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12 April 2016

Lais an Aristipp über unser Bild vom Tod

Lais an Aristipp:
"Indessen mag es wohl ganz gut für uns seyn, daß alles Gewicht der Gründe, die uns den Tod in einem so fröhlichen Lichte zeigen, dennoch keine völlige Gewißheit hervorbringt; so daß ein Sokrates selbst nicht mehr dadurch gewinnt, als es zuletzt, mit einer gewissen zwischen Hoffnung und Gleichgültigkeit leise hin- und herschwebenden Ruhe, darauf ankommen zu lassen, was an der Sache seyn werde. Wären wir völlig gewiß, daß uns der Tod zu einer so großen Verbesserung unsrer Existenz befördern werde, wie ihr andern Filosofen uns so sinnreich vorzuspiegeln wißt, wer wollte in den nackten Felsen von Serifos grau werden, wenn er nur seinen Kahn vom Ufer abzuschneiden brauchte, um in das zauberische Land der Hesperiden oder in Platons überirdische Erde hinüber zu fahren? Denn was dieser seinen Sokrates über unsre vorgebliche Soldatenpflicht – »unsern Posten nicht eher zu verlassen bis wir abgelöst werden« – sagen läßt, überzeugt mich nicht; und ich sehe nicht ein, was meine Freyheit über mich selbst zu gebieten beschränken sollte, sobald meine dermahlige Existenz nicht anders als unter unerträglichen Bedingungen verlängert werden kann."
(Wieland: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen,  1. Band, Brief 62)

10 April 2016

Wieland: Aristipp - Meinungsaustausch zum Tod des Sokrates

Wielands Briefroman: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen schildert, wie die Zeitgenossen von Sokrates auf das Todesurteil für Sokrates und die erste Schrift von Platon reagieren. 
Damit liefert er die Vorgeschichte zu dem Bildungsroman Die Geschíchte des Agathon.

Lais:
[...] Ich habe dir eine Neuigkeit mitzutheilen, die nicht sehr geschickt ist, deine Meinung von den Athenern zu verbessern. Sokrates, unter allen beschuhten und unbeschuhten Achaiern unstreitig der beste, soll (wie die Rede geht) von drey redseligen Buben, dem Gerber und Volksredner Anytus, dem Rhetor Lykon, und einem gewissen Dichterling, wenn ich nicht irre Melitus genannt, angeklagt worden seyn, »daß er neue Götter in Athen einführen wolle, und die jungen Leute verderbe!« Jedermann findet diese Anklage gar zu ungereimt, und ich habe noch niemand gesehen, der ernsthaft davon hätte sprechen können, oder im geringsten für unsern alten Freund in Sorgen stände, wiewohl der Kläger auf keine geringere als die Todesstrafe anträgt. Ungeachtet ich die Sache eben so ansehe, so gestehe ich doch, ich traue den Athenern nur halb, und verlasse mich mehr auf die Anzahl und den Eifer seiner Freunde, als auf die Güte seiner Sache und die Gerechtigkeit der Heliasten oder Areopagiten. Hoffentlich wird der Sturm schon glücklich vorüber seyn, ehe du dich von Cyrene los machen kannst. Denn so eben versichert mich einer meiner Athenischen Bekannten, der die Stadt erst diesen Morgen verlassen hat, der berühmte Lysias arbeite an einer ganz vortrefflichen Schutzrede für unsern ehrwürdigen Freund, und die allgemeine Stimmung sey dem Beklagten so günstig, daß es ihm nur ein gutes Wort an seine Richter kosten werde, um lauter weiße Steine zu erhalten.  [...]
Aristipp:
Deine Neuigkeit hat mich befremdet, aber nicht im geringsten beunruhigt. Eine so boshafte Anklage, von so nahmenlosen Menschen wie diese, kann einem Sokrates nicht gefährlich seyn, oder die Kechenäer müßten von aller Scham und Vernunft gänzlich verlassen werden. Ich kenne von den Anklägern nur einen persönlich, den Lederhändler Anytus, einen würdigen Nachfolger des berüchtigten Kleons, nur daß er sich gegen diesen ungefähr verhält wie ein Schafsfell zu einer Hirschhaut; ob er sichs gleich ein paar hundert tüchtige Bocksfelle kosten ließ, um es in der edeln Kunst, dem übelhörenden halbkindischen alten Demos im Pnyx die Ohren voll zu schreyen, so weit zu bringen, daß er sich unter den dermahligen Volksrednern so gut als ein Anderer hören lassen darf.  [...]
Hippias:
Unter uns, Aristipp, ich glaube man sagt den Athenern und der Weisheit mehr Böses nach als sie verdienen. Der gute Sokrates hätte mit aller seiner Weisheit, die am Ende den Athenern weder warm noch kalt gab, ihrentwegen noch lange leben können, wenn er durch seine Ironie, und den Faunischen Muthwillen, alle Leute die sich mit ihm einließen zu necken und in die Enge zu treiben, und durch das ewige Einmischen in fremde Angelegenheiten und alles besser Wissen als andere, sich nicht schon seit langer Zeit verhaßt, und durch seinen anscheinenden Müßiggang und seine armselige Lebensart noch oben drein verächtlich gemacht hätte. Nach Solons Gesetzen soll jeder Bürger der dritten Klasse entweder irgend eine nützliche und ehrliche Profession treiben, oder der Republik unmittelbare Dienste thun. Sokrates that, ihrer Meinung nach, weder dieses noch jenes: denn daß er tagtäglich an allen öffentlichen Orten zu sehen und zu hören war, und von einer Bude und Werkstatt zur andern ging, um die Leute mit seinen Fragen und Subtilitäten (wie sie es nannten) zu beunruhigen, wurde ihm natürlicher Weise von dem gemeinen Mann, und selbst von den meisten aus den höhern Klassen, für keine Beschäftigung und zu keinem Verdienst angerechnet, wie gut er selbst es auch damit meinen mochte. Wenn wir niemand Unrecht thun wollen, Aristipp, müssen wir billig seyn. Um die Schuld der Athener in diesem fatalen Handel richtig abwägen zu können, müßten wir untersucht haben, ob sie in ihrer Lage und vermöge ihrer gewohnten Vorstellungsart anders von ihm denken konnten; und wer dieß untersuchen wollte, müßte sich völlig an ihren Platz stellen können. Hier in Syrakus hört man die verschiedensten Urtheile über diese Tragödie, die, so lange sie die Neuigkeit des Tages war, auch das Einzige war wovon überall gesprochen wurde. Die meisten hatten viel an dem Benehmen des Helden auszusetzen, besonders wurde der spottende und trotzende Ton womit er sich gegen seine Richter vertheidigte, oder vielmehr nicht vertheidigen wollte, fast allgemein getadelt. Doch fanden sich auch einige, denen dieser Ton der einzige schien, der sich für ihn schickte, wiewohl er leicht voraussehen konnte, was er ihm kosten werde. Aber in Einem Punkt stimmt ganz Syrakus überein, darin nehmlich, daß er unrecht gethan habe, den Beystand zur Flucht, den ihm sein Freund Kriton anbot und beynahe aufdrang, so eigensinnig auszuschlagen.  [...] Wenn er auch (sagt man) auf sich selbst und seine Freunde und Weib und Kinder keine Rücksicht nehmen wollte, so war es Pflicht eines guten Bürgers, den Athenern die Nachreue über ein ungerechtes Urtheil und den Tadel aller übrigen Griechen zu ersparen.  [...] Je näher ich die Syrakusaner kennen lerne, je mehr überzeuge ich mich, daß die Athener (mit Erlaubniß der schönen Lais zu sagen) ein gutartiges, lenksames und verständiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind. Es ist leicht vorher zu sehen, daß die Harmonie, die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius zu bestehen scheint, von keiner langen Dauer seyn wird. Die Eupatriden von Syrakus können und werden sich nie mit ihm aussöhnen, und lauern Tag und Nacht, mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird, auf Gelegenheit, ihn entweder, wenn es mit Vortheil geschehen kann, offenbar anzugreifen, oder in eine der Schlingen zu locken, die sie ihm überall zu legen beflissen sind. Ich möchte wohl wissen, wie es möglich wäre, daß ihn dieß nicht mißtrauisch, argwöhnisch, feindselig und streng gegen Leute machen sollte, von deren versteckten Dolchen er allenthalben umringt ist. Man hört die bittersten Klagen, daß keine zwey oder drey Bürger aus den höhern Klassen mit einander sprechen können, ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen: als ob dieß eine andere Ursache hätte, als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann, daß nicht leicht zwey oder drey Personen dieser Art beysammen stehen, ohne eine Verschwörung gegen ihn zu verabreden. Sie zwingen ihn zu tyrannischen Maßregeln, und schreyen dann über seine Gewaltthätigkeit und Grausamkeit. Wäre er nicht immer von etlichen Freunden, die einerley Interesse mit ihm verbindet, und von einer ausländischen Leibwache, auf die er sich gänzlich verlassen kann, umgeben, so möchte er der weiseste und beste aller Fürsten seyn, er wäre seines Lebens keinen Augenblick sicher. Wahrlich es gehört ein Mann wie er dazu, ein Mann, dessen Karakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Kälte, von strenger Vernunft und launenhaftem Witz, von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit, Humanität und Grausamkeit ist, um sich unter solchen Umständen nur acht Tage auf dem Throne zu erhalten.  [...] – Das schwör' ich dir zu, Aristipp, wenn ich Syrakus verlasse, wird der Tyrann der Einzige seyn, von dem ich mich ungern trenne.  [...]
Aristipp:
Der Bürger eines Staats begiebt sich eben dadurch, daß er sich den Gesetzen desselben und der gesetzmäßig angeordneten Obrigkeit unterwirft, alles Rechts, sich gegen ihre Entscheidungen aufzulehnen, oder die Vollziehung derselben zu verhindern.  [...] 

(Wieland: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen 1. Band, Brief 44ff.)

Zeitgenossen über Platons erste Schrift (Wieland: Aristipp)

Aristipp:
Inzwischen unterschreibe ich, ohne daß es mir die mindeste Gefälligkeit kostet, alles, was du Rühmliches von diesem sonderbaren prosaischen Gedichte gesagt hast. Denn eine Art von Gedicht ist es am Ende doch, und zum Dichter wäre Plato geboren gewesen, wenn ihn nicht sein böser Genius, neben seinem natürlichen Hang zum Fabulieren und Allegorisieren, noch mit einem unwiderstehlichen Trieb sich selbst und andre in dialektische Spinneweben zu verfangen gestraft hätte. Da ihm die schlichte populäre Filosofie des Sokrates kein Genüge that, vertiefte er sich schon früh in den Grübeleyen der Eleatischen und Pythagorischen Schule, die sich damit abgeben, das Innerste der Natur und den ersten Grund der Dinge, das Unendliche, den Ursprung der Welt, das Wesen der Materie und des Geistes, kurz, alles ergründen zu wollen, was nicht zu ergründen ist. [...] Denn warum sollte er nicht Bücher schreiben, da er das Talent, seinen Gedanken jede beliebige Gestalt zu geben, und eine Fülle Attischer Redseligkeit in seiner Gewalt hat, und, sobald er nur will, den Verstand, die Einbildungskraft und das Gemüth seiner Leser zugleich in Bewegung zu setzen und zu unterhalten weiß? – Aber wenn er fortfahren wollte dem guten Sokrates die Hauptrolle in seinen filosofischen Dramen aufzudrängen, und gerade dem Manne, der die Filosofie vom Himmel oder vielmehr aus dem windigen Reiche der »regenbeladenen Jungfrauen« des Aristofanes, wieder auf die Erde herabhohlte und in das häusliche und bürgerliche Leben der Menschen einführte, kurz sich ausschließlich mit einer Lebensweisheit beschäftigte, die für jedermann verständlich und brauchbar war, wenn Plato fortfahren wollte, seine Liebhaberey, abgezogene Begriffe bis zu einem unbrauchbaren Grad von Feinheit auszuspinnen, und die Leute mit Zweifelsknoten, die er selbst nicht aufzulösen weiß, zu beunruhigen, gerade diesem Manne vor die Thür zu legen; dieß, ich bekenn' es, würd' ich ihm nicht wohl verzeihen können. Freylich muß es jedem erlaubt seyn, das Wahre, zu welchem so vielerley Wege führen, auf demjenigen zu suchen, den er für den nächsten oder anmuthigsten hält; nur stelle jeder sich selbst vor, und nehme sich nicht heraus, das Gesicht eines andern zu einer Larve vor sein eigenes zu machen.

Hippias:
Was wird die Nachwelt (wofern dieses Platonische Machwerk seinen Schöpfer überleben sollte) von Sokrates und von denen, die ihn für einen Weisen hielten, denken müssen, wenn sie liest, daß er ein paar Stunden vor seinem Tode seine besten Freunde, lauter gesetzte und zum Theil schon bejahrte Leute, mit so läppischen Fragstücken, wie man sie etwa an ein Kind von drey Jahren thun könnte, unterhalten habe; und sollte sie wohl glaublich finden, daß so verständige junge Männer, wie Cebes und Simmias, sich diese kindische Art von Belehrung hätten wohlgefallen lassen? Oder was denkst du daß man zu einem Dialog, im Geschmack der kleinen Probe, die ich mir (Wunders halben) abzuschreiben die Mühe geben will, sagen werde? 
SOKRATES ZU CEBES. Was meinst du, Cebes, ist irgend etwas dem Leben so entgegengesetzt als das Schlafen dem Erwachen?
 CEBES. Allerdings. 
SOKRATES. Was denn? 
CEBES. Gestorben seyn. 
SOKRATES. Entstehen nicht beide aus einander entgegen gesetzten Dingen, und muß es nicht mit ihren respektiven Entstehungen (γενεσεις) eben dieselbe Bewandtniß haben? 
CEBES. Wie könnt' es anders? 
SOKRATES. Ich will dir nur das eine Paar der so eben genannten Dinge sagen, so wohl sie selbst als ihre Entstehungen; und du sagst mir dann das andere. Ich setze also, schlafen, und wachen, und nun sag' ich: aus dem Wachen entsteht das Schlafen, und umgekehrt aus dem Schlafen das Wachen, und ihre Entstehungen sind, vom einen das Einschlummern, vom andern das Aufwachen. Hab' ich es deutlich genug gesagt oder nicht? 
CEBES. Sehr deutlich. 
SOKRATES. Nun sage du mir auch, wie es sich mit dem Leben und dem Gestorben seyn verhält. Sagst du nicht, daß Leben das Gegentheil sey von Gestorben seyn? 
CEBES. Allerdings. 
SOKRATES. Und daß sie aus einander entspringen? 
CEBES. Ja. 
SOKRATES. Was wird also aus dem Lebenden? 
CEBES. Das Gestorbene. 
SOKRATES. Und aus dem Gestorbenen? 
CEBES. Nothwendig muß man bekennen, das Lebende.
 SOKRATES. Diesem nach, mein lieber Cebes, entstehen die Lebenden aus den Gestorbenen? [...]
Nun frage ich dich, Aristipp, ob das unauslöschliche Lachen der seligen Götter im ersten Buch der Ilias hinlänglich wäre, eine solche Manier zu filosofieren nach Würden zu belachen?

Wieland: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen

05 Februar 2016

Die Sophisten, speziell Hippias (Wieland: Agathon)

Die Sophisten und Socrates
Sie wurden von aller Welt mit dem ehrenvollen Namen der Sophisten oder Weisen benennt; allein die Weisheit, von der sie Profession machten, war von der Socratischen, die durch einige Verehrer dieses Atheniensischen Bürgers so berühmt worden ist, so wohl in ihrer Beschaffenheit, als in ihren Würkungen unendlich unterschieden; oder besser zu sagen, sie war die vollkommne Antipode derselbigen. Die Sophisten lehrten die Kunst, die Leidenschaften andrer Menschen zu erregen; Socrates die Kunst, seine eigene zu dämpfen. Jene lehrten, wie man es machen müsse, um weise und tugendhaft zu scheinen; dieser lehrte, wie man es sei. Jene munterten die Jünglinge von Athen auf, sich der Regierung des Staats anzumaßen; Socrates, daß sie vorher die Hälfte ihres Lebens anwenden sollten, sich selbst regieren zu lernen. [...]
Wir würden nicht fertig werden, wenn wir diese Gegensätze so weit treiben wollten, als wir könnten. Genug, daß die Weisheit der Sophisten einen Vorzug hatte, den ihr die Socratische nicht streitig machen konnte; sie verschaffte ihren Besitzern Reichtum, Ansehen, Ruhm, und ein Leben, das von allem, was die Welt glücklich nennet, überfloß. [...]
Hippias
Er war so klug, frühzeitig zu entdecken, wie viel an der Gunst dieser reizenden Geschöpfe gelegen ist, welche in den policierten Teilen des Erdbodens die Macht würklich ausüben, die in den Märchen den Feen beigelegt wird; die mit einem einzigen Blick, oder durch eine kleine Verschiebung des Halstuchs stärker überzeugen, als Demosthenes und Lysias durch lange Reden; die mit einer einzigen Träne den Gebieter über Legionen entwaffnen, und durch den bloßen Vorteil, den sie von ihrer Gestalt und einem gewissen Bedürfnis des stärkern Geschlechts zu ziehen wissen, sich zu unumschränkten Beherrscherinnen derjenigen machen, in deren Händen das Schicksal ganzer Völker liegt. [...]
Er hatte, bevor er sich nach Smyrna begab, um die Früchte seiner Arbeit zu genießen, den schönsten Teil seines Lebens zugebracht, die edelste Jugend der griechischen Städte zu bilden; er hatte Redner gebildet, die durch eine künstliche Vermischung des Wahren und Falschen, und den klugen Gebrauch gewisser Figuren, einer schlimmen Sache den Schein und die Würkung einer guten zu geben wußten; Staats-Männer, welche die Kunst besaßen, mitten unter den Zujauchzungen eines betörten Volks die Gesetze durch die Freiheit und die Freiheit durch schlimme Sitten zu vernichten; um diejenigen, die sich der heilsamen Zucht der Gesetze nicht unterwerfen wollten, der willkürlichen Gewalt ihrer Leidenschaften zu unterwerfen; kurz, er hatte Leute gebildet, die sich Ehren-Säulen dafür aufrichten ließen, daß sie ihr Vaterland zu Grunde richteten. Allein dieses befriedigte seine Eitelkeit noch nicht: Er wollte auch jemand hinterlassen, der seine Kunst fortzusetzen geschickt wäre; eine Kunst, die in seinen Augen allzuschön war, als daß sie mit ihm sterben sollte.

14 Januar 2012

In Dantes Hölle trifft Vergil seine Kollegen und seine Figuren

Mein Meister sprach: Du unterläßt zu fragen,
Was es für Geister sind, die du hier siehest;
Doch sollst Du, eh wir weiter gehn, vernehmen,
Daß sie nicht sündigten. Und wenn Verdienste
Sie hatten, g'nügt es nicht, weil ohne Taufe
Sie starben, welche deines Glaubens Teil ist.
Und lebten sie noch vor dem Christentume,
So beteten zu Gott sie falscher Weise;
Und diesen bin ich selber beizuzählen.
Ob solchen Mangels, nicht ob andren Fehles,
[24] Sind wir verloren, und nur dadurch leidend,
Daß, ohne Hoffnung, wir in Sehnsucht leben. –
Als ich's vernommen, faßte tiefer Schmerz mich
Denn ich begriff, wie Seelen höchsten Wertes
In dieses Vorhofs Mittelzustand schwebten.
Sag' an, mein Meister, sage mein Gebieter,
Begann ich, um Bestätigung zu finden
Des Glaubens, welcher jeden Wahn vernichtet:
Ward einer je von hier befreit und selig
Durch fremdes, oder eigenes Verdienst? –
Und er, verstehend die verhüllte Rede,
Entgegnete: Noch neu in diesem Zustand
War ich, als ein Gewaltiger daher kam,
Um dessen Haupt sich Siegeszeichen wanden.
Er raubte uns des ersten Vaters Schatten
Und Abel seinen Sohn, Noah und Moses,
Der die Gesetze schrieb, und doch gehorchte,
Abra'm den Patriarchen, König David,
Israel mit dem Vater und den Kindern
Und Rahel auch, um die er lang geworben,
Viel andre noch, und alle macht' er selig.
Doch wissen sollst du, daß niemals vor ihnen
Die Seele eines Menschen ward errettet. –
[...]
Da hört' ich einer Stimme Ruf erschallen:
Erweiset dem erhabnen Dichter Ehre!
Sein Schatten kehrt zurück, der uns verlassen. –
Als nun die Stimme schwieg und nicht mehr tönte,
Sah ich vier hohe Schatten sich uns nahn;
Ihr Antlitz zeigte Trauer nicht, noch Freude.
Mein Meister aber sagte rasch zu mir:
Sieh jenen mit dem Schwert in seiner Hand,
Der vor den andren hergeht als ihr Meister!
Das ist Homer, der königliche Dichter
Der zweit' ist der Satiriker Horaz,
Als dritter folgt Ovid, Lucan als letzter.
Weil jeder nun mit mir den Namen teilt,
Den du die Einzelstimme nennen hörtest,
Tun sie mir Ehr' an, und so ist's geziemend. –
So sah versammelt ich die schöne Schule
Der Meister des erhabensten Gesanges,
Der ob den andren, gleich dem Adler, fliegt.
Als miteinander etwas sie gesprochen,
Da wandten sie zu mir sich, freundlich grüßend;
Mein Meister aber lächelte darob.
Und mehr der Ehr' erzeigten sie mir noch;
Denn ihrer Schar gesellten sie mich zu,
So daß ich Sechster ward im Kreis der Weisen.
[...]
Durch sieben Tore traten dann wir ein
Und fanden uns auf frisch begrünter Matte.
Die Geister dort, sie blickten ernst und ruhig,
Es lag in ihrem Ausdruck hohe Würde,
Sie sprachen selten und mit sanfter Stimme.
Wir wählten einen Platz, der licht und offen
Zur Seite sich erhob, so daß von dort aus
Wir all die Scharen deutlich überschauten.
Uns gegenüber auf dem grünen Teppich
Wies mir mein Führer dann die großen Geister;
Weshalb ich noch mich rühm, und glücklich preise.
Elektra sah ich unter viel Gefährten,
Wovon Aeneas ich erkannt' und Hektor,
Cäsar im Waffenschmuck mit Falkenaugen.
Ich sah Cammilla und Penthesilea,
Latinus auch den König, und die Tochter
Lavinia, welche fern den andren saßen.
Den Brutus sah ich, der Tarquin vertrieben,
Lucretia, Julia, Martia und Cornelia,
Und einsam und abseits den Saladin. –
Als etwas höher ich die Wimper hob,
Sah ich den Meister aller die da wissen,
Umgeben rings von Philosophen-Schülern;
Auf ihn nur schauen ehrerbietig alle.
Hier sah ich Sokrates sowohl als Plato,
Die vor den andren ihm am nächsten stehn.
Auch Demokrit, dem alles gilt für Zufall,
Und Thales, Anaxagoras, wie Zeno,
Empedokles und Heraklit, den dunklen,
Diogenes und Dioskorides,
Heilsamer Pflanzen Sammler, Orpheus, Linus,
Cicero, Seneca, den Sittenlehrer,
Euklid, den Geometer, Ptolemäus,
Hippokrates, Galen und Avicenna,
Averroës, den großen Kommentator.
Unmöglich kann ich einzeln alle nennen.
Zur Kürze treibt so sehr des Stoffes Länge,
Daß dem Geseh'nen oft mein Wort nicht nachkommt. –
Dante: Die Göttliche Komödie, 4. Gesang, S.23-26