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17 Mai 2012

Albano kehrt zurück


Albano kehrt zurück, und beide wissen noch nicht, dass Linda betrogen worden ist.
Unter dem Getümmel der Gartenreden und im fruchtlosen Wunsche, der Schwester Julienne drei sanfte Worte für die ihm so lange verdeckte Linda mitzugeben, sah Albano den Wagen der Gräfin auf die Höhe an Lianens Garten rollen, da halten und Dian und Chariton aussteigen. Da kannt' er weiter nichts als den Flug zur entbehrten Geliebten, der sich vor den vielen Augen leicht in die Sehnsucht nach Dian einkleidete; und jetzt fragt' er im Durst der Liebe nach gar keinem Auge. »Ach da bin ich doch!« sagte Linda und ging ihm entgegen, mit den weichen Rebenschlingen zarter Blicke sich in seine verwebend – so scheu und so liebevoll – und das Abendrot der Verschämtheit zog, wie Frühlingsröte in der Nacht, um ihren Himmel, und der weiße Mond der Unschuld stand mitten drin! – Albano zerging vom Tauwind dieser Verzeihung, warf sich seine süße Freude an ihrer Umkehrung als selbstsüchtigen Stolz über sein Siegen vor und konnte in der schönen Verwirrung des Glücks kaum das süße Staunen regieren und das aufgelöste Herz, das vor ihr zerrinnen wollte wie ein Gewitter in Abendtau. Er legte in sein Auge die Seele und gab sie der Geliebten. Vor Chariton mußt' er sich verhüllen. Zu Dian und Linda sagt' er, als sie in die hinuntersteigende Sonne sahen, bloß das Wort: »Ischia!« »Da liegt nun freilich, lieber Anastasius,« (sagte Chariton zu Dian) »meine gute Fräulein Liane begraben, und man weiß nicht eigentlich wo im Garten, denn man sieht ja nichts als Blumen und Blumen; sie hats aber so bestellt.« – »Das ist sehr betrübt und hübsch,« (sagte Dian) »aber laß es, – weg bleibt weg, Chariton!« und führte sie seitwärts von den Liebenden schonend. An Albano, der nichts überhörte und übersah, war die Erschütterung davon so sichtbar. Auch Linda nahm sie wahr. »Sprich nur aus dein Weh,« (sagte sie) »ich liebe sie ja auch.« – »Ich denke an die Lebendigen« (sagt' er, sich zusammenfassend, und blickte scheu nicht auf den Blumengarten, sondern auf die sonnentrunkne Abendgegend) – »kann man denn genug auf der Erde vergeben und erraten? – Linda, o wie vergibst du mir heute!« »Freund« (sagte sie) »wenn Ihr sündigt, sollt Ihr Vergebung empfangen; aber bis dahin seid noch still!« Er sah sie bedeutend an: »Hast du nicht schon vergeben und ich noch nicht? – Aber wüßtest du, wie ich in diesen Tagen auf dem Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die göttliche Vergangenheit in die Zukunft brachte – ach, kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte?« – Zum Glück hörte sie – gleich andern Frauen weniger auf Worte als auf Mienen, Winke und Taten merkend – mehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in den so nahe aufgesperrten Abgrund seiner Worte. So spielten jetzt beide, wie Kinder, neben der kalten, mit Donner durchzognen Gewitterstange, aus welcher bei der kleinsten nähern Nähe die blitzende Sense des Todes fährt. (129. Zykel)

Roquairol führt ein Schauspiel auf, in dem Dian und Chariton die Liebe zwischen Abano und Linda (unter anderen Namen) vorspielen und er seinen Betrug an Linda offenbart. (130. Zykel)
Am Schluss des Stückes erschießt er sich auf der Bühne.

Albano ist darauf hingewiesen worden, dass "der sel. Hauptmann R. v. Froulay Ihre Rolle bei der Gräfin Romeiro durch alle Akte durch im Flötental gespielt" habe.
Als er sie zitternd berührte und nahe neben sich wiedersah: so überfiel ihn dieses Wesen voll Macht mit der ganzen göttlichen Vergangenheit. Aber er verzögerte nicht die Frage der Hölle: »Linda, wer war Freitag abends bei dir?« – »Niemand, Guter; wenn?« versetzte sie. – »Im Flötental« – stammelte er. – »Mein blindes Mädchen«, antwortete sie ruhig. – »Wer noch?« fragte er. – »Gott! dein Ton ängstigt mich« (sagte sie) – »Roquairol brachte in jener Nacht den Affen um. Ist er dir begegnet?« – »O schrecklicher Mörder! – Mir?« (rief er) »Ich war verreiset die ganze Nacht, ich war mit dir in keinem Flötental« – – »Sprich aus, Mensch,« (rief Linda, ihn an beiden Händen mit Heftigkeit ergreifend) »schriebst du mir nicht die rückgängige Reise und kamst?« – »Nichts, nichts,« (sagt' er) »lauter Höllenlüge. Das tote Ungeheuer Roquairol brauchte meine Stimme – deine Augen – und so ists – sage das übrige.« – »Jesus Maria!« schrie sie, von der Schlagflut getroffen, worein die schwarze Wolke zerriß – und griff mit beiden Armen durch die Laubzweige des Laubengangs und preßte sie an sich und sagte bittend: »Ach Albano, du bist gewiß bei mir gewesen.« »Nein, bei dem Allmächtigen nicht! – Sage das übrige«, sagt' er. – »Weiche auf ewig von mir, ich bin seine Witwe!« sagte sie feierlich. – »Das bleibst du«, sagt' er hart und rief Justa aus dem Traumtempel.
(131. Zykel)

16 Mai 2012

Betrug beim Stelldichein

Roquairol liebt Linda und hat vor, sich an Albano zu rächen, indem er Linda gegenüber vortäuscht, Albano zu sein, und so ihre Liebe zu genießen.

Oben auf dem Lilarsberg mit dem Altare stand, wie der böse Geist auf der Zinne des Paradieses, Roquairol und blickte scharf in den Garten herab, um Linda und ihren Weg zu finden. [...] Er eilte den langen Schneckenberg herab, warm wie eine vergiftete Leiche. [...] Er schlich leise wie der Tod [...]

Tief im engern laubigen Tale sang Linda leise ein altes spanisches Lied aus ihrer Kinderzeit. Endlich wurde sie erblickt – die Riesenschlange tat den giftigen Sprung nach der süßen Gestalt, und sie wurde tausendfach umwunden.
Er hing an ihr sprachlos – atemlos – die Wolke seines Lebens brach – Tränen der Glut und Pein und Wonne rannen brennend fort – alle Arme, worein der Strom seiner Liebe bisher seicht umhergelaufen war, schossen brausend zusammen und faßten und trugen eine Gestalt – – »Weine nicht, mein guter Mensch, wir lieben uns ja immer wieder«, sagte Linda, und die zarte schöne Lippe gab ihm den ersten innigen Kuß. Da kreisete das Feuerrad der Entzückung mit ihm reißend um, und um den darauf geflochtenen Kopf wehten die Flammen-Kreise hoch auf. Aus Furcht, erblickt zu werden, wenn er erblicke, und aus Lust hatt' er die Augen geschlossen; jetzt tat er sie auf- so nahe an sich und in seinen Armen sah er nun die hohe Gestalt, das stolze blühende Antlitz und die feuchten warmen Liebes-Augen. »Du Himmlische,« (sagt' er) »töte mich in dieser Stunde, damit ich sterbe im Himmel. Wie will ich nachher noch leben? – Könnt' ich meine Seele in meine Tränen gießen und mein Leben in deines und wäre dann nicht mehr!«
[737] »Albano,« (sagte sie) »warum bist du heute so anders, so traurig und weich?« –
»Nenne mich« (sagt' er) »lieber bei deinem Namen, wie die Liebenden auf Otaheiti die Namen tauschen. – Vielleicht hab' ich auch etwas getrunken – aber ich bereue ja das Gestern – ich liebe dich ja neu. Ach, du, liebst du denn auch mein Innres, Linda?«
»Süßer Jüngling, kann ich es denn jetzt nicht ewig lieben? – Ich bleibe ja bei dir und du bei mir.«
»Ach du kennst mich nicht. Wenn weiß es denn der Mensch, daß gerade er, gerade dieses Ich gemeinet und geliebet werde? Nur Gestalten werden umfasset, nur Hüllen umarmt, wer drückt denn ein Ich ans Ich? – Gott etwa.« –
»Und ich dich« – sagte Linda.
»O Linda, liebst du mich fort in meinem Grabe, wenn die Spreu des Lebens verflogen ist – liebst du mich fort in meiner Hölle, wenn ich dich aus Liebe gegen dich belogen habe? – Ist denn Liebe die Entschuldigung der Liebe?«
»Ich liebe dich fort, wenn du mich liebst. Bist du die Giftblume, so bin ich die Biene und sterbe in dem süßen Kelch.«
Die Braut sank an seinen Hals. Er umklammerte sie heftig [...] »Man sieht« (setzt' er eilig dazu) »das auferstandne Herkulanum, aber man wohnt im blühenden Portici darüber; ich und du sahen im Baja-Golf unter dem Meer die versunknen Bogen und Tore, und wir schifften nach lebendigen Städten weiter. – Ist mir doch auch Roquairol in so manchem so ähnlich und liebt dich so sehr und so lange und starb auch einmal wie Liane!« –
[738] »Aber diesen hatt' ich nie geliebt, und nun bin ich deine ewige Braut.«
»Der arme Mensch! Aber ich tat, glaub ich, doch nicht recht, da ich einst in der Tartarushöhle dir Ungesehenen im voraus entsagte aus Liebe gegen den Freund.«
»Gewiß nicht; aber wie kommen wir beide auf dieses unheimliche Wesen?« sagte sie küssend.
»Heimlich möcht' ichs eher nennen«, versetzt' er, entbrennend in hassender Liebe, im Zwiespalt der Rache und Lust und entschlossen, nun den Leichenschleier über ihre ganze Zukunft zu weben. Er schlug die schwarzen Adlerschwingen um das Opfer und erstickte und erweckte Küsse, er riß die Orangenblüten von ihrer Brust und warf sie zurück. »Liebe ist Leben und Sterben und Himmel und Hölle,« (sagt' er) »Liebe ist Mord und Glut und Tod und Schmerz und Lust – [...]
Jetzt sah er am Himmel die Sturmwolken wie Sturmvögel zwischen den Sternen und neben dem zornigen Blutauge des Mars schon heller fliegen; der Mond, der ihn verjagte und verriet, warf bald das Richter-Auge eines Gottes auf ihn. Im Hohne gegen das Schicksal riß er auf für seine küssende Wut den Nonnenschleier und Heiligenglanz ihrer jungfräulichen Brust. Fern stand der Leuchtturm des Gewissens, von dicken Wolken umzogen. Linda weinte zitternd und glühend an seiner Brust. »Sei mein guter Genius, Albano!« sagte sie. – »Und dein böser; aber nenne mich nur ein einzigesmal Karl«, sagt' er voll Wut. »O heiße denn Karl, aber bleibe mein voriger Albano, mein heiliger Albano!« sagte sie. –
[739] Plötzlich fingen im Tal die Flöten an, die der fromme Vater zu seinen Abendgebeten spielen ließ. Wie Töne auf dem Schlachtfeld riefen sie den Mord heran – da schmolz Lindas goldner Thron des Glücks und Lebens glühend nieder, und sie sank herab, und das weiße Brautkleid ihrer Unschuld wurde zerrissen und zu Asche.
»Nun die Deinige bis in meinen Tod!« sagte sie leise mit Tränenströmen. »Nur bis in meinen«, sagte er und weinte jetzt weich mit den weinenden Flöten. [...]  Roquairol, wie betäubt von solcher Gegenwart, war nahe daran, zu sagen: sieh mich an, ich bin Roquairol; aber der Gedanke stellte sich schnell dazwischen: »Das verdient sie nicht um dich; nein, sie erfahr' es erst in der Zeit, wo man den Menschen alles vergibt.« – Noch einmal heftig hielt er sie an sich gedrückt, das Mondlicht fiel schon auf beide herein, er wiederholte tausend Worte der Liebe und Scheidung, stieß sie zurück, fuhr schnell um und schritt in Albanos Kleidung durch das Tal hindurch. [...]
 – »Nu, nu,« (sagt' er) »ich war wohl glücklich, aber ich hätt' es noch mehr sein können, wär' ich Ihr verdammter Albano gewesen« – und schwang sich auf sein Freudenpferd und jagte noch in der Nacht nach dem Prinzengarten. (128. Zykel)

Freiheit des Mannes und Freiheit der Frau


Linda beschwört Albano, nicht in den Krieg zu ziehen.
»Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligen – bei der heiligen Jungfrau – bei dem Allmächtigen! – du darfst, du sollst nicht!« Einen Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht, und beging' ihn eine Göttin aus Liebe und böte sie dafür eine Welt von Paradiesen: es ist der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung. Ja, daß es Liebe ist, aber despotische, zugleich Freiheit übende und raubende, das erbittert ihn nur noch mehr, und aus dem Nebel des Irrtums wird später das Gewitter der Leidenschaft. – Linda wiederholte: »Du darfst nicht.« Er sah' ihr bewegtes glänzendes Antlitz an, dessen südliche Heftigkeit doch mehr einem Enthusiasmus glich als einem Zorn, und sagte fest: »O Linda, ich werde wohl dürfen und wollen!« – »Nein, ich sage Nein!« rief sie. – [...] (116. Zykel


Linda überwindet ihre Ehescheu, aber ...
Linda stammelte: »So nimm sie denn hin, meine liebe Freiheit, und bleibe bei mir« – »bis zu meiner letzten Stunde«, sagt' er – »und bis zu meiner, und gehst in keinen Krieg«, sagte sie zärtlich-leise – er drückte sie bestürzt und stark ans Herz – »nicht wahr, du versprichst es, mein Lieber?« wiederholte sie. – »O, du Göttliche, denke jetzt an etwas Schöneres«, sagte er. – »Nur ja, Albano, ja?« fuhr sie fort. – »Alles wird sich durch unsere Liebe lösen«, sagt' er. – »Ja? Sage nur Ja!« bat sie – er schwieg – sie erschrak: »Ja?« sagte sie stärker. – »O Linda, Linda!« stammelte er – sie entsanken einander aus den Armen – »ich kann nicht«, sagt' er – »Menschen, versteht euch«, sagte Julienne – »Albano, sprich dein Wort«, sagte Linda hart. – »Ich habe keines«, sagt' er. Linda erhob sich beleidigt und sagte: »Ich bin auch stolz – ich fahre jetzt, Julienne.« Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden schmelzen. Der Zorn, mit seinem Sprachrohr und Hörrohr, sprach und hörte alles zu stark. Die Gräfin ging fort und befahl anzuspannen. »O ihr Leute und du Hartnäckiger,« (sagte Julienne) »geh ihr doch nach und stille sie.« Aber der empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blätter zerquetscht; das ihm neue Auffahren, der Schlagregen ihres Zorns hatt' ihn erschüttert; er fragte nach nichts. (126. Zykel)