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26 Juni 2021

Lewis Wallace: Ben Hur - Latein und die Römer; der König, der da kommen sollte

Ein privater Konflikt mit Messala und der jüdische Wunsch nach Autonomie

"[...]  »Heute nachmittag, Scheik, werde ich dir Sirius zurückgeben.« Ben Hur streichelte bei diesen Worten den Hals des alten Pferdes. »Ich werde ihn dir zurückgeben und es mit dem Wagen versuchen.« »So bald schon?« fragte Ilderim. »Bei Tieren wie diesen, guter Scheik, genügt ein Tag. Sie sind nicht furchtsam. Sie haben Menschenverstand und lieben die Übungen. Dieses da« – er schüttelte das Leitseil über dem Rücken des Jüngsten des Viergespanns – »du nanntest es, glaube ich, Aldebaran, ist das schnellste. Auf einer Runde um die Rennbahn würde es die anderen um das Dreifache seiner Körperlänge überflügeln.«

Ilderim wühlte in seinem Bart und sprach mit leuchtenden Augen: »Aldebaran ist das schnellste.«

»Ich habe nur eine Besorgnis, Scheik.«

Der Scheik wurde doppelt ernst.

»In seiner Gier nach Sieg kann ein Römer die Ehre nicht rein bewahren. Ihre Kniffe bei den Spielen sind unzählbar, im Wagenrennen erstreckt sich ihre Hinterhältigkeit auf alles, vom Pferd bis auf den Lenker, vom Lenker bis auf den Herrn. Deshalb, guter Scheik, laß von heute an, bis das Rennen vorüber ist, keinen Fremden die Pferde auch nur sehen. Willst du vollkommen sicher sein, so tue noch mehr: bewache sie mit bewaffneter Hand wie mit schlaflosem Auge, dann will ich für den Ausgang nichts fürchten.«

Am Zelteingang stiegen sie ab.

»Deine Worte sollen beachtet werden. Bei der Herrlichkeit Gottes! Niemand soll ihnen nahekommen und keine Hand sie berühren, außer sie gehöre einem meiner Getreuen. Heute nacht werde ich Wachen aufstellen. Doch, Sohn des Arrius,« – Ilderim zog das Päckchen hervor und öffnete es langsam, während sie an den Diwan traten und sich setzten – »sieh hier und hilf mir mit deinem Latein aus.«

Er reichte Ben Hur das Schriftstück hin.

»Da, lies. Lies laut und übertrage, was du liesest, in die Sprache deiner Väter. Latein ist mir ein Greuel.*«

Ben Hur war in guter Laune und begann sorglos zu lesen: »Messala an Gratus!« Er hielt inne. Eine Ahnung trieb ihm das Blut zum Herzen. Ilderim bemerkte seine Erregung. »Nun, ich warte.«

Ben Hur bat um Entschuldigung und begann neuerdings zu lesen. Die ersten Zeilen waren nur insofern bemerkenswert, als sie ihm bewiesen, daß der Schreiber seine Spottsucht nicht abgelegt hatte. Als der Leser sodann zu den Stellen kam, die des Gratus Gedächtnis auffrischen sollten, zitterte seine Stimme und er setzte zweimal ab, um seine Fassung wiederzugewinnen. Mit großer Anstrengung las er weiter: »– erinnere ich Dich daran, wie Du über die Familie Hur verfügtest« – hier hielt der Leser abermals inne und holte tief Atem – »und wie wir beide damals den gefaßten Plan für den wirksamsten zur Erreichung unserer Absichten hielten, nämlich die Familie zum Stillschweigen und zum unvermeidlichen, aber natürlichen Tode zu verurteilen.«

Hier versagte Ben Hur vollends die Stimme. Das Papier entfiel ihm und er barg sein Gesicht in den Händen.

»Sie sind tot – tot! Ich allein bin übrig!«

Der Scheik hatte schweigend, aber nicht teilnahmlos den Schmerz des jungen Mannes mitangesehen. Nun erhob er sich und sprach: »Sohn des Arrius, es ist an mir, dich um Entschuldigung zu bitten. Lies den Brief für dich allein. Wenn du stark genug bist, mir den Rest mitzuteilen, so laß es mich wissen, und ich werde wiederkommen.«

Er ging aus dem Zelte hinaus; nichts in seinem ganzen Leben hatte ihm besser gestanden. [...]" (19. Kapitel)


*Diesen Satz hatte mein Bruder in dem Exemplar unserer Familie unterstrichen. Daher besinne ich mich an ihn. - In dem mir vorliegenden gedruckten Exemplar steht er im 23. Kapitel. - Weshalb die Zählung von der in gutenbg.org abweicht, ist mir nicht bekannt. 


"[...] Bald darauf wurden die Taue der Galeere gelöst, diese drehte sich herum und stieß unter dem Schein der Fackeln und unter den lauten Rufen fröhlicher Schiffsleute ins Meer. Ben Hur blieb an die Sache des Königs gebunden, der da kommen sollte."  (21. Kapitel)

29 Mai 2021

Lewis Wallace: Ben Hur - Judah erlebt die Kreuzigung

 "[...] Die erste und die zweite Stunde nach der Kreuzigung vergingen für den Nazarener unter der gleichen Verhöhnung und Schmähung. Nur einmal während dieser Zeit öffnete er seinen Mund. Einige Frauen erschienen und knieten am Fuße seines Kreuzes nieder. Unter ihnen erblickte er seine Mutter und den Lieblingsjünger.

»Weib,« sprach er, seine Stimme erhebend, – »sieh deinen Sohn!« Und zum Jünger: »Sieh deine Mutter!«

Die dritte Stunde kam und noch immer wogte die Menge um den Hügel, von einer geheimen Kraft auf demselben festgehalten. Nicht wenig mochte dazu die ungewöhnliche Nacht zur Mittagszeit beigetragen haben. Die Leute waren ruhiger als in der vorigen Stunde. Man konnte auch bemerken, daß sie jetzt, wenn sie zum Nazarener kamen, schweigend seinem Kreuze sich nahten, schweigend hinaufblickten und ebenso lautlos sich entfernten. Diese Änderung erstreckte sich selbst auf die Soldaten, die erst kurz zuvor über die Kleider des Gekreuzigten das Los geworfen hatten. Sie standen mit ihren Anführern etwas abseits, mehr auf den einen Gekreuzigten achtend als aus das Gedränge der Kommenden und Gehenden. Sobald er nur schwer atmete oder im Übermaß des Schmerzes das Haupt bewegte, wurde schon ihre Aufmerksamkeit rege. Am auffallendsten jedoch war das geänderte Benehmen des Hohenpriesters und seiner Begleiter. Sie erschraken über die zunehmende Verfinsterung und besprachen sich darüber. »Es ist Vollmond,« sagten sie, und der Wahrheit gemäß, »eine Sonnenfinsternis kann dies also nicht sein.« Da niemand die sie alle aufregende Frage beantworten, niemand die gerade zu dieser Zeit eingetretene Finsternis erklären konnte, brachten sie dieselbe in ihren innersten Gedanken mit dem Nazarener in Verbindung und konnten sich einer gewissen Angst nicht erwehren, welche durch die lange Dauer der Erscheinung nur noch gesteigert wurde. Der Mann mochte wirklich der Messias gewesen sein und dann – – Doch sie wollten warten und sehen!

Als die dritte Stunde etwa halb verflossen war, kamen einige aus der rohesten Klasse, – verworfene Menschen aus den Grabhöhlen der Umgebung Jerusalems – und blieben vor dem mittleren Kreuze stehn.

»Hier ist er, der neue König der Juden,« riefen sie unter Hohnlachen.

Da sie keine Antwort erhielten, traten sie näher heran.

»Bist du der König der Juden oder Gottes Sohn, so steige herab,« sagten sie laut.

Jetzt unterbrach einer der Schächer sein Stöhnen und rief dem Nazarener zu: »Ja, wenn du Christus bist, so hilf dir selbst und uns!«

Das Volk lachte und erhob ein Beifallsgeschrei. Als es dann wieder schwieg, um auf eine Antwort zu warten, hörte man den anderen Schacher zum ersten sagen: »Fürchtest auch du Gott nicht, da du doch dieselbe Strafe erleidest? Wir zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdient haben. Dieser aber hat nichts Böses getan.«

Die Umstehenden waren erstaunt. In der Stille, die eintrat, sprach der zweite Schächer wieder, doch diesmal zum Nazarener: »Herr,« sagte er, »gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!«

Da antwortete der Nazarener, und zwar mit lauter Stimme und im Tone der Zuversicht: »Wahrlich, sag' ich dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!«

Simonides, dessen Inneres bisher von den widerstreitendsten Gedanken erfüllt gewesen, war es bei diesen Worten, als dringe ein helles Licht in seine Seele. Dann faltete er die Hände und sprach: »Genug, Herr, genug! Die Finsternis ist gewichen; ich sehe mit anderem Auge – gerade wie Balthasar, ich sehe mit den Augen vollkommenen Glaubens.« Der treue Diener hatte endlich den gebührenden Lohn gefunden. Sein gebrochener Körper mochte nie wieder hergestellt werden, die Erinnerung an seine Leiden oder der Gedanke an die durch sie verbitterten Jahre mochte ihn nicht mehr verlassen. Doch ein neues Leben ward ihm plötzlich geoffenbart und er hatte die Gewißheit, daß es seiner warte – ein neues Leben sogleich nach dem irdischen – und sein Name war Paradies. Tiefer Friede senkte sich in sein Herz.

Weiter oben aber, dort vor dem Kreuze, herrschte Überraschung und Bestürzung. Dafür, daß sich der Nazarener im ganzen Lande für den Messias ausgegeben, hatten sie ihn ans Kreuz gebracht, und siehe, am Kreuze hatte er nicht nur bestimmter als je seine Würde wieder behauptet, sondern sogar einem Missetäter die Freuden seines Paradieses verheißen! Sie zitterten ob ihrer Tat. Selbst der Hohepriester geriet bei all seinem Stolze in Furcht. Woher hatte der Mann seine Zuversicht, wenn nicht von der Wahrheit? Und was konnte wohl die Wahrheit anders sein als Gott? Ein unbedeutender Umstand hätte jetzt genügt, sie alle in die Flucht zu jagen. Der Atem des Nazareners wurde schwerer, sein Seufzen ein mühsames Ächzen. Nur drei Stunden am Kreuze und schon in den letzten Zügen!

Da erscholl durch die Dunkelheit weithin über den Köpfen derer, die um den Sterbenden auf dem Hügel standen, der klagende Ruf äußerster Trostlosigkeit: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Der Ruf erschreckte alle, die ihn hörten. Einen erschütterte er bis ins Innerste.

Die Soldaten hatten ein Gefäß mit Wein und Wasser mitgebracht und in der Nähe Ben Hurs niedergestellt. Mit einem Schwamme, den man in die Flüssigkeit tauchte und am Ende eines Stabes befestigte, konnte man jedem Gekreuzigten die Zunge befeuchten, so oft man wollte. Ben Hur gedachte des Trunkes, der ihm am Brunnen zu Nazareth gereicht worden war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm er den Schwamm, tauchte ihn in das Gefäß und ging damit zum Kreuze.

»Laß das!« schrien zornig die Leute, an denen er vorüberkam, »laß das!«

Ohne auf sie zu achten, eilte er vorwärts und hielt den Schwamm an die Lippen des Nazareners.

Zu spät, zu spät!

Jetzt sah Ben Hur sein Antlitz deutlich. Obwohl zerschlagen und mit Blut und Staub bedeckt, leuchtete es doch in plötzlicher Verklärung auf. Die Augen öffneten sich weit und richteten sich auf einen, der, ihnen allein sichtbar, in dem fernen Himmel wohnt. Befriedigung und Erleichterung, ja Triumph lag in dem Ausrufe, den der Gekreuzigte hören ließ:

»Es ist vollbracht!«

Das Licht seiner Augen erlosch, langsam sank das gekrönte Haupt auf die sich mühsam hebende Brust. Ben Hur glaubte den Kampf vorüber, doch das schwindende Leben sammelte nochmals seine Kräfte, und deutlich vernahmen er und die ihn Umgebenden die letzten Worte, die wie zu einem in der Nähe Stehenden gesprochen wurden: »Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.«

Ein Beben ging durch den gepeinigten Körper; ein letzter schwerer Seufzer, – und die Sendung und das irdische Leben des Nazareners waren in einem zu Ende.

Ben Hur kehrte zu seinen Freunden zurück und sagte einfach: »Es ist vorüber, er ist tot!«

In unglaublich kurzer Zeit hatte sich die Nachricht unter der Menge verbreitet. Niemand wiederholte sie laut; nur ein Murmeln ging vom Hügel nach allen Richtungen, ein Murmeln, das kaum mehr war als ein Flüstern: »Er ist tot, er ist tot!« Das Volk hatte seinen Willen, doch schreckensbleich blickten alle einander an. Sein Blut war über sie gekommen! Und während sie stumm und starr einander anblickten, begann die Erde zu erbeben. Jeder hielt sich an seinen Nachbar, um sich zu stützen. Mit einem Male verschwand die Finsternis und die Sonne kam zum Vorschein, wie mit einem Blicke sahen alle nach den Kreuzen auf dem Hügel, die unter der Erschütterung wankten. Sie sahen alle drei, doch das mittlere zog alle Blicke auf sich. Es wollte allein gesehen werden; denn es schien sich nach aufwärts zu verlängern und seine Bürde höher und höher bis in den blauen Himmel zu erheben. Und jeder einzelne unter ihnen, der den Nazarener verspottet, jeder, der ihn geschlagen, jeder, der in den Ruf: »Kreuzige ihn!« eingestimmt, jeder fühlte, daß jene Drohung des Himmels ihm allein aus der Menge besonders gelte und daß er, um derselben zu entgehen, so rasch als möglich forteilen müsse. Sie begannen zu laufen, sie flohen zu Pferde und auf Kamelen, in Wagen wie zu Fuß. Aber da verfolgte sie das Erdbeben, als sei es wegen ihres Verbrechens ergrimmt und habe es auf sich genommen, den unschuldigen und von allen verlassenen Toten zu rächen. Es schleuderte sie hin und her, warf sie zu Boden und erschreckte sie mehr noch durch das furchtbare Getöse der unter ihnen berstenden und krachenden Felsen. Sie schlugen an die Brust und schrien vor Furcht. Sein Blut war über sie gekommen! Die Einheimischen und die Fremden, Priester und Laien, Bettler, Sadduzäer und Pharisäer, alle wurden im Fliehen erfaßt und stürzten unterschiedslos über- und untereinander. Riefen sie den Herrn an, so antwortete ihnen an seiner Statt die erzürnte Erde und verfuhr mit ihnen allen in gleicher Weise. Sie erkannte den Hohenpriester nicht für besser als seine schuldbeladenen Mitbrüder. Sie erfaßte auch ihn, warf ihn zu Boden und beschmutzte den Saum seines Gewandes, füllte die goldenen Glöckchen mit Sand und seinen Mund mit Staub. Er und sein Volk waren wenigstens in dem einen gleich – das Blut des Nazareners war über sie alle gekommen!

Als die Sonne wieder auf die Kreuzigungsstätte herableuchtete, waren die Mutter des Nazareners, der Jünger, die frommen Frauen aus Galiläa, der Hauptmann und seine Soldaten und Ben Hur und seine Gesellschaft die einzigen, die auf dem Hügel geblieben waren. Diese hatten nicht Zeit, die Flucht der Menge zu beachten. Sie fühlten sich zu laut und eindringlich gemahnt, an sich selbst zu denken.

»Setze dich hierher,« sprach Ben Hur zu Esther, ihr zu den Füßen ihres Vaters einen Platz bereitend. »Jetzt bedecke deine Augen und blicke nicht auf, sondern vertraue auf Gott und den Geist jenes Gerechten, der so schmählich getötet wurde.«

»Nennen wir ihn hinfort vielmehr Christus, den Erlöser,« sprach Simonides ehrfurchtsvoll.

»Sei es so!« sagte Ben Hur.

Eine Welle des Erdbebens erschütterte jetzt den Hügel. Das Geschrei der Schächer auf den wankenden Kreuzen war schrecklich anzuhören. Obschon infolge der Erschütterung des Bodens taumelnd, hatte Ben Hur noch Zeit, einen Blick auf Balthasar zu werfen, er sah ihn regungslos auf der Erde liegen. Er eilte hin und rief ihn – keine Antwort. Der gute Mann war tot! Da erinnerte sich Ben Hur, einen Schrei gehört zu haben, gleichsam als Antwort auf die letzten Worte des Nazareners, und jetzt war und blieb er überzeugt, daß der Geist des Ägypters den seines Meisters hinüber in das Reich des Paradieses begleitet habe.

Die Diener Balthasars hatten ihren Herrn treulos verlassen; als aber alles vorüber war, trugen die beiden Galiläer den Greis in seiner Sänfte in die Stadt zurück.

Ben Hur wollte nicht einen Diener damit betrauen, Iras vom Tode ihres Vaters zu benachrichtigen. Er ging selbst, sie aufzusuchen und an die Leiche zu führen. Er stellte sich ihren Schmerz vor, sie würde jetzt allein in der Welt stehn, unter solchen Umständen mußte er ihr verzeihen und sie bemitleiden. Aber vergebens schüttelte er die Vorhänge an ihrer Tür. Wohl klingelten die kleinen Glöckchen an ihrer Tür, aber sie gab keine Antwort. Endlich trat er ins Zimmer, aber sie war nicht da, und auch die Diener konnten nur sagen, daß sie sie den ganzen Tag über noch nicht gesehen hatten.

Als das Begräbnis vorüber war und die Trauer um den Toten sich gemildert hatte, führte Ben Hur – es war der neunte Tag nach der wunderbaren Heilung, und die Vorschrift des Gesetzes war erfüllt – seine Mutter und Tirzah nach Hause. Von jenem Tage an wurden in diesem Hause die heiligsten Namen, die eine menschliche Junge aussprechen kann, stets in tiefster Ehrfurcht miteinander genannt – Gott der Vater und Christus der Sohn."

(Lewis Wallace: Ben Hur, 35. Kapitel)


Nachdem ich wieder in das Buch hineingesehen habe, stelle ich fest, dass meine Erinnerung an dies Buch und an Quo Vadis sich miteinander verschmolzen haben. Das könnte über die Verfilmung gelaufen sein. Offenbar hat der Film über Quo Vadis (1951) meine Erinnerung an beide Bücher überdeckt.

Die Bücher selbst haben mir im Unterschied zu Felix Dahns Roman Ein Kampf um Rom, den ich weit früher gelesen hatte, nicht viel bedeutet. Ob ich die Verfilmung dieses Romans gesehen habe, kann ich mich nicht besinnen. Den Film zu Quo Vadis habe ich 1959 gesehen, den zu Ben Hur 1961. Der letzte Historienschinken meiner Jugend war offenbar Spartacus 1962.

Lewis Wallace: Ben Hur - Anklage gegen Rassismus

"[...]  »Es gibt kein Gesetz, das einem Volke einen Vorrang vor anderen zugesteht. Hat ein Volk sich zur Macht erhoben und seine Aufgabe vollbracht, so geht es zu Grunde, um einem andern Platz zu machen, das seine Macht erbt und neue Namen auf die alten Denkmäler schreibt. Das ist die Weltgeschichte. Ich will nicht behaupten, daß es im Fortschritt der Nationen keinen Unterschied gibt, kein Volk gleicht vollkommen dem andern. Das größte Volk ist aber jenes, das Gott am nächsten steht. Dein Freund – oder dein ehemaliger Freund – hat, wenn ich dich recht verstehe, behauptet, wir hätten keine Dichter, Künstler und Krieger, damit wollte er, glaube ich, sagen, wir hätten überhaupt keine großen Männer. Fehlt es uns nun wirklich an großen Männern? Ein großer Mann, mein Kind, ist derjenige, dessen Leben den Beweis liefert, daß er von Gott, wenn nicht ausdrücklich berufen, so doch in seinem Wirken geleitet wurde. Ein Perser ward das Werkzeug Gottes zur Bestrafung unserer Väter, da sie von ihm abfielen, er führte sie in die Gefangenschaft. Ein anderer Perser wurde auserwählt, ihre Kinder in das heilige Land zurückzuführen. Größer als beide indes war Alexander, durch den der Herr die Verwüstung Judäas und die Zerstörung des Tempels rächte. Der besondere Vorzug dieser Männer bestand darin, daß sie von Gott zur Vollstreckung seines Willens ausersehen wurden; daß sie Heiden waren, kann ihren Ruhm nicht schmälern.

Allgemein herrscht die Ansicht, daß der Krieg die edelste Beschäftigung des Mannes sei, daß der höchste Ruhm nur auf dem Schlachtfelde errungen werden könne. Wenn auch die Welt diese Ansicht angenommen hat, laß dich durch sie nicht täuschen. Der Mensch muß etwas Höheres über sich anerkennen und verehren; das ist ein Gesetz, das so lange gelten wird, als es Dinge gibt, die seinem Verstande unfaßbar sind. Das Gebet des Barbaren ist ein Aufschrei der Furcht vor einer überlegenen Kraft, der einzigen göttlichen Eigenschaft, die er klar erkennt. Wir aber waren die ersten, die über diesen rohen, barbarischen Glauben hinausgingen. An die Stelle der rohen Kraft setzten unsere Väter Gott, der Erguß der Furcht wich in unserem Kult dem Hosiannagesang und den Psalmen. Die Herrschaft der Römer ist weiter nichts als ein Rückfall in die alte Barbarei. Die Römer setzen den Krieg über alles, und nirgends außer im Kriegswesen hat Rom Selbständiges geschaffen. Seine Spiele und Schaustellungen sind griechische Einrichtungen, denen nur die Grausamkeit der Römer einen blutigen Charakter gegeben hat. Roms Religion – wenn man von einer solchen überhaupt sprechen kann – setzt sich aus Gebräuchen und Lehren aller anderen Nationen zusammen. Seine höchst verehrten Götter – Mars und selbst Jupiter nicht ausgenommen – entstammen dem griechischen Olymp. Der Römer ist gegen die Vorzüge anderer Völker blind, seine Selbstsucht verhüllt sein Auge wie mit einem dichten Schleier, der ebenso undurchdringlich ist wie sein Brustpanzer. O die ruchlosen Räuber! Unter ihrem Tritte erdröhnt die Erde wie eine mit Dreschflegeln bearbeitete Tenne. Unter anderen Völkern – ach, daß ich es dir sagen muß, mein Sohn! – sind auch wir gefallen. [...]"

(Lewis Wallace: Ben Hur, 7. Kapitel )

28 Mai 2021

Lewis Wallace: Ben Hur

 "Dschebel es Subleh heißt ein über fünfzig Meilen langer schmaler Gebirgszug, von dessen rotweißen Klippen man nach Osten auf die arabische Wüste blickt. Ungezählte Wadis, Rinnsale, haben sich in diesen Gebirgszug eingegraben, und zur Regenzeit füllen sie sich mit Wasser, um es dem Jordan oder dem Toten Meer zuzuführen.

Aus einem dieser Wadis, das vom äußersten Ende des Dschebel gegen Osten ausläuft und in das Bett des Jabbokflusses übergeht, kam ein Wanderer hervor, der dem Tafellande der Wüste zustrebte.

Dem Aussehen nach mochte er etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein. Sein über die Brust herabwallender schwarzer Bart zeigte Spuren von Grau, sein Antlitz war tiefbraun und zum größten Teil durch ein rotes Tuch verdeckt. Er ritt ein großes, weißes Dromedar, das ein Zelt auf dem Rücken trug. Die Sonne war gerade aufgegangen, als das Tier sich aus dem Wadi herausarbeitete. Weithin erstreckte sich hier die Wüste, von einem Pfade oder Wege konnte hier keine Rede mehr sein. Aber das Kamel schien einer unsichtbaren Führung zu folgen und strebte in langen Schritten dem Osten zu. Genau um Mittag blieb es von selbst stehen und drückte durch einen klagenden Schrei seine Ermüdung aus.

Sein Reiter fuhr auf, als erwache er aus einem tiefen Schlafe. Sorgfältig prüfte er die Gegend nach allen Richtungen, wie um sich zu vergewissern, daß er am rechten Orte angelangt sei. Dann atmete er befriedigt tief auf und nickte, als wollte er sagen: Endlich! Er legte die Hände kreuzweise über die Brust, neigte das Haupt und verrichtete ein stilles Gebet. Nach Erfüllung dieser frommen Pflicht gab er dem Tiere das Zeichen zum Niederknien. Langsam und grunzend folgte es dem Rufe. Der Reiter setzte seinen Fuß auf den schlanken Hals und trat auf den sandigen Boden.

Wie es sich jetzt zeigte, war der Mann von wunderbar ebenmäßigem Körperbau, mehr kräftig als hochgewachsen. Der Schnitt seines fast schwarzen Gesichts, die breite Stirn mit der Adlernase und das herabwallende glänzende Haar verrieten seine ägyptische Abstammung.

Obschon allein in einer von Leoparden und Löwen wie auch halbwilden Menschen besuchten Wüste, trug er doch merkwürdigerweise keine Waffen, nicht einmal den zum Anspornen der Kamele dienenden gekrümmten Stab. Er befand sich also auf friedlichem Wege und war entweder sehr kühn oder stand unter einem außerordentlichen Schutze.

Der lange und ermüdende Ritt hatte seine Glieder steif gemacht, und daher umschritt er wiederholt sein treues Kamel, wobei sein Blick immer wieder den Horizont musterte. Jedesmal glitt dann ein leichter Schatten von Enttäuschung über sein Gesicht, der verriet, daß er Gesellschaft erwartete, vielleicht nach vorangegangener Verabredung. Allein, was konnte das für ein Geschäft sein, das an einem so abgelegenen Orte verhandelt werden mußte?

Er mußte wohl sicher sein, daß die erwartete Gesellschaft kommen würde, denn nachdem er sein Kamel gefüttert hatte, errichtete er mit Stäben aus seinem Gepäck und mitgebrachtem Tuch ein Zelt. Den mitgenommenen Vorräten entnahm er die Bestandteile eines Mahles: Wein in kleinen Lederschläuchen, getrocknetes und geräuchertes Hammelfleisch, syrische Granatäpfel, arabische Datteln, dazu Käse und gesäuertes Brot. Alles dieses stellte er in schöner Ordnung auf den Teppich unter dem Zelte, und legte zum Schlusse drei seidene Tücher als Servietten daneben. Hieraus konnte man auf die Anzahl der Personen schließen, die er als Gäste erwartete.

Alles war nun fertig. Er trat wieder hinaus, und sieh! fern im Osten war ein dunkler Punkt auf der Wüstenfläche zu bemerken. Wie festgewurzelt blieb er stehen; sein Auge erweiterte sich, ein heiliger Schauer durchrieselte seinen Leib.

Der Punkt wurde größer, endlich nahm er bestimmte Formen an. Etwas später erkannte er darin ein großes, weißes Dromedar, das genaue Seitenstück seines eigenen, mit der Reisesänfte eines Inders auf dem Rücken. Der Ägypter kreuzte seine Arme auf der Brust und blickte zum Himmel. »Gott allein ist groß!« rief er aus, während seine Augen mit Tränen sich füllten und Ehrfurcht seine Seele durchschauerte.

Der Fremde kam näher und näher, endlich machte er Halt. Auch er schien wie aus dem Schlafe erwacht. Er erblickte das kniende Kamel, das Zelt, und an seinem Eingange den Mann in betender Stellung. Er kreuzte ebenfalls die Arme, neigte das Haupt und betete schweigend. Nach einigen Augenblicken stieg er vom Kamele ab und ging dem Ägypter entgegen und dieser ihm. Einen Augenblick sahen beide einander an, dann umarmten sie sich.

»Friede sei mit dir, o Diener des wahren Gottes!« sagte der Fremde.

»Auch dir, o Bruder im wahren Glauben,« entgegnete mit Wärme der Ägypter, »auch dir Friede und Willkomm!«

Der Ankömmling war von schlanker, hagerer Gestalt, die Augen lagen tief in den Höhlen. Haar und Bart waren weiß, die Gesichtsfarbe rötlichbraun. Auch er war unbewaffnet. Seine Kleidung war die eines Inders, um das Haupt gewunden trug er einen Turban mit reichen Falten.

»Gesegnet sind die, die dem Herrn dienen!« sagte nach einer Weile der Ägypter. »Aber warten wir ab, denn sieh, schon kommt dort auch der andere!« Sie blickten gegen Norden, von wo gerade, dem Auge schon deutlich sichtbar, ein drittes Kamel, das ebenfalls von weißer Farbe war, wie ein Schiff herankam. Sie warteten, nebeneinander stehend, bis der Ankömmling nahe und abgestiegen war und ihnen entgegenging.

»Friede sei mit dir!« sagte er, den Inder umarmend.

»Gottes Wille geschehe!« erwiderte dieser.

Der neue Ankömmling war seinen Freunden ganz unähnlich. Er war zarter gebaut und hatte weiße Gesichtsfarbe. Reiches, wogendes Haar von lichter Farbe bildete die Krone seines kleinen, aber schönen Hauptes. Das warmblickende tiefblaue Auge offenbarte ein zartes Gemüt und einen herzlichen, edlen Charakter. [...]"

(Lewis Wallace: Ben Hur, 1. Kapitel)


Eine solche Ähnlichkeit mit Karl-May-Romanen hatte ich nicht erwartet, als ich nach Jahrzehnten erstmal wieder dieses Buch aufschlug. Doch habe ich aus meiner Jugendzeit in Erinnerung, dass das Buch ähnlich spannend war.

"Der Roman war ein großer und in viele Sprachen übersetzter Erfolg. Er war im 19. Jahrhundert das nach der Bibel meistgedruckte Buch." (Wikipedia: Ben Hur)


31 Dezember 2016

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

An sich käme das nur unter Empfehlungen. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ich mich noch mehr damit beschäftige, nehme ich es aber schon hier auf.