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24 August 2018

Die Woche mit Frau Cresspahl: Über das Schicksal von Mrs. Ferwalter

„In Mauthausen wurde ich befreit“ (11. August 1968)

Kurz vor Gesine Cresspahls Abreise nach Prag wird das bislang nur angedeutete Schicksal ihrer Nachbarin Mrs. Ferwalter konkret. Ausgelöst wird die Erinnerung der Nachbarin, weil sie zu Maries Abschiedsgesellschaft „Passovergebäck“ mitbringen will und dessen Geschmack beschreibt – Marcel Proust lässt grüßen. „Wir haben es zuletzt zuhause gebacken im vierundvierziger Jahr.“ Mrs. Ferwalter stammt aus Transkarpatien, heute der westlichste Teil der Ukraine, mit dem Vertrag von Trianon kam das Gebiet 1920 zur Tschechoslowakei, nach deren Auflösung 1938 zu Ungarn. Zwischen April und Juni 1944 wurde die Bevölkerung aus diesem Gebiet deportiert, auch Mrs. Ferwalter, obwohl sie einen „katholischen Paß“ hat, „mit katholischer Religion“.
„Wir kamen nach Auschwitz. Ich war da acht Monate. Die meisten kamen gleich ins Krematorium. Viele von den Aufsehern laufen noch frei herum, und man staunt wo. So wie wir hier sprechen habe ich mit dem Mengele geredet.
Ich wurden selektiert ins Magazin als Einweiserin.“
Mit diesem „Vernichtungsvokabular“ (wie Alexandra Kleihues die kursiv gesetzten Begriffe nennt) beschreibt Mrs. Ferwalter ihr Leben in Auschwitz, das nur durch die Fürsprache der Geliebten der Leiterin des Frauenlagers „Frau Gräser“ gerettet wird. Denn als Mrs. Ferwalter einer Dreizehnjährigen Suppe bringt und von einer „Kapo“ verraten wird, sagt Gräser: „Sie werden jetzt erschossen. Rief einen Posten herbei.“ Gemeint ist vermutlich Irma Grese, die 1945 von einem britischen Gericht zum Tode verurteilte Aufseherin der Lager Ravensbrück, Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen, die als besonders brutal bekannt war. Mrs. Ferwalters Erinnerungen sind an die Zeugenaussage Magda Szabos vom 24. August 1964 im Frankfurter Auschwitzprozess angelehnt, die wie Mrs. Ferwalter in der Lagerküche arbeitete. [...]"

31 Juli 2018

Die Woche mit Frau Cresspahl: „Bedankmichbrief“ an Anita Gantlik

Am 21. Juli 1968 wird Marie Henriette Cresspahl elf Jahre alt. Zum ersten Mal feiert sie nicht mit einer Kindergesellschaft, sondern mit ihrer Mutter und D. E. Der hat den Geburtstag für sie ausgerichtet, denn „wenn wir Prag hinter uns haben“, wird ihre Mutter ihn heiraten, und sie müssen „es lernen zu dritt“. D. E., Anita als Erichson bekannt, wirft sich ordentlich ins Zeug. Er singt nicht nur das Lied, „mit dem in Mecklenburg die Geburtstagskinder geweckt werden: Ich freue mich, daß du geboren bist“. [...]

Als Anita Gantlik in die neunte Klasse der Fritz-Reuter-Schule eintritt, muss sie schon lange auf eigenen Füßen stehen. Mutter und Geschwister sind bei Kriegsende ums Leben gekommen, als Elfjährige wurde sie von drei russischen Soldaten vergewaltigt. Sie hat einen Vater, „der sie zurückließ in der bäuerlichen Knechtschaft und seinen Sold von der Polizei in Jerichow für sich behielt, als wünsche er der Tochter ein Verkommen und Verrecken“. Diesem Vater verdankt sie auch ihre Staatsbürgerschaft, denn der Nazi-Sympathisant hatte seine polnische Familie nach der Besetzung Polens zu „Reichsbürgern“ erklären lassen, „weil ihm das gefällt, wie deutsche Panzer ein deutsches Dorf flachlegen“.
Dennoch schafft Anita es auf die Oberschule in Gneez, und sie schafft es auch, aus der bäuerlichen Knechtschaft herauszukommen, denn sie übersetzt für die russischen Soldaten, auch während der Schulstunden. [...]
Als bei ihr im Alter von sechzehn Jahren eine verschleppte Gonorrhoe festgestellt wird, behandelt sie in der Seuchenbaracke eine Ärztin, „die konnte sie sich leicht vorstellen mit einem Hakenkreuz am Kittel. Denn Anita wurde angefahren, als sei sie schuld, weil eine andere zu Tage getreten war. […] Anita wurde beglückwünscht, weil sie davongekommen war ohne Schmerzen: – stellen Sie sich nicht so an.“ Diese Wort richten sich an eine Sechzehnjährige, deren Diagnose bedeutet, sie wird keine Kinder bekommen können. Anita läuft aus der Seuchenbaracke davon und liegt die ganzen Sommerferien über krank im Bett. Danach befreit sie sich vom Opfertum ihrer Tante, schließt ihr Zimmer ab und trägt Kleider erwachsener Frauen, „mit Stoffen aus Wolle und reiner Rohseide“, auf Annäherungsversuche reagiert sie kühl mit der Frage: „Wozu?“ [...]
Anitas Bekanntschaft mit Gesine verläuft zögernd und muss lange ohne das Geständnis einer Freundschaft auskommen. Anita fühlt sich fremd an der neuen Schule, zu ihren Mitschüler*innen sagt sie die falschen Dinge, und sie orientiert sich nicht an der eigenen Klasse, sondern an den Jahrgängen darüber: „Haben wir einander bekannt, als Freudinnen bestimmt zu sein? Wir haben uns gehütet.“ [...]
Erst als Anita 1952 nach Westberlin gegangen ist, gestehen Gesine und sie sich ihre Freundschaft, und Anita ist ihr eine gute Freundin:
Als Jakob zu Tode gekommen und begraben war, betrug Anita sich harsch zu mir, die Patin. Sie meinte, eine Anwesenheit auf dem Friedhof wäre mir nützlich gewesen.“
Zu Anitas Verdruss tritt Gesine aus der Kirche aus, wird Marie nicht getauft, doch das Patenamt für die vaterlose Tochter ihrer Freundin tritt sie trotzdem an, denn „wenn sie enttäuscht war und betrübt“ über die Nicht-Mitgliedschaft in der evangelischen Kirch, „so unsretwegen.“ Vor beider Umzug nach New York besuchen sie Anita in Westberlin, weil Gesine den „Emigranten aus karelischen Landen“ begutachten soll, der Anita heiraten will. Vor allem will die wissen, ob er die Kinderlosigkeit tatsächlich wird ertragen können, zu der ihre Geschlechtskrankheit sie verdammt hat. Das Urteil der Freundin fällt offensichtlich positiv aus, denn die Hochzeit mit Aggie Brüshaver als zweiter Trauzeugin und Alex im Konfirmationsanzug wird eine festliche Angelegenheit.
Marie dachte an Berlin noch lange als eine von windigem Sonnenlicht durchflutete Stadt, dahin fährt man zum Heiraten.“
(FAZ 28.7.18)

Die Woche mit Frau Cresspahl: Tanzstunde, Tagebuch, Irrungen, Wirrungen

"Im Frühjahr 1947 schwebt das Damoklesschwert des Erwachsenwerdens in Form von Tanzstunden über Gesine Cresspahl, die sich „zweimal in der Woche in einem Gneezer Hotel unterweisen lassen muss in bürgerlichen Balzritualen. Denn als bürgerliches Kind hat Marie Abs sie eingestuft und in Abwesenheit des Vaters darf sie zwar die Konfirmation, nicht aber die Etikette verweigern. So lange Heinrich Cresspahl nicht zurück ist, wird Gesine zu vornehmer Erziehung in Auftrag genommen“ und angehalten. Mit Erfolg: Die feine Gneezer Gesellschaft betrachtet sie als eine der ihren, auch wegen des schwarzen Mantels, den Marie Abs ihr hat schneidern lassen. Nur aus „Gehorsam gegen Frau Abs“ nimmt Gesine Cresspahl überhaupt an den Tanzstunden teil [...]  
Vor allem, wenn man ganz andere Sorgen hat, wie einen Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, dessen Rückkehr mit dem Tagebuch festgeschrieben werden soll. Dieses Tagebuch ist „nicht so recht“ eines, es ist eine Wortliste, zum Teil auf Russisch, verborgen vor Jakob und Marie Abs. Endlich erfahren wir, was es mit den Jahrestagen auf sich hat: „hier macht ein Schreiber in ihrem Auftrag für jeden Tag eine Eintragung an ihrer Statt, mit ihrer Erlaubnis, nicht jedoch für den täglichen Tag“. Eines der Worte ist Rips, das Material des Kleides aus Gesine Cresspahls New Yorker Gegenwart, an dem ihr Chef zu ihrer Pein meint den Welthandel erklären zu müssen. Im Wort-Tagebuch meint es aber ihre Lehrerin Bettina Riepschläger, die gleich nach Abitur und zweimonatigem Kurs auf Gesines Klasse losgelassen wurde. Da blond und hübsch, wird sie Jakob verschwiegen, genauso wie Rips nichts von ihm erfährt. Jetzt, da Anne-Dörte endlich zu den gräflichen Verwandten in den Westen gegangen ist, muss nicht gleich die nächste kommen, so denkt sie es sich wohl. 
(FAZ 7.7.18)
[...] Mitten im Schuljahr kommt es Anfang 1949 an der Fritz-Reuter-Oberschule zu einer kleinen Rebellion: Gesine Cresspahl und Pius Pagenkopf setzen sich gemeinsam an einen Tisch in der letzten Reihe! Sowohl der Zeitpunkt als auch die Geschlechterkombination sind aus Sicht der Mathematiklehrerin Habelschwerdt ein Unding – „allenfalls im vorderen Feld des Klassenraums können ein Mädchen, ein Junge nebeneinander geduldet werden“ – und so wird Direktor Kliefoth gerufen, um die Ordnung wiederherzustellen. Der aber lässt die beiden Unruhestifter Poe übersetzen, straft Lise für ihr hysterisches Kichern ab und gibt beiden die Note eins, was einer unausgesprochenen Zustimmung gleichkommt. Gesine und Pius sitzen weiter nebeneinander in der letzten Reihe und gelten „fortan als Liebespaar“, auch wenn sie es nicht sind. Die beiden haben einen stillschweigenden Pakt geschlossen, nicht von den eigentlichen Objekten der Begierde zu sprechen, beiden nützt der Status als Paar. [...]
Alles machen sie gemeinsam, aber sie werden nicht das Paar, für das die anderen sie halten, nicht, als Gesine bei Pius übernachtet, nicht in den gemeinsamen Ferien. Vielleicht ist der Grund, dass sie „einander nie die Hand geben“. Und Pius ergänzt im imaginären Gespräch„Aus Spaß Gesine, das war mir zu wenig.“"
(FAZ 21.7.18)

22 Juni 2018

Die Woche mit Frau Cresspahl: Auslassungen

„– Was hast Du mir noch verschwiegen?“ (9. und 12. Juni 1968)

Unter den vielen Interviewmethoden der Oral History gibt es eine, bei der am Ende Themen aufgegriffen werden, die im Interview nicht genannt wurden, als Korrektiv und Abgleich. Gesine Cresspahl steckt in einer erzählerischen Sackgasse, sie kann die Chronologie der Jerichow-Ebene nicht fortführen, denn sie kriegt „Cresspahl nicht los von den Sowjets“. Die Adressatin und zugleich das Korrektiv ihrer Erinnerungen, ihre Tochter Marie, wird nämlich in ihrer katholischen Privatschule zu einer zuverlässigen „Antikommunistin“ erzogen. Sie fürchtet zudem, Marie werde einer Reise in die Tschechoslowakei nicht zustimmen (die Voraussetzung für die eigene Reise nach Prag), sollte sie die Wahrheit über die Haft des Großvaters erfahren. Kommt der zurück, wird er ja berichten müssen, auch in den Erinnerungen seiner Tochter.
Ihr Lebensgefährte Dietrich Erichson rät, Marie lieber gut als gar nicht zu informieren, er traut ihr eine differenzierte Perspektive zu, trotz des Geschichtsunterrichts bei Schwester Magdalena. Als sie von einem Bekannten erfährt, dass die Mutter nach Prag reisen will, muss die nun endlich mehr erzählen, um den Haussegen wieder gerade zu rücken.
„– Also ich will zugeben es erging Cresspahl übel in der sowjetischen Haft. Gelegentlich. Schlimmer, als ich dir erzählen mochte.
– Hunger?
– Auch Hunger.
– Körperliche Verletzungen?
– Verletzungen unterschiedlicher Art.
– Es stieß ihm irrtümlich zu, Gesine.
– Es stieß ihm zu.“
Der Vater fehlt nicht nur während seiner Gefangenschaft, er fehlt auch in der erzählten Erinnerung als Augenzeuge, ohne ihn bekommt Gesine, seine Tochter, „nichts als dreizehnjähriges Dabeigewesensein“ hin, in dem die Sorge darum, Jakob Abs und dessen Mutter Marie auch noch zu verlieren, sehr präsent ist. Marie bekommt es „mitsamt der Unordnung“ zu hören, „die eine Wissenschaft von später darin angerichtet hat“. [...]
Marie aber wehrt sich gegen die Unterstellung ihrer Mutter, sie werde „Falsches“ mit deren Erinnerungen anstellen: „–Wart es ab, Gesine. Wart es ab.“ [...]

mehr und ohne die Auslassungen "[...]" in FAZ online

25 Mai 2018

Der Vergangenheit entkommen (oder nicht) - Die Woche mit Frau Cresspahl

Der Vergangenheit entkommen (oder nicht)

"Heinrich Cresspahl bekommt in Jerichow Besuch aus vergangenen Zeiten, Mrs. Ferwalter wird derweil in New York zur amerikanischen Staatsbürgerin und schafft sich so ein weiteres „Bollwerk gegen die Vergangenheit“. Sie feiert mit Marie und Gesine Cresspahl und fragt, ob denn der Film „Der fünfte Reiter ist die Angst“ nicht etwas wäre. Das verneint Gesine, die von den Stimmen der Toten nun darüber aufgeklärt wird, was mit dem Titel des Films gemeint ist."

"„Oft war sie mutlos, eine alte Frau, das Gehirn von zerpflügt von Nervenzucken und Schlaflosigkeit, nicht mehr zum Lernen imstande, und ließ sich trösten wie ein Kind. Wenn es uns nicht gelang, verabschiedete sie sich mit langem Händedruck, das Gesicht beiseite, ging traurig und ungelenk davon auf den Beinen, die die Deutschen und Österreicher ihr kaputt gemacht haben“.
Dennoch ist die Aussicht auf die offizielle Zugehörigkeit zum Gastland für Mrs. Ferwalter, die eine totale Schutzlosigkeit erfahren musste, ihr nicht nur „Vergnügen“, sondern auch „eine neue schützende Hülle, noch ein Bollwerk gegen die Vergangenheit“. Sie hat die behördliche Prüfung überstanden, „Stolz angenommen auf diesen Staat“ und feiert nun mit den Cresspahls. Denn die Erinnerung an die Vergangenheit, das Ausgeliefertsein, die Zerstörung ihrer Dorfgemeinschaft haben ein wenig an Schrecken verloren, weil „ihr nun ein Paß“ ihrer neuen Heimat zusteht.
„– Die Freude: sagt Mrs. Ferwalter, fast in Tränen. – Die Freude!“ "

"Nach ihrem Kinobesuch in der vergangenen Woche hatte Gesine Cresspahl vergeblich versucht, den Titel des Films „The Fifth Horseman Is Fear“ als englische Redewendung zu entschlüsseln. Die Stimmen der Toten in ihrem Kopf, darunter auch die Mutter Lisbeth, klären sie nun auf über die Verbindung mit der Apokalypse, indem sie die Offenbarung des Johannes in der Übersetzung der King James Bible vortragen. Den fünften Reiter aber, die Furcht, gibt es nicht in der Bibel, wohl aber für die Tschechen. „Für die sind die Deutschen alle vier Plagen der Apokalypse, und noch mehr als Raub und Krieg, Hunger, Pestilenz und Tod. Für die haben die Deutschen eigens einen fünften Reiter mitgebracht, die Angst.“ [...]"

Sieh auch:
Auslassungen

13 Mai 2018

Gesine Cresspahl und ihre Tochter Marie streiten über mögliche Lösungen durch Protest.

"Ab dem 23. April 1968 besetzen die Studierenden der Columbia-Universität erst die Baustelle ihres neuen Sportzentrums in Morningside Park, dann fünf Gebäude der Universität und das Büro des Präsidenten Grayson Kirk. Der hatte bereits im März Demonstrationen auf dem Campus verboten und behauptet, die Studierenden seien dem Nihilismus anheimgefallen. Die Proteste richten sich zum einen unter dem Schlagwort „Gym Crow Must Go“ – einer Anspielung auf die rassistischen, als „Jim Crow“ bekannten Segregationsgesetze – gegen den Bau eines exklusiven Sportzentrums im Morningside Park, das den mehrheitlich afroamerikanischen Bewohner*innen Harlems ein wichtiges Erholungsgebiet nehmen würde.  [...]
Gebaut werden solle das Sportzentrum am Riverside Drive, findet Marie, und zusätzlich ein Schwimmbad im Morningside Park durch die Stadt. Zu ihrem Erstaunen ist die Mutter einverstanden mit ihrer Sicht auf die Dinge. Beim Urteil über die Mitarbeit von Wissenschaftler*innen bei der IDA hingegen bewertet die Mutter alle Proteste als hoffnungslos verspätet. Marie muss zugeben, dass es sich um Angehörige der weißen Mittelschicht handelt, tatsächlich hatte der SDS keinen Kontakt zu den ca. 70 afroamerikanischen Studierenden an der Columbia. Die Tochter will sie davon überzeugen, mit ihr zur Universität zu laufen und die Studierenden zu unterstützen. Sie kann nicht verstehen, dass die Mutter sich für „Sozialismus in einem fremden Land“ mit kapitalistischen Mitteln einsetzt und nicht in der Gesellschaft, die ihr zur Heimat geworden ist. Für Marie ist Protestieren wie Handeln im Arendtschen Sinne Veränderung, ihre Mutter ist skeptischer, als Grund nennt sie ihre Erfahrungen:
„Vielleicht habe ich zu lange an der Politik gelernt und kann es nun nicht mehr anwenden.“
Gesine Cresspahl wäre eine Angehörige jener mittleren Generation der Jahrgänge 1909 bis 1934 gewesen, wie jene Deutschen aller Schichten, mit denen 1968 Interviews an der Universität Bonn geführt wurden, die Christina von Hodenberg in ihrer gerade als Buch erschienenen Studie „Das andere Achtundsechzig“ ausgewertet hat. " (FAZ 5.5.18)

22 Dezember 2017

Uwe Johnson: Jahrestage ("Republikflucht")

"Der Junge, „den ihr aus Ostdeutschland holen wollt“ (18. Oktober und 14. Dezember 1967)
Im Oktober 1967 besorgt Gesine Cresspahl einen belgischen Pass für einen jungen Ostdeutschen. Ein Amerikaner wird ihn in Berlin ihrer Schulfreundin Anita Gantlik übergeben, die seit dem Mauerbau in Berlin als Fluchthelferin tätig ist. Der zwanzigjährige Enkel ihrer Nachbarn, jüdischer Emigranten aus Belgien, gibt seinen Pass her. Henri J. Faure „macht mit, aus Gründen, die er für politisch hält“, seine Großeltern denken, es geschehe „der Judenheit zuliebe“. "
mehr dazu in Birte Försters Blog DieWoche mit Frau Cresspahl

08 Dezember 2017

Napalm und ein Brief aus der DDR - Uwe Johnson: Jahrestage


von Birte Förster 


"Die Dow Company verteidigt an der New York University den Einsatz vom Napalm, und das Russell-Tribunal befindet die Vereinigten Staaten des Völkermordes für schuldig. Gesine bekommt Post aus ihrer Vergangenheit, spricht der Tochter Erinnerungen aufs Band, und die findet sich in der New Yorker U-Bahn trotz Fahrplanwechsels bestens zurecht." (2.12.17 faz.net)

mehr dazu

01 Dezember 2017

Ein Parlament schafft sich ab - Johnson Jahrestage

Ein Parlament schafft sich ab

"Das Deutsche Reich 1933, von Richmond aus betrachtet (24. November 1967)
Gleich nach der Taufe seiner Tochter Gesine reist Heinrich Cresspahl zurück nach Richmond, um dort seinen Betrieb aufzulösen: Er nimmt keine Aufträge mehr an und provoziert den Besitzer sogar mit deutschtümelnden Aussagen zu einem Streit, doch der „nannte es einen Jammer, daß England den Mosley verkenne. Der Mosley war der Führer der britischen Faschisten.“ Weil es nicht zu einer „Kündigung aus Wut“ kommt, muss Cresspahl seinen Vertrag regulär bis zum November erfüllen und kann so von außen auf die Entwicklungen in Deutschland blicken.
„Dies waren Angebote, die die deutsche Reichsregierung Herrn Heinrich Cresspahl, Richmond/England, für den Fall seiner Rückkehr noch nachträglich unterbreitete“: Wie der Kehrvers einer Litanei kehrt diese Formel in dem Kapitel wieder, in dem Johnson Schritt für Schritt auflistet, wie sich innerhalb weniger Wochen nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 die NS-Diktatur etabliert.  [...] Allein im März und April 1933 wurden rund 10.000 Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen verhaftet."

10 November 2017

Ein Kanzler mit NS-Vergangenheit (zu Johnson: Jahrestage)

Ein Kanzler mit NS-Vergangenheit  von Birte Förster (http://blogs.faz.net/cresspahl/)
In New York trifft Gesine Cresspahl auf Uwe Johnson, in Jerichow ihr Vater Heinrich auf die missbilligende Frau des Pastors, in Rande wird ein Mann namens Voss von Nazis erschlagen. Über die Entgrenzung von Gewalt und die Unfähigkeit eines Schriftstellers, Kiesinger und dessen Regierungssprecher, Freund aus dem NS-Außenministerium, zu erklären. [...]
Im Januar 1967 ist Gesine Cresspahl Zeugin, wie der „Schriftsteller Johnson“ bei einer Veranstaltung des American Jewish Congress daran scheitert, die Wahl Kurt Georg Kiesingers zum Bundeskanzler zu kommentieren. Sie beobachtet, wie sich erst Technik und fremde Sprache, dann auch das Publikum gegen ihn wenden, als er umständlich nach Erklärungen sucht. Geschichtsvergessenheit als Argument seiner Kritik an der Deutschen Regierung kam bei seinen Zuhörer*innen nicht gut an. Der gutmeinende Schriftsteller „hatte noch nicht begriffen, daß Zeit und Adresse ihm die Schuldlosigkeit des Fremdenführers aus der Hand genommen hatten“. Mit der Blauäugigkeit dieser Annahme konfrontiert das Publikum seinen Gast bei der Diskussion. Angesichts der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie ist für sie ein Vergessen nicht möglich:
„Und sie sagten: Meine Mutter. Theresienstadt. Meine ganze Familie. Treblinka. Meine Kinder. Birkenau. Mein Leben. Auschwitz. Meine Schwester. Bergen-Belsen. Mit siebenundneunzig Jahren. Mauthausen. Im Alter von zwei, vier und fünf Jahren. Maidanek.“

29 September 2017

Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl
Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson


"Es gibt nichts Älteres, heißt es, als die Zeitung von gestern. Doch das kommt darauf an. Als der Schriftsteller Uwe Johnson im Sommersemester 1979 Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt war, erzählte er von seiner Zeit in New York und der Suche nach Material. Während seine Kollegen – Johnson war Angestellter eines Schulbuchverlags – auf einen Schlüsselroman im Verlagswesen hoffen, grast er 1966 und 1967 New York und dessen unmittelbare Umgebung nach etwas ab, wovon er selbst nicht weiß, was es sein kann. „Fast war das vereinbarte Jahr vorüber“, als Johnson am 12. April 1967 auf Gesine Cresspahl stößt: „Ob sie wohl in Restaurants in ihrem Mantel sitzt? die Brille im Haar traegt?“. In der nächsten Woche habe er sie dienstags in Richtung Sixth Avenue gehen sehen. „Meine Damen und Herren, Sie werden mir vorhalten, sicherlich sei ich der einzige gewesen auf der ganzen 42. Strasse einer Gesine Cresspahl zu begegnen“. Doch keine andere aus seinem erzählerischen Kosmos habe dort gehen können und nirgendwo hätte das „Mecklenburger Kind, aufgewachsen eine Stunde Fußweg von der Ostsee“ anders wohnen können als am Riverside Drive an der Westküste Manhattans, dort wo Johnson selbst lebte.
Dank der Rockefeller Foundation blieb Johnson noch bis zum August 1968 in New York. Vom 29. Januar an schrieb er an den „Jahrestagen“, die (undatiert) am 20. August 1967 an der Küste New Jerseys beginnen [...]
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"Nur wer Heimat ausschließlich mit Herkunft verknüpft, kann sie allein für die Herkommenden beanspruchen und sie den Ankommenden nicht gewähren wollen – gedanklich wie tatsächlich. Kann ausgrenzen, markieren und herabsetzen. Doch nicht einen Roman kann man in die Hand nehmen, kein Musikstück hören, keine Reise unternehmen, nicht eine Freundschaft pflegen, ohne zumindest eine Ahnung vom Glück einer Heimat des Ankommens zu haben." (Heimat als „Ort des Ankommens“)

Heimat als Ort des Ankommens“ ist im Deutschen nicht die naheliegendste Assoziation,
man kennt sie aber in der Redewendung des "Sichbeheimaten".

27 September 2017

Johnson: Jahrestage 22. September

22. September, 1967    Freitag
– Mrs. Cresspahl? Mrs. Cresspahl! Wie schön, Mrs. Cresspahl. Ich meine: daß wir uns nun telefonisch kennen lernen. Brewster. Ich meine: Mrs. Brewster, die Gattin. Die Gattin von Dr. Brewster. Ist Ihre Tochter da? Sehen Sie, sie ist nicht da. Sie ist unterwegs, sie kommt, aber sie ist nicht bei Ihnen, stimmts? Hier ist sie auch nicht. Sie war hier, ich meine: sie war nicht gleich hier. Sie war erst in der Praxis von Dr. Brewster an der Park Avenue, aber da war nur Miss Gibson, ja wie das Getränk, und ließ den Hausmeister die Geräte einpacken. Miss Gibson war ein bißchen in Tränen, ich wundere mich immer, meinen Mann mögen ganz unglaubliche Leute leiden, [...]

– so ein höfliches Kind, Mrs. Cresspahl ich beglückwünsche Sie, das war gewiß ihr Sonntagskleid, eine richtige Dame, Sie müssen mir die Adresse von der Schule sagen, wissen Sie meine Töchter so auf dem Lande, es kann ja teuer sein, wir denken nämlich an einen Umzug nach New York, Dr. Brewster bleibt mindestens zwei Jahre in Viet Nam, in Danang, oder Danghoi, gibt mir einer eine Landkarte, also Ihr Kind sieht sich um in unserer Suite, das Biltmore gibt mir immer eine Suite, sie hat nach Dr. Brewster gesucht, nicht wahr, und ich erkläre ihr daß wir ihn nach Newark gebracht haben und daß wir nach New York ziehen und ob sie lieber Cola will oder Sprite, es soll ja bessere Tests haben, und Ihre Tochter sieht mich an, wissen Sie, ich saß auf dem Sofa, Ihre Tochter sah mich an, so auf eine stille Art, als ob sie mich versteht in meinem Kummer, als ob sie es mir ansieht, und was soll ich Ihnen sagen Mrs. Cresspahl, sie dreht sich um, auf dem Absatz dreht sie sich um, weg ist sie, ich war noch auf dem Korridor, sie hätte ja bleiben können, so war es nicht gemeint, weg war sie, so ein taktvolles Kind, Mrs. Cresspahl, und so mutig, jetzt am Abend in der Ubahn, ich bin seit zehn Jahren nicht in der Ubahn gewesen, alle diese Betrunkenen und Neger und Ritualmorde, Sie müssen uns besuchen, ich gebe Ihnen meine Nummer, und natürlich darf Ihre Tochter an Dr. Brewster schreiben, die Briefe gehen dann über mich, und ich möchte Sie beglückwünschen zu einer solchen Tochter, ich rufe dann an Mrs. Cresspahl. Mrs. Cresspahl! Mrs. Cresspahl ich sagte nur noch: Besser rufen nicht Sie mich an. Ich rufe dann Sie an. Es war ein Vergnügen. Ich bin entzückt.

Heute will uns die New York Times endlich das letzte Problem im Gemüt von Swetlana Dshugashwili, Darstellungskünstlerin, zur Prüfung vorlegen: Kann, was gut ist, jemals vergessen werden?

22. September, 1967    Freitag
– Mrs. Cresspahl? Mrs. Cresspahl! Wie schön, Mrs. Cresspahl. Ich meine: daß wir uns nun telefonisch kennen lernen. Brewster. Ich meine: Mrs. Brewster, die Gattin. Die Gattin von Dr. Brewster. Ist Ihre Tochter da? Sehen Sie, sie ist nicht da. Sie ist unterwegs, sie kommt, aber sie ist nicht bei Ihnen, stimmts? Hier ist sie auch nicht. Sie war hier, ich meine: sie war nicht gleich hier. Sie war erst in der Praxis von Dr. Brewster an der Park Avenue, aber da war nur Miss Gibson, ja wie das Getränk, und ließ den Hausmeister die Geräte einpacken. Miss Gibson war ein bißchen in Tränen, ich wundere mich immer, meinen Mann mögen ganz unglaubliche Leute leiden, und eine Freundin von ihr hat einen Verlobten, der hat einen Bruder in Viet Nam, der hat ein Foto geschickt, da hat er so eine Kette von abgeschnittenen Ohren von Viet Congs schräg über der Schulter, und ich habe gesagt Unsinn, erstens sind wir eine zivilisierte Nation, und zweitens werden die Viet Cong nicht Rache an Ärzten nehmen, erst recht nicht an meinem Mann, den mögen ganz unglaubliche Leute gern, sagte ich, aber ich war ja nicht da, ich war schon im Biltmore, wir wohnen doch in Greenwich, Connecticut, kennen Sie Greenwich, Mrs. Cresspahl?

Der Außenminister hat seine Tochter einen Neger heiraten lassen, der überdies Leutnant der Luftwaffenreserve ist und sich um Verwendung in Viet Nam beworben hat.

– Sie müssen uns besuchen in Greenwich, natürlich wenn wir unseren Schmerz verwunden haben, zusammen mit Ihrer Tochter, ein Kind das ich behalten würde, so wie sie Miss Gibson getröstet hat und beim Einpacken half und mit einem Mal gegangen war, ein bescheidenes Kind sagt Miss Gibson, Miss Gibson rief hier an, lassen Sie doch das Gespräch durchstellen sagt sie, wir haben nämlich nichts mehr angenommen, ich bin hier mit meinen beiden Töchtern, sieben und neun Jahre, reizende Kinder, Sie müßten sie sehen, wir können es noch gar nicht fassen, Dr. Brewster, ein Arzt und doch so angesehen, wie er in Newark ins Flugzeug stieg, schon ganz Soldat, und übermorgen ist er in San Francisco und im Oktober in Viet Nam, schrecklich, und diese Flüchtlingskinderlager sollen durchaus unhygienisch sein, wenn er sich nun ansteckt, aber das ist eben unser Beitrag, die Pflicht gegenüber dem Vaterland, das muß auch Ihre Tochter verstehen, es kommt eine Patientin, zehn Jahre, sie will ihn noch einmal sehen, Dr. Brewster, vorher: sagt Miss Gibson.

Seit 1961 sind in Viet Nam, ungefähr, insgesamt 13 365 Bürger der U. S. A. in Kampfhandlungen gefallen.

– so ein höfliches Kind, Mrs. Cresspahl ich beglückwünsche Sie, das war gewiß ihr Sonntagskleid, eine richtige Dame, Sie müssen mir die Adresse von der Schule sagen, wissen Sie meine Töchter so auf dem Lande, es kann ja teuer sein, wir denken nämlich an einen Umzug nach New York, Dr. Brewster bleibt mindestens zwei Jahre in Viet Nam, in Danang, oder Danghoi, gibt mir einer eine Landkarte, also Ihr Kind sieht sich um in unserer Suite, das Biltmore gibt mir immer eine Suite, sie hat nach Dr. Brewster gesucht, nicht wahr, und ich erkläre ihr daß wir ihn nach Newark gebracht haben und daß wir nach New York ziehen und ob sie lieber Cola will oder Sprite, es soll ja bessere Tests haben, und Ihre Tochter sieht mich an, wissen Sie, ich saß auf dem Sofa, Ihre Tochter sah mich an, so auf eine stille Art, als ob sie mich versteht in meinem Kummer, als ob sie es mir ansieht, und was soll ich Ihnen sagen Mrs. Cresspahl, sie dreht sich um, auf dem Absatz dreht sie sich um, weg ist sie, ich war noch auf dem Korridor, sie hätte ja bleiben können, so war es nicht gemeint, weg war sie, so ein taktvolles Kind, Mrs. Cresspahl, und so mutig, jetzt am Abend in der Ubahn, ich bin seit zehn Jahren nicht in der Ubahn gewesen, alle diese Betrunkenen und Neger und Ritualmorde, Sie müssen uns besuchen, ich gebe Ihnen meine Nummer, und natürlich darf Ihre Tochter an Dr. Brewster schreiben, die Briefe gehen dann über mich, und ich möchte Sie beglückwünschen zu einer solchen Tochter, ich rufe dann an Mrs. Cresspahl. Mrs. Cresspahl! Mrs. Cresspahl ich sagte nur noch: Besser rufen nicht Sie mich an. Ich rufe dann Sie an. Es war ein Vergnügen. Ich bin entzückt.

Heute will uns die New York Times endlich das letzte Problem im Gemüt von Swetlana Dshugashwili, Darstellungskünstlerin, zur Prüfung vorlegen: Kann, was gut ist, jemals vergessen werden? (22.9.1967)

»Ich hatte in der Zwischenzeit einen Besuch in den Vereinigten Staaten von Amerika gemacht und muß meinen Gastgebern sehr danken dafür, daß sie meinen Aufenthalt für länger nötig hielten als bloß für drei Wochen, denn ich verfiel damals, 1961, in den üblichen Fehler, begriff in der ersten Woche gar nichts, in der zweiten Woche fast alles, und war am Ende der dritten Woche sicher, die ganze Sache Amerika, jedenfalls Nordamerika, in der Tasche zu haben. Das ist jener Zeitpunkt, in dem die Leute für gewöhnlich ihr Amerika-Buch schreiben – oder zumindest ihre Amerika-Erzählungen. Ich durfte also länger bleiben und mir den Eindruck erwerben, daß dieses Land überhaupt nicht zu begreifen ist.« (Uwe Johnson)

Ich danke dem Suhrkamp-Verlag, der mir über (jahrestage@suhrkamp.de über mail7.suw11.mcdlv.net) die ersten Tage der Jahrestage zugesandt hat.
Ich habe das benutzt, um daraus eine kleine Einführung in diesen vierbändigen Roman 
(1892 S.) zu gestalten. Der Verlag teilt mit "Aufgrund des großen Erfolgs dieser Jubiläumsaktion ist der Jahrestage-Schuber derzeit leider vergriffen." 
Ich habe meinerseits  wieder meine Ausgabe konsultiert, mir wieder eine Reihe von Fernsehsendungen, die ich früher aufgenommen habe, und Bernd Neumanns Biographie "Uwe Johnson" vorgenommen und dankbar auf Rolf Michaels "Kleines Adressbuch" zu den Jahrestagen sowie Johnsons "Begleitumstände" zurückgegriffen.
Hinweisen darf ich außer auf den Wikipediaartikel auch auf den Artikel im ZUM-Wiki zu Uwe Johnson, wo dessen Hommage an Fontanes Schach von Wuthenow vorgestellt wird. 
Hier geht's zur Umfrage des Suhrkamp Verlags zum Jahrestage-Abo. 

Dem Suhrkamp Verlag verdanke ich auch den Hinweis auf  Manfred Bierwischs Erinnerungen bei Youtube. 
Außerdem möchte ich auf Johnsons Kurzbiographie und den Kurzfilm anlässlich Johnsons 80. Geburtstag bei Youtube aufmerksam machen.

Die FAZ bietet an:  Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

26 September 2017

Johnson: Jahrestage 21. September

21. September, 1967    Donnerstag
Unser Haus am Riverside Drive hat einen anderen Eingang im Keller, wo die 96. Straße den Damm unterläuft, unvermutet eine bleigraue Tür nach den offenen Höhlen der drei Garagen, vor dem schwärzlichen Ansatz der Brücke, die Öffnung eines Ganges zwischen geknickten Wänden. Hinter der offenen Tür, die heute näßliches braunes Laub aus dem Park eingesogen hat, sind alle verschlossen: die zur inneren Feuertreppe, die zu den Fahrstühlen, die übrigen, hinter denen Werkzeug und Müllofen stecken. Heute abend ist Mrs. Cresspahl der niedrige Gang zu eng, drückt sie ohne Geduld auf den Knopf, der Mr. Robinson nach unten rufen soll: nicht weil sie eingeregnet ist, nicht weil sie mit Einkaufstüten in beiden Armen schlecht sich wehren könnte: an einem solchen Gang (berichtet die New York Times)
im Keller eines Hauses an der 181. Straße West [...] fand der Verwalter, Mr. Hartnett, gestern zwei Kabinenkoffer, laut Anhänger »Eigentum von Anne Solomon«. Ihr Witwer wußte von solchen Koffern nichts und stellte Mr. Hartnett frei, sie zu öffnen. Der eine war leer. Im anderen befanden sich die Leichen von drei Kindern, eingeschnürt in Dachpappe und Abendzeitungen vom Januar 1920, März 1922 und Oktober 1923, so gut wie Mumien erhalten. Nach Mr. Solomon, der seine Anne erst 1933 geheiratet hat, ist sie vorher Dienstmädchen in White Plains gewesen. Den Koffer kann sie erst 1935, nach dem Einzug in die 181. Straße, heimlich untergestellt haben, um darüber noch bis 1954, zu ihrem eigenen Tod zu leben.

– Eine amerikanische Mutter: sagt Mr. Robinson, denn er bemerkt Mrs. Cresspahls Blick auf die Daily News, die auf dem Hocker neben ihm im Fahrstuhl ausgebreitet ist. Er steht mit dem Gesicht zum Gitter, während er sie aus dem untersten Geschoß nach oben fährt. – Eine amerikanische Mutter: sagt er mit seiner dünnen harten spanischen Stimme: das erste Mal mit 14, dann mit 16, dann mit 17 Jahren, und hat doch noch mit 27 geheiratet. Was hatte sie Jacob Solomon zu sagen?
Mr. Robinson, »Robinson mit dem Profil des Adlers«, seit zwei Jahren einer der drei Fahrstuhlführer in diesem Haus, begann bald Mrs. Cresspahl zu grüßen mit Äußerungen, die klangen wie Auff’iddesen oder gudnmong’, und fand sich widerwillig ab mit ihren englischen Antworten. Mr. Robinson hat Jugendjahre in Deutschland verbracht. Er glaubt diese Ausländerin verstanden zu haben. [...]
Er geht Mrs. Cresspahl aus der Kabine voran und tippt auf ihren Klingelknopf, bis Marie die Tür aufzieht, heute nur bis zum Spielraum der Kette, vorsichtig und nicht ganz erleichtert bei seinem Anblick.
Es wurde gemacht wie du gesagt hast: verspricht er dem Kind, das ihn mit einem erinnernden, wartenden Blick aufhält: Wir haben nachgesehen. Puedes estar segura. En nuestra casa no hay cementerio* particular.
Im Umwenden zwinkert er Mrs. Cresspahl zu. Mitten im Zwinkern hebt er die Hand und betupft sich die Haut im linken Augenwinkel, mehrmals, mit behutsamen Fingern, wie immer, wenn wir sicher glauben daß er lügt. (21.9.1967)

*Friedhof

25 September 2017

Johnson: Jahrestage 20. September

20. September, 1967    Mittwoch
Gestern oder übermorgen vor sechsunddreißig Jahren bekam Papenbrocks jüngste Tochter die Einladung, Leslie Danzmann in Graal zu besuchen. Ihre Betten hatten in der rostocker Töchterschule Kopf an Kopf gestanden, und Leslie Danzmann machte tatsächlich Ferien in Graal. Sie war die Witwe eines Marineoffiziers, und von seiner Pension konnte sie nur die Nachsaison an der Ostsee bezahlen. Leslie Danzmann war gern gefällig.
Die Freundin aus Jerichow kam nach dem Frühstück in Graal an und schrieb im Speisesaal des Kurhauses Strandperle Ansichtskarten bis in den späten Nachmittag. Leslie sagte ihr die Ausflüge vor: Moorhof, Wallensteins Lager, Gespensterwald, Forsthaus Markgrafenheide. Als sie wieder auf dem Bahnsteig im Wald standen, umarmten sie einander unverhofft, ein ländliches Mädchen in einem zu groß karierten Jackenkleid und eine bleichhaarige Dame im Tennisdreß, beide überschwenglich, die eine wegen des Freundinnendienstes, die andere, weil sie die Ledige nicht hatte warnen mögen. Dann ging sie zur Post, setzte ihre Unterschrift auf die erste Karte an Papenbrock und steckte sie ein.
[...]
 Sie wollte gar nicht ihre Eltern hintergehen; sie wollte ein Geheimnis nicht ausliefern.
Am nächsten Morgen fuhr sie mit der Straßenbahn nach Fuhlsbüttel, holte den bestellten Flugschein ab, stieg in die londoner Maschine, landete in Bremen, landete in Amsterdam, landete neun Stunden später in Croydon bei London, und ließ sich in einer offenen Autodroschke nach Richmond fahren, eine mitgenommene, aufgeregte Touristin, die leicht offenen Mundes auf die vom Dunst des Nachmittags beschwerten rötlichen Straßenfarben starrte, fast überrascht, daß das New Star and Garter Hotel nicht nur in Griebens Reiseführer stand sondern auch am Richmond Hill (acht Schilling. Zwanzig Prozent Arbeitslose in England). Als der Chauffeur über das Trinkgeld verärgert abfuhr, wäre sie ihm am liebsten nachgelaufen. Sie wollte hier nicht mit Fehlern beginnen.
Es war schon dunkel, dicke aschige Nacht, als sie auf dem Hof vor Cresspahls Werkstatt stand. Sie ließ sich Zeit, ihm bei der Arbeit zuzusehen, einem derben Kerl in einem Hemd ohne Kragen, der seit Tagen nicht gegen seine gelben Bartstacheln angegangen ist und leise fluchend mit schweren Zwingen hantiert. Manchmal zwinkerte er in Gedanken, so allein glaubte er sich. Als er endlich mit einer Pfeife vor die Tür trat, konnte er ihr Gesicht nicht erkennen, und erkannte sie.
Sie waren sehr gerührt. Alle Worte, die er ihr über das Haus und über Salomon und über Richmond angeboten hatte, nahmen unverzüglich für sie die Gestalt seiner Treppe, seiner Küche, seines Zimmers und der Gaswerkschornsteine vor dem Fenster an. Sein Besuch in Jerichow nahm unaufhörlich an Wirklichkeit zu. Schon ängstigte sie sich davor, ihn zu verlieren; sie wünschte sich, vor ihm zu sterben.
Cresspahl war erschrocken. (Es war ihm nicht um das Geld, das sie auf diese Reise geworfen hatte; ihm war unbehaglich, da sie sich geeinigt hatten auf sparsames Wirtschaften.) Er war erschrocken über die Einfälle, die er nach diesem von ihr gewärtigen mußte. Ihm war unheimlich, wie blind sie sich in einem Schritt, in einer Zeit mit ihm glaubte; wo ihn noch Fremde und Entfernung scheuerten, bemerkte sie keinen Abstand mehr. Sie kam ihm vor wie das Kind, das beim Eierlaufen vor Überschwang vergißt, das auch die Spielgefährten die zerbrechliche Last ganz, zur Not mit feindseligen Tricks, ins Ziel bringen wollen; er fühlte sich verpflichtet, auch noch dafür zu sorgen, daß sie heil ankam. Jetzt war er ihr nicht nur durch sein Alter überlegen. Sie machte sich abhängig. Das hatte er nicht gewünscht. [...] (20.9.1967)

24 September 2017

Johnson: Jahrestage 19. September - Was Gesinde für Marie tut oder: Klassenschranken

19. September, 1967    Dienstag
Für dein Kind, Gesine Cresspahl, mußte es gleich ein privater Kindergarten sein, und es machte dir nichts aus, daß er veranstaltet wurde in einer Kirche, die Gott von einem Rockefeller zum Andenken an seine Mutter gestiftet war, in geräumigen, sauberen Klassenzimmern hoch über dem Riverside Park und dem Hudson, mit Erzieherinnen, denen es nicht an Lohn fehlte zur Geduld mit den Kindern des Mittelstands, Mrs. Jeuken, Mrs. Davidoff, die Marie glauben machten an eine Welt, in der Freundlichkeit und Mangel an Neid und Gehorsam sich auszahlen, dafür legtest du dich krumm mit anderthalb Monatsgehältern, und deine Entschuldigung war »sie soll es bequem haben beim Lernen der fremden Sprache«. Sollte dein Kind nicht Ansprüche lernen?

Die Briten haben den Sowjets ihren entlaufenen Physiker zurückgegeben. Jetzt sind beide Seiten noch darin einig, daß er ein kranker Mensch ist, und beide Mächte halten einander Mangel an Benehmen vor.

Dein Kind, Gesine Cresspahl, kam aber mit sechs Jahren immer noch nicht in eine städtische Schule, in einen der schäbigen Ziegelkästen, die stinken nach fiskalischem Geiz, in überfüllte Klassen, in denen die Kinder der Armen die Streite ihrer Eltern ausschlafen, in denen unterbezahlte Lehrer mehr auf die eigene Verteidigung bedacht sein müssen als auf den Unterricht, in eine Welt, in der Hieb gilt und Stich und Schlag. Gefielen dir nicht die zerbrochenen Bänke, die stinkenden Toiletten, die öden Zementhöfe hinter deftigem Maschendraht? Oder sollte das Kind nicht Lernen entbehren vor Streiks wie diesem seit sechs Tagen, der heute vier Fünftel der Lehrer von New York von den Schulen fernhält, in dem es nicht nur um ihre Gehälter geht sondern um neue Schulen, kleinere Klassen, disziplinarische Rechte gegen aufsässige Kinder? Sollte in einer Schule für Marie nicht die Polizei erscheinen und Abgesandte der farbigen Bevölkerung aus dem Gebäude prügeln? Gibt es für dich Kenntnisse, vor denen du dein Kind bewahren willst?

»Als Polizist Clarke mit verbundenem Kopf vom Flur heruntergeführt wurde, riefen einige der weiblichen Demonstranten: ›Hoffentlich wirst du sterben!‹«
[...]
Und dein Kind, Mrs. Cresspahl, geht zu den ärztlichen Untersuchungen nicht in eine städtische Klinik, muß nicht warten auf den verwanzten vergammelten Korridoren neben Blutenden, Bewußtlosen, Schwachsinnigen; dein Kind fährt zu einer Praxis an der Park Avenue, angemeldet wie eine Dame, begrüßt wie eine Freundin, ein Besuch fünfzehn Dollar, eine Blutzählung vierzig Dollar. Dein Kind kennt seinen Arzt bei Namen, schreibt ihm Briefe, wagt mit ihm zu telefonieren. Der Arzt deines Kindes hat seine extravaganten Zensuren nicht erworben an einer staatlichen Universität sondern an der von Harvard, und zu deinem Kind kommt der Arzt ins Haus. Wo gibt es das, ein Arzt in New York, jährlicher Umsatz über hunderttausend, kommt bei ein wenig Fieber ins Haus und beschließt die Behandlung mit einem uneiligen Gespräch, locker und müßig auf seinem Stuhl, nicht der freiberufliche Unternehmer, fast ein Freund bei privater Visite? Für dein Kind ist dir das Beste eben genug, Mrs. Cresspahl? Warum für dein Kind? Du hast auch Post, Gesine.

Liebe(r/s) Herr / Frau / Frl. Cresspahl
Ich bin plötzlich und kurzfristig zum aktiven Militärdienst einberufen worden. Bitte regeln Sie offenstehende Rechnungen mit meinem Rechtsvertreter. Seien Sie versichert, daß ich Sie benachrichtige, wenn ich zurückkomme …

Washington, 18. Sept. (AP)
Nach einer heutigen Mitteilung des Verteidigungsministeriums sind die folgenden Männer im Kampf in Viet Nam getötet worden: Leutnant William D. Huyler der Jüngere aus Short Hills, New Jersey; Fachsoldat 4. Grades Harald J. Canan aus Oceanside, Long Island; Gemeiner Laifeit Grier aus Brooklyn: von der Armee; Gefreiter James P. Braswell aus der Bronx und Gemeiner Robert C. Wallace aus Plattsburgh, New York: vom Marineinfanteriekorps. (19.9.1967)

22 September 2017

Johnson: Jahrestage 17. - 18. September

"[...] Cresspahl, zurück in London zu Beginn der 36. Steuerwoche 1931, richtete sich allen Ernstes auf ein Leben mit Papenbrocks jüngster Tochter ein. Die beiden Gesellen, mit denen er für gewöhnlich die Tischlerei unterhielt, sahen ihn nun öfters auf dem mit Hinterhöfen umbauten Hof stehen, den Blick gegen das Ziegelpflaster oder gegen den Schornstein des Gaswerks von Richmond, die Hand im Nacken, tief im Überlegen, ohne je den Kopf über sich zu schütteln. Da sie aber beide länger als ein Jahr für ihn und meistens neben ihm gearbeitet hatten, wiesen sie einander nur mit Lächeln hin auf den Alten, der in der Hitze stand wie ein Blinder, Minuten lang, bis er wieder hörte, daß innen gar kein Hobel mehr ging. Der jüngere, genannt Perceval, ging an einem späten Abend kundschaften und konnte doch nur erzählen, daß der Alte noch bis Mitternacht in der Werkstatt zu Gange gewesen war. Darauf boten sie ihm an, Überstunden zu arbeiten. Aber Cresspahl hatte gar keinen von ihnen entlassen wollen.
Die Firma gehörte Cresspahl nicht. [...]
Es mag drei Wochen gedauert haben, daß er den Anblick eines etwas kleinstädtischen Mädchens, winkend auf den Landungsbrücken von Sankt Pauli, im Gedächtnis fest behielt, die ganze Fahrt von Hamburg nach Kingston-on-Hull bis zum Bahnhof von King’s Cross, einen vollen Tag und zehn Stunden, und dann noch zwanzig Tage bei der Arbeit, noch bei dem letzten Abendessen mit Elizabeth Trowbridge. Dann schickte Lisbeth Papenbrock ihm ein Werk des gneezer Lichtbildners Horst Stellmann, Portraits seine Spezialität: ein nicht auffälliges Mädchen, das seine Haare mit einem Mittelscheitel geteilt hat und seitlich über die Ohren gelegt hat, Lisbeth Papenbrock mit den Händen vor dem Bauch aufgebaut vor Stellmanns eigenartig gerafften Vorhängen. Sie blickt vorsichtig und belustigt auf die Plattenkamera, an der Stellmann sich windet unter seinem schwarzen Tuch, und ihre Lippen waren ein wenig offen. Alle früheren Bilder vergaß Cresspahl sogleich." (17.9.1967)


18. September, 1967    Montag
Wo wir wohnen ist der Broadway alt. Wir sind weit von seinem legendären Stück oberhalb des Times Square, wo der rasche Umsatz den verwitterten Turm der New York Times mit Sandstrahlgebläsen weiß poliert hat, wo alte Häuser klammheimlich niedergemacht werden hinter mattenbehängten Gerüsten, wo die soliden Türgriffe und Schlösser und Treppengeländer des Astor Hotels versteigert werden, damit Platz wird für Glas und Kunststoff und eloxiertes Aluminium, wo die Straße ausgehängt ist mit ungeheuren Tüchern aus Licht, flackernd unter Kinobaldachinen, den unreinen Farben des Neongases, laufenden Schriftbändern, unter Punktstrahlern, unter Scheinwerfern und den kreisenden, springenden, platzenden Leuchtreklamen. Bei uns, auf der Oberen Westseite von Manhattan, sind die Lichter geringer, und hängen tiefer.
Unser Broadway beginnt an der 72. Straße, wo er auf die Amsterdam Avenue trifft und ihr den Verdipark abschneidet. Hier teilt ein geräumiger Mittelstreifen, an den Kreuzungen mit Querbänken und gelegentlich mit Gebüsch besetzt, ihn in zwei breite Fahrbahnen. Zu beiden Seiten der Straße sind Muster der Renaissance in elefantischen Baumassen aufgetürmt, und weit in den Norden hinein zeugen die vielfenstrigen Kästen unter ihren gefühlvollen Gesimsen von dem fiebrigen Vertrauen in den Baumarkt, der um 1900 zu galoppieren anfing, als die Ubahn unter den Broadway gelegt wurde. Es sind Hotels, Lichtspieltheater, Appartementhäuser einer Zeit, in der Gewinne angelegt wurden, als Jugendstil oder italienisches Gerank um Knie und Stirn der Häuser noch ihren Wert anzeigen sollte. Der Auftrieb hat nicht gereicht für eine geschlossene Kolonne dieser dekorierten Ungetüme, zwischen ihnen hocken ärmlich und vierstöckig die zaghafter kalkulierten Miethäuser, die sich weniger Mühe machten mit dem Verbergen ihrer Feuerleitern, nun stellt ihr Alter sie bloß. Wenige Hotels haben die vermögende Kundschaft halten und die Reputation wahren können, die die Fassade verspricht; vornehmlich beherbergen sie jetzt Dauergäste, verarmte Pensionäre, kaum Leute mit Kindern. Die Appartementhäuser müssen ihre Wohnungen nicht lange ausbieten, zwar hilft ihre Adresse nicht dem Ansehen, aber sie sind versorgt mit Ubahnstationen, Buslinien in alle vier Richtungen, und ihre unteren Geschosse sind in dichter, nicht gebrochener Kette vollgestopft mit Geschäften, mit Feinkostläden und Superhandlungen, mit Waschsalons, Friseurstuben, Imbißhallen, Gemüsemärkten, Bars, Ladenkirchen, Schuhbesohlanstalten, Reinigungsfilialen, Steuerberaterfirmen und Fahrschulen und Reisebüros, wenngleich die Auslagen mitunter verstaubt sind, die Textilien Ramsch und die Theken nicht so blitzblank wie auf der Ostseite.  (18.9.1967)

Uwe Johnson: Jahrestage

21 September 2017

Johnson: Jahrestage 16. September

Sonnabend ist der Tag der South Ferry. Der Tag der South Ferry gilt als wahrgenommen, wenn Marie mittags die Abfahrt zur Battery ankündigt.
Die Fähren zwischen der Südspitze von Manhattan und Staten Island sah sie zum ersten Mal vom Touristendeck der »France« aus, da mußte sie noch über die Reeling gehoben werden. Sie starrte feindselig auf den Hochhauskaktus Manhattans, der zu Riesenmaßen wuchs, statt zu menschlichen abzunehmen; mit Neugier betrachtete sie die Fährboote, die neben dem Überseeschiff das new yorker Hafenbecken ausmaßen, mehrstöckige Häuser von blau abgesetztem Orange, rasch laufend wie die Feuerwehr. Sie nickte benommen, als Gesine ihr die Fahrzeuge nicht erklären konnte; bei einem Ausflug erkannte sie den Typ auf den zweiten Blick, obwohl die Fährportale ihr das Äußere mit Scheuklappen zugehängt hatten.
Die South Ferry war ihr erster Wunsch an New York, dringend genug, wieder und wieder seine Wirklichkeit ohne Nörgelei abzuwarten: die Fahrt mit dem Brooklyn-Expreß bis zur Chambers Street, die Bummelei auf der Lokalstrecke bis zur kreischenden Schleife der Ubahn um die Station South Ferry, der Aufstieg aus dem Untergrund in den weiträumigen Wartesaal, alles ohne Eifer und Eile. Wenn aber die großen Türen hinter die Wände gerollt wurden, begann sie an Gesines Hand zu ziehen über die Gänge und Brücken zum Schiff, als hätte sie da in all dem Platz für dreitausend Leute einen einzigen und eigenen zu verfehlen. Damals beschrieb sie New York in Zeichnungen für düsseldorfer Freunde als einen bloßen Hafen für orange vielfenstrige Schwimmhöhlen, in denen neben reichlich Autos ein Kindergarten versammelt war. Damals ließ sie sich noch fragen, warum sie Gesines arbeitsfreie Zeit aufgab für Ausfahrten mit der South Ferry: weil es ein Haus ist, das fährt; weil es eine Straße zwischen den Inseln ist, die sich selbst übersetzt; weil es ein Restaurant ist, in dem man reisen kann, ohne sich einen Abschied einzuhandeln.
Und an den Drehkreuzen der South Ferry durfte sie zum ersten Mal in der Stadt selbst eine Fahrt bezahlen; hier war sie unter die Bürger aufgenommen worden. [...] (16.9.1967)

19 September 2017

Johnson: Jahrestage 14. September

"[...] Cresspahl muß sich geekelt haben vor der Wiederholung. Mit sechzehn Jahren ja, da konnte die Welt noch zugestellt werden von der Nähe, dem Atem, dem Blick, dem Hautgefühl, der Stimme eines Mädchens; mit sechzehn Jahren, ja da mögen ihm einmal die Absicht und der Plan und die Zukunft verhängt worden sein vom geduldigen, zuversichtlichen Verlangen nach einer Fünfzehnjährigen, die so sehr Ziel wurde, daß er in ihr nicht mehr die Enkelin des Meisters wahrnahm, nur noch die unausweichliche Notwendigkeit, das Vertrauen auf einen abgeblendeten Entwurf für das ganze kommende Leben: mit sechzehn Jahren, als Tischlerlehrling in Malchow am See, zu Anfang des Jahrhunderts; aber 1931, in Jerichow bei Gneez, mit 43 Jahren?
Ist nicht die Wiederholung unerträglich: daß immer wieder das Bedürfnis nach einer Person das Bewußtsein wie zum ersten Mal nach dem alten Raster preßt, daß längst ausgedachte Empfindung wiederkehrt wie frisch, daß die Vorstellung unermüdet von neuem die bloße Außenseite einer Person ausdeutet und ausbaut zu allen denkbaren Entsprechungen zwischen ihr und ihm, daß die Leerstellen in der wirklichen Person ungewarnt verdeckt werden von dem Bild der Person, daß der Herzschlag anzieht nur bei ihrem Anblick so lebensängstlich wie nur beim Anblick einer anderen Person schon vor fünf, vor zwölf, vor achtundzwanzig Jahren, als wäre hier unerhörte Wirklichkeit zu entdecken, noch nie Berührtes, noch nie Gefühltes? er muß sich vergessen haben. [...]" (14.9.1967)

18 September 2017

Johnson: Jahrestage 13. September

[...] Gesines zehn Tage am Atlantik sind jetzt zugedeckt von drei Wochen in der Stadt, und die Verhaltensweisen der Angestellten sitzen ihr wiederum dicht auf der Haut. Wiederum rückt sie die Zeit ihrer Uhren um fünf Minuten vor, um einer Verspätung im Büro vorzubeugen. Diese fünf Minuten verschweigt sie sich beim Einschlafen wie beim Aufstehen, erst bei Verspätungen der Ubahn vertraut sie wissentlich auf die Reserve. Aus den einzelnen Betriebsstörungen der Bahn macht sie eine negative Regel, um den Weg zur Arbeit von Grund auf zu schützen gegen Einbußen an Zeit, und im Gedächtnis spart sie weiterhin solche Minuten unter fünf, die bei einem vorzeitigen Ende des Frühstücks abfallen, oder sie zweifelt am Gang der Uhr. Sie überwacht die deponierte Zeit nach den Ansagen der Rundfunksender, verheimlicht sie sich gleichzeitig in einem Mißtrauen gegen die Lässigkeit der Sprecher:

Leute, wenn ihr um halb aus dem Haus sein wolltet, seid ihr jetzt erst sieben Minuten verspätet!

Außer dem versucht sie, ihren Erfahrungswert von fünfunddreißig Minuten zwischen Wohnung und Schreibmaschine durch eiliges Umsteigen und durch waghalsige Ausdeutung der Ampelzeichen zu vermindern, ohne allerdings den Gewinn zu ihren eigenen Gunsten auf dem Zifferblatt anzulegen. Die angesammelte Rücklage schickt sie gelegentlich schon um zehn nach acht weg von der Oberen Westseite, bringt sie oft um halb neun vorbei unter der ungefügen Uhr im Bahnhof Grand Central

Dies ist die Uhr, die Amerika aufweckt!

und nicht selten war sie um dreiviertel neun an der elektrischen Normaluhr im Büro, deren spinnenbeiniger Sekundenzeiger am Spielraum hobelt. In der gewonnenen Viertelstunde könnte sie die Zeitung auffalten, aber es käme ihr kleinlich vor, pünktlich um neun Uhr null Sekunden anzufangen, und sie greift doch in den Eingangskasten. Auf das Tempo der Arbeit wirkt die hamsterische Zeitmessung nicht, denn ihr werden Vorgänge nach Vorrat und Anfall zugeteilt; es gibt auch halbe Stunden, in denen die Angestellte Cresspahl Lexika liest, arbeitsam vorgebeugt, bei offener Tür [...]
Und vertrauliche Überstunden in den Waldorf Astoria Towers … dreißig Meter hoch über der abendlichen, verlassenen Lexington Avenue, dreißig Meter im Freien über den angetrunkenen Herren, verirrten Touristen, königlich patrouillierenden Taxis im stinkenden Kanal der Straße … in der stockigen Luft der Klimamaschinen, Luft aus Großmutterschubladen, Schubladen voll Kuriosa und Preziosen … Überstunden für den Vizepräsidenten de Rosny der in seine Suite geleitet wird als ein geliebter Fürst auf Durchreise, dem das Hotel eine Bar mit frischem Eis auffährt, einen zweiten Fernsehapparat, eine elektrische Schreibmaschine in einer Art fahrbaren Wiege … Überstunden für die Übersetzung eines Briefes aus Prag, in polnischem Französisch, über Nachtlokale, Schmalfilm, ein Mädchen namens Maria-Sofia, über Staatskredite auf Dollarbasis … Überstunden mit Cocktails … Überstunden mit Heimreise in einer schwarzen Kutsche, durch das rötliche Gegenlicht der westlichen vierziger Straßen, unter den Bogengüssen offener Hydranten, über die Schnellstraße der Westseite, hoch neben dem grauen dampfenden Hudson, dem in Dunst gewickelten Gegenufer, voran am gefegten geharkten Riverside Park, über der Erde … Stunden über die Arbeitszeit, über den Bedingungen gewöhnlicher Arbeit …?
Es war ein Ausflug. Es war lustig. Es war sonderbar. Es waren Überstunden, ohne Bezahlung.
(13.9.1967)