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02 Februar 2019

Der Armenadvokat Siebenkäs auf dem Totenbett

"Meine sämtlichen Schreibereien soll mein Freund Leibgeber einpacken und behalten, sobald ich selber eingepacket bin ins letzte Kuvert mit Adresse. – Ferner will und verordne ich, daß man sich nicht weigere – da ich die dänischen Könige, die alten österreichischen Herzoge und die vornehmen Spanier vor mir habe, wovon sich die ersten in ihrer Rüstung, die zweiten in Löwenfellen, die dritten in elenden Kapuzinerbälgen beisetzen lassen – man soll sich nicht weigern, sag ich, mich ins Beet der andern Welt mit der alten Hülse und Schote zu stecken, worin ich in der ersten grünte; kurz, so wie ich hier bin und testiere. – Diese Verordnung nötigt mich, die dritte zu machen, daß man die Totenfrau bezahle, aber sogleich fortweise, weil ich in meinem ganzen Leben zwei Weibern auffallend gram geblieben, der einen, die uns herein-, und der andern, die uns hinausspület, obwohl in einem größern Badezuber abscheuert als jene: der Hebamme und der Totenfrau; sie soll mit keinem Finger an mich tippen, und überhaupt gar niemand als mein Heinrich da.« – Sein Groll gegen diese Dienerschaft des Lebens und des Todes kann, wie ich vermute, aus demselben Anlaß fließen wie der meinige: nämlich aus dem herrischen und sportelsüchtigen Regiment, womit uns diese beiden Pflanzerinnen und Konviktoristinnen der Wiege und der Bahre gerade in den zwei entwaffneten Stunden der höchsten Freude und der höchsten Trauer keltern und pressen. »Weiter will ich, daß Heinrich mir mein Gesicht, sobald es die Zeichen meines Abschiedes gegeben, mit unserer langhälsigen Maske, die ich oben aus dem alten Kasten heruntergetragen, auf immer bedachen und bewaffnen soll. Auch will ich, wenn ich aus allen Fluren meiner Vergangenheit gehe und nichts hinter mir höre als rauschende Grummethügel, wenigstens an meine Brust noch den seidnen Strauß meiner Frau, als Spielmarke der verlornen Freuden, haben. Mit einer solchen Schein-Insignie geht man am schicklichsten aus dem Leben, das uns so viele Pappendeckelpasteten voll Windfülle vorsetzt. – Endlich soll man nicht, wenn ich fortgehe, hinter mir, wie hinter einem, der aus Karlsbad abreiset, vom Turm nachklingen, wie man uns sieche, flüchtige Brunnengäste des Lebens ebenso wie Karlsbader mit Musizieren auf den Türmen empfängt, zumal da die Kirchendienerschaft nicht so billig ist wie der Karlsbader Türmer, der für An- und Nachblasen nur auf 3 Kopfstücke aufsieht.« – – Er ließ sich nun Lenettens Schattenriß ins Bette reichen und sagte stammelnd: »Meinen guten Heinrich und den Hrn. Hausherrn ersuch' ich, nur auf eine Minute abzutreten und mich mit dem Hrn. Schulrate und meiner Frau allein zu lassen.« [...]
O Gott, kein Mensch auf der ganzen weiten Erde nimmt sich meiner guten Lenette an, wenn sie von Ihnen verlassen wird – Weine nur nicht so bitterlich, Gute, er sorgt für dich – O mein teuerster Freund, dieses hülflose, schuldlose Herz wird brechen in der einsamen Trauer, wenn Sie es nicht beschirmen und beruhigen: o verlassen Sie es nicht wie ich!« Der Rat schwur bei dem Allmächtigen, er verlasse sie nie, und nahm Lenettens Hand und drückte sie, ohne die Weinende anzusehen, und hing mit tropfenden Augen gebückt auf das Angesicht seines verstummenden Freundes herein – aber Lenette drängte ihn weg von der Brust ihres Gatten und machte ihre Hand frei und sank auf die Lippen nieder, die ihr Herz so sehr erschüttert hatten – und Firmian schloß sie mit dem linken Arm ans erquickte Herz und streckte überdeckt den rechten nach seinem Freunde aus – und nun hielt er an die gedrückte Brust die zwei nächsten Himmel der Erde geknüpft, die Freundschaft und die Liebe... – Und das ists eben, was mich an euch betörten und uneinigen Sterblichen ewig tröstet und freuet, daß ihr euch alle herzlich liebet, wenn ihr euch nur in reiner menschlicher Gestalt erblickt, ohne Binden und Nebel – daß wir alle nur erblinden, wenn wir fürchten, daß wir erkalten, und daß unser Herz, sobald der Tod unsere Geschwister über das Gewölke unserer Irrtümer hinausgehoben, selig und liebend zerfließet, wenn es sie im durchsichtigen Äther, ohne die Entstellung der hiesigen Hohlspiegel und Nebel, als schöne Menschen schweben sieht und seufzen muß: ach in dieser Gestalt hätt' ich euch nie verkannt! – Daher strecket jede gute Seele ihre Arme nach den Menschen aus, die der Dichter in seinem Wolkenhimmel wie Genien unsern tiefen Augen zeigt, und die doch, wenn er sie auf unsere Brust heruntersenken lassen könnte, in wenig Tagen auf dem schmutzigen Boden unserer Bedürfnisse und Irrtümer ihre schöne Verklärung verlören; wie man das kristallene Gletscherwasser, das, ohne zu erkälten, erfrischet, schwebend, wenn es vom Eis-Demante tropft, auffangen muß, weil es sich mit Luft verunreinigt, sobald es die Erde berührt. [...]
Letzter Wille des Armenadvokaten Siebenkäs 
»Endesunterschriebener, der mit andern Augustäpfeln jetzo gelbt und abfället, will, so nahe am Tode, der die körperliche Leibeigenschaft des Geistes aufhebt, noch einige frohe Rück- und Seitenpas und Großvatertänze machen, drei Minuten vor dem Basler Totentanz.« Der Landschreiber hielt innen und fragte staunend: »Mehr und dergleichen bring' ich zu Papier?« »Zuerst will und verordn' ich Firmian Siebenkäs, alias Heinrich Leibgeber, daß Hr. Heimlicher von Blaise, mein Tutor, die 1200 fl. rhnl. Vormundschaftgelder, die er mir, seinem Pupillen, gottlos abgeleugnet, binnen Jahr und Tag an meinen Freund, Hrn. Leibgeber, Inspektor in Vaduz[Fußnote: Das ist er selber. Er will darum seine Verlassenschaft an sich, und nicht an seine Frau ausgehändigt haben, um es genauer zu wissen, da sie vielleicht während dieses Termins könnte reich geheiratet haben; auch erfährt er so den Fall des Unterlassens leichter und kann also die Drohung erfüllen, die er sogleich ausstoßen wird, einhändigen solle und wolle, der sie nachher meiner lieben Frau wieder treulich übermachen wird. Weigert Hr. v. Blaise sich dessen, so heb' ich hier die Schwurfinger auf und leiste auf dem Totenbette den Eid ab: daß ich ihn nach meinem Ableben überall, nicht gerichtlich, sondern geistig, verfolgen und erschrecken werde, es sei nun, daß ich ihm als der Teufel erscheine oder als ein langer weißer Mann oder bloß mit meiner Stimme, wie es mir etwa meine Umstände nach dem Tode verstatten.« Der Landschreiber schwebte mit dem befederten Arme in der Luft und brachte seine Zeit mit bloßem schreckhaften Zusammenfahren hin: »Ich sorge nur, mich nehmen (sagt' er) der Herr Heimlicher, schreib' ich solche Sachen nieder, am Ende beim Flügel.« – Aber Leibgeber schnitt ihm mit seinem Körper und Gesicht die Flucht über das Höllentor der Kammer ab. »Ferner will und verordne ich, als regierender Schützenkönig, daß kein Sukzessionkrieg mein Testament zu einem Sukzessionpulver für unschuldige Leute mache – daß ferner die Republik Kuhschnappel, zu deren Gonfaloniere und Doge ich durch die Schützen-Kugeln ballotiert worden, keine Defensivkriege führen soll, weil sie sich nicht damit defendieren kann, sondern bloß Offensivkriege, um die Grenzen ihres Reichs, da sie schlecht zu decken sind, wenigstens zu mehren – und daß sie solche holzersparende Mitglieder sein sollen, wie ihr tödlich kranker Landes- und Reichsmarktflecken-Vater war. Jetzo, da mehr Wälder verkohlen als nachwachsen, ist das einzige Mittel dagegen, daß man das Klima selber einheize und in einen großen Brut-, Darr- und Feldofen umsetze, um die Stubenöfen zu ersparen; und dieses Mittel haben längst alle gute forstgerechte Kammern ergriffen, die vor allen Dingen die Forstmaterie, die Wälder, ausreuten, die voll Nachwinter stecken. Wenn man bedenkt, wie sehr schon das jetzige Deutschland gegen das von Tacitus mappierte absticht, bloß durch das Lichten der Wälder ausgewärmt: so kann man leicht schließen, daß wir doch endlich einmal zu einer Wärme, wo die Luft unsere Wildschur ist, gelangen werden, sobald es ganz und gar kein Holz mehr gibt. Daher wird der jetzige Überfluß daran, um die Flöße zu steigern – wie man 1760 in Amsterdam öffentlich für 8 Millionen Livres Muskatennüsse verbrannte, um ihren alten Preis zu erhalten –, gleichfalls eingeäschert. 
 Ich als König vom kuhschnappelischen Jerusalem will ferner, daß der Senat und das Volk, Senatus populusque Kuhschnappeliensis151, nicht verdammt werden, sondern selig, besonders auf dieser Welt – daß ferner die Stadt-Magnaten nicht die kuhschnappelischen Nester (Häuser) zugleich mit den indischen verschlucken – und daß die Abgaben, die durch die vier Mägen der Hebbedienten durch müssen, durch die Panse, durch die Mütze, den Psalter und den Fettmagen, am Ende doch aus Milchsaft zu rotem Blute (aus Silber zu Gold) verarbeitet, und wenn sie durch die Milchgefäße, den Milchsack und Milchgang geflossen, ordentlich ins Geäder des Staats-Körpers getrieben werden. – Ich will ferner und verordne ferner, daß der Große und der Kleine Rat...« Der Landschreiber wollte aufhören und schüttelte auffallend den Kopf; aber Leibgeber spielte scherzend mit der ausgehenkten Büchse, womit der Testator sich auf den Schützenthron geschwungen – anstatt daß andere sich an fremden Springstäben von Ladstöcken darauf heben –, und Börstel schrieb in seinen Morgenschweißen weiter nieder: 
»Daß also der Schultheiß, der Seckelmeister, der Heimlicher und die acht Ratherrn und der Großweibel mit sich reden lassen und keine andern Verdienste belohnen als die Verdienste fremder Leute, und daß der Schuft von Blaise und der Schuft von Meyern aneinander täglich prügelnde Hände als Verwandte legen sollen, damit doch einer da ist, der den andern bestraft....«[...]"
(Jean Paul: Siebenkäs, 4. Bändchen 20. Kapitel)

12 November 2018

Jean Paul: Siebenkäs - Vorrede

Vorrede zum zweiten, dritten und vierten Bändchen
[143] "Es hat mich oft verdrüßlich gemacht, daß ich jeder Vorrede, die ich schreibe, ein Buch anhängen muß als Allonge eines Wechselbriefes, als Beilage sub litt. A-Z. Andern privatisierenden Gelehrten werden schon ganze Bücher fertig und lebendig aus der Wiege zugeschickt, und sie brauchen nichts daran zu hängen als das goldene Stirnblatt der Vorrede und nichts mehr an der Sonne zu machen als die Aurora. Aber mich hat noch kein einziger Autor um eine Vorerinnerung ersucht, ob ich gleich schon seit einigen Jahren mehre Vorreden im voraus verfasse und auf den Kauf ausarbeite, worin ich künftige Werke nach Vermögen erhebe. Ja, ein ganzes Münzkabinett von solchen Preismedaillen und Huldigungmünzen, die ich für fremde Verdienste mit den besten Rändelmaschinen ausprägte, steht mir immer vor Augen und läuft täglich höher an; daher schlag' ich das Kabinett am Ende – es ist kaum anders zu machen – im ganzen los und gebe ein Buch voll bloßer präexistierender Vorreden – zu gedenklichen Werken – heraus.
Gleichwohl will man noch bis zur Ostermesse die Vorberichte einzeln abstehen; und Schriftsteller, die sich am ersten melden, können sich, da man ihnen den ganzen präludierenden Faszikel zuschickt, die Vorerinnerung ausklauben, in der ich, wie sie glauben, ein Buch am meisten lobe. Nachher aber, bei der Herausgabe der Vor- oder Lobreden im ganzen, die ich mit dem Meßkatalog durchschießen lasse, werden bloß die Gelehrten auf einmal in corpore, in coro verherrlicht, und ich biete sozusagen – wie 1775, die Königin Kaiserin der ganzen Wiener Kaufmannschaft – der ganzen Gelehrtenrepublik in Pausch und Bogen den Adel an; wiewohl ich an den armen Rezensenten, die sich das ganze Jahr an Tempeln des Ruhms und an Ehrenbogen krumm und arm mauern und leimen, die betrübten Belege vor[143] mir habe, daß weniger dabei herauskommt, wenn man die gelehrte Republik in sechs Folianten erhebt, als wenn man mit Sannazaro die venezianische in ebenso vielen Zeilen rühmt, deren jede ein Schenkbrief von 100 Fünftalerstücken für den Dichter ward.
Zur Probe will ich eine von jenen Vorreden in diese einschichten und mich stellen, als hätte mit ihr der berühmte Verfasser mein Buch auf Ersuchen versehen, welches noch dazu auch wirklich so ist. Ich lasse leicht mein Wesen oder Substratum in zwei Personen zerfallen, in den Blumenmaler und in den Vorberichtmacher. Ich les' aber mit Fleiß – denn ganz ohne Bescheidenheit kann keiner leben – für mich die allerelendeste Vorerinnerung aus, in der wahrhaftig mäßig genug gepriesen wird, und die den Autor des nachstehenden Werks mehr auf einen Leichen- als Triumphwagen hinaufhebt, den noch dazu nichts zieht; die andern Vorreden hingegen schirren die Nachwelt an, diese und die Lesewelt werden darin vor den Himmel- und Eliaswagen der Unsterblichkeit eingespannt und fahren die Verfasser...."
(Jean Paul: Siebenkäs 2. Bändchen, Vorrede ...)

05 November 2018

Wachstum einer Stadt und Eingemeindungen

"Denn eine Hauptstadt von 2¼ Stunde in Umfang ist gleichsam ein Ätnas-Kessel von gleichem Umkreise für ein ganzes Land und hilft der Nachbarschaft nicht bloß, wie der Vulkan, durch ihre Auswürfe, sondern durch ihre Einfüllungen (Repletionen) auf; sie säubert mit Erfolg das Land von Dörfern und später von Landstädten – diesen ursprünglichen Wirtschaftgebäuden der Residenzen –, indem sie von Jahr zu Jahr immer mehr auseinanderrückt und sich so mit den Dörfern vermauert und verwächst und umrankt. Man weiß, daß London schon die nächsten Dörfer in seine Gassen verwandelt hat; aber nach Jahrhunderten müssen die länger und auseinander wachsenden Arme jeder großen Stadt nicht bloß die Dorfschaften, sondern auch die Landstädte ergreifen und zu Vorstädten erheben. Dadurch werden nun die Steige und Felder und Wiesen, die zwischen der Riesenstadt und den Dörfern lagen, wie das Bette eines Flusses überdeckt mit einem Steinpflaster, und der Ackerbau kann folglich nur noch in – Blumenscherben am Fenster blühen. Ohne Ackerbau seh' ich nicht, was Ackerbauleute anders sein können als Tagediebe, die kein Staat duldet; da man aber einen Fehler besser verhütet als bestraft, so muß der gute Staat solches Landvolk, noch ehe dasselbe zu Tagedieben geworden, wegräumen, es sei durch wirksame Inhibitoriales der Bevölkerung oder durch dessen Abraupen oder durch Veredlung in Soldaten und Bedienten. In der Tat würden in einem Dorfe, das ein eingefügter Zwickstein einer Stadt, eine eingereifte Faß-Daube des Heidelberger Residenzfasses geworden wäre, noch übrig gebliebne Bauern ebenso lächerlich als müßig sein: die Korallengehäuse der Dörfer müssen gleichsam ausgeleert sein, ehe sie das zusammengetürmte Riff oder Eiland einer Stadt erbauen."
(Jean Paul: Siebenkäs. 2. Kapitel)

Zwei ungewöhnliche Freunde: Siebenkäs und Leibgeber

"Fragt nicht sehr, warum beide sich mit einander verbrüderten; die Liebe braucht gar keine Erklärung, nur der Haß. Aller Ursprung des Besten, vom All an bis zu Gott hinauf, bedeckt sich mit einer Nacht voll zu ferner Sterne. Beide sahen in der grünglänzenden Saftzeit der akademischen Jugend zuerst einander durch die Brust ins Herz, aber mit den ungleichnamigen Polen zogen sie sich an. Siebenkäs erfreuete sich vorzüglich an Leibgebers harter Kräftigkeit, ja sogar Zornfähigkeit, an dessen Flug und Lachen über jeden vornehmen, jeden empfindsamen, ja jeden gelehrten Schein; denn er legte ein Ei seiner Tat oder seines tiefen Worts, wie der Kuntur das seinige, ohne Nest auf den nackten Felsen und lebte am liebsten ungenannt, daher er immer einen andern Namen annahm. Der Armenadvokat pflegte ihm deshalb, um sein Ärgern darüber zu genießen, mehr als über zehnmal zwei Anekdoten zu erzählen. Die erste war, daß ein deutscher Professor in Dorpat in einer Lobrede auf den damaligen Großfürsten Alexander plötzlich sich selber eingehemmt und still geschwiegen und lange auf die Büste desselben hingeblickt und endlich gesprochen: »Das verstummende Herz hat gesprochen.« Die zweite war, daß Klopstock die Prachtausgabe seines Messias an die Schulpforte abgeschickt mit dem Wunsche, der würdigste Schulpförtner [Fußnote: Deutscher Merkur von 1809. ] möge auf das Grab seines Lehrers Stübel Lenzblumen streuen, dabei des Gebers Namen Klopstock leise nennen; – worauf Siebenkäs, wenn Leibgeber etwas auffuhr, noch damit fortfuhr, daß der Sänger vier neue Pförtner, jeden zu drei Vorlesungen aus seiner Messiade, aufgerufen und jedem dafür eine goldene Medaille zugesagt, die ein Freund hergebe; und jetzo endlich harrte er auf Leibgebers Sprudeln und Stampfen über einen, der (leibgeberisch zu sprechen) sich selber als sein eigenes Reliquiarium voll heiliger Knochen und Glieder anbetet. Leibgeber hingegen – fast den Morlacken ähnlich, welche nach Towinson und Fortis auf der einen Seite für Rache und Heiligung einen Namen (osveta) haben und auf der andern sich am Altare zu Freunden trauen und einsegnen lassen – hatte seine vorzügliche Freude und Liebe an der Diamantnadel, welche in seinem satirischen Milchbruder Poesie und Milde zugleich mit einem welttrotzenden Stoizismus ineinandersteckte. Und endlich erlebten beide täglich aneinander die Freude, daß jeder den andern ungewöhnlich verstand, wenn er Scherz, ja sogar wenn er Ernst machte. Aber solche Freunde findet nicht jeder Freund." 
(Jean Paul: Siebenkäs, Zweites Kapitel)

Der erste Kuss des Brautpaars

"Der Neuvermählte hatte noch nie seine Braut geküßt. Er wußte oder glaubte, sein Gesicht sei mehr geistreich, angespannt, eckig und scharf als glatt-schön; und da er noch dazu seine Gestalt immer selber lächerlich machte: so meinte er, sie komme auch andern so vor. Daher bracht' er, der sich sonst über die Augen und Zungen einer ganzen Gasse wegsetzte, doch nicht so viel Mut zusammen, um, außer den Zeiten der freundschaftlichen Dithyramben, nur seinen – Leibgeber zu küssen, geschweige seine Lenette. Er drückte ihre Hand jetzo heftiger und wandte kühn sein Gesicht gegen ihres, zumal da er nichts sehen konnte, und wünschte, die Treppe habe so viel Staffeln wie der Münsterturm, damit Leibgeber später mit dem Lichte erschiene. Auf einmal hüpfte ein gleitender bebender Kuß über seinen Mund und – nun schlugen alle Flammen seiner Liebe aus der weggewehten Asche auf. Denn Lenette, so unschuldig wie ein Kind, glaubte, es sei die Pflicht der Braut, diesen Kuß zu geben. Er umfaßte die zagende Geberin mit aufmerksamer schüchterner Kühnheit und glühte mit allem Feuer, das ihm Liebe, Wein und Freude gaben, auf ihren Lippen mit seinen; aber sie wandte – so sonderbar ist dieses Geschlecht – den gefesselten Mund von dem brennenden ab und kehrte den beglückten Lippen wieder die Wangen zu. – – Und hier blieb der bescheidene Gatte mit einem langen Kusse ruhen und drückte seine Wonne bloß durch unaussprechlich- süße Tränen aus, die wie glimmende Naphthatropfen auf Lenettens Wangen fielen und darauf in ihr zitterndes Herz. Sie lehnte das Angesicht immer weiter zurück; aber im schönen Staunen über seine Liebe zog sie ihn doch enger an sich. – –"
(Jean Paul: Siebenkäs, 1. Kapitel)

29 Januar 2018

Jean Paul: Siebenkäs - Das Brautpaar

"Jetzo saß, Hand in Hand, das Brautpaar zum erstenmal allein im Finstern nebeneinander... Schöne Stunde, worin in jeder Wolke ein lächelnder Engel stand und aus jeder statt der Regentropfen Blumen niederwarf, möge dein Widerschein bis auf mein Papier langen und da noch sichtbar sein! – Der Neuvermählte hatte noch nie seine Braut geküßt. Er wußte oder glaubte, sein Gesicht sei mehr geistreich, angespannt, eckig und scharf als glatt-schön; und da er noch dazu seine Gestalt immer selber lächerlich machte: so meinte er, sie komme auch andern so vor. Daher bracht' er, der sich sonst über die Augen und Zungen einer ganzen Gasse wegsetzte, doch nicht so viel Mut zusammen, um, außer den Zeiten der freundschaftlichen Dithyramben, nur seinen – Leibgeber zu küssen, geschweige seine Lenette. Er drückte ihre Hand jetzo heftiger und wandte kühn sein Gesicht gegen ihres, zumal da er nichts sehen konnte, und wünschte, die Treppe habe so viel Staffeln wie der Münsterturm, damit Leibgeber später mit dem Lichte erschiene. Auf einmal hüpfte ein gleitender bebender Kuß über seinen Mund und – nun schlugen alle Flammen seiner Liebe aus der weggewehten Asche auf. Denn Lenette, so unschuldig wie ein Kind, glaubte, es sei die Pflicht der Braut, diesen Kuß zu geben. Er umfaßte die zagende Geberin mit aufmerksamer schüchterner Kühnheit und glühte mit allem Feuer, das ihm Liebe, Wein und Freude gaben, auf ihren Lippen mit seinen; aber sie wandte – so sonderbar ist dieses Geschlecht – den gefesselten Mund von dem brennenden ab und kehrte den beglückten Lippen wieder die Wangen zu. – – Und hier blieb der bescheidene Gatte mit einem langen Kusse ruhen und drückte seine Wonne bloß durch unaussprechlich-süße Tränen aus, die wie glimmende Naphthatropfen auf Lenettens Wangen fielen und darauf in ihr zitterndes Herz. Sie lehnte das Angesicht immer weiter zurück; aber im schönen Staunen über seine Liebe zog sie ihn doch enger an sich. – – Er ließ sie, eh' sein Liebling kam. Der auf den Bräutigam gefallene verräterische Puderschnee – dieser Schmetterlingstaub, der vom kleinsten Anfassen dieser weißen Schmetterlinge an den Fingern bleibt, daher Pitt mit Bedacht 1795 eine Taxe auf den Puder legte
(Jean Paul: Siebenkäs, 1. Kapitel)

27 Januar 2018

Jean Paul: Siebenkäs

"Der Armenadvokat Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel hatte den ganzen Montag im Dachfenster zugebracht und sich nach seiner Braut umgesehen; sie sollte aus Augsburg früh ein wenig vor der Wochenbetstunde ankommen, damit sie etwas Warmes trinken und einmal eintunken könnte, ehe die Betstunde und die Trauung angingen. Der Schulrat des Orts, der gerade von Augsburg zurückfuhr, hatte versprochen, die Verlobte als Rückfracht mitzunehmen und ihren Kammerwagen oder Mahlschatz hinten auf seinen Koffer zu binden. Sie war eine geborne Augsburgerin – des verstorbenen lutherischen Ratkopisten Egelkraut einzige Tochter –, wohnte in der Fuggerei in einem geräumigen Hause, das vielleicht größer war als mancher Salon, und war überhaupt nicht unbemittelt, da sie nicht wie pensionierte Hof-Soubretten von fremder Arbeit lebte, sondern von eigner; denn sie hatte die neuesten Kopf-Trachten früher als die reichsten Fräulein in den Händen (wiewohl in einem Formate, daß keine Ente den Putz aufsetzen konnte) und führte nach dem kleinen Baurisse die schönsten Hauben im großen aus, wenn sie einige Tage vorher bestellt waren.
Alles, was Siebenkäs unter dem Warten tat, waren einige Eidschwüre, daß der Teufel das Suchen und seine Großmutter das Warten ausgesonnen. Endlich erhielt er noch früh genug statt der Braut einen Nachtboten mit einem Schreiben des Schulrats: er und die Verlobte könnten unmöglich vor Dienstags eintreffen, sie arbeite noch an ihrem Brautkleide, und er noch in den Bibliotheken der Exjesuiten und des Geheimen Rat Zapf und der Gebrüder Veith und an einigen Stadttoren. Letzte bewahren bekanntlich uns noch römische Altertümer. Indes Siebenkäsen Schmetterlingrüssel fand in jeder blauen Distelblüte des Schicksals offne Honiggefäße genug; er konnte doch am leeren Montag die letzte Arm-Feile und den Glättzahn an seine Stube legen, mit Schreibfedern den Streusand und den Staubpuder vom Tische fegen, das papierne Geniste hinter dem Spiegel ausreuten, das Dintenfaß von Porzellan mit unsäglicher Mühe weißer wischen und die Butterbüchse und die Kaffeetäßchen auf dem Throngerüste eines Schrankes mehr weiter hervor in Reih und Glied stellen und die Messingnägel am ledernen Großvaterstuhl blitzgelb scheuern. [...]
 Eine Braut ist zwar viele Tage lang für jeden, den sie nicht heiratet, ein schlechtes, mageres hl. Schaubrot, und für mich vollends; aber eine Stunde nehm' ich aus – nämlich die am Morgen des Hochzeittages –, worin die bisherige Freiin in ihrem dicken Putze zitternd, mit Blumen und Federn bewachsen, die ihr das Schicksal mit ähnlichen bald ausreißet, und mit ängstlichen andächtigen Augen, die sich am Herzen der Mutter zum letzten und schönsten Mal ergießen; mich bewegt diese Stunde, sag' ich, worin diese Geschmückte auf dem Gerüste der Freude so viele Trennungen und eine einzige Vereinigung feiert, und worin die Mutter vor ihr umkehrt und zu den andern Kindern geht und die Ängstliche einem Fremden überlässet. Du froh pochendes Herz, denk' ich dann, nicht immer so wirst du dich unter den schwülen Ehejahren heben, dein eignes[36] Blut wirst du oft vergießen, um den Weg ins Alter fester herabzukommen, wie sich die Gemsenjäger ans Blut ihrer eignen Fersen halten. – – Dann möcht' ich zu den zuschauenden und neidischen Jungfrauen auf dem Wege zur Kirche hinaustreten und sagen: mißgönnt der Armen die Wonne einer vielleicht flüchtigen Täuschung nicht so sehr – ach ihr sehet wie sie heute den Zank- und Schönheitapfel der Ehe nur in der Sonnenseite der Liebe hangen, so rot und so weich; aber die grüne, saure, im Schatten versteckte Seite des Apfels sieht niemand. [...]
Ich sehe zwar jetzo das geliebte Paar am Altargeländer knieen und könnte dasselbe wieder mit meinen Wünschen, wie mit Blumen, bewerfen, besonders mit dem Wunsche, daß beide den Eheleuten im Himmel ähnlich werden, die allemal, nach Swedenborgs Vision, in einen Engel verschmelzen – wiewohl sie auf der Erde oft in der Hitze auch zu einemEngel, und zwar zu einem gefallnen einkochen, woran des Weibes Haupt, der Mann, den stößigen Kopf des Bösen vorstellt – noch einmal wünschen könnt' ich, sag' ich; aber meine Aufmerksamkeit wird, so wie die aller Trauzeugen, auf eine außerordentliche Begebenheit und Vexiergestalt hinter der Liedertafel des Chors gelenkt. – –
Droben guckt nämlich herunter – und wir sehen alle in der Kirche hinauf – Siebenkäsens Geist, wie der Pöbel sagt, d.h. sein Körper, wie er sagen sollte. Wenn der Bräutigam hinauf schauet: so kann er erblassen und denken, er sehe sich selber. – – Die Welt irrt; rot wurd' er bloß. Sein Freund Leibgeber stand droben, der schon seit vielen Jahren ihm geschworen hatte, auf seinen Hochzeittag zu reisen, bloß um ihn zwölf Stunden lang auszulachen. Einen solchen Fürstenbund zweier seltsamen Seelen gab es nicht oft. – Dieselbe Verschmähung der geadelten Kinderpossen des Lebens, dieselbe Anfeindung des Kleinlichen bei aller Schonung des Kleinen, derselbe Ingrimm gegen den ehrlosen Eigennutz, dieselbe Lachlust in der schönen Irrenanstalt der Erde, dieselbe Taubheit gegen die Stimme der Leute, aber nicht der Ehre, dies waren weiter nichts als die ersten Ähnlichkeiten, die sie zu einer in zwei Körper eingepfarrten Seele machten. Auch dieses, daß sie Milchbrüder im Studieren waren und einerlei Wissenschaften, bis auf die Rechtsgelehrsamkeit, zu Ammen hatten, rechn' ich, da oft gerade die Gleichheit der Studien ein auflösendes Zersetzmittel der Freundschaft wird, nicht am höchsten an. Ja nicht einmal die bloße Unähnlichkeit ihrer ungleichnamigen Pole (denn Siebenkäs verzieh, Leibgeber bestrafte lieber, jener war mehr eine horazische Satire, dieser mehr ein aristophanischer Gassenhauer mit unpoetischen und poetischen Härten) entschied ihr Anziehen. Aber wie Freundinnen gern einerlei Kleider, so trugen ihre Seelen ganz den polnischen Rock und Morgenanzug des Lebens, ich meine zwei Körper von einerlei Aufschlägen, Farben, Knopflöchern, Besatz und Zuschnitt: beide hatten denselben Blitz der Augen, dasselbe erdfarbige Gesicht, dieselbe Länge, Magerheit und alles; wie denn überhaupt das Naturspiel ähnlicher Gesichter häufiger ist, als man glaubt weil man es nur bemerkt, wenn ein Fürst oder ein großer Mann einen körperlichen Widerschein wirft. "
(Jean Paul: Siebenkäs, 1. Kapitel, S.38/39)

28 Februar 2012

Rede des toten Christus

Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die eilf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heißer herein zog. Über mir hört' ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. – Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.
[269] Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«
Er antwortete: »Es ist keiner.«
Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.
Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!«
Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: »Jesus! haben wir keinen Vater?« – Und er antwortete mit strömenden Tränen: »Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.«
Da kreischten die Mißtöne heftiger – die zitternden Tempelmauern rückten auseinander – und der Tempel und die Kinder sanken unter – und die ganze Erde und die Sonne sanken nach – und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei – und oben am Gipfel der unermeßlichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend Sonnen durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen.
Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den [270] Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellen streuet: so hob er groß wie der höchste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit und sagte: »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? – Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? – Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?.....
Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo – ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. – Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen – Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. – Erkennst du deine Erde?«
Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: »Ach, ich war sonst auf ihr: da war ich noch glücklich, da hatt' ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den Bergen in den unermeßlichen Himmel und drückte die durchstochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tode: ›Vater, ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hülle und heb ihn an dein Herz!‹... Ach ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubtIhn noch. Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen Hände empor und rufet unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel [271] hinauf: ›auch mich kennst du, Unendlicher, und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle.‹ ... Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde logt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht – und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater! – Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf ewig verloren.«
Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte – und die Ringe fielen nieder, und sie umfaßte das All doppelt – dann wand sie sich tausendfach um die Natur – und quetschte die Welten aneinander – und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen – und alles wurde eng, düster, bang – und ein unermeßlich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern.... als ich erwachte.
Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.