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25 Juli 2021

Neue Sicht auf 1968

 Richard Vinen:1968. Der lange Protest (Original: "The Long '68: Radical Protest and its Enemies") 

Ich muss feststellen, dass ich zuvor nur sehr vage Vorstellungen von den Vorgängen hatte. Die Flucht de Gaulles hatte ich mit viel länger vorgestellt. Zwei Aussagen scheinen mir bemerkenswert:

"Kurioserweise verstärkten die wenigen Stunden körperlicher Abwesenheit de Gaulles Präsenz. Zum ersten Mal seit Anfang Mai stand er im Zentrum der Aufmerksamkeit. [...] Dieses Mal sprach er im Radio, nicht im Fernsehen, was sich als kluge Entscheidung erwies. Auf dem Bildschirm war de Gaulle unattraktiv [...] Die körperlose Stimme aus dem Radio hatte kein Alter. Sie erinnerte an die berühmte Ansprache vom 18. Juni 1940, als de Gaulle die Franzosen zum erst/en Mal aufgerufen hatte, Widerstand gegen die Deutschen zu leisten." (S.189/90)
Verstärkte Wirkung durch Weglassen/Aussparen.

Eine Parallele von Mendès France und de Gaulle: Mendès France beendete den Indochinakrieg (1954) (und trug bei zur Dekolonisation Marokkos und Tunesiens, ebenfalls 1954), de Gaulle den Algerienkrieg (1958).

Christina von Hodenberg: Das andere Achtundsechzig

"[...] Zuletzt befasst sich Christina von Hodenberg mit "Varianten sexueller Befreiung" (151) und hält fest, dass es "alles andere als klar" (156) sei, wie sich die propagierte sexuelle Revolution auf das reale Sexualverhalten der breiten Bevölkerung auswirkte. Die Verfasserin weist zu Recht darauf hin, dass der "Kampf um die moralische Sauberkeit" (161) in der kirchlichen und konservativen Presse zwar schon lange vor 1968 verloren worden sei, dass aber die linke Politisierung der sexuellen Revolution ebenso wenig "repräsentativ für das Denken und die Praxis der Masse" (168) gewesen sei. Die allmähliche Veränderung sexueller Normen und Praktiken sei als "ein langfristiger Prozess der Liberalisierung" (183) zu verstehen, der sich - mit gelegentlichen Schüben der Beschleunigung - durch das gesamte 20. Jahrhundert zog. Aus diesem Grund - das wird durch die Interviews belegt - stießen die Töchter bei ihren Müttern 1968 auf viel Verständnis, während für die "Generation der über 60jährigen" "vorehelicher Sex noch immer prinzipiell verwerflich" (180) war.

Das Buch von Christina von Hodenberg ist als interessanter Vorschlag zu begrüßen, sich dem magischen Jahr 1968 als einer Chiffre für markante politische, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen zu nähern. Die Heranziehung neuer Quellen mit bisher wenig beachteten Stimmen außerhalb des männlichen akademischen Nachwuchses bietet wichtige ergänzende Perspektiven auf das Geschehen fernab medial etablierter Narrative, ohne dass allerdings die Geschichte der Jugendrevolte völlig umgeschrieben werden muss." (Axel Schildt)

"[...] Hodenbergs Befunde: Frauen haben 68 wesentlich getragen, einen Generationenkonflikt gab es nicht, die Elterngeneration trug viele Anliegen der Kinder mit, die sexuelle Liberalisierung begann schon Anfang der 60er! [...]"

03 Juni 2009

Jürgen Habermas

Als "unzweifelhaft der bedeutendste zeitgenössische deutsche Philosoph" bezeichnet ihn Michael Funken. Habermas selbst meint dazu: "Bekanntheit ist etwas anderes als Bedeutung. Und eine gewisse Selbstdistanz, um die ich mich unter den Augen einer kritischen Ehefrau wenigstens bemühen muss, ist nicht Bescheidenheit. Eitel sind wir alle." (S.189)
"Habermas adelt Themen" meint Funken und begründet es mit der Aussage "Ein Thema steigt in der öffentlichen Beachtung, sobald Habermas sich dazu geäußert hat." (S.8)
Wolfgang Thierse macht aufmerksam: "Habermas artikuliert eine ganz wichtige Wahrnehmung: dass auch politisch-moralisch-intellektuell die Fronten ganz andere geworden sind. [...] Menschenwürde und ihre Definition zu verteidigen [...], die sonst der Markt zunichte macht." (S.66) (Ich ergänze: und nicht, wie man es von 1945-1989 zu Recht sah: der totalitäre Staat.)
Diese Zitate aus Michael Funken (Hrsg.): Über Habermas. Gespräche mit Zeitgenossen, Darmstadt 2008 möchte ich zum Ausgangspunkt einiger eigener Beobachtungen machen.

Habermas mit seinem Strukturwandel der Öffentlichkeit war für mich zunächst der Gipfel der Unverständlichkeit. Da gefiel mir Enzensbergers Kritik der Bewusstseinsindustrie weit mehr.
Dann ärgerte ich mich, dass in der Studie Student und Politik, an der er mitgearbeitet hatte, eine Äußerung, die von mir hätte stammen können, als irrational von Politik distanziert eingeordnet wurde. Ich hielt sie nur für intellektuell redlich und hielt mich durchaus für politisch interessiert.
Habermas war schon sehr früh ein energischer Kritiker der Studentenbewegung und hat mit seinem Wort vom "linken Faschismus" vor dem Liebäugeln mit der Gewalt und von totalitären Tendenzen in Führungskadern gewarnt. Das habe ich ambivalent erlebt. Einerseits fühlte ich mich als Teil der Studentenbewegung und insofern falsch eingeordnet, andererseits widerstanden mir gefühlsmäßig sowohl die gepredigte Gewaltbereitschaft wie die völlige Unduldsamkeit gegenüber anderen Meinungen und sogenannten "Scheißliberalen" der maßgeblichen Vertreter der Bewegung, auch wenn ich der scheinbaren Rationalität mancher Argumentation intellektuell nicht gewachsen war und ihr daher oft hilflos gegenüber stand.

Andererseits hat Habermas schon kurz nach den gewalttätigen Osterunruhen von 1968 mit ihren Versuchen, die Auslieferung von Springerzeitungen zu verhindern, darauf hingewiesen, "dass die neuen Formen der Provokation ein sinnvolles, legitimes und sogar notwendiges Mittel sind, um Diskussionen dort, wo sie verweigert werden, zu erzwingen". (in einem Brief vom 13.5.68) Das hatte ich bei allem Unbehagen an den Formen des Protest vorher auch so gesehen, doch wandte ich mich wegen der Gewaltanwendung damals von der SDS-Position ab.
Überzeugt hat mich Habermas mit der Vorstellung, dass Wahrheit (für uns) sich nur aus einem herrschaftsfreien Diskurs entwickeln könne. Und in der Idee der Wikipedia - nicht in der Praxis im Einzelfall - finde ich dies Diskursprinzip erfreulich weit entwickelt.
Im Historikerstreit 1986/87 hat er kurz vor der Wende zu Nationalismus und Neoliberalismus, die mit dem Zusammenbruch des Ostblocks kam, in der Bundesrepublik die Rückkehr zu einem Nationalismus der Selbstrechtfertigung verbaut.
Leider hat niemand die katastrophale Selbstrechtfertigung der Umverteilung zugunsten der Reichen verhindert.
Die ZEIT titelt heute (10.6.09) "Weltmacht Habermas" und Th. Assheuer schreibt eine schöne Würdigung. Besonders gefällt mir, dass er herausstellt, Habermas' Gedanke, dass die Moderne (Kapitalismus, Technik und Wissenschaften) die Lebenswelt bedrohe, heiße auf heutige Verhältnisse übertragen: "Eine Form ökonomischer "Kolonialisierung" steckt in der Forderung, die Gesellschaft müsse von der Wiege bis zur Bahre als Profitcenter organisiert werden."
Noch mehr gefällt mir aber die Seite 50, wo Wissenschaftler aus aller Welt über die Bedeutung sprechen, die Habermas in ihrem Lande habe. Natürlich freue ich mich über die Wertschätzung in China und Japan und werde beschämt von dem Hinweis, an spanischen Gymnasien lerne im Pflichtfach Philosophie jeder den Namen Habermas. Denn ich habe zwar in der Oberstufe in letzter Zeit auf Habermas hingewiesen, aber nie den Eindruck gewonnen, echtes Interesse wecken zu können.
Warum freut mich die weltweite Anerkennung? Sein Versuch, Denkergebnisse unterschiedlicher Schulen einzubeziehen, imponiert mir. Und der Mensch Habermas mit seinem starken politischen Engagement und seinem gar nicht hoheitsvollen Auftreten ist mir einfach sympathisch.
Was ich nicht wusste, war, dass nicht Adorno, sondern Horkheimer seine Habilitation in Frankfurt hintertrieb und dass es Gadamer war, der ihm ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft besorgte. Geläufig war mir, dass Abendroth die Habilitation betreute.

13 April 2009

Peter Schneider zu 1968

Peter Schneider berichtet in Rebellion und Wahn. Mein '68 (Kapitel 31, S. 203ff) Interessantes zu Dutschkes Bombenattentatsversuch.
Dutschke flog mit Bahman Nirumand von Berlin nach Frankfurt. In einem Koffer führten sie eine Bombe mit sich, um einen Sendemast des AFN in Saarbrücken in die Luft zu sprengen. Im Franfurter Flughafen wurden sie von der Polizei vernommen, ihnen wurde jedoch gestattet, vorher den Koffer in die Gepäckaufbewahrung zu geben. In Saarbrücken fanden sie den zu sprengenden Sendemast nicht. Sie flogen mit dem Koffer nach Berlin zurück und gaben ihn einem Freund in Verwahrung. Es gibt das Gerücht, dieser habe den Koffer mit der Bombe unter sein Bett geschoben und wochenlang so geschlafen.
Eine ähnlich Geschichte erzählt man sich von Dynamit, das ein reicher Bekannter überraschend mitbrachte. Dies wurde im Kinderwagen zu Bekannten gebracht. Rudi und Gretchen Dutschkes Sohn Hosea Che lag über dem Sprengstoff.
Im Herbst 1967 entwickelten Christian Semler, Bernd Rabehl und Wolfgang Lefèvre den Plan, einen Staatsanwalt zu entführen, doch konnten sie sich nicht über die genauen Regelungen für die Durchführung einigen (S.206f.)
Bemerkenswert auch, dass Schneider in Trient das intensivste Verhältnis zum zweiten Mann in der Hierarchie der revoltierenden Studenten hatte (S.322), zu Renato Curcio, dem späteren Führer der roten Brigaden.