Posts mit dem Label Breslau werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Breslau werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

13 August 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Nach Breslau

Einundzwanzigstes Kapitel
"[...] Quint selber, nachdem er das Forsthaus verlassen hatte, trat an jenem Abend mit seinen Jüngern jene lange Wanderung an, die, wenn irgend etwas in seinem Leben, eine gewisse Denkwürdigkeit auszeichnet. Er sagte den ungeduldigen Bürgern des kommenden Tausendjährigen Reichs, die ihn eigentlich in die Bahn seines Schicksal hineingedrängt hatten, er sagte ihnen zum Anbeginn, wie es nun seine Hoffnung wäre, daß sie sich bis zu dem Tage, wo alles geschehen würde, was er voraussehe, nicht mehr trennen würden. Er fuhr fort, sie zu streicheln, abwechselnd jedem im Gehen die Hände zu reichen und sie zu liebkosen. Nach einiger Zeit begann eine milde, unerhört reine und ruhighelle Vollmondnacht. Da ersuchte er seine Anhänger, sie möchten ihm immer von jetzt ab, sofern er nichts anderes bestimme, im Gehen eines Steinwurfs Weite den Vorsprung lassen. Und so geschah es. Er blieb ihnen, einsam, meist in dieser Entfernung voran. Sooft er stillstand, blieben auch seine Jünger stehen, wie denn überhaupt von nun an ein Gehorsam bis zur Unmündigkeit ihr Glück und ihre Genugtuung ward. In ihrer Ordnung waren sie bis in die Nähe des Miltzscher Schlosses gelangt, dessen erleuchtete Bibliothek samt dem Speisesaal – da die Gurauer Dame gekommen war – mit vielen hohen Fenstern durch die Bäume des Parkes schimmerte. Ungesehen und unbemerkt zog der ehemalige Günstling und Narr in Christo, Emanuel Quint, durch die verlassenen Wege des Parkes längs des stillen Sees, in dem er zu baden pflegte, dahin. Schweigend folgten ihm seine Begleiter. Da sahen sie, wie er stillestand und wie ein Schwan und nachher ein zweiter, glänzend weiß, aus dem dunklen Teile der Spiegelfläche in jenen hellen, darin sich der Mond und der Himmel spiegelte, zu ihrem Meister herübergerudert kam. Sie sahen, wie er die Tiere fütterte. Quint winkte den Brüdern und sagte halblaut: »Sie wissen noch nicht, daß ich geächtet bin. Aber des Menschen Sohn«, fuhr er fort, »war von jeher von seinen Brüdern und Schwestern verachtet und von seinen Nächsten verfolgt. Er muß auch jetzt noch verachtet, geknechtet und geächtet sein.« Furchtlos ging er mit seinen Jüngern an dem von Stimmengewirr erfüllten Schlosse vorbei, durch ein Mauerpförtchen in das Bereich des Nutzgartens hinein, wo ein unendlich langer, schnurgerader Weg durch verpackte Rosenstöcke, Johannisbeersträucher und gedüngte Beete führte, der im Mondschein gleißend vor ihm und den ängstlich flüsternden, leise tretenden Jüngern lag. Diese sahen nach einiger Zeit, wie Emanuel wiederum stehenblieb und lange nach einem von Efeu dicht übersponnenen Giebel blickte, aber es war nicht die Seite des Hauses, darin sein eigenes Zimmer, sondern die andere, in der Ruth Heidebrands kleines, reinlich gehaltenes Gemach gelegen war. Die Jünger hörten den Meister aufseufzen.  [...]
Der Pfarrer sprach: »Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht.« Quint dagegen: »Ehe man nicht in eure Folterkammern Gottes die Brandfackeln werfen wird, so daß sie vertilgt werden von der Erde, bis man die Stätte nicht mehr erkennt, wo sie gestanden haben, werdet ihr Gott täglich hinrichten.« »Mein Sohn«, sprach der Pfarrer mit halber Stimme, »solche Gedanken sind nicht bloß närrisch: sie sind verbrecherisch.« »Aber es muß die Zeit kommen«, fuhr der Tor in Christo mit Härte fort, »wo man Gott weder auf diesem noch auf jenem Hügel, weder auf diesem noch auf jenem Berge, noch in diesem oder in jenem Hause, noch in dieser oder in jener Kirche, weder in dieser Kathedrale noch in jenem Dom anbeten wird, sondern allein im Geist und in der Wahrheit.« [...]
Mit diesen Worten fiel im Dunkel des Raumes ein Geräusch vieler harter Schläge zusammen, deren Ursache, wie sie bald von einem stürzenden Gefäß, dem Geklirr eines auf die Steinfliesen fallenden Metalleuchters und dem Klingklang von Porzellan und Glasscherben begleitet wurden, dem Pfarrer so wenig wie den Begleitern Quints sogleich deutlich ward. Dann freilich war nicht mehr zu verkennen, daß der persönliche Wahn des Narren einen tobsuchtartigen Ausbruch genommen hatte und er mit seinem derben Schäfer- oder Gartenstock wie rasend unter die heiligen Gegenstände auf den Altären schlug. »Mensch, hebe dich weg«, schrie der Pfarrer, sprang hinzu und suchte die Arme des Tobenden festzuhalten. »Fluch über dich! der du ein entsetzlicher, gottverworfener Kirchenschänder bist!« »Ich bin Christus!« schrie dagegen Emanuel laut, ja gewaltig, so daß es von allen Gewölben widerklang. »Ich sage dir« – und er schlug mit einem mächtigen Schlage das Standkreuz des Hauptaltars herunter –, »dies ist kein Bethaus, sondern es ist eine Mördergrube!« Jetzt hatte der Pfarrer, hatten die Jünger den wütenden Schwärmer und Bilderstürmer angepackt, und nachdem im Dunkel der hallenden Kirche ein längeres, stummes Ringen sein Ende erreicht hatte, schien auch der Kirchenschänder gesättigt zu sein. »Geh! Laß dich nie wieder blicken! Geh! Du bist vom höllischen Dämon besessen! Geh! Gott straft mich durch dich! Geh! Ich befehle es dir!« Diese Worte des Pfarrers, mit starker, befehlender Stimme gesprochen, duldeten keinen Widerspruch. Quint sagte: »Kommt!« und ging, hochatmend, starken Schritts, mit den Seinen davon. [...]"

Dreiundzwanzigstes Kapitel
"[...] Dominik war ein Mensch von bewunderungswürdigen, vielfältigen Anlagen und von einer für sein Alter staunenswerten Gelehrsamkeit und Belesenheit. Er besaß einen Reichtum an Kenntnissen aus der Naturwissenschaft. [...]
Als ob er im Innersten zu ihr gehöre, schloß er sich der einstigen Romantischen Schule an. Er liebte Novalis, der das Wort gesagt hatte: »Deutschheit ist echte Popularität.« Er liebte die ganze Gruppe, weil ihr freies und kühnes Denken nicht in Rationalismus versandete, sondern das Mysterium des Daseins fortgesetzt als solches erkannte und bestehen ließ. Dieser Jüngling vereinigte den Geist und Stolz freier Forschung mit der mystischen Inbrunst eines mehr katholischen Christentums, das ihn mit einem weichen, sehnsuchtsvollen Lyrismus erfüllte. Sein Lieblingsdichter außer Novalis war Hölderlin. Nicht nur sprach er in stillen Stunden gern dieses und jenes seiner Gedichte aus dem Kopfe vor, sondern er führte auch den »Hyperion« in einem zerlesenen Exemplar fast stets in der Tasche. [...]
Was Dominik an Emanuel fesselte, wird vielleicht nach alledem einigermaßen begreiflich sein. Entscheidend für die neuentstandene Abhängigkeit des jungen Genies war natürlich vor allem der Eindruck, den Quintens ganze Erscheinung hervorbrachte. War ihm schon der platteste und gewöhnlichste Mensch ein Mysterium, wieviel mehr dieser Quint, dessen geheimen Anspruch er kannte. So stürzte er sich mit einer vielleicht mehr künstlerischen als blindgläubigen Sucht in die verwirrende Atmosphäre um Quint hinein. Aber es war dabei ein bewußtes, entschlossenes Wollen in ihm, weil er spürte, daß der Weg des Meisters, den er gefunden hatte, dorthin ging, von wo auch ihm die größte Lockung der Ruhe oder des Paradieses ausstrahlte. Dieser, wie er ihn bereitwillig und aus Überzeugung nannte, heilige Mensch war, wie er selber, gleichsam nur verirrt in die Welt. Seht – der Fremdling ist hier – der aus demselben Land sich verbannt fühlt wie ihr; traurige Stunden sind ihm geworden – es neigte früh der fröhliche Tag sich ihm ... Bleibt dem Fremdlinge hold – spärliche Freuden sind ihm hienieden gezählt – doch bei so freundlichen Menschen sieht er geduldig nach dem großen Geburtstag hin. Im Umgang mit Dominik zeigte Quint seltsamerweise eine wie ein Ausruhen wirkende, ungeschraubte Schlichtheit und menschliche Einfachheit. Zwischen beiden, schien es, war, ohne jede Verhandlung, stillschweigend ein fester Pakt geschlossen. Es herrschte eine fast magische Einigkeit. Dominik, der, über einem verrufenen Lokal, bei Bahnschaffnersleuten in Schlafstelle war – wo er ein Kruzifix über dem Bett angebracht und ein anderes auf sein Nachttischchen gestellt hatte –, beschäftigte sich trotzdem nicht viel mit der Heiligen Schrift, und es wurde auch zwischen ihm und Quint kaum je eine Bibelstelle besprochen, ja überhaupt nur ein religiöses Gespräch geführt. Durch ein Wort, das Quint eines Tages geprägt hatte, als der Name des Heilands gefallen war, ward Dominik betört oder, nach seiner Ansicht, aufgeklärt: »Christus? Ich kenne ihn nicht oder bin es selbst!« hatte es gelautet. [...]"
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 21 und 23)

25 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 10-14. Kapitel)

Zehntes Kapitel
Man kann sich denken, welcher innere Schrecken mich lähmte, als Carl mir erzählte, daß Mimi [Marie] heimlich verlobt wäre. Es handelte sich um einen Kandidaten der Theologie, der binnen wenigen Monaten in die Pfarre eingesetzt werden sollte, die durch den Tod seines Vaters vakant geworden war. [...]
Mit dem unverwandten, geschärften Blick eines Detektivs nahm ich die schöne Marie unter Beobachtung. Ich vernachlässigte auch den Rahmen nicht, aber sie blieb die Hauptsache. Daß ich sie als die weitaus reizvollste unter den Schwestern erachtete, ist nicht verwunderlich. Ich sah in ihr aber auch die bedeutendste. Die Stellung, die sie unter den Geschwistern einnahm, bestätigte das.
Es hing ein Schicksal über ihr. Ihrem ruhigen, festen Willen gegenüber war selbst der des verstorbenen Vaters zunichte geworden. [...]
Das Areligiöse war in Marie infolge der Neudietendorfer Jugendeinflüsse geradezu zum Dogma geworden. Freude am Disputieren hatte sie nicht, dieses Kapitel war bei ihr ein für allemal abgeschlossen. Diese Folge einer durchkämpften und durchlittenen tiefen Innerlichkeit trug dazu bei, das Bedeutsame der Erscheinung zu steigern.
Schon bevor sie durch den Tod des Vaters ihre Unabhängigkeit erlangte, hatte sich Marie, wie ich überzeugt bin, »von den Narren, von den Weisen« für frei erklärt.
Es war mit mir etwas Ähnliches vorgegangen. Beide waren wir seit dem ersten Schultag mißhandelt worden. Wir hatten verwandte Kämpfe durchgemacht, uns zu ähnlicher Freiheit durchgerungen. Zwei, die sich für mißverstanden und unterdrückt gehalten hatten, trafen sich. Und beide wollten sie den zerrissenen goldenen Faden des Lebens wieder anknüpfen, wozu nun alles Äußerliche mit beinahe mehr als ahndevoller Deutlichkeit hinstrebte. [...]
Mein Bruder Carl war der geborene Ethiker. Mit tiefer Verachtung lehnte er christliche Tugenden ab, weil sie im Jenseits belohnt werden wollten: ihm galt es, das Gute um seiner selbst willen zu tun. Ebenso verhielt er sich zur Idee der Gerechtigkeit: ihr mußte man dienen auf Tod und Leben. Ihn empörte Menschen- und Tierquälerei. Und wieder und wieder, oftmals zu eigenem Schaden, tat er, infolge dieser Anlage, Dinge wie der Manchaner von der traurigen Gestalt; er kämpfte wie dieser oft gegen Windmühlen. [...]
Mimi war unter den Schwestern als verschlossen bekannt. Nicht gerade gesprächig, war sie doch mir gegenüber aufgeschlossen. Ich glaube, der Austausch unserer Erlebnisse und Erfahrungen war so befreiend und beglückend, wie es im bloßen kameradschaftlichen Verkehr unter Freundinnen oder Freunden nicht möglich ist. Es war, als ob wir beide mit unseren Beichten unser ganzes Leben lang einer auf den anderen gewartet hätten. Marie fühlte sich von Kindheit an durch den Vater zurückgesetzt und empfand es bitter, keine Mutter gekannt zu haben. Ich war freilich von den Eltern nicht so benachteiligt, aber ich hatte doch auch, wie gesagt, Zurücksetzung aller Art erfahren, so daß ich zu gewissen Zeiten unter dem Druck der Geringschätzung fast zerbrach. [...]

Elftes Kapitel
Damals erschloß ich Marien, soweit es mir selbst erschlossen war, das Gebiet der bildenden Kunst. Wir besuchten gemeinsam die Galerie, wo ich zum erstenmal den Originalen größter Werke der Malerei gegenüberstand und ein fast schmerzlicher Rausch mit neuen, übermächtigen Eindrücken sich verband. Wie sie bekannte, hatte keiner der Lehrer, bei denen sie literarische und künstlerische Erkenntnisse gesucht hatte, ihr solche zu vermitteln vermocht. Ich machte sie frei, lehrte sie ohne Bedenken zugreifen. Die trennende Wand war im Handumdrehen weggeräumt, und die ganze Welt der dichtenden und bildenden Kunst stand ihr offen. [...]
Es ist etwas über die Maßen Glückseliges geschehen, sagte ich mir. Aber nun bist du gerade dadurch einem Gefühl des qualvollsten Darbens, des peinlichsten Entbehrens, ja fast der Verzweiflung ausgeliefert. Hattest du dich bisher nicht durch die Widerwärtigkeiten des Daseins wie durch übelriechende, unterirdische Gänge durchschlagen müssen? Wie willst du jetzt noch leben ohne Lebensluft? Ohne Mary war mir die Sonne fortan kein Licht. Mit ihr hatte die Nacht eine Sonne. Von meiner Bedürftigkeit hatte Mary natürlich keine Vorstellung. Mein Geldmangel war für mich kein Gesprächsthema. Ich hatte behauptet, ich brauchte weder eine Reisedecke noch einen Paletot. Die Nacht aber wurde bitter kalt, Heizung, wie heut, in einem Coupé dritter Klasse gab es nicht, und so fror ich trotz meiner Glücksbeladenheit, zusammengekrümmt auf dem Sitzbrett liegend, die ganze Nacht durch gottsjämmerlich. [...]
Mary und ich hatten eine über mehrere Jahre gehende Wartezeit, bevor wir einander heiraten wollten, verabredet. Was konnte nicht alles geschehen in dieser Frist! Würde und konnte Mary mir treu bleiben? [...]
Die Wohnung der Eltern in einem Gutshaus kam mir recht ärmlich vor: ein Zimmerchen im Parterre ging nach vorn, eines nach rückwärts, auf einen durch einen großen Düngerhaufen gezierten, von Ställen und Scheunen umgebenen Hof. Meine Mutter kochte selbst, sie hatte zur Hilfe ein billiges Hausmädchen. [...]  Ich verweilte diesmal nur wenige Tage in dieser Winkelexistenz, um dann nach der peinlichen Auseinandersetzung, die Geldsachen meist herbeiführen, mit vierzig Mark Monatswechsel plus Reisegeld in meinen Breslauer Wirrwarr zurückzukehren.
Das war wie der Sturz in ein Vakuum.
Ich war nicht gesund. Noch jüngst, in Marys Gegenwart, hatte sich bei verschiedenen Besuchen der Dresdener Galerie jener migräneartige Anfall wieder eingestellt, der mich zuerst in Lederose befallen hat. Ich hatte meinen Blick auf ein Bild konzentriert, da erschien in dessen Mitte jene Mouche, jener graue Punkt, mit dem auf den Äckern meines Onkels Schubert sich ein Zustand nervösen Erblindens einleitete.
Ein so geschwächtes Nervensystem konnte nicht ohne Gefahr das Chaos innerer Tendenzen wieder aufnehmen und zugleich mit den Sorgen der neuen Gebundenheit fortleben. Da aber kam Gott sei Dank endlich der lange, ersehnte, erlösende Brief, der Bild und Locke Marys enthielt und jeden Zweifel an der völligen Hingebung ihres Herzens zunichte machte.
Waren somit meine Ängste erstickt und Mary mir zum zweiten Male geschenkt worden, so hatte ich in Locke und Bild zwei rasend verehrte Fetische, die mir über die Zeiten von Brief zu Brief hinweghalfen.
Außer ihrer Liebe war aber aus der Welt Marys nichts herübergedrungen, was mir den vulgären Kampf ums Dasein erleichtern konnte. Ich hatte mich weiter durchzuschlagen, so schlecht es ging, wenn auch nun mit besseren Aussichten.
Wie ich meine Schulden von einigen hundert Mark bezahlen sollte, wußte ich nicht.

Um diese Zeit schlug mein Freund Max Fleischer mir vor, ich solle zu ihm und seiner verwitweten Mutter übersiedeln, die für ein geringes das Mittagessen für mich besorgen werde. Ich könne bei ihnen leben, bis meine Schulden bezahlt seien, wenn ich mich nur verpflichten möchte, dann meinen Wechsel der Mutter auszuliefern. Ich sagte meinem Schuster sogleich Lebewohl. Nie machte ein Umzug weniger Mühe: ich brauchte ja nur so, wie ich war, von einem Haus in das andere zu gehen. Mit diesem Gange jedoch – meinem Freunde und seiner Mutter sei Dank! – war eine Wendung zum Besseren eingeleitet.
Die Küche der alten Frau Fleischer in all ihrer ausgesuchten Einfachheit schlug bei mir an wie eine Kur. Das Essen: Linsen, Bohnen, Erbsen mit Speck, stand pünktlich auf dem Mittagstisch, so daß ich nun nicht mehr voll Neid und mit knurrendem Magen sehen mußte, wie etwa der Sohn des Pastors Primarius Späth von St. Magdalenen, die Freude auf die reichliche Mittagsmahlzeit im Gesicht, vor der Kunstschule einen Augenblick stille stand, das Hütchen lüftete und in Richtung der fetten Pfarrei davoneilte. Mein Tisch war so gut wie der seine gedeckt, ob mit weniger trefflichen Dingen, war mir gleichgültig.

Zwölftes Kapitel
Meine Bude wurde nun auf lange Zeit für Hugo Schmidt, Puschmann und den Sohn meiner Wirtin, Max, der Versammlungsort. Hier wurde ganze Nachmittage lang bis in die Nacht hinein disputiert, wobei uns die Witwe Fleischer mit heißem Grog labte, zu dem wir den Rum für wenige Pfennige aus der nächsten Destille geholt hatten. [...]
Die Kunstschule empfand ich bald sowohl als physisches wie als geistiges Hindernis; ich fühlte bereits, daß hier meines Bleibens nicht lange mehr sein würde. Ohne daß es mir immer bewußt wurde, lastete dieses ganze Breslauer Erlebnis wie eine tote Haut über mir, die ich, nach geschehener Häutung, noch mit mir schleppte. [...]
Carl schwankte nie, er zweifelte nie daran, ich würde in nicht allzulanger Zeit die sicher erwartete Frucht hervorbringen. Er schrieb mir das. Er hielt seinen Kommilitonen Vorträge über mich. Er stärkte den Glauben meiner Geliebten, nachdem er sich mit der Tatsache unserer Verlobung ausgesöhnt hatte.
Ich habe der Wahrheit gemäß festzustellen, daß Carl damals mehr als je mein Freund, mein Mentor war. Hatte er mir Gustav Jägers »Deutsches Tierleben« nach Lederose gesandt, so versorgte er mich auch jetzt mit lehrreichen Büchern. Wenn ich das seltsame Motto des Buches »Werden und Vergehen« von Carus Sterne wie ein befreiendes und beglückendes Wort ergriff, mußte ein ihm verwandter Zustand in meiner Seele trotz allen irdischen Wollens, Ringens, Mißlingens und Gelingens darauf als auf seine Bestätigung gewartet haben:
Ist einer Welt Besitz für dich gewonnen,
sei nicht erfreut darüber: es ist nichts.
Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen,
sei nicht im Leid darüber: es ist nichts.
Vorüber gehn die Schmerzen und die Wonnen!
Geh an der Welt vorüber: sie ist nichts! [...]
Übrigens hatte ich Ploetz enttäuscht. In unseren pangermanischen Satzungen, denen wir durch die Blutsbrüderschaft auf der nächtlichen Ohlewiese Treue gelobt hatten, war die Verpflichtung aufgenommen, dereinst nur ein blondes, blaugeäugtes Mädchen zu heiraten. Mary, dieser dunkle, exotische Typ, machte mich zum Verräter. Immerhin zeigte der Freund sich nachsichtig: Mary könne recht wohl germanischen Blutes sein, da es auf blond und blau nicht ankäme. Hauptsache sei die Schädelform. Er werde sie messen, sobald sich dazu Gelegenheit fände. [...]

Dreizehntes Kapitel
Die Begrüßung bei Marys Ankunft auf dem Freiburger Bahnhof war in der Tat nicht ohne Verlegenheit. Genauer gesagt: von ihrer Seite recht beiläufig. Mit ihr stieg ein junger Leutnant aus dem Coupé, irgendein Herr von Ichweißnichtwie, der sich mit zusammengeklappten Hacken umständlich von ihr verabschiedete.
Sie habe sich recht gut mit ihm unterhalten, sagte sie.
Dann sprach sie lachend von Reiseerlebnissen, aber mit Tante Mathilde Jaschke und Johanna, nicht mit mir.
Ich kann nicht sagen, daß ich mich groß fühlte.
Für mein Gefühl etwas degradiert, stapfte ich hinter den Damen her. Ich war gekränkt, ich fühlte mich überflüssig. Bei meiner Reizbarkeit fehlte wenig, und ich hätte den drei Schicksalsschwestern durch jähe Flucht einen Streich gespielt. [...]
Mary führte Andersens »Bilderbuch ohne Bilder«, ein winziges grünes Leinwandbändchen, manchmal sogar in der Muffe mit. Vor der Abreise gab sie es mir, nachdem sie auf das erste Blatt die Worte geschrieben: »Zur Erinnerung an acht glückliche Tage.«
Das kleine Büchelchen lebt noch heut.
Immer wenn ich es in der Hand halte, weiß ich zwar, daß diese Tage wirklich unter die glücklichsten meines Lebens zu zählen, aber nicht, wie sie gewesen sind: und gerade hierdurch beweist sich ihr Glück. Diese Leere meines Gedächtnisses war durch eine wunschlose Gegenwart aufgefüllt. Sie war ein Sein, das weder ein Gestern noch Morgen hatte. Mary und ich und sonst nichts waren in der Welt, ja, auch die Welt war uns untergegangen. [...]

Vierzehntes Kapitel
Die wilden studentischen Trinkexzesse dieser Zeit fanden in dem sogenannten Zobtenkommers ihren Höhepunkt. Ich glaube, im Juli begann die ganze Studentenschaft von Breslau geeinigt dieses große Trink- und Sommerfest mit einem Umzug durch die Stadt. [...]
Ich glaube, es ist Richard Wagner, der sagt: durch die Offenbarungen der Musik werde Kultur aufgehoben wie Lampenschein durch Tageslicht. [...]

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

23 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 5.-9. Kap.)

Fünftes Kapitel 
Aber Carls und meine brüderliche Verstiegenheit konnte sich nicht lange damit aufhalten. Die geistige Atmosphäre, in der wir atmeten und die wir uns selbst geschaffen hatten, schloß uns nach dergleichen freundlichen Familienkaffeestunden sogleich wieder ab. In den Äther dieser unserer Sphäre konnten die Damen ja doch nicht eindringen.
So zu leben, in einer intelligiblen Welt mehr zu leben als im Wirklichen, war damals schon Carls Eigenheit. In jenen Tagen wurde ich, der ich sehr reale Dinge, Ausschweifungen, Hunger, körperliche Kämpfe und das Bemühen mit dem Sohn des Wassers und der Erde, dem nassen Ton, hinter mir hatte, hinaufgehoben. Dieses Schweben im Äther war mir wohltätig. Ich verlor die Schwere meiner Glieder und meiner Wesensart. Da ich die Befreiung und Erlösung von allem grob Stofflichen auf die Alma mater in Jena als ihren Ursprung schob, wurde ich mehr und mehr von ihr angezogen. Ihr Joch schien mir leicht, verglichen mit dem, das ich trug. [...]

Etwas an unserem, Carls und meinem Wesen gefiel meinem Vater immer noch nicht, was meine Mutter mit den Worten »Ihr seid zu ideal!« zu rügen pflegte. Er fühlte die Pflicht, uns immer wieder auf die Erde, die uns unter den Füßen zu entgleiten drohte, herunterzuholen.  [...]
Vaters Absichten mit Carl waren ganz andere, als sie Carl mit sich selbst hatte. Er hätte, wie gesagt, gern aus dem Sohn einen Arzt gemacht. Aber Carl brauchte nur einen leisen Verdacht zu haben, daß irgendein Ratschlag auf Broterwerb abziele, so geriet er in Raserei und tobte gegen das Brotstudium. Weder werde man ihn je dazu bringen, Naturwissenschaften und Philosophie aus anderen Gründen als um ihrer selbst willen zu betreiben, sagte er, noch ihn bestimmen, sich selbst durch gemeine und niedrige Ziele zu entwürdigen. [...]
Um jene Zeit tauchte ein Salzbrunner Kind, Bergmannssohn – sein Vater war Steiger –, bei uns auf, der es bis zum Fuchs bei den Raczeks in Breslau gebracht hatte. Wir hatten uns als Kinder wenig beachtet. Plötzlich stand er mit dem schwarzrotgoldenen Band und der Studentenmütze vor uns da. Ein Frühschoppen wurde sogleich verabredet. [...]
Carl und Schindler, der Raczek und Bergmannssohn, nahmen Gelegenheit, mich in den studentischen Trinkkomment einzuweihen. [...]
Diese erste Begegnung mit den Trinksitten sollte für mich eine lange Periode meiner Gesundheit nicht gerade zuträglicher Zechereien einleiten. [...]
Als wir am Ende der Ferienzeit auseinandergingen, brach Carl nach Jena, ich zu einem kurzen Aufenthalt bei den Schuberts nach Lederose auf. Was sich hier ereignete, hat vielleicht keine allzu große Bedeutung für meinen schöpferischen Entwicklungsgang, aber es wurden dabei die gesamten Strahlungen meines Wesens in einem Brennpunkt gesammelt.   Im gleichen Zimmer des neuen Hauses, das ich bewohnt hatte – der Glaskasten mit der Rebhuhnfamilie hing noch darin –, war jetzt Anna Grundmann untergebracht. Sie war nun unter anderm dazu bestimmt, das Bild von Ännchen Schütz – der Name Anna deutet bei mir überall auf unglücklich-glückliche Liebe hin – auszulöschen. Das Liebesidyll, das mir hier in tragikomischer Weise zu erleiden beschieden war, gedenke ich nicht zu schildern. Genug, daß es mich bis in die Grundfesten meines Wesens angegriffen und in mancher Beziehung verändert hat. [...]
Wie sah Anna Grundmann aus? Ich weiß es nicht. Und doch ist, was noch heute von ihr als reine Form in mir lebt, einer unwiderstehlich sinnlichen Schönheit mächtigster Inbegriff. Die Wunde des Entbehrens, des Unerfüllten, des Verlustes für Ewigkeit, unstillbarer Sehnsucht ist heute, am Abend eines langen, langen Lebens, noch unverheilt. [...]
Vom Wesen eines sogenannten Backfisches war in Anna Grundmann nichts. Hatte sich Natur ein Weib, eine Männin zu bilden vorgesetzt, so war ihr Vorsatz bis zur letzten Vollendung durchgeführt, und das opaleszierende Auge ihres Geschöpfes wußte von dem Rätsel seiner Vollkommenheit – und auch von dem andern: seiner Bestimmung. [...]
Ich habe dieses schöne, unbewegliche, ernste ovale Gesicht oft und lange, in einen stillen Schrecken verloren, angestaunt: diesen resignierenden, ironischen Mund, diese gerade, kleine, griechische Nase, deren schmaler Rücken mit der Stirn eine Senkrechte bildete, und dieses Berenikekinn. [...]

Sechstes Kapitel 
Am Abend etwa des dritten Tages war die Neugier von Onkel und Tante durch die Erzählung meines Triumphes so rege geworden, daß sie nun auch mein Dichtwerk hören wollten, dieses so vielbesprochene »Hermannslied«. Und so zog ich es wiederum aus der Brusttasche. Nicht anders als das erstemal, ja mit größerer Inbrunst, da Anna Grundmann zugegen war, sagte ich mir das »Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz! Es gilt uns heut, zu rühren ...« Ich wußte, welches Herz! [...]
Mein Vortrag verlief in gewohnter Art, und ich hatte im großen ganzen denselben Erfolg, den ich zuerst im Kreise Hugo Schmidts, alsdann vor den Professoren, später vor Carl, noch später bei Tante Jaschke im Kurländischen Hof einheimsen durfte. Die dichterischen Freiheiten, die ich mir genommen hatte, lockten Onkel Schubert ein freundliches Schmunzeln ab, während der Ausdruck in Tante Juliens Antlitz seinen unveränderten Ernst behielt. Beide wollten nicht leugnen, daß sie das Gelesene schön fänden und mir nicht zugetraut hätten, wie Onkel, in ein Lachen ausbrechend, Tante in aller Ruhe äußerte. Anna schwieg. Aber ich spürte, daß sie die wahrhaft Ergriffene war. Magnetische Fühlungen sagten mir mehr. [...]
Meine Liebe zu Anna Grundmann wurde erwidert. Von Stund an spürte ich das. Der letzte Tag brachte es ganz an den Tag: denn weshalb wäre Anna sonst an Tante Juliens Brust in Tränen ausgebrochen, als ich in dem zur Abfahrt bereiten Wagen saß? Was zwischen jenem Anfang und diesem Ende liegt, beschäftigt noch heute zuweilen mein Nachdenken. [...]

Siebentes Kapitel 
Mit dem unauslöschlich schmerzhaft geprägten Bilde Anna Grundmanns im Herzen ging ich dann nach Breslau zurück. Meine Vorstellungswelt hatte einen neuen, unsterblichen Gast bekommen. [...]
Es ist erstaunlich, welchem Zudrang von Ideen ein junger Mensch in gewissen Jahren standhalten muß und schließlich auch wirklich gewachsen ist. Während ich am nassen Ton den Kultus der Formen trieb, darüber mit meinen Freunden diskutierte, mit dem wenigen, was ich hatte, weiter schlechte Wirtschaft trieb, schwelgerische Hungervisionen ausbaute, meiner Armut irgendwie steuern wollte, die ich nunmehr als Schmach und als unerträgliches Hemmnis empfand, während ich meinen gebrechlichen Körper mit kaltem Wasser zu stärken versuchte, einer Nacktkultur das Wort redete und das Schamgefühl als Unmoral brandmarkte – während ich ein Schauspiel »Germanen und Römer« im Kopf trug, das mir Ruhm, Geld und vor allem Anna Grundmann als Frau verschaffen sollte, fand ich mich auf einmal in den Wirbel politischen Wesens neu hineingestellt. Alfred Ploetz diente sein Militärjahr ab und studierte zugleich Nationalökonomie. Er stand in einem Kreis, in den er auch mich autoritativ einführte. Der Pangermanist war der Gründer einer harmlosen – aber was ist harmlos in der Politik? – alldeutsch-sozialen Gesellschaft geworden. Dies und was nicht noch sonst lag verborgen in mir, als ich im Herbst von Tante Jaschke nach Ober-Salzbrunn eingeladen und plötzlich der Mittelpunkt einer kleinen Damengesellschaft im Garten des Kurländischen Hofes wurde. Es lag etwas Seltsames in der Luft, ich konnte das Tante Jaschke und meiner Schwester Johanna anmerken. Ihre bezugreichen Worte und sprechenden Augen deuteten auf eine Verschwörung hin. Etwas wie ein lustiger Krieg um ein öffentliches Geheimnis schien ausgebrochen. Was für eine Rolle ich dabei zu übernehmen hätte oder schon übernommen hatte, wußte ich nicht. Man behandelte mich wie ein Wundertier, und bald begriff ich, daß mir Tante Jaschke und Schwester Johanna in diesem Kreise einen Ruf als Dichter gemacht hatten. Freilich kam es mir vor, man sehe in mir nicht einen Erwachsenen, sondern etwas wie ein Wunderkind. [...]

Als die Teestunde ihrem Ende entgegenging, fragte mich Helene Loß – sicher war dies abgekartet –, ob ich nicht etwas aus meinem Epos, dem »Hermannsliede«, vorlesen wolle. »Oh, so haben wir also einen Dichter vor uns«, sagte Berthold Thienemann. »Ich muß gestehen, da bin ich doch neugierig.«   Zum dritten Male stand ich mit meinem Opusculum, meinem »Hermannslied«, vor einem Wendepunkt. Ich muß mir sagen, daß es auch hier schicksalhaften Einfluß ausübte. Mein Vortrag unter der Fassade des Kurländischen Hofes, nahe der gewaltigen Glaskugel, in der sich Himmel und Erde spiegelten, führte auch diesmal zum Erfolg. Mein Gedicht erregte, wie überall, besonders unter den Damen Begeisterung. Für mein Erinnern ist aber mit diesen Tagen ein Umstand verknüpft, der sich meinen achtzehn Jahren wohl einprägen mußte. Helene Loß hatte sich, bevor die Woge des Entzückens zurückgetreten war, in den Besitz einiger Lorbeerzweiglein zu setzen gewußt, die sie, zum Kranze gewunden, mit schalkhaftem Ernst unter dem Beifall aller mir ins Haar drückte. [...]

Achtes Kapitel
In Breslau, wohin ich zurückkehrte, traten diese Ereignisse bald zurück. Das Zentrum meiner Teilnahme lag wiederum in mir, statt außer mir. Mein eigenes Wesen, Werden und nebelhaftes Wollen wurde wieder die Hauptsache, ich mir selber der einzig wahre Besitz. Trotzdem blieb ich ins Leben verstrickt. Nicht nur, daß meine manuellen Übungen am nassen Ton ihren Fortgang nahmen, das Drama »Germanen und Römer« mich beschäftigte, es bestand auch der alte Freundeskreis, zu dem sich ein junger, wohlerzogener Mensch aus Wien namens Thilo zuweilen gesellte. Er war nicht ohne Bedeutung für mich. Thilo, um weniges älter als ich, in Wien, einer mit Bildungselementen überladenen Atmosphäre, aufgewachsen, war mir an sicherer Bildung und Reife voraus. Er schloß sich mir an, weil er von meinen Seltsamkeiten gehört, mein suchendes Wesen erkannt und den Gedanken gefaßt hatte, daß er mir etwas nützen könne. Er wies mich auf eine Dichtung »Der entfesselte Prometheus« von Lipiner hin, die er mir nachher dedizierte und die mich lange beschäftigt hat. Er aber war es, und das ist mehr, von dem ich die Namen der großen Drei: Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi, zuerst gehört habe. [...]

Professor James Marshall war seines Lehramtes an der Kunstschule enthoben worden: ein Fall, wie er einem genialen Menschen und Maler gegenüber sich heut wohl kaum ereignen würde. Er hatte Schulden, er trank eine Menge Bier und Wein, aber ich möchte doch glauben, daß er nicht nur im Kreise der Schule eine hochbedeutende künstlerische Erscheinung war. Ein Teil seiner Bilder war aus E. T. A. Hoffmannschem Geiste hervorgegangen. Ein Deckengemälde im Dresdner Opernhaus und einige Wandmalereien der Meißener Albrechtsburg stammten von ihm. Er war ein Meister in Miniaturen. Einige seiner Fächer mit figurenreichen Historienbildern befanden sich im Besitz der russischen Kaiserin. [...]
Er wies uns auf E. T. A. Hoffmann hin. Er knüpfte daran Vasarigeschichten, mit denen er die kunstgeschichtlichen Vorlesungen des Professors Schultz gleichsam privatim weiterführte. Die weimarische Liszt-Epoche spukte in ihm. Vom Meister selbst und seinem Fürstentum wußte er allerlei hübsche Geschichten, die vom Himmel durch die Welt zur Hölle führten und wieder zurück. Er ließ uns erkennen, inwieweit der Gespenster-Hoffmann auch in Liszt steckte.  [...]
Eine Vorliebe für die Stunden vor Tagesanbruch war mir aus den Lederoser Zeiten treu geblieben. Was dort aus Zwang zur Neigung sich entwickelt hatte, trat nunmehr als Neigung auf. Ich erhob mich öfters, auch im Winter, des Morgens um vier, um die verlassenen Straßen bei schlechtem, bei gutem Wetter zu durchwandern. In dieser Zeit, wenn der Schlaf die Großen und Kleinen der Welt umfing, war die Seele eine ganz andere geworden. Ganz anders als unter den Spannungen und harten sinnlichen Eindrücken des Tages konnte sie sich ausweiten: die Abertausende von fixen und trivialen Gegenständen waren nicht mehr. Über die Verstorbenheiten dieser weiten, köstlichen, nächtlichen Öde dehnte sich und gebot nun Phantasie. Tiefen Genüssen war ich da hingegeben. Und mehr noch fremdem und großem Fühlen, wunderlich tiefen Gedanken und Erlebnissen, die man wohl Erleuchtungen nennen mag. Überdies frönte ich neben dem Hange, durch Einsamkeit mich selbst zu besitzen, dem zur Beobachtung. Ich gebrauchte meine Augen, meine Ohren bewußt und mit Leidenschaft. Von der ersten Regung des städtischen Lebens an verfolgte ich es, bis seine tägliche Lärmsinfonie voll im Gange war. Die Einzelvorgänge boten mir, einander ablösend, großen Reiz, von dem ich mich jedesmal nur ungern trennte. Immer wieder faßte ich mir an den Kopf in dem Gedanken, wie köstlich es sein würde, wenn man sie festhalten und künstlerisch gestalten könnte, aber zugleich auch in dem andern, daß der Versuch, es zu tun, mir nur meine Ohnmacht beweisen mußte. Der ewige Dialog hinter meiner Stirn verdichtete sich nicht selten bis zum geflüsterten Selbstgespräch, darin nach so oder so gearteten staunenden Ausrufen schwierigste Fragen der nachgestaltenden Kunst erörtert wurden. Das Verhandeln mit mir selbst hatte ich mir ebenfalls in Lederose angewöhnt. Diese Vigilien trieben mich in allen Teilen der Stadt herum, deren altertümliche Schönheiten ich so erst lieben lernte. Die wunderbare Gotik des Rathauses fesselte mich halbe Stunden lang: gleichviel, ob es als Ganzes unterm kalten Licht des Mondes stand oder nur dies oder das aus der Fülle seiner Einzelheiten durch die Gaslaternen des Ringes herausgehoben wurde. Hier wurde mein Sinn für Baukunst geboren, hier trieb ich, wenn ich von den Bauklötzen meiner Kindheit absehe, autodidaktisch mein frühestes Architekturstudium. Von der Begegnung mit den letzten Nachtschwärmern, die trunken und schläfrig heimtaumelten, bis zu dem Augenblick, wo sich die städtischen Nachtwächter gut gelaunt voneinander verabschiedeten, weil sie nun einen heißen Kaffee und ein warmes Bett witterten, von dem ersten fröhlich pfeifenden Bäckerjungen, der mit einem Korb warmer Semmeln vorüberduftete, bis zum ersten Bäckerladen, dessen Läden geöffnet wurden, vom ersten Dienstmädchen, das in diesen Laden trat und mit der sauberen Meisterin plauderte, bis zum ersten Schlachterwagen, der durch die Straßen rumpelte, von der ersten Gepäckdroschke, die mit einem frühen Reisenden zum Bahnhof schlich, bis zur hübschen Kalesche, die den reichen Geschäftsmann in sein Kontor brachte – was war da nicht alles zu bemerken! Und wie spannend und erregend war da die Fülle der Gesichte, die wie ein Strom bei Hochwasser stieg und schließlich jeder Bewältigung spottete. [...]
Auf Professor Haertels Empfehlung und auf Grund der künstlerischen Begabung, die er mir attestiert hatte, wurde mir das Examen für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst gleichsam erlassen. Damit hatte sich die schwarze Wolkenwand eines dreijährigen Militärdienstes denn verteilt.  [...]

Neuntes Kapitel 
In nächster Nähe unseres Quartiers lagen nicht nur die Kirchhöfe, sondern auch das Wunder von Fürstenstein, so daß ich den gewaltig rauschenden Fürstensteiner Felsengrund mit der Götterburg in den Wolken täglich besuchen konnte. Natürlich war der Aufenthalt bei den Eltern, wo ich regelmäßig zu essen bekam, mich zeitig erhob und zur rechten Zeit schlafen ging, mir jedesmal eine Erholung und eine Erneuerung. Ich streifte endlos in der Gegend herum. [...]

Noch heute liegt mir im Wandern der höchste Reiz, den kein Beförderungsmittel, welches auch immer, erreichen kann. Es ist eigene, nicht erborgte Aktivität, mit der man die Überwindung des Raumes bestreitet. Viel inniger wird man so ein Teil der Natur, man taucht immer tiefer in sie ein und erfüllt sich mit ihrer Produktivität. Es gibt keine zweite Art, zu sein, wie ich schon damals begriff, in der sich Naturgenuß und geistiger Selbstgenuß so verbinden lassen. [...]


Carl, in Jena, hatte übrigens eine der Töchter Thienemann, Marie, die in einer gynäkologischen Klinik Jenas behandelt wurde, noch zu Lebzeiten des Papas, also im jüngsten Frühjahr, kennengelernt. Das achtzehnjährige Mädchen litt an Bleichsucht, sagte man. Die Verbindung mit Carl war von ihr gesucht worden. Adele hatte der Schwester geschrieben, ein Bruder ihres heimlich Verlobten studiere an der Jenenser Universität. Es war nicht schwer, ihn auszumitteln, und so wurde er von Marie, unter den Geschwistern Mimi genannt, eines Tags in die Klinik bestellt.
Er gefiel ihr sehr, wie man sagte, was mich durchaus nicht verwunderte. Er hatte im Umgang mit Damen eine natürlich-freie Art. Ich blieb darin weit hinter ihm. Dabei war er überaus ritterlich. Ein hübsches Mädchen fühlte ihm an, daß er, ohne persönlich zu werden, der Schönheit im allgemeinen huldigte. [...]
Mimis eigenartige Schönheit fiel unter den Schwestern am meisten auf. Wenn sie mit dem Blauschwarz ihres Haares, den dunklen Augen im weißen Oval des Gesichts, mit ihren jugendlich vollen Formen im Weiß und Blau dieses Raumes stand, steigerte sich bei mir das Gefühl ihres wundervollen Reizes bis zur Schmerzhaftigkeit. Eines Tages stellte sie sich in dem Boudoir, dessen beide Türen sie vorher verschloß, im Kostüm ihrer Rolle vor, das sie sich bei dem Chef der Schneiderwerkstätten des Opernhauses zu Dresden hatte machen lassen. Das Haus war um diese Stunde ziemlich leer, da die Schwestern ihre Logierbesuche bei einem Ausflug nach dem nahen Dresden hatten begleiten müssen.
Als Mimi unter der Hydra ein langes, befranstes, phantastisch besticktes Umschlagetuch, Erbstück der Mutter, von sich geworfen hatte, stand sie, ein griechischer Götterjüngling, da.
Sie liebte Schmuck: talergroße, gehöhlte Ringe von Gold hingen ihr jetzt wie immer in den Ohrläppchen, einen goldenen Reif hatte sie über die schmale Stirn, Spangen von Gold um den nackten Arm gelegt, einen breiten Reif vom gleichen Metall um das linke Handgelenk. Schöngefaßte Juwelen blitzten an ihren weiblichen Fingern. Der weiße Chiton, der ihren Körper durchscheinen ließ, wurde von einem goldenen Gürtel zusammengehalten und hatte oben wie unten einen goldenen Saum: er gab die vollen und runden Knie, den schönen Hals und die schönen Schultern preis: Herrlichkeiten, von denen Mimi zu wissen und auch nicht zu wissen schien, da sie mit der einfachsten Anmut und Natur zu wissen wünschte, ob sich das Ganze meiner Idee einigermaßen annähere.
Irgendwie bebte etwas in mir wie ein unbewußtes Wissen dem andern unbewußten Wissen entgegen: Dies alles wird dein! Bald gehört es dir!

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

05 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.33-35) Hochzeitsfeier, neue Unterkunft, Kinderbetreuung,

Dreiunddreißigstes Kapitel 
Es war nicht lange vor Ostern, als wir für drei oder vier Tage von der Schule befreit wurden, um in Salzbrunn die Hochzeit meines Onkels Gustav Hauptmann mitzufeiern. Sie wurde von Karl Tschersich und meinem Vater im Gasthof zur Krone ausgerichtet. [...]
Der Festtag kam endlich heran. Im Großen Saal unter den großen Kopien nach Rembrandt und Raffael stand eine Tafel in Hufeisenform für etwa achtzig Personen gedeckt und mit farbigem Blumenschmuck überladen. Das Wetter war bereits frühlingshaft.
Alle Einzelheiten der kommenden Veranstaltung waren von Johanna, Carl und mir lebhaft durchgesprochen worden, und ich kann mich erinnern, daß ich bei der Speisenfolge auf Spargel, von sehr vielen etwa der vierte Gang, und auf die Eisbombe am Schluß im voraus großen Wert legte. Nicht aber das Materielle war es, dem ich mit Spannung und Erwartung entgegensah, sondern eine lange Reihe von Vorführungen, die gegen den Schluß der Tafel geplant waren. Der Blaue Saal sollte als Theatergarderobe dienen. Seine beiden Eingangstüren schlossen Vorhänge.
Meine Schwester Johanna sollte auftreten. Das geradezu bezaubernd hübsche Ernstinchen Sagner, die Schwester der Braut, war als Marketenderin zu erwarten, weil doch die Marketenderin nicht fehlen durfte, wo einmal ein Hauptmann Hochzeit feierte. Onkel Paul wollte als Hausierer alle seine Straehlerischen Humore springen lassen. Reden sollten gehalten werden, und der Bräutigam selbst hatte mit vieler Mühe die seinige auswendig gelernt, die er trotz schwerer Stottergefahr zu halten entschlossen war. Der Lehrer Irrgang sollte hinterher Schubertsche Lieder vortragen. Auf alles freute ich mich wie ein Kind vor verschlossener Tür auf die Geschenke von Weihnachten.
Das Fest begann. Ich war irgendwo unter die Erwachsenen eingereiht. Ich löffelte meine Suppe und trank den Wein, der dazu gereicht wurde. Es kamen Pasteten, ich ließ mich auch zu dem dazugehörigen Wein nicht nötigen. Es kam der Spargel, von dem ich unmäßig aß. Und als ich auch den Spargel-Wein noch getrunken hatte, merkten ich und meine Umgebung, daß mir schlecht wurde. Von diesem Augenblick weiß ich nur noch, daß liebreiche Hände mich zu Bett brachten, mir aber auf meinen ausdrücklichen Wunsch das Versprechen gegeben wurde, mich nach spätestens einer Stunde wieder zu wecken, damit ich bei Beginn der Vorstellung dabei sei.
Ich erwachte und wußte zunächst nicht, was mit mir geschehen war. [...] Ich rief meinen Bruder, rief meine Schwester, rief mit großer Heftigkeit meine Mutter herbei, denen das Mitleid die Sprache verschlug, als ich sie wegen der Hochzeit und was denn eigentlich los sei, fragte. Schließlich mußten sie zugestehen, das Fest habe ohne mich stattgefunden. Warum man mich nicht geweckt habe, fragte ich. Sie erklärten, was auch der Wahrheit entsprach, daß man es eine Weile vergebens versucht habe, dann aber zu dem Entschluß gekommen sei, meinen gesunden Schlaf nicht zu stören.
Nun zog ich sie, völlig wild und sinnlos geworden, zur Verantwortung. Sie hatten mir das Fest gestohlen, auf das ich mich so unsäglich gefreut hatte, und sollten es mir nun wieder herausgeben. Indem ich mich aber weinend austobte, wußte ich, daß es unwiederbringlich für mich verloren war. [...]
Zu unserem Erstaunen hielt dann der Wagen vor jenem nagelneuen und blitzblanken Hause der Graupenstraße, wo wir im dritten Stock von dem masurischen Kraftmenschen Pastor Gauda und seiner blutjungen Frau auf eine unvergeßliche Weise herzlich willkommen geheißen wurden.
Nachdem man uns in unserem hübschen, blitzblanken Zimmer fünf Minuten allein gelassen, sauste der Pastor im Schlafrock herein. Er rang die Hände, er zeigte auf unsere Betten und Bettstellen: »Erbarm' sich!« sagte er in einer gewissen Hilflosigkeit ein übers andre Mal, »habt ihr wohl eine Ahnung, Jungens, von all dem Ungeziefer, das in euren Bettstellen, euren Matratzen, euren Bettdecken eingefilzt war und das wir mit unendlicher Mühe vertilgt haben?! Wir haben drei volle Tage gearbeitet, Insektenpulver, Petroleum angewandt, und schließlich sind wir ja noch all dieser Wanzen, Flöhe und Schwaben Herr geworden. Aber das war keine leichte Sache, glaubt es mir! Es hätte das ganze Haus verseuchen können.«
Wir waren bereits so abgestumpft, das Dasein des Ungeziefers schien uns so selbstverständlich, daß wir von dem Entsetzen des Pastors beinah überrascht waren.
»Nun, Jungens«, schloß er, »grüne Seife, kochendes Wasser, brennender Spiritus! Zwanzig Mark, wenn ihr noch eine Schwabe, eine Wanze, einen Floh findet!«
In der Tat, wir waren aus der Hölle in den Himmel geraten. In dieser luftigen und geräumigen Pastorwohnung herrschte ein gesunder, gutbürgerlicher Lebensstil, der sich besonders durch peinliche Sauberkeit auszeichnete.
 Die Gattin des Pastors war neunzehn Jahre. Er hatte zum zweitenmal geheiratet, nachdem seine erste Frau, Mutter von drei Mädchen, im letzten Kindbett gestorben war.
Eine neue Breslauer Phase war angebrochen. Wenn ich an sie zurückdenke und sie abgeschlossen vor mir sehe, drängt sich eine Fülle von überwiegend freundlichen Erlebnissen auf.
Mein Mißverhältnis zur Schule erfuhr damit keine Änderung, mein Heimweh konnte dadurch nicht gestillt werden. In beiden Beziehungen war ich unverbesserlich. Allein ich hatte nun im Pastorhause ein Refugium, in das ich aus den Schulmauern mit Vergnügen zurückstrebte. [...]
Die Pastorstöchter aus erster Ehe mögen damals zwei, fünf und sieben Jahr gewesen sein. Sie waren nicht hübsch und für mich kaum anziehend, aber sie hingen sich an mich an. Von der blutjungen Stiefmutter keineswegs übel behandelt, fehlte ihnen doch das, was nur eine Mutter geben kann. Es war, wie immer in solchen Fällen, verkehrt, sogenannte Lieblosigkeiten der jungen Stiefmutter aufzumutzen, die ja nur auf einem Mangel beruhten, dem auf keine Weise zu steuern war. Mittags wurden die Kinder neben der Tafel am Kindertischchen abgespeist. Ich fand dabei das Verhalten der Pastorin ruhig und gleichmäßig, ihr Gatte schien nicht zufrieden damit. Es fielen manchmal scharfe Bemerkungen. Waren die Mädchen nun vernachlässigt oder nicht, die Pastorin, die der Geburt eines eigenen Kindes entgegensah, hatte jedenfalls viel mit sich selber zu tun, und so konnte niemand es ungern sehen, wenn ich mich mit den kleinen Halbwaisen beschäftigte. Mit der Zeit brachte ich täglich Stunden im Kinderzimmer zu, ein seltsamer Zug, über den der Pastor den Kopf schüttelte. Mir selber kam mein Verhalten meinem Alter nicht ganz entsprechend und seltsam vor. Ich leugne nicht, daß ich mich manchmal während all der kindlichen Unternehmungen, die ich anführte, einen Augenblick lang in mich hineinschämte. Was war das für eine Beschäftigung: Püppchen anziehen, Stühlchen in Puppenstuben zurechtrücken, mit kleinen, blechernen Bestecken und Tellern herumhantieren, Kinderreime aus läppischen Bilderbüchern vorlesen, Bauklötze übereinander aufschichten und mit dem farbigen Gummiball die entstandenen Gebäude einwerfen? Nun ja, die Freude, das Lachen der Kinder war um mich her. Ich versah die Geschäfte des Kindermädchens. Ich steigerte mich zu dem gewiß höchst löblichen Dienst einer Kindergärtnerin. Und das war der Grund, warum auch der Pastor meine seltsame Neigung und Zeitvergeudung duldete.   Wiederum war das Geschichtenerzählen im Kinderzimmer ein wesentlicher Teil meiner Tätigkeit. Ich knüpfte gleichsam dort an, wo ich vor acht Jahren im Zimmer und am Ofen des Fuhrmanns Wilhelm Krause geendet hatte, als ich mich den unersättlichen Ohren des kleinen Gustav und der nun längst verstorbenen Ida Krause gegenüber befand. Die Namen der kleinen Mädchen außer der Ältesten, Milka, weiß ich nicht mehr, aber auch sie hingen gierig an meinem Munde und duldeten nicht, daß eine Geschichte zu Ende ging. Ich glaube, dieses Geschichtenerzählen war mein wesentliches Narkotikum. Ich weiß, daß ich dabei die ganze verlorene Welt meines ersten Jahrzehnts immer wieder erneuert und variiert habe. Ich selbst war der Knabe, dessen natürlich heldenhafte Geschichte immer wieder zur Sprache kam. Der Gasthof zur Krone, sein Hof, sein Vorder- und Hintergarten, seine Säle, Zimmer und Bodenkammern, war der Schauplatz seiner Wirksamkeit, nur daß ich ihn bald in ein mystisches Schloß oder eine Zauberburg umwandelte, darin eine Liebes-, Hexen- und Räuberromantik, von Dornröschen über Rotkäppchen bis zum Menschenfresser und Blaubart, sich auslebte. Auch Lederstrumpf und Robinson Crusoe spielten wieder hinein und das weiße mexikanische Steppenroß, dessen imaginierte Windesschnelle ich dem Helden, der ich selbst war, dienstbar machte und das mich jedes Pferderennen gewinnen ließ.

Vierunddreißigstes Kapitel

Selbst im Sommer an schönen Tagen lockte mich nichts auf die Straße hinaus. Ich mochte den Lärm und die Menschen nicht. Unser Zimmer ging auf den stillen Hof und ebenso auch das Kinderzimmer. Das war wie ein Bad, in dem ich Unrat und Wunden des ersten Pensionspferches und seines Ungeziefers abspülte. Hatte mich doch dort eines Tages der allgemeine Wirrwarr so weit gebracht, daß ich Federhalter und Tintenfaß mit aller Gewalt unter die mich hänselnden und verhöhnenden Pensionskameraden schleuderte.
Welche Wohltat dagegen die Ruhe, der Frieden, den ich im Gaudaschen Kinderzimmer genoß! [...]
Wenn ich in den Bänken saß – mir schliefen die Glieder vom Sitzen ein, und mein Hirn versagte die Aufmerksamkeit –, konnte wohl keiner der Lehrer ahnen, mit welcher Reife ich über meine Lage, über die einzelner meiner Mitschüler, über die Krankheit meines Vaters, über die wachsenden ökonomischen Schwierigkeiten, über die Ehe meiner Eltern, über die Frömmigkeit meiner Tante Auguste, über mein ganzes vergangenes Leben und über das Richtige oder Falsche der Unterrichtsmethoden meiner Lehrer nachdachte. Was hatte die Strenge für einen Sinn, die finstere, drohende, immer wieder erschreckende Art, mit der man dem Schüler das Wissen einpaukte? Warum appellierte man nicht an die Kraft des Verstandes, die in mir schon zur Reife gekommen war, und setzte sich mit ihr auseinander? Warum hielt man nicht mit mir Rat, wie man gemeinsam die in mir vorhandenen vielfachen Vermögen entbinden und nützen könnte? Aber da waren nur Larven – keine Wärme und keine Kameradschaftlichkeit. [...]
Meine Funktion im Kinderzimmer gewann an Bedeutsamkeit, als dem Pastor von der jungen Gattin der Stammhalter geschenkt wurde. Man mußte die Kinder und ihre Neugierde von all den mystischen Vorgängen im Geburtszimmer fernhalten. – Alles verlief ohne Zwischenfall, und drei Wochen darauf hatte man bereits den Säugling im Kinderwagen mit seinem Geschrei und seinem Schnuller als selbstverständlichen Hausgenossen.
Die junge Mutter war freundlich zu mir, und ich durfte nun immer beim Trockenlegen, beim Baden und bei sonstigen Prozeduren zuschauen, die mir vor Augen führten, welche Mühe einst meine Mutter mit mir gehabt hatte. Ich habe der Pastorin jezuweilen mit Überreichung trockener Windeln, Talkum und dergleichen gern assistiert.
Übrigens war dafür gesorgt, daß mein Kinderstubeninteresse lebendig erhalten wurde, da etwa vier Wochen später als der Neffe sein Onkel ins Leben trat. Der Gatte der Schwiegermama war als Polizeiinspektor drüben im Inquisitoriat, wie der Pastor, angestellt. Sie selbst war schön, sie konnte es mit der Tochter aufnehmen. War diese Tochter jetzt neunzehn Jahr, so durfte man wohl das eben geborene Kind einen Spätling nennen. Soviel ich mich dessen erinnern kann, waren ihre beiden außerdem noch vorhandenen Söhne zehn- und zwölfjährig.
Lustig war es, wenn die beiden Damen, Tochter und Mutter, den älteren Neffen und den jüngeren Onkel auf dem gleichen Tisch säuberten, puderten und wickelten. Wir genossen gemeinsam die harmlose Komik der Situation. [...]


Fünfunddreißigstes Kapitel
Die großen Ferien dieses Jahres brachten viel jähen Glanz und zugleich so jähes, verzweifeltes Herzeleid. Ich habe eine für Salzbrunn besonders festliche Zeit in Erinnerung. Im Brunnenhof wohnten der russische Fürst Gagarin und der General von Boguschewski mit Frau und Tochter in unsrer Krone. Einige prominente Namen des schlesischen Adels standen in der Kurliste. Ebenfalls im Brunnenhof war der preußische Kultusminister abgestiegen, neben uns im Elisenhof ein Prinz von Kurland einlogiert. Wie immer hatten Bremer und Hamburger Reeder und sonstige Kaufleute ihre eleganten Frauen mit oder ohne Kinder nach Salzbrunn geschickt, die meistens bei uns, im ersten Hotel des Ortes, wohnten. Es lag wohl etwas in der Luft von dem scheinbaren Aufschwung der Gründerzeit, der ja doch der Vorläufer eines wirklichen war.
Mein Vater sprach zuweilen von Turgenjew, Hoffmann von Fallersleben und anderen, die Gäste der Krone gewesen waren. Ich sah eines Tages in diesen Ferien den Maler Thumann und seine erwachsenen Töchter in den Saal treten. Er war ein schöner, mit künstlerischer Freiheit und höchster Eleganz gekleideter Mann, die Töchter in meinen Augen Schönheiten. Sie trugen sich nicht modern, sondern à la Gainsborough, mit Handschuhen bis zum Ellbogen und großen Strohhüten.
Vor dem Brunnenportale, wie immer, gab sich die elegante Welt, zu der die Badeärzte gehörten, täglich zweimal ihr Rendezvous. Sanitätsrat Biefel, Doktor Valentiner und mein Onkel, Doktor Hermann Straehler, vertraten den Typus des Bonvivant. Sie waren witzig, elegant und galant.
Natürlich, daß ich in dem sommerlichen Gewimmel von Salzbrunn wieder ein ganz anderer als in Breslau war. Wäre nicht alles am Menschen wunderbar, diese Verwandlung müßte als Wunder gelten. Nichts von Kleinmut, nichts von dem bloßen Breslauer Vegetieren, nichts von Willenlosigkeit und Stillstand war mehr in mir: alles Bewegung, Wille, Bejahung des Lebens! Elegant gekleidete Söhne reicher Kurgäste waren mein Verkehr. Der Sinn für gute Kleidung, der meinen Vater auszeichnete, bewirkte, daß er sie auch mir zubilligte und ich mich also keineswegs von denen, mit denen ich umging, unterschied. Die elegante, die gebildete, sagen wir ruhig, die schönere Welt, in der viel Seife verbraucht wurde, gute Manieren, Künste und Wissenschaften zu Hause waren, gab mir erst jetzt ihre Reize preis. Ich fühlte, man brauchte die untere nicht zu verlieren, wenn man die obere Welt besaß. Aber wer die untere nicht mit Vorsicht genoß, dem konnte die obere ewig verschlossen bleiben.
Unendlich wohl tat mir bei meinen flüchtig gewonnenen hiesigen Ferienkameraden die Abwesenheit alles Rüden, ihre Wohlerzogenheit und Wohlanständigkeit, ihr feines Zuhören, ihr warmes Eingehen und bei Zweifeln, die sich ihnen etwa aufdrängten, wenn ich allzusehr ins Reden kam, ihre Zurückhaltung, aus der Furcht, mich zu verletzen. Ich war dankbar für alles das und wurde dadurch unmerklich auf all diese Tugenden hingewiesen. Vielleicht war die Strömung ganz allgemein, die mich fortspülte. Allenthalben, auch hier in Salzbrunn unter den Alteingesessenen, regte sich ein neuer Geist, der den alten nicht anders als eine drückende Last abwerfen wollte.
Das Herzeleid dieser Ferien entwuchs meiner ersten wirklichen Liebesleidenschaft, die durch Anna, die Tochter des Generals und der Generalin Boguschewski, entzündet wurde. Es war ein Feuer, das, ungesehen von andern außer von meiner Mutter, in mir aufging und mich gleichsam leerbrannte. Ich habe das Sexualleben, das ja überall auch im Kinde wirksam ist, nur mit flüchtigen Strichen berührt, es dargestellt in einigen Sublimierungen. Auch diese Neigung zu Annuschka Boguschewskaja, wennschon sie mich hart angriff und im tiefsten Wesen erschütterte, ist aus der Sphäre des Lautersten nicht herausgetreten. Die Erfahrung, die ich damals durch die vierzehnjährige Russin an mir machte, war allerdings einer späteren als Wunder nicht gleich, weil der Gott in mir sich noch nicht völlig geboren hatte. Diese hätte sich nicht durch eine Vita nuova aussprechen lassen, während die darauffolgende allerdings in die Sphäre Dantes und Petrarcas fiel.

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

03 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.30-32) Schule in Breslau,

Dreißigstes Kapitel 
Der Gegensatz zwischen dem Erntetreiben des Gutshofs und dem, was mich zu Hause erwartete, war diesmal besonders groß. Carl brachte zum erstenmal Sommerferien in Salzbrunn zu und hatte davon noch eine Frist von zwei Wochen. Auch er, sowie meine Eltern und Geschwister, ja eigentlich alle, die mich umgaben, gehörten zu denen, die mir ihr Schicksal vorlebten. Ja, gerade er hat während einer langen Lebenszeit in dieser Hinsicht meine Aufmerksamkeit fast am meisten gefesselt. Schon seine Krankheit beanspruchte meine Teilnahme. Nun war er mir nach Breslau vorangegangen und, wie ich erkennen mußte, als ein anderer zurückgekehrt. Der Abstand zwischen ihm und mir war größer geworden. Ich liebte noch immer abgenützte Kleider, mit denen ich mich in Ställen, Kutscherstuben, in Regen und Wind herumtreiben, in Gräben liegen und auf Bäume klettern konnte. Er hatte sich dem großstädtischen Leben angepaßt, trug Kragen und Schlips sowie wohlgebürstete Anzüge: er konnte mit jedem Kurgast wetteifern. [...]
Ich führe den erbärmlichen Zustand meines Gemütes auf die bekannte Spaltung meines Wesens zurück. Ich steckte wohl tiefer als je im Proletariertum, an das ich mich nochmals krampfhaft geklammert hatte. War es, weil ich in ihm den Bereich meiner freien, seligen Kindheit sah, den ich nun bald mit einem mir unbekannten vertauschen sollte? Und betonte ich etwa aus bitterem Trotz meinen Gassen- und Gossenjargon? Ganz gewiß ist etwas daran. Aber ob ich nun auch alles etwa Kommende von mir wies, alles Geleckte, Gedrillte, Gutbürgerliche zu verachten mir den Anschein gab, ward ich doch allbereits auch von ihm angezogen und betrachtete den darin gänzlich aufgenommenen Carl mit Neid. Mich durchwühlte damals, möchte ich glauben, zum ersten Male das echtblütige proletarische Ressentiment, das mich erniedrigte und in quälende Wut gegen das Bürgertum versetzte, von dem es mir schien, es stoße mich aus, indem ich vergaß, daß ich ihm angehörte. [...]
Was eigentlich die Flegeljahre sind, weiß ich nicht, auch nicht, inwieweit ich in Flegeljahre hineingeriet. Jedenfalls war ich in der Zeit, als von den Geschwistern niemand als ich zu Hause war, mehr als früher unkontrolliert und mir selbst überlassen. Die Erinnerung an etwas Unbefriedigend-Zielloses ist mir aus jenen Tagen zurückgeblieben. Es war eine Leere da, die halb bewußt wieder und wieder empfunden wurde. Ich sei nicht schwer zu behandeln gewesen, hat mir meine Mutter gesagt; vielleicht kannte sie nicht meine wahre Natur, nicht meine disharmonischen Zustände, weil sie sich ihr gegenüber nicht auswirkten. Ein Geltungsbedürfnis, verbunden mit lebhafter Phantasie, muß mir damals Streiche gespielt haben. Ich ergab mich der Aufschneiderei. Von seinem Großvater, Weber und gelegentlich Hirschberger Stadtmusikant, war eine brave Tiroler Geige an meinen Vater gekommen. Bei einem winterlichen Einbruch durch die Glastüren des Großen Saals, wo sie im messingbeschlagenen Kasten auf dem Flügel gestanden hatte, war sie, wie schon erzählt, gestohlen worden. Ich machte sie Alfred Linke, Rudolf Beier und andern Bürgersöhnen gegenüber zum Stradivarius, angeregt durch jenes Instrument, das Doktor Oliviero gekauft hatte. [...]

Einunddreißigstes Kapitel 
Bald saß ich mit andern Prüflingen Seite an Seite gequetscht hinter den zerkerbten Pulten einer Schulstube. Wir hatten Feder und Schreibheft mitgebracht. Auf dem Katheder saß ein baumlanger, mißgelaunter Mann, der mit kurzen, bellenden, unverständlichen Lauten Befehle austeilte. Er schien uns weniger als brave Jungens und Kinder deutscher Eltern, sondern mehr – der Mensch ist böse von Jugend auf! – als geborene Verbrecher zu betrachten. Wir begriffen noch kaum, was geschehen sollte, als er nach dem Kommando »Aufschreiben!« bereits eine Menge Aufgaben wie aus einem Schnellfeuergeschütz über uns Dummköpfe geschleudert hatte. Die meisten hatten nicht folgen können. Man half sich, indem man sich gegenseitig um Auskunft bat. Plötzlich bekam der lange Mensch einen Wutanfall. Oh, dachte ich, wer mag wohl der arme Junge sein, dem wahrscheinlich jetzt der Kopf abgerissen wird? Indem ich aber nach dem armen Opfer Ausschau hielt, wurde ich selbst am Kragen gepackt, aus der Bank gerissen und an die Wand geschleudert, wo ich zum erstenmal in meinem Leben, und zwar ohne eine Ahnung zu haben warum, vor allen diesen fremden Jungens am Pranger stand. So litt ich nicht nur aus diesem Grunde, sondern weil ich zur Untätigkeit verurteilt war, während die andern für ihre Aufnahme fieberhaft arbeiteten.   In einem von Eltern und Schülern dicht gefüllten Raum wurde ich nach Schluß des Examens aufgerufen und von Schuldirektor Klettke mit den allgemein hörbaren Worten »Du bist noch ein sehr, sehr schwacher Sextaner!« in die Realschule aufgenommen. Ich schämte mich dieser öffentlichen Rüge, die ja, wo sie gerechtfertigt war, einen unverschuldeten Zustand betroffen hätte, aber zugleich triumphierte ich, weil ich dem Vater eben doch das »Angenommen« melden konnte. [...]
Carl und ich bewohnten ein gemeinsames Zimmer in einer Schülerpension der Kleinen Feldstraße. Sie lag im dritten Stock eines verwahrlosten Mietshauses. In einigen Tagen wurde es klar: aus Dielenritzen, Tapetenlöchern krochen, rannten, sprangen Flöhe, Schwaben und Wanzen hervor. Von zerquetschtem Ungeziefer und eigenem Blut sprenkelte sich mein Bettlaken. Schwaben und Wanzen schwammen im Waschwasser. Ich begreife noch heute nicht, wie der ehemalige Oberamtmann, der die Pension unterhielt, mit seinen gebildeten, klugen Töchtern zusehen konnte, wie sich diese Schülerunterkunft in eine Brutanstalt für jede Art Ungeziefer verwandelte. Etwa dreißig Schüler, vom Sextaner bis zum Primaner, waren in den Zimmern der Pension zusammengepfercht, manche der kleinen, niedrigen Räume mit fünf Betten bestellt, so daß Carls und meine klägliche Unterkunft geradezu eine große Begünstigung darstellte. Ein zweisitziges Schreibpult am Fenster und zwei uns gehörende eiserne Bettstellen waren neben einem Waschständer ihre Ausstattung. Das Dasein hier, wie das ganze Breslauer Dasein überhaupt um jene Zeit, war für Leib und Seele gleich ungesund: Pensionslärm, Hader der Schüler nach dem Aufwachen, bei hygienisch unmöglichen Zuständen und dem Ungeziefer, verdorbener Luft, Ausdünstungen zusammengedrängter Körper. Hiernach der Weg mit dem Bücherpack durch die lärmige Stadt in die lärmige Schule, wo man unter Spannungen aller Art fünf Stunden meist sitzend und angstschwitzend zubrachte; der Heimweg wiederum unter der Bücherlast. Zwei Stunden für Mittagessen und Schularbeiten: Lärm, Gespräche, Neckereien, Prügeleien, allerlei Schabernack. Abermals Schulweg, lärmige Schule; Heimweg, Abendessen und bei der blakenden Petroleumlampe unter Wanzen und Schwaben Schularbeiten. Noch ist zu bedenken, daß Breslau im Sommer ein tropisches, im Winter ein sibirisches Klima hat. Was Wunder, wenn ich im Schlaf nunmehr die einzige Wohltat des Lebens sah und die ärgste Marter im Aufwachen! Ich hatte zunächst keinen Sinn für das Leben mehr, weil die Bedingung meiner Wesensentfaltung und damit mein Wesen selbst mir genommen war. Ich fühlte mich sinnlos und willenlos in einem so oder so hin und her bewegten Strome von Menschen treibend, von Wirbel zu Wirbel fortgerissen. Mir sausten die Ohren, schmerzte der Kopf, und ich wußte in meiner Bestürzung nicht, wo das hinauswollte. Mein eigenwilliges, glückliches Naturell, das sich im großen ganzen anspruchslos in Licht und Luft unter freiem Himmel entfaltet und bewahrt hatte, würde man damals vergeblich in mir gesucht haben. Nicht einmal ich selber wußte noch etwas davon. Womit ich zu ringen hatte, ununterbrochen zu ringen hatte, war das mir überall unentsprechend Häßliche, das sich sintflutartig an- und aufdrängende exaltierte Menschentum unter den Zöglingen und den von Affekt zu Affekt fortgerissenen Männern, denen alle Macht über uns gegeben war. Früher konnte ich mich meiner Mutter und meinen Freunden mitteilen, stundenlang war mir vergönnt, mit mir allein zu sein. Ich hatte wohl eine Sorge hie und da, behob sie und durfte mich wieder frei fühlen. Hier aber kamen zehn Bissen Sorge auf einen Bissen Brot, und das war wohl keine erziehliche Tatsache.
Am ärgsten fiel ins Gewicht, daß es weder eine leibliche noch eine geistige Ruhe gab. Die freien Stunden füllte die Befriedigung der unumgänglichen Notdurft des Körpers aus, Schularbeiten und Schulwege, und was davon übrigblieb, entbehrte bei meiner seelischen Gebrochenheit des Aufschwungs durchaus.
Die Eltern glaubten das Rechte zu tun, wenn sie uns beide zusammen und mich gleichsam in die Hut meines älteren Bruders taten. Carl saß bereits in der Tertia. Er war herzensgut, er war brüderlich, übrigens aber ein Nervenbündel, das unter denselben erregenden und ständig aufpeitschenden Umständen wie ich selber litt.
Er hatte es sicherlich schwer mit mir, der ich es ganz gewiß nicht leicht mit ihm hatte.  [...]
        
Zweiunddreißigstes Kapitel
Die Besuche, die mein Vater der Hauptstadt zuweilen abstattete, gingen durch den Glücksrausch, den sie jeweilen bei mir erzeugten, über den Wert solcher Muße- und Freistunden weit hinaus. Er pflegte sich niemals anzumelden. Wir stießen ganz einfach, Carl und ich, nach Schluß der Schule auf ihn am Schulportal. Dann stiegen wir meist gemeinsam in eine der klapprigen Breslauer Droschken, und nachdem wir die Bücher in der Feldstraße abgeladen hatten, landeten wir in einer Weinstube. Es traf wiederum zu, was ich schon gelegentlich der Warmbrunner und Teplitzer Reise an meinem Vater gerühmt habe, nämlich, daß er mit keinem Wort von der Schule sprach, uns ausfragte, rügte oder anspornte. Es war ein völlig erlöstes, heiter beglücktes familiäres Zusammensein, bei dem sich der Vater, der uns in der Speisekarte frei wählen ließ, an unserer Genußfreude weidete. Selige Inseln auf den stygischen Wassern meines Breslauer Zwangslebens waren die Ferien.
Wie der Frierende, der die Wärme, der Übermüdete, der die Ruhe, der im lichtlosen Raume Existierende, der das Licht, der Verschmachtende, der das Wasser sucht, strebte ich jeden Augenblick darauf zu. Ich, dessen schwächste Seite das Rechnen war, hörte nicht auf, Wochen, Tage, Stunden, Sekunden nachzuzählen, die mich vom Beginn der Ferien trennten, und durch Abstreichen mir zu tröstlichem Bewußtsein zu bringen, um wieviel geringer die Zeitspanne bis dahin geworden war. Der Ariadnefaden leitete den berühmten Helden Theseus glücklich aus dem Labyrinth. Nun, ich war keineswegs ein Held, aber das Labyrinth, zu dem ich verdammt war, eine Tatsache. Und dieses mein Drängen aus der Unterwelt dem oberen Lichte der Ferien zu hatte mit dem Segen eines selbstleuchtenden Ariadnefadens Ähnlichkeit, der also auch mir von den Mächten gewährt wurde.
Ich ließ ihn nicht aus den Augen, wo immer ich war. Er war mein sicherer Trost in den Wechselfällen verschiedener Grade von Dunkelheit. Legte ich mich des Abends in mein von Ungeziefer wimmelndes Bett, so gab der Gedanke mir Trost, daß ich beim morgendlichen Erwachen dem Besuch in der Heimat um acht Stunden näher gekommen sei. Jede zurückgelegte Schulstunde wurde im gleichen Sinne betrachtet und erfüllte mich mit Genugtuung. Ich versuche nicht, die Mannigfaltigkeit der Arten und Weisen zu erschöpfen, unter denen ich mir immer wieder aus der Vergänglichkeit ein und denselben Trost zu verschaffen wußte.
Sollte ich aber eines Tages erwachen in der ewigen Seligkeit, so kann das Glück nicht größer sein als am ersten Ferienmorgen im Elternhause. Noch im Halbschlaf, wenn der Frühchoral der Kurkapelle gedämpft zu mir drang, faltete ich – warum soll ich es leugnen? – unter Freudentränen die Hände.
Es gibt Weise, die leugnen, je eigentlich Glück empfunden zu haben, ja die meisten erklären, nicht einmal zu wissen, was es sei. Ich, der Unweise, weiß, was es ist, und habe es oft beseligt empfunden.

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

01 Juli 2015

Wolfgang Büscher: Drei Stunden Null

Wolfgang Büscher: "Drei Stunden Null. Deutsche Abenteuer", 1998, ist Büschers erste Buchveröffentlichung. Diese Sammlung von Reportagen hat zwar auch schon viele Qualitäten, reicht aber nicht an seine späteren Reiseberichte heran. 

Drei Stunden Null
Der erste Text "Der schöne Sommer" (S.7ff) handelt von der Schlacht um Breslau.

Auch ich war in Berlin (S.45-85)
"Rasend schnell, schneller als jeder andere, stürzt dieser Brocken Zeit [die Geschichte der DDR] in die Geschichte zurück, in die Schnurre, in die Hoffmanniade, die er immer gewesen war." (Auch ich war in Berlin, S.48)

"Das freie Land dehnte sich bis an die äußerste Kante der Hochhäuser heran. Westberlin war eine dunstige Wand, die ohne Vorwarnung, ohne ersichtlichen Grund aus dem Grasland aufstieg. [...] Berlin von innen war eine ignorante Insel und wollte von der Steppe nichts wissen. Berlin von außen war ein jähes Ereignis in einem leeren Land." (Auch ich war in Berlin, S.70)

Amerika!
Der letzte Flug der Betty Lou: Kampf zwischen von Italien kommender amerikanischer fliegender Festung und einem deutschen Jäger am 24.3.1945, unter Bezug auf das Kind Rudi Dutschke. (S.89-107)
Faust eins. Faust zwei: Konrad Henlein und Ferdinand Porsche, beide aus Maffersdorf an der Neiße, zwei unterschiedliche Schicksale. Beide mit einer selbst gewählten Lebensaufgabe (Sudetendeutschland nach Deutschland zu führen; Fahrzeuge zu konstruieren), die sie für einige Zeit für Hitlers Pläne arbeiten lässt. (S.100-107)
Porsche in Amerika: Ferdinand Porsche besichtigt amerikanische Autofabriken, insbesondere die von Henry Ford. - Bericht von Porsches (angeheiratetem Neffen*) Neffen Ghislaine Kaes: "Ford ist der einzige Große in den USA, der in seinen Werken, ohne Unterschied Neger und Weiße einstellt." (S.107-118)
* sieh: Aloisia Johanna Kaes (Stammbaum der VW-Dynastie)

Tief im Westen
Das Schicksal des Wuppertaler Metzgermeisters Karl Hans Rohn, genannt Charly, der sich nach dem Ende seiner geschäflichen Glanzzeit eine jüdische Herkunft andichtet und von einem Neonazi ermordet wird. (S.119-137)

Das Klavier in der Steppe (S.139-191)
Die Mennoniten, die aus ihrem Dorf an der Wolga aufbrechen, sind inspiriert von Jung-Stillings Roman "Das Heimweh" und biegen sich Bibelzitate so zurecht, dass sie zu ihrer Situation und ihren Hoffnungen passen.