlagersänger taten.
Nachdem die Verabschiedung vollzogen war, blieb er noch fünf Minuten, die ihm lang vorkarmen, im Wagen sitzen. Warum fuhr die Frau nicht los? Onanierte sie, während sie Brahms hörte? Oder dachte sie etwa an ihre Karriere, an ihre neue Verantwortung, und falls ja, freute sie sich darüber? Schließlich verließ der Golf der Genetikerin den Parkplatz,; er war wieder allein. [...]" (S.14)

Inhalt:

"[...] Die beiden am Ende der 50er Jahre geborenen Halbbrüder Michel Djerzinski und Bruno Clément sind beide Söhne von Janine [Jane], die ihr Leben mit Sexabenteuern und Selbstfindungssuchen verbringt, jedoch unfähig ist, eine emotionale Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Beide werden getrennt von Großmüttern aufgezogen. Bruno, der Lehrer wird, entwickelt eine lebenslange Sexbesessenheit, hat aber beim anderen Geschlecht kaum Glück. Der depressiv wirkende Michel, der ein bekannter Forscher auf dem Gebiet der Molekularbiologie wird, zeigt dagegen zeitlebens eher wenig Interesse an Sex und Frauen. Die Zeit, die von dem Roman abgedeckt wird, verbringt Michel mit einer Auszeit von der Forschung, was ihm Kopfschütteln seiner Kollegen einbringt. Die grundverschiedenen Halbbrüder verbindet nur das Schicksal, die einsamen und ungeliebten Söhne einer egoistischen Mutter zu sein. Das Schicksal scheint eine Wendung zu nehmen, als beide mit 40 die Liebe zum ersten Mal kennenlernen. Jedoch ist das Glück für beide nur von kurzer Dauer und endet tragisch. Bruno lernt die ebenso sexbesessene Christiane kennen, die sich in ihn verliebt. Sie besuchen auch das Village Naturiste Cap d’Agde, einen FKK und Swingerurlaubsort. Als sie durch eine Steißbeinnekrose gelähmt wird, geht sie in den Suizid. Bruno verliert darüber den Verstand und verbringt den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik. Michel trifft seine Jugendfreundin Annabelle wieder. Das Glück kommt auch hier zu seinem raschen Ende, als Annabelle an Gebärmutterkrebs erkrankt und sich ebenfalls das Leben nimmt. Michel verliert jede emotionale Bindung an das Leben und widmet sich nun ganz der Forschung.[...]"

Zitate:

"Das Wasser folgt dem Weg des geringsten Widerstands. Das menschliche Verhalten, dass sie in seinem Prinzip und fast allen seinen Handlungen determiniert ist, lässt nur wenige Gabellungen zu, und diese Gabe Lungen selbst werden kaum genutzt. 1950 bekam Francesco E-Mail Lola einen Sohn von einer italienischen Schauspielerin, einer zweitrangigen Schauspielerin, die nie über die Rolle ägyptischer Sklavin in hinaus kam und es schaffte, das war der Höhepunkt ihrer Laufbahn –, in QuoVadis? Zweimal das Stichwort zu geben. Sie nannten ihren Sohn David. Im Alter von 15 träumte David davon, ein Rockstar zu werden. Er war nicht der einzige. Obwohl sie viel reicher als ein General Direktor oder ein Bankiers waren, behielten die Rockstars dennoch das Image eines Rebellen. Jung, schön, berühmt, von allen Frauen begehrt, von allen Männern beneidet, bildeten die Rockstar ist die absolute Spitze der sozialen Rangordnung. Seit der Anbetung der Pharaonen im alten Ägypten hat es in der Geschichte der Menschheit nichts gegeben, das  sich mit der kultischen Verehrung vergleichen ließ, die die europäische und amerikanische Jugend den Rockstars entgegenbrachte." (S. 94)

"Als David Annabelle begegnete, hatte er schon über fünfhundert Frauen gehabt; dennoch konnte er sich nicht entsinnen, je eine solche plastische Vollkommenheit gesehen zu haben. Annabelle ihrerseits fühlte sich von ihm angezogen wie alle anderen vor ihr. Sie widerstand ihm mehrere Tage, gab erst eine Woche nach ihrer Ankunft nach. Es waren etwa dreißig, die sich hinter dem Haus versammelt hatten, um zu tanzen, die Nacht war sternenklar und sanft. Annabell trug einen weißen Rock und ein kurzes T-Shirt mit einer Sonne darauf." (S. 95)

"Gegen Ende August stellte Annabelle fest, dass ihre Regel ausblieb. Sie sagte sich, dass es so besser sei. Es gab keine Schwierigkeiten: Davids Vater kannte einen Arzt, der beim Planning familial aktiv war und in Marseille operierte. Ein Typ mit einem mit kleinen rotblonden Schnurrbart, um die dreißig, voller Begeisterung, der Laurent hieß. Er bestand darauf, dass sie ihn beim Vornamen nannte: Laurent. Er zeigte ihr die verschiedenen Instrumente, erklärte ihr, wie das Absaugen und das Ausschaben vor sich ging. Er legte Wert darauf, mit seinen Patientinnen, die er fast wie Freundinnen behandelte, einen demokratischen Dialog herzustellen." (S. 97)

"Am selben Abend schildert schilderte Laurent bei einem Essen mit Freunden begeistert den Fall Annabelle. Für Mädchen wie sie  hatten sie gekämpft, erklärte er; um zu vermeiden, dass das Leben eines knapp siebzehnjährigen Mädchens ('das noch dazu sehr hübsch war' hätte er fast hinzugefügt) durch ein Ferienabenteuer verpfuscht wurde." (S. 98)

"Diese Frau hatte eine furchtbare Kindheit erlebt, schon mit sieben Jahren musste sie umgeben von trunksüchtigen, halb verrohten Männern auf dem Bauernhof mitarbeiten. Ihre Jugend war so kurz gewesen, dass sie sich kaum daran erinnern konnte. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie in der Fabrik gearbeitet und dabei gleichzeitig ihre vier Kinder aufgezogen; mitten im Winter musste sie nach draußen gehen um Wasser zu holen, damit ihre Kinder sich waschen konnten. Mit über 60 Jahren, kurz nachdem sie in Rente gegangen war, hatte sie sich bereit gefunden, sich noch einmal um ein kleines Kind zu kümmern – den Sohn ihres Sohnes. Ihm hatte es auch an nichts gefehlt – weder an sauberer Kleidung, noch an gutem Essen am Sonntagmittag, noch an Zuneigung. All das hatte sie in ihrem Leben getan. Eine auch nur annähernd vollständige Studie der Menschheit muss zwangsläufig diese Art von Phänomenen berücksichtigen. Solche Menschen hat es in der Geschichte gegeben. Menschen, die ihr ganzes Leben gearbeitet, hart gearbeitet haben, und das nur aus Hingabe und Liebe; Menschen, die ihr Leben aus Hingabe und Liebe den anderen buchstäblich geschenkt haben; und die dennoch keineswegs den Eindruck hatten, sich aufzuopfern; und die sich in Wirklichkeit keine andere Lebensweise vorstellen konnten, als ihr Leben aus Hingabe und Liebe den anderen zu schenken. In der Praxis waren diese Menschen im allgemeinen Frauen." (S. 101/102)

"Annabelle hatte die Abfahrt des Krankenwagens und die Rückkehr des Renault 16 beobachtet. Gegen ein Uhr nachts stand sie auf und zog sich an, ihre Eltern schliefen bereits; sie ging bis zur Gittertür vor Michels Haus. Alles war hell erleuchtet, sie waren wahrscheinlich im Wohnzimmer; aber es war unmöglich, durch die Vorhänge hindurch irgendetwas zu erkennen. Es regnete leicht. Zehn Minuten vergingen. Annabelle wusste, dass sie an der Tür klingeln und Michel sehen konnte; aber sie konnte es auch lassen. Sie war sich nicht recht bewusst, dass sie in diesem Augenblick die konkrete Erfahrung der Freiheit machte; auf jeden Fall war es ganz furchtbar, und nach diesen zehn Minuten sollte sie nie mehr ganz dieselbe sein. Viele Jahre später sollte Michel eine kurze Theorie der menschlichen Freiheit vorstellen, die auf der Analogie mit dem Verhalten des supraflüssigen Heliums beruhte. Das diskrete atomare Phänomen Des Elektronenaustauschs zwischen den Neuronen und den Synapsen im Inneren des Gehirns ist im Prinzip der Quantenunscharfe unterworfen; die große Anzahl der Neuronen bewirkt jedoch durch die statistisch bedingte Aufhebung der elementaren Unterschiede, dass das menschliche Verhalten – sowohl in seiner groben Zügen wie auch in den Einzelheiten – ebenso streng determiniert ist wie das jedes anderen natürlichen Systems. Doch unter manchen, äußerst seltenen Umständen – die Christen nannten es das Wirken der Gnade – entsteht eine neue Kohärenzwelle und breitet sich im Inneren des Gehirns aus; dadurch lässt sich – vorübergehend oder endgültig – ein neues Verhalten beobachten, das durch ein völlig anderes System harmonischer Oszillatoren bestimmt wird; es handelt sich um etwas, dass man gemeinhin eine freie Handlung nennt.
Doch nichts dergleichen ereignete sich in jener Nacht, und Annabelle kehrte ins Haus ihres Vaters zurück. Sie fühlte sich spürbar gealtert. Es sollten fast fünfundzwanzig Jahre vergehen, ehe sie Michel wiedersehen würde." (S. 102/103)

"Dadurch, daß wir das verwandtschaftliche Band, das uns an die Menschheit fesselt, zerrissen haben, leben wir. Dem Urteil der Menschen zufolge leben wir glücklich; allerdings haben wir es auch verstanden, die für sie unüberwindbaren Kräfte des Egoismus, der Grausamkeit und der Wut zu bezwingen; wir führen ohnehin ein anderes Leben. Die Wissenschaft und die Kunst sind weiterhin Bestandteil unserer Gesellschaft; aber die Suche nach dem Wahren und dem Schönen besitzt, da sie nicht mehr so stark durch den Stachel der individuellen Eitelkeit angespannt wird, einen weniger dringlichen Charakter. Auf die Menschen der ehemaligen Rasse wirkt unsere Welt wie ein Paradies. Es kommt im übrigen vor, dass wir uns selbst – wenn auch mit einer Spur von Humor – mit dem Namen 'Götter' bezeichnen, der so viele Träume bei ihnen ausgelöst hat.
Die Geschichte existiert; sie zwingt sich auf, beherrscht die Welt, ihr Reich ist unausweichlich. Aber über die strengen historische Intention hinaus besteht das eigentliche Bestreben dieses Buchs darin, jene leidgeprüfte, mutige Spezies, die uns geschaffen hat, zu ehren. Jener schmerzbeladene, nichtswürdige Spezies, die sich kaum vom Affen unterschied und dennoch so viele edle Ziele angestrebt hat. Jene gequälte, widersprüchliche, individualistische, streitsüchtige Spezies mit grenzenlosen Egoismus, die manchmal zu Ausbrüchen unerhörter Gewalt fähig war, aber nie aufgehört hat, an die Güte und an die Liebe zu glauben. Und auch jene Spezies, die es zum ersten Mal in der Geschichte der Welt verstanden hat, die Möglichkeit ihres eigenen Überwindens zu erwägen; und die es einige Jahre später verstanden hat, dieses Überwinden in die Tat umzusetzen. Zu einem Zeitpunkt, da die letzten Vertreter dieser Spezies im Aussterben begriffen sind, halten wir es für legitim, der Menschheit diese letzte Huldigung dazu bringen – eine Huldigung, die ihrerseits allmählich verblassen und sich im Treibsand der Zeit verlieren wird; dennoch ist es nötig, daß diese Huldigung wenigstens einmal erfolgt. Dieses Buch ist den Menschen gewidmet." (S. 356/357)

Links:


11 Februar 2022

Michel Houllebecq: Vernichten

Michel Houllebecq (Wikipedia)

Wikipedia zum Inhalt: Im Januar 2022 erschien mit Vernichten (im Original: Anéantir) Houellecbecqs bisher längster Roman. Das Buch schildert die Geschehnisse um den 50-jährigen Paul Raison, der ein enger Vertrauter des Wirtschaftsministers und Präsidentschaftskandidaten Bruno Juge ist. Die Figur des Wirtschaftsministers ist an Bruno Le Maire angelehnt, der ein Freund Houellebecqs ist. Neben Handlungselementen in Art eines Politthrillers werden insbesondere Raisons eigener Lebensweg sowie die Beziehungen zu seiner Frau und seiner Familie, die nach einem Schlaganfall des Vaters wieder zusammenfindet, geschildert.[22]

10 Rezensionen über den Roman bei Perlentaucher

Zitate:

"[...] das Denken und das Leben sind schlicht unvereinbar" (S. 60)
"Paul wusste nie, ob Madeleine vom Gemeinderat oder dem Regionalrat bezahlt wurde. Sie war eine Haushaltshilfe, die die klassischen Tätigkeiten verrichten konnte (Raumpflege, Einkaufen, Kochen, Wäschewaschen, Bügeln), für die sein Vater wie alle Männer seiner Generation völlig ungeeignet war – nicht dass die Männer der darauf folgenden Generationen an Kompetenz dazu gewonnen hätten, doch die Frauen hatten Sie ihrerseits verloren, und es hatte sich gezwungenermaßen eine gewisse Gleichheit eingestellt." (S.61/62) - Größere Gleichberechtigung in Frankreich?

"Wer würde sich darum kümmern? Cécile natürlich, wenn eine menschlich diffizile Aufgabe anstand, fiel sie automatisch Cécile zu. Sie als Katholikin [...], dachte er unbestimmt während er sich auf eine Bank setzte und das war für beträchtliche Zeit sein letzter geordneter Gedanke." (S. 77)

"[...] zwei Kinder zu bekommen, war ein klassisches Projekt, ja der Archetyp des klassischen Projekts, hätten Proudence und er Kinder gehabt, wäre es mit Ihnen nicht so weit gekommen, oder in Wahrheit vermutlich doch, ja, im Gegenteil, sie hätten sich wahrscheinlich schon längst getrennt, Kinder reichen heute nicht mehr aus, um eine Beziehung zu retten, sie tragen eher zu ihrer Zerstörung bei, in jedem Fall war es mit ihnen schon bergab gegangen, ehe sie überhaupt darüber nachgedacht hatten." (S. 79)

"[...] es ist ein Irrtum, zu glauben, die Würde des Kummers werde durch eine unmittelbare sexuelle Verlockung beeinträchtigt, oft ist das Gegenteil der Fall, der vom, Kummer überwältigte, von der Aussicht, nie mehr zur Ausübung der einfachsten biologischen Funktionen fähig zu sein, in Angst und Schrecken versetzte körperliche Organismus, wünscht sich, wieder mit irgendeiner Form von Leben, je grundlegender, desto besser, in Verbindung zu kommen. Aber dazu war Prudence wohl nicht in der Lage, ihre Erziehung war nicht in diese Richtung gegangen, und das war bedauerlich, da sich ihnen als Paar nur wenige andere Gelegenheiten bieten würden." (S. 88 )

"Der Gedanke, sich das Wohlwollen der Gewerkschaften mithilfe von Wildhasen königlicher Art, Confit von der Ringeltaube und passenden Grand Crus zu erkaufen, mochte womöglich schlicht, ja stumpfsinnig erscheinen, doch das änderte nichts daran, dass sich die fünfjährige Legislaturperiode in einer noch nie da gewesenen Atmosphäre des gesellschaftlichen Friedens vollzog, die Zahl der Streiktage war seit Beginn der Fünften Republik nicht mehr so niedrig gewesen, obwohl die Zahl der öffentlichen Beamten zugleich langsam, aber unerbittlich so weit zurückging, dass einige ländliche Gebiete hinsichtlich öffentlicher Dienstleistungen und medizinischer Versorgung auf das Niveau eines afrikanischen Landes abgesunken waren." (S.91)

Auseinandersetzung zwischen den Geschwistern

Cécile: Sie schüttelte den Kopf und sah sie einen nach dem anderen durchdringend an. "Ihr versteht das nicht", sagte sie schließlich. Natürlich sind ihre Ansprüche lächerlich, das musste man ihr auch sagen; aber war es wirklich notwendig sie zu demütigen?"

Da hatte sie vielleicht nicht unrecht, dachte Paul. Das Jahr 2027 hatte noch nicht begonnen, es würde vielleicht Probleme geben (S.201/202)

2027: "Die Verteilung der Primzahlen hatte in der Geschichte des Abendlands schon manch einen in den Wahnsinn getrieben." (S. 203)

Paul und Prudence haben sich entfremdet, aber als er eines Tages im Wohnzimmer in dem sie sich nur sehr selten sehen, einen Weihnachtsbaum entdeckt, liest er interessiert in dem Magazin für Hexenkunst seiner Frau über die Göttin Wicca.
"Ah, die ist ja in die Hände gefallen", sagte sie und zeigte auf die Zeitschrift. "Du wirst dich über mich lustig machen."
"Nein", sagte er sanft. Sicher, er war überrascht, er wusste nicht recht was er dazu sagen sollte, aber ihm war gar nicht danach, sich lustig zu machen. "Und dein Vater, gibt es Neuigkeiten?", fragte sie, er war dankbar, dass sie das Thema gewechselt hatte denn es gab tatsächlich Neuigkeiten, gute sogar. Er nahm seinen Bourbon wieder in die Hand, sie goss sich einen Tomatensaft ein, um ihm Gesellschaft zu leisten, und er berichtete ihr ausführlich vom erwachen seines Vaters aus dem Koma." [...] "Ihr habt wirklich Glück gehabt", sagte sie, und wieder einmal fragte er sich, wie sie zu ihren eigenen Eltern stand, sie hatte seit Jahren nicht von ihnen gesprochen. "Hast du dich die Tage mit deiner Schwester getroffen?", fragte er. Nein, antwortete sie, überrascht über die Frage, ihre Schwester sei nach Kanada gezogen, ob er das vergessen habe. Sie hätten sich seit fast fünf Jahre nicht gesehen.
"Wegen des Weihnachtsbaums", erklärte er, "ich dachte ..."

"Ach, der Weihnachtsbaum ... " Sie warf einen amüsierten Blick in Richtung des Baums. "Ich dachte mir, so wirkt etwas fröhlicher wenn du zurückkommst."

 Er blieb sehr lange stumm ein wenig verblüfft über die Wendung, die die Dinge genommen hatten. Prudence erhob sich geschmeidig vom Sofa.[...] Er stand ebenfalls auf, drückte ihr einen zarten Kuss auf die Wange. Sie lächelte ihn noch einmal an und verließ das Zimmer. Er blieb noch lange, vielleicht zehn Minuten, mitten im Wohnbereich stehen, dann nahm er die Flasche Jack Daniel's und ging die Treppe zu seinem Zimmer hinauf." (S. 218)

Die folgenden Zitate werde ich überprüfen, wenn mir das Buch wieder zur Verfügung steht.

Cécile
"Als sie mit dem Erdbeerkuchen zurückkehrte, war das Gespräch auf die nächste Präsidentschaftswahl gekommen und überhaupt lebhafter geworden, alle waren sich darin einig, dass die aktuelle Mehrheit zu unterstützen sei, das war alternativlos, wie man so sagte. Während sie den Kuchen in Stücke schnitt, überkam sie die Lust irgendetwas Unangemessenes und Kindisches zu rufen wie: "Mein großer Bruder ist sehr gut mit dem Minister bekannt!", Aber sie zügelte sich ging in die Küche zurück und machte sich an den Abwasch. Mit über 40 Jahren halte Sie das Gefühl, den Klassenkampf zu entdecken; es war ein merkwürdiges, unangenehmes, etwas schmutziges Gefühl, sie hätte es lieber nicht kennengelernt.
Als das Geschirr gespült und der Kaffee serviert war, begaben sich die Gäste in den Salon – oder besser gesagt in einen der Salons. Sie räumte zu Ende auf und konnte endlich gehen. "Ich begleite sie nicht, sie kennen ja den Weg, sagte die Hausherrin zu ihr". Herr W. war schon da, er wartete wie verabredet an der Ecke zum Cours Lafayette. Als sie die Treppe hinunterging, überkam sie das heftige Bedürfnis zu weinen. Das Auto stand nicht sehr weit weg, aber die 50 m, die sie in der eisigen Luft zurückgelegte, genügten ihr, um sich zu fangen, und nachdem sie neben Herr W. auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, nachdem er sie gefragt hatte, wie es gelaufen sei, gelang es ihr, auf die natürliche Weise zu antworten: sehr gut. (S. 275/76)

Paul und Prudence

"Und mit einem Mal zog sie ihn mit ganzer Kraft an sich und stieß dabei kaum vernehmliche Geräusche aus, es kam Paul vor, als weinte sie. Sie trug noch immer ihren Kinderschlafanzug, der sich leicht flauschig an fühlte, wie er unwillkürlich feststellte. Sie löste ihre Umklammerung ein wenig, sie drückte ihn noch immer sehr fest, aber es war nicht schlimm, es war gut.
So lag er lange reglos da, spürte ihre Hitze – sie glühte förmlich und schwitzte stark, ihr kardiovaskuläres System musste mit irrsinniger Geschwindigkeit laufen.
Das Tageslicht war bereits ins Zimmer eingedrungen, als er beschloss sich zu rühren; als er sich umdrehte, wurde ihm bewusst, dass er schreckliche Angst hatte.
Er hatte sich zu Unrecht gefürchtet. Ihre Münder waren wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ohne einen Augenblick zu zögern, presste Prudence ihren Mund auf den seinen, schob ihre Zunge hinein und bewegte sie langsam, verflocht ihre Zunge mit seiner. Er hatte den Eindruck, so könnte es lange weitergehen, für immer.
Doch es hörte auf, nichts währt ewig auf der irdischen Welt. [...] "Lass uns einen Kaffee trinken", sagte Paul.
Wieder konnte Cécile ihre Überraschung nicht verbergen, als sie die beiden händchenhaltend im Schlafanzug in die Küche kommen sah. Es musste da einen vorher bestimmten Ablauf geben, dachte sie, ein Ritual der Wiederannäherung. Zu den Beziehungsproblemen anderer kann man nichts sagen, man kann nicht intervenieren, sie sind ein geheimer Ort, zu dem niemand vordringt. Man kann allenfalls darauf warten, dass sich die Paare womöglich entscheiden, mit einem zu sprechen, wohl wissend, dass das wahrscheinlich nicht der Fall sein wird. Was innerhalb einer Beziehung geschieht, ist einzigartig, nicht auf andere Beziehungen übertragbar, nicht empfänglich für Eingriffe oder Kommentare von außen, einigermaßen abgetrennt von der übrigen menschlichen Existenz." (S.297/98)

Balzac

Es ist verwunderlich, dass Balzac auf den berühmten ersten Seiten von Das Mädchen mit den Goldaugen, auf denen er die Menschen als von der Suche nach Vergnügen und Gold getriebene Wesen darstellt, den Ehrgeiz unerwähnt lässt, jene dritte wesentliche Leidenschaft ganz anderer Art, der er selbst in besonderem Maße frönte. Bruno zum Beispiel schien nie von einem großen Verlangen nach Vergnügen und noch viel weniger nach Profit getrieben zu sein, aber ehrgeizig war er [...]. Außerdem ließ sich nie genau bestimmen, ob ihr Ehrgeiz eine großherzige oder egoistische Leidenschaft war, ob er dem Wunsch entsprang, in der Menschheitsgeschichte eine positive Spur zu hinterlassen, oder der allgemeinen Eitelkeit zu denjenigen zu gehören, die eine solche Spur hinterlassen haben. Alles in allem hat der Balzac die Dinge ein wenig vereinfacht. (S. 326/27)

Mutterliebe

"Es gab noch eine andere Leidenschaft, die Balzac vergessen hatte, und zwar die Mutterliebe, dachte er, gleich nachdem er aufgelegt hatte. Die Vaterliebe hingegen hatte er merkwürdigerweise behandelt, obwohl sie weniger verbreitet war, wogegen der Kanadier [der Mann von Priscilla, der Schwester von Prudence, von dem Priscilla sich hat scheiden lassen] nicht widersprochen hätte. Die Liebe seines Vaters zu Cécile und die von Priscillas Vater waren Beispiele dafür, wenn gleich weniger hardcore als die bei Vater Goriot. [...] den Rest der Nacht verbrachte er mit Lesen, [...] leider hatte er nicht viel Philosophisches, höchstens an die 15 Bücher, und es schienen eher läppische Philosophen der persönlichen Sorte zu sein. Er selbst hatte sich immer mehr oder weniger frei von den verschiedenen Leidenschaften gefühlt, die er soeben aufgezählt hatte und die von den Philosophen der Vergangenheit fast einhellig verurteilt worden waren. Er hatte die Welt stets als einen Ort betrachtet, an den er nicht gehörte, ohne dass er es jedoch eilig gehabt hätte, ihn zu verlassen, weil er schlichtweg keinen anderen kannte." (S. 329)

Narzismus

"[...] schon seit langem, vielleicht sogar schon immer hatten die auf Wettbewerb und Hast basierenden narzistischen Reize die Oberhand über die sexuellen Stimulation gewonnen; und sie sind im Prinzip unbegrenzt." (S. 396)
"Was Aurélien betraf, so hatte er bisher in der modernen Illusion gelebt, dass Scheidungen reibungslos verlaufen, dass es sich dabei um einen einfachen und friedlichen, geradezu freundschaftlichen Prozess handelt; jetzt stellte er fest, dass genau das Gegenteil der Fall war, dass der Hass, der schon lange schwelte, an seinen Siedepunkt gelangte und im Moment der Scheidung fast gigantische Ausmaße annahm. Er wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen, doch sein Anwalt erinnerte ihn jedes Mal daran, dass bei einem Scheidungsverfahren genau wie bei jeder anderen Verhandlung auch, derjenige im Nachteil ist, der die Sache so schnell wie möglich zum Abschluss bringen will. Also fand er sich ab. Er riss sich zusammen." (S. 397 )

Prudence

"Sie dachte also weiter in die Zukunft hinein, sie war eindeutig überzeugt, dass sie sie erleben würde, das war ihm eine Zeit lang unangenehm, aber er war bemüht, sich selbst auch davon zu überzeugen, es war eine Art Training, ein Trick, den man anwenden musste, und es gelang ihm. Meistens jedenfalls. Doch diesmal kehrte der Gedanke an den Tod sehr schnell zurück, mit der Brutalität eines Schlag in die Magengrube, ihm stockte einige Sekunden lang der Atem. Das Problem war, dass Paul das jetzt alles mitbekam, als reagierte sie sofort, ein Schauder und mächtiger Traurigkeit huschte über ihr Gesicht. Er spürte, dass er ihr gegenüber bald, sehr bald, jeden Rest von Zurückhaltung, von Schamgefühl ablegen würde; dann würden sie wirklich zusammen sein, mehr als sie es je gewesen waren, sie werden beide dauerhaft so sein, wie sie es jetzt beim Sex waren, sie werden gemeinsam das finstere Tal durchschreiten." (S.578/79)

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