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10 Dezember 2024

Thomas Mann: Buddenbrooks und der Nobelpreis

 Die Buddenbrooks waren nicht nur die Familiengeschichte eines begabten Schreibers, der unbedenklich das Material aus seiner Familiengeschichte verarbeitete.

Sie waren auch das Werk eines mit 25 Jahren reifen Autors, der in den Überlegungen des 42-jährigen Senators Thomas Buddenbrook ("rechte Hand" des Bürgermeisters) vor dem Kauf der Poppenröder Ernte schildert, was der gut 50-jährige Nobelpreisträger 1929 empfunden haben mag: Den Nobelpreis für meinen ersten Roman und nicht für das Meisterwerk des reifen Mannes, den Zauberberg (und was Günter Grass empfand, wenn man die Blechtrommel über die Maßen lobte, was ihn immer wieder herausforderte, auf die "Hundejahre" hinzuweisen.).

Nicht mehr der Elan des Anfangs, dessen, für den alles noch vor ihm liegt. - Und dann dass Mann über 80 Jahre werden würde, seine gewaltige Josephstetralogie noch vor ihm lag und seine dichterische Gestaltung der NS-Herrschaft, die in die Welttragödie des Zweiten Weltkriegs mündete. 

Und danach noch der Aufschwung seines Alterswerks in den humorvollen, ironiegesättigten Werken Der Erwählte und Felix Krull.

Vom 25-Jährigen dichterisch gestaltet eine Midlife-Crisis, bevor sie 1957 benannt (erfunden?)  wurde. 

Prophetisch und dann doch ganz widerlegt durch das Leben, das sich eben nicht im "Zwischenhändlerdasein" erschöpfte, sondern in bewusstem Antagonismus zum Terror sein Gegendeutschland  ("Deutsche Hörer") schuf.

23 März 2024

Thomas Mann: Joseph und seíne Brüder

 Im Gespräch mit Potiphar, Joseph in Ägypten 4. Hauptstück Joseph redet mir Potiphar, S.655 ff. lässt sich Joseph darüber aus,  dass manche Bäume männliche und weibliche Blütenstände tragen, so dass es nicht ausgemacht ist, ob man sie als männlich oder weiblich ansprechen sollte [trans-Personen sind nicht weit]. (S,662) 

10 Oktober 2023

Volker Weidemann: Mann vom Meer

 "[...] Weidermann schreibt sogar von einer "Meeresdroge", dem sozusagen auf Papier gebannten "Ruf des Strandhorns". Es fallen einem auf Anhieb viele maritime Bezüge im Werk Thomas Manns ein: Morten Schwarzkopf und Tony Buddenbrook am Strand von Travemünde, die auf einer Transatlantik-Schiffspassage entstandene "Meerfahrt mit Don Quijote" des Literaturnobelpreisträgers, sein Sommerhaus in Nidden an der Kurischen Nehrung, und dann natürlich die vielen Fotos von Thomas Mann im Strandkorb, in Bademantel oder Ganzkörperbadeanzug.

Es dürfte keinen anderen deutschen Schriftsteller geben, der – egal ob an Ost- oder Nordsee – sich so oft am und im Strandkorb (gern rauchend) hat ablichten lassen. Weidermann zeigt aber auch anhand des "Schnee"-Kapitels im "Zauberberg", wie sehr selbst die Davoser Bergwelt metaphorisch von Meeresströmungen durchzogen ist. Das "Schnee"-Kapitel ist eigentlich recht besehen auch ein See-Kapitel.

Das Meer als Sinnbild von Verlangen und Vergänglichkeit

Das Mittelmeer, an dessen französischem Teil in Sanary-sur-mer der Emigrant Mann mit seiner Frau Katia im Sommer 1933 einige Woche verbrachte, scheint ihn weniger angesprochen zu haben. Zumindest findet das träge italienische Meer im "Tod in Venedig" als "ödes Meer" Erwähnung. An anderer Stelle spricht Mann mal von der "Großwildnis" des Atlantiks oder von der Nordsee als einem "erschütternden Meere" nach einem Sylt-Aufenthalt. [...]

Als Thomas Buddenbrook anfängt, Ferien am Meer machen zu wollen, ahnen die kundigen Leser schon, dass es mit ihm zu Ende gehen könnte." Nach der Lektüre dieses Buches versteht man viel besser, warum Thomas Mann einst festhielt:

"Meine Liebe zum Meer, dessen ungeheure Einfachheit ich der anspruchsvollen Vielgestalt des Gebirges immer vorgezogen habe, ist so alt wie meine Liebe zum Schlaf.""

https://www.br.de/nachrichten/kultur/mann-vom-meer-volker-weidermann-und-sein-thomas-mann-roman,Tgxr5hs BR24 12.6.2023

22 Februar 2023

Heinrich Mann

 "Heinrich Mann ist nicht imstande, sich in die Gesellschaft zu integrieren, bleibt außen vor, findet keine Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Kurz, er ist genau der Migrant, der selbst die Mindestanforderungen an einen Migranten der ersten Generation nicht erbringt." (H. u. Th. Mann)

So habe ich Heinrich Mann im Gegensatz zu Thomas Mann charakterisiert. Gewiss in Kenntnis der Biographie von Manfred Flügge (2006). Diese Kennzeichnung trifft insbesondere für den Heinrich Mann als werdender Schriftsteller (konservativ, Symbolist, den Naturalismus zurückweisend) und für den alternden Schriftsteller in den USA, der von seiner Leserschaft und dem zeitgenössischen literarischen Diskurs weitgehend  isoliert lebt.

Bestimmend war für mich freilich immer der Blick auf den politischen Autor gegen Ende der Kaiserzeit (Professor Unrat und Der Untertan) im Gegensatz zu dem betont unpolitischen Thomas Mann der Betrachtungen eines Unpolitischen. 

Dass Heinrich kurzzeitig (April 1895 bis April 1896) Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift "Das Zwanzigste Jahrhundert" war (Flügge, S.53/54) habe ich rasch vergessen.

Dazu Flügge: "Er selbst steuerte jeden Monat mindestens zwei umfangreiche Artikel bei und schrieb insgesamt etwa 50 Beiträge, davon 33 unter seinem Namen. Auch sein Bruder Thomas wurde von ihm zur Mitarbeit herangezogen. Das Erstaunen von Thomas über die spätere politische Wandlung des Bruders bezog sich auch auf diese gemeinsame, etwas peinliche Vergangenheit." (S.54)

"Das Programm der Publikation hatte Erwin Bauer in der allerersten Ausgabe formuliert. Heinrich Mann schien nichts gegen diese Ziele zu haben und sprach sich für einen starken Monarchen aus, für eine Ständeverfassung, er sah die Gesellschaft als Pyramide mit dem Kaiser an der Spitze. Er war gegen Demokratie und Sozialismus, für Volksgemeinschaft und Kleinstaaat, für die gesunde Volksseele. Im August 1895 schrieb er: 'Die bürgerliche Republik [...] liegt in Wirklichkeit [...] überhaupt nicht auf unserem Entwicklungswege, der eben anders verläuft als der anderer Nationen.'  Im Oktober 1895  glorifizierte der wehruntüchtige Klient von Sanatorien den Krieg als metaphysische Tatsache, als eine heimliche Lebenskraft. 'Gerade im Kriege werden die Gefühle Aller voll und einfach. Eine kriegerische Epoche erhebt ihre Kinder auf eine für gewöhnlich unerreichbarer Höhe.' Auch für die ‘Einnahme gesunder und fruchtbare Kolonien' in Übersee und die Eroberung von Lebensraum im Osten trat er ein, um das Problem der Überbevölkerung zu lösen. 

In gesellschaftspolitischen Fragen hatte er eine klare Linie: Frauen gehören nicht in die Politik. Er vertrat die Idee der gesunden Familie als Basis der Gesellschaft. Arbeiter waren für ihn nur gesinnungsloser Pöbel. Nietzsches Übermenschen deutete er als ein neues Ideal für die Vervollkommnung von Rasse und Gesellschaft. Und wenn er sich in dieser Zeit für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich einsetzte, so mit der Begründung auch in französischen Adern fließe die genügend germanisches Blut. Mit dieser originellen Sicht stand er innerhalb der völkischen Rechten allein, in der Frankreich als Erbfeind galt.

Von allen rabiatem Meinungsäußerungen und dem ausgesprochenen Antihumanismus dieser Phase ist der Antisemitismus des jungen Heinrich Mann am schwersten erträglich. Kenntnis von jüdischer Religion, jüdischem Leben oder der realen Lage der im deutschen Reich lebenden Juden besaß er nicht. Er begnügte sich mit Variationen über gängige Vorurteile. Die Position, die er vertrat lässt sich definieren (soweit man solche Verirrungen des Denkens überhaupt rational behandeln will) als völkischer Antisemitismus. Zwei wesentliche Vorstellungen kennzeichnen diese Ideologie: 1. Es gebe Personen, die an negativen Entwicklungen des deutschen Volkes schuldig sind ('die Juden'); 2. man könne die Harmonie wiederherstellen, in dem man das orientalische Gift aus dem deutschen Organismus entfernte, wie es in der blumig-brutalen Sprache jener Kreise hieß. [...] Die beiden 'großen staatserhaltenden Stände der Landleute und Handwerker' stünden vor dem Untergang. Nur 'die tiefe und mächtige Volksbewegung, die man Antisemitismus nennt', könne die Probleme lösen.

Alle Gebildeten, behauptete er, seien Feinde der jüdischen Intelligenz, welche die Wurzeln des Volkes ausreißen wolle und ein luftiges 'Menschentum' propagiere. Es gebe weder einen jüdischen Glauben, noch ein jüdisches Volk, die Juden seien der 'sichtbare Begriff alles dessen, was zerstört und niedrig macht'. " (S.54/55)
"Deshalb müsse man auch für die 'Unterdrückung der Judenschaft' eintreten. In dem Artikel 'Zur Psychologie des Juden' bedauerte er, 'dass sich in Deutschland die höhere Erzählkunst noch kaum der Judenfrage angenommen hat.' Das kann man als erstes Indiz für eigene Pläne ansehen, aus denen später der Roman Im Schlaraffenland hervorging. In einer Passage war die Rede davon, dass man die jüdische Hochfinanz wie eine unheilvolle Bestie in Käfige sperren oder ausrotten müsse." (S.55/56)

13 August 2022

Thomas Manns Ansprachen an die Deutschen im 2. Weltkrieg

PODCAST-PIONIER THOMAS MANN „Mannsplaining“ mit positivsten Folgen

    FAZ 12.8.22

"[...]  Unter dem Titel „Deutsche Hörer!“ entstanden in Pacific Palisades zwischen fünf und acht Minuten lange Stellungnahmen, mit denen der exilierte Schriftsteller die Bevölkerung seiner Heimat erreichen wollte. Anders als heute gestalteten sich Aufnahme und Verbreitung allerdings sehr viel komplizierter: Zu­nächst verfasste Mann die Texte, schickte sie nach London, und ein deutschsprachiger BBC-Mitarbeiter las sie dann zur Ausstrahlung vor. Die transatlantische Übermittlung fand damals per Telegramm statt, die erste Rede wurde als 500-Wort-Botschaft nach London „gekabelt“. Ursprünglich hatte Erika Mann, die für die BBC als Kriegsberichterstatterin tätige Tochter des Schriftstellers, das Einsprechen übernehmen wollen.

Von März 1941 an übernahm dann Thomas Mann selbst diese Aufgabe. [...] Unter diesen vordigitalen Produktionsbedingungen hat die Übertragungsqualität deutlich gelitten, und dennoch machen die erhaltenen Ansprachen deutlich, dass sich Thomas Mann seiner Wirkung sehr bewusst war – gerade auch des Klanges seiner eigenen Stimme. Die Sprachmelodie ist gleichmäßig und selbstbewusst, die Betonungen sind präzise, der Spott und die gar nicht seltenen Sottisen gegen Hitler und dessen Schergen treffen exakt. Und natürlich ist die Sprache bemerkenswert – alles andere wäre bei einem Literaturnobelpreisträger ja auch verwunderlich, Thomas Mann machte seinem Ruf als Influencer von Weltgeltung alle Ehre.

Der Historiker Tobias Boes widmet in seinem Buch „Thomas Manns Krieg“ den Ansprachen eine längere Passage – unter dem passend gewählten Titel „The Voice of Germany“. Gleich mit dem ersten Satz der ersten Rede im Oktober 1940 klärte Mann die Lage: „Ein deutscher Schriftsteller spricht zu euch, dessen Werk und Person von euren Machthabern verfemt sind und dessen Bücher, selbst wenn sie vom Deutschesten handeln, von Goethe zum Beispiel, nur noch zu fremden freien Völkern in ihrer Sprache reden können, während sie euch stumm und unbekannt bleiben müssen.“ Das Reden in der dritten Person über sich selbst mochte zunächst nach Zurückhaltung klingen (und tatsächlich wurde die Auftaktrede ja auch nicht von Mann persönlich vorgetragen), aber gleich darauf wurde deutlich: Da sprach ein deutscher Autor, der in der Welt bekannt war, dessen Werke gelesen wurden und der sich mit den Nazis anlegte. Auch der Verweis auf Goethe als den „anderen“ Großdichter fiel keineswegs zufällig – das war „Mannsplaining“. [...]"

11 Februar 2021

Thomas Mann: Friedrich und die große Koalition

 [... die letzten zwei Sätze:] Er war ein Opfer. Er mußte unrecht tun und ein Leben gegen den Gedanken führen, er durfte nicht Philosoph, sondern mußte König sein, damit eines großen Volkes Erdensendung sich erfülle." (veröffentlicht 1915)


18 Januar 2021

Selbstzeugnisse Thomas Manns

 Aus seinem "Lebensabriß" von 1930, ein Jahr nach Empfang des Nobelpreises:

Das Buddenbrooks Haus war das Haus seiner Großmutter, das Stadthaus war größer. Das Buddenbrooks Haus war vorher verkauft worden, das Stadthaus erst nach der Liquidation der Firma. Schon bald danach zog Julia Mann mit den Kindern nach München. Thomas, nachdem er die mittlere Reife erreicht hatte, trat  "als Volontär in das Büro einer Feuerversicherungsgesellschaft ein, deren Direktor früher ein derartiges Geschäft in Lübeck geleitet hatte und mit meinem Vater befreundet gewesen war. [...] schrieb zugleich heimlich an meinem Schreibpult meine erste Erzählung, eine Liebesnovelle mit dem Titel "Gefallen", die mir den ersten literarischen Erfolg brachte.[...] sie trug mir auch einen warmherzigen und ermutigenden Brief Richard Dehmels ein, ja wenig später sogar den Besuch des bewunderten Dichters, dessen enthusiastische Menschlichkeit in meinem schreiend-unreifen, aber vielleicht nicht unmelodiösen Produkt Spuren von Begabung erfühlt hatte und seitdem meinen Weg bis zu seinem Tode mit Sympathie, Freundschaft und ehrenvollen Prophezeiungen begleitet hat. (S.222)

Nach einem Jahr bricht er die Bürotätigkeit ab und erklärt, Journalist werden zu wollen und hört Vorlesungen.

"Besonders fesselte mich ein Kolleg über 'Höfische Epik', das der Dichter und Übersetzer aus dem Mittelhochdeutschen Wilhelm Hertz damals am Polytechnikum las.

Als Student lebend, ohne es rite zu sein, machte ich in der akademischen Lesehalle die Bekanntschaft von Angehörigen des 'Akademisch-dramatischen Vereins'  [...]  das Hauptereignis meiner Zugehörigkeit bildete die deutsche Uraufführung von Ibsens 'Wildente', die der Verein unter der Leitung von Wolzogens herausbrachte und unter dem Protest eines konservativen Publikums zum literarischen Erfolg führte. [...] Thomas Mann spielte  "in Wolzogen's Pelz und Brille, den Großhändler Werle. Bei späteren Begegnungen erklärte der Autor des Lumpengesindels wohl scherzend, er habe mich 'entdeckt'.
Mein vier Jahre älterer Bruder Heinrich, der spätere Verfasser bedeutendster und einflussreichster Romandichtungen, lebte damals, abwartend wie ich, in Rom und schlug mir vor, zu ihm zu stoßen. Ich reiste und wir verlebten, was wenige Deutsche tun, einen langen, glutheißen italienischen Sommer zusammen in einem kleinen Landstädtchen der Sabiner Berge, Palestrina, dem Geburtsort des großen Musikers. Den Winter, mit seinem Wechsel von schneidenden Tramontana- und schwülen Sciroccotagen, verbrachten wir in der 'ewigen' Stadt [...] Wir betrachteten Rom als Berge unserer Unregelmäßigkeit, und wenigstens ich lebte dort nicht um des Südens willen, den ich im Grunde nicht liebte, sondern einfach, weil zu Hause noch kein Platz für mich war. [...] 

Mit Vorliebe besuchte ich San Pietro, wenn der Kardinal-Staatssekretär Rampolla in pompöser Demut die Messe las. Er war eine außerordentlich dekorative Persönlichkeit, und aus Schönheitsgründen bedauerte ich es, dass eine Erhebung zum Papst diplomatisch verhindert wurde. [...] 

Meine Lebensstimmung setzte  sich aus Indolenz, schlechtem bürgerlichen Gewissen und dem sicheren Gefühl latenter Fähigkeiten zusammen. Ein Brief Ludwig Jakubowski's, der damals in Leipzig die 'Gesellschaft' redigierte und dem ich eine Novelle geschickt hatte, begann mit dem Ausruf: 'Was sind Sie für ein begabter Mensch!' Ich lachte über seinen Erstaunen, das ich sonderbarerweise als naiv empfand. [...]" (S.223/25)

"Noch größeren Anklang fand bei Langen und den Seinen die sehr subjektive Schillerstudie 'Schwere Stunde', die ich zum 100. Todestag des Dichters für den Simplicissimus schrieb. [...] neben meiner redaktionellen Tätigkeit, für die man mir luxuriöser Weise ein eigenes Zimmer mit prächtigen Schreibtisch eingeräumt hatte, lief die Förderung des persönlichen Hauptgeschäftes, die Arbeit an den Buddenbrooks her, [...] bei meiner Mutter, vor Geschwistern und Hausfreunden, las ich zuweilen aus der Handschrift vor. Das war eine Familienunterhaltung wie eine andere, man lachte, und wenn wir recht ist, war die allgemeine Auffassung die, es handle sich bei meinen weitläufigen weitläufig eigensinnigen Unternehmen um ein Privatvergnügen von geringen Weltaussichten und bestenfalls um eine ausgediente künstlerische Fingerübung. Ich wüsste kaum zu sagen ob ich anderer Meinung war. "(S.226/27)
"Ich war in jenen Jahren ein so leidenschaftlicher Radfahrer, dass ich fast keinen Schritt zu Fuß ging und selbst bei strömendem Regen, in Gummischuhen und Lodenpelerine, all meine Wege auf dem Vehikel zurücklegte. Auf der Schulter trug ich es die drei Treppen hinauf in meine Wohnung, wo es in der Küche seinen Platz halte. Vormittags, nach der Arbeit, pflegte ich es zu putzen, indem ich es auf den Sattel stellte. [...]
Sympathische Beziehungen verbanden mich mit Kurt Martens, dem Romancier und Novellisten, der dieser Freundschaft, zu der er die Initiative ergriffen hatte, in seinen Lebenserinnerungen lebhaft gedenkt. Er gehörte zu den wenigen an den Fingern einer Hand abzuzählenden Menschen, mit denen ich im Laufe meines Lebens auf den Duzfuß kam." (S.227)

(Fischer Bücherei: Das essayistische Werk MK 119)


An Lion Feuchtwanger schrieb Thomas Mann am 27.12.1950:

"Ich sage immer, daß, was nach dem Faustus noch kommt, nur Nachspiel und Zeitvertreib ist. Aber manchmal geht es mir auf, dass alles, was nach Buddenbrooks kam, im Grunde nur Nachspiel und anständiger Zeitvertreib war."

12 Januar 2021

Katia Mann

Katia Mann hat sehr viele geistreiche Briefe mit brillanten Formulierungen geschrieben. Ihre Memoiren blieben ungeschrieben. Dazu die Wikipedia:

"Meine ungeschriebenen Memoiren ist eine autobiografische Darstellung des Lebens von Katia Mann, die 1974 im S. Fischer Verlag erschien. Sie bezieht sich sehr stark auf das Leben ihres Mannes Thomas Mann und beruht auf mündlichen Berichten Katia Manns, die von Elisabeth Plessen und Michael Mann zusammengestellt und durch biographische Aussagen von Erika und Golo Mann ergänzt wurden.

Die Darstellung bewahrt sehr weitgehend den mündlichen Charakter; so ist z. B. eine Passage als Dialog Katjas mit ihrem Sohn Golo wiedergegeben. Insbesondere bemüht sich Katia Mann nicht darum, ein geschlossenes Bild des Lebens von Thomas Mann oder ihres eigenen Lebens zu entwerfen. Vielmehr berichtet sie in vielen Anekdoten und Einschätzungen von Personen ihres Umgangs und unternimmt es dabei, mit ihrer Sicht das Bild Thomas Manns und seines Familienlebens zu ergänzen, wie es durch biographische Darstellungen in der Öffentlichkeit verbreitet worden ist.

Beachtenswert sind dabei insbesondere die Schilderung ihrer Familie und des Verhältnisses von Thomas Mann zu ihren Eltern, Alfred Pringsheim und Hedwig Pringsheim, sowie ihre Einschätzung ihres persönlichen Einflusses auf sein Werk. So berichtet sie, sie habe die Bemerkung gemacht, die Blutungen einer Bekannten, die darin ein Wiederauftreten ihrer Periode gesehen habe, sei auf Krebs zurückzuführen. Das habe Thomas Mann so beschäftigt, dass er daraufhin die Erzählung Die Betrogene geschrieben habe.

Eine bemerkenswerte Anekdote ist auch, dass die NS-Regierung Passagierflugzeuge, die Deutschland überflogen, gezwungen habe, so niedrig zu fliegen, dass man die Personen im Flugzeug identifizieren konnte. Ein Mann sei dabei für Thomas Mann gehalten und deshalb von außen durch das Fenster erschossen worden."

In seiner Rede zum 70. Geburtstag seiner Frau Katia Mann, hat Thomas M. gesagt: 

"Wenn dann die Schatten sich senken und all das Verfehlte und Ungeschehene und Ungetane mich ängstigt, dann gebe der Himmel, dass sie bei mir sitzt, Hand in Hand mit mir, und mich tröstet, wie sie mich hundertmalmal getröstet und aufgerichtet hat in Lebens- und Arbeitskrisen, und zu mir sagt: 'Lass gut sein, du bist ganz brav gewesen, hast getan, was du konntest.' [...]

Wir werden zusammen bleiben, Hand in Hand, auch im Schattenreich. Wenn irgendein Nachleben mir, der Essenz meines Seins, meinem Werk beschieden ist, so wird sie mit mir leben, mir zur Seite. Solange Menschen meiner gedenken, wird ihrer gedacht sein. Die Nachwelt, hat sie ein gutes Wort für mich, ihr zugleich wird es gelten, zum Lohn ihrer Lebendigkeit, ihrer aktiven Treue, unendlichen Geduld und Tapferkeit."

In der Biographie "Frau Thomas Mann" von Inge und Walter Jens steht dazu:

" 'Ich habe in meinem Leben nie tun können, was ich hätte tun wollen', hat die alte Katia Mann in ihren Memoiren gesagt. Aber was wollte sie? Ihr Leben gibt auf diese selbst gestellte Frage die Antwort: nichts anderes als das, was sie aus freien Stücken, ohne gesellschaftlichen oder ökonomischen Zwang, getan hat. Indem sie ihr ganzes Dasein auf Thomas Mann bezog, dessen Bedeutung ihr in keinem Augenblick zweifelhaft war, und mit ihm eine Familie gründete, ihm ihr Leben, wie es in dem Brief an Lotte Klemperer heißt, widmete (nicht 'opferte'), fand sie sich selbst." (S.292)

Inge Jens über ihre Begegnungen mit Katja, Thomas Mann und Golo Mann (Youtube)
Katja Mann: "Rausgeschmissen hat man uns".
Zu Thomas Manns Entscheidung, nach dem Selbstmord Klaus Manns seine Reise fortzusetzen: "Es erscheint Ihnen schrecklich? - So war er und das bleibt."
In Th. Manns Tagebuch findet sich eine Stelle, wo er vom Ende des 2. Weltkriegs im Herbst 1944 schreibt. Das ist darauf zurückzuführen, dass der Versicherungskonzern regelmäßig Wetten über ein Datum für das Ende des Kriegs ausschrieb (Minute 19 ff.)
Golo Mann sprach immer von TM statt von "mein Vater", dagegen von Katja als "meine Mutter" (21 ff.); dann über die Bedeutung seiner Briefe aus dem zerstörten Deutschland: "Ich habe gar nicht gewusst, dass er mich so wichtig nahm." (23 f.).

Katja Mann erzählt (1969, Youtube) 


02 April 2020

Katia Mann in Briefen

An Erika:
Instruktionen für das neue Mädchen: "Ermahne sie nur gleich zu größter Sparsamkeit mit Licht und Gas, sorgfältigem Schließen der Türen [...] und sorgfältiger Behandlung der Putzlumpen, die sie auch flicken muß." (26.9.1920)

an Klaus:
"Bester Aissisohn:
Kaum hatte ich den letzten gemailt, als natürlich der Deine vom 24. November eintraf, so blass freilich reproduciert, dass nur das von Mutterliebe geschäfteste Auge ihn entziffern konnte, und auch nur unvollständig [...]" (19.12.1944)

"gemailt", denn sie lebt jetzt schon länger in den USA Pacific Palisades.

Das Mädchen soll Putzlumpem sorgfältig behandeln und flicken. Was für einen Raubbau betreiben wir doch heute!

sieh auch:
Meine ungeschriebenen Memoiren

Katia Mann

03 Januar 2017

Brecht und Feuchtwanger

Wenn man nach einer Arbeitsgemeinschaft von zwei Bayern gefragt würde, würden einem wohl selbst die Intimparteifeinde Seehofer und Söder eher einfallen als der Augsburger Brecht und der Münchener Lion Feuchtwanger.

Wilhelm von Sternburg schreibt über die beiden in der Frankfurter Rundschau:
Für den Münchner Romancier ist der Augsburger Dramatiker ein „Genie“. Brecht wiederum notiert im „Arbeitsjournal“, Feuchtwanger habe „sinn für konstruktion, versteht sprachliche feinheiten zu schätzen, hat auch poetische und sprachliche einfälle, weiß viel von literatur, respektiert argumente und ist menschlich angenehm, ein guter freund.“
Sie schreiben zusammen Theaterstücke („Leben Eduards des Zweiten von England“ oder „Die Gesichte der Simone Marchard“).
Feuchtwanger hilft Brecht in den Flucht- und Exiljahren finanziell. Brecht agitiert den bürgerlichen Feuchtwanger politisch und trägt mit dazu bei, dass der Freund den Marxismus und die Sowjetunion in den Kriegsjahren neu entdeckt. Brecht spottet gelegentlich über den „Schriftsteller“ Feuchtwanger, und dieser zeichnet in seinem großen Roman „Erfolg“ mit der Figur des Kaspar Pröckl ein ironisches Porträt Brechts. Beide glauben an die „Vernunft und den Fortschritt“.
Es lohnt sich unbedingt, mehr in der FR nachzulesen und auf den einschlägigen Titel möchte ich auch hinweisen:
Andreas Rumler: Exil als geistige Lebensform. Brecht + Feuchtwanger. Ein Arbeitsbündnis. Edition A. B. Fischer, Berlin 2016.
Was hier noch folgt, sind nur ein paar private Gedankenspielchen, die sich bei mir einstellen, wenn ich an deutsche Exilautoren in den USA und ihren Erfolg und Misserfolg, ihre Genialität und ihre gegenseitige Anerkennung denke.
Sowohl Feuchtwanger wie Brecht hatten kein sonderlich gutes Verhältnis zu dem bekanntesten deutschen Exilautoren in den USA in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, zu Thomas Mann. Bei Feuchtwanger störte wohl mehr der Neid Thomas Manns auf den Erfolgreicheren, bei Brecht wohl mehr sein Neid auf Manns Ansehen. 
Und der Geniebegriff passt sicher zu Shakespeare, Schiller und Goethe noch besser als zu Brecht und Thomas Mann, die gewiss auch genial waren. 
Passend, dass der Ältere (Feuchtwanger) und der Jüngere (Frisch) beide in Brecht den Begabteren gesehen haben. Und dass Frisch nie die Nähe Thomas Manns gesucht hat, obwohl der ihm doch in der Schweiz viel näher wohnte als Brecht in Berlin.
Erfolg und mangelnder Erfolg störten auch das Verhältnis zwischen Heinrich und Thomas Mann. Und Musil hätte wohl nie so abfällig über Stefan Zweig geurteilt, wenn er selbst ähnlich erfolgreich gewesen wäre.
Genie braucht schließlich nicht nur Begabung, sondern auch sehr viel Arbeit und Einsatz, und ganz ohne Ehrgeiz stellen sich die eben auch bei Hochbegabung nicht ein. 

31 August 2013

Ratte, Löwe und Kaninchen oder "Geschichte von den Steppentieren und der Ratte"

Die Ratte hält sich eine Kuh. Löwe und Elefant wollen sie ihr abnehmen und scheitern, weil sie sich vor den Schlägen der Ratte fürchten. Das Kaninchen aber nimmt der Ratte die Kuh ab.
Mit Übermacht nehmen die anderen Steppentiere, u.a. Leopard und Flusspferd, dem Kaninchen das Fleisch der Kuh ab.
Doch wiederum bleibt das Kaninchen Sieger, verjagt das Flusspferd in den See, den Löwen in die Savanne und den Elefanten in den Wald. Dort leben sie noch heute.
Das Kaninchen aber hat die Beute: das Fleisch.
"Das ist ihre Geschichte. Wirklich, so war es mit ihnen."

Wer über prüfen will, ob das wirklich ein afrikanisches Märchen ist, kann es hier  nachlesen (mit einigen anderen).
Wer wissen will, weshalb das Kaninchen unbedingt an Fleisch kommen will, darf sich etwas ausdenken und das Märchen erzählen, weshalb das Kaninchen Fleisch will.

Eine Erklärung wäre, dass der Erzähler des Märchens ein Mann war.

Sind Männer blöd?
Diese Frage beantwortet ein weiteres Märchen.

Die "Geschichte von Seliman bin Daud" schließt: "Und alle Leute freuten sich, dass ihr Sultan gesund wurde durch den Verstand des Hahnes."

01 Juni 2013

Die Begegnung

Hedwig:
Der Landvogt ist jetzt dort. Bleib weg von Altdorf.
Tell:
Er geht, noch heute.
Hedwig:
Drum lasst ihn erst fort sein.
Gemahn ihn nicht an dich, du weisst, er grollt uns.
Tell:
Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden,
Ich tue recht und scheue keinen Feind.
Hedwig:
Die recht tun, eben die hasst er am meisten.
Tell:
Weil er nicht an sie kommen kann – Mich wird
Der Ritter wohl in Frieden lassen, mein ich.
Hedwig:
So, weisst du das?
Tell:
Es ist nicht lange her,
Da ging ich jagen durch die wilden Gründe
Des Schächentals auf menschenleerer Spur,
Und da ich einsam einen Felsensteig
Verfolgte, wo nicht auszuweichen war,
Denn über mir hing schroff die Felswand her,
Und unten rauschte fürchterlich der Schächen,
Die Knaben drängen sich rechts und links an ihn und sehen mit gespannter Neugier an ihm hinauf:
Da kam der Landvogt gegen mich daher,
Er ganz allein mit mir, der auch allein war,
Bloss Mensch zu Mensch und neben uns der Abgrund.
Und als der Herre mein ansichtig ward,
Und mich erkannte, den er kurz zuvor
Um kleiner Ursach willen schwer gebüsst,
Und sah mich mit dem stattlichen Gewehr
Dahergeschritten kommen, da verblasst' er,
Die Knie versagten ihm, ich sah es kommen,
Dass er jetzt an die Felswand würde sinken.
– Da jammerte mich sein, ich trat zu ihm
Bescheidentlich und sprach: »Ich bin's, Herr Landvogt.«
Er aber konnte keinen armen Laut
Aus seinem Munde geben – Mit der Hand nur
Winkt' er mir schweigend, meines Wegs zu gehn,
Da ging ich fort, und sandt ihm sein Gefolge.
Hedwig:
Er hat vor dir gezittert – Wehe dir!
Dass du ihn schwach gesehn, vergibt er nie.
Tell:
Drum meid ich ihn, und er wird mich nicht suchen.
Hedwig:
Bleib heute nur dort weg. Geh lieber jagen.
Tell:
Was fällt dir ein?
Hedwig:
Mich ängstigt's. Bleibe weg.
Tell:
Wie kannst du dich so ohne Ursach quälen? [...]
Schiller: Wilhelm Tell, 3. Aufzug, 1. Szene

Hoch und niedrig treffen aufeinander. Der Hohe in einer Situation der Schwäche, der Niedrige kann helfen oder das Gegenteil tun. Wir wissen, wie es weitergeht und wie die folgenden Begegnungen für die Männer schicksalhaft werden.

Verändern wir nun die Situation ein wenig und lassen statt Mann und Mann Mann und Frau aufeinander treffen:
Er betrat den Steg, jedenfalls um den vollen Anblick des hübschen Landschaftsbildes zu gewinnen; aber er kannte wohl die Heimtücke solcher sorglos über die Bäche geschlagener Holzbrückchen nicht, denn während er die Augen gefesselt auf die Mühle richtete, versank sein Fuß plötzlich und sah wie eingekeilt zwischen dem den äußersten Rand bildenden Fichtenstamm und dem nächsten Brett. Eine Verwünschung auf den Lippen, mühte er sich unter allen Zeichen zorniger Ungeduld, den Fuß aus der Klemme zu ziehen; aber der Steg hatte kein Geländer, und dem Gefangenen stand nicht einmal ein Gehstock zur Verfügung, auf den er zu nachdrücklicher Kraftanwendung den Oberkörper hätte stützen können. Bebend vor Ärger und Erregung hielt er inne und schaute nach irgendeinem Beistand aus, der in dem einsamen Tale sehr fraglich schien. Just in dem Augenblick kam eine weibliche Gestalt um die Ecke der Schneidemühle und schritt geradeswegs auf den Steg zu. Sie trug ein Grasbündel auf dem Kopfe, das sie mit dem gehobenen Arme stützte. Allem Anschein nach war es eine Dienstmagd, ein junges blödes Bauernmädchen, das sich vor dem Fremden auf der Brücke fürchtete; denn ihr anfänglich sehr rascher Gang verlangsamte sich augenscheinlich bei seinem Erblicken. »Heda, spute dich ein wenig, mein Kind!« rief er ihr ungeduldig zu. Nun blieb sie gar wie festgemauert stehen. Er murmelte etwas von bodenloser Bauerndummheit zwischen den Zähnen und machte abermals einen verzweifelten Versuch, sich zu befreien. – Angesichts dieser Anstrengungen mochte es dem Mädchen doch wohl klar werden, daß er kein zu Fürchtender, vielmehr ein Hilfloser sei. Sie besann sich nicht länger und kam herbei. »So – weißt du nun, daß ich kein Menschenfresser bin?« sagte er, ohne sie weiter anzusehen. »Sieh her – du mußt mir aus dem Schraubstock da helfen! Stelle dich hierher, dicht neben mich, aber fest, damit ich meinen Arm auf deine Schulter legen kann.« Sie trat zu ihm, ohne ein Wort zu sagen; aber in dem Augenblick, wo er Miene machte, sich auf sie zu stützen, sah er, wie sie verstohlen in das Grasbündel hinaufgriff und einen dicken Halmbüschel zwischen ihre Schulter und seinen Arm niederzog – lächerlich! – das Bauernmädchen da war eine Prüde! Er hielt inne und zog den Arm zurück. »Möchtest du nicht?« fragte er belustigt. »Nein – eigentlich nicht! Aber der Sägemüller und sein Knecht kommen vor abends nicht heim, und die Müllerin ist schwach und krank.« »Ach so, da müßte ich ja wohl wie der Fuchs im Tellereisen hier verkommen, wenn du dich nicht erbarmtest?« – Er bog sich vor, um unter das weiße Tuch zu blicken, das sie gegen den Sonnenbrand über den Kopf gezogen und unter dem Kinn geknüpft hatte; es ragte weit vor wie ein umfangreicher Hutschirm und beschattete Stirn und Nase bis zur Unsichtbarkeit; die untere Gesichtshälfte verschwand noch mehr in den dicken Falten der verschlungenen Leinenzipfel – hübsch oder häßlich, das blieb unentschieden! »Ja, meine kleine Prüde, da kann ich dir freilich nicht helfen, du wirst dich herablassen müssen,« setzte er endlich mit verhaltenem Lachen hinzu. »Denke, du seiest eine barmherzige Schwester, und tue es um der christlichen Liebe willen.« Sie schwieg und stemmte die Linke auf die Hüfte, um ihrer Haltung mehr Festigkeit zu geben. Sie war ein großes, schlank und schön gebautes Mädchen und stand wie eine Mauer, als er, den Arm auf ihre Schulter pressend, mit einigen heftigen Rucken den Fuß aus der Klemme zu ziehen sich abmühte. Ein leises Ächzen, eine halbverbissene Verwünschung klangen an ihrem Ohr hin, dann sprang er plötzlich befreit mitten auf die Brücke und stampfte wiederholt auf, um sich zu vergewissern, daß das mißhandelte Glied unverletzt geblieben sei. Das Mädchen schritt unterdessen weiter. »Halt – auf ein Wort!« schrie er ihr nach. »Hab' keine Zeit! Der Fisch verdirbt!« antwortete sie, unbeirrt weitergehend. Sie zeigte ihm halb zurückgewendet, daß ihr ein Netz mit einer Forelle am Arme hing.[...]
»Mir scheint, unter dem häßlichen Tuch da steckt ein ganz verteufelt trotziger Kopf,« sagte er. »Wie aber, wenn ich nun ebenso trotzig bin wie du, und deine Hilfe durchaus nicht geschenkt haben will?« »Dann tun Sie wohl, an Ihren Platz auf der Brücke zurückzukehren.« Er lachte laut auf und suchte gespannt abermals einen Blick unter das verhüllende Tuch zu werfen. Das Mädchen hatte Mutterwitz – die »Bauerndummheit« hatte sie sicher so wenig im Gesicht wie auf den Lippen. Sie wandte flink den Kopf nach der anderen Seite, und ihm blieb nur die Musterung ihrer Gestalt. Sie war ärmlich gekleidet. Aus dem verschossenen Kleid waren die Ärmel getrennt und hatten den Hemdärmeln Platz machen müssen – sie fielen lang und schön weiß bis über die Ellbogen herab. Busen und Rücken umhüllte plump ein verwaschenes, hinten geknüpftes Baumwolltuch, und die starren Falten der steifgestärkten blauen Schürze umstanden steif ihre Hüften. Sie war ohne Zweifel eine Dienende. Das Kleid, wenn auch entstellt und zum Arbeitskittel umgeändert, war von städtischem Schnitt und stammte sicher aus den Sachen der Dienstherrin. (E. MarlittAmtsmanns Magd)

Sofort verändert sich das Verhältnis: "Spute dich" und "du mußt mir aus dem Schraubstock da helfen!" ruft der Mann. Nicht er gerät in Verlegenheit, sondern die Frau. Er reagiert "belustigt".  
Er schämt sich nicht seiner Schwäche, sondern will die Situation ausdehnen, zumal er bemerkt hat, dass sie der Frau peinlich war. 
Und jetzt kommt eine Besonderheit des 19. Jahrhunderts hinzu. Ihre Schamhaftigkeit deutet darauf hin, dass sie keine Bauernmagd ist, und das liegt an der besonderen Erziehung bürgerlicher Mädchen, wie Stefan Zweig sie eindrucksvoll beschrieben hat.  
Die Beschreibung der Kleidung weist zusätzlich darauf hin, auch wenn der Verweis auf die "Sachen der Dienstherrin" die Andeutung wieder zurücknimmt. Denn in der Tat kleideten sich Bauernmädchen, die in Dienst standen, oft in die abgelegte Kleidung ihrer "Herrschaften" und versorgten oft die ganze Familie damit. 
Im weiteren Verlauf der Erzählung wird dem Leser freilich nur allzu deutlich, dass hier eine Person aus der Stadt Magddienste tut, und nur die männliche Hauptperson, aus deren Sicht das Ganze geschildert wird, will es nicht wahrhaben. 

16 Mai 2012

Freiheit des Mannes und Freiheit der Frau


Linda beschwört Albano, nicht in den Krieg zu ziehen.
»Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligen – bei der heiligen Jungfrau – bei dem Allmächtigen! – du darfst, du sollst nicht!« Einen Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht, und beging' ihn eine Göttin aus Liebe und böte sie dafür eine Welt von Paradiesen: es ist der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung. Ja, daß es Liebe ist, aber despotische, zugleich Freiheit übende und raubende, das erbittert ihn nur noch mehr, und aus dem Nebel des Irrtums wird später das Gewitter der Leidenschaft. – Linda wiederholte: »Du darfst nicht.« Er sah' ihr bewegtes glänzendes Antlitz an, dessen südliche Heftigkeit doch mehr einem Enthusiasmus glich als einem Zorn, und sagte fest: »O Linda, ich werde wohl dürfen und wollen!« – »Nein, ich sage Nein!« rief sie. – [...] (116. Zykel


Linda überwindet ihre Ehescheu, aber ...
Linda stammelte: »So nimm sie denn hin, meine liebe Freiheit, und bleibe bei mir« – »bis zu meiner letzten Stunde«, sagt' er – »und bis zu meiner, und gehst in keinen Krieg«, sagte sie zärtlich-leise – er drückte sie bestürzt und stark ans Herz – »nicht wahr, du versprichst es, mein Lieber?« wiederholte sie. – »O, du Göttliche, denke jetzt an etwas Schöneres«, sagte er. – »Nur ja, Albano, ja?« fuhr sie fort. – »Alles wird sich durch unsere Liebe lösen«, sagt' er. – »Ja? Sage nur Ja!« bat sie – er schwieg – sie erschrak: »Ja?« sagte sie stärker. – »O Linda, Linda!« stammelte er – sie entsanken einander aus den Armen – »ich kann nicht«, sagt' er – »Menschen, versteht euch«, sagte Julienne – »Albano, sprich dein Wort«, sagte Linda hart. – »Ich habe keines«, sagt' er. Linda erhob sich beleidigt und sagte: »Ich bin auch stolz – ich fahre jetzt, Julienne.« Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden schmelzen. Der Zorn, mit seinem Sprachrohr und Hörrohr, sprach und hörte alles zu stark. Die Gräfin ging fort und befahl anzuspannen. »O ihr Leute und du Hartnäckiger,« (sagte Julienne) »geh ihr doch nach und stille sie.« Aber der empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blätter zerquetscht; das ihm neue Auffahren, der Schlagregen ihres Zorns hatt' ihn erschüttert; er fragte nach nichts. (126. Zykel)

28 März 2012

Liebe der Männer und Liebe der Frauen

Es gibt eine doppelte Liebe, die der Empfindung und die des Gegenstandes. – Jene ist mehr die männliche, sie will den Genuß ihres eignen Daseins, der fremde Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt- oder vielmehr Subjekt-Träger, worauf sie ihr Ich vergrößert erblickt; sie kann daher leicht die Gegenstände wechseln lassen, wenn nur die Flamme, in die sie als Brennstoff geworfen werden, hoch fortlodert; und durch Taten, die immer lang, langweilig und beschwerlich sind, genießet sie sich weniger als durch Worte, die sie zugleich malen und mehren. Hingegen die Liebe des Gegenstandes genießet und begehret nichts als das Glück desselben (so ist meistens die weibliche und elterliche), und nur Handlungen und Opfer tun ihr Genüge und wohl; sie liebt, um zu beglücken, wenn jene nur beglückt, um zu lieben.

Die Arme! die jungfräuliche Seele ist eine reife Rose, aus der, sobald ein Blatt gezogen ist, leicht alle gepaarte nachfallen; seine wilden Küsse brachen die ersten Blätter aus – Dann sanken andere – Umsonst wehet der gute Genius fromme Töne aus der Harfe des Todes und rauschet zürnend im Orkus-Flusse der Katakombe herauf – Umsonst! – Der schwärzeste Engel, der gern foltert, aber lieber Unschuldige als Schuldige, hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen, um ihn als Mordbrand in die Höhle zu tragen. 

Warum erkennt es denn das Männer-Geschlecht nicht, daß die Liebende in der Stunde der Liebe ja nichts weiter tun will als alles für den Geliebten, daß die Frau für die Liebe alle Kräfte, gegen sie so kleine hat und daß sie mit derselben Seele und in derselben Minute ebensoleicht ihr Leben hingäbe als ihre Tugend? – und daß nur der fodernde und nehmende Teil schlecht sei, besonnen und selbstsüchtig?

Jean Paul: Titan, 87. Zykel