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17 März 2013

Dostojewski: Der Spieler

Darum wird hier scharf unterschieden zwischen derjenigen Art zu spielen, die als »mauvais genre« bezeichnet wird, und derjenigen, die einem anständigen Menschen gestattet ist. Es gibt eben zwei Arten zu spielen: eine gentlemanhafte und eine plebejische, selbstische, das ist die der unfeinen Menge, des Pöbels. Hier wird dazwischen ein strenger Unterschied gemacht; und doch, wie wertlos ist in Wirklichkeit dieser Unterschied! Ein Gentleman wird zum Beispiel fünf oder zehn Louisdor, selten mehr, setzen oder auch, wenn er sehr reich ist, tausend Franc; aber er darf das lediglich um des Spieles willen tun, nur zum Zeitvertreib, eigentlich nur um den Vorgang des Gewinnens oder Verlierens zu verfolgen; für den Gewinn selbst darf er durchaus kein Interesse zeigen. Hat er gewonnen, so darf er zum Beispiel laut lachen, zu einem der Umstehenden eine Bemerkung machen; er darf sogar noch einmal setzen und dabei verdoppeln, aber einzig und allein aus Wißbegierde, um die Chancen zu beobachten und Berechnungen anzustellen, aber nicht in dem plebejischen Wunsch zu gewinnen. Kurz, all diese Spieltische, Rouletts und Trente-et-quarante-Spiele darf er nur als einen Zeitvertreib betrachten, der lediglich zu seinem Amüsement eingerichtet ist.
Von der Gewinnsucht und den Fallstricken, die die Grundlage und Einrichtung der Spielbank bilden, darf er nicht einmal eine Ahnung haben. Sehr gut wäre es sogar, wenn es ihm schiene, daß auch alle übrigen Spieler, dieser Pöbel, der um einen Gulden bangt und zittert, daß auch sie ebensolche reichen Leute und Gentlemen seien wie er selbst und nur zur Zerstreuung und zum Zeitvertreib spielten. Eine solche völlige Unkenntnis der Wirklichkeit und harmlose Meinung von den Menschen wäre gewiß sehr aristokratisch. Ich sah, daß viele Mütter ihre unschuldigen, hübschen, fünfzehn- oder sechzehnjährigen Töchter zum Spieltisch vorwärtsschoben, ihnen einige Goldstücke gaben und sie über das Spiel belehrten. Die jungen Damen gewannen oder verloren, lächelten aber in jedem Falle und traten sehr zufrieden wieder zurück.
Unser General kam in gemessenem Schritt und würdevoller Haltung zum Spieltisch; ein Diener eilte herbei, um ihm einen Stuhl zu reichen; aber er bemerkte den Diener gar nicht. Sehr langsam zog er seine Börse heraus, sehr langsam entnahm er ihr dreihundert Franc in Gold, setzte sie auf Schwarz und gewann. Er nahm den Gewinn nicht, sondern ließ ihn auf dem Tisch. Wieder kam Schwarz; auch diesmal nahm er nichts an sich, und als nun beim drittenmal Rot kam, verlor er mit einem Schlag zwölfhundert Franc. Er ging lächelnd weg und fiel nicht aus der Rolle. Ich bin überzeugt, daß sein Herz sich krampfhaft zusammenzog, und daß, wäre der Einsatz zwei- oder dreimal so groß gewesen, er seiner Rolle nicht treu geblieben wäre, sondern seine Erregung verraten hätte.
Übrigens gewann in meiner Gegenwart ein Franzose bis zu dreißigtausend Franc und verlor dann diese Summe wieder, beides mit heiterer Miene und ohne jede sichtbare Erregung. Ein wirklicher Gentleman darf, selbst wenn er sein ganzes Vermögen im Spiel verlöre, sich nicht darüber aufregen. Das Geld muß so tief unter der Würde eines Gentleman stehen, daß es kaum wert erscheint, daß man sich darum kümmere. [...]

Von Polina Alexandrownas Geld beschloß ich es an diesem Abend mit hundert Gulden zu versuchen. Der Gedanke, daß ich mich auf das Spiel nicht für mich, sondern für einen andern einließ, verwirrte mich einigermaßen; diese Empfindung war sehr unangenehm, und ich wünschte, sie so schnell wie möglich loszuwerden. Es kam mir vor, als unter- grübe ich mein eigenes Glück dadurch, daß ich damit anfinge, für Polina zu spielen. Kann man denn mit dem Spieltisch nicht in Berührung kommen, ohne sogleich vom Aberglauben angesteckt zu werden? Ich begann damit, daß ich fünf Friedrichsdor herausnahm, das sind fünfzig Gulden, und sie auf Paar setzte. Das Rad drehte sich, und es kam Dreizehn; ich hatte verloren. Mit einer peinlichen Empfindung, lediglich um irgendwie loszukommen und wegzugehen, setzte ich noch fünf Friedrichsdor auf Rot. Es kam Rot. Ich setzte alle zehn Friedrichsdor; es kam wieder Rot. Ich setzte wieder das Ganze auf einmal; es kam wieder Rot. Nachdem ich so vierzig Friedrichsdor erhalten hatte, setzte ich zwanzig auf die zwölf mittleren Zahlen, ohne zu wissen, was dabei herauskommen kann. Es wurde mir das Dreifache ausgezahlt. Auf diese Art hatte ich statt zehn Friedrichsdor auf einmal achtzig. Eine mir bisher fremde, sonderbare Empfindung bedrückte mich dermaßen, daß ich beschloß wegzugehen. Es schien mir, daß ich in ganz anderer Weise spielen würde, wenn ich für mich selbst spielte. Jedoch setzte ich alle achtzig Friedrichsdor noch einmal auf Paar. Diesmal kam Vier; es wurden mir noch achtzig Friedrichsdor hingeschüttet; ich ergriff den ganzen Haufen von hundertsechzig Friedrichsdor und ging, um Polina Alexandrowna zu suchen.
Fëdor Michajlovič Dostoevskij: Der Spieler, 2. Kapitel

Nachtrag 2018:
In diesem Blog verfolge ich seit einiger Zeit die Strategie, indem ich meines Erachtens wichtige oder charakteristische Passagen zitiere, mir später die Erinnerung an frühere Lektüren zu erleichtern, und andererseits die Leser des Blogs dazu zu verführen, sich den Gesamttext etwas genauer anzusehen. 

Vielleicht ist aber ein anderes Verfahren für diesen zweiten Zweck bei vielen Lesern meines Blogs wirksamer. Und zwar die Wiedergabe der Handlungsstruktur eines Textes in unterhaltsamer Form, so dass man sich auch an umfassendere Texte herantraut, weil man sie ja schon so ein bisschen kennt.
Daher hier Dostojewskis Der Spieler und Schuld und Sühne in unterhaltsamer Form (Video).

30 Mai 2011

Liebesgeschichten von Dostojewski

Eine fremde Frau und der Mann unter dem Bett

Zwei Eifersüchtige, die zunächst voneinander nur erfahren, dass sie beide eifersüchtig sind, und sich am nächsten Tag beide unter dem Bett einer fremden Frau treffen, sich streiten und Kämpfe ausführen. Das Erwürgen eines Hündchens.

Vor dem Krankenbett seiner Frau zieht der Eifersüchtige mit dem Taschentuch auch das tote Hündchen heraus und wird gefragt, wie er dazu kommt. Wie soll er Rede und Antwort stehen?


Die Sanfte

Ein ehemaliger Hauptmann, der, weil er kein Duell wollte, in Unehre aus dem Regiment ausgeschieden ist, wird Pfandleiher und nutzt die ausweglose Lage einer 16jährigen aus, um sie zu seiner Frau zu machen, in der Hoffnung, ihr rätselhaft zu werden und ihr dann seinen Mut und seine Großmut zu beweisen und von ihr bewundert zu werden.

Nachdem er bemerkt hat, dass sie versucht hat, ihn zu töten, trennt er sich von ihr mit Tisch und Bett.

Als sie bemerkt, dass er sie immer noch lieben will,

las ich in ihren Augen ein strenges Erstaunen. Ja, es war Staunen und es war streng. Sie sah mich mit großen Augen an. Ihre Strenge, ihr strenges Erstaunen zermalmten mich: „So willst du auch noch Liebe? Liebe willst du?“ - diese Frage las ich aus ihrem Staunen, obwohl sie keinen Laut von sich gab.“


Kurz darauf begeht sie Selbstmord. Sie springt aus dem Fenster.


Im Vorwort zu dieser Erzählung verweist Dostojewski darauf, wie wichtig die Erzählperspektive ist.

Das Verhalten der Frau wird psychologisch rätselhaft dadurch, dass wir Erklärungen nur vom Mann angeboten bekommen. Natürlich legen sich Deutungen nahe. Doch welche gilt?

28 Mai 2011

Dostojewski: Die weißen Nächte

Es ist eine sehr unemanzipierte Liebesgeschichte. Die Frau ist hilflos und ist aus dieser Hilflosigkeit heraus bereit, sich ganz an den hinzugeben, der sie daraus befreit. Ein Dornröschen der anderen Art.

Der Mann liebt sie, weil sie hilflos ist, und überwindet seine Scheu vor der Frau nur, weil er sich als ihr Retter fühlen kann.

So weit ist die Geschichte ganz konventionell. Aber das ist nicht alles. Es gibt zwei Männer, die diese Frau lieben. Sie umarmt und küsst sie beide vor den Augen des anderen. Es kommt aber zu keiner Eifersuchtsszene. Und das Ganze spielt in Petersburg.

Weshalb ist Petersburg so wichtig?
Weil der Erzähler unter den Häusern der Stadt gute Bekannte hat, die zu ihm sprechen und für die er sich verantwortlich fühlt.

Hören wir herein, was sie so sagen:
»Guten Tag! Wie geht es Ihnen? Mir geht es, Gottlob, recht gut, und im Mai bekomme ich ein neues Stockwerk.« Oder: »Wie ist Ihr Befinden? Was mich betrifft, so komme ich morgen in Reparatur!« Oder: »Ich wäre neulich um ein Haar verbrannt und bin mit ordentlichem Schrecken davongekommen«

Und dann passiert da diese Geschichte mit dem hellrosa Häuschen:
„Es war ein so liebes steinernes Häuschen, es lächelte mich immer so freundlich an und blickte so stolz auf seine plumpen Nachbarn, daß sich mir jedesmal, wenn ich vorbeiging, das Herz im Leibe freute. Doch wie ich in der vorigen Woche vorbeigehe und meinen Freund anschaue, höre ich plötzlich seinen Jammerschrei: »Man streicht mich gelb an!« Diese Bösewichter! Barbaren! Nichts haben sie verschont: weder die Säulen, noch die Gesimse, und mein Freund wurde gelb wie ein Kanarienvogel.“

Es ist also ein mitfühlender Erzähler, und so leicht fällt es einem nicht, ihm wegen seiner Nicht-Emanzipiertheit böse zu sein.

Mehr möchte ich aber nicht darüber sagen; denn auch eine Erzählung, die der Verfasser „sentimentaler Roman“ nennt, lebt ein bisschen davon, dass man noch nicht alles weiß, wenn man ihn zu lesen beginnt. Und außerdem ist sie schnell gelesen, unter hundert Seiten ...

Hier ist sie zu finden.