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18 Oktober 2015

Dahn: Julian der Abtrünnige - das Ende

Kein Krieger sah im Augenblick die Gefahr. Der tödliche Streich traf, aber nicht Julian, sondern eine braune Mönchskutte und ein kleines greisenhaftes Männlein darin, das sich im letzten Augenblick vor den Betäubten geworfen hatte.
Nun bemerkte Sigibrand, der Sachse, den nahen Feind. Er stach das Streitroß des Surenas nieder. Aber, aber! Unzählig drängten neue Perser heran. »Ein frisches Pferd für den Feldherrn!« schrie Hippokrenikos, dessen eigener Gaul längst gefallen war. »Wir müssen ihn auf den Sattel binden und mit ihm zurückjagen«, mahnte Ekkard. »Hier ist mein Pferd!« rief Garizo abspringend. »Und nun, Kleeblatt, vor den Herrn, bis ihn die andern festgebunden und zurückgebracht haben!« schrie Sigiboto. »Haltet aus. Hierher zu mir, Sachse! Mein Schild ist hin!« Und wirklich gelang es, den Bewußtlosen auf dem Pferde festzuschnallen und, Schritt für Schritt, in den Wald zurückzuführen.
Aber alle, fast alle Leibwächter, die diesen Rückzug deckten, fielen. Und auch die wenigen von ihnen, die noch in den Wald zurückgelangten, hätten den Verwundeten nicht retten können vor der Gefangennahme durch die wütend nachdrängenden Perser, hätten nicht endlich Jovian und Serapio die schreiend um Hilfe rufenden Trompeten der verzweifelt ringenden Leibwächter vernommen. Sie ließen sofort von den Flüchtlingen ab, sprengten von beiden Flanken gegen den Saum des Waldes zurück, und die Kunde, daß der Imperator gefallen sei, entflammte ihre Scharen zu solchem Zorn, daß sie wie ein rächendes Gewitter die Perser vor sich niederwarfen. Die früher verstellte Flucht ward nun zu blutiger Wahrheit.
Serapio langte zuerst in dem Wald bei dem kleinen Geleit des Verwundeten an. Gerade zur rechten Zeit und nicht, ohne hart getroffen, sein eigenes Blut zu vergießen, hieb er den bereits Verlorenen heraus. Hier fiel, tapfer kämpfend, von des Franken Schwert der Surenas. Aber hier im Walde sanken auch vor Serapios Augen die allerletzten Leibwächter. Der Sieg der Römer war vollkommen. Mit eigener Hand verband den wankenden Freund Jovianus, dann übernahm er die Leitung der abermaligen Verfolgung. Grimmig rächte das Heer den Fall des geliebten Führers. Bis in die Nacht hinein währte die hitzige Jagd.

In sein mitgeführtes Zelt zurückgebracht, fand der Verwundete das Bewußtsein wieder. Bei dem ersten Ton der Tuba der Verfolger, der an sein Ohr drang, wollte er aufspringen, laut rief er nach seinen Waffen, seinem Roß. Aber bei dem Versuch, sich aufzurichten, sank er in die Arme des Oribasius zurück.
Da erkannte er, daß er sterben müsse.
Er sagte es dem Arzt lächelnden Mundes. »Weine nicht! Mißgönne mir doch nicht, in höherem Lichte zu wandeln, mit Helena, mit Maximus, mit Eusebia, mit den versöhnten Meinen, denn auf jenem Sterne kennt man nicht Groll noch Vorwurf. Nun aber, da es gewiß ist, daß ich scheide – vor allem: die Sorge für das verwaiste Reich! In mir erlischt der Constantier waffengewaltiges und einst so männerreiches Geschlecht. Das Reich – das Heer auf seinem gefahrenumdräuten Rückzug –, bedarf eines tapferen Kriegers, eines Feldherrn, und – ich seh' es ein –: eines Galiläers!« – »Du siehst es ein?« fragte Oribasius erstaunt, ja bestürzt. Denn er, der Schüler des Philippus, war kein Freund der Kirche. »Ja, mein Treuer. Nicht sehe ich ein – (wahrhaftig nicht!) –, daß der Galiläer recht hat. Seine Lehre hat dem Reiche der Römer schwer geschadet und muß der Menschheit schaden, wohin sie gelangt, denn sie ist widermenschlich und krank. Also, er hat nicht die Wahrheit für sich: aber den Sieg. Das hab ich schon lang erkannt oder doch gefühlt, bevor ich es, vom Pferde stürzend, ausrief. Mutter, Schwester, Freund, Volk, alles hat mir der Galiläer genommen. Mein Lehrer, der Verkünder der alten Götter, erwies sich als ein gaukelnder Betrüger. Meine Lehre, meine Götter – nicht eine einzige Menschenseele hat sie wirklich angenommen. Denn die Elenden, die mir zuliebe heuchelten – (wie andere dem Constantius zuliebe!) –, die zählen nicht.«
»Doch: eine Seele.«
»Helena! – Serapio hat recht, von Philosophie kann kein Volk leben, auch von der meinen nicht und von meinen gedankenhaften Göttern. Es verlangt das Brot und den Wein des Glaubens. Nun spendet ihnen die Kirche ja Brot und Wein und – Glauben! So stand ich ganz allein. Gegen mich zwei Welten, die alten Götter und der neue Gott. Erobern kann man die Welt, nicht überzeugen. Ich hab's erkannt... seit... seit Circesium ... seit Ktesiphon. Und darum wollt ich weichen von dem Kampfplatz, auf dem der Galiläer so zweifellos und unbedingt gesiegt hat, gesiegt hatte, ach lange bevor dieser Wurfspieß flog.«
»O Herr! Du hast den Tod gesucht. Das ist unrecht. ›Man soll Gott nicht versuchen‹, sprach der Mönch Johannes, als er dich ohne Schutzwaffen in den Kampf reiten sah. Ich mußte ihm ein Pferd verschaffen. Er – das Männlein – wollte dich beschützen! Und er hat's getan, berichten sie. Er starb, um dich zu retten!« – »O Johannes! Soll mich auch dieser Galiläer überwinden!« – »Du hast den Tod gesucht«, wiederholte der Arzt vorwurfsvoll. »Doch nicht! Nur die Entscheidung der Götter, ob sie mich schützen wollten. Nun, sie haben's recht deutlich gezeigt«, er griff zuckend vor Schmerz nach der Wunde, »daß sie das nicht wollten. Freilich, ich darf nicht klagen, sie verkündeten mir's vorher.« – »Wie? Wodurch?« – »Abermals durch einen Traum – (den letzten) –, den sie mir gesandt. Nicht mehr Glück und Sieg verheißend – (wie in den schönen Zeiten von Mailand und von Straßburg!) –, nein, trauervoll, den Tod mir kündend, erschien mir diese Nacht der Genius Roms, zum letztenmal! Ein grauschwarzer Trauerschleier verhüllte sein Haupt, ein schwarzes Tuch sein goldenes Horn der Fülle, und dreimal mit der Hand mir Abschied winkend wich er rückwärtsschreitend weiter – immer weiter, von mir – und war verschwunden. Und wieder rief sofort die Tuba mich aus dem Schlaf – zum letztenmal! Da wüßt ich es: Die Götter haben mich verlassen, haben mich und das Reich dem Galiläer preisgegeben.
Und so ... so muß denn mein Nachfolger ein Galiläer sein. Aber ein maßvoller, der nun nicht die armen Hellenisten verfolgt, die unter meinem Schutz in den alten Glauben zurückgefallen waren. Auch dafür ist der Beste – Jovian.
Ich glaube nicht, das Recht zu haben, ihn dem Reich der Römer durch letztwillige Verfügung aufzudrängen, es würde ihm auch schaden bei den Galiläern. Aber ich wünsche, rate, empfehle ihn. Da! Nimm diesen meinen Siegelring, falls ich den Freund nicht mehr sehe. Damit übergeb ich ihm – nach meinem Wunsch – das Reich.«

Er beschied nun seinen Geheimschreiber und diktierte ihm, über sein Privatvermögen verfügend, seinen Letzten Willen. »Ein römischer Bürger«, lächelte er, »ein richtiger, stirbt nicht ohne Testament, bleibt ihm durch die Gnade der Götter dazu die Zeit. Und es kann ja – nach dem Recht der Römer – für Krieger im Felde ganz formlos geschehen. Ich war doch ein Stück von einem Krieger, nicht, Oribasius? Und wir kommen frisch aus der Schlacht!«

Währenddessen erschienen, von der Verfolgung zurückkehrend, tief erschüttert von der Trauerkunde, Jovian, Severus, Nevitta, Dagalaif und andere Führer. Sie traten in stummem Schmerz an das Lager von Schilf mit der blutüberströmten Löwendecke.
Lächelnd streckte er ihnen beide Hände entgegen: »Gesiegt! Ich vernahm es schon! Gesiegt wieder einmal! Zum letzten Male freilich! Nicht wahr, mein Jovian, es ist ein großer Sieg?«
»Viel größer als der bei Straßburg!«
»Der größte Sieg«, ergänzte der alte Severus, »den je römische Waffen über Perser und Parther erfochten. Viele Tausende der Feinde bedecken den blutigen Boden jenes Waldes und die weiten Gefilde dahinter im Norden und Süden, darunter Nahordates!« – »Ja, das weiß ich!« rief Julian mit leuchtenden Augen. »Auch der Surenas selbst – ihn traf Serapio – und, auf der Flucht eingeholt und erschlagen von Nevitta und Dagalaif, die beiden Königssöhne Varanes und Varahanes und sechsundvierzig Satrapen und Vornehme.«
»Ah! Das tut wohl, im Siege darf ich sterben! So ist mir ein Tod gelungen, wie ich ihn schon so lang erstrebte. Wo ist – (er allein fehlt!) –, wo ist Serapion?« – »Er liegt«, meldete Jovian, »verwundet in seinem Zelt. Er fing mit seinem Schild drei Wurfspeere auf, die dir galten. Der eine drang ihm durch den Schild in die Schulter. Der Arzt gebot ... aber trotz des Verbotes, da ist er doch!«
Sehr bleich, den Schmerz verbeißend, der sich nur manchmal durch ein Zucken durch den ganzen Körper und sein verzerrtes Gesicht verriet, trat der Germane langsam heran.
»Julian!« sprach er. »Mein geliebter Freund!« – »Tapferer Franke, jetzt sind wir quitt für Straßburg. – Nein, du tatst viel mehr für mich als ich damals für dich: Dein Blut floß für mich.« – »Mein Herzblut gab ich, dich zu retten.« – »Sieh, wie warm! Im Leben – nie sprach er so. Man muß erst sterben, um diesen felsharten Germanen ihr verborgenes Gefühl abzuzwingen. – Wo ... ist das Kleeblatt? Mir ist, ich sah sie dicht bei mir – bei jener einsamen Palme – hinter dem Walde. Wo ... wo sind sie geblieben?«
Eine kleine Pause entstand. Endlich sprach Serapio: »Dort! – Dort sind sie geblieben ... bei der Palme, alle vier. Alle. Auch der Tod hat das Kleeblatt nicht zu trennen vermocht. Sie deckten dich mit ihren Leibern, bis sie dich auf einem andern Roß geborgen hatten. Sie fielen dabei alle!« – »Bis zum Tode getreu«, sprach Julian gerührt, mit den Tränen kämpfend. »Auch der tapferste aller Theologen liegt dort, Sigibrand! Er hat sich ganz zerhacken lassen von persischen Schwertern, dich vor der Gefangenschaft zu schützen. Und von deinen sechshundert Germanen, die noch lebten, sind fünfhundertfünfzig gefallen. Siehst du, Julian, du fragtest einmal danach: das ist Germanentreue!«
Da konnte Julian die Tränen nicht mehr zurückhalten, er reichte Serapio die Rechte hin. »Vergib. Ich hab euch vielfach unrecht getan, euch unterschätzt. Ihr ... ihr seid doch unsre ... besten Feinde. Kein übler Witz, nicht?« lächelte er schmerzlich. »Ach, nun kann ich nicht mehr, Priscus ... Wo ist Priscus, mein Lagerphilosoph?« – »Hier, Herr«, sprach eine von Tränen erstickte Stimme. »Was klagst und jammerst du, Freund? Als ob ich mein Leben so schlimm geführt hätte, daß mich die Strafen des Tartarus erwarten! Ich meine doch, ich habe mir – (durch Leiden und Taten) – das Emporsteigen zu einem schöneren, den Göttern näheren Sterne und zu seliger Verklärung verdient!« – »Er tröstet uns!« sprach Priscus der Philosoph. »Wahrlich, dieses Zelt gemahnt mich an den Kerker des Sokrates, und dieses Sterben an des Sokrates letzte Worte!« – »Nun kann ich nicht mehr dich vollends widerlegen! Deine Auslegung jener Stelle des Maximus – (zweites Buch, fünftes Kapitel) – über die Unsterblichkeit ist falsch. Nicht auf alle Planeten werden die Seelen verteilt, so zum Beispiel nicht die Krieger nur auf den Mars. Und Gatten, die sich bis ans Ende treu geliebt, kommen beide in den Stern der Hera. Nun werde ich nächstens erleben – (und kann dir's doch nicht schreiben, von der Hera herunter, so gern ich es auch täte) –, daß ich recht hatte und du unrecht. Das ist bitter.
Und auch meine Schrift gegen des Galiläers Lehre bleibt nun unvollendet, abgebrochen in der Mitte, gescheitert, wie mein werktätiger Kampf gegen ihn!
Es ist heute ein schöner, glücklicher Tag gewesen, einer der freudigsten meines Lebens. Ich möchte heute noch sterben – am Siegestag –, vor Mitternacht. Sieh, auch dieser letzte Wunsch wird mir von den Göttern erfüllt. Die Sanduhr dort hat noch lange bis zur Mitternacht zu rinnen, und ich – ich fühl es –, ich ... scheide. Lebt wohl, ihr Freunde! Leb wohl, du Reich der Römer! Für dich hab ich gekämpft, geirrt, gelebt, für dich sterb ich jetzt! Nehmt meine Seele auf, ihr großen Götter. O Helena, bald ...! Helios – nur ich bin besiegt, nicht du –, du rufst – ich höre ... Dein Priester kommt freudig zu dir.«
Und er atmete noch einmal tief auf und starb, ein Lächeln umsäumte seine Lippen.
Schöner als im Leben, da es selten volle Ruhe gefunden hatte von wechselnden Erregungen, schöner war nun – im Tode – sein Antlitz. Keine Spur von Schmerz entstellte es; der Friede einer mit Gott, mit sich selbst und mit der Welt versöhnten Seele lag darauf.
Tief ergriffen umstanden die Freunde, die Waffengenossen die Leiche. Über manches bärtige Angesicht rann eine Zähre.
Jovianus faßte die Hand des Toten: »Leb wohl, Julian! Die Kirche hast du bekämpft – dein Vaterland hast du gerettet. Friede sei mit dir!«
»Ein großer Geist«, schloß Serapio, die andere Hand ergreifend, »und eine edle Seele. Von manchem Wahn betört, doch nie von Unschönem. Das Gemeine hatte keinen Teil an dir. Abtrünnig von der Kirche, nicht von Gott! Der Frömmsten einer, welche je gelebt. Du größter Feind und liebster Freund: Julian – leb wohl!«

Dem letzten Wunsche des geliebten Toten gemäß ward Jovian von dem Heer einstimmig zum Imperator ausgerufen.
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 44. Kapitel (109)

Hunger und der Tod des Schützlings Infortunatus

Allein, schrecklicher noch als die Partherpfeile, schwerer als die Mittagshitze bedrohte das schwer leidende Heer der Hunger. Die für zwanzig Tage berechneten Vorräte gingen rasch zu Ende, und noch immer war die ersehnte Grenze von Corduene nicht erreicht! Längst hatte Julian die Wagen mit Brot und getrocknetem Fleisch bei Tag und besonders bei Nacht durch verläßliche Krieger bewachen lassen müssen. Nicht gegen die Perser, gegen Diebstahl und Raub der eigenen hungernden Scharen, denen schon nach den verlorenen ersten zehn Tagen der Tagesteil auf die Hälfte herabgemindert war. Nur das täglich sich steigernde Zusammenschmelzen der Kopfzahl ermöglichte die karge Ernährung der noch Weiterstapfenden.
Der Imperator begnügte sich mit einem Viertelteil. Und dieses teilte er redlich mit seinem kleinen Schützling, dem Knaben Infortunatus, für den er außerdem den achten Teil einer Tagesnahrung in Anspruch nahm. Der Knabe hing an ihm mit der Dankbarkeit eines geretteten und liebevoll gepflegten jungen Tierleins.
Alle entbehrlichen Pferde waren längst geschlachtet. Das Fleisch wurde nicht frisch verzehrt, sondern an den Lagerfeuern gedörrt und dann in kleinste Stücke zerschnitten, sorgfältig verwahrt, mitgeführt. Eine ähnliche, nur noch viel todesgefährlichere Plage als die Mücken bereitete in diesen Gegenden die unerhörte Zahl giftiger Schlangen, von der Art der Sandviper, die in dem heißen Boden ganz besonders zu gedeihen schienen und deren Biß bei der großen Hitze gar vielen der Unvorsichtigen, wenn sie, ermüdet, sich in dem Nachtlager der Sandalen entledigt hatten, raschen, qualvollen Tod brachte. Eines Abends betrat der Feldherr mit dem Perserknaben das eben für ihn auf freiem Feld errichtete Zelt; ein Teppich bedeckte den glutheißen Boden. Er legte die Beinschienen ab und warf sie neben sich. Da raschelte etwas zischend unter dem Teppich hervor. Eine Viper schoß, sich halb aufrichtend, gegen seine Wade; schnell fuhr der Knabe mit dem nackten Arm dazwischen und ergriff die Schlange. Augenblicklich war sein Arm umringelt und gebissen. Er streifte sie ab und zertrat ihren Kopf, und er nickte lächelnd dem erschrockenen Freunde zu, der jetzt erst die Gefahr erkannte und eilig die Wunde aussog. Aber alsbald begannen, trotz des Oribasius Heilversuchen, die tödlichen Zuckungen. Bevor der Knabe die dankenden Augen schloß – unverwandt hielt er sie auf seinen Herrn gerichtet –, malte er mit zitternden Fingern in den Sand der Steppe die Worte: »Für dich!« Nun nicht mehr Infortunatus ... Fortunatus! Unter Tränen setzte der Imperator selbst den Scheiterhaufen, aus Zeltstangen und Steppengestrüpp geschichtet, in Brand, der den kleinen Leib verzehrte.
»Maximus ... Artemidor ... Infortunatus! Ich habe kein Glück mit meinen Schützlingen«, sprach er traurig im Hinwegschreiten. »Oder vielmehr: Mein Schutz bringt ihnen Unglück.«
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 40. Kap. (105)

Der große Brand

»Ihr wißt, meine Waffenbrüder«, begann der Augustus, mit einem müden, trüben Lächeln auf dem zuckenden Mund, »ich pflege nur mit meinen Göttern Kriegsrat zu halten, nicht mit meinen Feldherren. Diese erfahren nur meine fertigen Beschlüsse. So auch jetzt. Diese Nacht offenbarten mir die Götter im Traume das Notwendige. Alle Vorräte und die ganze Flotte –, sie werden hier verbrannt.«
Ein Ruf, nein, ein Schrei des Staunens, des Schreckens, der Mißbilligung entrang sich aller Munde. Nur der Perser schwieg, er wußte offenbar schon um den Beschluß. »Mein Imperator«, begann der alte Severus, das ist...« – »Beschlossen. Also getan.« – »Über zweihundert Stunden weit«, sprach Jovian warnend, »haben wir, mit unendlicher Mühe, mit vielem Schweiß und Blut, Schiffe und Vorräte von Antiodiia bis Ktesiphon geschleppt...« – »Gut also, daß wir sie nicht nochmal schleppen müssen. Mit Mühe fuhren sie zu Tal, zu Berg den Tigris, den Euphrat hinauf, sind sie gar nicht zu fahren. Kein Schiff geht über Ktesiphon stromaufwärts über Wehre, Stromschnellen und Wasserfälle: Weder Segel noch Ruder noch angestemmte Schultern und gestraffte Seile leisten das. Sollen wir unsere Flotte dem neuen Surenas schenken, sie kampflos, als Beute stromabwärts zu führen? Und fehlen die Schiffe, wer soll die Lasten der Vorräte tragen? Für sechzigtausend hab ich mitgeführt – fünfundzwanzigtausend habe ich. Sollen diese, bepackt wie Lasttiere, zugleich die Parther abwehren? Unmöglich!«
»Je die Hälfte ...« warf Serapion ein, »muß tragen, die andere fechten.« Aber eigenwillig fuhr der Feldherr fort: »Ganz unmöglich. Aber, meint ihr, wovon wir leben sollen? Ei, mag nun der Krieg den Krieg ernähren. Reich und fruchtbar sind die Landschaften, durch die unser Rückzug führt. Ich weiß es aus den Büchern, und Freund Nohordates hier hat es bestätigt.«
Tief verneigte sich der Perser und sprach: »Es ist die Wahrheit.« – »Ja«, entgegnete Severus, »ich weiß es auch. Ich durchzog das Land einst im Frieden als Gesandter. Aber die Einwohner werden im Krieg ...« – »Entweder gutwillig verkaufen oder gezwungen hergeben, was wir brauchen. Daß sie es haben, steht fest. Und fest steht mein Entschluß. Den besten landeskundigen Führer gewannen wir an unserem Freunde hier. Er versprach mir, unsere Vorhut nach Corduene zu leiten. Nun, was zögert ihr? Was habt ihr noch auf dem Herzen?«
»Herr, das Heer! Wie wird es diesen Beschluß – diese ungeheure Brandstiftung – aufnehmen?« wagte Severus zu fragen. »Ich fürchte, sie werden murren«, meinte Nevitta.
»So werde ich ihnen selbst den Beschluß eröffnen. Wie ich selbst die erste Fackel in das erste Schiff, in den ersten Getreidewagen werfen werde. Und verkünden auch werd ich ihnen, was meinen Entschluß entschied: meinen Traum von heute nacht! Der Traumgott, dem ich geopfert habe, zeigte mir in den Morgenstunden den Gott Hephaistos in flammender Lohe. ›Dieser‹, erscholl eine Stimme, ›wird dein Helfer sein.‹ Und als ich dem bärtigen Gott ins Antlitz sah; die Züge dieses Persers wies er auf. Mit Schwanken über den Brand, mit Zweifeln auch an dem Überläufer war ich eingeschlafen. Der göttergesandte Traum hat – (wie in Zabern damals) – mein Schwanken, meine Zweifel überwunden. Blind vertraute ich allem, was die Götter sandten: dem Traum, dem Brandbeschluß und dem Satrapen als Wegführer. Geht nun! Ruft das Heer zusammen! In einer Stunde steht hier alles in Flammen und wir ziehen ab, nach Norden, nach Armenien, die treulosen Galiläer zu bestrafen.«
Mit schwerem Herzen verabschiedeten sich die Führer von Julian, der nur den Perser bei sich im Zelt zurückbehielt, mit ihm über die Straßen des Rückzugs Rat zu pflegen, und Lysias zu sich beschied, ein großes Opfer für Hephaistos vorzubereiten.
»Das größte Opfer für Hephaistos«, sprach Serapio zu Jovian, »sind unsere Flotte, unser Getreide und unsere Rettung. Er ist wie mit Blindheit geschlagen! Ach, gegen seine ›Götter‹ kämpft seine Weisheit vergebens!«
Die kunstvolle Rede, in welcher der Augustus dem versammelten Heer jenen verhängnisvollen Beschluß verkündete und zu begründen versuchte, ward mit eisigem Schweigen, mit stets steigendem Staunen, mit Besorgnis, zuletzt mit laut murrendem Unwillen angehört. Und, als gegen Abend, nach vollendetem Opfer für den Feuergott, von Julians eigener Hand entzündet, die mächtige Kriegsflotte und die auf den Lastschiffen sowie in dem Lager aufgehäuften vielen tausend Wagen, Kisten und Säcke voll Getreide in Flammen aufgingen – ein schauerlich prachtvoller Anblick –, da begrüßten ihn die Perser auf den Wällen von Ktesiphon mit Jubel. Sie sagten, Ormuzd habe Stolz, Macht und Hoffnung der Feinde durch himmlisches Feuer von oben zerstört.
Die Römer aber wurden von Furcht, von Entsetzen über das selbstzerstörerische Tun ihres Feldherrn ergriffen: »Er ist von Dämonen besessen«, flüsterten die Christen unter ihnen. »Es ist die Strafe seiner Abtrünnigkeit, seines Eidbruches. Die Weissagung des großen Athanasius erfüllte sich. Er raset gegen sich selbst.«
Und eine Wandlung, eine Verdüsterung des Geistes war allerdings in Julian eingetreten seit jenem Tage zu Circesium. Schwermut und Übererregung wechselten rasch in ihm ab, und der gesteigerte Haß gegen die Christen erhöhte merklich den Einfluß des Lysias.
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 39. Kap. (104)

Julians Rückzug

Allein nun verdunkelte sich der Himmel für den so siegessicheren Imperator.
Denn während das Heer, froh der erfochtenen Siege, voll Vertrauen auf den erfolggekrönten Führer, verschwenderisch schwelgend in dem Überfluß von erbeuteten und mitgeführten Vorräten, in freudigster Stimmung und Hoffnung sich wiegte, schickte der Feldherr Boten über Boten nach Norden aus, gegen Nisibis. Ja, er selbst ritt, von Ungeduld, von Hast getrieben, gar oft allein auf der Straße nach jener Richtung aus, den sehnlich erwarteten Nachrichten entgegen.
Eines Tages traf er hier auch wirklich auf einige Reiter, denen er sofort ihre Briefe aus den Händen riß. Er las sie sogleich, auf der Straße, im Sattel, fuhr erbleichend zusammen und jagte spornstreichs in das Lager zurück. Hier wies er die Freunde, die seine Verstörung bemerkten, mit einer Handbewegung ab und verbrachte den Abend und die Nacht durchwachend, allein in seinem Zelt, wohin ihm Oribasius alle Straßenkarten von diesen Landschaften bringen mußte.
Am anderen Morgen beschied er die Führer zu sich. Sie fanden ihn mehr angegriffen als eine durchwachte Nacht allein bewirken konnte; hatte er doch schon gar manche bei den Büchern verbracht. Matt, klanglos tönte seine Stimme, als er begann: »Die Belagerung von Ktesiphon ist aufgehoben. Der Feldzug ist gescheitert. Das Heer tritt den Rückzug an.«
»Das wolle Gott nicht!« rief Jovian erschrocken. »Die Götter haben es leider schon gewollt«, erwiderte Julian bitter. »Was ist geschehen? Was zwingt dich?« fragten die Feldherren durcheinander. »Verrat. Höllischer Verrat. Selbstverständlich die Galiläer! Hier. Lest diese Briefe! Ich fing sie gestern auf der Straße ab. Die Armenier – ihr König Tiranes –, sie sind doch gar fromme Christgläubige, haben uns verraten. Mein ganzer Plan beruhte darauf, auch diesmal ›zangengleich‹, von zwei Seiten, von Westen und von Norden, den Feind zu fassen. Hier sollte sich das Heer des Sebastianus von Norden, von Nisibis, kommend, sich mit uns vereinen, verstärkt durch zwanzigtausend Mann Fußvolk und viertausend Reiter der Armenier, die mir König Tiranes versprochen hat. Wohlan, der fromme Schurke von einem König hat mich verraten. Als eifrigster Galiläer, ein Freund des Constantius, der ihm Olympias, eine Verwandte, vermählte, hat er sich wohl von Anfang an nur widerstrebend mir angeschlossen, von Anfang an mit der Absicht des Verrats den Bundesvertrag mit mir vereinbart, jene Hilfsscharen mir zugesichert. Vor kurzem soll nun, schreibt Sebastianus, bei Tiranes ein vornehmer Armenier im Dienste Sapors, ebenfalls ein Christ, eingetroffen sein, der, unterstützt von dem Bischof von Kárana, dem König meine Vernichtung als ein Gott höchst wohlgefälliges Werk darwies. Sie drangen durch, gegen Treue und Ehre – wie schon so oft! –, die Priester des Galiläers! O wie ich sie jetzt erst hasse! Tiranes gebot seinem Heer, auf dem Marsche zu Sebastianus haltzumachen und erklärte, mir, dem Ungläubigen, dem Apostaten, dem schlimmsten Feind Gottes und seiner heiligen Kirche, schulde niemand Treue. Gottesleugnern zu helfen sei Frevel! Er habe Frieden und Freundschaft geschlossen mit Sapor, und sein Heer werde, wenn es gezwungen wird, sich am Krieg zu beteiligen, nicht für, sondern gegen mich kämpfen.
Mit vollem Recht schreibt Sebastianus, daß er unter diesen Umständen seine Stellungen im Norden nicht verlassen, nicht zu uns stoßen könne. Ich kann aber auch nicht hier stehenbleiben, geschweige noch tiefer in das Perserreich vordringen. Von meinen einunddreißigtausend Mann, mit denen ich aus Circesium abzog, habe ich viertausend verloren. Mit siebenundzwanzigtausend Speeren kann ich diese weitgestreckte Doppelstadt nicht einschließen; ich zählte so fest auf Sebastianus, auf die Verstärkung von vierundfünfzigtausend Mann! Noch weniger kann ich, diese beiden Festungen unbezwungen im Rücken, den drei Heeren entgegenziehen, die Sapor aus allen Provinzen seines Reiches, bis aus Skythien und Indien her, unter einem neuen Surenas und zweien seiner Söhne gegen uns ausschickt.
Wir müssen zurück!
Wie dieses Wort schmerzt, das weiß nur der unbesiegte Gott. Ich bin schon besiegt, nicht in einer Schlacht, nein, für den ganzen Feldzug; er ist verloren. Ich bin besiegt, ja, aber nicht durch weisere Feldherrnschaft oder kühnere Heldenschaft, ich bin besiegt durch scheußlichen Verrat der Galiläer. Oh, ich werd's ihnen gedenken! Ein milder Feind war ich ihnen bisher, aber wenn kraft dieses Glaubens Heer und Reich verraten und mit Vernichtung bedroht werden, dann erheischt die Pflicht des Imperators, die Selbsterhaltung dieses Reiches, ein anderes. Wehe den Galiläern! Wir brechen morgen auf, aber nicht nach Circesium zurück; nein, gegen diese höllenfalschen Christusdiener in Armenien! Ich zermalme ihren König. Ihren Bischof von Kárana häng ich auf am Hochaltar seiner eigenen Kirche. Dann – nächstes Jahr (wenn das vernichtete Armenien uns nicht mehr verraten kann!) –, dann ziehen wir wiederum auf Ktesiphon. Ihr seid entlassen. Geht! – Auch ihr, Jovian und Serapion. Ich muß jetzt allein sein! In einer Stunde schickt mir Lysias. Mit dem will ich die Bestrafung der Galiläer in Armenien beraten. Er – er ist jetzt mein Mann.«
(Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 38. Kap. (103)

Julians erfolgreiches Vordringen bis zur persischen Hauptstadt Ktesiphon

Der Unermüdliche hatte in mancher Nachtstunde, wenn er sich in Maximus müde geforscht, durch Abwechslung Erholung suchend, über allerlei Verbesserungen der althergebrachten Geschütze und Geschosse nachgesonnen. Und einzelne der von ihm eingeführten Neuerungen an Ballist, Skorpion oder »Wildesel« (Onager) und an Widder, Katapult und »Hämmerlein« (malleolus) – eine Art von hohlen Brandpfeilen – wurden von den römischen Heeren dauernd beibehalten, noch lange nach dem Tode des sinnreichen Erfinders. [...]
Damals erfüllte der Name Julians die Perser mit solchem Schrecken, daß er von ihren Malern dargestellt wurde als ein rasender Löwe, aus dessen aufgerissenem Rachen ein allverzehrender Feuerstrom sprühte. [...]
Julian hatte sich richtig erinnert, daß Trajan bei seiner Belagerung von Ktesiphon einen Kanal vom Euphrat in den Tigris oberhalb der beiden Städte gezogen hatte. Dieser lag seit langem verschüttet und versandet, aber durch die Arbeit von dreißigtausend Händen, unter Julians unermüdlicher Anspornung und Mitwirkung, ward der Wasserlauf in wenigen Tagen wieder befahrbar gemacht. Und zum Entsetzen der Perser und Assyrer auf den Wällen der Festen rauschte die Römerflotte triumphierend auf dem erneuerten Kanal vom Euphrat in den hoch aufschäumenden Tigris. Julian stand in vollem Schmuck und Gewand des Imperators am Bugspriet der vordersten Triere und brachte, unter einem Hagel von Perserpfeilen, den beiden Stromgöttern einen Weiheguß aus goldener Schale dar, die er, von ihm selbst gedichtete griechische Verse sprechend, schließlich in die Fluten des Tigris warf. [...]
Heer und Flotte waren nun oberhalb der Zwillingsburgen vereint. Jetzt galt es aber, das Landheer auf das nordöstliche Ufer des Tigris zu schaffen. Auch diese Aufgabe schien unlösbar. Denn nun war endlich ein Perserheer, ein ungeheures, eingetroffen, entschlossen, nicht so sehr Ktesiphon zu entsetzen als vielmehr der Einschließung zuvorzukommen, indem es den Römern bereits das Überschreiten des Tigris verwehrte. Der Übergang mußte also durch Gefecht erzwungen werden; das aber schien unmöglich.
Der Strom ist hier sehr breit und sehr reißend, die Nordostufer, von schlüpfrigem Lehm, fallen steil, fast senkrecht ab; die ganze Linie war in wochenlanger Arbeit durch starke Schanzen gekrönt worden. Und auf und hinter diesen Schanzen standen einhundertsechzigtausend Perser, erlesene Bogenschützen aus Karduchia, Panzerreiter, ein Wald von Speeren des Fußvolks und hundertachtzehn Kriegselefanten, die, sagt ein Zeitgenosse, ein Feld voll Gerste oder voll Legionen mit gleicher Ruhe und Verläßlichkeit zerstampften. Ein Brückenschlag angesichts solcher Abwehr war ausgeschlossen, ebenso eine Landung der tiefgehenden Kriegstrieren an den flachen Ufern. Niemand wußte Rat; auch Julian schien diesmal betreten. Er schalt über die schlechte Verpackung der Vorräte auf den Flachbooten und befahl, achtzig solche zu entlasten, den Zustand des ausgeladenen Getreides zu prüfen. Zugleich hielt er vor den Mauern von Koche, die Aufmerksamkeit der Feinde abzulenken, glänzende kriegerische Spiele, auch einen Schwerttanz seiner Germanen, zum Staunen der Asiaten.
Am Abend lud er alle Befehlshaber in sein Zelt zur Tafel, und als er sie eine Stunde vor Mitternacht entließ, eröffnete er ihnen, daß um Mitternacht das Heer den Strom überschreiten werde. Schreck befiel die Kühnsten; Severus, Jovian wagten zu mahnen. Aber Julian sprach: »Sieg und Rettung liegen in dieser Stunde. Jeder Aufschub verstärkt den Feind! Vorwärts! Stellt eure Scharen!«
Eine Fackel, um Mitternacht in hohem Bogenschuß in den Strom geworfen, gab das Zeichen. Fünf jener Flachboote, besetzt von Legionären, stießen ab; in lautloser Stille stand das Römerheer unter dem Schutz der Nacht dicht an dem Strom. Plötzlich flammte drüben auf dem Nordufer ein gewaltiges Feuer auf, und lautes Geschrei drang herüber. Julian erschrak bis ins tiefste Herz. Er begriff recht wohl, seine kühnen Schifflein waren vom Feind entdeckt und mit Feuerpfeilen in Brand gesteckt worden.
Aber rasch faßte er sich und rief: »Seht das Zeichen, das ich den Unsern befahl! Sie sind gelandet, haben die Uferhöhe erklommen. Nach! Alle nach!«
Sofort rauschten alle Schiffe in die Flut, auch die zur Landung nicht bestimmten. Denn der Widerstand von so viel tausend Kielen sollte die Gewalt der Strömung brechen für alle – und sie brachen diese auch! Die flachergehenden Boote erreichten das Nordostufer noch gerade recht, um ihre verwegenen Vorläufer herauszuhauen. Zwar war das Erklimmen der steilen Ufer in der schweren Rüstung, in einem Hagel von Wurfspeeren, Pfeilen, Feuerbränden und Steinen ein hartes Stück Arbeit, aber das leichte Fußvolk der Germanen, geführt von Julian selbst, erkletterte zuerst den Höhenrand und hielt da oben das mörderische Gefecht so lange, bis die Massen, zuletzt auch die schweren Legionäre der Jovianer und der Herculianer, nachdrangen und nun das ganze Römerheer enggeschlossen, Mann an Mann, in eherner Reihe auf die Feinde traf.
Diesem Anprall hielten Perser und Parther, Araber und Assyrer nicht stand. Zumal als ihre Elefanten, scheu geworden durch die ihnen entgegengeschleuderten Feuerbrände, kehrtmachten, ihre Führer abwarfen und nun die Reihen des eigenen Fußvolks, laut trompetend, mit wild geschwungenen Rüsseln niederstampften. Da war's zu Ende.
Nur wenige der Elefantenhüter behielten bei der Wut ihrer Tiere die Ruhe und den Mut, die Weisung auszuführen, die sie alle für diesen Fall erhalten hatten, dem wild rasenden Elefanten den scharfen Lenkstachel in den obersten Rückenwirbel zu stoßen, wodurch das riesige Untier sofort getötet werden kann.
In wilder Flucht entschart, jagten die vielen Zehntausende, der Surenas zuerst und dann der Emir der Ghasaniden, das Ufer entlang stromabwärts. Bis vor die Tore von Ktesiphon hieben sie nach, die verfolgenden Reiter des Siegers Julian.
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, 34.-36. Kapitel (99-101)

Julians Auseinandersetzung mit Athanasius

»Ich werd auch diesen unterwerfen, oder untergehen.« – »Oder untergehen; du hast's gesagt! Athanasius ist das Christentum, ist die Kirche, aber in ihrer Größe, ohne ihre Flecken und Schwächen. Hüte dich, mein Freund Julian.« [...]
Das ganze Gift des Galiläertums steckt in dieser einen Schlange; ich werde sie zertreten.« [...]
Und Athanasius begann mit überwältigender Macht der Rede:  »Nicht in Worten mit dir zu streiten bin ich hergekommen. Unser Streit wird nicht durch Worte, durch die Weltgeschichte wird er entschieden. Ich scheue sie nicht, deine dialektischen Fechtkünste, ich kenne sie und verachte sie. Ich frage nur: Wer und was hat dich, als du fast noch ein Knabe warst, zum Abfall vom Glauben bewogen? Ein Priester, der, eidbrüchig, jahrzehntelang sich als eifrigen Christen ausgab, während er die Kirche insgeheim auf das grimmigste bekämpfte. Ist das sittlich? Ist das nicht ebenso Heuchelei, wie die mancher unserer Mönche, die er dir aufgedeckt haben soll? Nicht ebenso unsittlich, wie ein wurmstichiger Papst, der später abfiel vom Glauben? Gewiß sind viele unserer Priester arge Sünder. Daß die Kirche gleichwohl noch besteht, trotz der Fäulnis so vieler ihrer Glieder, gerade das beweist ihre göttliche Gründung und Erhaltung durch Wunder. Aber nicht deine Vernunft will ich überzeugen von dem, was über aller Vernunft ist. Nein, o Julianus, nicht deinen Geist: dein Gewissen ruf ich an!« 
»Meine Ahnung!« sprach Serapio plötzlich hochernst, zu sich selbst. »Jetzt, Julian, nimm dich zusammen.« 
»Das ist der Anwalt, den ich hier vorfinde; bald stelle ich den mitgebrachten dir vor Augen. Dein Gewissen will ich aufwecken, nicht deine Schlüsse widerlegen; deine unsterbliche Seele will ich retten. Deshalb bin ich hierher gereist, ein alter Mann, so weit her, mitten durch alle Verfolgungen meiner alten Feinde, der Ketzer, und meiner neuen, deiner Schmeichler. Ich komme, dich zu fragen: Mit welchem Recht kannst du es wagen – du! – gerade du, der du so schwer gefrevelt, auch schon bevor du Christus verfolgtest, in diesem Reiche der Römer solche Verwüstung anzurichten, einen Glauben zu verbreiten, den andern zu verfolgen? Wie kannst du das wagen, Cäsar Julian?« 
»Imperator Augustus heiß ich und bin ich, Vermessener«, rief nun Julian, der wechselnd glutrot und leichenblaß geworden war. 
»Du heißest so: du bist es nicht! Du bist der vor Gott dem Herrn tief verworfene Sünder, der die meineidige Hand – siehst du, wie du erbleichst bei diesem Worte, dem Donnerworte Meineid! – ausgestreckt hat nach dem Diadem seines Herrn: eines bösen Herrn, aber seines Herrn nach Gottes Recht und der Menschen! Du bist der treubrüchige, der pflicht- und ehrvergessene Mann, der dort zu Paris von einem Haufen wahnsinniger Barbaren, fahnenflüchtiger, eidvergessener Soldaten, sich mit einer Panzerkette zum Imperator krönen ließ. Dir und den Deinen flögen die Köpfe vor die Füße, ging es nach dem Rechte. Du bist kein Imperator, und du kannst es nie werden, seit Constantius starb, ohne dich anzuerkennen. Und am Jüngsten Tage wird der Weltenrichter sprechen: ›Meineidiger Cäsar Julian – schon um deines ungeheuren Treubruchs willen –, fahr zur Hölle!‹« 
Julian hatte während dieser furchtbaren Worte starke Wandlungen durchgemacht. Frühere Aufwallungen des Zorns hatte er rasch niedergekämpft, aber das Wort »Meineid« war ihm ins Mark gefahren und hatte ihn aufgejagt wie ein Feuerpfeil. Er war vom Thron aufgesprungen, er hatte den Kühnen unterbrechen wollen, aber als Serapio nun wiederholt versuchte, den fürchterlichen und mitreißenden Redner zu hemmen, winkte er ihm, ihn seine Anklagerede vollenden zu lassen. Jetzt schwieg Athanasius und bohrte die wie Diamanten blitzenden Augen so tief in die seines Gegners, daß dieser verwirrt, wie bei seinem ersten Anblick, die langen, dunklen Wimpern senkte, freilich nur ganz kurz. Aber kalter Schweiß perlte ihm auf der Stirn, als er nun heiser begann, mit tonloser, mühsam die Worte bildender Stimme: »Ein anderer – (auch ein Galiläer!) – würde dir vielleicht einwenden, Priester: ›Es war Notwehr, Notstand; ich hatte nur die Wahl, zu sterben oder den Eid zu brechen. Not kennt kein Gebot!‹ Und dieser mein Einwand wäre...« 
– »Lüge.« 
Julian fuhr hoch, vom Thron empor; auch alle andern staunten. 


– »Was ... was soll das heißen?«
»Daß du nicht aus Todesfurcht gehandelt hast. Im Gegenteil. Du sprachst dein ›Nein‹ zum drittenmal, als schon zwei Waffen dein Leben bedroht hatten.« – »Wie?« schrie nun Julian außer sich, und unwillkürlich fuhr ihm die Faust an den Gürtel, wo aber heute das Schwert fehlte. »Das weißt du, Priester? Du weißt, daß ich meine Treue mit meinem Leben besiegelt habe, daß ich eine halbe Stunde lang dem Tod ins Auge sah mit meinem ›Nein‹? Und daß ich erst, als alle Gefahr vorüber, die Krieger gewähren ließ? Das weißt du, daß nicht Todesfurcht mich bestimmt hat, und dennoch wagst du, mich zu verdammen?«
»Gerade deshalb. Gabst du nach aus Todesangst, so war's eine läßliche Sünde. Bist du doch kein Christ. Tausende von Christen haben sogar unter den Zangen der Folterer, aus Angst vor dem Tode, nicht standgehalten; das schwache Fleisch gab nach, nicht alle sind zu Märtyrern gefestigt. Gott der Herr wird sie gelind bestrafen, wie ich dich entschuldigen würde, hättest du aus Todesangst gefehlt und dann deine Schuld durch Reue, Buße, Besserung gesühnt.«
Jetzt glaubte Julian den Sieg gewonnen zu haben in diesem Gedankenkampf, der ihm furchtbar viel schwerer geworden, als je einer zuvor. Jetzt richtete er sich hoch auf und, stolz herabblickend auf den Greis zu den Füßen seines Thrones, rief er mit wiedergefundener Kraft der Überzeugung und der Stimme: »Hört es, ihr Freunde, hört, ihr Römer all: Das also ist's! Das ist die hohe Sittlichkeit des Galiläers! Also aus Feigheit, aus elender Todesfurcht den Eid brechen, das ist läßlich, das liegt in der Schwäche der erbsündigen Natur, das hätte er begriffen und verziehen. Daß aber ein Römer, ein Feldherr und – (ich darf es sagen) – ein Held, nachdem er dem Tode getrotzt, aus andern Gründen sich entschließt, den Eid zu brechen, das kann er nicht verstehen noch verzeihen, der Priester. Selbstverständlich! Ist er doch kein Mann, sondern ein Wundertäter, kein Römer, sondern ein Galiläer. Vernimm es also, wußtest du es nicht bisher: Es gibt ein Vaterland, es gibt ein Reich der Römer! Dies ist des Römers höchstes Gut auf Erden. Das Römerreich zu retten – (das verloren war, wenigstens im ganzen Abendland, ganz Gallien an die Barbaren verloren, gab ich die Legionen her) –, das Römerreich zu retten, ja und, allerdings auch – (das war aber erst mein zweiter Gedanke) –, um die alten Götter wiederherzustellen, bracht ich des Mannes höchstes Opfer dar, das seiner Ehre, brach meinen Eid und rettete das Reich.« Erschöpft hielt Julianus inne.
»Und mit dieser elenden Ausflucht hast du dein Gewissen beschwichtigen können? Deine Götter! Waren sie also auf dich angewiesen, auf deinen Eidbruch? Bedürfen sie deiner Hilfe, nicht du der ihren? So schwach sind sie? Das glaubst du selbst nicht! Eine Ausrede vor dir selbst, eine Selbsttäuschung war diese deine ›Pflicht‹ gegen die Götter. Und dein Eidbruch? Hat er denn deinen Göttern genützt? Nicht eine Seele hast du für deine Göttergespinste gewonnen! Und alles, was du künstlich in diesen Jahren aufgebaut, in kurzer Zeit wird es wieder spurlos verschwunden sein; wie du selbst! Nicht berühme ich mich Unwürdigen, den Geist der Weissagung zu haben; dir aber sage ich, du bleicher Mann im Purpur, wahrlich, wahrlich, wie eine Wolke wirst du vorübergehen.«
»Eine Wolke birgt manchmal Blitz und Donner. Hüte dich, Bischof von Alexandria.«
»Nicht die Pforten der Hölle werden sie überwältigen, geschweige ein witzelnder Rhetor. Aber das Reich, sagst du! Dich rief das Reich. Ich frage dein Gewissen: Wie? Ist das deine Sittenlehre? Heiligt dir der Zweck das Mittel, das Wohl des Vaterlands, rechtfertigt es den Eidbruch? Wahrlich, nicht nur die Kirche, auch fromme Heiden – denn es gibt solche, die ich hoch achte – verwerfen solche Frevellehre mit Abscheu. Aber du, du bist ja gar kein frommer Heide! Sondern auf eines läuft alles bei dir hinaus: Das Genie – das heißt Julian! – steht über den Gesetzen der Sittlichkeit, wie sie gewöhnliche Sterbliche verpflichten. Siehst du, wie du zuckst? Das traf wie das Wort ›Meineid‹! Denn es ist die Wahrheit! Solche Überhebung aber ist der frevelhafte Gipfel sündhafter Selbstsucht! Jeden andern hättest du verurteilt, der den Eid der Treue brach, du selbst wolltest ihn wacker halten, auch unter höchster Todesgefahr – ich lob es –, bis dir plötzlich einfiel: Ei, ich bin ja Julian, der Geistreiche, der Unvergleichliche, der Liebling der Götter, bin ja nicht jener Magnentius oder Silvanus, den ich verurteilte, oder mein eigener Bruder, dessen Tun ich scharf verwarf. Ich darf tun, was kein andrer dürfte. Ein frommer Heide hätte gesagt: ›Mögen das Reich die Götter retten, sie können es, wenn sie wollen; ich rette meine Treue, mein Gewissen. Mein Leben für das Reich, aber nicht meine Ehre.‹ – Du aber, du sahst vor allem dies Menschlein da, diesen Julian, der Diadem und Purpurmantel trug; du sahst nur dein Bild im letzten Grund deiner Seele. Das war dein erster Gedanke.«
Da fuhr Julian zusammen. Er wankte, er griff nach der Lehne des Throns.
»Die einfache Mannespflicht band dich nicht genug, für Julian mußte Besonderes gelten. Du sahst in jener Stunde der Gefahren wie in einen dunklen, langen schmalen Gang: Da, am Ende des Dunkels tauchte dir plötzlich strahlend auf deine eigene Gestalt im Purpur, und du vergaßest rasch alles und griffst rasch nach dem Purpur. Und du brachst deinen Eid!« fuhr der Furchtbare unerbittlich, einen Schritt näher tretend, fort: »Nicht aus menschlich verzeihlicher Todesangst, aber auch nicht – vor allem – wie du dir vorlügst, aus Liebe zu dem Reich und deinen Göttern, sondern weil du – eben du! –, der herrliche Julianus, der Retter sein solltest. Hätte ein anderer damals, das Reich zu retten, sich empört, du hättest deinen Eid gehalten und ihn bekämpft für Constantius. Aber du! Dich wähnst du berufen zu allem Höchsten. Diesem Rufe – dem Tubaruf der Ruhmsucht – folgst du, auch wenn er zum Verbrechen lockt. Du bist treulos, ehrlos, meineidig, eidbrüchig geworden, o Julian, nicht um Roms, nicht um der Götter willen, sondern aus dem tiefsten Kern deines Wesens heraus, und der ist – grenzenlose Eitelkeit.«
Da stöhnte Julian ganz leise, er wollte sich ermannen, aber er brach in sich zusammen. Schwer sank ihm das Haupt vornüber auf die Brust, dabei fiel das goldene Diadem von seiner Stirn und klirrte, dreimal auf den Stufen des Thrones aufschlagend, zuletzt mit hellem Schall auf den Marmorestrich. Jovian bückte sich rasch, hob es auf und reichte es ihm hin; der aber wies es mit der Hand zurück: »Behalt es einstweilen, Jovian! Es war ein Omen«, flüsterte er mit schwacher Stimme.
»Auf, Imperator!« mahnte Serapio leise, ihn an der Schulter emporrichtend, »ermanne dich. Und straf den Priester Lügen.«
»Ich kann nicht, Freund! – Ach, er spricht wahr! – Ich sah – zuerst – gemäß meinem Traum – mich, mich selbst, mein Haupt mit dem Diadem! Ja das ... das hat mich entschieden.«
Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Reihen: »Seht, er wankt! Er schweigt; er muß verstummen; er fühlt sich schuldig.« Diese Worte drangen bis zu Serapio und Jovian. Beide fuhren auf. Und jener begann: »Nicht also, Römer! Ihr seht es ja, der Imperator ist plötzlich erkrankt.« – »Kein Wunder«, fuhr Jovianus fort. »In dem gerechten Zorn über solche Beschuldigung.« – »Wie willst du denn alles wissen und abwägen«, sprach Serapio, »du seelenkundiger Priester? Hat er dir Beichte darüber abgelegt? Wie schwer in jenem Entschluß die Sorge für das Reich, wie schwer die Rücksicht auf den eigenen Ruhm – nicht auf das Leben – wog? Freilich gehört dazu nicht bloß die Erkenntnis: ›Gallien, das Abendland ist verloren, geb ich nach.‹ – (Glaub es nur, Priester, glaubt es, ihr römischen Männer, mir, dem Franken, ich verstehe mich darauf: Gallien war verloren, verloren an mein Volk, hätte Julianus nachgegeben!) Sondern dazu mußte das Selbstvertrauen treten: ›Und ich bin der einzige, der es retten kann.‹ – Wohlan, hat er es nicht – für diesmal noch – gerettet? Der Erfolg hat ihn gerechtfertigt.« – »Jawohl«, fiel Jovianus ein. »Seine Schuld – war Schuld dabei –, ist solcher Heldenehrgeiz Schuld: sie ist gesühnt. Das Urteil Gottes hat entschieden; sonst hätte ich ihm nicht gedient. Gott hat in seiner Tat kein Verbrechen gesehen.« – »Glaubst du?« fragte Athanasius drohend. »Nein, junger Krieger, Gott hat anders, hat gegen den Meineidigen entschieden. Er hatte ja Gott einen Bürgen gestellt, eine Geisel für seinen Eid.Wohlan, Gott hat für ihn, den Hauptschuldner, die Strafe noch aufgespart – auf kurze, kurze Zeit! Gott hat sich an den Bürgen gehalten. Hast du vergessen, unseliger Sohn, als du nach dem blutigen Purpur griffest, wie dein Treueid gelautet hatte? So ganz hat dich die eitle Gier hingerissen, daß du alles vergaßest – auch die eigene Mutter?«
Julian fuhr auf, beide Arme kurz erhebend.
»Du schwurst Treue bei den Augen deiner Mutter. Brächst du die Treue, solle sie erblinden. Wohlan, sie ist erblindet. Und diesen Anwalt habe ich mitgebracht.« Bei diesen Worten rauschte der Vorhang des Seitengemaches, und von einem Mönchlein geführt, tastete eine hohe Gestalt in grauem Büßerkleid, eine immer noch schöne Greisin, auf langen schwarzen Stab gelehnt, sich in den Saal.
»Mutter! Mutter!« schrie Julian außer sich, stürzte die Stufen des Thrones hinab und eilte, beide Hände vorgestreckt, auf sie zu.
»Zurück! Hinweg von mir. Rühr mich nicht an, Julian Apostata! Du bist nicht mehr mein Kind, du Ausgestoßener! Um deines Eidbruches willen hat mich Gott geblendet! Und welchen Frevel ludest du, nachdem du dich in deinen frevelhaften Purpur gehüllt, noch auf dies Haupt! Du Verleugner Christi, deines Herrn, du, abtrünnig von Gott und den Heiligen im Himmel, abtrünnig von Eid und Treuepflicht auf Erden, abtrünnig von Mutter und Schwester, ein Verfolgter der Gerechten, ein Förderer aller heidnischen Greuel, Julian Apostata, nimm von deiner Mutter, der geblendeten ...« – »Halt, Frau«, rief gebieterisch Athanasius, ihren drohend erhobenen Arm herunterreißend. »Nicht also. Nicht ihn zu verfluchen, führt ich dich hierher. Ausstoßen mußte ihn – mit schwerem Herzen – seine geistliche Mutter, die Kirche, bis er sich gebessert. Du aber, Weib, das ihn geboren, du sollst ihn nicht verfluchen, retten sollst du ihn, ihm seine arme Seele zurückreißen von der Schwelle der Verdammnis. Deshalb – nicht um hier ein Schauspiel aufzuführen –, aus Erbarmen mit seiner unsterblichen Seele, hab ich dich hierher gebracht. Versuche, was du vermagst über deinen unglücklichen, irregeleiteten Sohn, alte, bejammernswerte Frau.«
Julian war inzwischen von seinen beiden Freunden wieder die Stufen auf den Thron hinauf geleitet worden. »Meine Mutter!« stöhnte er, »Blind! Geblendet ... aber nicht von Constantius. Die wunderbaren Augen erloschen! Seht, wie sie nun so bleiern aussehen! Wie sie ins Leere stieren! Mich, ach, mich suchen sie.«
»Es sei«, begann die Greisin. »Auch das noch! Ich will's – für ihn – versuchen. Führe mich, führe mich näher zu ihm hin, Johannes. Wo ... wo sitzt er auf dem angemaßten Thron? – Mein liebes Söhnlein, gedenkst du noch der ersten Jahre, der Jahre der Kindheit; vor jener Mordnacht? Du warst mein Liebling von den dreien. Und du, du konntest nicht einschlafen, hatte dich die Mutter nicht gesegnet. Zum Abschied küßtest du mir immer beide Augen. O Julian – glaube mir –, du findest von heute an keine Stunde ruhigen Schlummers mehr, bevor dich die Mutter wieder gesegnet hat. Oh, wieviel lieber segnet als verflucht sie! O mein Sohn, mein Sohn, rette deine Seele! Noch ist's nicht zu spät. Dieser heilige Mann sagt, Gottes Barmherzigkeit ist so unendlich, daß sie auch dir – auch jetzt noch! – verzeihen kann. Ich verlange nicht, daß du diesen Purpur ablegst, der dir ja so teuer scheint, teurer als der Mutter Augenlicht. Behalt ihn! Kannst du doch nur auf dem Thron gutmachen, was du auf dem Thron angerichtet. Sprich nur einmal hier vor mir: ›Herr, mein Gott im Himmel, vergib mir meine große Schuld um Jesu Christi willen, deines Sohnes, der auch für mich zu Golgatha am Kreuze litt und starb.‹«
»Mutter – Mutter –, alles was du willst, nur nicht das Unmögliche. Ich kann nicht glauben an den Christengott.«
»So? Du kannst nicht?« rief die Greisin, plötzlich wieder in den vorigen Zorn zurückfallend. »Du kannst noch immer nicht? Und hat er denn nicht vor deinen Augen seine Wundermacht bewährt an meinen Augen? Nicht vom vielen Weinen, wie Philippus warnte, sind sie erloschen – (nur um deine Sündenschuld, deine Greuel, hab ich freilich geweint tage- und nächtelang all diese Zeit, und auch so, daher, wären sie um deine Schuld erloschen) –, nein, Gott der Herr hat sie ausgelöscht um deines Eidbruches willen. Du schwurst bei ihrem Glanz, du brachst den Schwur: ihr Glanz erlosch. Und du willst noch nicht glauben?« – »Ich kann nicht, Mutter!« – »Du kannst nicht? Nicht nach diesem greifbaren Wunder? Ah, so ist es denn wahr, das Fürchterliche, das Grauenhafte, das im Volk der Gläubigen über dich geflüstert wird, so laut, daß es sogar bis zu mir, der unseligen Mutter, drang?«
Sie riß sich plötzlich los von des Johannes Arm, machte ein paar Schritte in der Richtung, woher seine Stimme scholl, stand jetzt dicht vor dem Thron und hob drohend den schwarzen Stab. Ihre Züge verzerrten sich so furchtbar, ihre Lippen zuckten so krampfhaft, daß alle Anwesenden sich entsetzten: »Ein Gott spricht aus ihr!« murmelten gar viele.
»Was, Mutter, was für ein Gerede?«
»Kein Gerede! Oh, ich fühl es jetzt – fühl es mit Schaudern in dem Leibe, der dich getragen hat –, wie es sich in mir windet! Es ist wahr, wahr! Oh, ich Unselige! Hör es, Athanasius, du Frommer, hört es, all ihr tapferen und weisen Männer des Römerreichs! Wohl hat ihn dieser Leib geboren – aber sein Vater war nicht mein edler Gatte Julius.«
Ein Ruf des Grauens dröhnte durch den Saal.
Julian sprang auf: »Mutter! – Mutter! – Schände nicht dich selbst!« Aber diese fuhr fort: »Nein ... in meines Gatten Gestalt ... umfing mich ... im Dunkel der Nacht ... ein anderer: Satanas, der König der Hölle, hat mir diesen Dämon gezeugt. Diene ihm nicht, du Volk von Rom, du dienst in ihm der Hölle!«
Da schrillten zwei ungeheure Schreie durch die weite Halle.
Die Mutter brach in ein lautschallendes, nicht endendes Lachen aus, schlug um sich mit Händen und Füßen, Schaum trat ihr vor den Mund. Athanasius sprang hinzu: »Sie ist von Dämonen besessen. Tobsucht nennen's die Ärzte. Hinweg mit ihr.« Gleichzeitig aber war Julian emporgeschnellt vom Stuhle mit einem gräßlichen Schrei. Er warf das Haupt in den Nacken, ballte die beiden Fäuste, schlug nieder vor dem Thron und rollte in Zuckungen und Verzerrungen die Stufen hinab.
Die Freunde, die Höflinge bemühten sich um ihn, sein Arzt Oribasius beugte sich über ihn: »Es ist ein Krampfanfall«, sprach der. »Es faßt ihn manchmal so. Tragt ihn zu Bett.«
Einstweilen hatte sich der weite Marmorsaal geleert und auch der Platz vor dem Palaste. Mit allen Zeichen des Entsetzens, schreiend, weinend, händeringend, untereinander und mit den nächsten redend, verkündeten die Zeugen die grauenhaften Geschicke des Sohnes und der Mutter. Dieser Tag hatte viele Wurzeln der Liebe zu Julian ausgerissen in dem Herzen seines Volkes. Und er selbst hat sich im Innersten nie mehr ganz erholt von diesem Donnerstreich.

01 Oktober 2015

Merowechs Weltanschauung

Wenn nun aber alle Religionen und alle Philosophen Gott nicht zu fassen vermögen, warum ihn suchen? Weil wir müssen. Gott selbst werden wir nie begreifen, wohl aber Stücke seines Waltens im Rauschen des Waldes wie der Schlacht. Und diese Stücke müssen wir gierig suchen: Der kleinste Splitter genügt, uns in frommem Schauer der Ehrfurcht das unausdrückbar Erhabene Gottes ahnen zu lassen. Und wie waltet Gott? Durch Gesetze, durch Notwendigkeiten, die sich so unvermeidlich vollziehen, wie der Donner dem Blitz folgt, wie der Schleuderstein endlich zur Erde fällt. Daher ist auch die Freiheit des Menschen nicht Willkür, sondern Notwendigkeit. Frei sein! Was ist's? Es ist, seine Eigenart darleben können. [...] 
Ich habe erkannt, daß das Glück der Menschen durchaus nicht der Zweck der Welt ist, sonst wäre sie ein höchst mißlungenes Stümperwerk. Sondern es will sich ein ewiger Wille vollenden. Ihm dient der Trotz wie der Gehorsam. Ihm muß das Böse, ihm will das Gute dienen.« [...] 
Merowedi, warum lebst du dann?« »Weil ich das Gute tun, das Wahre suchen, das Schöne genießen kann, will, muß. Weil es – trotz allem Weh – des Lebens lohnt. Weil mir Gott seine ganze große, herrlich schöne Welt geschenkt hat, darin meine Eigenart darzuleben. Das tu ich gern. Mit Freude tu ich's. Mich freut es, meinem alten Vater helfen, meinem Volke, meinen Freunden dienen zu können. Es beglückt mich, das Wackere zu tun. Ich lebe nicht für mich, ich lebe für die Meinen. Aber nicht für die Menschheit, die ist ein hohler Schall! Der Mensch dient der Menschheit, indem er seinem Volke dient. Einen Menschen im allgemeinen hab ich noch nicht gesehen. So will ich leben, so will ich sterben: furchtlos und treu. [...] 
›Entsage ganz, so bist du frei von Schmerzen! Zerbrich der Selbstsucht schnöde Zwingherrschaft, Begreif das Notwend'ge, und sei frei. Dem Gott, dem Ew'gen, diene treu und stark. Dem Ganzen opfre dich, dem du gehörst. Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk, Ihm sollst du leben, sollst du sterben auch! So wird der Friede ziehn in deine Seele: Wunschlos versöhnst der Welt du dich und Gott, Und lebst und stirbst, ein jeder Zoll ein Held.‹  [...] 
Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, III,16 (81)

27 September 2015

Religionsgespräch in Byzanz

Mit sehr verschiedenartigen Empfindungen nahmen die Hauptstadt und das Reich die Nachricht auf, daß der Herrscher eine allgemeine Kirchenversammlung nach Byzanz berufen habe, auf der Bischöfe und Priester der katholischen Kirche wie aller christlichen Sekten, aber auch Lehrer der Juden erscheinen und ihre Lehrmeinungen in einem Religionsgespräch vertreten sollten. Der Imperator selbst behielt sich Vorsitz und Leitung vor, um, wie er verkünden ließ, die Freiheit jeder Meinung, den unparteilichen Gang der Verhandlungen zu sichern.
Am meisten erstaunt waren über diesen Beschluß Julians nächste Freunde, Jovian und Serapio; Lysias hatte schon lange die Hauptstadt verlassen und seine Amtstätigkeit, zunächst in den Provinzen Pontus und Bithynien, begonnen. Bei dem Lustwandeln in dem Haine der Artemis vor dem Westtore der Stadt blieb Serapio plötzlich stehen und fragte: »Warum tust du das, o Julian?« – »Was?« – »Das mit den vielen Geistlichen.« – »Ja«, unterstützte Jovianus lebhaft die Frage. »Warum? Denn an Erfolg glaubst du ja doch nicht!«
Mit feinem Lächeln antwortete der Schalk: »Und warum nicht? Irgendein Erfolg wird schon herauskommen! Aber, bitte, beschleunigt eure Schritte. Die Arbeit ruft mich in den Palast zurück. Unter all den vielen Dingen, daran es mir gebricht, steht obenan die Zeit.« – [...]
 »Ei, sie sollen hier Duldung lernen und Nächstenliebe.« – »Die Katholiken von den Ketzern?« fragte Jovian. »Oder umgekehrt?« zweifelte der Franke. »Beides wird schwerhalten!« – »Nein, sondern alle von uns Hellenisten. Und übrigens: Wenn das Gegenteil erreicht werden sollte, wenn die alten Feinde, stehen sie sich nun alle gegenüber und hört jeder die verhaßte Lehre des andern, in tobenden Streitzorn ausbrechen, heißer als je zuvor...« – »Nun dann?« – »Ja, was dann?« forschte Serapio.
»Denn das wird doch höchstwahrscheinlich geschehen!« – »Dann ist's erst recht gut«, lachte Julian nun laut auf. »Dann beweist sie sich wieder einmal, die vielgepriesene Liebe, Milde, Einigkeit der Kirche vor den Augen der ganzen Welt; und ganz besonders vor den meinen. Diesen Augen aber – ist ihnen bei dem vielen Verdruß, den ihnen die Galiläer tagtäglich bereiten, nicht auch einmal eine kleine Freude durch die Galiläer zu gönnen?«

An dem bestimmten Tag eröffnete der Augustus die Versammlung, zu der in heiligem Eifer die frommen Väter aller Bekenntnisse, auch Vertreter des Judentums, in so großer Menge aus allen Provinzen des Reiches zusammengeströmt waren, daß keine Basilika sie aufzunehmen vermochte.
So war von vornherein das Anstößige ausgeschlossen, daß der »hellenistische« Imperator in einem christlichen Gotteshaus den Vorsitz einnahm. Und auch die Frömmsten konnten nicht dawider eifern, daß aus dem Grund solch zwingender Not die Beratungen in ein weltliches Gebäude verlegt wurden; man wählte den weitesten Raum, der in der Hauptstadt zu finden war: die Säulenhalle des vom großen Constantin erbauten Gymnasiums.
Zartfühlig ließ Julian aus dem Haus und dem umgebenden schönen Hain für diesen Tag die Götterbilder entfernen, die Artemidor auch hier bereits wieder aufgestellt hatte. »Ich bin der Wirt, ich darf nicht unwirtlich scheinen«, sprach er, »nicht meine ohnehin so leicht reizbaren Gäste verletzen.«
Bis auf den letzten Platz waren die Stühle und Bänke besetzt, die, in sieben Reihen hintereinander aufgestellt, einen Halbkreis bildeten, geöffnet gegen den purpurbehangenen Thron, den der Herrscher, gekleidet in die volle Festgewandung des Imperators, nun feierlichen Ganges bestieg.
Zu Füßen des auf mehreren Stufen erhöhten Sitzes nahmen die ersten weltlichen Würdenträger Platz. Eine Schar von Kriegern – meist blondhaarige, Julian selbst hatte sie ausgesucht – stand in vollen Waffen, befehligt von Sigiboto und Sigibrand, hinter dem Thron; und draußen, vor dem nun geschlossenen Eingang, in dem weiten Garten, waren zweitausend weitere unter Garizo und Ekkard aufgestellt.
Lange musterte Julian die Versammlung schweigend – manch hochehrwürdige Gestalt, manch edles, vergeistigtes Antlitz erschaute er; aber auch viele Eiferer, deren Züge, von Glaubenshaß und Verfolgungswut, von Rachgier und von andern üblen Leidenschaften entstellt, durchaus nicht Frieden atmeten oder ankündeten. Endlich hob der Imperator an: »Ehrwürdige, fromme, ja vielleicht zum Teil schon heilige Väter der Kirche, Häupter der verschiedenen Lehrmeinungen, auch ihr, o weise Lehrer der Juden! Ich heiße euch alle willkommen. Ich habe euch hier versammelt, euch Gelegenheit zu geben, eure Glaubenssätze vorzutragen und zu vertreten. Ich wünsche, aber ich wage (nach früheren Erfahrungen) freilich nicht stark zu hoffen«, hier spielte, kaum merklich, ein Lächeln um den feinen Mund, »daß aus euren Verhandlungen, wenn auch nicht Versöhnung, doch gegenseitige Duldung hervorgehen möge. Bevor ihr beginnt, möchte ich euch (als Mahnung) ein paar Sätze vorlesen, die sich in einer eben veröffentlichten Geschichte unserer Tage finden. Ihr Verfasser ist der ausgezeichnete Grieche Ammianus Marcellinus, dessen Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit noch niemand bezweifelt hat. Seine Worte sind vielleicht geeignet, jenen geistigen Stolz ein ganz klein wenig zu dämpfen, den manche Zeitgenossen euch, heilige Bischöfe (gewiß mit Unrecht), vorwerfen. Ein wenig Demut ist gewiß uns allen (auch mir gebricht es leider daran) zu wünschen. Und wo die Demut fehlt, da ist so recht am Platz: die Demütigung.
Ammianus also schreibt – gib die Rolle, bitte, Serapio: ›Nicht reißende Bestien, nicht Raubtiere zerfleischen sich untereinander mit solcher Wut wie die Christen verschiedner Bekenntnisse. Hätte Mark Aurel unsere Tage erlebt, nicht von den zanksüchtigen Juden in Ägypten, von den sich zerreißenden Christen hätte er sein berühmtes Wort gesprochen: O Markomannen, Quaden und Sarmaten, endlich habe ich noch ärgere Wüteriche gefunden als ihr seid.‹ Ferner: ›Papst Liberius und Papst Felix der Zweite streiten schon lange miteinander um den römischen Bischofstuhl; da wurden neulich in der Basilika des Sicinius, wo sich die römische Christenschaft zum frommen Gottesdienst zu versammeln pflegt, an einem Tage hundertundsiebenunddreißig Menschen erschlagen.‹
Aber das ist ja nur ein kleines Vorfrühstück des Glaubenseifers gewesen! Stattlich war seine Hauptfestmahlzeit hier, in der Stadt Constantins; das erste Blut, das die neue Hauptstadt befleckte, von Gläubigen aus Gläubigen um des Glaubens willen ward es vergossen: ›Vor kurzem lieferten sich die beiden Bischöfe von Byzanz, Paulus der katholische, und Makedonius der arianische, eine regelrechte Schlacht in diesen Straßen. Auf dem Platz vor der Bischofskirche allein lagen dreitausendeinhundertfünfzig Tote. Der Magister Equitum Hermogenes, der Frieden stiften wollte, ward von den Katholischen aus seinem brennenden Palast an den Füßen durch die Straßen geschleift und die Leiche auf das scheußlichste (sehr unanständig) verstümmelt. Aber als später die Arianer gesiegt hatten, erfanden sie eine hölzerne Hebelmaschine, mit der sie den gefangenen Katholiken die Zähne des geschlossenen Mundes aufbrachen, und nun die arianisch geweihte Hostie ihnen in den Schlund hinabzwängten. Katholischen Jungfrauen verbrannten sie die Brüste mit glühenden Eisenschalen oder quetschten sie ab mit scharfen Brettern.‹ Weiter: ›Die Arianer in Edessa sind vor drei Monaten über andere Galiläer, die Valentinianer, hergefallen und haben mit Mord und Brand gegen sie gewütet.‹ (Der Statthalter beantragte die in den Gesetzen gedrohte Todesstrafe gegen die Überführten; aber ich halte alle glaubenswütigen Galiläer für nicht ganz zurechnungsfähig und habe sie begnadigt. Nur ihr Vermögen ward eingezogen, die Verletzten zu entschädigen.) ›Bald darauf hat die katholische Sekte der Novatianer in Paphlagonien viertausend römische Legionäre erschlagen.‹ Ihr werdet nun vielleicht zugeben, heilige Väter, der Staat muß doch ein wenig den Kopf schütteln über eine Religion der Liebe, welche so befremdliche Früchte zeitigt. So sagt Ammianus nicht zuviel mit den Worten: ›Der Haß der Christen untereinander übersteigt die Wut reißender Bestien gegen den Menschen.‹ Aber er ist ›Hellenist‹, werdet ihr sagen. Wohl, so führe ich ein Wort eines eurer Bischöfe an, jenes liebenswürdigen Gregor von Nazianz (um dessen Beifall ich mit so geringem Erfolg ringe); er sagt (alle Grazien standen an seiner Wiege und daneben der Engel der Nächstenliebe) in seiner jüngsten Schrift (ich studiere so gern seine an Kraftworten reiche Sprache, ohne sie doch erreichen zu können): ›Das Königreich des Himmels (das ist nämlich die Kirche) ist durch Zwietracht in ein Chaos, in einen nächtlichen Orkan, ja sogar in die Hölle selbst umgewandelt.‹
Dieser Freund der Wahrheit hat auch in einer Predigt behauptet (es ist die dritte in seiner jüngst veröffentlichten Sammlung; ich habe sie mir sofort – wegen der starken Nachfrage – gekauft, obwohl sie ziemlich teuer ist, da meine galiläischen Untertanen jeder Lehrmeinung so was gern lesen), ich, Julianus, pflege ziemlich häufig Knaben und Mädchen zu schlachten, aus ihrem Blut die Zukunft zu erforschen; die Leichen lasse ich dann – wie ich erfuhr – in die Flüsse versenken.
(Warum ich ihn nicht bestrafe, diese Schriften nicht unterdrücke, fragen meine Freunde. O nein, ich freue mich darüber, daß ein Feind von uns Hellenisten, trotz hoher Weihen, so lügt, so haßt und so verleumdet!)
Übrigens – Gerechtigkeit vor allem! Die Rechtgläubigen treiben es nicht ärger als die Arianer und die andern Ketzer; man kann homoiusios sagen oder homousios, und gleich streitsüchtig, blutdürstig und verfolgungswütig sein. Zu vielen Tausenden habt ihr euch gegenseitig geschlachtet! Aber hören wir weiter unsern trefflichen Ammian: ›Es gibt‹, sagt er, ›ausgezeichnete Bischöfe in den Provinzen; aber in Rom und in andern Großstädten bieten sie die ganze Kraft ihrer Lungen nur zum Zanken auf. Sie sammeln sich Schätze aus den Spenden alter Weiblein, zeigen sich nur in prachtvollen Gewanden, die aller Augen auf sich ziehen, und ihre schwelgerischen Gastmahle überbieten die Tafeln der Könige.‹
Und ein frommer Kirchenvater – Eusebius von Cäsarea – klagt, daß ›unaussprechliche Heuchelei und Verstellung es unter den Christen zum höchsten Grade der Bosheit gebracht haben‹; so schreibt er wörtlich. (Es sind euer überhaupt ein bißchen viele: Achtzehnhundert Bischöfe zählt man in meinem Reich.)
›Diese achtzehnhundert haben‹, berichtet Ammian, ›behufs ihrer Verständigung, in zweiundzwanzig Jahren neunzehn Kirchenversammlungen gehalten.‹ Verständigt habt ihr euch, wie es scheinen will, dabei nicht erheblich, wohl aber, klagt Ammian, durch das Hin- und Herfahren die ganze Post des Staates zugrunde gerichtet. Also (offen bekenn ich's, und ihr wißt es ja von mir) ich kann euch nicht so recht lieben und auch euch nicht glauben! Aber wie könnt ihr mir aus meinem Unglauben einen Vorwurf machen, da ihr selbst lehrt, den Glauben kann man weder erlernen noch erzwingen; er ist eine freie Gnade, die am Menschenherzen Gott wirkt, der von Ewigkeit her im voraus weiß (also unabänderlich vorherbestimmt hat), welche Seelen er so begnadigen wird. Ich zähle offenbar nicht zu den Begünstigten, bin also im voraus von Ewigkeit her zur Hölle verurteilt gewesen, bevor ich geboren ward, bevor ich in die Möglichkeit kam, eure Lehre anzunehmen oder zu verwerfen. Das ist doch nicht hübsch von eurem Gott! Vernehmt zum Schluß noch, was ich neulich den Bostrenern geschrieben habe, es gilt euch allen: ›Wieviel besser als Constantius behandle ich die Priester und Bischöfe der Galiläer. Er hat sie in Scharen verbannt, Athanasianer und andere (so daß in Samosata, in Kyzikus, in Paphlagonien, Bithynien, Galatien gar keiner mehr zu finden war), hat eure Kirchengüter eingezogen; ich habe allen die Rückkehr gestattet, allen die Güter zurückgegeben. Ja, den wackeren Bischof Aëtius von Ephesus hier, der sich um den Frieden zwischen den Seinen und den Hellenisten bemüht, hab ich längst als meinen Gast hierher geladen. Nur laß ich euch nicht, wie das früher geschah, untereinander und gegen uns Götterverehrer wüten. Gerade darüber aber toben viele von euch, frevelnd gegen die Götter und gegen unsere Gesetze. Sowenig zwing ich einen Galiläer an unsere Altäre, daß ich vielmehr von jedem, der zu den Göttern zurückkehren will, vorher Buße, Entsühnung fordere, Reinigung an Leib und Seele, die er durch den Abfall – zu den Gräbern – befleckt hat vor den hochheiligen Göttern. Aber viele Bischöfe, die nun seit Jahrzehnten geherrscht haben, wollen nicht aufhören zu herrschen, Gericht zu halten, alten Weiblein Testamente zu diktieren, Erbschaften an sich zu reißen. Gar häufig hetzen sie das dumme Volk und lassen es mit Steinen werfen auf unsere Götterbilder. Und doch ermahne ich immer wieder und wieder: Vergeltet nicht den Galiläern Gewalt mit Gewalt! Nicht Haß, Mitleid verdienen sie, belehren muß man sie, nicht verfolgen.‹
Beginnt nun eure Verhandlungen. Diese unmittelbar zu leiten, steht mir nicht zu. Ich übertrage dies Geschäft dem den Jahren nach ältesten unter den Anwesenden; es ist, wie festgestellt ward, Aëtius, der ehrwürdige Bischof der Katholiken von Ephesus.«
Sofort erhob sich ein dumpfes, grollendes Murren auf den Bänken aller Andersgläubigen.
»Ruhe, meine Lieblinge!« bat Julian. »Einer muß es nun doch wohl sein. Und bei jeder Wahl hätte der Rangstreit kein Ende genommen. Übrigens bleibe ich hier, in eurer Mitte, und sollte (was ich aber durchaus nicht annehme) der greise Aëtius nicht mit voller Unparteilichkeit seines Amtes walten, so werde ich selbst eingreifen. Ich – von dem ihr wisset, daß ich all euren abweichenden Lehrmeinungen mit gleicher – nun sagen wir, mit gleicher Unvoreingenommenheit gegenüberstehe. Mit Schmerz vermisse ich aber manch teures Haupt. So meinen gütigen Gönner, meinen Mitschüler einst zu Athen, den vorbelobten sanftmütigen Bischof Gregor von Nazianz, der in seiner jüngsten Schrift bewiesen hat, ich trage neun lebendige Teufel im Leibe. Schade, daß er nicht kam! Es hätte mich doch so lebhaft angezogen, deren richtige Namen zu erfahren; und wo im Leibe mir jeder einzelne sitzt.
Auch sind leider ausgeblieben (wohl zu stark miteinander selbst beschäftigt) die beiden heiligen Bischöfe, die sich, wie vorher beklagt, seit nunmehr sechs Jahren um den heiligen Stuhl von Rom recht lebhafte Straßengefechte liefern: Felix der Zweite und zumal der demutvolle Liberius, den ich an eine frühere Begegnung, eine (selbstverständlich nur für mich selbst) lehrreiche Unterhaltung über die Grenze von Kirchen- und von Staatsgewalt sowie über Urkundeneinführung würde gern erinnert haben. Ich behalte mir vor, bei meinem längst geplanten Besuch bei ihm in Rom darauf zurückzukommen. Ich höre übrigens mit Bedauern, ihr Katholiken, daß Papst Liberius aus Menschenfurcht in der letzten Zeit des Constantius diesem zuliebe von dem katholischen Glaubensbekenntnis (dem von Nicäa, dem athanasianischen) abgefallen ist und sich einer arianischen Sekte zugewendet hat. Ist er, der Irrgläubige, nun doch noch Haupt der rechtgläubigen Kirche? Aber das ist eure Sache! Verzeiht, ich bitte, die Frage.
Allein auch ihn, den eben genannten, den berühmten Athanasius von Alexandria (ja, ihr Arianer, brummt nicht! ›Berühmt‹ ist er doch jedenfalls und von Alexandria ist er auch; nämlich das heißt: bald zu Alexandria, bald von euch vertrieben – also von Alexandria weg), auch Athanasius also nicht hier zu sehen, bedaure ich lebhaft. Um so tiefer beklage ich das, als ich beschlossen habe, zur Grundlage eurer Verhandlungen zu machen...«, hier hielt er eine Weile inne und fuhr dann, als alle mit größter Spannung an seinem Munde hingen, mit erhobener Stimme fort, »das von ihm verfaßte und nach ihm benannte Glaubensbekenntnis: Das Athanasianum von Nicäa.«
Da brach's los.
Tobender, höllischer Lärm und wildes, wüstes, ohrenzerreißendes Geschrei. Mit Ausnahme der Katholiken und der Juden sprangen alle Anwesenden von ihren Sitzen, sprachen, riefen, zischten, schrien, brüllten zugleich gegen die Reihen der Katholiken hin, wütend und drohend auch gegen den Thron des Imperators. Der verzog keine Miene; ruhig sah er in den brodelnden, schäumenden, häßlichen Kessel hinab; nur ein Lächeln konnte er nicht ganz unterdrücken.
Der Vorsitzende, Aerius, der wackere Bischof von Ephesus, bemühte sich vergebens, die Ordnung wiederherzustellen: Alle sprachen, schrien, mit den Händen dem Gegner bis nah an die Nase fuchtelnd. Ja, aus den Reihen der heißblütigen Afrikaner flogen schon die Papyrusrollen als Wurfgeschosse gegen die Köpfe der katholischen Amtsgenossen, auf welchen die heiligen Schriften verzeichnet standen. Ein Neues Testament streifte mit scharfer Kante das Ohr des noch jugendlichen Bischofs Fortunatian von Aquileja; er blutete stark.
Lange hatte Julian von seinem erhöhten Thron herunter dem ausgebrochenen Wirrwarr zugesehen, ohne sich einzumischen: Er hatte sie recht lange gewähren lassen! Jetzt aber, als der verwundete Bischof auf den Werfer, Adherbal von Ruspe, mit geballten Fäusten losfuhr, gab er Sigiboto und Ekkard einen Wink. Die sprangen dazwischen und rissen die bereits Raufenden auseinander; zugleich hob der Imperator den rechten Zeigefinger. Da schmetterte von dem hohen Bogengang oberhalb der Säulen herab der eherne Klang der römischen Tuba, das fromme, aber lebhafte Gespräch übertönend. Alle verstummten und sahen erschrocken nach oben; totenstill ward's in der weiten Halle.
Nun erhob sich Julian vom Thron und sprach: »Nein, ihr frommen Herren, beruhigt euch. Es ist noch nicht die Posaune des Weltgerichts; freilich war es kein Wunder, brach es strafend über euch herein. Vergeblich bat ich euch, als ihr so ... nun, sagen wir, so angeregt, so eifrig wurdet: ›Hört auf mich! Selbst trotzige Alemannen und wilde Franken haben auf mich gehört.‹ Ihr nicht! Ihr gehorcht nicht meinem Wort. So muß euch die Tuba mahnen. Haltet doch Frieden, ihr Herren! ›Kindlein, liebet euch doch untereinander‹ (mahnt der Lieblingsjünger eures Gottes), statt euch die Ohren blutig zu werfen. ›Friede sei auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen‹, so sangen ehemals die Engelein. Muß ich euch Bibelsprüche lehren, ich, der von neun Dämonen Besessene? Für heute muß ich's wohl aufgeben, euch zu versöhnen. Fast besorge ich, ihr werdet auch morgen, ja noch einige Jahrhunderte so weiterstreiten. Streitet mit Gründen, aber, ich bitte sehr, nur die feineren Fragen entscheidet mit Fäusten. Und die heiligen Schriften wirken doch nur innerlich, nicht äußerlich angewendet. Eure Gewissen sind frei, eure Lehren sind mir unantastbar; wer aber den Frieden meines Reiches bricht, der wird lernen: ›Irret euch nicht, auch der Staat läßt sich nicht spotten!‹ Und da ich eurer Sanftmut nicht ganz trauen darf – nach dem eben Erlebten – kann ich euch nicht unbehütet auf die Straßen von Byzanz entlassen; leicht könnte dort der heilige Eifer neu erwachen. Deshalb (Serapio, rufe die befohlenen Germanen dort vor, die anderen stehen draußen bereit!) wird jeder von euch in seine Herberge geleitet von je zwei heidnischen Alemannen, Franken, Friesen, Sachsen, Quaden, Markomannen – die werden gewiß nicht Partei ergreifen für Athanasius oder für Arius! Dir, Sachse Sigibrand (ich kenne deine Theologie – heute ward sie beinahe hier angewandt), dir anbefehl ich den heiligen Bischof von Ruspe da. Aber sei auf deiner Hut, Kriegshauptmann! Er ist ein streitbarer Herr, er wirft gar kräftig.«
Der rotblonde Riese in seinem Wisentfell trat vor und legte nur leicht die Hand auf des Afrikaners Schulter; der knickte zusammen.
»So führe mir, Serapio, die frommen Priester durch die Straßen von Byzanz, jeden mit einer Ehrenwache von zwei Heiden. Sonst könnte euer Ansehen leiden bei dem Volk, sähe es euch werfen, schlagen und raufen auf den Gassen! Friede sei mit euch!«
(Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, II,12 (77))