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12 Mai 2026

Franz Grillparzer: Libussa

 Libussa (Wikipedia) Behandlungen des Stoffs in der Kunst (Literatur usw.)

Grillparzer (Wikipedia)

Der Dichter Grillparzer spielt in meiner literarischen Bildung nur eine unwichtige Nebenrolle. In meiner Schulzeit lernte ich nur Weh dem, der lügt! (1838) kennen. Der arme Spielmann  (1847) folgte als nächstes, war mir aber zu resignativ, auch wenn er Grillparzer sympathisch erscheinen ließ. Neben Schillers Dramen konnte das nicht bestehen. Mit Sicherheit habe ich in manche Werke hineingesehen. König Ottokars Glück und Ende (1825) interessierte mich vom historischen Standpunkt.

Bei meiner Erstlektüre von Libussa im Juli 2024 habe ich mehr zu Grillparzer und meiner Erfahrung mit ihm geschrieben. Dort findet sich auch längere Zitate aus dem 1.und 3. Akt.

Hier sollen einige Zitate aus dem Nachwort von Heinz Rieder* stehen, die die Bedeutung des Werkes würdigen. *Heinz Rieder (1911–1995) war ein österreichischer Historiker, Germanist und Bibliothekar, arbeitete an der Österreichischen Nationalbibliothek und als freier Schriftsteller.              Zunächst Stichworte: Der Stoff der Libussa interessierte G. erstmals 1822, also mit 31 J. , der 1. Akt wurde erstmals 1840 aufgeführt und 1841 gedruckt. Das vollständige Stück (vermutlich 1848 vollendet) fand sich erst in seinem Nachlass und wurde 1874 aufgeführt.

Nachwort (Zitate): "Nach dem Motiv, das schon in Schillers Jungfrau von Orleans vorkommt, überwindet in Libussa des Weib mit seiner Liebe zu Primislaus, die Seherin und Herrscherin. Vergebens sucht Libussa diese Entwicklung zurückzunehmen, und erst die Todesstunde mit der Selbstüberwindung gibt ihr die Sehergabe wieder. [...]/
Mit dem Dämmerlicht zweier einander ablösender Zeitalter, das Libussa Gestalt umgibt, ist schon die politische, auf die damalige Umwelt des Dichters beziehbare Aussage umrissen. Damit rückt das Werk nah an die beiden anderen Dramen heran, die erst nach dem Tod des Dichters bekannt werden durften: die Die Jüdin von Toledo  und Ein Bruderzwist in Habsburg. Es ist die Stimmung des vormärzlichen Österreich knapp vor der Revolution von 1848, die den Dichter bei der Niederschrift umgab, und beeinflusste: die Stimmung des sich langsam totlaufenden Metternichschen Systems, der dem Untergang geweihten absoluten Feudalmonarchie, da hinter den überlebten politischen Kulissen sich die von Technik und Industrie geprägte neue bürgerliche und politische Gesellschaft abzeichnete und mit ihr die alles abschleifende und nivellierende Zivilisationswelt, in der auch das geistige Erbe Weimars infrage gestellt wird. Einen umwälzenden Wandel menschlicher Ordnungen hat Grillparzer in diesen drei Dramen / auf die Bühne gebracht, künstlerisch gestaltet und gedeutet, darüber hinaus, seherisch in eine neue Zukunft gewiesen. In manchen prophetischen Worten, Kaiser Rudolfs im Bruderzwist, in manchen Versen, die Libussa im fünften Akt in den Mund gelegt werden, ist unsere Zeit direkt angesprochen, wird sie vorausgeahnt. Nur ist in Libussa – im Gegensatz zum Bruderzwist – die hoffnungslose Düsterkeit und die Katastrophenstimmung einem versöhnlicheren Zukunftsbild gewichen. [...] 
In der Abschiedsrede Libussas im fünften Akt finden sich die Verse: 
Die Erde steigt empor an ihren Platz,
Die Götter wohnen wieder in der Brust,
Und Demut heißt ihr Oberer und Einer.
Als Libussa diese Verse spricht, ist sie vom Tode gezeichnet, den die neue Zeit des Primislaus für sie bereitete. Aber sie hat sich auch zu einer Haltung durchgerungen, die bereits über den Gegensatz des Diesseits und der Menschenwelt steht, getragen von der Einsicht, dass der Mensch gut sei. Sie hofft, dass dieser gute Mensch auch das neue Zeitalter, die Epoche der Zivilisation, die Welt des Schaffens und Wirkens bestehen wird, dass er in dieser nüchternen Welt sich nach seiner ursprünglichen, geistigen Heimat sehnen wird, in der er sich über die täglichen Bedürfnisse, über die Jagd nach Nutzen und Erfolg erheben kann. Alles liegt nun bei Menschen. Der Himmel, die Götterwelt Libussas ist verschlossen, die alten Götter ziehen nun in die Brust des Menschen ein – Grillparzer bekennt sich hier zum anthropozentrischen Weltbild der deutschen Klassik, die das göttliche Jenseits in den zu einer größeren humanitären Verantwortung emporgestiegenen Menschen verlegte. [...] /
Mit Demut aber wollte er offensichtlich jenen Wert in der humanitären Wertehierarchie bezeichnen, der das menschliche Ich zur Selbstbescheidung und Selbstbeschränkung mahnt. [...] Die Demut ist sozusagen ein Geschenk Libussas an die künftige Welt, die aber auch nicht die Zivilisationswelt der nächsten Zukunft sein wird: 'Jahrhunderte, verschlafen bis dahin.' Erst nach dieser Welt wird das goldene Zeitalter anbrechen, dann erst, wenn die Menschen, die in der Zivilisation verlorengegangene Einheit mit der Natur, die in Libussas Reich herrschte, zurückgewinnen.
'Dann kommt die Zeit, die jetzt vorüber geht,
Die Zeit der Seher wieder und Begabten.'        (Reclam Universal-Bibliothek 4391, S.93-96)

                         

5. Akt:

"Primislaus(aufstehend).
Siehst du, die Moldau, dieses Landes Ader,
Die blutverbreitend durch den Körper strömt,
Hier hat versammelt sie all ihre Quellen
Und breitet sich in weiten Ufern aus.
Noch weiter unten fließt sie in die Alb,
Mit der vereint sie durch die Berge bricht,
Die scheiden unser Land vom deutschen Land
Und strömt mit ihr, so sagt man, bis ins Meer.
Steht unsre Stadt nun hier, so baun wir Schiffe
Und laden auf des Landes Überfluß
An Frucht, an Korn, an Silber und an Gold.

Libussa. So achtest du das Gold?

Primislaus.         Ich nicht, doch andre,
Und andern eben bieten wir es dar.
So schafft uns Tausch was hier noch etwa fehlt.

Libussa. Genügsamkeit ist doch ein großes Gut!

Primislaus. Befriedigt ist das Tier nur und der Weise,
Den Menschen, die gleich mir und gleich den meisten
Ward das Bedürfnis als ein Reiz und Stachel
Von ew'gen Mächten in die Brust gelegt,
Bedürfnis das sich sehnt nach der Befried'gung
Und dort auch noch zu neuen Wünschen keimt."


Text der KI Ecosia zum Stück  mit weiterweisenden Links)

„Libussa“ von Franz Grillparzer ist ein monumentales Trauerspiel in fünf Aufzügen, das die legendäre Gründung Prags und Böhmens thematisiert freitext.org. Die Handlung dreht sich um die böhmische Königstochter Libussa, die aus göttlichem Geschlecht stammt und nach dem Tod ihres Vaters die Regierung übernimmt austria-forum.org www.deutsche-digitale-bibliothek.de link.springer.com.

Libussa begibt sich auf die Suche nach Heilkräutern für ihren todkranken Vater und verirrt sich dabei link.springer.com. In dieser Situation wird sie mit politischen und persönlichen Herausforderungen konfrontiert, die letztlich zur Gründung Prags führen. Das Drama untersucht auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Erwartungen an weibliche Herrschaft macau.uni-kiel.de.

Grillparzer vollendete das Werk im Revolutionsjahr 1848 odysseetheater.at. Es verbindet mythische Elemente mit politischen und sozialen Themen seiner Zeit."


Mehr zum Stück und an Zitaten bei meiner Erstlektüre von Libussa im Juli 2024.



30 Juli 2024

Franz Grillparzer: Libussa u.a.

 Grillparzer war mir sehr früh aus unserem Dichterquartett aufgrund seiner charakteristischen Locken bekannt, dann spielte meine Schwester in einer Schulaufführung von Weh dem, der lügt! mit. Gelesen habe ich von ihm mit Ausnahme der Novelle Der arme Spielmann (1847) wohl nichts mehrmals.   Bekannt war mir aus seinem Lobgedicht An Radetzky („Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! Nicht bloß um des Ruhmes Schimmer – In deinem Lager ist Österreich!“) nur das Zitat "In deinem Lager ist Österreich!“ (und auch das war mir nicht ganz korrekt in Erinnerung. Dagegen fand ich sehr geistreich sein Wort "Eifersucht ist eine Leidenschaft, // Die mit Eifer sucht, was   Leiden schafft.", von dem ich erst heute gelernt habe, dass es von ihm stammt. Beide Zitate habe ich nicht durch eigene Lektüre für mich gewonnen, sondern nur von meinen Lehrern gehört.

Gestern habe ich zwei Reclamhefte mit Stücken von ihm aus einem 'Austauschbücherregal' mitgenommen und darin etwas gelesen. Sie sollen künftige Wartezimmerlektüre werden (so wie in letzter Zeit Fidelio) und zwar Libussa und Medea. Libussa steht bei Grillparzer für das sagen- und märchenhafte Matriarchat sowie für für Dichtung als schöpferisches Prinzip als Grundlage für Weltverständnis. Eine Tragödie wird das Stück, weil Libussa sich in Primislaus (Přemysl) verliebt und dann das von ihr gegründete Prag ihm zur Herrschaft überlässt. ("Nach den Ausführungen in der Chronica Boemorum des Cosmas von Prag sind die Přemysliden Nachkommen des sagenhaften Stammvaters Přemysl des Pflügers, eines eingeheirateten Stammesführers, und seiner Frau Libussa. Cosmas überlieferte auch die Namen weiterer vorchristlicher Přemysliden" -Wikipedia) Grillparzer verdankt seinen Ruf als Nationaldichter Österreichs wohl nicht zuletzt Libussa und Ein Bruderzwist in Habsburg (1848), vgl. auch Ottokar I. .

Zitate aus Libussa:

Zunächst unwillig, ihr Geisterreich zu verlassen, fühlt sich Libussa dann zur Herrschaft über die Tschechen berufen und will sie in weiblicher Weise lenken.

Nicht losen? Und wer weiß, ob ich's auch will?
Ein Schritt aus dem Gewohnten, merk ich wohl,
Er zieht unhaltsam hin auf neue Bahnen,
Nur vorwärts führt das Leben, rückwärts nie.
Ich soll nicht losen? Und ich will es nicht.
Wo sind die Männer aus der Czechen Rat?
Den Vater will ich ehren durch die Tat,

Mögt ihr das Los mit dumpfen Brüten fragen:
Ich will sein Amt und seine Krone tragen.

Tetka. Libussa, oh!

Kascha.         Hör erst auf mich, Libussa!
Wenn ich gekränkt dich mit zu raschem Wort –

Libussa. Du kränktest mich nicht mehr, ich seh's, als dich.
Doch was ich sprach, es bleibt. Mein Wort ein Fels.
Und mag ich's nur gestehn! Denk ich von heut
Mich wieder hier in eurer stillen Wohnung
Beschäftigt mit – weiß ich doch kaum womit –
Mit Mitteln zu den Mitteln eines Zwecks,
Mit Mond und Sternen, Kräutern, Lettern, Zahlen,
Dünkt's allermeist einförmig mir und kahl.
Dies Kleid es reibt die Haut mit dichtern Fäden
Und weckt die Wärme bis zur tiefsten Brust
Mit Menschen Mensch sein dünkt von heut mir Lust,
Des Mitgefühles Pulse fühl ich schlagen,
Drum will ich dieser Menschen Krone tragen.

Heraus Wladiken! Czechenvolk heraus! [...]

Doch hört mein Wort.
Es hielt euch fest des Vaters strenge Rechte
Und beugt' euch in heilsam weises Joch.
Ich bin ein Weib und, ob ich es vermochte,
So widert mir die starre Härte doch.
Wollt ihr nun mein als einer Frau gedenken,
Lenksam dem Zaum, so daß kein Stachel not,
Will freudig ich die Ruhmesbahn euch lenken,
Ein überhörtes wär' mein letzt' Gebot.
So wie ich ungern nun von hinnen scheide,
Lenkt' ich zurück dann meinen müden Lauf
Und träte bittend zwischen diese beide;
Ihr nähmet, Schwestern, mich doch wieder auf? [...]

Domaslav. Nicht fruchtlos sollst du, zweimal nicht uns mahnen,
Nimm unsern Schwur darauf und unsrer Untertanen.

Libussa. Dies letzte Wort, es sei von euch verbannt,
In Zukunft herrscht nur eines hier im Land:
Das kindliche Vertraun. Und nennt ihr's Macht,
Nennt ihr ein Opfer das sich selbst gebracht,
Die Willkür, die sich allzu frei geschienen
Und, eigner Herrschaft bang, beschloß zu dienen.
Wollt ihr als Brüder leben, eines Sinns,
So nennt mich eure Fürstin und ich bin's;
Doch sollt' ich zwein ein zweifach Recht erdenken,
Wollt' eher ich an euch euch selbst als Sklaven schenken.
Seid ihr's zufrieden so? [...]

Swartka
Der Osten graut, dem Tage weicht die Nacht!"


Besonders die Adligen wollen aber nicht Güte, von der die Armen genauso profitieren wie sie, sondern wollen ihre Vorrechte behalten. So fordern sie, Libussa solle heiraten, damit wieder ein Mann sie regiert. Drei treten im Stück auf, planen Zusammenarbeit, entzweien sich aber bald wieder. 

Libussa gibt ihrer Forderung nach, lässt aber das Pferd, das sie bei ihrer Rettung aus einem Bach von einem Bauern erhalten hat, seinen Herrn (Primislaus) suchen. 


Gehöft vor Primislaus' Hütte wie zu Anfang des ersten Aufzuges. Ein umgewendeter Pflug rechts im Vorgrunde.

Primislaus [...]

Wär' sie ein Hirtenmädchen, nicht Libussa,
Und ich der Pflüger der ich wirklich bin,
Ich träte vor sie hin und sagte: Mädchen,
Ich bin derselbe dem du einst begegnet.
Sieh hier das Zeichen. Wird's nun licht in dir,
Wie längst in dieser Brust, so nimm und gib!
(Die Hand hinhaltend.)
Dann könnte sie nicht sprechen: Guter Mann,
Stellt dort euch zu den Dienern meines Hauses,
Des, wes ihr mich erinnert, denk ich kaum.

Ei wackrer Mann, setz dich nur wieder hin,
Nimm Käs' und Brot aus deiner Pflügertasche
Und halte Mahl am ungefügen Tisch.
Ist's eignes Brot doch, das erhält und stärkt,
Das Brot der Gnade nur beengt und lastet.
(Er hat sich wieder gesetzt und den Inhalt seiner Tasche auf die Pflugschar ausgelegt.)

Sie hat mein Roß, das etwa so viel gilt
Als diese goldnen Spangen die ich trage,
Und so sind sie mein Eigentum zu Recht.

Ich wollte, sie bestieg' einmal den Zelter
Und in Gedanken ihm die Zügel lassend,
Trüg' sie das Tier hieher.
        Doch welch Geräusch?
Täuscht mich mein Aug? Das ist mein Roß; doch leer
Und ohne Reiter, rings von Volk umgeben.
Bin ich im Land der Märchen und der Wunder?
Doch folgen die Wladiken, seh ich nun,
Die sich erdachten etwa solchen Fund
Um zu ergänzen was nur halb in ihrer
Und halb in meiner Hand. Kommt immer, kommt!
Ich fühle mich als Herr in meinem Haus,
Und so brech ich mein Brot. Ist doch der Pflüger,
Indem er alle nährt, den Höchsten gleich:
Wie Wasser und wie Luft, die niemand kauft,
Doch mit dem Leben zahlt, entbehrt er ihrer.

(Die drei Wladiken kommen, von Volk begleitet, von der linken Seite.)

Biwoy. Hier blieb der Zelter stehn, hier ist der Ort.

Domaslav. Und hier der Mann, der, wie Libussa sprach,
An einem Tisch von Eisen sitzt, sein Brot
Auf einer Pflugschar mit den Händen teilend.

Biwoy. Derselbe ist's, es ist der nämliche,
Der unsern Streit geschlichtet.

Lapak.         Mir wird's hell.

Primislaus (aufstehend).
Glück auf ihr Herrn! Was führt euch her zu mir?

(Man hat das Pferd gebracht. Primislaus hinzutretend und es streichelnd.)

Ha Prischenk, du mein Roß, du wieder heim?

Lapak. Sein Roß?

Primislaus.         Noch einmal denn: was führt euch her?

Domaslav. Der Fürstin Wort.

Primislaus.         Libussas?

Lapak.                 Sie befahl
An ihren Hofhalt dich mit uns zu führen.

Primislaus. Galt mir auch, euch zu folgen, der Befehl?

Lapak. Das nicht.

Primislaus.         Doch, wenn ich's nun verweigerte,
Kommt ihr mit Macht, mich nöt'genfalls zu zwingen.
Seid unbesorgt, ich folg euch ohne Zwang.
Was aber war der hohen Ladung Grund?

Domaslav. Wir wissen's nicht.

Lapak.         Vielleicht doch ward ihr kund,
Daß du ein schlauer Richter bist zu eignem Nutzen,
Und wünscht als Richter dich zu nutz dem Volk.
Zum mindsten lag ein Fall vor, der verwirrte.

Primislaus. Ich richte niemand als mich selber etwa,
Und täusche nicht, als wer sich selbst getäuscht.

Domaslav. Besteig das Roß denn und folg uns nach Hof.

Primislaus. Dies Tier, das meine Fürstin hat getragen,
Besteige niemand, der nicht eignen Rechts,
Nebstdem daß es das ihre, und ich wünsche,
Daß es das ihre bleibe, nach wie vor.
Dann, sollt' ich mit der Arbeit Staub beladen
Mich nahn dem Ort, wo Arbeit nur ein Gast,
Nicht der Bewohner ist? Ich geh ins Haus
Und schmücke mich wie sich der Landmann schmückt.
Auch, da man Höhern naht mit Ehrengaben,
Bring ich von Früchten und von Blumen ihr,
Wie sie der Armut eignen, ein Geschenk.
So lang, ihr Herrn, zerstreut euch im Gehöft.
Man reicht euch Met und Milch und nährend Brot,
Auf daß gestärkt wir gehn, wo Stärke not.

(Er entläßt sie mit einer Handbewegung und geht in die Hütte.)

Lapak. Hast du gehört?

Domaslav.         Wie stolz.

Biwoy.                 Nun um so besser.
Stolz gegen Stolz, wie Kiesel gegen Stahl,
Erzeugt, was beiden feind, den Feuerstrahl."
(Grillparzer: Libussa 3. Akt           Gutenberg.org)


Ähnlich stolz tritt er dann vor Libussa.




Grillparzer Aphorismen

Wir sind gegen keine Fehler an andern intoleranter, als welche die Karikatur unsrer eigenen sind.


(1818.)

Man ist nie eifersüchtiger, als wenn man in der Liebe anfängt, zu erkalten. Man traut dann der Geliebten nicht mehr, weil man dunkel fühlt, wie wenig einem selbst mehr zu trauen ist.


(1822.)

Der Mann thut durch Untreue seiner Frau ein Unrecht, die Frau, indem sie untreu ist, dem Mann einen Schimpf. Die Frau eines untreuen Mannes bedauert man, über den Mann einer untreuen Frau spottet man. Schon hierin liegt genug von dem Unterschiede, der zwischen beiden Geschlechtern in Bezug auf den Grad der Beleidigung obwaltet, die sie sich durch Untreue zufügen.

(1846)

Die gescheiten und die dummen Leute erkennt man unter andern auch daraus, daß die Dummen das verehren, was in ihrer eigenen Richtung liegt, die Gescheiten aber, was sie fühlen, daß ihnen abgeht.


(1834.)

Von einem haben die sogenannten gebildeten Leute gewöhnlich keine Vorstellung: daß jemand den zusammengesetzten und künstlichen Zustand, den sie Bildung nennen und der auch wirklich Bildung ist, durchgemacht haben könne und auf der andern Seite wieder ins Einfache und Natürliche herausgekommen sei. Ihnen scheint alles Schlichte: Unkultur.



  • Marie von Ebner Eschenbach über Grillparzer

    "[...] Das schwere Blut hatte er von seiner Mutter geerbt, das war sein Unglück, unter dem er litt und leiden machte. Ein Meister der Selbstquälerei, zerpflückte er eine der kleinen Freudenblüten, die ihm noch geblieben waren, nach der andern.

    Was die Musik ihm bedeutete, weiß jeder, der den »rhythmischen Zauber« seiner Verse empfunden hat. »Die Musik der älteren Zeit, das ist für mich nicht Musik, in ihr liegt mein[888] Leben, in ihr rauscht meine Jugend«, sind seine eignen Worte. Die Musik hatte ihn mit den Schwestern Fröhlich zusammengeführt. Durch Anna und Josephine, beide hochgeschätzte Gesangs- und Klavierlehrerinnen, hatte er Schuberts Lieder kennengelernt. Er war ein guter Klavierspieler, phantasierte mit sehr viel Talent. Vor einigen Jahren noch hatte es ihm Vergnügen gemacht, täglich eine Stunde mit Anna zu musizieren. Sie kam zu ihm herüber, und sie spielten vierhändig Symphonien von Haydn, Beethoven, Mozart. Einmal nun hatte sie wie gewöhnlich Platz genommen am Klavier, Noten aufgelegt und wartete. Grillparzer blieb an seinem Schreibtisch sitzen, rührte sich nicht, und als sie endlich fragte: »Nun, ist's heute nichts, wird nicht gespielt?« schüttelte er den Kopf: »Heute nicht und überhaupt nicht mehr.« – »Ja, um Gottes willen, warum denn nicht?« – »Meine Finger sind steif geworden, es geht nicht mehr.« – »Und gestern ist's doch noch gegangen. Was Ihnen nur einfallt, Grillparzer!«

    Sie lachte ihn aus, wurde im Scherz böse und auch im Ernst, bat innigst, inständigst, doch nicht einer Laune nachzugeben. Schad um jedes Wort. Er hat seine Hände nie wieder aufs Klavier gelegt.

    Es war aus von einem Tag zum andern und für immer.

    So vergrub er vorzeitig ein Talent, dem er noch manche schöne Stunde hätte verdanken können. Aber das ist der ganze Grillparzer: der Reichtum im Ausüben einer Kunst hat abgenommen, und auf die Überbleibsel legt er keinen Wert. Nicht anders hält er's mit der Poesie, und ohne die Dazwischenkunft der drei Getreuen wären uns viele seiner geflügelten Worte vorenthalten worden.

    Es ist seine Gewohnheit, beim Frühstück allerlei Verse auf Papierschnitzel zu kritzeln, die er jämmerlich zerknüllt und auf das Kaffeebrett wirft. Die Verse haben einer momentanen Stimmung Ausdruck gegeben, ihre Aufgabe ist erfüllt, nun fort mit ihnen. Aber Susanne legt die dem Untergang Geweihten in die Hände ihrer Gebieterinnen; sie werden entfaltet, gelesen, geordnet. Wenn eine hübsche Anzahl beisammen ist, lernt Anna sie auswendig, geht zu Grillparzer hinüber, stellt sich in Positur und spricht: »Der kleine Deklamator ist da.«

    Vielen Dank erntet sie für ihren Vortrag nicht, meistens heißt es: »Schon gut, schon gut. Sein S' noch nit fertig?«

    Aber ein Befehl, die kleinen Dichtungen geheimzuhalten, wurde nicht gegeben, sie dürfen Freunden mit geteilt werden,[889] und viele von ihnen haben schon bald nach ihrem Entstehen eine Wanderung durch ganz Wien angetreten. [...]"

11 Juli 2019

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Grillparzer und Hebbel

"[...] Unter den vielen neuen Bekanntschaften, die mein Tagebuch verzeichnet, sei nur zweier erwähnt: Grillparzers und Hebbels.
Über beide hatte ich im »Literaturblatt zum deutschen Kunstblatt« mich ausgesprochen, über den Altmeister der österreichischen Dramatiker, der damals in Norddeutschland so gut wie verschollen war, mit andächtiger Bewunderung. Ich hatte ihn gleichsam neu entdeckt und zum erstenmal, da die Rettich mir seine sämtlichen, noch zerstreut erschienenen Dramen geschenkt hatte, mit tiefstem Interesse studiert. Er hatte wohl von meinem Aufsatz Kenntnis genommen und ihn mir gedankt. Nun empfing er mich, da Lewinsky mich zu ihm führte, mit einer Freundlichkeit, die mir das Herz aufgehen ließ. Ich genoß bei dem ehrwürdigen Greise eine unvergeßliche Stunde, und als ich bei meinem zweiten Besuch mich von ihm verabschiedete und er mich mit väterlicher Güte umarmte, war ich nahe daran, wie er selbst in jungen Jahren einem Größeren gegenüber, von meiner inneren Bewegung mich zu Tränen fortreißen zu lassen.
Anders verlief mein Besuch bei Hebbel. Dessen Gedichte hatte ich respektvoll, aber ohne Verhüllung dessen, was ich für die Grenzen seiner Begabung hielt, besprochen, das Gewaltsame und Grüblerische seines Wesens auch in der Lyrik, die dialektische Marotte hervorgehoben, mit der er allem Einfachen aus dem Wege ging, und die Unfähigkeit, »Geist und Natur auf ungetrennter Spur« sich verbinden zu lassen. Ich war also nicht auf den freundlichsten Empfang gefaßt, zumal ich darauf bestanden hatte, daß die Rolle meiner Gräfin von der Esche der Rettich zuerteilt werden sollte.
Ich fand aber den merkwürdigen langen blonden Mann zwar etwas einsilbig, doch ohne jede Spur einer Empfindlichkeit gegen den dreisten jungen Kollegen. Eine gewisse befangene Höflichkeit auf seiner Seite verschwand bald, und ein interessantes Gespräch kam in Gang, an dem dann auch die Frau teilnahm. Da ich sein großes Talent anerkannte, so problematisch mir auch das meiste, was er hervorgebracht, erschien – die grandiosen »Nibelungen« waren noch nicht gedichtet –, konnte ich ihm einen aufrichtigen guten Willen zeigen, der ihm nach der Vorstellung, die er sich von mir gemacht, sichtlich wohltat. [...]"
(Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse, Wien)

10 März 2019

Ein Volksfest mit Stau an einer Engstelle, aber ohne Tote wie in Duisburg

"[...] Eine wogende Menge erfüllt die Straßen. Geräusch von Fußtritten, Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter Ausruf durchzuckt. Der Unterschied der Stände ist verschwunden, Bürger und Soldat teilt die Bewegung. An den Toren der Stadt wächst der Drang. Genommen, verloren und wiedergenommen, ist endlich der Ausgang erkämpft. Aber die Donaubrücke bietet neue Schwierigkeiten. Auch hier siegreich, ziehen endlich zwei Ströme, die alte Donau und die geschwollnere Woge des Volks, sich kreuzend quer unter- und übereinander, die Donau ihrem alten Flußbette nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der Brücke entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend in alles deckender Überschwemmung. Ein neu Hinzugekommener fände die Zeichen bedenklich. Es ist aber der Aufruhr der Freude, die Losgebundenheit der Lust.
Schon zwischen Stadt und Brücke haben sich Korbwagen aufgestellt für die eigentlichen Hierophanten dieses Weihfestes: die Kinder der Dienstbarkeit und der Arbeit. Überfüllt und dennoch im Galopp durchfliegen sie die Menschenmasse, die sich hart vor ihnen öffnet und hinter ihnen schließt, unbesorgt und unverletzt. Denn es ist in Wien ein stillschweigender Bund zwischen Wagen und Menschen: nicht zu überfahren, selbst im vollen Lauf; und nicht überfahren werden, auch ohne alle Aufmerksamkeit.
Von Sekunde zu Sekunde wird der Abstand zwischen Wagen und Wagen kleiner. Schon mischen sich einzelne Equipagen der Vornehmeren in den oft unterbrochenen Zug. Die Wagen fliegen nicht mehr. Bis endlich fünf bis sechs Stunden vor Nacht die einzelnen Pferde- und Kutschen-Atome sich zu einer kompakten Reihe verdichten, die sich selber hemmend und durch Zufahrende aus allen Quergassen gehemmt, das alte Sprichwort: »Besser schlecht gefahren, als zu Fuß gegangen«, offenbar zuschanden macht. Begafft, bedauert, bespottet, sitzen die geputzten Damen in den scheinbar stille stehenden Kutschen. Des immerwährenden Anhaltens ungewohnt, bäumt sich der Holsteiner Rappe, als wollte er seinen, durch den ihm vorgehenden Korbwagen gehemmten Weg obenhin über diesen hinaus nehmen, was auch die schreiende Weiber- und Kinderbevölkerung des Plebejer-Fuhrwerks offenbar zu befürchten scheint. Der schnell dahinschießende Fiaker, zum ersten Male seiner Natur ungetreu, berechnet ingrimmig den Verlust, auf einem Wege drei Stunden zubringen zu müssen, den er sonst in fünf Minuten durchflog. Zank, Geschrei, wechselseitige Ehrenangriffe der Kutscher, mitunter ein Peitschenhieb.
Endlich, wie wenn in dieser Welt jedes noch so hartnäckige Stehenbleiben doch nur ein unvermerktes Weiterrücken ist, erscheint auch diesem status quo ein Hoffnungsstrahl. Die ersten Bäume des Augartens und der Brigittenau werden sichtbar. Land! Land! Land! Alle Leiden sind vergessen. Die zu Wagen Gekommenen steigen aus und mischen sich unter die Fußgänger, Töne entfernter Tanzmusik schallen herüber, vom Jubel der neu Ankommenden beantwortet. [...]"
(Franz Grillparzer: Der arme Spielmann, Zeno, S.145/46)

Inhalt u.a. (Wikipedia)


Loveparade in Duisburg 2010