Heute
ist weithin heiterer Himmel mit tiefem Blau, die Sonne scheint durch
mein geöffnetes Fenster; das draußen schallende Leben dringt klarer
herein, und ich höre das Rufen spielender Kinder. Gegen Süden
stellen sich kleine Wolkenballen auf, die nur der Frühling so schön
färben kann; die Metalldächer der Stadt glänzen und schillern, der
Vorstadtturm wirft goldne Funken, und ein ferner Taubenflug läßt
aus dem Blau zu Zeiten weiße Schwenkungen vortauchen.
Wäre
ich ein Vogel, ich sänge heute ohne Aufhören auf jedem Zweige, auf
jedem Zaunpfahle, auf jeder Scholle, nur in keinem Käfig – und
dennoch hat mich der Arzt in einen gesperrt und mir Bewegung
untersagt; deshalb sitze ich nun da, dem Fenster gegenüber, und sehe
in den Lenz hinaus, von dem ein Stück gütig zu mir hereinkommt. Auf
dem Fenstergesimse stehen Töpfe mit Levkojenpflänzchen, die sich
vergnüglich sonnen und ordentlich jede Sekunde grüner werden;
einige Zweige aus des Nachbars Garten ragen um die Ecke und zeigen
mir, wie frohe Kinder, ihre kleinen, lichtgrünen, unschuldigen
Blättchen.
Zwei
alte Wünsche meines Herzens stehen auf. Ich möchte eine Wohnung von
zwei großen Zimmern haben, mit wohlgebohnten Fußböden, auf denen
kein Stäubchen liegt; sanft grüne oder perlgraue Wände, daran neue
Geräte, edel, massiv, antik einfach, scharfkantig und glänzend;
seidne, graue Fenstervorhänge, wie matt geschliffenes Glas, in
kleine Falten gespannt und von seitwärts gegen die Mitte zu ziehen.
In dem einen der Zimmer wären ungeheure Fenster, um Lichtmassen
hereinzulassen[44] und
mit obigen Vorhängen für trauliche Nachmittagsdämmerung. Rings im
Halbkreise stände eine Blumenwildnis, und mitten darin säße ich
mit meiner Staffelei und versuchte endlich jene Farben zu erhaschen,
die mir ewig im Gemüte schweben und nachts durch meine Träume
dämmern – ach, jene Wunder, die in Wüsten prangen, über Ozeanen
schweben und den Gottesdienst der Alpen feiern helfen. An den Wänden
hinge ein oder der andere Ruysdael oder ein Claude, ein sanfter Guido
und Kindergesichtchen von Murillo. In dieses Paphos*
und Eldorado ginge ich dann nie anders, als nur mit der
unschuldigsten, glänzendsten Seele, um zu malen oder mir sonst
dichterische Feste zu geben. Ständen noch etwa zwischen
dunkelblättrigen Tropengewächsen ein paar weiße, ruhige
Marmorbilder alter Zeit, dann wäre freilich des Vergnügens letztes
Ziel und Ende erreicht.
Sommerabends,
wenn ich für die Blumen die Fenster öffnete, daß ein Luftbad
hereinströme, säße ich im zweiten Zimmer, das das gemeine
Wohngehäuse mit Tisch und Bett und Schrank und Schreibtisch ist,
nähme auf ein Stündchen Vater Goethe zu Handen oder schriebe, oder
ginge hin und wieder, oder säße weit weg von der Abendlampe und
schaute durch die geöffneten Türflügel nach Paphos, in dem bereits
die Dämmerung anginge oder gar schon Mondenschein wäre, der im
Gegensatze zu dem trübgelben Erze meines Lampenlichtes schöne,
weiße Lilientafeln draußen auf die Wände legte, durch das Gezweig
spielte, über die Steinbilder glitte und Silbermosaik auf den
Fußboden setzte. Dann stellte ich wohl den guten Refraktor von
Fraunhofer, den ich auch hätte, auf, um in den Licht- und Nebelauen
des Mondes eine halbe Stunde zu wandeln; dann suchte ich den Jupiter,
die Vesta und andere, dann unersättlich den Sirius, die Milchstraße,
die Nebelflecken; dann neue, nur mit dem Rohre sichtbare
Nebelflecken; gleichsam durch tausend Himmel zurückgeworfene
Milchstraßen. In der erhabenen Stimmung, die ich hätte, ginge ich
dann gar nicht mehr, wie ich leider jetzt abends tun muß, in das
Gastbaus, sondern....
Doch
dies fahrt mich auf den zweiten Wunsch: nämlich außer obiger
Wohnung von zwei Zimmern noch drei anstoßende zu haben, in denen die
allerschönste, holdeste, liebevollste Gattin der Welt ihr Paphos
hätte, aus dem sie zuweilen hinter meinen Stuhl träte und sagte:
diesen Berg, dieses Wasser, diese Augen hast du schön gemacht. Zu
dieser Außerordentlichen ihres Geschlechts ginge ich nun an jenem
Abende hinein, führte sie heraus vor den Fraunhofer, zeigte ihr die
Welten des Himmels, und ginge von einer zur andern, bis auch sie
ergriffen würde von dem Schauder dieser Unendlichkeit – und dann
fingen begeisterte Gespräche an, und wir schauten gegenseitig in
unsere Herzen, die auch ein Abgrund sind, wie der Himmel, aber auch
einer voll lauter Licht und Liebe, nur einige Nebelflecke
abgerechnet; – oder wir gingen dann zu ihrem Pianoforte hinein,
zündeten kein Licht an (denn der Mond gießt breite Ströme
desselben bei den Fenstern herein), und sie spielte herrliche Mozart,
die sie auswendig weiß, oder ein Lied von Schubert, oder schwärmte
in eigenen Phantasieen herum – ich ginge auf und ab oder öffnete
die Glastüren, die auf den Balkon führen, träte hinaus, ließe mir
die Töne nachrauschen und sähe über das unendliche Funkengewimmel
auf allen Blättern und Wipfeln unseres Gartens, oder wenn mein Haus
an einem See stände – – –
Aber,
siehst Du, so bin ich – da wachsen die zwei Wünsche, daß sie mir
am Ende kein König mehr verwirklichen könnte. Freilich wäre alles
das sehr himmlisch, selbst wenn vor der Hand nur die zwei Zimmer da
wären, auch mit etwas geringern Bildern; denn die Herrliche, die ich
mir einbilde, wäre ja ohnedies nicht für mich leidenschaftlichen
Menschen,
der ich sie vielleicht täglich verletzte, wenn mich nicht etwa die
Liebe zu einem völligen sanften Engel umwandelte. Indessen aber
stehe ich noch hier und habe Mitleid mit meiner Behausung, die nur
eine allereinzige Stube ist mit zwei Fenstern, durch die ich auf den
Frühling hinausschaue, zu dem ich nicht einmal hinaus darf, und an
Wipfeln und Gärten ist auch nichts Hinreichendes, außer den paar
Zweigen des Nachbars, sondern die Höhe der Stube über andern
Wohnungen läßt mich wohl ein sattsames Stück Himmel erblicken,
aber auch Rauchfänge genug und mehrere Dächer, und ein paar
Vorstadttürme. Die südlichen Wolken stellten sich indessen zu
artigen Partieen zusammen und gewinnen immer liebere und wärmere
Farben. Ich will, da ich schon nicht hinaus darf, einige abzustehlen
suchen und auf der Leinwand aufzubewahren. – – Ich schrieb las
Obenstehende heute morgens und malte fast den ganzen Tag Luftstudien.
Abends begegnete mir ein artiger Vorfall. Auch moralischen und sogar
zufälligen Erscheinungen gehen manchmal ihre Morgenröten vorher.
Schon seit vielen Wochen ist mir die Bekanntschaft eines jungen
Künstlers versprochen worden. Heute
wurde er als Krankenbesuch von zwei Freunden gebracht, und siehe da!
es war derselbe junge, schöne Mann, den ich vor zwei Tagen auf dem
Spaziergange, der mir mein jetziges Halsweh zuzog, gefunden hatte.
Ich erkannte ihn augenblicklich und war fast verlegen; er gab kein
Zeichen, daß er auf den Spaziergänger geachtet habe, der so dreist
in sein Gesicht und Studienbuch geschaut hat. Der Besuch war in sehr
angenehmer, und die Bitte um Wiederholung wurde zugesagt. Sein Name
ist Lothar Disson, und sein vorzugsweises Fach die Landschaft; doch
soll er auch sehr glücklich porträtieren.
*Paphos (altgriechisch Πάφος Páphos)
ist in der griechischen
Mythologie die
Namensgeberin der Stadt Paphos auf Zypern.Sie
war (nach Ovid)
die Tochter des Pygmalion,
der
nach Verlust seiner nur noch für seine Bildhauerei lebt. Ohne
bewusst an Frauen zu denken, erschafft er eine Elfenbeinstatue, die
wie eine lebendige Frau aussieht. Er behandelt das Abbild immer mehr
wie einen echten Menschen und verliebt sich schließlich in seine
Kunstfigur. Am Festtag der Venus fleht
Pygmalion die Göttin der Liebe an: Zwar traut er sich nicht zu
sagen, seine Statue möge zum Menschen werden, doch bittet er darum,
seine künftige Frau möge so sein wie die von ihm erschaffene
Statue. Als er nach Hause zurückkehrt und die Statue wie üblich zu
liebkosen beginnt, wird diese langsam lebendig. Aus dieser Verbindung
geht seine Tochter namens Paphos hervor,
nach der später die Stadt benannt werden soll. (Wikipedia: Paphos und Pygmalion)