Hermann Hesse: Gertrud
https://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_(Hesse)
Wikipedia: "Der Roman beschreibt die Liebe des Musikers Kuhn, zugleich der Ich-Erzähler der Geschichte, zur schönen Gertrud Imthor, für die er aber nicht mehr als ein Freund sein kann."
Ich fand den Anfang des Buches erfreulich sachlich, gar nicht wie ein unreifer Jugendroman. Bei weiterer Lektüre wunderte ich mich über den Titel "Gertrud", da es doch zumindest in Muoth eine andere wichtige Person gab. Sobald dann Gertrud ins Spiel kam, flachte sich für mich die Darstellungsweise ab und näherte sich dem Kitsch, den Deschner in Kitsch, Konvention und Kunst Hesse unterstellt.
Hesse schreibt 1910 an Theodor Heuss: "Ich war der Meinung, stofflich in der Gertrud insofern Neues zu probieren, als das Buch von der schwierigen Balance handelt, die im echten Künstler zwischen Liebe zur Welt und Flucht vor der Welt. einerseits, andererseits zwischen Befriedigung und Durst beständig vibriert. Äußerlich ist das kein großer Stoff, aber psychologisch doch."
In der Erzählung wird das Thema deutlich formuliert:
"Das Dunkel, die trostlose Finsternis, das ist der schreckliche Kreislauf des täglichen Lebens. Wozu steht man am Morgen auf, isst, trinkt, legt sich abermals wieder hin? Das Kind, der Wilde, der gesunde junge Mensch, das Tier leidet unter diesem Kreislauf gleichgültiger Dinge und Tätigkeiten nicht. Wer nicht am Denken leidet, den freut das Aufstehen am Morgen und das Essen und Trinken, der findet Genüge darin und will es nicht anders. Wem aber diese Selbstverständlichkeit verlorenging, der sucht im Laufe der Tage begierig und wachsam nach den Augenblicken wahren Lebens, deren Aufblitzen, beglückt und das Gefühl der Zeit samt allen Gedanken an Sinn und Ziel des Ganzen auslöscht. Man kann diese Augenblicke die schöpferischen nennen, weil es scheint, dass sie das Gefühl der Vereinigung mit dem Schöpfer bringen, weil man in ihnen alles, auch das sonst Zufällige, als gewollt empfindet. Es ist dasselbe, was die Mystiker die Vereinigung mit Gott nennen. Vielleicht ist es das überhelle Licht dieser Augenblicke, das alle übrigen so finster erscheinen lässt, vielleicht kommt es von der befreiten, zauberhaften Leichtigkeit und Schwebewonne jener Augenblicke, dass das übrige Leben so schwer und klebend und niederziehend empfunden wird. Ich weiß es nicht, ich habe es im Denken und Philosophieren nicht weit gebracht. Doch weiß ich: wenn es eine Seligkeit gibt und ein Paradies, so muss es eine ungestörte Dauer solcher Augenblicke sein; und wenn man diese Seligkeit durch Leid und Läuterung im Schmerz erlangen kann, so ist kein Leid und Schmerz, so groß, dass man sie fliehen sollte." (S. 126)
Wie Hesse das aber mit Hilfe einer Liebesgeschichte in Handlung umzusetzen versucht, erscheint mir zu konstruiert: Der Musiker Kuhn hat aufgrund eines Unfalls in der Jugend ein verkrüppeltes Bein und macht sich daher keine Hoffnung mehr auf eine dauerhafte Verbindung mit einer Frau. Dieses Schicksal befähigt ihn aber, in den - ach so seltenen - Phasen seiner Kreativität, sehr authentische Werke zu schreiben. Der ausübende Künstler, der berühmte Sänger Muoth, weiß diese Werke zu schätzen. Frauenherzen fliegen ihm zu, doch keine kann ihn an sich binden. Wenn er ihrer überdrüssig ist, schlägt er sie.
Zur weiteren Handlung wieder die Wikipedia:
"Kuhn begehrt Gertrud, erstickt aber das starke, immer wieder aufflammende Gefühl in Tonphantasien. Aufgrund seiner Verkrüppelung hält er sich für minderwertig.
Dennoch kann Kuhn eine schriftliche Liebeserklärung nicht unterdrücken. Gertrud weicht aus; sie wolle zunächst bei der Freundschaft bleiben. Kuhn respektiert die abschlägige Antwort. Muoth ist die ideale Besetzung für die männliche Hauptrolle in Kuhns Oper. Also führt Kuhn den Freund bei den Imthors ein, damit Gertrud und Muoth gemeinsam üben können. Instinktiv ist der alte Imthor gegen Muoth, lässt die drei jungen Leute allerdings widerwillig gewähren. Muoth – unbefangen, zurückhaltend, rücksichtsvoll – gewinnt zu Kuhns Entsetzen die Zuneigung Gertruds. Der Krüppel hält sich zurück, muss aber, als es bereits zu spät ist, bei Gertrud Müdigkeit, Angst und Scheu beobachten. Er hat sie verloren. Gertrud wird Muoths Ehefrau. Kuhns Oper, mit Muoth als großem Star, wird ein Erfolg.
Kuhn sieht, wie das Ehepaar leidet, kann aber nicht helfen, zumal Gertrud beteuert, sie liebe Muoth und werde ihm niemals untreu. Gertrud hält die Ehe nicht aus. Sie zieht vorübergehend zurück zu ihrem Vater. Kuhn denkt an den einzigen Kuss, den er Gertrud gegeben hatte und stellt sich in gelegentlichen Tagträumen vor, sie für sich zu gewinnen. Allerdings glaubt er auch, dass dieses Begehren weiter nichts als eine Wunschphantasie ist. Gertrud bleibt unerreichbar. Der Freund steht dazwischen."
Freilich, wie wird das im Roman gestaltet:
Der Komponist trifft Gertruds Vater:
" 'Und wie geht es Fräulein Gertrud?' fragte ich möglichst ruhig.
Dass er die von ihm Geliebte an der attraktiveren Sänger verliert, zumal er mit diesem befreundet ist, kann man verstehen. Aber dass er nicht mehr darum kämpft, sie vor ihren Unglück zu retten, wird nicht motiviert. Nicht die Tatsache, dass er als Künstler zwischen "Liebe zur Welt und Flucht vor der Welt" schwankt, wird als Begründung angedeutet. Vielmehr wird eine unglaubhafte Zwischenhandlung eingeschoben: Mit Gertruds Liebe sieht er seinen Lebenssinn verloren, denkt an Selbstmord, wird aber durch die Nachricht, dass sein Vater im Sterben liegt, zunächst an der Ausführung gehindert. Dann liest er über seinen zunehmenden Ruhm als Komponist und wird aufgefordert, seinen Lebenssinn im Leben für andere - konkret seine vereinsamte Mutter - zu finden. Er kümmert sich um sie, erfährt, dass sie eine alte Freundin hat, zu der sie die Verbindung wegen ihres Mannes und mehr noch wegen seiner selbst verloren hat. Er führt die Freundinnen zusammen, trennt sie aber sogleich, indem er mit der Mutter abreist, wo beide sich unglücklich fühlen.
Die Künstlerproblematik wird mit einer unglaubhaften Konstruktion zugedeckt.
Ein Zwischenwerk, das aus der Hand gegeben wurde, bevor Besseres folgte (Wikipedia: " er hatte schwer mit diesem Werk zu kämpfen, in späteren Jahren hat er es als misslungen betrachtet"): Demian, Siddharta, Steppenwolf .... Diese allerdings nach schweren Lebenskrisen und seinem - nach erster Kriegsbegeisterung - ziemlich einsamen Kampf gegen die Kriegszustimmung.