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28 Dezember 2023

Richard C. Schneider: Die Sache mit Israel Fünf Fragen zu einem komplizierten Land

Das Buch erschien vor dem 7.10.2023. 

 Leseprobe Prolog bis S.12 (pdf)

Auf S.10 erinnert Schneider an einen Angriff jüdischer Siedler auf die palästinensische Kleinstadt Huwara. Sie "zündeten Autos und Häuser an [...] die Armee und die Polizei brauchten endlos viel Zeit, um dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten [...]" 

"Ist Israel eine Demokratie? Ist Israel ein Apartheidstaat? Ist Kritik an Israel antisemitisch? Ist Israel ein fundamentalistischer Staat? Gehört Palästina den Palästinensern?

Richard C. Schneider [Wikipedia], SPIEGEL-Autor und langjähriger Israel-Korrespondent der ARD, lebt seit fast 20 Jahren in Tel Aviv, kennt Alltag und Geschichte des Landes und weiß um die gängigen Vorbehalte und Vorurteile in Deutschland. Bei den Antworten auf diese fünf Fragen setzt er an, um einige grundlegende Dinge über Israel zu erklären – 75 Jahre nach der Staatsgründung Israels und in einem entscheidenden Moment für die Demokratie des Landes." (https://presse.penguinrandomhouse.de/edition/9783421070104)

Artikel von Schneider Bücher von ihm

Leserrezensionen:

Von: Klaus Hans Wilhelm Rohrmann aus Berlin

14.08.2023

"Sehr geehrter Herr Schneider, Ihre informative und sachliche Berichterstattung über Israel aus der Sicht eines Natives ist mir aufgefallen und deshalb habe ich Ihr Buch mit Interesse gelesen. Allerdings vermeiden Sie klare Antworten auf gestellte Fragen, geben aber eine deutliche Tendenz. Mir war z.B. neu, dass israelische Extremisten den israelischen Staat mit welcher Begründung auch immer ablehnen... Mein Problem ist: Was soll jedoch mit den zahlreichen palästinensischen Flüchtlingen passieren, die nach wie vor in erbärmlichen Zuständen in den Nachbarländern Syrien, Libanon und Jordanien leben müssen. Diese Frage scheint bei Ihnen und in Israel keine Rolle zu spielen. Solange diese Fragen neben den von Ihnen geschilderten aktuellen inneren Bedrohungen des Staate Israel nicht einvernehmlich gelöst sind, wird es m.E. in dieser Region für alle Bevölkerungsgruppen keinen anhaltenden Frieden, Wohlstand etc. geben. Ich selbst bin 1952 in Warnemünde geboren und war u.a. von 1985-1993 mehrfach als Verkaufsleiter für von der DDR gelieferte Gleitbauschalungen für Getreidesilos in Syrien, Feuerfest-Auskleidungen für Ziegeleien im Irak etc. unterwegs und habe dabei auch erschütternde Zustände in den palästinensischen Flüchtlingslagern gesehen. Ich denke, dass es dem Anliegen Ihres Buches gedient hätte, unbedingt auch diesen Aspekt mit einzubeziehen. Wie wäre es denn, Bereitschaft bei allen beteiligten Seiten vorausgesetzt, eine Konföderation aller in der Region lebenden Bevölkerungsgruppen zu initiieren?" (https://www.penguin.de/Buch/Die-Sache-mit-Israel/Richard-C-Schneider/DVA-Sachbuch/e612311.rhd - 

Dort findet sich auch eine zweite Rezension (von Sebastian Venske,11.06.2023): 

"[...] Israel sei eindeutig eine Demokratie, aber eine ethnische Demokratie, in der der Staat einen jüdischen Charakter hat und Araber - Muslime wie Christen – und andere Minderheiten als Staatsbürger alle Individualrechte besitzen, aber nur sehr eingeschränkte Kollektivrechte. Nach Schneider ist das notwendig, da Israel nur so ein sicherer Hafen für Jüdinnen:Juden bleiben kann. Das Buch greift fundamentale und wichtige Debatten rund um Israel auf. Es zu lesen ist bereichernd. Vieles ist bedenkenswert. Eine absolute Leseempfehlung."

Zum Inhalt:

Ben Gvir und Smotrich, "Oberherr der Regierung im von Israel besetzten Westjordanland.[6]" (Wikipedia), die extremistischen Koalitionspartner Netanyahus. (S.17/18)

Zitat: "Die Schwierigkeiten dürften noch größer werden, wenn die Justizreform durchkommt. Dann würde die Justiz in Israel nicht mehr als unabhängig angesehen. Bisher bewahrte die Unabhängigkeit des Obersten Gerichts Soldaten, Offiziere und Politiker davor, vor dem ICC wegen möglicher Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt zu werden. Die Unabhängigkeit des Bagatz*, wie das Oberste Gericht in seiner hebräischen Abkürzung genannt wird, war Grund genug, dass das ICC sich zurückhielt beziehungsweise entsprechende Vorstöße abgewehrt werden konnten. Das aber wäre nicht mehr möglich, wenn die Politik sich einen Freifahrtschein ausstellt und die Justiz lahmlegt." (S.19)

*"An der Spitze der Judikative, als höchste Berufungsinstanz, steht das Oberste Gericht mit Sitz in Jerusalem. Aus den Richterinnen und Richtern des Obersten Gerichts bildet sich auch das „Hohe Gericht für Gerechtigkeit“ („Beit-Din Gawoah LeTzedek“ = „BaGaTz“), das je nach Bedeutung des Falles mit drei, fünf oder sieben Richterinnen und Richtern besetzt ist. Dieses Gericht ist die einzige und höchste Appellationsinstanz in Grundsatzfragen und bietet (ähnlich dem Bundesverfassungsgericht) die Möglichkeit, gegen die Regierung sowie alle Vertreter und Institutionen des Staates zu klagen und ihre Maßnahmen auf Rechtmäßigkeit überprüfen zu lassen, sie ggf. sogar auszusetzen." (Wikipedia)

Schneiders Antworten auf seine Fragen: (nach meinem Verständnis der Textes)

Ist Israel eine Demokratie? 

Israel ist eine "ethnische Demokratie" (passim)

"[...] Doch man muss unterscheiden: zwischen dem Rechtsruck und wachsendem Rassismus, der die Demokratie insgesamt bedroht, und der klaren Notwendigkeit Israels, eine ethnische Demokratie bleiben zu müssen, wenn der jüdische Charakter des Staates erhalten bleiben soll. Eine vollständig pluralistische Gesellschaftsform mit totaler Gleichstellung aller gesellschaftlichen Gruppen wird es in Israel nie geben, Es wäre das Ende als Staat, wie er jetzt existiert. Das wird die jüdische Mehrheit nicht akzeptieren, selbst, wenn die Progressiven und Wolken im In- und vor allem im Ausland es anders haben wollen. Aber wie schon gesagt, das Jüdische ist eine partikularistische Identität. Seit mehr als 3000 Jahren. Nur so hat das Judentum bis heute überlebt." (S.69)

Ist Israel ein Apartheidstaat

Es gibt Ungleichbehandlung zwischen jüdischen Israelis und arabischen, nicht im offiziellen Rechtsstatus, aber etwa in der Bewilligung von Projekten für jüdische oder arabische Gemeinden.   - Dies belegt nach Schneider aber keinen Apartheidstaat, da palästinensische und jüdische Israelis de jure gleich gestellt seien.  Dann fährt er fort: 

"Also herrscht nur im Westjordanland Apartheid? Dort ist die Besatzungsmacht ja nun wahrlich präsent. Leider sind viele Vorwürfe, die Amnesty macht, tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Israel verstößt gegen Menschenrechte, es verstehst auch nach gängigem Recht gegen die Auflagen, die der Staat als Besatzungsmacht zu befolgen hätte, etwa die verbotene Besiedlung besetzter Gebiete. Wie schon erwähnt, wird palästinensisches Land enteignet, die Palästinenser können in bestimmten Gegenden nicht bauen, in manchen Gegenden dürfen sie nicht einmal ihre Häuser aufstocken, wenn die Familie wächst. Sie müssen Gebiete verlassen, die willkürlich zur militärischen Sperrzonen deklariert werden [...]

Wozu also sollte Netanyahu oder irgendein anderer Premier, wenn er nicht fundamentalistischer Ideologe ist, auch nur irgendeinen Teil des Westjordanlands annektieren? De facto ist es ja bereits so. Und kostet den Staat so weniger, als wenn es offiziell gemacht wurde, ganz abgesehen von den politischen Implikationen, die ein solcher Schritt erst einmal nach sich ziehen würde.
Doch genau solche 'pragmatische' Überlegungen sind der Grund, warum in den besetzten Gebieten irgendwann, vielleicht sogar schon in naher Zukunft der 'Apartheidszustand' tatsächlich eintreten könnte. Egal, ob Israel sich das Westjordanland offiziell einverleiben würde oder nicht. Schon jetzt ist die Gefahr groß, dass die Situation irreversibel ist [...] die Ultras haben sich längst entschieden und sagen es auch. Ihnen ist es wichtiger, dass Israel jüdisch ist. Auf Demokratie können Sie verzichten. Und ihre Anhängerschaft wächst. Sie werden Immer stärker. (S.97/98)

Ist Kritik an Israel antisemitisch? 

"In den seltensten Fällen ist die Kritik an Israel sachlich fundiert. Sie ist eben häufig ein Mix aus uralten anti-kolonialistischen und anti-imperialistischen Ideologien, rassistischen Überzeugungen und einem völlig unreflektierten Blick auf die Welt und die eigene politische Position und Bedeutung." (S.102)

"Es ist kein Zufall, dass die BDS-Bewegung ihr Vorbild in der Anti-Apartheid-Bewegung hat. Auch diese hatte ihren Ursprung in England. BDS übernahm Strategien der Anti-Apartheids- Bewegung zum Teil wortwörtlich." (S.105)
Fontanefan dazu: Darauf weist Schneider sehr zu recht hin. Allerdings hat er selbst darauf aufmerksam gemacht, dass "vielleicht sogar schon in naher Zukunft der 'Apartheidszustand' tatsächlich eintreten könnte" Dass.der BDS das zu verhindern versucht, kritisiert er, weil er sie angewandten Mittel für falsch hält. Im Fall Südafrikas waren sie allerdings dank einer günstigen Konstellation erfolgreich. Von S.107 bis 132 beschäftigt er sich mit dem "Antisemitismus der Linken". Aus seiner Sicht ist das gut begründet, weil er jeden Angriff auf einen "jüdischen Staat" als Antisemitismus versteht, weil Israel nur als jüdischer Staat existieren könne. 
Hier ist der entscheidende Gegensatz zu postkolonialistischen Forderungen zu finden. Wenn eine Zweistaatenlösung nicht mehr in Frage kommt, ist in der Tat zu befürchten, dass auf längere Sicht Mehrheiten entstehen können, die die ungestörte Religionsausübung orthodoxer Juden gefährden würde, weil sie sich nicht mit dem Gleichheitsprinzip vereinigen lasse.
Zur Kennzeichnung des Streits um die documenta 15 greift Schneider das Wort von Sascha Lobo auf, "dass diese wohl größte Kulturausstellung der Welt zur 'Antisemita 15' mutiert" sei. Der Streit ließ manchmal die Vermutung aufkommen, es habe sich in der Tat darum gehandelt. Der Masse der Werke der Ausstellung, die sich auf die Selbstermächtigung der Kunst konzentrierte, wird diese Bezeichnung freilich kaum gerecht. Trotzdem besteht immer die Gefahr, dass Antisemitismus im Namen der Kunstfreiheit gerechtfertigt wird. Darauf wurde zu recht von verschiedenen Seiten hingewiesen. 
Schneider formuliert in diesem Zusammenhang: "Im Grunde gab es in dem gesamten Skandal nur eine einzige Person mit echter Haltung und Statur: Die international berühmte und anerkannte Künstlerin Hito Steyerl, die ihr Werk von der documenta schon früh zurückgezogen hatte, weil in der Ausstellung antisemitische Bilder aufgetaucht waren und niemand Verantwortung dafür übernehmen wollte." (S.125)
Aus meiner Sicht ein zu starkes Wort.

Ist Israel ein fundamentalistischer Staat?  (S.133 ff.)

Diese Frage beantwortet Schneider nicht ausdrücklich, er macht aber deutlich, dass die Siedlerbewegung von Abraham Isaac Kook, zusammen mit seinem Sohn Zwi Jehuda Kook , "geistiger Vater der messianistischen Siedlerbewegung   Gusch Emunim" (Wikipedia),  das religiöse Fundament erhielt, somit von Anfang an zutiefst fundamentalistisch war und dass die israelischen Politiker an zwei wesentlichen Wendepunkten 1967 nach dem Sieg, als das historische Israel erobert wurde und 1973 nach der empfundenen Niederlage jeweils den Siedlern nicht energisch genug entgegentraten, so dass diese durch ihr Eindringen die Zwei-Staaten-Lösung immer unmöglicher machten. Dazu zitiert er Benny Katzover: "Mir war damals klar: Wenn Samaria ohne Juden bleibt, verlieren wir die Legitimation für den ganzen Staat Israel. Die Anfänge des jüdischen Volkes waren hier in Shechem, in Nablus. [...] Hier wurde das jüdische Volk als Nation geschaffen. Wenn dies nicht dem jüdischen Volk gehört, gehört dann Tel Aviv dem jüdischen Volk?" (S,148)

Gehört Palästina den Palästinensern?

Obwohl er den Palästinensern ein 'vertikales', dem Boden verbundenes Heimatgefühl zuspricht, während die Juden wegen ihrer langen Tradition im Exil in 'portables' (H. Heine) hätten (S.164), und obwohl die Palästinenser seit vielen Generationen das Land bewohnten und weitgehend als Privatbesitz hatten,   formuliert Schneider "Den Osmanen gehörte also Palästina. Dann, 1917 , eroberten die Briten während des Ersten Weltkrieges das Gebiet. [...]  Gehörte es ihnen völkerrechtlich ? Nein." ((S.166) Doch arbeitet er dann die sich widersprechenden Ansprüche von Arabern und Juden (Balfour-Deklaration und 'nationale Heimstätte' heraus.) Im Zusammenhang mit der Mandatspolitik spricht Schneider von einer "bei vielen Politikern Großbritanniens tief sitzende[n] Überzeugung von der sogenannten 'jüdischen Weltmacht', der Mär, dass Juden in einem weltweit umspannenden Netz Politik, Finanzen und Medien in ihrer Gewalt hätten, da sie vor allem – schon damals dachte man so in London – großen Einfluss in Washington hätten. Weizmann war klug. Anstatt sich über diese antisemitischen Vorurteile zu echauffieren oder gar zuzugeben, dass er Präsident eine Organisation war, die gerade mal so stabil war wie ein Kartenhaus und deren Macht sich allein darauf speiste, dass viele glaubten, sie hätte Macht, nutzte er lieber die Ehrfurcht vor dem 'Weltjudentum', um seine Forderungen und Ziele durchzusetzen. Selbst ein so hoch gebildeter Mann wie Winston Churchill glaubte bis zu einem gewissen Grad an die Macht der Juden! " (S. 71) 

[Fontanefan: Dass britische Politiker damals an eine 'jüdische Weltmacht' geglaubt und  Ehrfurcht vor dem 'Weltjudentum' gehabt hätten, halte ich für eine Konstruktion. Doch kann man nicht ausschließen, dass man in Kreisen der US-Hochfinanz und bei US-Industriellen europäischen Juden etwas mehr Sympathien entgegenbrachte als Arabern.]

"Anfang des 20. Jahrhunderts wurde mit Hilfe von Theodor Herzl der JNF, der Jüdische Nationalfons, der auch als KKL (J`Keren / Kayemet leYsisrael) bekannt ist, gegründet. Dessen Aufgabe war es, weltweit Spenden von Juden einzusammeln, um Land in Palästina zu kaufen. Die so genannte 'Puschkebox', ein rechteckiger Metallbehälter mit der israelischen Flagge und einer Landkarte von Eretz Jisrael vorne drauf, in den man Münzen und Geldscheine einwarf wie bei einem Sparschwein, gehörte bis in die Sechziger und Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zum Hausratsinventar jeder jüdischen Familie in der Diaspora." (S.176)

Es ist ein alles oder nichts, ein Kampf auf Leben und Tod im ganz realen, aber auch im metaphorischen Sinn.. Möglicherweise wird die Frage, wem Palästina beziehungsweise Israel gehört, auf dem Schlachtfeld geklärt. Oder durch die normative Kraft des Faktischen. Oder durch ein Wunder. Der Konflikt um dieses kleine Land Ist noch lange nicht vorbei. (S.188)

Andere Perspektiven: 
In diesen Zusammenhang gehört auch ein äußerst polemischer Artikel von John Neelsen   https://www.nachdenkseiten.de/?p=109118
Interview mit Saul Friedländer in der ZEIT vom18.1.2024:
"[...] Ich erinnere mich lebhaft an die Feier in Paris, auf der im Mai 1948 die Staatsgründung verkündet wurde. [...] Ich war 15 Jahre alt und voller Erwartungen. Ein paar Wochen später bin ich abgereist, mit der Altalena, einem Schiff der zionistischen Untergrundarmee Irgun, die unter anderem Anschläge auf die arabische Bevölkerung und die britische Mandatsmacht in Palästina verübt hatte. An Bord waren hauptsächlich jüdische Displaced Persons aus Deutschland dazu ein paar französische Juden. 
ZEIT: Sie reisten ganz allein?
Friedländer:  Ja, und deshalb habe ich in Pass mein Alter geändert, denn daran war mein erster Anlauf gescheitert. Ich wollte mit einer sozialistischen Zionistengruppe auswandern, aber da hieß es: Du bist zu jung. Ich datierte also meine Geburt im Pass von 1932 auf 1930 zurück und versuchte es bei der Irgun. Ein Freund hatte mich vorbereitet. Wenn ich gefragt würde: 'Was wollen wir?', Solle ich antworten: 'Beide Seiten des Jordans!', also ein Großisrael. Die Reise dauerte acht, neun Tage. Empfangen wollte die Altalena dann voll Truppen der israelischen Streitkräfte unter Staatsgründer David Ben-Gurion. Die wussten, das die Irgun Waffen schmuggelte – und wollten nicht nur den Schmuggel unterbinden, sondern die Irgun insgesamt ausschalten. Das Schiff wurde schließlich beschossen.
ZEIT: Waren Sie da noch an Bord?
Friesländer: Die meisten Holocaust-Überlebenden, so wie ich, wurden in ein nahe gelegenes Lager gebracht. Erst danach eröffnete die Armee das Feuer. Juden schossen auf Juden. Es war eine Tragödie. [...]
Zeit: [...] Woran sollte man sich gerade besonders erinnern?
Friedländer: An zwei Dinge vielleicht. Zum einen an das Jahr 1945 nicht nur an den 27. Januar. Dass es ein Weiterleben nach der totalen Zerstörung gab, nach Holocaust und Krieg, ist für mich bis heute ein Quell der Hoffnung. Das andere, woran ich denke, ist Charles de Gaulles Reise nach Syrien 1941. Auch dort tobte der Weltkrieg. De Gullel hatte keinen Schimmer von der Region. In seinen Memoiren schrieb er später: 'Vers l'Orent compliqué [...]' In den komplizierten Orient bin ich mit einfachen Ideen geflogen. Darin steckt eine unverändert aktuelle Mahnung: Hüte dich vor simplen Lösungen." ZEIT 18.1.2024

Weitere Informationen zu Israel:
Informationen zur politischen Bildung Heft 336 (2018) mit Inhaltsverzeichnis
bemerkenswert, wie klein das Gebiet des Gazastreifens ist.
Zur Voransicht hier die Einzelkarten von Gazastreifen und der Altstadt von Jerusalem. Die bessere Auflösung findert sich unter dem oben angegebenen Link:  https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/israel-336/276752/karten/

Gazastreifen







20 August 2022

Kamza und Bar-Kamza oder die Zerstörung Jerusalems

"Kamza und Bar-Kamza ist eine talmudische Erzählung aus der Gemara im Mischnatraktat Gittin, Folio 56a des Bavli. Sie dient zur Veranschaulichung des Konzeptes von grundlosem Hass (hebräisch שנאת חינם Ssinat chinam). Die Erzählung beschreibt eine Gruppe von Thora-Gelehrten in der Zeit unmittelbar vor der zweiten Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70. Sie lautet wie folgt:

Rabbi Jochanan sagte: ‚Was bedeutet der Vers im Buch der Sprichwörter von Salomo, Kapitel 28: ‚Wohl dem Menschen, der stets Gott fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, fällt ins Unglück‘? Wegen Kamza und Bar-Kamza ist Jerusalem zerstört worden.‘
Es gab nämlich einen Mann aus Jerusalem, der mit Kamza befreundet war, jedoch ein Feind von Bar-Kamza war. Er veranstaltete ein Fest und sagte seinem Diener, ‚Bring Kamza zu meinem Fest.‘ Der Diener erschien aber stattdessen mit Bar-Kamza. Der Gastgeber sah Bar-Kamza unter seinen Gästen. Er sagte ihm: ‚Da Sie mein Feind sind, was tun Sie hier? Stehen Sie auf und gehen Sie!‘ Bar-Kamza sagte: ‚Da ich schon hier bin, lassen Sie mich bleiben, ich werde auch für mein Essen und Trinken bezahlen.‘ Der Gastgeber antwortete: ‚Nein!‘ ‚Ich werde die halben Kosten des Festes bezahlen.‘ - ‚Nein!‘ - ‚Ich werde die ganzen Kosten des Festes bezahlen.‘ - ‚Nein!‘ Und er packte Bar-Kamza, hob ihn von seinem Stuhl und warf ihn hinaus.
Bar-Kamza dachte: ‚Da dort Rabbiner waren, die das Ganze mit angesehen haben und nicht protestiert haben, war ihnen meine Verlegenheit offensichtlich egal. Ich gehe jetzt zum König und werde mir dort eine kleine Verleumdung leisten.‘ Bar-Kamza ging zu Caesar und verkündete ihm: ‚Die Juden haben gegen dich rebelliert!‘ Caesar antwortete: ‚Wer hat das gesagt?‘ Bar-Kamza sagte: ‚Sende ihnen ein Opfer, und schau, ob sie es auch opfern werden.‘
Caesar ließ durch Bar-Kamza einen gesunden, fehlerlosen Widder schicken. Auf dem Weg brachte Bar-Kamza dem Tier eine kleine Verletzung bei. Einige sagen, es war eine Wunde auf der Oberlippe, andere sagen, es war ein Bluterguss im Auge (vielleicht als Symbol für das schweigende oder blinde Verhalten der Rabbiner). Auf jeden Fall konnte das Tier dadurch nach jüdischen Vorschriften nicht mehr geopfert werden, während dies für die Römer keine Rolle spielte.
Die Rabbiner wollten es aber auf jeden Fall opfern, um die friedlichen Beziehungen mit der Regierung aufrechtzuerhalten. Doch Rabbi Secharia, der Sohn von Avkulos, protestierte: ‚Die Leute werden sagen: ‚Tiere mit Verletzungen dürfen auf dem Altar geopfert werden!‘‘
Die Rabbiner wollten Bar-Kamza töten, so dass er das Geschehene nicht dem Caesar melden könnte. Doch wiederum protestierte Rabbi Secharia, der Sohn von Avkulos: ‚Die Leute werden sagen: ‚Jemand, der Opfertiere verletzt, wird getötet!‘‘
Rabbi Jochanan sagt: ‚Die übertriebene Sorgfalt von Rabbi Secharia, dem Sohn von Avkulos, zerstörte unseren Tempel, verbrannte unseren Palast und verbannte uns von unserem Land.‘

Wie die Erzählung veranschaulicht, waren die erwähnten Thora-Gelehrten unter römischer Besatzung mehrheitlich so korrupt geworden, dass ihnen die Beschämung eines Menschen weniger wichtig schien als die Opferung eines Tieres nach sämtlichen Vorschriften der Thora. Dies galt für sie selbst dann, wenn damit die ganze Nation in Gefahr geriet." (Wikipedia)


Eine andere Version (Gittin 55b - 57a5: Hebräische und englische Fassung):

Von der Zerstörung Jerusalems

"Bar Kamza wurde von seinem Gastgeber so beleidigt, dass er beschloss, alle Juden ins Unglück zu stürzen. Er fuhr nach Rom und berichtete dem Kaiser, die Juden wollten sich gegen ihn erheben. Zum Beweis seiner Anklage erbot er sich, den Juden ein Opfertier zu überbringen und zu sehen, ob sie es annehmen. Der Kaiser übergab ihm ein Kalb. Bar Kamza machte ihm einen körperlichen Fehler, so dass die Juden es nach dem Gesetz nicht opfern durften. Als Furcht vor dem Kaiser wollten sie es trotzdem tun, aber ein besonders gesetzestreuer Jude, Secharia, verhinderte es. Da wollten sie Bar Kamza töten, doch auch das verhinderte Secharia. So kam es, dass der römische Kaiser ein Heer gegen Jerusalem aussendete, um es zerstören zu lassen.*

Als Titus von seinem Vater Vespasian, der Jerusalem nicht hatte erobern können, ausgesandt wurde, Jerusalem zu zerstören, erklärte er: "Der Gott der Juden beherrscht nur das Meer. Ich werde die Empörer zu Lande angreifen und sie besiegen." Kaum hatte er das gesagt, da flog eine Mücke in seine Nase und pickte in seinem Gehirn. Als Titos starb, fand man in seinem Gehirn eine Mücke von der Größe einer Schwalbe* *."

27 Februar 2016

Jerusalem bei Sacharja, Bach und Büscher

9 Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. 10 Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde.  (Sacharja 9, 9-10 Einheitsübersetzung)

12,6 Jerusalem aber wird für immer bestehen bleiben. (Sacharja 12,6 Die Bibel in heutigem Deutsch)


Lutherbibel 1912:
Zu der Zeit will ich die Fürsten Juda's machen zur Feuerpfanne im Holz und zur Fackel im Stroh, daß sie verzehren zur Rechten und zur Linken alle Völker um und um. Und Jerusalem soll auch fürder bleiben an ihrem Ort zu Jerusalem. (Bibeltext.com)

Kontext von Sacharja 12:
Lutherbibel 1912
1Dies ist die Last des Wortes vom HERRN über Israel, spricht der HERR, der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht.
2Siehe, ich will Jerusalem zum Taumelbecher zurichten allen Völkern, die umher sind; auch Juda wird's gelten, wenn Jerusalem belagert wird. 3Zur selben Zeit will ich Jerusalem machen zum Laststein allen Völkern; alle, die ihn wegheben wollen, sollen sich daran zerschneiden; denn es werden sich alle Heiden auf Erden wider sie versammeln. 4Zu der Zeit, spricht der HERR, will ich alle Rosse scheu und ihren Reitern bange machen; aber über das Haus Juda will ich meine Augen offen haben und alle Rosse der Völker mit Blindheit plagen. 5Und die Fürsten in Juda werden sagen in ihrem Herzen: Es seien mir nur die Bürger zu Jerusalem getrost in dem HERRN Zebaoth, ihrem Gott.
6Zu der Zeit will ich die Fürsten Juda's machen zur Feuerpfanne im Holz und zur Fackel im Stroh, daß sie verzehren zur Rechten und zur Linken alle Völker um und um. Und Jerusalem soll auch fürder bleiben an ihrem Ort zu Jerusalem.7Und der HERR wird zuerst die Hütten Juda's erretten, auf daß sich nicht hoch rühme das Haus David noch die Bürger zu Jerusalem wider Juda. 8Zu der Zeit wird der HERR beschirmen die Bürger zu Jerusalem, und es wird geschehen, daß, welcher schwach sein wird unter ihnen zu der Zeit, wird sein wie David; und das Haus David wird sein wie Gott, wie des HERRN Engel vor ihnen. 9Und zu der Zeit werde ich gedenken, zu vertilgen alle Heiden, die wider Jerusalem gezogen sind.
10Aber über das Haus David und über die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets; und sie werden mich ansehen, welchen sie zerstochen haben, und werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einziges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind. 11Zu der Zeit wird große Klage sein zu Jerusalem, wie die war bei Hadad-Rimmon im Felde Megiddos. 12Und das Land wird klagen, ein jegliches Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und ihre Weiber besonders; das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und ihre Weiber besonders; 13das Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre Weiber besonders; das Geschlecht Simeis besonders und ihre Weiber besonders; 14also alle übrigen Geschlechter, ein jegliches besonders und ihre Weiber auch besonders. (Bibeltext.com)

Historischer Kontext:

520 BCTattenai's Letter to DariusEzra 5
520 BCThe Word of the LORD by HaggaiHaggai 1, 2
520 BCThe Word of the LORD to ZechariahZechariah 1 - 14
520 BCTemple Work Resumed by Darius' DecreeEzra 6

J.S.Bach: Himmelskönig sei willkommen (BWV 182)

vgl. Büscher:  Ein Frühling in Jerusalem

29 Dezember 2014

Zitate aus "Ein Frühling in Jerusalem"

Büscher fragt eine jüdische Siedlerin: "Warum sind Sie hier?"
"Weil es Jerusalem ist." [...] Es war keine gewöhnliche Landnahme [...] Es war eine Menschennahme. Bevor diese Siedler das Land nahmen, hatte das Land sie genommen - das verheißene Land" (S.194)

"Wäre Jerusalem eine Bombe, der Tempelberg wäre ihr Zünder." (S.195)

Der christliche Armenier Charly Effendi erklärt Büscher: "Also, warum bin ich hier? [...] "Ich bin hier, weil es Jerusalem ist." (S.230)
Charly zeigt ihm: "Ein armenisches Mosaik, eintausendsechshundert Jahre alt, vollständig erhalten. [...] nicht nur ein Volk war hier, nicht nur ein Glaube." S.232)

"Kehrte ich je von einer Reise so reich beschenkt heim wie von dieser?" (S.235)

Wolfgang Büscher: Frühling in Jerusalem, 2014

  Wem gehört Jerusalem? von MAREIKE ENGHUSEN ZEIT Campus Nr. 04/2015
"Sie sind gleich alt, leben in derselben Stadt, besuchen beide die Uni. Doch für den Konflikt, der Avigayil und Hadil trennt, gibt es vielleicht keine Lösung." 
mit 44 Kommentaren

Wem gehört das alte Jerusalem? Wem wird es gehören?

Die  griechische Orthodoxie "gilt als größter Grundbesitzer in Jerusalem, gefolgt von [...] den Katholiken, und den Armeniern". (S.172) Denn das osmanische Reich begünstigte die Kirchen steuerlich. "Und so haben im Laufe der Jahrhunderte viele Gläubige ihre Häuser oder ihr Land ihren Kirchen überschrieben." (S.172) Da die Kirchen die Häuser und das Land nicht alles selbst nutzen können, gibt es die protectet tenants. "Der protectet tenant zahlt einmalig eine recht hohe Summe an die Kirche, erwirbt dafür sehr langfristig die vertraglich geschützte Verfügung über das Haus, dessen stiller Eigentümer aber die Kirche bleibt." (S.184) Das ist jüdischen Siedlern ein Dorn im Auge, die versuchen, einen größeren Teil der Jerusalemer Altstadt zu erwerben. 
Dazu sagt ein Araber zu Büscher: "Was aus Jerusalem wird", [...] "hängt nicht von den Moslems ab und nicht von den Juden, es liegt allein an den Christen. Den Christen gehört die Altstadt, nicht den Moslems, nicht de Juden. Es liegt in ihrer acht, was hier wird. Und sie kümmern sich nicht darum." (S.186)

Wolfgang Büscher: Frühling in Jerusalem, 2014

27 Dezember 2014

Jeunesse dorée in Palästina

Das zweite und dritte Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts war eine Zeit, in der in Palästina der kulturelle Austausch zwischen Religionen und Nationalitäten sehr intensiv war. Man feierte den nachlassenden Druck der osmanischen Herrschaft und ließ sich von Jungtürken und den Vertretern des britischen Mandats nicht irre machen.
Es war die große Zeit von Wasif Jawhariyyeh (1897-1972), von der er berichtet hat [The Diaries of Wasif Jawhariyyeh (1904–1968)] und die Büscher im Kapitel "Gute alte Boheme" vorstellt.
"Osmanische Reichsdämmerung", "kleine Wohnung in der Altstadt" zum Feiern, die Oud zum Spielen und Singen, wochenlanges Feiern,das sind die Bilder, die Büscher vorzeigt von der "Blüte der Freiheit" und "den großen Festen der drei Religionen" (S.99). (vgl. hier)
Als dann die Ahnung vom Terrorismus der dreißiger und vierziger Jahre kam, wurde auch noch gefeiert. "Aber jeder jubelte für sich allein." (S.103)
"Der schöne Frieden  [...] - das alles war eine ferne Erinnerung. Er war etwas anderem gewichen, das an manchen Tagen als grauer Staub der Melancholie auf der Stadt lag, an anderen Tagen knisterte es wie eine glimmende Lunte." (S.103)
Wolfgang Büscher: Frühling in Jerusalem, 2014

26 Dezember 2014

Geheul in der Nacht

"Und dann - obgleich ich ihn doch kannte, [...] erwischte mich der Ruf zum Gebet wieder und jagte mir einen leisen Schrecken ein. So nahe, so laut in die Stille platzend wie ein Schuß. [...] Allahu akbar! [...] In die Kälte der Nacht geschmiegt, lauschte Jerusalem dem Werben der Wüste, denn so klang es." (S.41)
"Das Bett aus Eisen füllte die Kammer fast aus. Nichts sonst, nicht mal ein Stuhl, nur fünf Nägel in der Wand." (S.42)

Wolfgang Büscher: Frühling in Jerusalem, 2014

"Nächstes Jahr in Jerusalem!"

Der Felsen auf dem Tempelberg:
"Grabhöhle Adams, Verschlußstein der Sintflut, Thronsitz Jahwes, Nabel der Welt. [...] Akedah, das heißt Bindung. Auf dem Tempelbergfelsen dort drüben soll Abraham seinen gebundenen Sohn gelegt haben, Isaak, bereit, ihn zu opfern." (S.22)
"Dem Abraham, der ihm den Sohn opfern will, verwehrt Gott dieses Opfer im letzten Moment. Auf Golgatha opfert er selbst seinen Sohn. Der eine Fels antwortet dem anderen." (S.23)
"[...] der heiligste Ort der Juden befindet sich im Innersten der ersten moslemischen Moschee der Welt." (S.24/25)
"'Nächstes Jahr in Jerusalem!' [...] Wer für diesen Ruf kein Ohr hatte, [...] der hatte hier nichts verloren." (S.30)
Wolfgang Büscher: Frühling in Jerusalem, 2014

Tweets zum Hashtag Jerusalem

Araber sind der Mörtel des harten Brotes Jerusalem

"Das Arabische ist der Mörtel des alten Jerusalem." (S.27)
Wenn man Jerusalem beschreibt, darf man, um keine falschen Assoziationen zu wecken, es nicht Stadt nennen. Jerusalem ist ein Brot, lange geknetet, "in den Jahrtausendofen geschoben, so einen, wie ich sie frühmorgens sah, wenn die Bäckerjungen aus den väterlichen Backhöhlen stiegen, das duftende Brot auf Brettern auf der Schulter tragend." (S.30)
Wolfgang Büscher: Frühling in Jerusalem, 2014

Tweets zu Araber

Büscher: Jerusalem - gelbes Licht der Gefahr

Als Büscher mit dem Sammeltaxi mit sechs Schwarzen (drei orthodoxe jüdische Amerikaner, drei russische Nonnen) seine Herberge am Jaffator der Sultan Süleymans Mauer erreicht, liegt Jerusalem vor ihm "in diesem Schwefligen Unheilslicht. Es griff nach dem Verstand, nach dem Glauben, daß alles gut wird [...] Innewerden [...] einer Gefahr." (S.11) "Wo hatte ich dieses Licht schon einmal gesehen [...]? Plötzlich wußte ich es - auf Bildern. Auf Bildern, die nichts Gutes verheißen. Es gab Maler, die dieses Licht kannten." (S.12)
"Etwas fehlte, das Leichte, der Sinn, der den Tod verlacht." (S.12)
"There's no joy in this city" (S.40)
Wolfgang Büscher: Frühling in Jerusalem, 2014

25 Dezember 2014

Wolfgang Büscher: Ein Frühling in Jerusalem

Wolfram Büscher verdanke ich einige der ausdrucksstärksten Einträge auf diesem Blog. Er ist ein Meister verdichteter Formulierungen und auch die Szenen, die er entwirft, prägen sich ein.

Orhan Pamuks Buch über Istanbul wird nicht leicht übertroffen, in der Dichte der Atmosphäre übertrifft es m.E. "Ein Frühling in Jerusalem" doch.

Büscher schreibt: "Er lebte in einer Welt, die verschwunden war, dem Nahen Orient".
Der Satz scheint aus einem Klischee zu bestehen, bis man auf die Formulierung "dem Nahen Orient" stößt.
Was wir Naher Osten nennen, heißt für die Amerikaner Middle East, für Inder ist es der nahe Westen. In der Zeit meiner Kindheit und Jugend las ich vom Vorderen Orient, dem Gebiet, in dem Historiker ihren fruchtbaren Halbmond finden. Es war ein Gebiet, das bewusstseinsmäßig noch nicht vom Nahostkonflikt geprägt war.  In den Zeiten, als man auch außerhalb der Pegida in den Kategorien Abend- und Morgenland dachte, war das Morgenland die Inkarnation des Anderen. Der Orient war das Ferne, das Land der Märchenträume, das Land, in das Pilger und Kreuzfahrer aufbrachen, um nie oder doch zumindest nicht mehr als dieselben zurückzukommen.
Und jetzt der Nahe Orient.
Diesen Ausdruck erklärt Büscher später. Er meint damit die Zeit, als es im Osmanischen Reich in Jerusalem eine christliche Elite gab.*


*Nichts davon wird ausgesprochen. Für mich schwingt darin mit, dass für Europäer die Christen im Osmanischen Reich als wesentlich näher, verwandter empfunden wurden als die Muslime.- Mir scheint es eine ähnliche Konstellation wie mit den Phanarioten in Istanbul. All das sind für mich Konnotationen des mir völlig ungeläufigen Begriffs "Naher Orient".
Offenbar ist aber der Begriff "Naher Orient" in der Zeit vor und in dem 1. Weltkriegs relativ geläufig gewesen. In den Kontext gehören wohl die Pläne Wilhelms II., in Arabern Verbündete gegen Großbritannien zu gewinnen.
Lawrence von Arabien war mit seinen Plänen erfolgreicher. Dass die Hoffnungen auf arabische Selbständigkeit dann mit dem Sykes-Picot-Abkommen schwer enttäuscht wurden, trug sicher zusammen mit der Balfourerklärung zu einer Verschärfung des arabisch-israelischen Konflikts bei, den wir Nahostkonflikt, nicht Naher-Orient-Konflikt nennen,

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